Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wut, f., (m.)

wut, f. (m.),
heftige seelisch-leibliche erregung und ihre äuszerungen.
herkunft und form. zur idg. wurzel *u̯et-, *u̯ot- (*u̯at-) 'blasen, inspirieren' in aind. apivátati, apivātayati, lat. vātēs 'weissager, seher', gall. οὐάτεις (οὐάτεις δὲ ἱεροποιοὶ καὶ φυσιολόγοι Strabon 4, 4, 4), air. fāith 'seher, prophet' (˂ *u̯āti-) s. Thieme in: Asiatica f. Weller (1954) 656—666, zs. d. dt. morgenl. ges. 107 (1957) 86; Pokorny 1, 1113; Walde-Pokorny 1, 216 stellen sich (neben den auf eine germ. grundform *wōþa-, *wōþō weisenden abstraktbildungen an. ōđr, m., 'seele, vernunft, geist' [in dieser bedeutung nur Vo̜lospá 18, 1], 'dichtkunst, dichtung' [vgl. de Vries zs. f. dt. phil. 73 (1954) 344 f.], ags. wōþ, f., 'ton, schrei, stimme, gesang, dichtung, beredsamkeit'; dazu wōþcræft 'dichtkunst') über germ. *wōđa- (anders Kluge, s. u.) die adjektive got. wōþs (bezeugt: wōds δαιμονισθείς Mk. 5, 18; þana wōdan τὸν δαιμονιζόμενον 5, 15, vgl. 16; zur normalform s. Braune-Helm got. gramm. § 74 anm. 2); an. ōđr 'besessen, rasend; heftig'; ags. wōd 'besessen, rasend; tollwütig' (daneben wēde, Kluge setzt daheralso ohne zureichenden grundals urgerm. ausgangsform u-stamm *wōđu- an, nom. stammbildungslehre § 181 f.); ahd. wuot (insanitis uuuaten [9. jh.] ahd. gl. 1, 763, 20 St.-S.), auch ferwuot, s. teil 12, 1, sp. 2412. die frühen adj.-ableitungen ahd. wuotac und wuotan (hierzu der göttername Wodan) s. unter wütig bzw. Wutesheer. weitere bezeugung in den nordgerm. sprachen bei de Vries an. etym. wb. 416, fürs engl. s. Murray s. v. wood. von diesen adjektiven werden im nord- und westgerm. femininabstrakta abgeleitet: an. œđi 'besessenheit, heftige erregtheit'; ae. wōd 'rabies' (in zwei hss. als glosse zu Aldhelm 40, 24 belegt: 'wodnesse is undoubtidly meant' Napier old English glosses 80 anm. zu 2983), ellen-wōd 'eifer' (nur im Pariser psalter 68, 9); mnl. woet (junge nebenform woede) 'besessenheit, raserei, leidenschaftliche erregung, begierde'. im dt. konkurrieren zwei bildungsweisen: ahd. allein sicher belegt ist der -în-stamm, früheste belege: nom. sg. vûti (um 1070) ahd. gl. 2, 256, 70 St.-S.; wuote (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120; akk. wüt (:gemüt) liederb. d. Hätzlerin 1, 62, 2 Haltaus; nom. wuͤtty (1491) Österreicher Columella 2, 56 L. (neben schwach flektiertem akk. wyttin 2, 103); nom. wüt (1569) Amadis 1, 352 lit. ver.; wüte Frischlin nomencl. (1586) 81ᵇ. i-stamm (angesichts der geringen belegdichte in der älteren sprache möglicherweise rückbildung aus den umgelauteten zweisilbigen formen nach dem muster kraft: krefte, vgl. auch Wilmanns dt. gr. ³1, 376; nimmt man dagegen einen alten fem. -i-stamm an, so kann der nicht vom adjektiv aus erklärt werden): nom./akk. wuot meister Eckhart dt. w. 1, 393, 2 ff. Quint; dat. wut (md., ende d. 15. jhs.) Alsfelder passionsspiel 6748 Grein; dat. wuott (: guott) (Ulm 1549) bei Fischer schwäb. 6, 1014; nom. wuet Zimmer. chron. ²3, 511 Barack: dat. wut Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 302; weitere buchungen durch mhd. wb. 3, 535ᵇ f. und Lexer 3, 1004 f. sind konjekturen gegen die hss. zu beiden stämmen können gestellt werden: dat. uuoti (9. jh.) ahd. gl. 1, 117, 1 St.-S.; gen. uuoti (9. jh.) 2, 223, 31; dat. wute (: blvte) (1170) Linzer antichrist, in: fundgr. 2, 124 H.; dat. wüete (: gemüete) (1293) Hugo v. Langenstein Martina 54, 54 K.; dat. wuͤt (hs. d. 15. jhs.) Heinrich Wittenwiler ring 2372 W.; dat. wuete (Augsburg um 1460) städtechron. 5, 64; akk. wuet (neben hochmuet, grues aber auch verhueten, guetlich Bregenz 1525) dt. bauernkrieg, aktenbd. 175 Franz. im 17. jh., für das mit umlautenden formen eines i-stammes ahd. *wuot im sg. kaum noch zu rechnen ist (Paul dt. gramm. 2, § 42), überwiegt die umgelautete, meist zweisilbige form aus dem în-stamm noch leicht gegenüber wut (vgl. ähnliche verhältnisse bei grimme : grimm teil 4, 1, 6, sp. 346 u. 352). dabei streuen beide formen übers ganze sprachgebiet, doch scheint wüte von md. und nd., wut von obd. (bes. schwäb.-elsäss.) autoren bevorzugt zu werden. seit ende d. 17. jhs. setzt sich wut gegen wüte allgemein durch. die neueren maa. weisen (vielfach unter dem einflusz der hochsprache) ausnahmslos auf ahd. *wuot (im obd. mit in abgeschwächter form erhaltenem diphthong, vgl. wuɛt Schatz Tirol 713; wuəd Schmeller-Fr. bayer. 2, 1056; wūət Fischer schwäb. 6, 1014; wỳət [˂ wuet] Martin-Lienhart elsäss. 2, 884). gelegentliche bezeugung als mask. scheint im obd. (bes. schwäb.-els.) auf fester tradition zu beruhen (dieses m. kann als adjektivabstr. wie der gesund, grimm, gram aufgefaszt werden). zwar darf durch wort-für-wort-übersetzung erklärt werden: in furore meo in wuote mineme anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133; durch anlehnung an ein mask. begleitwort in paarformeln: ein unmäsziger zorn und wüth Heilbrunner v. d. Augsp. confession (1598) 132; seinen wüt und grimm (1676) Hesenthaler in: dt. evang. kirchenlied 5, 186 Fischer-Tümpel; im wuth und heldenmuth nach älterer vorlage bei Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344; ausübung des grims und wuths Rieger böhm. brüder (1734) 1, 149; doch es bleiben fälle wie:
wanne al min bluot
recht wuotes wuot
zart frowe zu dir
(um 1464) bei Fischer schwäb. 6, 1014;
vom wut ubereilt (1591) Bauhin hist. 118 (entspr. 53, 124) bei Fischer a. a. o.; der erste wuth Moscherosch gesichte 2 (1650) 679; den teufflischen wuth desz fluchens ebda; auch für die moderne ma. ist wut als mask. im schwäb.-els. noch gebietsweise bezeugt, s. Fischer a. a. o., Martin-Lienhart els. 2, 884. auffällig ist die buchung wutt als mask. bei Steinbach dt. wb. 2 (1734) 1062. vgl. auch das schwanken des genus im mnl., s. Verwijs-Verdam 9, 2755 und die dort angegebene literatur.vereinzelt bezeugte formen: schwach flektierter akk. sg. wyttin (1491) Österreicher Columella 2, 103 L. sehr selten ist der plural: nom. höllewuhten Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 12; gen. wuthen Arndt schr. (1845) 2, 457; dat. wüten Rilke ges. w. (1927) 6, 63.
bedeutung und gebrauch. wut, wüte ist bis ins frühnhd. nur relativ schwach zu belegen. häufiger wird das wort erst in der barock- und aufklärungsliteratur. die hist. wbb., die wüten, wüterei, wüterich, wütig, wütung usw. regelmäszig verzeichnen, nehmen wut nur zögernd auf: Frischlin nomencl. (1586) 81ᵇ; Kilian (1605) 677ᵃ; Becher nov. org. phil. (1674) 88 u. 229; Stieler stammb. (1691) 2588; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1411ᶜ. — seit dem ahd. ist wut bezeichnung verschiedener dämonistisch gedeuteter krankheitsbilder (A). der aspekt krankhafter entartung, der auch in den anderen bedeutungsbereichen bis heute betont werden kann, hat hier seinen ursprung. dem schlieszen sich verschiedene, teilweise durch gelehrte bildung antiken vorstellungen entnommene anwendungen an, in denen das wort in lat. furor, rabies u. ä. entlehnter bedeutung bestimmte, nicht physiologisch, sondern psychisch bedingte, doch ursprünglich ebenfalls dämonistisch gedeutete erregungszustände bezeichnet. zur frühen bedeutungsentfaltung vgl. das nebeneinander von griech. μάντις 'weissager, prophet' und μαίνομαι 'in übermächtigem zorn rasen'. nhd. hauptbedeutung ist 'zornige erregung', die mit ihrer auf äuszere wirkung gerichteten bedeutungskomponente 'rücksichtslose aggressivität' in wechselndem, verschieden starkem hervortreten die anwendungen des bedeutungsbereichs 'maszlose gegnerschaft' (C) bestimmt. zwischen A und C vermittelt die anwendung auf bestimmte, zwar zielgerichtete, aber nicht aggressiv-feindliche erregungszustände (B), die nur von der mitte des 18. bis zur mitte des 19. jhs. gut bezeugt ist. übertragene verwendungen, in denen sich die grundvorstellungen aus A und C mischen, sind unter D zusammengefaszt. die darstellung einiger fester fügungen mit präpositionen, substantiven, adjektiven und verben, die vorwiegend (aber nicht nur) für den bedeutungsbereich 'maszlose gegnerschaft' bezeugt sind, wurde dort (C) angeschlossen.
A.
zustand des der lenkenden willkür entzogenen leiblich-seelischen auszersichseins. die ursprünglich dämonistische auffassung der grundsituation als einwirkung übermenschlicher mächte auf eine bestimmte person oder gruppe bleibt spurenweise bis in die neuzeit auch in anderen bedeutungsgruppen wirksam.
1)
von verschiedenen krankhaften (vorwiegend manischen) gemütsveränderungen des menschen, bes. vom akuten stadium 'raserei, wahnsinnsanfall'. vgl. die oben genannten germ. parallelen. 'wut ... in engerer bedeutung eine krankheit, welche bei dem menschen mit beraubung des bewusztseyns und des verstandes verbunden ist, und dem leben desselben unfehlbar ein ende macht' Hübner zeitungslex. (1824) 4, 985ᵇ: (Greg. cura 3, 2, mit bezug auf 1. reg. 18, 10: quia ... furor insanorum saepe ad salutem medico blandiente reducitur ... [et] ...) languor insanie suth dera uuoti (mitigatur) (9. jh.) ahd. gl. 2, 223, 31 St.-S.; wie aber hernach die wuet an im (einem zeitweise geistesgestörten) wider nachgelasen, hat er ein newen handel bekommen zimmer. chron. ²3, 511 Barack; (der arzt sah) aus allen zeichen, dasz ihm das gehirn schon verrückt wahr, auch nach geendigtem schlaffe er eine tobende wuht würde sehen lassen Bucholtz Herkules (1666) 1, 349ᵇ; eine ... erschütterung des schönen gesichts (einer wahnsinnigen) kündigt nun den eintritt der wuth an Thümmel reise (1791) 8, 102; über die burschen war eine art wut gekommen. sie stampften, stierten, von schweisz berieselt Kahlenberg Eva Sehring (1901) 57; vor der tieferen sorge, den mann regiere die wache wut Stehr d. heiligenhof (1926) 1, 54; aber nun schwamm es eigentümlich über sein (d. gemütskranken) gesicht. die mienen spannten sich, die lippen wurden gepreszt, die augen krampfhaft geschlossen. und langsam formte sich hier ein böser, bissiger ausdruck, der mit angst, namenloser angst, wechselte. und nun durcheinander wut und verzweiflung. die arme wurden schützend vor das gesicht geschoben. der mann knirschte, er fletschte die zähne (1946) Döblin Hamlet (Bln o. j.) 12. bezogen auf personifiziertes:
die hitz und wuht des unsinnig-krancken
Teütschlands ist zwar noch zu gros
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 00 3ᵇ.
selten und nicht ursprünglich stille wut 'melancholie' (vgl. auch unter 2): das giebt die stille wuth, die man mit jammern und betrübnisz an so vielen sogenannten tugendbildern wahrnimmt C. F. v. Moser beherzigungen (³1763) 108; schwermut, wahnsinn, tollheit, stille wut, raserei Schubart leben 2 (1793) 96. den bedeutungsübergang von krankhafter seinsart zu feindlicher sinnesart (s. C) verdeutlichen folgende belege:
kann der reizende gesang
...
euch für diese wuth nicht bürgen,
dasz die menschen euch (die lerchen) erwürgen?
C. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 50;
ich mein es gut mit gott und aller welt,
natürlich ausgenommen meine feinde
und wann die böse wuth mich überläuft
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 7, 40.
2)
'tollwut' (zur sache und synonymik sowie zum eindringen der heute herrschenden bezeichnung tollwut s. teil 11, 1, 1, sp. 648), eine auf den menschen übertragbare infektionskrankheit bes. der hunde, die sich als rasende (laufende) wut in tobsuchtsanfällen (verbunden mit krämpfen, angstzuständen, wasserscheu) oder als stille (schlafende) wut in melancholischem verhalten (mit rasch eintretender lähmung) äuszert; s. Höfler dt. krankheitsnamenb. 836/8; Döbel jägerpractica (1754) 2, 110: die siedig (speise) gepürtt (bei den hunden) die unsinkaitt und wyttin (fervens rabiem creat 7, 12) (1491) Österreicher Columella 2, 103 Löffler; ihr (der hunde) aller gefährlichste kranckheit wirdt die wüt genannt jag- u. weidwerckbuch (1582) 1, 17ᵃ; für wütender hundsbisz: ... gibs (das pulver) dem menschen nüchtern ein ..., so würdt er vor der wut erhalten Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 302; für die wüte oder das rasen ist ein gutes präservativ, wann man den jungen hunden den wurm nimmt Hohberg georg. cur. 2 (1682) 605; (die vögte) gehen auch meistens finster, mürrisch, melancholisch daher, und hängen den kopf wie die hunde, die die stille wuth haben (1782) Pestalozzi s. w. 7, 167 B.-Spr.-St.; thiere werden nicht wahnsinnig; wiewohl die fleischfresser der wuth ... ausgesetzt sind (1844) Schopenhauer s. w. 3, 75 Hübscher; die zeitungen meldeten, dasz in Wien eine epidemie der hundswuth herrsche, und hunde die wuth aus miasmen der luft bekommen (1862) Stifter briefw. 4 (1925) 85; unter den jagdhunden späterer zeit hat die wut oft grosze verheerungen angerichtet Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 455. hierher der fluch: sie tummelt, wuth und tod! ihr pferd maler Müller w. (1811) 1, 249; auch 3, 87. die zunächst nur steigernde fügung tolle wut kann auch andere sachverhalte bezeichnen. dabei ist wohl erst seit dem 19. jh. im einzelfall übertragener gebrauch des krankheitsnamens zu erwägen (vgl. die belege unter tollwut a. a. o.):
wie hoch die tolle wuth der barbarey gestiegen
J. J. Schwabe belust. (1741) 1, 387;
die frau aber leugnete die that rundweg und behauptete, der mann habe in seiner tollen wut die suppenschüssel für seine pelzmütze angesehen und sich auf den kopf stülpen wollen G. Keller ges. w. (1889) 6, 228;
narren waren wir im leben,
und mit toller wut ergeben
einer tollen liebesbrunst
H. Heine s. w. 1, 24 Elster.
3)
'leidenschaft', 'verzückung'.
a)
vom erotischen affekt:
zwar ist es uns beederseits gut
das unsre wuht
in der lieb so fein sanft mag bleiben
(1619) Weckherlin ged. 1, 267 Fischer;
und als sie einst mit ihr betrübt im grünen sitzen,
wird ihre liebe wuth
Gellert s. schr. (1839) 1, 237;
hätt' ich nicht so viel macht ihm über mich gegeben,
er würde glücklicher, und ich zufriedner leben.
versuch ihm diese macht durch kaltsinn zu entziehn!
doch, wie wird seine wuth bei meiner kälte glühn
Göthe I 9, 20 W.
mit stärkerer betonung krankhaft anmutender übersteigerung: nebenbei steht der birkhahn ... in dem übeln rufe einer zügellosen geilheit, welche ... an wuth und tollheit grenzt Naumann vögel (1822) 6, 343.
b)
gelegentlich 'zustand gesteigerter lust, überschwenglicher begeisterung' (wut in übertragener verwendung als ausdruck der heftigkeit bestimmter leidenschaften s. unter E):
wilde krieger singen,
hasz und rach und blut
in die laute singen,
ist nicht lust, ist wut
Lessing 1, 61 L.-M.,
Mignon ward bis zur wuth lustig Göthe I 22, 208 W.; er warf seinen hut mit fröhlicher wuth hoch in die luft Eichendorff s. w. (1864) 2, 90; auch 96; es gab weiber und männer, welche sich dem gefühl von entsetzen und untergangsnähe mit einer art wut und wollust hingaben H. Hesse glasperlenspiel (1943) 2, 283.
c)
'leidenschaftliche erregtheit' als wesensimmanente triebhaltung:
alszbald seine tag nu blühen
kan sein muht
sich der wuht
seiner jugent nicht entziehen
Weckherlin ged. 1, 492 Fischer;
sie (d. wissenschaften) zähmten seine (d. Deutschen) rohe wuth,
sie stärkten ihm verstand und muth
anmuth. gelehrsamk. 8, 735 Gottsched;
ich bin betäubt durch die grosze wuth der menschen in Neapel, und durch das unglaubliche geräusch Winckelmann bei Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 161; aber schon bei Michelangelo fühlt man eine eigentlich spätzeitliche wut, will sagen, man spürt die wut eines urtümlichen, in eine spätwelt versetzten riesen, wenn er den körperlichen kampf mit dem steine so leidenschaftlich durchkämpft Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 156. auch:
der neid, dem wuth und herze fehlet,
...
schreyt: Carl ist wirklich grosz
Stoppe Parnasz (1735) 12.
gelegentlich mit festem beiwort zur typisierenden charakteristik von völkern und volksangehörigen. dabei geht deutsche wut auf deutende übersetzung des 'furor Teutonicus' (zuerst in Lucanus' de bello civ. 1, 256; vgl. Dümmler über d. furor Teutonicus, sitz.-ber. d. Bln. akad. [1897] 112 ff.) zurück; der sinn tendiert deutlich zu 'feindliche erregung' (s.C): allwo sie vermeinten ... der portugiesischen wüte zu entgehen O. Dapper Asia (1681) 1, 278ᵃ;
die (betrogene französ.) nonne, voll von welscher wuth,
entglüht in ihrem muthe
und sann auf nichts als dolch und blut,
und schwamm in lauter blute
(1773) Hölty ged. 23 Halm;
es giebt einen göttlichen strom des lebens und der liebe, der als der innigste und heiligste durch ein ganzes volk flieszet ... und ... als feuerseele des ganzen zuweilen herausschlägt. dieses ... alles deutsche von innen her beseelende und verbindende kann man wohl die deutschheit nennen ..., die von so vielen eine deutsche wuth genannt wird ... ich wollte, diese wuth wäre stark genug, die letzten spuren der französischen wuth und englischen wuth und aller mancherlei wuthen, die uns besessen haben, aus den deutschen marken zu vertreiben E. M. Arndt schr. (1845) 2, 457; hier aber sah und hörte ich, ... was holländische wuth heiszen wolle ... der doctor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische begeisterung erwachen und schimpfte den patienten aus Immermann w. 2, 96 Hempel.
d)
'unsinnig gesteigerte, schwärmerische begeisterung durch religiöse werte'. vorwiegend im 18. jh.; wo die sinnkomponente der unbeherrschten entrücktheit durch die des ungezügelten, brutalen religionseifers gegen andersgläubige überdeckt wird, geht die bedeutung als 'religiöser fanatismus' in die unter C dargestellten anwendungen über:
sein (des fürsten) weiser arm erstickt in ihrer ersten brut
verfolgung, hasz und krieg, die früchte frommer wuth
Gottschedin br. 2, 320 Runkel;
erkranket ist der grosse Chrysostomus von aller heiligen wuth, mit der er, als ein feuervoller jüngling, in den mönchsstand trat Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 384;
und seine (Mahomets) jünger, zwischen stadt und wüste,
verbannt, verfolgt, geächtet, eingekerkert,
verbreiten ihre wuth als götterlehre.
Medina wird von ihrem gift entzündet
Göthe I 7, 161 W.;
glücklich genug, wenn sich diese theologische wuth an dem gemeinschaftlichen religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen religionsverwandten ihr gift auszusprützen Schiller 8, 20 G.; der heilige, der die welt flieht, den die welt seiner religiösen wuth ruhig überläszt, ruft am ende den teufel selbst zu hülfe Klinger w. 11 (1809) 210;
die zelle war offen — bleich, hager und mager
lag bruder Medardus auf kärglichem lager,
die hände gefaltet in betender wuth
moderne dichtercharaktere 246 Arent-C.-H.
e)
'schöpferische begeisterung des dichters'. zunächst für den zustand der weltentrückten anteilnahme des poeten am göttlichen (inspiration). nach griechischer vorstellung eingegeben von Apollon oder auch Bacchus (über die griech. [Plato: μανία] und röm. [Cicero: furor] tradition und ihre einwirkung auf die spätere poetik s. R. Meissner in d. Walzel-festschr. [1924] 21 ff. sowie E. R. Curtius europ. lit. u. lat. mittelalter [1948] 469 f.). wut ist (neben rasen teil 8 sp. 136; wahnsinn teil 13 sp. 678) in dieser zum ausgangspunkt zurückführenden verwendung seit dem 8. jh. belegt, zunächst in gelehrter beziehung auf antike verhältnisse:
er (Horaz) jauchzt daher von Bacchus gantz erfüllt;
die macht der feuerreichen gottheit
treibt ihn in neuer wuth durch felsen, wald und kluft.
er singt, was nie ein mund gesungen
(1739) Pyra freundschaftl. lieder 18 ndr.;
das, was ihr hört, sind meine fantasieen. —
nun, herr poet! frisch! setz er sich in wut!
denn macht er's gut — je nun! — so macht er's gut!
Goekingk ged. (1780) 2, 188;
dennoch hatten fast alle mühe, das lachen zu verbeiszen, wenn einmal in anderer gegenwart die wuth des gesanges sie befiel Storm s. w. (1899) 4, 185; wahrscheinlich haben sie (die sterblichen) aus diesen überresten des gottes (der zerbrochenen flöte Pans) einen unbändigen geist eingesogen oder sich angesteckt mit eingeweihten wüten Rilke ges. w. (1927) 6, 63. formelhaft ästhetische wut: derjenige zustand des gemüths, in welchem so grosse kräfte geschäftig und lebendig sind, dasz dadurch die erfoderte schönheit der gedanken hervorgebracht werden kan, heiszt die ästhetische wuth, raserey oder begeisterung G. F. Meier anfangsgr. d. schönen wissensch. (²1754) 569. poetische wut (furor poeticus): man hat dadurch, dasz man ein bischen witz und die gabe zu reimen ... hat, nicht gleich einen freybrief, ... sich alles für erlaubt zu halten, was einem die poetische wuth eingibt Wieland ausgew. br. (1771) 3, 74;
es fähret die poet'sche wuth
in unsrer freunde junges blut
Göthe I 4, 215 W.
f)
von der ekstase der am kult des Dionysos (Bacchus) teilnehmenden und der verzückung der priesterin des dionysisch-apollinischen orakels in Delphi, bes. heilige wut: die delphische priesterinn wahrsagte nicht eher, als bis sie durch genugsame opfer, geschenke und belohnungen, in ihre heilige wuth gerieth Rabener s. schr. (1777) 2, 167;
also der gott. sein mund schäumt für prophetscher wuth;
doch nach und nach senkt sich sein aufgebrachtes blut
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 66;
ein ... haufen von ... thracischen weibern war es, welche von der orphischen wuth begeistert, sich versammelt hatten Wieland Agathon (1766) 1, 7; der strom ihrer rede ergiesst sich mit der heiligen wuth, die keine Venus hetäre gewähren kann Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 52 Minor; die bacchantin aber, voll bacchischer wuth mit fliegenden haaren H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 277.
B.
