Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wüstung, f.

wüstung, f.,
vorwiegend als denominativum zu wüste, abstraktbildungen wie feldung, holzung, waldung entsprechend; daneben als deverbativum im sinne eines nomen actionis (s. u. 5). zufrühest nachweisbar im kompos. werltwuostunge Ezzolied 142 Waag. mhd. wüestunge, wustunge, mnd. wôstinge, wôstunge, mnl. woestinge. in mhd. frühnhd. formvarianten wie wuegstunge Seifrits Alexander 7607 Gereke; wuchstung (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 275ᶜ; wuͤschtung A. v. Eyb sp. d. sitten (1511) I 1ᵇ. archaisierendes wustung G. Freytag ges. w. (1886) 8, 213; 223. in den meisten der mit wüste gemeinsamen anwendungen seit dem 17. jh. stark rückläufig, in spezifischen aber (s. u. 2) gebräuchlicher als dieses wort.
1)
dem eigentlichen gebrauch von wüste A in seinen allgemeineren anwendungen entsprechend. in frühnhd. glossierung für desertum Diefenbach gl. 176ᵃ; heremus 275ᶜ; solitudo 541ᵇ; vastitas 607ᶜ.
a)
unbewohnter landstrich, unbebauter boden, in der verbindung wald und wüstung: sy lange zeit in dem walde und der wüstung iren kinden und manne rüffen und suchen ginge Arigo decameron 92 Keller; (die gottes gnade predigen,) die werden noch müssen in die wälde und wüstungen weichen bei Luther tischr. 2, 350 W. mit dem hauptmerkmal 'unbewohnt': dasz allenthalben umbher (um die stadt Zwickau) wüstungen zu sehen, und allererst sechs hundert jahr nach Christi geburt hin und wieder wendische dörffer gebauet Tob. Schmidt chron. cygnea (1656) 1, 18. von der vorstellung der menschenleere und einsamkeit her geradezu 'verbannung, exil', dem übertragenen gebrauch wüste B 2 a β nahe: gesant in das elend oder gelassen in dij wustung relegatus, exulatus, proscriptus, voc. incip. teut. (Speyer um 1485) i 2ᵇ; vgl. Diefenbach gl. 490ᶜ s. v. relegatus; der sölt mitt gleycher straff inn dj wüstüng gesandt, vnd aller seiner gütter beraibet werden Schwarzenberg Cicero (1535) 10ᵃ. als bevorzugter schauplatz des eremitenwesens und mönchtums:
dô tet er hirzes sprunge
gegen einer wüestenunge (var. wuͦstuͦnge)
dâ vant er eines münches hol
Laubacher Barlaam 11 853 Perdisch;
es waren allein einsiedler hin und wider ... in den wüstungen, die hiesz man mönche Nigrinus papist. inquis. (1589) 85. steht das moment des unbebauten, unkultivierten im vordergrund, so mehr im sinne von 'wildnis, ödland', auf grosze und kleine flächen bezogen: die Türcken haben jren ersten ursprung von den Scythen ... die denn jnn den wüstungen und wildnissen, jenseit dem meer, welches Caspium genent, bei dem wasser Wolga wonen J. Jonas urspr. d. turk. reichs (1538) D 2ᵃ; einen alten garstigen schutthügel, der schändete den ganzen platz (einer schönen quelle) ... die wüstung grünte nun (mit kürbis bepflanzt) den ganzen sommer, dasz es eine freude war Mörike w. 3, 125 Maync. besonders für die durch krieg und äuszere zerstörung verwüstete flur und ihre verlassenen siedlungen, aber nicht in dem spezifischen, terminologischen sinne von 2 a: zuͦ wüstunge (verwüsteter ort) (1386) bei Ch. Schmidt elsäss. 434ᵃ; bederfen och die hund, so wir e. f. g. ziechen, nit in das veld niemen, unsere früchte zuͦ behütten, dan mit erloubung des vorstmaysters und müszen dem vorstmayster von ainem hund vier sumerin korns geben, womit unser baw (feldbau) in wuͦstung gelegt (Urach 1514) d. dt. bauernkrieg, aktenband 80 Franz; das land hinder jnen (ist) wüste blieben, das niemand drinnen wandelt noch wonet, vnd ist das edleland zur wüstunge gemacht Sach. 7, 14; vgl. Jes. 61, 4; der erdgarten ist zu einer wildnisz geworden, überall wustung und zertrümmerter bau früherer geschlechter G. Freytag ges. w. (1886) 8, 223; vgl. 213; da waren die hölzernen häuser verbrannt ... und alles wüstung, alles bis in den grund verderbt Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (1930) 290.
