Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wüstheit, f.

wüstheit, f.,
adjektivabstraktum zu ²wüst (hauptsächlich zu dessen übertragenem gebrauch C), seit dem ende des 18. jhs. sprachüblich; frühnhd. nur ganz vereinzelt zu wüst A: vastitas wiestheit (15. jh.) Diefenbach gl. 607ᶜ.
1)
gewöhnlich von menschlichem verhalten (vgl.wüst C 8 und 9).
a)
am häufigsten als bezeichnung persönlicher eigenschaft, 'ruchlosigkeit, verderbtheit, roheit, frivolität':
jetzt könnt' ichs thun, bequem; er ist im beten
...
ey, das wär sold und löhnung, rache nicht.
er überfiel in wüstheit meinen vater,
voll speis', in seiner sünden mayenblüthe
Shakespeare 3 (1798) 267 (Hamlet 3, 3);
dauerndes sittliches verderben entspringt aber aus einer wüstheit der inneren natur H. Leo herr dr. Diesterweg u. d. dt. universitäten (1836) 8; den mangel aller häuslichen zucht, ... überhaupt die wüstheit und frivolität, wovon die ganze sogenannte gebildete gesellschaft bedeckt sei Häusser dt. gesch. (1854) 2, 564; wenn wir am morgen ganze strecken lang ... die reben wie ein unkraut mit dem säbel zerhauen finden aus wüstheit und schadenfreude Heyse Meraner nov. (1923) 299; man sagt mir, unsere kunst wende sich an die gierigen, unersättlichen, ungebändigten, verekelten ... menschen der gegenwart und zeige ihnen ein bild von seligkeit, höhe und entweltlichung neben dem bilde ihrer wüstheit Nietzsche w. 4 (1895) 181;
noch auf meinem stillen lager heute
mahnt mich all mein reuiges ringen
an die wüstheit jener rittersleute,
die vor gottgier meist zum teufel gingen
R. Dehmel ges. w. (1906) 4, 73.
b)
entsprechend wüstheit eines gelages, des krieges (auch wüstheit der sitten Campe 5 [1811] 802ᵃ): darum will ich mich einmal in die gemeinheit untertauchen, in die wüstheit eines gelags, vor der ich sonst immer einen bestimmten abscheu habe Tieck nov. 10 (1854) 493; dasz du sicher wärest vor der wildheit und wüstheit des krieges E. M. Arndt mährchen u. jugenderinn. (1842) 1, 295; oft, ... in der wüstheit einer studentenkneiperei, ... sah ich plötzlich die lieben, lieben augen Spielhagen s. w. (1877) 5, 243. — 'zügellose lebensweise':
weil er der lust,
der wüstheit, den gelagen sich ergiebt
(to sports, to wildness, and much company)
Shakespeare 2 (1797) 47
c)
im plur. als konkretum (wüstheiten, die jmd. begeht oder sagt, zu wüst C in der weiten bedeutung 'ausgeartet', vgl. auch wüsterei 1): jener wahnsinnige wortspieler, hinter dessen kolossalen narrheiten und wüstheiten ein so gesundes herz, so sittliches gefühl ... hervorleuchtet, der treffliche Fischart Vischer altes u. neues (1881) 1, 153; ein blick aus ihren augen genügte, um Hafner bei seinen häufigen und grundlosen wüstheiten sogleich zur vernunft zu bringen H. W. Geissler d. puppenspieler (1949) 92.
2)
hin und wieder in anderen verwendungen (okkasioneller gebrauch ist zu den verschiedensten bedeutungen des adj. möglich; vgl. z. b. noch wüstheit einer gegend Campe 5 [1811] 802ᵃ).
a)
vom befinden 'ödheit, benommenheit' (s.wüst A 5): der schwindel, der wüstheit des kopfes nach sich zieht (1792) Tieck in: Wackenroder werke u. briefe 2, 149 v. d. Leyen;
durchschwärmte nächte sich mit tagen strafen
voll ekler wüstheit. legt, ich bitt', euch schlafen
Immermann w. 16, 383 Hempel.
b)
'unordnung, desorganisation': von einem teile des groszen kampfes (im Biterolf) suchte ich die ursprüngliche gestalt zu gewinnen, indem ich darauf achtete was eine folge habe und was nicht. es fand sich wirklich ein zusammenhang, und die gegenwärtige wüstheit schwand (1864) Scherer an Müllenhoff in: briefw. 82 Leitzmann; eine kaum glaubliche wüstheit und unordnung herrschte in dem halbdunkeln raum L. Pietsch wie ich schriftsteller gew. bin (²1898) 1, 21. auch (vgl.wüst A 2 f): alles war räucherig und geschwärzt, ein hängekessel über dem feuer, die weiber alt und häszlich, und inmitten dieser wüstheit ein groszes bauer mit kanarienvögeln Fontane ges. w. (1920) II 3, 100.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2467, Z. 1.

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Zitationshilfe
„wüstheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCstheit>, abgerufen am 08.08.2020.

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