'leidenschaftlich heftiges, zielgerichtetes bestreben'; der vorstellung des dämonischen besessenseins (A) noch fühlbar nahestehend, bleiben die folgenden gebrauchsweisen den anwendungen der gruppe C dadurch fern, dasz ihnen der sinnbestandteil der feindseligen erregung weithin fehlt (den festen gebrauch 'kampfsucht' s. unter C 2 b):
1)
vereinzelt und unfest, aber schon relativ früh bezeugt, gilt wut für 'leidenschaftliches verlangen', 'ungestüme gier':
(anrede an die geliebte:)
als mein gemüt
hatt sämlich wüt
nach deiner güt.
mein hort, mein trost
liederbuch der Hätzlerin 1, 62 Haltaus;
die kriegsüchtige wüte und tobende blutlust der menschen (1648) Schottel friedenssieg 66 ndr.; in verbindung mit dieser wuth nach excentrischen vergnügungen kann sich auch die bühne einen groszen theil der schuld beimessen Gutzkow ges. w. (1872) 11, 159.
2)
'leidenschaftliches, auf ein bestimmtes handeln gerichtetes bestreben', häufig im 18./19. jh. überwiegend negativ gewertet als 'lächerlicher (oder auch gefährlicher) übereifer', 'fixe idee', 'krankhafte sucht' (vgl. wut-komposita 3): (der Deutschen) wuth in übersetzung französischer bücher (1759) Winckelmann w. 1 (1808) 280; ich kenne einen bildhauer von Sicyon, der die wuth hat, lauter liebesgöttinnen zu schnitzen Wieland s. w. (1796) 19, 76; es gibt menschen, die ... eine art von wuth haben, alle grossen physischen revolutionen auf der erde durch die astronomie erklären zu wollen F. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 2, 84; diese wut des sogenannten bauernlegens E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 85; allmählig nimmt ... die wuth der nachahmung wieder ab Ranke s. w. (1867) 30, 18. seltener in neutraler wertung: (er) bekam, da er das zeichnen über alles liebte, eine wuth das herrliche land zu sehn Wackenroder herzenserg. (1797) 217; seine (des groszstädters) wuth nach änderung seiner lage Gutzkow ritter v. geiste (1850) 8, 40; und ich dachte mir, dasz, wenn diese wut (der pflanzen) zu leben und zu wachsen für unsere ohren vernehmbar wäre, sich ... ein gebrüll erheben würde, das auch die gröszte schlacht der menschen übertönen müszte E. Jünger das wäldchen 125 (1928) 65.
C.
'maszlos gesteigerte, der verstandeskontrolle entzogene gegnerschaft' mit den bedeutungskomponenten '(krankhaft heftige) zornige erregung' und 'zerstörerische aggressivität', deren wechselndes hervortreten die folgenden anwendungen bestimmt.
1)
'krankhaft heftige, ihren träger völlig beherrschende zornige erregung, zügellose aufgebrachtheit'. ahd./mhd. vereinzelt bezeugt. seit der mitte des 18. jhs. wird diese verwendung unter wesentlicher beteiligung des schrifttums der aufklärungszeit zur hauptgebrauchsweise des wortes. zugleich verschwindet die bis dahin verbreitete umlautende form wüte.
a)
'heftigster zorn', vor allem in den älteren belegen mit dem nebenbegriff des übermächtigen, der jedoch als zumindest eingebildete äuszere oder innere überlegenheit (hybris) auch später gelegentlich spürbar bleibt: ih uergihe dir herro wande zornich worden bis du mir. becheret (uerwantelet) ist wuote din unde getrostet has du mih (conversus est furor tuus, Isaias 12, 1) (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 120; (gott spricht:) fiur enzuntet ist in wuote mineme unde brinnit unze ze der helle lecistiu (iungistiu) (ignis succensus est in furore meo, deut. 32, 22) ebda 133;
Alexander wande krenkin,
der keisir, ir (d. christen) gemüete:
in siner tobinden wüete
hiez er die maget (Martina) ziehin
für sich
(1293) Hugo v. Langenstein Martina 54, 54 Keller;
der zorn verkert sich in wütte Stosch polit. staatsgarten (1676) 10; der zorn, der bis zur wuth aufschwillt, hat den höchsten grad der lebhaftigkeit erreicht Ramler einlt. i. d. schönen wissensch. (1758) 7, 14;
dort (im jenseits) psalmodeyt kein wohlgenährter bonze,
im kopfe nebel, in dem herzen bronze,
dir seiner wuth ergrimmten widerspruch
Seume ged. (1804) 97;
ach, dieser Opitz! als ich mich jeden tag noch über ihn wüten konnte, das war doch was, wenns auch bloss wut und hass war Fontane ges. w. (1905) I 6, 64;
nie wird dem seher dank ... er trifft auf hohn
und steine, ruft er unheil — wut und steine,
wenn es hereinbrach
Stefan George d. neue reich (1928) 29;
bis er, Karl gegenübergestellt, ihm seine wut ins gesicht speien könnte Bergengruen Karl d. kühne (1930) 59. häufig mit dem nebenbegriff des unsinnig heftigen, unverständigen (s. blinde wut unter 5 b α): in amentia in uuoti (9. jh.) ahd. gl. 1, 117, 1 St.-S.; vnd ausz vnsinniger wüht vermeinet er den Galaor zuerwischen Amadis 1, 127 lit. ver.; er (der mann) giebt gute worte, wenn er der that überführt ist; das weib dagegen ist voll wuth, wenn es sich nicht mehr durch auswege helfen und retten kann Hippel über d. ehe (1792) 193; die art, wie er (Rask) in dem buch meine arbeit behandelt, ärgerte mich, überhaupt seine verbissene wuth gegen alles hochdeutsche (1826) J. Grimm an Lachmann in: briefw. 2, 480 Leitzm. maszlose, aber ohnmächtige empörung (die sich gelegentlich am falschen objekt austobt): (Wilhelm) faszte in seiner wuth ein paar hefte an, zerrisz sie und warf sie an den boden Göthe I 51, 129 W.;
(wenn gott) die empörer ...
hinunterschleudert in der höllen gluth,
dasz durch entsetzenvolle nächte
sie brüllen ihre wuth
Schubart sämtl. ged. 1 (1787) 7;
jetzt beiszt er in den bettpfosten! so wahr ich lebe, bester freund, er beiszt vor wut in den bettpfosten W. Raabe s. w. I 6, 272 K.
b)
'vernichtungssucht' stehen nahe: (der tod) brennet vor höllischer wuth Lenz ged. 8 Weinhold; bald tritt dagegen, wie jene bilderstürmende, so hier eine schriftstürmende wuth ein Göthe II 3, 147 W.; unkriegerisch und unfähig den stärkeren amerikanischen wilden widerstand zu leisten, sind sie (die Eskimos) nur in jenen nordwestlichen gegenden elend und beklagenswerth, wo die wuth dieser unerbittlichen sie verfolgt, und ihnen am äuszersten rande des eismeers kaum eine stätte vergönnt J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 171; in Burkhard ... entbrannte hierüber die wilde wuth eines verfolgers, er sagte ... kopfabhauen sei die gerechte strafe der Lutherschen bösewichter Ranke s. w. (1867) 2, 117.
c)
erregung und aggressive haltung von tieren gegenüber der beute oder dem angreifer als anlagebedingte ständige möglichkeit: zende dere tiere anesente ih an sie. mit wuote ziehenter iouh dere slangen (dentes bestiarum ..., cum furore trahentium [super terram], atque serpentium, deut. 32, 24) (12. jh.) anhang z. d. Windberger psalmen, zs. f. dt. altert. 8, 133; sie kletterten auff die bäume, der wüte dieser und andrer wilden thiere zu entweichen Francisci d. alleredelste unglück (1670) 132; da giengen alle thiere in das sündliche land, veränderten ihre vorige natur, freundlichkeit und zuneigung zu dem menschen, ja ein jedwederes thier geschlechte war in wüte und bitterkeit gleichsam verwandelt (1674) Widmann Fausts leben 186 Keller; (Homer) beschreibet ... mit poetischen farben die wuth eines verwundeten löwen Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 38; nur die wuth des tiegers und nicht seine täuschende bunte fleken kennend Schubart leben (1791) 1, 18; (der wolf) würgt und würgt über die heide in heiszer wuth maler Müller w. (1811) 1, 361; der landfahrer ... fängt bären, weisz ihre wuth zu bändigen und verkauft sie (1872) G. Freytag ges. w. 8 (1887) 228.
2)
'aggressive gesinnung und betätigung (anti-)religiöser fanatiker' (vgl. A 3 d):
alse vierdehalp iar irgât
an so getaner wute (rasen des Antichrists)
an der heiligin blvte,
so hat der vvtgrimme (der Antichrist) vollelebt
(1170) Linzer Antichrist in: fundgruben 2, 124 Hoffmann;
Joseph (von Arimathia) dicit Marie:
wan das selbe kind zu geneme
und es zu driszigk jaren queme,
so solde das selbe reine kint
von der Juddescheit wut blint
liden unzelich pin
(15. jh.) Alsfelder passionsspiel 212 Grein;
solcher vermeinte eyffer in denen, so einer jrrigen oder falschen religion anhängig, kan kein masz halten vnd ist vielmehr ein vnmäsziger zorn vnd wüth als ein eyffer Heilbrunner v. d. augspurg. confession widerw. censur (1598) 132;
nein, heilge zeugten dich (ketzereifer), du gährst in priesterblut,
sie lehren nichts als lieb und zeigen nichts als wuth
(1730) Haller ged. 64 Hirzel;
eh Ferdinand mit frommer wuth
die Mauren von sich stiesz,
flosz Omars junges heldenblut
Ramler fabellese (1783) 3, 43.
3)
auf kriegerische akte bezogen.
a)
'kriegerische erregung', 'unbeherrschbare kampfsucht':
(Milesius reizte Alexander,)
das er im wuth
und heldenmuth,
fast schild, schwert und kriegswaffen
im grim die feind zu straffen
Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 344;
eine melodie, welche die helden des alterthums auf den höchsten grad der grossmuth erhub, wann sie eine schlacht antraten, und ihnen an statt der wuth eine gesezte dapferkeit einblies Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 33;
also läszt er einen hund zu der heyden füssen werfen:
sie erblassen! spott und hohn suchen ihre wuth zu schärfen
Schönaich Heinrich d. vogler (1757) 17;
die italienischen truppen, mehr noch die deutschen, ... glühen voll wut gegen den allgemeinen feind (Napoleon) (1807) mon. Germ. paed. 37, 221.
b)
'rasendes ungestüm im kampfgetümmel', 'verbissenheit':
seine sanfftmuth man hat erfahren
in seiner feinden wuth (ansturm) vnd flucht
(1624) Weckherlin in: Zinkgref auserles. ged. 38 ndr.;
die Skythen meyneten ihrer gewöhnlichen wuht nach, alsbald festen fusz auf unsern schiffen zu gewinnen Bucholtz Herkuliskus (1665) 403;
wann dort der Türken wuth zur linken und zur rechten
bey Belgrad festgesetzt den wohlverschanzten fusz
Heräus ged. u. lat. inschr. (1721) 10;
die feinde ... stürzten einander selbst, indem sie unsrer wuth wichen Gessner schr. 2 (1778) 97;
die räuber glauben leicht
sich meines knaben zu bemächtigen;
doch nun erneuert sich der streit.
wir ringen voller wuth, den schatz vertheidigend
Göthe I 11, 19 W.;
man kämpfte in den straszen und kirchen mit solcher wuth, dasz an einem tage in einer basilica 137 leichen von erschlagenen gefunden wurden Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 64.
c)
allgemeiner gefaszt: 'zerstörerisches wirken, grausame härte seitens feindlicher mächte'. die antike personifikation 'Furor, im gefolge des Mars' (s. Georges lat.-dt. hdwb. ⁸1, 2887) scheint gelegentlich literarisch nachzuwirken: Mars: was ... meiner kriegerischen wüte zuwidrig ist, habe ich ... aus meinem Teutschlande vertrieben (1648) Schottel friedenssieg 18 ndr.; damit nun Johannes dem siege ... weiter nachjagte, fiel er seinem mitbewerber ... ins land, und liesz alle wüte daselbst, wie einen durchreissenden strom, aus Francisci traursaal (1669) 2, 156; also muszten sie ... ein opfer der wuth im kriege werden Gellert s. schr. (1839) 9, 152; auch sah man theile eines tempels, in welchem die wuth gefesselt war. umher stand die inschrift: clauduntur belli portae Göthe I 43, 202 W.;
trotzig gleich der meeresfluth
...
ergoss sich grimmer feinde wuth
E. M. Arndt s. w. (1892) 4, 13;
ihr (d. söldner) feuer hat die trümmerhaufen geschwärzt, ihre wuth speicher und kisten geleert, allen hausrath zerschlagen G. Freytag ges. w. 17 (1888) 7; aber wer vermöchte die wuth und ihre gräuel zu schildern, die sonst weit und breit ... über die unbeschützten und waffenlosen hereinbrachen ... die elementaren kräfte ... erhoben sich in wilder ungebundenheit Ranke s. w. 16 (1875) 75. auch übertragen auf mittel der zerstörung:
als der granaten wut, nach tiefgeführten wühlen,
zertheilet um sich warf mit kirch- und predigtstühlen
Besser schr. (1732) 1, 56;
und ihr heroen, die uns leitetet, gnädig wollt
das heer empfangen, das der lanzen wuth verschont
Droysen Äschylus' werke (1841) 60;
ein tropfen ist die welt in seinem lauf,
ein kurzer ton in seines säbels wut
Paul Ernst d. kaiserbuch (1923) 1, 1, 14.
