Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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wut, f., (m.)

wut, f. (m.),
heftige seelisch-leibliche erregung und ihre äuszerungen.
herkunft und form. zur idg. wurzel *u̯et-, *u̯ot- (*u̯at-) 'blasen, inspirieren' in aind. apivátati, apivātayati, lat. vātēs 'weissager, seher', gall. οὐάτεις (οὐάτεις δὲ ἱεροποιοὶ καὶ φυσιολόγοι Strabon 4, 4, 4), air. fāith 'seher, prophet' (˂ *u̯āti-) s. Thieme in: Asiatica f. Weller (1954) 656—666, zs. d. dt. morgenl. ges. 107 (1957) 86; Pokorny 1, 1113; Walde-Pokorny 1, 216 stellen sich (neben den auf eine germ. grundform *wōþa-, *wōþō weisenden abstraktbildungen an. ōđr, m., 'seele, vernunft, geist' [in dieser bedeutung nur Vo̜lospá 18, 1], 'dichtkunst, dichtung' [vgl. de Vries zs. f. dt. phil. 73 (1954) 344 f.], ags. wōþ, f., 'ton, schrei, stimme, gesang, dichtung, beredsamkeit'; dazu wōþcræft 'dichtkunst') über germ. *wōđa- (anders Kluge, s. u.) die adjektive got. wōþs (bezeugt: wōds δαιμονισθείς Mk. 5, 18; þana wōdan τὸν δαιμονιζόμενον 5, 15, vgl. 16; zur normalform s. Braune-Helm got. gramm. § 74 anm. 2); an. ōđr 'besessen, rasend; heftig'; ags. wōd 'besessen, rasend; tollwütig' (daneben wēde, Kluge setzt daheralso ohne zureichenden grundals urgerm. ausgangsform u-stamm *wōđu- an, nom. stammbildungslehre § 181 f.); ahd. wuot (insanitis uuuaten [9. jh.] ahd. gl. 1, 763, 20 St.-S.), auch ferwuot, s. teil 12, 1, sp. 2412. die frühen adj.-ableitungen ahd. wuotac und wuotan (hierzu der göttername Wodan) s. unter wütig bzw. Wutesheer. weitere bezeugung in den nordgerm. sprachen bei de Vries an. etym. wb. 416, fürs engl. s. Murray s. v. wood. von diesen adjektiven werden im nord- und westgerm. femininabstrakta abgeleitet: an. œđi 'besessenheit, heftige erregtheit'; ae. wōd 'rabies' (in zwei hss. als glosse zu Aldhelm 40, 24 belegt: 'wodnesse is undoubtidly meant' Napier old English glosses 80 anm. zu 2983), ellen-wōd 'eifer' (nur im Pariser psalter 68, 9); mnl. woet (junge nebenform woede) 'besessenheit, raserei, leidenschaftliche erregung, begierde'. im dt. konkurrieren zwei bildungsweisen: ahd. allein sicher belegt ist der -în-stamm, früheste belege: nom. sg. vûti (um 1070) ahd. gl. 2, 256, 70 St.-S.; wuote (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120; akk. wüt (:gemüt) liederb. d. Hätzlerin 1, 62, 2 Haltaus; nom. wuͤtty (1491) Österreicher Columella 2, 56 L. (neben schwach flektiertem akk. wyttin 2, 103); nom. wüt (1569) Amadis 1, 352 lit. ver.; wüte Frischlin nomencl. (1586) 81ᵇ. i-stamm (angesichts der geringen belegdichte in der älteren sprache möglicherweise rückbildung aus den umgelauteten zweisilbigen formen nach dem muster kraft: krefte, vgl. auch Wilmanns dt. gr. ³1, 376; nimmt man dagegen einen alten fem. -i-stamm an, so kann der nicht vom adjektiv aus erklärt werden): nom./akk. wuot meister Eckhart dt. w. 1, 393, 2 ff. Quint; dat. wut (md., ende d. 15. jhs.) Alsfelder passionsspiel 6748 Grein; dat. wuott (: guott) (Ulm 1549) bei Fischer schwäb. 6, 1014; nom. wuet Zimmer. chron. ²3, 511 Barack: dat. wut Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 302; weitere buchungen durch mhd. wb. 3, 535ᵇ f. und Lexer 3, 1004 f. sind konjekturen gegen die hss. zu beiden stämmen können gestellt werden: dat. uuoti (9. jh.) ahd. gl. 1, 117, 1 St.-S.; gen. uuoti (9. jh.) 2, 223, 31; dat. wute (: blvte) (1170) Linzer antichrist, in: fundgr. 2, 124 H.; dat. wüete (: gemüete) (1293) Hugo v. Langenstein Martina 54, 54 K.; dat. wuͤt (hs. d. 15. jhs.) Heinrich Wittenwiler ring 2372 W.; dat. wuete (Augsburg um 1460) städtechron. 5, 64; akk. wuet (neben hochmuet, grues aber auch verhueten, guetlich Bregenz 1525) dt. bauernkrieg, aktenbd. 175 Franz. im 17. jh., für das mit umlautenden formen eines i-stammes ahd. *wuot im sg. kaum noch zu rechnen ist (Paul dt. gramm. 2, § 42), überwiegt die umgelautete, meist zweisilbige form aus dem în-stamm noch leicht gegenüber wut (vgl. ähnliche verhältnisse bei grimme : grimm teil 4, 1, 6, sp. 346 u. 352). dabei streuen beide formen übers ganze sprachgebiet, doch scheint wüte von md. und nd., wut von obd. (bes. schwäb.-elsäss.) autoren bevorzugt zu werden. seit ende d. 17. jhs. setzt sich wut gegen wüte allgemein durch. die neueren maa. weisen (vielfach unter dem einflusz der hochsprache) ausnahmslos auf ahd. *wuot (im obd. mit in abgeschwächter form erhaltenem diphthong, vgl. wuɛt Schatz Tirol 713; wuəd Schmeller-Fr. bayer. 2, 1056; wūət Fischer schwäb. 6, 1014; wỳət [˂ wuet] Martin-Lienhart elsäss. 2, 884). gelegentliche bezeugung als mask. scheint im obd. (bes. schwäb.-els.) auf fester tradition zu beruhen (dieses m. kann als adjektivabstr. wie der gesund, grimm, gram aufgefaszt werden). zwar darf durch wort-für-wort-übersetzung erklärt werden: in furore meo in wuote mineme anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133; durch anlehnung an ein mask. begleitwort in paarformeln: ein unmäsziger zorn und wüth Heilbrunner v. d. Augsp. confession (1598) 132; seinen wüt und grimm (1676) Hesenthaler in: dt. evang. kirchenlied 5, 186 Fischer-Tümpel; im wuth und heldenmuth nach älterer vorlage bei Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344; ausübung des grims und wuths Rieger böhm. brüder (1734) 1, 149; doch es bleiben fälle wie:
wanne al min bluot
recht wuotes wuot
zart frowe zu dir
(um 1464) bei Fischer schwäb. 6, 1014;
vom wut ubereilt (1591) Bauhin hist. 118 (entspr. 53, 124) bei Fischer a. a. o.; der erste wuth Moscherosch gesichte 2 (1650) 679; den teufflischen wuth desz fluchens ebda; auch für die moderne ma. ist wut als mask. im schwäb.-els. noch gebietsweise bezeugt, s. Fischer a. a. o., Martin-Lienhart els. 2, 884. auffällig ist die buchung wutt als mask. bei Steinbach dt. wb. 2 (1734) 1062. vgl. auch das schwanken des genus im mnl., s. Verwijs-Verdam 9, 2755 und die dort angegebene literatur.vereinzelt bezeugte formen: schwach flektierter akk. sg. wyttin (1491) Österreicher Columella 2, 103 L. sehr selten ist der plural: nom. höllewuhten Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 12; gen. wuthen Arndt schr. (1845) 2, 457; dat. wüten Rilke ges. w. (1927) 6, 63.