b)
auf die eigentlichen wüsten Asiens und Afrikas bezogen:
sy westen wol das vor im was
ein grassew wuegstunge,
do sy speis noch narunge
enfunden dreyssig tagwaidt,
nit ander den ain wuegstew haid,
do er durich muest,
und hies Babilon die wuegst
Seifrits Alexander 7607 Gereke;
von denselbigen orthen bringt man spetzereyen here ... durch eyn wöstunge auff dromedarij Ruchamer newe weldte (1508) e 6ᵇ.
c)
in der durch die bibel bestimmten anwendung des wortes: do geledde he dat israhelische volk van Egypto vertich jar durch de wostunge sächs. weltchron. 71, 41 Weiland; das ist, das der euangelist hie sagtt 'er ist gefurt worden vom heyligen geist, auff das er (Christus) wurd angefochten in der wuestung' Luther 9, 589 W.; vgl. 11, 21; 41, 741; (die evangelischen) geben für bey jn sey die kirch gottes, da oder dort sey Christus, in diser kammer, inn yenem beschluss, inn diser wüsztung, oder confession (zu Matth. 24, 26) Joh. Nas eins vnd hundert (1567) 2, 250ᵇ; kamen wir zwischen zwei hügel, wo die erste wüstung ist des vorläuffers Christi Troilo oriental. reisebeschr. (1676) 330.
2)
in spezifischen, bei wüste selbst und seinen anderen ableitungen nur anklingenden verwendungen.
a)
im bereich der siedlungsgeschichte und flurkunde (s. auch ²wüst A 2).
α)
ein in Mainfranken, Thüringen und Hessen, in ausläufern auch weiter östlich seit langem bodenständiger gebrauch benennt mit wüstung jede irgendwann verlassene gesamt- oder einzelsiedlung: bona, wlgariter dicta wuͦostuͦnge (um Würzburg 1344) monumenta Boica 41, 92; was sich bey einer jeden stadt, schlosz, flecken, dorff, wüstunge, vnd fürwerge zugetragen Cyr. Spangenberg mansfeld. chron. (1572) 1, vorr. 4ᵃ; verzeichnisz aller ... dörfer, schlösser und wüstungen, welche zu ... Weimar und Eisenach gehören allg. dt. bibl. (1765) anh. zu bd. 25/36, 2442;
es ist eine wüstung gelegen,
ist Abermannsdorf genannt;
es heiszt noch ein dorf bis heute,
aber die ältesten leute
haben das dorf nicht gekannt.
es ist verschlungen worden,
in den erdboden hinein
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 39;
die wüsting ... stelle eines vor zeiten verwüsteten oder verlassenen dorfes und dessen gemarkung Crecelius Oberhessen 927 f.; wustung (name eines dorfes) Knothe Nordböhmen 548. statt der synonyma wüste (s. d. A 2 b β), wüstenung (s. d. 1 b), ödung, elend, urbau u. ä. in die fachsprache der jüngeren siedlungskunde übernommen (doch s. auch β): wüstung nennt man eine vormals bewohnt gewesene feldmark, welche krieg oder pest menschenleer liesz und jetzt als besondere feldmark mit einer andern, aber bewohnten feldmark vereinigt ist Hübner zeitungslex. (1824) 4, 985ᵃ; Heinz Pohlendt d. verbreitung der mittelalterlichen wüstungen in Deutschland (1950) titel.
β)
seltener bezeichnet wüstung im bezeugungsgebiet von α brachliegende, unbebaute, aufgegebene teile der flur: mit allen iren zu gehorungen ... vnd auch nach allen andern guͤten, wustungen, welden, holczern, wazzern, ekkern, wysen vnd muͤlen (Fichtelgebirge 1363) monumenta Zollerana 4, 10 Stillfried-M; die fructus aber in der herrschaft Oderberg werden ... sambt ... den zinsen wegen der angerichteten wüstungen vnd rodeländer ... compensiret (1618) acta publ. 1, 15 Palm. auch in dieser bedeutung jünger terminologisch: wüstung heissen unbearbeitete felder, die mit holtze angeflogen, oder mit gebüsche bewachsen, und vorhin gebauet feld gewesen, allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 770; Adelung vers. 5 (1786) 316; bezüglich des verschwindens und der verwilderung von kulturflächen, was man als 'wüstung' bezeichnet Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 129.
b)
in der bergwerkssprache: wüstung ... abgebautes und verbrochnes feld Gätzschmann samml. bergm. ausdr. (1881) 119; Lueger lex. d. ges. technik (1894) 1, 13; 7, 949.