4)
zügellose aufgebrachtheit, zerstörerische willkür (tyrannei; rebellion) politischer und militärischer parteiungen innerhalb einer bestehenden ordnung oder gegen eine ordnungsmacht: sy wellen mit 30 oder 40000 manen komen und mir vogt antwort geben. daby e. f. dt. (eure fürstl. durchlaucht) der puren hochmuet und wuet erkent (Bregenz 1525, ber. an erzhz. Ferdinand) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 175 Franz; so waren sie (d. rebellischen soldaten) doch nicht eher von ihrer wüte zu bringen, bis Otto ... sich beqwemete, sie selber in das gastgemach hinein kommen zu lassen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 1164;
ich untersuche nicht die thaten wilder fürsten,
die schon nach menschenblut im mutterleibe dürsten,
...
wer wollte dieser wuth durch sittensprüche wehren
Neukirch ged. (1744) 114;
die bürgerliche wuth wird bey ihm (im staat eines gerechten königs) keine statt haben anmuth. gelehrsamk. 1, 106 Gottsched;
was wuth und frevel lange mit bürgerblut
erworben und tyrannen säten,
erntetest du
Herder 27, 61 S.;
alles ist blinde, leidenschaftliche wuth, rasender parteigeist und schnelles aufbrausen, das nie zu vernünftigen, ruhigen resultaten gelangt J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 7; mit jener unwiderstehlichen wuth, einer mischung von enthusiasmus, begierde und schrecken, ... ergoss sich die revolutionäre gewalt auch über die französischen grenzen Ranke s. w. (1867) 39, 147. formelhaft wut des pöbels: ach! so hatte sich das blatt plötzlich gewendet. und mich Tiberius greiffen, in stücke hauen, und dess unsinnigen pöbels wuth hingeben lassen Moscherosch gesichte (1650) 1, 560; die wut des pöbels Schiller 7, 117 G.; des pöbels wuth bei Bismarck ged. u. erinn. 1, 58 volksausg. wut des volkes: W. Raabe s. w. I 3, 88 K. wut der parteien:
der sekten feindschaft, der partheyen wuth,
der alte neid, die eifersucht macht friede
Schiller 12, 226 G.; auch 13, 201;
die wut der parteien durchzuckt uns Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 4.
5)
besonders für die bedeutungsgruppe C haben sich feste syntaktische und redensartliche verbindungen herausgebildet. auszer den üblichen präpositionalen verbindungen (wut auf, gegen, über; aus, in, mit, vor, zur wut; beispiele s. ob.) sind zu beachten:
a)
substantivische reihenformeln. häufig sind angst und wut Holtei erz. schr. (1861) 14, 62; wut und angst H. Mann a. w. 1 (1955) 464 Kant. ein bild äuszerster, menschlicher wut und ohnmächtigster empörung W. Raabe s. w. I 6, 286 K.; eine welle von wut und empörung A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 464. ein solcher grimm vnd wüt Amadis 1, 352 Keller; grimm und wuth Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 52. hasz und wuth Göthe I 43, 370 W.; IV 20, 85; wut und hass Fontane ges. w. (1905) I 6, 64. schmerz und wut Platen w. 1, 54 Hempel; Feuchtwanger Simone (1950) 181. wut und verachtung S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 338; Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 21. wut und verzweiflung M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 17; Fontane ges. w. (1905) I 4, 125. auch: ein übermannendes gefühl von rache, verzweiflung, wuth, schrecken, grausen Herder 5, 7 S.; jetzt bewältigten ihn schreck, angst, wuth, verzweiflung Holtei erz. schr. (1861) 5, 90; die kaserne war voll von angst, wut, verbissenheit, verzweiflung Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 130.
b)
zugeordnete adjektive.
α)
in attributiver stellung. das unbesonnene der erregung und ihrer auswirkungen kennzeichnet blinde wut:
denn wild' und blinde wuth macht warlich keinen held
J. Chr. Günther ged. (1735) 730;
einmal sah ich einen mann in blinder wut jeden niederschlagen, der in den bereich seiner waffe kam Ratzel völkerkde (1885) 2, 61. auf das vorherrschen unbewuszter gemütstriebe deutet auch: so sasz er und wühlte sich in eine dumpfe wut hinein Polenz Grabenhäger (1898) 1, 301; die dumpfe wut der oberen, die geduckte angst der unteren macht die polizei in diesen wochen besonders gefährlich A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 310. die heftigkeit der erregung und ihrer äuszerungen charakterisieren rasende wut (o. ä.): eine wilde rasende wüthe Opitz Sidneys Arcadia (1643) 67; in eine rasichte wuht Bucholtz Herkuliskus (1665) 9. wilde wut:
in seiner wilden wuth,
da er was hinterm teppich rauschen hört
reiszt er die kling' heraus, schreyt: eine ratte!
Shakespeare 3 (1798) 282;
er war seiner wilden wut nicht erlegen Wittek bewährung d. herzen (1937) 202. helle wut: neben dem jähzorn das phlegma, neben der hellen wut die salbungsvolle ruhe des geriebenen Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 92; eine helle wut fällt ihn an über sich selber, über die völkischen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 209. von körperlichen begleiterscheinungen gehen aus (entsprechendes häufiger bei prädikatsadjektiv und verb s. u.): (regieanweisung:) Golo (will sich erheben, aber starre wuth fesselt ihn an die bank) Hebbel w. I 1, 266 Werner; mit heiszer wuth A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 199; meinen sie etwa den brief, voll blasser wuth und blasser dinte? Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 220. durch typische situationen bedingte zurückhaltung oder machtlosigkeit: (regieanweisung:) v. Gröningseck mit verbissener wuth H. L. Wagner theaterstücke (1779) 41; man kann wohl machen, dasz das kind stille sei, es friszt aber die galle in sich und hegt desto mehr innerliche wuth Kant w. (1838) 10, 406; da trieb mich die heimliche wuth zur beiszenden rede Körner w. 2, 73 Hempel; Friedrich, sagte er mit dem ton unterdrückter wuth, meine geduld ist zu ende A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 282; wie Unrat vor die schranken trat, ward gelacht. er war in beängstigender aufregung, leidende wut verzerrte ihn (1905) H. Mann a. w. 1, 549 Kant.; zugleich verebbt jene kalte erstickende wut in ihm, die ihm fast das herz abdrückte M. Jelusich d. löwe (1936) 34; enttäuschung und hilflose wut im bauch Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 185. besonders ohnmächtige wut:
euch, präconen des pfuschers, des meisters verkleinerer, wünscht ich
mit ohnmächtiger wuth stumm hier am ufer zu sehn
Göthe I 1, 359 W.;
die entwicklung, die er (Hitler) durchgemacht hat, ging nur ... vom hetzer zum gehetzten, vom krampfhaften eifern über wut und ohnmächtige wut zur verzweiflung Klemperer l. t. i. (1949) 60. stille wut (anders A 1 u. 2): nachdem ... sie in stiller wut über dem erlittenen schimpfe gebrütet hatte Schiller 3, 541 G.; seine stille wuth wurde nur in kaltem spott sichtbar Hauff w. 7, 213 Hempel; und ich wäre zehnmal unterlegen, wenn mich nicht eine stille wut beseelt hätte, dass ich aushielt G. Keller ges. w. (1889) 1, 157. selten sind positive werturteile: wie wenig paszt die damals gerechte wuth gegen die fliehenden feinde, zu den jetzigen erklärungen der krieg führenden mächte Göthe IV 24, 119 W.; maszlose entrüstung, die sich zur ehrlichen wut steigert St. Zweig Marie Antoinette (1932) 223.
β)
appositive adjektive; die charakterisierenden beiwörter bezeichnen in dieser stellung gern die gesichtsfarbe des wütenden, weisz, blasz, gelb sowie rot, braun, blau vor wut, so: nun höret diesen schändlichen bauer! rief Salomon, blasz vor wuth dt. volksbücher 1, 42 Simrock; zum zweitenmal schlug er auf den tisch und schrie, rot, braun und blau vor wut im gesicht W. Raabe s. w. I 6, 187 K.; schneehagelweisz vor wut, entrisz da der bauer dem einen den degen Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 83.
c)
verbale fügungen. nur feststellend jmdn zur wut, in wut bringen, in wut (ver)setzen: was bringt uns in diese wuth? ein punct, ein strich Schwabe belust. (1741) 3, 61; der ankläger ärgerte sich, dass es ihm nicht gelungen war, den ruhigen vater in wuth zu setzen Langbein s. schr. (1835) 31, 37; darum konnte ihn ein ausgesprochener zweifel an seiner geistigen gesundheit in helle wut versetzen Winnig frührot (1926) 129. in wut geraten, kommen: allein so gerieht er in die äuszerste wut Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) vorr. 18; er kam wieder in wut O. M. Graf unruhe (1948) 222. gelegentlich negativ wertend: seine wut auslassen (überwiegend an jmdm, doch in älterer sprache auch ohne oder mit anderem anschlusz): wie würde ich mich freuen, wenn sie ihre ganze wut an mir auslassen ... müszten Lessing 2, 103 L.-M.; Agamemnon wird gantz wütend, doch gehorcht er und läszt seine wut wider den Achill allein aus Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 135; lasz mich schreiben. besser ich lasse hier meine wuht aus, als dasz ich mich mit dem kopf wider die wand renne (1767) Göthe IV 1, 139 W.; ein gassenjunge, der eben geprügelt worden ist und seine wut nun an einem unschuldigen kätzchen ausläszt (1856) G. Keller br. u. tageb. 2, 406 Ermat. auf die körperlichen äuszerungen der wut als eines ihren träger beherrschenden krankhaften affekts gehen folgende im neueren sprachgebrauch oft uneigentlich aufzufassende charakterisierende wendungen (dabei steht wut in dichterischer sprache gelegentlich als inneres objekt): selten finden inchoativa und perfektiva verwendung: zur wuth entflammt Bürger s. w. 168 Bohtz; der kaiser ist sicher von wuth entbrannt A. v. Arnim s. w. (1853) 6, 49; ich zerspring' vor wut und eifersucht Nestroy ges. w. (1890) 1, 11; man möchte vor wut platzen qu. a. d. j. 1934. meist werden imperfektive verben verwendet:
zu rächen jeden tropfen blut,
der unter Bevern flosz,
war alles feuer, schäumte wuth,
schnob rache mann und rosz
Gleim pr. kriegsl. 32 ndr.;
nur der gedanke macht mich vor wuth zittern W. A. Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 28; (regieanweisung:) Miller (... tritt hervor in bewegung, wechselweis für wut mit den zähnen knirschend) Schiller 3, 415 G.; Hairaddin schnob vor wuth: hinweg, du hündische seele Pyrker Tunisias (1832) 5, 155; die königin bebt vor wut über den niederträchtigen miszbrauch ihres namens St. Zweig Marie Antoinette (1932) 221. aus der vorstellung des fieberhaften affekts folgen auch:
zur wuth erhitzt und funken sprühend
aus rothem auge fodert er
Gerstenberg ged. eines skalden 363 lit.-denkm.;
ich brannte vor wuth Bräker s. schr. (1789) 1, 262. dabei kann das charakterisierende verb in abhängigkeit von wut gesetzt werden: dann funkelte die wut in seinen augen Göthe I 45, 7 W.; meister Reinold errötete; es blitzte in seinen augen auf wie gefesselte wut, und gerade diesen blick fing Hildegard auf Ph. Spiesz Kurt Hartmuts glück u. ende (³1928) 144. fest ist: eine innerlich kochende wut Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 28; dabei kochte eine wut in ihr (d. jungen frau) auf gegen ihren mann, der so verschlafen dasasz Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 21.