bedeutung und gebrauch. wut, wüte ist bis ins frühnhd. nur relativ schwach zu belegen. häufiger wird das wort erst in der barock- und aufklärungsliteratur. die hist. wbb., die wüten, wüterei, wüterich, wütig, wütung usw. regelmäszig verzeichnen, nehmen wut nur zögernd auf: Frischlin nomencl. (1586) 81ᵇ; Kilian (1605) 677ᵃ; Becher nov. org. phil. (1674) 88 u. 229; Stieler stammb. (1691) 2588; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1411ᶜ. — seit dem ahd. ist wut bezeichnung verschiedener dämonistisch gedeuteter krankheitsbilder (A). der aspekt krankhafter entartung, der auch in den anderen bedeutungsbereichen bis heute betont werden kann, hat hier seinen ursprung. dem schlieszen sich verschiedene, teilweise durch gelehrte bildung antiken vorstellungen entnommene anwendungen an, in denen das wort in lat. furor, rabies u. ä. entlehnter bedeutung bestimmte, nicht physiologisch, sondern psychisch bedingte, doch ursprünglich ebenfalls dämonistisch gedeutete erregungszustände bezeichnet. zur frühen bedeutungsentfaltung vgl. das nebeneinander von griech. μάντις 'weissager, prophet' und μαίνομαι 'in übermächtigem zorn rasen'. nhd. hauptbedeutung ist 'zornige erregung', die mit ihrer auf äuszere wirkung gerichteten bedeutungskomponente 'rücksichtslose aggressivität' in wechselndem, verschieden starkem hervortreten die anwendungen des bedeutungsbereichs 'maszlose gegnerschaft' (C) bestimmt. zwischen A und C vermittelt die anwendung auf bestimmte, zwar zielgerichtete, aber nicht aggressiv-feindliche erregungszustände (B), die nur von der mitte des 18. bis zur mitte des 19. jhs. gut bezeugt ist. übertragene verwendungen, in denen sich die grundvorstellungen aus A und C mischen, sind unter D zusammengefaszt. die darstellung einiger fester fügungen mit präpositionen, substantiven, adjektiven und verben, die vorwiegend (aber nicht nur) für den bedeutungsbereich 'maszlose gegnerschaft' bezeugt sind, wurde dort (C) angeschlossen.
A.
zustand des der lenkenden willkür entzogenen leiblich-seelischen auszersichseins. die ursprünglich dämonistische auffassung der grundsituation als einwirkung übermenschlicher mächte auf eine bestimmte person oder gruppe bleibt spurenweise bis in die neuzeit auch in anderen bedeutungsgruppen wirksam.
1)
von verschiedenen krankhaften (vorwiegend manischen) gemütsveränderungen des menschen, bes. vom akuten stadium 'raserei, wahnsinnsanfall'. vgl. die oben genannten germ. parallelen. 'wut ... in engerer bedeutung eine krankheit, welche bei dem menschen mit beraubung des bewusztseyns und des verstandes verbunden ist, und dem leben desselben unfehlbar ein ende macht' Hübner zeitungslex. (1824) 4, 985ᵇ: (Greg. cura 3, 2, mit bezug auf 1. reg. 18, 10: quia ... furor insanorum saepe ad salutem medico blandiente reducitur ... [et] ...) languor insanie suth dera uuoti (mitigatur) (9. jh.) ahd. gl. 2, 223, 31 St.-S.; wie aber hernach die wuet an im (einem zeitweise geistesgestörten) wider nachgelasen, hat er ein newen handel bekommen zimmer. chron. ²3, 511 Barack; (der arzt sah) aus allen zeichen, dasz ihm das gehirn schon verrückt wahr, auch nach geendigtem schlaffe er eine tobende wuht würde sehen lassen Bucholtz Herkules (1666) 1, 349ᵇ; eine ... erschütterung des schönen gesichts (einer wahnsinnigen) kündigt nun den eintritt der wuth an Thümmel reise (1791) 8, 102; über die burschen war eine art wut gekommen. sie stampften, stierten, von schweisz berieselt Kahlenberg Eva Sehring (1901) 57; vor der tieferen sorge, den mann regiere die wache wut Stehr d. heiligenhof (1926) 1, 54; aber nun schwamm es eigentümlich über sein (d. gemütskranken) gesicht. die mienen spannten sich, die lippen wurden gepreszt, die augen krampfhaft geschlossen. und langsam formte sich hier ein böser, bissiger ausdruck, der mit angst, namenloser angst, wechselte. und nun durcheinander wut und verzweiflung. die arme wurden schützend vor das gesicht geschoben. der mann knirschte, er fletschte die zähne (1946) Döblin Hamlet (Bln o. j.) 12. bezogen auf personifiziertes:
die hitz und wuht des unsinnig-krancken
Teütschlands ist zwar noch zu gros
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 00 3ᵇ.
selten und nicht ursprünglich stille wut 'melancholie' (vgl. auch unter 2): das giebt die stille wuth, die man mit jammern und betrübnisz an so vielen sogenannten tugendbildern wahrnimmt C. F. v. Moser beherzigungen (³1763) 108; schwermut, wahnsinn, tollheit, stille wut, raserei Schubart leben 2 (1793) 96. den bedeutungsübergang von krankhafter seinsart zu feindlicher sinnesart (s.C) verdeutlichen folgende belege:
kann der reizende gesang
...
euch für diese wuth nicht bürgen,
dasz die menschen euch (die lerchen) erwürgen?
C. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 50;
ich mein es gut mit gott und aller welt,
natürlich ausgenommen meine feinde
und wann die böse wuth mich überläuft
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 7, 40.