3)
übertragener gebrauch.
a)
vereinzeltes. 'verbannungsort', wie wüste B 2 a β: geben in meiner wüstung sonntag nach dem tag Catharinae 1521 Luther br. 2, 408 W. auf religiös-sittliches bezogen, ohne dasz eindeutige zuordnung möglich wäre:
vnd swa wir ie gelitten pin,
da were du vnns helferin
vnd vnnserre wüstunge
ein widerbringunge (heimbringung)
Walther v. Rheinau Marienleben 258, 42 Keller;
(der tod) entlediget dich aller sorgen ... umb den leib, diese finstere höle, das irrdene gefässe, diese eingebrochene wüstung mit speisz und tranck und anderer nothdurfft zu versehen D. v. Czepko geistl. schr. 49 Milch.
b)
in mystischem sprachgebrauch, wüste B 4, wüstenung 2 entsprechend: gotes wüestunge ist gotes einvaltigiu nâtûre. der crêatûren wüestunge ist ir einveltigiu nâtûre. in ir selbes wüestunge sol si beroubet werden ir selbes bilde unde diu gotlich wüestunge sol sî verleiten ûzer ir selben in sich meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 503, 1 Pfeiffer; derselbe, dt. w. 1, 171 Quint; wie got ain lauter weszen ist vnd auch ain wüstunge der stillen ainsamkait Tauler sermones (1508) reg. 5ᶜ.
4)
ganz vereinzelt, wie unter wüste C oder wüstenei 3, zu bedeutungen des adj. ²wüst, die den bereich örtlichräumlicher kennzeichnung verlassen.
a)
für einen zustand starker körperlicher benommenheit, s. ²wüst A 5 a: gegen abend fühlte ich einige wüstung im kopfe Leisewitz tageb. (1916) 45.
b)
'roheit', vgl. ²wüst C 3 und 4: allerdings waren unter den landsmannschaften auch einzelne menschen von superiorem talent und von kräftiger seele, die allen jenen wüstungen und schweinereien gewachsen waren (barbarischen kommerssitten bei student. landsmannschaften des frühen 19. jhs.) Leo herr dr. Diesterweg u. d. dt. universitäten (1836) 95.
c)
'rippenweiche', als mnd. entsprechung zu dem im ansatz nicht genau zu bestimmenden gebrauch wüste C 4: heft de urina eyn grot swart korn ... de de grund nicht enroret, dat is eyn swel in der wostunghe A. Doneldey Bremer mnd. arzneib. 46, 27 Windler; vgl. 44, 8.
5)
'verwüstung', als abstraktum zum vb. wüsten (s. d. 1) vom mhd. bis etwa 1600 in lebendigem gebrauch, dann durch verwüstung verdrängt und nur noch lexikalisch gebucht, vgl. Campe 5 (1811) 802ᵃ. in frühnhd. glossaren für desolatio (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 176ᵇ und populatio ders., n. gl. 298ᵃ: ja ist der tag des herren na und kumt von dem herren als eine wuystunge (vulgata: vastitas; Luther: verwüstung) Claus Cranc prophetenübers. Jes. 13, 6 Ziesemer; daraus erstuend grosser unrat, aufruer und wüestung paider landt in Bairen und Swaben mit prant, raub und jämerlicher manslacht U. Füetrer bayer. chron. 159, 10 Spiller; vgl. 8, 23; vnd es werden seine arme daselbst stehen, die werden das heiligthum in der feste entweihen, vnd das tegliche opffer abthun, vnd einen grewel der wüstung auffrichten Dan. 11, 31; vgl. 12, 11; soll ein jede herrschafft mit jhren underthanen, denen an holz zu bauwen oder brennen mangel, einsehens thon, damit sie daz jrer notturfft nach gelegenheit der arten, und doch mit zimlicher ordnung, und das wüstung der welde verhüt werde, gehaben und bekommen mögen Schlusser päurisch krieg (1573) 54; brand vnd wuͦstung Stumpf Schweizer chron. (1606) 621ᵃ; s. noch Fischer schwäb. 6, 1014 mit weiteren belegen des 15. u. 16. jhs.
6)
isoliert und ohne erkennbare beziehung zu den übrigen bedeutungen des wortes soviel wie 'gemeindesteuer, gemeindeumlage', seit dem 16. jh. im bair.-österr. und dort noch heute mundartlich, vgl. Schatz wb. d. tirol. maa. 713; Fischer schwäb. 6, 1014 (für Reutte in Tirol): so seint auch meines herrn recht, das wir im alle jar ze steur geben überall ... ainundachtzig mark Meraner münz, und sullen fürbasz aller wuestung ledig sein (1548) österr. weist. 3, 287; (1624) 298; drittens die steuer und wustungen belangend, so solle die herrschäftliche steuer nach voriger ordnung betrieben und die gerichts-wustung nach verhältnis der ... haupt- und landschaft-steuer angelegt werden, in betref der gemeinds-wustung aber wird der schlusz gemacht, dasz ... (1790) ebda 3, 32.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2471, Z. 49.

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Zitationshilfe
„wüstung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCstung>, abgerufen am 10.08.2020.

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