D.
in übertragenem gebrauch bezeichnet wut (vorwiegend in genitivischer oder [bei adverbialer fügung] präpositionaler verbindung durch mit) den höchsten grad menschlicher leidenschaften, körperlicher und gesellschaftlicher nöte und elementarer naturgewalten. der sinnbereich umfaszt (in vielen verwendungen den menschen als träger oder objekt der wut noch einbegreifend) 'heftiges austoben' undsubstanzarm, nur die intensität messend — 'heftigkeit'.
1)
höchste steigerung von leidenschaften und gemütsbewegungen: idoch vergisst er (gott) bey solcher allgemeiner wütte seines grimms (wenn er krieg, hunger, pest, erdbeben sendet), der seinigen nicht gar Butschky Pathmos (1677) 205; sie sind sicher für flammen und der noch schädlichern wuth des neides Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 60;
o liebe! sagt' er, deiner wut
weih ich den mordstahl und mein blut:
und fing an brodt zu schneiden
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 22;
indem er noch in seines zornes wut
die peitsche schwingt
Schiller 11, 21 G.;
ich spotte seiner (des hasses) wuth und seiner dauer M. Beer sämmtl. w. (1835) 7; die wuth der leidenschaften, ... die ganze endlichkeit des menschlichen daseyns überhaupt specifizirt sich zur zufälligkeit ganz partikulärer physiognomien Hegel w. (1832) 10, 1, 194; (die menschen) werden von der wuth ihrer triebe gejagt Stifter s. w. 9 (1932) 204. sünden, laster, vgl. die zuss. sündenwüt (1648) Betulius in: dt. ev. kirchenlied 5, 54 Fischer-Tümpel:
nach dem sie das gewülck, land, wasser, gar bedöcket
mit rauch, gebein und blut,
und schier den himmel selbs, gleichwie die erd, beblöcket
durch ihrer sünden wuht
Weckherlin ged. 1, 419 lit. ver.;
ihr (der tugend) gab ich den beflammten muht
in meinem tuhn zu eigen,
und lies die erden-wilde wuht
der laster mich nicht beugen
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 52.
schmerzliche empfindungen:
brach damm und ufer losz,
wodurch die hoffnung noch die wuth der wehmuth hemmte,
nun aber auf einmahl die ufer überschwemmte
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 197;
denn sie (Epikaste) knüpft' an das hohe gebälk, in der wut der verzweiflung,
selbst das erdroszelnde seil
J. H. Voss Odyssee 11, 278 Bernays.
2)
von persönlichen und gesellschaftlichen nöten; krankheit, entbehrung:
ihr deren grob verdörbtes blut
sich gleichsam ab des fiebers wuht,
ab meiner schrift erhitzet und gefrüeret
(1619) Weckherlin ged. 1, 270 lit. ver.;
des königs heldenkrafft der wuth des schmerzens weicht
(1727) König ged. (1745) 112;
allein die schönheit ist vergangen.
da kam der blattern wuth
Chr. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 31;
viele trieb die wuth des hungers sich sogar mit todten körpern zu nähren Wieland s. w., suppl. 6 (1798) 57; der allgemeine tumult der maschine (des körpers), wenn die krankheit mit offener wuth hervorbricht (1780) Schiller 1, 167 G.;
gleich dem kranken, wenn nach fiebers wuth
ihm schlafend durch die adern schleicht das blut
(1832) A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 111.
von zank, zwietracht:
des streites zorn, des zanckens wuht
vermehret sich durch Bacchus güter
Hagedorn versuch einiger ged. 29 ndr.;
warum verzehret uns der zwietracht strenge wuth
Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 14;
ganz bestürzt war Luther, dasz der alte hader, der durch die einführung der evangelischen lehre gehoben zu sein geschienen, nun doch in aller seiner verhaltenen wuth hervorbrach Ranke s. w. (1867) 4, 197. kampf, (bürger-) krieg (vgl. jedoch die anwendungen unter C):
ihr kinder freuet euch und preiset gottes gühte
der euch so gnädiglich aus dieses krieges wühte
gerissen
Rist neuer teütscher Parnasz (1652) 599;
dasz der sturm der schlacht mich faszte,
speere sausend mich umtönten
in des heiszen streites wuth
(1802) Schiller 13, 284 G. (vgl. 14, 23);
sie lässt auf eine wuth und einen umfang der unruhen schlieszen Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 57; (Heinrich IV.) hat ... die brücken wieder aufgerichtet, welche durch die wuth des krieges zerstört worden waren Ranke s. w. (1867) 9, 85.
3)
von naturkräften, bes. vom wetter, wasser, feuer, 'entfesseltes wirken', 'heftige bewegtheit':
dar zuo hiet die selbig chilch
ein se umb sich mit hönk und milch.
der was vil michel und auch gross;
in sälder wuot (hs. wuͤt) er umb sei floss
(1410) Heinrich Wittenwiler ring 2372 Wieszner;
ein daumendikker baum der wellen wut besieget
S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1646) 2;
im winter schnaubt der nord mit stürmerischer wuth,
zerschneidet uns die haut, durchdringet marck und blut
Brockes ird. vergnügen in gott (1721) 4, 27;
(der Ätna) dessen öligtes ... eingeweide, wenn es in brand kömmt, mit einer mineralischen wuth in die höhe schlägt Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 15;
wenn nach den scharfen nordenwinden,
und nach des winters strenger wuth,
sich laue zephyrs wieder finden
Triller poet. betracht. (1750) 1, 153;
aber als nun die wuth nachliesz des fressenden feuers
(1799) Göthe I 50, 271 W.;
in fremdem leben, es umklammernd, ruht
des weibes leben: keiner stürme wuth
raubt ihm den halt
Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 21;
die Armada ... scheiterte keineswegs bloss durch die wuth der elemente Moltke ges. schr. und denkw. (1892) 6, 23;
in rasenden strudeln, in kochender wut,
gelbgrau und schäumend rauschte die flut
Agnes Miegel balladen u. lieder (1922) 12.
4)
auch auszerhalb der hier genannten verwendungen gibt besonders die fügung mit wut, wenn sie adverbial gesetzt ist, in übertragenem gebrauch den intensitätsgrad eines geschehens an ('heftigkeit'), doch bleibt sie, sofern sie subjektbezogen verstanden wird, dem eigentlichen gebrauch der bedeutungsgruppen B und C verhaftet:
wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche meinung,
die den wandrer mit wuth über Europa verfolgt.
so verfolgte das liedchen Malbrough den reisenden Briten
Göthe I 1, 234 W.;
man kann denken, wie ich (Voss), sobald mir in büchern einiger verstand dämmerte, mit wut alles lesbare verschlang J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 185; da ich so gegen andere losziehe, darf ich selbst nicht leer ausgehn. was mich besonders hindert, ist ein fahriges wesen, bei dem ich mich auf alles mit wut stürze — der erste gedanke ist meistens gut, aber dann hängt sich allerhand unrath an; gehörig sammeln und excerpieren fällt mir auch schwer (1820) Lachmann an J. Grimm in: briefw. 1, 100 Leitzmann.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2474, Z. 57.

wüte, f.

wüte, f.,
s. wut, f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2492, Z. 36.

wüten, vb.

wüten, vb.,
von sinnen, in leidenschaftlicher erregung sein; mit äuszerster härte gewalttätig vorgehen; vor zorn rasen.
herkunft und verbreitung. im got. und fries. nicht bezeugt; an. œđa 'rasend, verrückt machen', œđask 'rasend werden', norw. oda seg 'unbändig werden'; ae. wēdan 'von sinnen sein, rasen'; mnl. nnl. woeden; as. wōdian, mnd. wōden, wȫden; ahd. wuoten; mhd. wüeten. eine -jan- ableitung zu der adj.-sippe got. wods, an. ōđr, ae. wōd, ahd. wuat, fer-wuot 'besessen, rasend', die sich (abgesehen vom nordischen) mit der ausgangsbedeutung 'rasend, von sinnen sein' der gruppe der 'subjectiva' unter den verben dieses bildungstyps (Henzen dt. wortbildungslehre § 141 b) anschlieszt. zur weiteren verwandtschaft des wortes in den germ. und auszergerm. sprachen s. die nachweise unter wut, f. in den neueren dt. mundarten ist wüten ebenso wie wut nur schwach verwurzelt, weithin unbezeugt und mindestens teilweise erst aus der hochsprache eingeführt (vgl. z. b. im westfäl. das nebeneinander der formen waüden und wüten Woeste 317; 330): wödə 'nur in verhältnismäszig wenigen formen gebraucht' Wrede Köln 3, 296; wiətə 'nicht häufig gebraucht' Martin-Lienhart elsäss. 2, 884; wiətən 'allgemein bekannt (populärer: eine wut haun, wütig sein)' Fischer schwäb. 6, 1015.
form. entrundung des stammvokals (wieten) ist namentlich in weiten teilen des obd. gebietes eingetreten und aus alem. und österr. quellen des 15.-17. jhs. reichlich bezeugt: Mynsinger v. d. falken 93 H.; (1473) Steinhöwel de claris mul. 6 Dr.; Murner geuchmat 3012 Fuchs; Altenstaig voc. (1516) 87ᵇ; Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 139 ndr.; Hutten opera omnia 1, 415 B.; J. Strauss christ. unterr. (1523) B 4ᵃ; Hedio chron. (1530) A 5ᵃ; S. Franck chron. (1531) 103ᵃ; Zimmer. chron. 2, 120 Barack; (16. jh. ende) österr. weist. 5, 622; (1612) F. Platter tageb. 218 B.; F. A. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 45 (s. noch die belege bei Fischer schwäb. 6, 1015 und Diefenbach gl. 65ᶜ; 172ᶜ u. ö.). formen ohne umlautbezeichnung (wut[t]en, wot[t]en) begegnen in md. quellen der älteren zeit, im passional 489, 9 K., im buch Daniel 7916 H., bei Hermann v. Fritslar 120, 16; 153, 36 Pfeiffer, Claus Cranc 211 Z., Johann v. Saaz ackermann a. Böhmen 3, 9 B., in md. glossaren (Diefenbach gl. 29ᶜ, 300ᵇ, 482ᵃ, 511ᵃ) und noch bei Luther; umlautlose formen mundartl. im lothring. (wūdeⁿ) Follmann 549, in teilen des schwäb. (wuətən) Fischer 6, 1014 und im ungar. bergland (wūten Leibitz) PBB 21, 522. — unter nl.-nd. einflusz dringen -d-formen (wuden, woden, vgl. wuden Heinrich v. Veldeke sente Servas 4952 F.-Sch. u. Diefenbach gl. 29ᶜ [13./ 14. jh. nd.]) vereinzelt in hd. texte des md. gebietes: woden (1275) Brun v. Schonebeck d. hohe lied 3461 Fischer; wúden Lancelot 1, 466 Kluge; voden (15. jh. md.) Diefenbach gl. 300ᵇ. mundartl. im westmd.: wīden Christa Trier 221; wūdeⁿ Follmann Lothr. 549.
flexion. namentlich in reim und vers zeigt die form der 3. ps. sing. ind. präs. (ahd. wuotit, mhd. wüetet) vom 13. bis 17. jh. vielfach synkope des nebensilbenvokals (wütt, wüt): man wüt und tobt (13. jh.) kl. mhd. erz. 41, 267 R.; so wöt der win (1344) Margaretha Ebner offenb. 122 Str.; da selbst wütt es (1491) Österreicher Columella 1, 32 L.; häufig im 16. jh. (Murner, Hutten, N. Manuel, H. R. Manuel, Hans Sachs, Fischart, Ringwaldt); im 17. jh. u. a. noch bei Spreng Ilias (1610) 64ᵇ; Lehmann floril. polit. (1630) 925; (1649) Spee trutznachtigall 137 ndr.; Gryphius trauersp. 381 Palm. seltener sind verkürzte formen des part. prät.: gewüt (1521) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 375; Zimmer. chron. ²3, 255 Barack; (1575) Fischart Garg. 455 ndr. über die verhältnisse in den neueren alem. mundarten s. Hotzenköcherle Mutten 462 ff.die alte form des prät. ohne bindevokal (ahd. wuotta, mhd. wuotte) erscheint vereinzelt noch in spätmhd./frühnhd. zeit (s. Paul dt. gramm. 2, § 180): (sie) wute Claus Cranc prophetenübers. 212 Zies.; sie wútten erste dt. bibel 4, 418; 5, 337 K.; ir herz wuot Kaufringer ged. 8, 184 Euling; ein baum wüt Muskatblüt lieder 11, 46 Gr.; (es) wüt Teuerdank 20 G.
bedeutung und gebrauch. anders als wut ist wüten für alle sprachstufen gut bezeugt. die schon im ahd. vertretenen hauptanwendungen (im wahnsinn rasen A; von leidenschaftlicher, triebbedingter erregung ergriffen sein B [übertragener gebrauch unter C]; feindselig rasen D, E [mit unterschiedlicher betonung der aspekte objektgerichteter aggressivität und innerer erregtheit]; heftig bewegt sein, zerstörerisch wirken [von unpersönlichen mächten] F) leiten sich aus der gemeinsamen grundvorstellung 'von heftiger, sich der lenkung durch verstand und willen entziehender erregung ergriffen und durch sie zu bestimmtem, nicht verantwortbarem tun getrieben sein' her (weiteres s. unter wut). die genannten bedeutungsgruppen treten in den folgenden sprachstufen in verschiedenem masze bestimmend hervor. A—C gehören vorwiegend der älteren bezeugungsschicht an, seit dem frühnhd. treten sie merklich zurück. D u. E beherrschen den gebrauch des wortes zusammen mit den übertragenen anwendungen unter F im nhd.hinzuweisen bleibt auf den sich ver festigenden gebrauch des part. präs., das schon in älterer zeit zur herausbildung von sonderanwendungen neigt (vgl. A 2, G 2) und in der neueren sprache zunehmend adjektivischen charakter annimmt (E 2, G 1).