2)
'tollwut' (zur sache und synonymik sowie zum eindringen der heute herrschenden bezeichnung tollwut s. teil 11, 1, 1, sp. 648), eine auf den menschen übertragbare infektionskrankheit bes. der hunde, die sich als rasende (laufende) wut in tobsuchtsanfällen (verbunden mit krämpfen, angstzuständen, wasserscheu) oder als stille (schlafende) wut in melancholischem verhalten (mit rasch eintretender lähmung) äuszert; s. Höfler dt. krankheitsnamenb. 836/8; Döbel jägerpractica (1754) 2, 110: die siedig (speise) gepürtt (bei den hunden) die unsinkaitt und wyttin (fervens rabiem creat 7, 12) (1491) Österreicher Columella 2, 103 Löffler; ihr (der hunde) aller gefährlichste kranckheit wirdt die wüt genannt jag- u. weidwerckbuch (1582) 1, 17ᵃ; für wütender hundsbisz: ... gibs (das pulver) dem menschen nüchtern ein ..., so würdt er vor der wut erhalten Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 302; für die wüte oder das rasen ist ein gutes präservativ, wann man den jungen hunden den wurm nimmt Hohberg georg. cur. 2 (1682) 605; (die vögte) gehen auch meistens finster, mürrisch, melancholisch daher, und hängen den kopf wie die hunde, die die stille wuth haben (1782) Pestalozzi s. w. 7, 167 B.-Spr.-St.; thiere werden nicht wahnsinnig; wiewohl die fleischfresser der wuth ... ausgesetzt sind (1844) Schopenhauer s. w. 3, 75 Hübscher; die zeitungen meldeten, dasz in Wien eine epidemie der hundswuth herrsche, und hunde die wuth aus miasmen der luft bekommen (1862) Stifter briefw. 4 (1925) 85; unter den jagdhunden späterer zeit hat die wut oft grosze verheerungen angerichtet Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 455. hierher der fluch: sie tummelt, wuth und tod! ihr pferd maler Müller w. (1811) 1, 249; auch 3, 87. die zunächst nur steigernde fügung tolle wut kann auch andere sachverhalte bezeichnen. dabei ist wohl erst seit dem 19. jh. im einzelfall übertragener gebrauch des krankheitsnamens zu erwägen (vgl. die belege unter tollwut a. a. o.):
wie hoch die tolle wuth der barbarey gestiegen
J. J. Schwabe belust. (1741) 1, 387;
die frau aber leugnete die that rundweg und behauptete, der mann habe in seiner tollen wut die suppenschüssel für seine pelzmütze angesehen und sich auf den kopf stülpen wollen G. Keller ges. w. (1889) 6, 228;
narren waren wir im leben,
und mit toller wut ergeben
einer tollen liebesbrunst
H. Heine s. w. 1, 24 Elster.
3)
'leidenschaft', 'verzückung'.
a)
vom erotischen affekt:
zwar ist es uns beederseits gut
das unsre wuht
in der lieb so fein sanft mag bleiben
(1619) Weckherlin ged. 1, 267 Fischer;
und als sie einst mit ihr betrübt im grünen sitzen,
wird ihre liebe wuth
Gellert s. schr. (1839) 1, 237;
hätt' ich nicht so viel macht ihm über mich gegeben,
er würde glücklicher, und ich zufriedner leben.
versuch ihm diese macht durch kaltsinn zu entziehn!
doch, wie wird seine wuth bei meiner kälte glühn
Göthe I 9, 20 W.
mit stärkerer betonung krankhaft anmutender übersteigerung: nebenbei steht der birkhahn ... in dem übeln rufe einer zügellosen geilheit, welche ... an wuth und tollheit grenzt Naumann vögel (1822) 6, 343.
b)
gelegentlich 'zustand gesteigerter lust, überschwenglicher begeisterung' (wut in übertragener verwendung als ausdruck der heftigkeit bestimmter leidenschaften s. unter E):
wilde krieger singen,
hasz und rach und blut
in die laute singen,
ist nicht lust, ist wut
Lessing 1, 61 L.-M.,
Mignon ward bis zur wuth lustig Göthe I 22, 208 W.; er warf seinen hut mit fröhlicher wuth hoch in die luft Eichendorff s. w. (1864) 2, 90; auch 96; es gab weiber und männer, welche sich dem gefühl von entsetzen und untergangsnähe mit einer art wut und wollust hingaben H. Hesse glasperlenspiel (1943) 2, 283.
c)
'leidenschaftliche erregtheit' als wesensimmanente triebhaltung:
alszbald seine tag nu blühen
kan sein muht
sich der wuht
seiner jugent nicht entziehen
Weckherlin ged. 1, 492 Fischer;
sie (d. wissenschaften) zähmten seine (d. Deutschen) rohe wuth,
sie stärkten ihm verstand und muth
anmuth. gelehrsamk. 8, 735 Gottsched;
ich bin betäubt durch die grosze wuth der menschen in Neapel, und durch das unglaubliche geräusch Winckelmann bei Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 161; aber schon bei Michelangelo fühlt man eine eigentlich spätzeitliche wut, will sagen, man spürt die wut eines urtümlichen, in eine spätwelt versetzten riesen, wenn er den körperlichen kampf mit dem steine so leidenschaftlich durchkämpft Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 156. auch:
der neid, dem wuth und herze fehlet,
...
schreyt: Carl ist wirklich grosz
Stoppe Parnasz (1735) 12.
gelegentlich mit festem beiwort zur typisierenden charakteristik von völkern und volksangehörigen. dabei geht deutsche wut auf deutende übersetzung des 'furor Teutonicus' (zuerst in Lucanus' de bello civ. 1, 256; vgl. Dümmler über d. furor Teutonicus, sitz.-ber. d. Bln. akad. [1897] 112 ff.) zurück; der sinn tendiert deutlich zu 'feindliche erregung' (s.C): allwo sie vermeinten ... der portugiesischen wüte zu entgehen O. Dapper Asia (1681) 1, 278ᵃ;
die (betrogene französ.) nonne, voll von welscher wuth,
entglüht in ihrem muthe
und sann auf nichts als dolch und blut,
und schwamm in lauter blute
(1773) Hölty ged. 23 Halm;
es giebt einen göttlichen strom des lebens und der liebe, der als der innigste und heiligste durch ein ganzes volk flieszet ... und ... als feuerseele des ganzen zuweilen herausschlägt. dieses ... alles deutsche von innen her beseelende und verbindende kann man wohl die deutschheit nennen ..., die von so vielen eine deutsche wuth genannt wird ... ich wollte, diese wuth wäre stark genug, die letzten spuren der französischen wuth und englischen wuth und aller mancherlei wuthen, die uns besessen haben, aus den deutschen marken zu vertreiben E. M. Arndt schr. (1845) 2, 457; hier aber sah und hörte ich, ... was holländische wuth heiszen wolle ... der doctor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische begeisterung erwachen und schimpfte den patienten aus Immermann w. 2, 96 Hempel.
d)
'unsinnig gesteigerte, schwärmerische begeisterung durch religiöse werte'. vorwiegend im 18. jh.; wo die sinnkomponente der unbeherrschten entrücktheit durch die des ungezügelten, brutalen religionseifers gegen andersgläubige überdeckt wird, geht die bedeutung als 'religiöser fanatismus' in die unter C dargestellten anwendungen über:
sein (des fürsten) weiser arm erstickt in ihrer ersten brut
verfolgung, hasz und krieg, die früchte frommer wuth
Gottschedin br. 2, 320 Runkel;
erkranket ist der grosse Chrysostomus von aller heiligen wuth, mit der er, als ein feuervoller jüngling, in den mönchsstand trat Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 384;
und seine (Mahomets) jünger, zwischen stadt und wüste,
verbannt, verfolgt, geächtet, eingekerkert,
verbreiten ihre wuth als götterlehre.
Medina wird von ihrem gift entzündet
Göthe I 7, 161 W.;
glücklich genug, wenn sich diese theologische wuth an dem gemeinschaftlichen religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen religionsverwandten ihr gift auszusprützen Schiller 8, 20 G.; der heilige, der die welt flieht, den die welt seiner religiösen wuth ruhig überläszt, ruft am ende den teufel selbst zu hülfe Klinger w. 11 (1809) 210;
die zelle war offen — bleich, hager und mager
lag bruder Medardus auf kärglichem lager,
die hände gefaltet in betender wuth
moderne dichtercharaktere 246 Arent-C.-H.
e)
'schöpferische begeisterung des dichters'. zunächst für den zustand der weltentrückten anteilnahme des poeten am göttlichen (inspiration). nach griechischer vorstellung eingegeben von Apollon oder auch Bacchus (über die griech. [Plato: μανία] und röm. [Cicero: furor] tradition und ihre einwirkung auf die spätere poetik s. R. Meissner in d. Walzel-festschr. [1924] 21 ff. sowie E. R. Curtius europ. lit. u. lat. mittelalter [1948] 469 f.). wut ist (neben rasen teil 8 sp. 136; wahnsinn teil 13 sp. 678) in dieser zum ausgangspunkt zurückführenden verwendung seit dem 8. jh. belegt, zunächst in gelehrter beziehung auf antike verhältnisse:
er (Horaz) jauchzt daher von Bacchus gantz erfüllt;
die macht der feuerreichen gottheit
treibt ihn in neuer wuth durch felsen, wald und kluft.
er singt, was nie ein mund gesungen
(1739) Pyra freundschaftl. lieder 18 ndr.;
das, was ihr hört, sind meine fantasieen. —
nun, herr poet! frisch! setz er sich in wut!
denn macht er's gut — je nun! — so macht er's gut!
Goekingk ged. (1780) 2, 188;
dennoch hatten fast alle mühe, das lachen zu verbeiszen, wenn einmal in anderer gegenwart die wuth des gesanges sie befiel Storm s. w. (1899) 4, 185; wahrscheinlich haben sie (die sterblichen) aus diesen überresten des gottes (der zerbrochenen flöte Pans) einen unbändigen geist eingesogen oder sich angesteckt mit eingeweihten wüten Rilke ges. w. (1927) 6, 63. formelhaft ästhetische wut: derjenige zustand des gemüths, in welchem so grosse kräfte geschäftig und lebendig sind, dasz dadurch die erfoderte schönheit der gedanken hervorgebracht werden kan, heiszt die ästhetische wuth, raserey oder begeisterung G. F. Meier anfangsgr. d. schönen wissensch. (²1754) 569. poetische wut (furor poeticus): man hat dadurch, dasz man ein bischen witz und die gabe zu reimen ... hat, nicht gleich einen freybrief, ... sich alles für erlaubt zu halten, was einem die poetische wuth eingibt Wieland ausgew. br. (1771) 3, 74;
es fähret die poet'sche wuth
in unsrer freunde junges blut
Göthe I 4, 215 W.
f)
von der ekstase der am kult des Dionysos (Bacchus) teilnehmenden und der verzückung der priesterin des dionysisch-apollinischen orakels in Delphi, bes. heilige wut: die delphische priesterinn wahrsagte nicht eher, als bis sie durch genugsame opfer, geschenke und belohnungen, in ihre heilige wuth gerieth Rabener s. schr. (1777) 2, 167;
also der gott. sein mund schäumt für prophetscher wuth;
doch nach und nach senkt sich sein aufgebrachtes blut
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 66;
ein ... haufen von ... thracischen weibern war es, welche von der orphischen wuth begeistert, sich versammelt hatten Wieland Agathon (1766) 1, 7; der strom ihrer rede ergiesst sich mit der heiligen wuth, die keine Venus hetäre gewähren kann Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 52 Minor; die bacchantin aber, voll bacchischer wuth mit fliegenden haaren H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 277.
B.
'leidenschaftlich heftiges, zielgerichtetes bestreben'; der vorstellung des dämonischen besessenseins (A) noch fühlbar nahestehend, bleiben die folgenden gebrauchsweisen den anwendungen der gruppe C dadurch fern, dasz ihnen der sinnbestandteil der feindseligen erregung weithin fehlt (den festen gebrauch 'kampfsucht' s. unter C 2 b):
1)
vereinzelt und unfest, aber schon relativ früh bezeugt, gilt wut für 'leidenschaftliches verlangen', 'ungestüme gier':
(anrede an die geliebte:)
als mein gemüt
hatt sämlich wüt
nach deiner güt.
mein hort, mein trost
liederbuch der Hätzlerin 1, 62 Haltaus;
die kriegsüchtige wüte und tobende blutlust der menschen (1648) Schottel friedenssieg 66 ndr.; in verbindung mit dieser wuth nach excentrischen vergnügungen kann sich auch die bühne einen groszen theil der schuld beimessen Gutzkow ges. w. (1872) 11, 159.
2)
'leidenschaftliches, auf ein bestimmtes handeln gerichtetes bestreben', häufig im 18./19. jh. überwiegend negativ gewertet als 'lächerlicher (oder auch gefährlicher) übereifer', 'fixe idee', 'krankhafte sucht' (vgl. wut-komposita 3): (der Deutschen) wuth in übersetzung französischer bücher (1759) Winckelmann w. 1 (1808) 280; ich kenne einen bildhauer von Sicyon, der die wuth hat, lauter liebesgöttinnen zu schnitzen Wieland s. w. (1796) 19, 76; es gibt menschen, die ... eine art von wuth haben, alle grossen physischen revolutionen auf der erde durch die astronomie erklären zu wollen F. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 2, 84; diese wut des sogenannten bauernlegens E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 85; allmählig nimmt ... die wuth der nachahmung wieder ab Ranke s. w. (1867) 30, 18. seltener in neutraler wertung: (er) bekam, da er das zeichnen über alles liebte, eine wuth das herrliche land zu sehn Wackenroder herzenserg. (1797) 217; seine (des groszstädters) wuth nach änderung seiner lage Gutzkow ritter v. geiste (1850) 8, 40; und ich dachte mir, dasz, wenn diese wut (der pflanzen) zu leben und zu wachsen für unsere ohren vernehmbar wäre, sich ... ein gebrüll erheben würde, das auch die gröszte schlacht der menschen übertönen müszte E. Jünger das wäldchen 125 (1928) 65.
C.
'maszlos gesteigerte, der verstandeskontrolle entzogene gegnerschaft' mit den bedeutungskomponenten '(krankhaft heftige) zornige erregung' und 'zerstörerische aggressivität', deren wechselndes hervortreten die folgenden anwendungen bestimmt.