A.
übereinstimmend mit einer reihe etym. entsprechungen der wortsippe in den altgerm. sprachen (s. die aufstellung unter wut) gilt wüten im älteren dt. als bezeichnung des rasens, tobens, auszer-sich-seins im zustande der besessenheit. dieser wortgebrauch reicht nur mit einzelnen ausläufern in die neuere sprache hinein.
1)
von menschen 'besessen sein, im wahnsinn rasen': amens uuotenti (syn. zu desipientium, insipientium) (9. jh.) ahd. gl. 1, 111, 16 St.-S.; dazu vgl. aus der breiten, aber nicht immer eindeutig auf diese gruppe beziehbaren lexikalischen bezeugung des spätmittelalters etwa: Diefenbach gl. 29ᶜ s. v. amens, amentare; 172ᶜ s. v. dementare; 300ᵇ, 511ᵃ s. vv. (in)sanire; 65ᶜ, 166ᶜ s. vv. (de)bachari; nov. gl. 159ᵇ s. v. excerebris: 1. reg. 21, 15 (in bezug auf den sich wahnsinnig stellenden David) an desunt nobis furiosi edo uuan sint uns uuuatente (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 411, 55 St.-S.;
giuuit auuerdit,   that hie (der besessene) uuodiandi
fuori under them folce
Heliand C 2276 Sievers;
tho quadun manage fon in: er habet diuual inti vvuotit (Joh. 10, 20 demonium habet et insanit) Tatian 133, 16 Sievers;
si (die kinder) begunden gebaren
alse si wudende waren.
here anesichte was eislic
ende here gebare vreislic.
si verloren sin ende macht
Heinrich v. Veldeke sente Servas 4952 Frings-Schieb;
das heubt begund im (Lancelot) iteln von wachen und von vasten, so das er begund rasen, und darnach begunde er wuden eins nachtes da er off sym bett lag ..., alsus ist Lancelot dobesuchtig hinweg gelauffen Lancelot 1, 596 Kluge; vgl. 1, 466; der ander der wart wutende (verlor den verstand) und nam ime selber den lîp mit eime swerte Hermann v. Fritslar in: dt. myst. d. 14. jhs. 1, 153 Pfeiffer; (inhibitiones) allen unsynnigen lütin dy wütin sind vnde irer rechtin vernunft nicht haben (Zeitz 15. jh.) zs. f. dt. phil. 9 (1878) 147; des wütenden oder touben mentschen nechsten vattermagen uber sin gut gewalt hetten Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) 104ᵃ; zeychen des todts seind disze: wenn der mensch in der kranckheyt des wütens lacht (in furoris morbo) Eppendorff Plinius (1543) 31; als sie (die besessene) nun ye lenger ye fester gewüttet vnd gar vngestüm erzaigt, ist der gedacht herr doctor Simon an die stiegen ... kummen J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 44ᵇ; doch ist die heutige welt so toll und unsinnig, dasz sie es vor eine klugheit achtet wüten mit den wütenden und sich der welt gleich stellen Schupp schr. (1663) 562; Ibrahim wird im kercker gantz wüttend, laufft mit dem kopfe (um sich zu töten) ... wider die mauer (1673) Lohenstein türk. trauersp. 107 Just. hierzu die im 16. jh. formelhafte wendung ein wütendes ende nehmen 'im wahnsinn zugrunde gehen':
bisz in zuletzt die götlich straff
mit der grausamen wütsucht traff,
das er nam gar ein wütend end
Hans Sachs 2, 95 lit. ver.;
das wild feuwer, der kalt brandt schlug jm darzu, dasz er am dritten tag ein wütend end genommen Adam Reiszner hist. herrn Georgen von Frundsberg (1572) 92ᵃ. mhd. häufig bei kampfesschilderungen (s. D) in der vergleichsformel:
er (der riese) sluoc sam er wuote
wan daz sich Erec huote ...
er wær zem êrsten erslagen
Hartmann v. Aue Erec 5528 H.;
dô vaht alsam er wuote   der alde Hildebrant
Nibelungenlied 2282, 1 Bartsch;
der hete nah den lip verlorn.
sie vaht reht als sie wuͦte
Ulrich v. Türheim Rennewart 30 803 Hübner.
ebenfalls zu D (feindseliges toben) leitet die anwendung auf den im alkoholrausch rasenden über, die nur, soweit sie die physisch bedingte enthemmte erregtheit des berauschten betont, der bedeutungsgruppe A verpflichtet bleibt: was soll ein truncken bold, wen er nicht fluchen, maledeyen und auffs unvornunfftigest wüten und toben kund, wen ander leut rügen und schlaffen sollen Luther 8, 693 W.; (d. Spartaner lieszen vor ihr. kindern) jre knecht sich ... voll vnnd doll sauffen ..., auff dasz so sie die also hirntobig vnd schellhörnig vnnd hirnschöllig von wein rasen, ... wüten ... sehen Fischart Garg. 3 ndr.; da soffe er sich voll wein, ward rasend und wütendt und verletzet alle die er antraff Lehmann floril. polit. (1662) 4, 136.
2)
hyperbolisch 'rasen' nicht im besitz vernünftiger urteilsfähigkeit, nicht bei sinnen sein (und in diesem zustande vernunftloses tun oder behaupten); in gleicher verwendung mhd. frühnhd. toben teil 11, 1, 1, sp. 528 und rasen teil 8, sp. 132: est igitur inquit aliquis, qui putet homines omnia posse? ist îoman chad si, der mennisken uuâne mugen alliu ding tûon? nisi quis insaniat nemo. nals er neuuûote chad ih Notker 1, 242, 18 Piper;
(der reiche, der seine frau einschlosz, handelte)
als ie die tôren tâten:
wenne man sprichet, swer frouwen hüete
und hasen zeme, daz der wüete
Hugo v. Trimberg d. renner 12 888 Ehrismann;
das ander teil (der wächter am grabe Christi) waz dinne:
sie huten wol mit sinne.
nu seht ob sie niht wuͤten:
waz hilfet sie ir huͤten?
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 3523 Singer;
men mercket balde wol sick sulven lauet
dat he in narheit wotet vnd dauet
Husemann spruchslg. (1575) 15.
im streitschrifttum der reformationszeit, namentlich bei Murner, erscheint das partiz. präs. wütend im sinne von 'unsinnig, toll' als polemisches beiwort (jedoch bleibt wie bei ähnlicher verwendung von rasend, s. teil 8, sp. 135 7 b, das bedeutungsmoment zerstörerischer aggressivität spürbar): seind aber ... miszbruch abzuthun, das mag wol durch fürsichtikeit vnsers keisers ... abgethon werden ... also das deins (Luthers) wütenden rats nit darzu not würt sein (1520) Murner an den adel 22 Vosz; vnd dunckt mich (solch vorgehen) gantz vnd gar zu einem bundschu dienen, vnd einer schelligen, wietenden, vnd vnsinigen vffruren ebda 31; darumb auch die frummen weisen rädt in den stetten das erkennen und darfor seint, das dein wietende ler nit für sich gang (1522) ders., dt. schr. 8, 124 Pfeiffer-Belli; widder das wuetende urteyl der Pariser theologisten (adversus furiosum ... decretum). schutzred Philippi Melanchthon fur doctor Mart. Luther (vgl.: der selben unsinnickeyt haben itzt weytt ubir tretten ... die da Luthern tzu Parisz haben vordampt) (1521) Luther 8, 295 W.
3)
von krankheitsbildern, die durch bestimmte merkmale der besessenheit und der raserei gekennzeichnet, aber von der unter 1 behandelten grundvorstellung zu differenzieren sind.
a)
nur vereinzelt über 1 hinaus prägnant für bestimmte krankheitszustände des menschen:
α)
epilepsie:
er (der smaragd) hilft auch vor dem vallunden wüeten
(15. jh.) St. Florianer steinbuch v. 156 Lambel.
β)
phrenesis; vgl. dazu Höfler dt. krankheitsnamenb. 720; 837: wider das wütten des hirns Gersdorff feldtb. d. wundartzney (1542) 21ᵃ, dazu: die ader mitten an der stirnen geschlagen ist gut ... wider die sinnlosigkait, wider frenesim i. hirnwütung oder hirntobigkait 13ᵃ.
γ)
furor uterinus: wüten der mutter, auch manntollheit ... genennet, denen medicis aber furor uterinus Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2148.
b)
fest von tieren, namentlich hunden, 'in tollwut rasen' (überwiegend als attributives und prädikatives präsenspartizip 'tollwütig, von tollwut befallen'). im fach- und allgemeinen liter. schrifttum seit mhd. zeit (vgl. auch die rabidus-glossierungen des 15./16. jhs. bei Diefenbach gl. 482ᵃ) und bis in das 18. jh. gut bezeugt, seit dem 19. jh. jedoch deutlich zurücktretend und in neuerer sprache kaum mehr anwendbar (für den partizipialgebrauch, der in anderem sinne [s. E 2] wieder möglich ist, jetzt tollwütig). vgl. zum folgenden auch die belege bei Fischer schwäb. 6, 1014 f. sowie Höfler dt. krankheitsnamenb. 837:
swelch lûzender übel hunt sich flîzet
daz er die liute vêringen bîzet,
vor dem sol man sich vil sêrre hüeten
denne vor dem, den man siht wüeten
Hugo v. Trimberg der renner 13 272 Ehrismann;
swenne di (d. schwarze cholera) vulet in deme hunde, so wirt er wutende unde reze (14. jh., md.) fundgruben 1 (1830) 324 Hoffmann; der fünfft (gebrest der hunde) ist als er wyettent ist Mynsinger v. d. falken 93 lit. ver.; der ritter ... als ein wütender hunt mit plosem swerte sie durchrant Arigo decameron 361 lit. ver.; (er) starb doch bald darnach (an dem wolfbisz), und maint man, der wolf wer wüetend gsin (um 1530) J. v. Watt 3, 220 Götzinger; ein torichter hund wutet nur 9 tag. h(erzog) G(eorg) wutet nu 9 jar (1532) bei Luther tischr. 2, 154 W.; die hund sein ... auff treierley kranckheyt geneygt, als nämlichen wüten, stranglen vnd hufftweh Sebiz feldbau (1579) 147; so werden solche hunde nimmermehr wütend Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 44; welcher mensch die bibernell fleissig gebrauchet, diesem können die wütenden hundsbisse keinen schaden zufügen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 1, 399ᵃ; sie (die vermeintlich gebissene) ist wie auszer sich selbst, sie meynt nichts anders als sie werde wütend werden — und in wenigen tagen bellen wie ein hund (1787) Pestalozzi s. w. 3, 281 Stecher; von aller welt ... verlassen, hatte der unglückliche noch einen einzigen freund ... seinen hund, — und dieser wird wüthend Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 70.
B.
vorwiegend aufs mhd. und frühnhd. beschränkt bleibt die anwendung auf triebbedingte erregungszustände. kennzeichnend ist die neigung zur verlagerung des subjektbegriffs vom menschen auf affizierte organe. einige der hierhergehörigen gebrauchsweisen (s. besonders 1 u. 3) erwachsen in ihrer formelhaften festigkeit deutlich aus der höfischen literatursprache. das sachverhaltschema scheint im späteren sprachgebrauch durch änderung der regierenden subjekte umgedeutet: wüten wird unter inhaltlicher beeinflussung durch die bedeutungsgruppe D (feindselig rasen) auf bestimmte abstrakta bezogen, s. dazu die übertragenen verwendungen unter F 2 d u. 3.