1)
'krankhaft heftige, ihren träger völlig beherrschende zornige erregung, zügellose aufgebrachtheit'. ahd./mhd. vereinzelt bezeugt. seit der mitte des 18. jhs. wird diese verwendung unter wesentlicher beteiligung des schrifttums der aufklärungszeit zur hauptgebrauchsweise des wortes. zugleich verschwindet die bis dahin verbreitete umlautende form wüte.
a)
'heftigster zorn', vor allem in den älteren belegen mit dem nebenbegriff des übermächtigen, der jedoch als zumindest eingebildete äuszere oder innere überlegenheit (hybris) auch später gelegentlich spürbar bleibt: ih uergihe dir herro wande zornich worden bis du mir. becheret (uerwantelet) ist wuote din unde getrostet has du mih (conversus est furor tuus, Isaias 12, 1) (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120; (gott spricht:) fiur enzuntet ist in wuote mineme unde brinnit unze ze der helle lecistiu (iungistiu) (ignis succensus est in furore meo, deut. 32, 22) ebda 133;
Alexander wande krenkin,
der keisir, ir (d. christen) gemüete:
in siner tobinden wüete
hiez er die maget (Martina) ziehin
für sich
(1293) Hugo v. Langenstein Martina 54, 54 Keller;
der zorn verkert sich in wütte Stosch polit. staatsgarten (1676) 10; der zorn, der bis zur wuth aufschwillt, hat den höchsten grad der lebhaftigkeit erreicht Ramler einlt. i. d. schönen wissensch. (1758) 7, 14;
dort (im jenseits) psalmodeyt kein wohlgenährter bonze,
im kopfe nebel, in dem herzen bronze,
dir seiner wuth ergrimmten widerspruch
Seume ged. (1804) 97;
ach, dieser Opitz! als ich mich jeden tag noch über ihn wüten konnte, das war doch was, wenns auch bloss wut und hass war Fontane ges. w. (1905) I 6, 64;
nie wird dem seher dank ... er trifft auf hohn
und steine, ruft er unheil — wut und steine,
wenn es hereinbrach
Stefan George d. neue reich (1928) 29;
bis er, Karl gegenübergestellt, ihm seine wut ins gesicht speien könnte Bergengruen Karl d. kühne (1930) 59. häufig mit dem nebenbegriff des unsinnig heftigen, unverständigen (s. blinde wut unter 5 b α): in amentia in uuoti (9. jh.) ahd. gl. 1, 117, 1 St.-S.; vnd ausz vnsinniger wüht vermeinet er den Galaor zuerwischen Amadis 1, 127 lit. ver.; er (der mann) giebt gute worte, wenn er der that überführt ist; das weib dagegen ist voll wuth, wenn es sich nicht mehr durch auswege helfen und retten kann Hippel über d. ehe (1792) 193; die art, wie er (Rask) in dem buch meine arbeit behandelt, ärgerte mich, überhaupt seine verbissene wuth gegen alles hochdeutsche (1826) J. Grimm an Lachmann in: briefw. 2, 480 Leitzm. maszlose, aber ohnmächtige empörung (die sich gelegentlich am falschen objekt austobt): (Wilhelm) faszte in seiner wuth ein paar hefte an, zerrisz sie und warf sie an den boden Göthe I 51, 129 W.;
(wenn gott) die empörer ...
hinunterschleudert in der höllen gluth,
dasz durch entsetzenvolle nächte
sie brüllen ihre wuth
Schubart sämtl. ged. 1 (1787) 7;
jetzt beiszt er in den bettpfosten! so wahr ich lebe, bester freund, er beiszt vor wut in den bettpfosten W. Raabe s. w. I 6, 272 K.
b)
'vernichtungssucht' stehen nahe: (der tod) brennet vor höllischer wuth Lenz ged. 8 Weinhold; bald tritt dagegen, wie jene bilderstürmende, so hier eine schriftstürmende wuth ein Göthe II 3, 147 W.; unkriegerisch und unfähig den stärkeren amerikanischen wilden widerstand zu leisten, sind sie (die Eskimos) nur in jenen nordwestlichen gegenden elend und beklagenswerth, wo die wuth dieser unerbittlichen sie verfolgt, und ihnen am äuszersten rande des eismeers kaum eine stätte vergönnt J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 171; in Burkhard ... entbrannte hierüber die wilde wuth eines verfolgers, er sagte ... kopfabhauen sei die gerechte strafe der Lutherschen bösewichter Ranke s. w. (1867) 2, 117.
c)
erregung und aggressive haltung von tieren gegenüber der beute oder dem angreifer als anlagebedingte ständige möglichkeit: zende dere tiere anesente ih an sie. mit wuote ziehenter iouh dere slangen (dentes bestiarum ..., cum furore trahentium [super terram], atque serpentium, deut. 32, 24) (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133; sie kletterten auff die bäume, der wüte dieser und andrer wilden thiere zu entweichen Francisci d. alleredelste unglück (1670) 132; da giengen alle thiere in das sündliche land, veränderten ihre vorige natur, freundlichkeit und zuneigung zu dem menschen, ja ein jedwederes thier geschlechte war in wüte und bitterkeit gleichsam verwandelt (1674) Widmann Fausts leben 186 Keller; (Homer) beschreibet ... mit poetischen farben die wuth eines verwundeten löwen Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 38; nur die wuth des tiegers und nicht seine täuschende bunte fleken kennend Schubart leben (1791) 1, 18; (der wolf) würgt und würgt über die heide in heiszer wuth maler Müller w. (1811) 1, 361; der landfahrer ... fängt bären, weisz ihre wuth zu bändigen und verkauft sie (1872) G. Freytag ges. w. 8 (1887) 228.
2)
'aggressive gesinnung und betätigung (anti-)religiöser fanatiker' (vgl.A 3 d):
alse vierdehalp iar irgât
an so getaner wute (rasen des Antichrists)
an der heiligin blvte,
so hat der vvtgrimme (der Antichrist) vollelebt
(1170) Linzer Antichrist in: fundgruben 2, 124 Hoffmann;
Joseph (von Arimathia) dicit Marie:
wan das selbe kind zu geneme
und es zu driszigk jaren queme,
so solde das selbe reine kint
von der Juddescheit wut blint
liden unzelich pin
(15. jh.) Alsfelder passionsspiel 212 Grein;
solcher vermeinte eyffer in denen, so einer jrrigen oder falschen religion anhängig, kan kein masz halten vnd ist vielmehr ein vnmäsziger zorn vnd wüth als ein eyffer Heilbrunner v. d. augspurg. confession widerw. censur (1598) 132;
nein, heilge zeugten dich (ketzereifer), du gährst in priesterblut,
sie lehren nichts als lieb und zeigen nichts als wuth
(1730) Haller ged. 64 Hirzel;
eh Ferdinand mit frommer wuth
die Mauren von sich stiesz,
flosz Omars junges heldenblut
Ramler fabellese (1783) 3, 43.
3)
auf kriegerische akte bezogen.
a)
'kriegerische erregung', 'unbeherrschbare kampfsucht':
(Milesius reizte Alexander,)
das er im wuth
und heldenmuth,
fast schild, schwert und kriegswaffen
im grim die feind zu straffen
Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344;
eine melodie, welche die helden des alterthums auf den höchsten grad der grossmuth erhub, wann sie eine schlacht antraten, und ihnen an statt der wuth eine gesezte dapferkeit einblies Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 33;
also läszt er einen hund zu der heyden füssen werfen:
sie erblassen! spott und hohn suchen ihre wuth zu schärfen
Schönaich Heinrich d. vogler (1757) 17;
die italienischen truppen, mehr noch die deutschen, ... glühen voll wut gegen den allgemeinen feind (Napoleon) (1807) mon. Germ. paed. 37, 221.
b)
'rasendes ungestüm im kampfgetümmel', 'verbissenheit':
seine sanfftmuth man hat erfahren
in seiner feinden wuth (ansturm) vnd flucht
(1624) Weckherlin in: Zinkgref auserles. ged. 38 ndr.;
die Skythen meyneten ihrer gewöhnlichen wuht nach, alsbald festen fusz auf unsern schiffen zu gewinnen Bucholtz Herkuliskus (1665) 403;
wann dort der Türken wuth zur linken und zur rechten
bey Belgrad festgesetzt den wohlverschanzten fusz
Heräus ged. u. lat. inschr. (1721) 10;
die feinde ... stürzten einander selbst, indem sie unsrer wuth wichen Gessner schr. 2 (1778) 97;
die räuber glauben leicht
sich meines knaben zu bemächtigen;
doch nun erneuert sich der streit.
wir ringen voller wuth, den schatz vertheidigend
Göthe I 11, 19 W.;
man kämpfte in den straszen und kirchen mit solcher wuth, dasz an einem tage in einer basilica 137 leichen von erschlagenen gefunden wurden Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 64.
c)
allgemeiner gefaszt: 'zerstörerisches wirken, grausame härte seitens feindlicher mächte'. die antike personifikation 'Furor, im gefolge des Mars' (s. Georges lat.-dt. hdwb. ⁸1, 2887) scheint gelegentlich literarisch nachzuwirken: Mars: was ... meiner kriegerischen wüte zuwidrig ist, habe ich ... aus meinem Teutschlande vertrieben (1648) Schottel friedenssieg 18 ndr.; damit nun Johannes dem siege ... weiter nachjagte, fiel er seinem mitbewerber ... ins land, und liesz alle wüte daselbst, wie einen durchreissenden strom, aus Francisci traursaal (1669) 2, 156; also muszten sie ... ein opfer der wuth im kriege werden Gellert s. schr. (1839) 9, 152; auch sah man theile eines tempels, in welchem die wuth gefesselt war. umher stand die inschrift: clauduntur belli portae Göthe I 43, 202 W.;
trotzig gleich der meeresfluth
...
ergoss sich grimmer feinde wuth
E. M. Arndt s. w. (1892) 4, 13;
ihr (d. söldner) feuer hat die trümmerhaufen geschwärzt, ihre wuth speicher und kisten geleert, allen hausrath zerschlagen G. Freytag ges. w. 17 (1888) 7; aber wer vermöchte die wuth und ihre gräuel zu schildern, die sonst weit und breit ... über die unbeschützten und waffenlosen hereinbrachen ... die elementaren kräfte ... erhoben sich in wilder ungebundenheit Ranke s. w. 16 (1875) 75. auch übertragen auf mittel der zerstörung:
als der granaten wut, nach tiefgeführten wühlen,
zertheilet um sich warf mit kirch- und predigtstühlen
Besser schr. (1732) 1, 56;
und ihr heroen, die uns leitetet, gnädig wollt
das heer empfangen, das der lanzen wuth verschont
Droysen Äschylus' werke (1841) 60;
ein tropfen ist die welt in seinem lauf,
ein kurzer ton in seines säbels wut
Paul Ernst d. kaiserbuch (1923) 1, 1, 14.
4)
zügellose aufgebrachtheit, zerstörerische willkür (tyrannei; rebellion) politischer und militärischer parteiungen innerhalb einer bestehenden ordnung oder gegen eine ordnungsmacht: sy wellen mit 30 oder 40000 manen komen und mir vogt antwort geben. daby e. f. dt. (eure fürstl. durchlaucht) der puren hochmuet und wuet erkent (Bregenz 1525, ber. an erzhz. Ferdinand) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 175 Franz; so waren sie (d. rebellischen soldaten) doch nicht eher von ihrer wüte zu bringen, bis Otto ... sich beqwemete, sie selber in das gastgemach hinein kommen zu lassen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 1164;
ich untersuche nicht die thaten wilder fürsten,
die schon nach menschenblut im mutterleibe dürsten,
...
wer wollte dieser wuth durch sittensprüche wehren
Neukirch ged. (1744) 114;
die bürgerliche wuth wird bey ihm (im staat eines gerechten königs) keine statt haben anmuth. gelehrsamk. 1, 106 Gottsched;
was wuth und frevel lange mit bürgerblut
erworben und tyrannen säten,
erntetest du
Herder 27, 61 S.;
alles ist blinde, leidenschaftliche wuth, rasender parteigeist und schnelles aufbrausen, das nie zu vernünftigen, ruhigen resultaten gelangt J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 7; mit jener unwiderstehlichen wuth, einer mischung von enthusiasmus, begierde und schrecken, ... ergoss sich die revolutionäre gewalt auch über die französischen grenzen Ranke s. w. (1867) 39, 147. formelhaft wut des pöbels: ach! so hatte sich das blatt plötzlich gewendet. und mich Tiberius greiffen, in stücke hauen, und dess unsinnigen pöbels wuth hingeben lassen Moscherosch gesichte (1650) 1, 560; die wut des pöbels Schiller 7, 117 G.; des pöbels wuth bei Bismarck ged. u. erinn. 1, 58 volksausg. wut des volkes: W. Raabe s. w. I 3, 88 K. wut der parteien:
der sekten feindschaft, der partheyen wuth,
der alte neid, die eifersucht macht friede
Schiller 12, 226 G.; auch 13, 201;
die wut der parteien durchzuckt uns Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 4.
5)
besonders für die bedeutungsgruppe C haben sich feste syntaktische und redensartliche verbindungen herausgebildet. auszer den üblichen präpositionalen verbindungen (wut auf, gegen, über; aus, in, mit, vor, zur wut; beispiele s. ob.) sind zu beachten:
a)
substantivische reihenformeln. häufig sind angst und wut Holtei erz. schr. (1861) 14, 62; wut und angst H. Mann a. w. 1 (1955) 464 Kant. ein bild äuszerster, menschlicher wut und ohnmächtigster empörung W. Raabe s. w. I 6, 286 K.; eine welle von wut und empörung A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 464. ein solcher grimm vnd wüt Amadis 1, 352 Keller; grimm und wuth Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 52. hasz und wuth Göthe I 43, 370 W.; IV 20, 85; wut und hass Fontane ges. w. (1905) I 6, 64. schmerz und wut Platen w. 1, 54 Hempel; Feuchtwanger Simone (1950) 181. wut und verachtung S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 338; Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 21. wut und verzweiflung M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 17; Fontane ges. w. (1905) I 4, 125. auch: ein übermannendes gefühl von rache, verzweiflung, wuth, schrecken, grausen Herder 5, 7 S.; jetzt bewältigten ihn schreck, angst, wuth, verzweiflung Holtei erz. schr. (1861) 5, 90; die kaserne war voll von angst, wut, verbissenheit, verzweiflung Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 130.
b)
zugeordnete adjektive.
α)
in attributiver stellung. das unbesonnene der erregung und ihrer auswirkungen kennzeichnet blinde wut:
denn wild' und blinde wuth macht warlich keinen held
J. Chr. Günther ged. (1735) 730;
einmal sah ich einen mann in blinder wut jeden niederschlagen, der in den bereich seiner waffe kam Ratzel völkerkde (1885) 2, 61. auf das vorherrschen unbewuszter gemütstriebe deutet auch: so sasz er und wühlte sich in eine dumpfe wut hinein Polenz Grabenhäger (1898) 1, 301; die dumpfe wut der oberen, die geduckte angst der unteren macht die polizei in diesen wochen besonders gefährlich A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 310. die heftigkeit der erregung und ihrer äuszerungen charakterisieren rasende wut (o. ä.): eine wilde rasende wüthe Opitz Sidneys Arcadia (1643) 67; in eine rasichte wuht Bucholtz Herkuliskus (1665) 9. wilde wut:
in seiner wilden wuth,
da er was hinterm teppich rauschen hört
reiszt er die kling' heraus, schreyt: eine ratte!