1)
in leidenschaftlicher erregung, heftiger (innerer) unruhe sein (vielfach mit präpositionalem anschlusz wüten in); vorzugsweise von heftiger liebesleidenschaft. vgl. dazu Prudentius, Peristeph. 13, 24 (quo geniale tori ius solveret) estuante nupta vuotantero quenun (11. jh.) ahd. gl. 2, 439, 64 St.-S.:
sich (sælic wîp), sô wirde ich aller fröide wol gemeit
und in hôhem muote wüetend âne leit
Heinrich Teschler 1, 22 Bartsch;
ain frowe wenne die in liebe angehept zewüten, so mag sy allain das end sölicher liebe mit tode erfolgen. danne frowen ..., sint sy in liebe, vnsinnenklichen wüten (1478) Niclas v. Wyle translat. 38 Keller;
jr adlich gmüt macht das ich wüt
vnd kan jr nicht vergessen
(1539) Forster fr. teutsche liedlein 146 ndr.
in der regel erscheint nicht die person, sondern das organ des empfindens (namentlich herz, gemüt) als subjekt:
lass (dame) dein hercz dester mynner wuten
in den frewden, wo man dich sicht,
daz man dir eins guten gicht!
Heinrich der Teichner 727, 64 Niewöhner;
ob dann (wenn die geliebte mich freundlich ansieht) min hertze wutet
vor freuden als ez tobet
die minneburg 3472 Pyritz;
die wirtin was (bei tanz und saitenspiel) gar wol gemuot
ir herz in frauden tobt und wuot
Heinrich Kaufringer ged. 8, 184 Euling;
es ist ein gnuͦg eehafte ursach der ee, so einer so ungstuͤmlich gebrennt wirt, dasz sin gmuͤt gemeinlich füret und wuͤtet (1523) Zwingli dt. schr. 1, 327 Sch.;
denn ich (Acolastus) empfindt,
das all min gmut
in liebe wüt
(1535) Binder Acolastus in: schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 231 Bächtold;
sein (des eifersüchtigen) hertz vor ängsten weynt und wütt,
in grossen sorgen er ir (der frau) hütt
(1553) Hans Sachs 17, 31 lit. ver.;
ihr (der jungfrau) adelichs dapffers gemüt
macht, dasz mirs hertz im leibe wüt
(1605) Spangenberg in: griech. dramen 1, 214 Dähnhardt.
so auch später noch dichterisch:
wenn sich nach mitternacht die nassen augen schlieszen,
schläft doch mein herz nicht ein, es wütet spat und früh
(im liebesschmerz)
Lenz ged. 114 Weinhold.
im ethisch-religiösen bereich:
die wîl ab im die sinne wuotent
und die sünde umbe in fluotend,
sô sol er zuo sîn herze sliezen
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2288 Weinhold;
mein innerste ding die wuͦtten on alle ruͦe, die tage der quelung fúrkamen mir (interiora mea efferbuerunt absque ulla requie) (Hiob 30, 27) erste dt. bibel 7, 209 K.; es sey dann das der mensche gantz vnd gar ainfeltig in seinem hertzen werde, vnd daz das wüten vnd durcheinander zabeln in jm aufhöre, sunst mag er nimer gott in seinem hertzen haben Keisersberg predigen teütsch (1508) 10ᶜ; ähnlich ders., christenl. bilgersch. (1512) 147ᵈ; vgl. 179ᵇ; brösamlin (1517) 2, 37ᵇ.
2)
wüten des blutes als ausdruck triebhafter erregung (anders C 1 a): so aber die hitze des geblüte wird wüten machen vnd magst dich nit mer auffgehalten, keüsche zu beleiben (1472) Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 60 Herrmann; daz darumb das blut etwann erhicziget in begirlichait, daz wir also das wütend, anfechtend geblüt mit arbait ... erkülten von der hicz (1473) Steinhöwel Boccaccio 152 Drescher;
dem mann entzündts (sie) do mit syn blüt,
das es gantz schellig würdt und wyet
(geuchmat: das ich gantz schellig byn und wüt v. 2961 Fuchs)
(1515) Murner mühle v. Schwindelsheim 10, 184 Beb.;
(das singen) ist angesehen vnd vffgesetzt vmb der iungen lüt willen, es sei in man oder in den frawen clöstern, das sie ettwas haben zuschaffen, damit sie vil vnderwegen lassen ... wann das blut noch wütet vnd seind nit geschickt zeschawen Keisersberg brösamlin (1517) 1, 18ᵇ; fleisch und blut ist wütende und unsynnig ynn dieser anfechtung, sonderlich wenn sie (mann und weib) bey einander sind (1527) Luther 24, 636 W. (vgl. 10, 1, 1, 693; 41, 650; tischr. 3, 515; ferner 28, 527).
3)
vielfach tritt (wie teilweise schon in den vorausgehenden belegen) das zielgerichtete der leidenschaftlichen erregung stärker hervor, so dasz wüten in der verbindung mit richtungspräpositionen (insbes. wüten nach, seltener gegen, zu) den sinn 'leidenschaftlich, begierig verlangen' annimmt; vgl. mhd. frühnhd. toben teil 11, 1, 1, sp. 529; ferner mnl. woeden Verwijs-Verdam 9, 2736:
daz wâren huorære
und unrehte gîre,
die dâ phlegent deheiner vîre:
ze allem ir sêre
sî wüetent ie nâch mêre,
wand si nieman erfüllen mac
visio Tnugdali 698 Wagner;
wie vil man ir vor saget
das sy sich sulle hueten,
uncheusche haiset sy wueten
dar czue
Heinrich v. Burgus der seele rat 456 Rosenfeld;
(ich bekenne,) das ich stätticlichen prinn,
wütt und tob nach ewer minn,
seit ir mir sind gelübt ze weib
Heinrich Kaufringer ged. 14, 206 Euling;
der liebsten fräd bist du ain prunn
vnd auch des liechten mayen wunn,
nach deiner lieb ich wütte!
liederbuch d. Hätzlerin I 97, 33 Haltaus;
das sie nicht also tob und wüt
zu den lasteren alle frist,
darzu die jugendt geneiget ist
(1559) Hans Sachs 7, 328 lit. ver.; vgl. 11, 351.
gemüt, herz (u. ä.) als subjekt:
wir müezen sie (des herzens arche) vil starke
vor den gedanken behüeten,
die nâch den sünden wüeten
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2530 Weinhold;
mîn fröide an der vil schœnen lît
nâch der mîn herze wüetet
minnesangs frühling 92, 17 v. Kraus;
ir (d. Maria Magdalena) burnde minnender sin
den si nach irme herren truch
alle ir vreude nider sluch
... (sie spricht:)
min leidech herze in miner brust
wutet nach im (Christus) eine
passional 93, 27 Hahn;
mein hertz in fräden wüte
nach irer werden güte,
so mich ir mündlin lachet an
liederbuch der Hätzlerin I 42, 7 Haltaus;
hie ist mein wil und als mein gemiet,
fleisch und bein mit allem bliet
nach deiner schönen dochter wiet
(1522) Murner v. d. groszen Lutherischen narren 246 Merker;
mein hertz daz wüt nach deiner güt
lasz mich fraw nit verzagen
(1539) Forster fr. teutsche liedlein 116 ndr.
auch: wie fleisch undt blutt in einem jungen gesellen wuthet zur unzucht Luther 33, 256 W. nur vereinzelt auszerhalb des zusammenhanges geschlechtlicher erregung (vgl. aber wut B):
wenn du ein zymlich narrung hast,
was wietest doch nach gut so fast
(1515) Murner mühle v. Schwindelsheim 36 Beb.;
sobalt es (den köder) die hasen wittern, kommen sie gelaufen und alda zusammen und thuen wüttend sehr darnach (1569/70) haush. in vorwerken 216 Ermisch-W.
C.
von der verselbständigung der äuszeren merkmale triebhafter erregungszustände des menschen (B) gehen einige übertragene anwendungen der älteren sprache aus.
1)
von ungestüm oder schmerzhaft verlaufenden körperlich-organischen vorgängen, vorwiegend in der medizinischen fachsprache der frühen neuzeit. die stelle des regierenden subjekts wird im späteren sprachgebrauch gern durch verallgemeinernde abstrakta eingenommen. damit mündet der gebrauch in die übertragenen verwendungen unter F 3 ein.
a)
von der ungestümen wallung des blutes 'in heftiger (schmerzhafter) bewegung sein' (vgl. 1 b und Höfler dt. krankheitsnamenb. 61); besonders häufig von den blutstöszen der arterien: so er sú (die beine) ... also huͦb ungestreket, so ward daz bluͦt wuͤtende in den bein Seuse dt. schr. 45 Bihlm.; do wüt das blut im arm, das der arm zwischen der hand auf gehawen (gehoben) ward wie ein bogen H. Braunschweig chirurgia (1498) 70ᵇ; wüetet aber ein ader vnd wolt sich nit lassen stellen, so cauterisiers Gersdorff feldb. der wundtartzney (1517) 70ᵇ; item ob ... verwundt weren ... arteria ..., das die inn ain wüten vnd bluten kömment H. Braunschweig chirurgia (1539) 17ᵃ; also, do das geblüet genug het gewüet (bei der krankheit eines jungen edelmanns) und ein unseglicher schmerzen gewest, do liesz es doch letstlichen nach Zimmer. chron. (²1881) 3, 255 Barack; innerlicher vrsachen halb, fleuszt solcher vierwöchiger flusz onmässiglich von vberflüssigem blut, stärcke vnd schwäche der natur, welche das vberflüssig geblüt (sonderlich wo es hitzig, wütend oder boszhafftig) vnderstehet hinweg zutreiben Ruoff hebammenb. (1580) 200.
b)
von kranken organen 'heftig schmerzen' (bes. im fieber oder bei entzündung); vorwiegend gebraucht in der form des subst. infinitivs (nicht selten unter verlust der subjektbeziehung und dann auch als krankheitsbezeichnung auftretend). vgl. zum folgenden die belege bei Höfler dt. krankheitsnamenb. 16; 706; 844 (aus arznei- und kräuterbüchern d. 16. jhs.) sowie Fischer schwäb. 6, 1015: nun merck das disze kranckheit (hämorrhoiden) kompt mit grosszem wee vnd schmertzen, das der mensch nit gon mag vor ... groszem wüten vnd schmertzen vnd brennen Gersdorff wundtartzney (1517) 47ᵃ; dise (drogen) ... senfftigen auch das hefftig wüten vnd toben des hirns in solchen hitzigen gebrechen (mit fieber verbundenen herzanfällen) Ryff confectb. (1548) 77ᵃ;
es (das buch) würd euch (den gichtkranken) das gmüt so begüten,
das jr vergeszt am leib das wüten
(1577) Fischart w. 3, 12 Hauffen;
das puluer von blumen in baumöl gewickelt vnd auff zän gelegt, stillet das wüten Lonicerus kreuterb. (1593) 120ᵇ; (rezept) für hefftige schüsz vnd wüten im haupt (kopfschmerzen) Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 6; (rezept für den, der) ein wüten oder (gichtartiges) gesücht in einem arm oder bein hat ebda 1, 399; dieses werden die weiber im dritten monat ... wohl gewahr, wie wüthen, stechen in zähnen, rücken und dergleichen kommt (1619) Böhme s. w. 3, 131 Schiebler; furunculus ein spitziges blutgeschwer, das da wütet vnd tobet Corvinus fons lat. (1646) 376; der kopff fieng mir (in dem rauchigen, lichtarmen keller) dahero an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreissen wolte (1669) Grimmelshausen Simpl. 107 Scholte; (rezept für) allerley gliederschmertzen und wütende zustände, vom fallen, stossen, schlagen und stechen Hohberg georg. cur. 1 (1682) 300ᵃ; sie legte zur probe, ob der scharbock darunter stecke, einen regenwurm auff den hitzigen und wütenden ort (den schenkel) und daselbst starb er Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 827;
die kranckheit, die du trägst, ist nicht von schlechter pein
das wütten und der krebs, des fiebers kaltes wesen
kan dieszer noth an krafft nicht gleiche seyn
Hoffmannswaldau getr. schäfer (1700) 57.
in segenssprüchen (s. Höfler dt. krankheitsnamenb. 836) landschaftlich noch erhalten: Fischer schwäb. 6, 1015; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 686. vereinzelt auch liter. in mundartnaher sprache, so bei dem schwäb.-bair. beeinfluszten P. Dörfler: sein kopf wütete (im fieber) und schien mit messern gespickt zu sein der notwender (1934) 164.