Shakespeare 3 (1798) 282;
er war seiner wilden wut nicht erlegen Wittek bewährung d. herzen (1937) 202. helle wut: neben dem jähzorn das phlegma, neben der hellen wut die salbungsvolle ruhe des geriebenen Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 92; eine helle wut fällt ihn an über sich selber, über die völkischen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 209. von körperlichen begleiterscheinungen gehen aus (entsprechendes häufiger bei prädikatsadjektiv und verb s. u.): (regieanweisung:) Golo (will sich erheben, aber starre wuth fesselt ihn an die bank) Hebbel w. I 1, 266 Werner; mit heiszer wuth A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 199; meinen sie etwa den brief, voll blasser wuth und blasser dinte? Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 220. durch typische situationen bedingte zurückhaltung oder machtlosigkeit: (regieanweisung:) v. Gröningseck mit verbissener wuth H. L. Wagner theaterstücke (1779) 41; man kann wohl machen, dasz das kind stille sei, es friszt aber die galle in sich und hegt desto mehr innerliche wuth Kant w. (1838) 10, 406; da trieb mich die heimliche wuth zur beiszenden rede Körner w. 2, 73 Hempel; Friedrich, sagte er mit dem ton unterdrückter wuth, meine geduld ist zu ende A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 282; wie Unrat vor die schranken trat, ward gelacht. er war in beängstigender aufregung, leidende wut verzerrte ihn (1905) H. Mann a. w. 1, 549 Kant.; zugleich verebbt jene kalte erstickende wut in ihm, die ihm fast das herz abdrückte M. Jelusich d. löwe (1936) 34; enttäuschung und hilflose wut im bauch Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 185. besonders ohnmächtige wut:
euch, präconen des pfuschers, des meisters verkleinerer, wünscht ich
mit ohnmächtiger wuth stumm hier am ufer zu sehn
Göthe I 1, 359 W.;
die entwicklung, die er (Hitler) durchgemacht hat, ging nur ... vom hetzer zum gehetzten, vom krampfhaften eifern über wut und ohnmächtige wut zur verzweiflung Klemperer l. t. i. (1949) 60. stille wut (anders A 1 u. 2): nachdem ... sie in stiller wut über dem erlittenen schimpfe gebrütet hatte Schiller 3, 541 G.; seine stille wuth wurde nur in kaltem spott sichtbar Hauff w. 7, 213 Hempel; und ich wäre zehnmal unterlegen, wenn mich nicht eine stille wut beseelt hätte, dass ich aushielt G. Keller ges. w. (1889) 1, 157. selten sind positive werturteile: wie wenig paszt die damals gerechte wuth gegen die fliehenden feinde, zu den jetzigen erklärungen der krieg führenden mächte Göthe IV 24, 119 W.; maszlose entrüstung, die sich zur ehrlichen wut steigert St. Zweig Marie Antoinette (1932) 223.
β)
appositive adjektive; die charakterisierenden beiwörter bezeichnen in dieser stellung gern die gesichtsfarbe des wütenden, weisz, blasz, gelb sowie rot, braun, blau vor wut, so: nun höret diesen schändlichen bauer! rief Salomon, blasz vor wuth dt. volksbücher 1, 42 Simrock; zum zweitenmal schlug er auf den tisch und schrie, rot, braun und blau vor wut im gesicht W. Raabe s. w. I 6, 187 K.; schneehagelweisz vor wut, entrisz da der bauer dem einen den degen Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 83.
c)
verbale fügungen. nur feststellend jmdn zur wut, in wut bringen, in wut (ver)setzen: was bringt uns in diese wuth? ein punct, ein strich Schwabe belust. (1741) 3, 61; der ankläger ärgerte sich, dass es ihm nicht gelungen war, den ruhigen vater in wuth zu setzen Langbein s. schr. (1835) 31, 37; darum konnte ihn ein ausgesprochener zweifel an seiner geistigen gesundheit in helle wut versetzen Winnig frührot (1926) 129. in wut geraten, kommen: allein so gerieht er in die äuszerste wut Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) vorr. 18; er kam wieder in wut O. M. Graf unruhe (1948) 222. gelegentlich negativ wertend: seine wut auslassen (überwiegend an jmdm, doch in älterer sprache auch ohne oder mit anderem anschlusz): wie würde ich mich freuen, wenn sie ihre ganze wut an mir auslassen ... müszten Lessing 2, 103 L.-M.; Agamemnon wird gantz wütend, doch gehorcht er und läszt seine wut wider den Achill allein aus Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 135; lasz mich schreiben. besser ich lasse hier meine wuht aus, als dasz ich mich mit dem kopf wider die wand renne (1767) Göthe IV 1, 139 W.; ein gassenjunge, der eben geprügelt worden ist und seine wut nun an einem unschuldigen kätzchen ausläszt (1856) G. Keller br. u. tageb. 2, 406 Ermat. auf die körperlichen äuszerungen der wut als eines ihren träger beherrschenden krankhaften affekts gehen folgende im neueren sprachgebrauch oft uneigentlich aufzufassende charakterisierende wendungen (dabei steht wut in dichterischer sprache gelegentlich als inneres objekt): selten finden inchoativa und perfektiva verwendung: zur wuth entflammt Bürger s. w. 168 Bohtz; der kaiser ist sicher von wuth entbrannt A. v. Arnim s. w. (1853) 6, 49; ich zerspring' vor wut und eifersucht Nestroy ges. w. (1890) 1, 11; man möchte vor wut platzen qu. a. d. j. 1934. meist werden imperfektive verben verwendet:
zu rächen jeden tropfen blut,
der unter Bevern flosz,
war alles feuer, schäumte wuth,
schnob rache mann und rosz
Gleim pr. kriegsl. 32 ndr.;
nur der gedanke macht mich vor wuth zittern W. A. Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 28; (regieanweisung:) Miller (... tritt hervor in bewegung, wechselweis für wut mit den zähnen knirschend) Schiller 3, 415 G.; Hairaddin schnob vor wuth: hinweg, du hündische seele Pyrker Tunisias (1832) 5, 155; die königin bebt vor wut über den niederträchtigen miszbrauch ihres namens St. Zweig Marie Antoinette (1932) 221. aus der vorstellung des fieberhaften affekts folgen auch:
zur wuth erhitzt und funken sprühend
aus rothem auge fodert er
Gerstenberg ged. eines skalden 363 lit.-denkm.;
ich brannte vor wuth Bräker s. schr. (1789) 1, 262. dabei kann das charakterisierende verb in abhängigkeit von wut gesetzt werden: dann funkelte die wut in seinen augen Göthe I 45, 7 W.; meister Reinold errötete; es blitzte in seinen augen auf wie gefesselte wut, und gerade diesen blick fing Hildegard auf Ph. Spiesz Kurt Hartmuts glück u. ende (³1928) 144. fest ist: eine innerlich kochende wut Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 28; dabei kochte eine wut in ihr (d. jungen frau) auf gegen ihren mann, der so verschlafen dasasz Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 21.
D.
in übertragenem gebrauch bezeichnet wut (vorwiegend in genitivischer oder [bei adverbialer fügung] präpositionaler verbindung durch mit) den höchsten grad menschlicher leidenschaften, körperlicher und gesellschaftlicher nöte und elementarer naturgewalten. der sinnbereich umfaszt (in vielen verwendungen den menschen als träger oder objekt der wut noch einbegreifend) 'heftiges austoben' undsubstanzarm, nur die intensität messend — 'heftigkeit'.
1)
höchste steigerung von leidenschaften und gemütsbewegungen: idoch vergisst er (gott) bey solcher allgemeiner wütte seines grimms (wenn er krieg, hunger, pest, erdbeben sendet), der seinigen nicht gar Butschky Pathmos (1677) 205; sie sind sicher für flammen und der noch schädlichern wuth des neides Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 60;
o liebe! sagt' er, deiner wut
weih ich den mordstahl und mein blut:
und fing an brodt zu schneiden
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 22;
indem er noch in seines zornes wut
die peitsche schwingt
Schiller 11, 21 G.;
ich spotte seiner (des hasses) wuth und seiner dauer M. Beer sämmtl. w. (1835) 7; die wuth der leidenschaften, ... die ganze endlichkeit des menschlichen daseyns überhaupt specifizirt sich zur zufälligkeit ganz partikulärer physiognomien Hegel w. (1832) 10, 1, 194; (die menschen) werden von der wuth ihrer triebe gejagt Stifter s. w. 9 (1932) 204. sünden, laster, vgl. die zuss. sündenwüt (1648) Betulius in: dt. ev. kirchenlied 5, 54 Fischer-Tümpel:
nach dem sie das gewülck, land, wasser, gar bedöcket
mit rauch, gebein und blut,
und schier den himmel selbs, gleichwie die erd, beblöcket
durch ihrer sünden wuht
Weckherlin ged. 1, 419 lit. ver.;
ihr (der tugend) gab ich den beflammten muht
in meinem tuhn zu eigen,
und lies die erden-wilde wuht
der laster mich nicht beugen
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 52.
schmerzliche empfindungen:
brach damm und ufer losz,
wodurch die hoffnung noch die wuth der wehmuth hemmte,
nun aber auf einmahl die ufer überschwemmte
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 197;
denn sie (Epikaste) knüpft' an das hohe gebälk, in der wut der verzweiflung,
selbst das erdroszelnde seil
J. H. Voss Odyssee 11, 278 Bernays.
2)
von persönlichen und gesellschaftlichen nöten; krankheit, entbehrung:
ihr deren grob verdörbtes blut
sich gleichsam ab des fiebers wuht,
ab meiner schrift erhitzet und gefrüeret
(1619) Weckherlin ged. 1, 270 lit. ver.;
des königs heldenkrafft der wuth des schmerzens weicht
(1727) König ged. (1745) 112;
allein die schönheit ist vergangen.
da kam der blattern wuth
Chr. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 31;
viele trieb die wuth des hungers sich sogar mit todten körpern zu nähren Wieland s. w., suppl. 6 (1798) 57; der allgemeine tumult der maschine (des körpers), wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht (1780) Schiller 1, 167 G.;
gleich dem kranken, wenn nach fiebers wuth
ihm schlafend durch die adern schleicht das blut
(1832) A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 111.
von zank, zwietracht:
des streites zorn, des zanckens wuht
vermehret sich durch Bacchus güter
Hagedorn versuch einiger ged. 29 ndr.;
warum verzehret uns der zwietracht strenge wuth
Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 14;
ganz bestürzt war Luther, dasz der alte hader, der durch die einführung der evangelischen lehre gehoben zu sein geschienen, nun doch in aller seiner verhaltenen wuth hervorbrach Ranke s. w. (1867) 4, 197. kampf, (bürger-) krieg (vgl. jedoch die anwendungen unter C):
ihr kinder freuet euch und preiset gottes gühte
der euch so gnädiglich aus dieses krieges wühte
gerissen
Rist neuer teütscher Parnasz (1652) 599;
dasz der sturm der schlacht mich faszte,
speere sausend mich umtönten
in des heiszen streites wuth
(1802) Schiller 13, 284 G. (vgl. 14, 23);
sie lässt auf eine wuth und einen umfang der unruhen schlieszen Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 57; (Heinrich IV.) hat ... die brücken wieder aufgerichtet, welche durch die wuth des krieges zerstört worden waren Ranke s. w. (1867) 9, 85.
3)
von naturkräften, bes. vom wetter, wasser, feuer, 'entfesseltes wirken', 'heftige bewegtheit':
dar zuo hiet die selbig chilch
ein se umb sich mit hönk und milch.
der was vil michel und auch gross;
in sälder wuot (hs. wuͤt) er umb sei floss
(1410) Heinrich Wittenwiler ring 2372 Wieszner;
ein daumendikker baum der wellen wut besieget
S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1646) 2;
im winter schnaubt der nord mit stürmerischer wuth,
zerschneidet uns die haut, durchdringet marck und blut
Brockes ird. vergnügen in gott (1721) 4, 27;
(der Ätna) dessen öligtes ... eingeweide, wenn es in brand kömmt, mit einer mineralischen wuth in die höhe schlägt Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 15;
wenn nach den scharfen nordenwinden,
und nach des winters strenger wuth,
sich laue zephyrs wieder finden
Triller poet. betracht. (1750) 1, 153;
aber als nun die wuth nachliesz des fressenden feuers
(1799) Göthe I 50, 271 W.;
in fremdem leben, es umklammernd, ruht
des weibes leben: keiner stürme wuth
raubt ihm den halt
Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 21;
die Armada ... scheiterte keineswegs bloss durch die wuth der elemente Moltke ges. schr. und denkw. (1892) 6, 23;
in rasenden strudeln, in kochender wut,
gelbgrau und schäumend rauschte die flut
Agnes Miegel balladen u. lieder (1922) 12.
4)
auch auszerhalb der hier genannten verwendungen gibt besonders die fügung mit wut, wenn sie adverbial gesetzt ist, in übertragenem gebrauch den intensitätsgrad eines geschehens an ('heftigkeit'), doch bleibt sie, sofern sie subjektbezogen verstanden wird, dem eigentlichen gebrauch der bedeutungsgruppen B und C verhaftet:
wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche meinung,
die den wandrer mit wuth über Europa verfolgt.
so verfolgte das liedchen Malbrough den reisenden Briten
Göthe I 1, 234 W.;
man kann denken, wie ich (Voss), sobald mir in büchern einiger verstand dämmerte, mit wut alles lesbare verschlang J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 185; da ich so gegen andere losziehe, darf ich selbst nicht leer ausgehn. was mich besonders hindert, ist ein fahriges wesen, bei dem ich mich auf alles mit wut stürze — der erste gedanke ist meistens gut, aber dann hängt sich allerhand unrath an; gehörig sammeln und excerpieren fällt mir auch schwer (1820) Lachmann an J. Grimm in: briefw. 1, 100 Leitzmann.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2474, Z. 57.

wüte, f.

wüte, f.,
s.wut, f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2492, Z. 36.

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Zitationshilfe
„wüte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCte>, abgerufen am 11.08.2020.

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