2)
in von 1 a abgeleiteter verwendung (vgl. aber F 1) auch auf chemische vorgänge bezogen, 'heftig gären': so der most verslossen ist in dem vasse, so tobet und wöt der win (1344) Margaretha Ebner offenbarungen 122 Strauch; das saltz vnd der sulphur ... durch die erden in das widerspiel gebracht ..., (sind) in ein wüten kommen vnnd (haben sich) gebläet, als ... schaum oder gest von einem fleisch oder wein Paracelsus opera 2, 57ᴮ Huser. vgl. dazu: das bier hat sich abgewütet (defecata est) Stieler stammb. (1691) 2588; ein rasender porter wüthet und schäumt in den gläsern Börne ges. schr. (1829) 5, 80. — ähnlich 'heftig, schäumend kochen': nimb ein halbe masz honig, drey vierdung ... alaun, das lasz wol vnder einander sieden, es wüettet fast, deszhalben magstu wol einen desto grösseren hafen nemmen, das es nit vberlauff Seutter roszartzney (1588) 268.
3)
wie rasen 5 teil 8, sp. 134 f. kann wüten auch (mit persönlichem subjekt) in neutraler auffassung (anders D) heftige, ungestüme bewegung bezeichnen.
a)
sich unbändig, ausgelassen bewegen:
ich sihe wol, swer nu vert sêre wüetend alse er tobe,
daz den diu wîp nu minnent ê
dann einen man der des niht kan
Reinmar in: minnesangs frühling 162, 30 v. Kraus;
dô quam sancte Jerge wutende ('ungestüm heransprengend') ûffe sîme rosse Hermann v. Fritslar in: dt. myst. d. 14. jhs. 1, 120 Pfeiffer; also fiengent sie an ein fest dem got Bacho zu haben mit saufen und schreien, freszen und wüeten (Nürnberg um 1488) städtechron. 3, 143; jre (der mischung) süssigkeyt ist den binen angenem vnd stillet derselbigen schwärmen vnd wüten (qui par leur douceur ... appaiseront leur fureur) Sebiz feldbau (1579) 304;
in stoltzem zug vnd schwermen
dasz munter bürszlein (der bienen) wüt
(1649) Spee trutznachtigall 137 ndr.;
ich ... zweiffelte, ob die täntzer den boden einzutretten, so gewütet, oder ob ich nur so überredet worden? (1669) Grimmelshausen Simpl. 96 Scholte; im unermeszlichen schwimmen und sich darinn baden, und darinn wüthen und toben ... diese aus- und fortströmende fülle im absoluten nichts und all ... ist eben so ungriechisch als übermenschlich (1800) Herder 22, 274 S. nur vereinzelt mit nichtpersönlichem subjekt:
gottlob, das ich ein junge bin,
mit hosen angethan,
der seinen frohen, freyen sinn
eins wüthen lassen kann
Overbeck verm. ged. (1794) 245;
habt ihr nicht auch unten das trampeln gehört? ... wir drei machen uns zuweilen solche motion. die beine wüthen in der jugend gern, so lange sie noch keine gicht spüren (1825) Tieck ges. nov. 8 (1853) 437.
b)
nicht unmittelbar eine konkrete bewegung, sondern die lebensweise charakterisierend in der anwendung auf das rastlose sich abmühen, hetzen und jagen des erdenmenschen um vergänglicher güter willen; vielfach wüten D nahekommend:
in dirre (welt) man wüt und tobt,
in jener man got immer lobt
(13. jh.) kl. mhd. erz. 41, 267 Rosenhagen;
hat ainer guet, zwar des bedarff er hüeten,
ie grösser er, ie merer toben und wüeten
Oswald v. Wolkenstein 95, 36 Schatz;
ynn desz mustu gott befelhen, ... auff das du seyn werck ynn dir und inn deinem feind nit hynderst, wie die thun, die nit auffhoren zu wueten, sie haben den yhr ding entwedder mit dem kopff hyn durch odder tzu drummern bracht (1521) Luther 8, 217 W.; do suchen wir ere vnnd reichthumb, do wüten wir als wölten wir ewiglichen vnsere wonung hie haben S. Münster cosmogr. (1550) 3;
auch wird keiner von disem werck
daran er einmal setzt sein stärck
ablassen, er hab dan zuvor
getriben ein selsam rumor,
vnd lang gewüt vnd lang gewült,
alles mit neid vnd streit erfüllt
(1575) Fischart Garg. 455 ndr.
ähnlich:
wier sollendt in (königen u. priestern) gros er erbieten
das sie vns dag und nacht verhieten,
so wier ruwen, miessendt wieten
(1514) Murner dt. schr. 1, 2, 65 Michels.
D.
gegen die unter A—C dargestellten verwendungsweisen, die im wesentlichen auf die ältere sprache beschränkt bleiben, setzt sich ein gebrauch ab, der zwar bereits in ahd. und mhd. zeit faszbar ist, sich jedoch erst im frühnhd. stärker entfaltet undnach dem zurücktreten der älteren bedeutungen (A—C) — zur nhd. hauptanwendung wird. dieser gebrauch, gekennzeichnet durch die vorstellung des rasens in heftiger feindseliger erregung, zeigt eine zweisträngige entwicklung (D—E): während einerseits (D) — ausgehend von der situation des kampfes, der bewaffneten auseinandersetzungdie (gegen das objekt der feindschaft gerichteten) tätlichen, gewalttätigen äuszerungen des erregungszustandes in den vordergrund treten, liegt andererseits (E) der nachdruck auf der erfassung des inneren vorganges selbst (wenn auchwie namentlich im falle des nichtpartizipialen gebrauchsunter einschlusz seiner mimischen, gestischen und stimmlichen äuszerungen). zugleich zeigt sich hier eine spezialisierung des wortgebrauchs auf den bereich der zorneserregung im eigentlichen sinne.
1)
'in heftiger feindseliger erregung gewalt ausüben' (wider, gegen; seltenere präpositionale anschlüsse s. unter 2).
a)
im kampfe, in wilder kampflust rasen: judic. 20, 25 (tanta in illos caede) bacchati sunt (ut decem et octo millia virorum ... prosternerent) vuotton, uuotinti uuarun (9./10. jh.) ahd. gl. 1, 383, 61—62 St.-S.; (gens Pherezea sagittis) insultat (virtute pari) xxptkt (uuotit) (11. jh.) 2, 515, 64 (Prudentius, hamartigenia 421); (nec minor Euryali caedes; incensus et ipse) perfurit uvotta (11. jh.) 2, 665, 1 (Vergil, Äneis 9, 343);
sine mohtenz mit ir sinnen   dô niht understân,
dô Volkêr unde Hagene   sô sêre wüeten began
Nibelungenlied 1967, 4 B.;
(sie) begegetten in vnd wutten also gröszlich in der schlacht wider sy vnd es vielen xviii tausent der mann judic. 20, 25 erste dt. bibel 4, 418 Kurr.; auff das er (Odysseus) des raubens, brennens, verhergens, blutrunstigen wüttens (im kriege) nit tailhafftig wurd Schaidenreiszer Odyssea (1537) vorr. 2ᵇ;
befrembdet euch, ihr völcker holder sitten:
dasz des erzürnten Bosphors schlund
den strand verlässt, wo Thrax und Türcke wütten
(1673) Lohenstein türk. trauersp. 110 Just;
nicht wüthe mir im vordertreffen so,
dasz nicht dahin dein edles leben sey!
(μηδέ μοι οὕτως δῦνε διὰ προμάχων)
(1776) Bürger w. 161ᵇ Bohtz (Il. 5, 250);
(Romeo:) zieh, Benvolio!
schlag zwischen ihre (der fechtenden) degen! schämt euch doch,
und haltet ein mit wüthen (forbear this outrage)
Shakespeare 1 (1797) 86;
der augenblick ..., wo durch sein (des Telephos) wüthen aufgereizt ... Achilleus sich ihm entgegenwarf Welcker alte denkmäler (1849) 1, 202. von der kampfsituation her übertragen: Ajax erschien nicht, wie er unter den heerden wüthet, und rinder und böcke für menschen fesselt und mordet (1766) Lessing 9, 21 L.-M.; da hat er unter den mäusen ... auf dem boden gewütet, bis keine mehr lebte E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 28 Gr.; im bruch hinterm dorf hatten sie wie die wilden gewütet, da muszte am fliesz alles runter, eichen und erlen und pappeln Welk Grambauer (1957) 457.
b)
mit äuszerster härte, grausamkeit gewalttätig vorgehen (namentlich mordend und zerstörend): Gregorii cura pastoralis 3, 21 PL 77, 87 (in proximorum nece) grassantur uuatant (9. jh.) ahd. gl. 2, 172, 46 St.-S.; vuottent (10./11. jh.) 2, 192, 11—12; Prudentius, peristeph. 2, 58 ('soletis' inquit 'conqueri,) seuire (nos iusto amplius, cum Christiana corpora ... scindimus') vuotan (11. jh.) 2, 431, 39; exaltare super celos deus ... heue dih uber himela got nim dih selben ûzzer dero uuuôtenton (der Juden) handen (ps. 56, 6) Notker 2, 216, 6 Piper; die Ivden mêr wutent (Iudei magis seuiunt saxaque prehensa manibus coniurant ut occiderent uerendum Christi militem [einen märtyrer]) (12. jh. ende) cod. pal. Vind. 2682 II (interlinearversion d. hymnen 38, 6) 24 Törnqvist; in solichem fürnemen ward lützel rat geschlagen, wann das pöfel wüetet (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 143; dennoch habt jhr grossen feinde aller newigkeit nicht allein diese lesterliche newigkeit angenomen und gehalten, sondern auch mit grewlichem wüten und verfolgen ... verteidingt (1530) Luther 30, 2, 320 W.; (die geistl. inquisitoren) müssen irem wüten und morden einen schein geben (1544) Sleidanus reden 59 lit. ver.; es kan doch der Türk sampt allen seinen machometischen nit mehr wieten und tirannisieren (als die bilderstürmer) (1566/67) Zimmer. chron. ²2, 120 Barack; die menschen ... mit morden und brennen, rasen und wüten ... das gebot gottes ... auss den augen setzen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 45; die vermeinten geistlichen ärgerals tyrannen und bestien wider die unterdrückten gewütet G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2ᵇ; obgleich aber die stiefmütter wider ihre stiefsöhne und stieftöchter nicht allezeit mit dem schwerdt, gifft und strick zu wüten pflegen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 133ᵇ; was wüthet ihr (bauern) und verderbt das land! wollt ihr abstehen von allen übelthaten ..., so will ich (Götz) ... euer hauptmann sein Göthe I 8, 144 W.;
könnt ihr es tragen, dasz der fremde söldner
auf deutschem boden wüthet ...?
Z. Werner Martin Luther (1807) 8;
die polizei wirthschaftet, wühlt und wüthet ohne alles masz, ... alles ist polizei und nichts als polizei (1848) Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 178; sie hätten (bei dem kreuzzug gegen die Albigenser) ungefähr 20 000 menschen umgebracht ... und so gottes wunderbares wüten erlebt K. Brandi reform. (1927) 12. auch mit sachobjekt: man hat hinzugefügt, dasz solches wüthen ... gegen kunstdenkmale ... barbarisch und beklagenswerth sei Droysen gesch. Alexanders d. Gr. (1833) 248. abgeschwächt: Galomir (ihnen nachsehend, dann gegen seine bande wütend) Grillparzer s. w. 8, 84 Sauer (bühnenanweisung).
c)
namentlich auch tyrannische gewaltausübung kennzeichnend; s. dazu die seit ahd. zeit bezeugte ableitung wüterich 'tyrann': sie (Agrippina) wuͤtet ain michele zyt mit tod schlegen und die burger in das ellend zeverdammen (nam caede plurimum atque exilijs aliquandiu debacchata est) (1473) Steinhöwel de claris mul. 279 lit. ver.; nützlich aber ists zuwissen, was belonung vnd rach gefolget hab, dem wieten vnd der grimmi Herodis Hedio chron. Germ. (1530) A 5ᵃ; des wütens und tobens der tyrannen wider die christen (1537) Luther 45, 28 W.; vgl. 10, 1, 1, 632; tischr. 5, 499; Amurates (ein türkischer herrscher) ... fieng nach seinem vatter Orchane an zewüten vmb das jar 1363 Stumpf gem. eydgnoschafft beschreyb. (1548) 10ᵃ; die vögt (Geszler u. Wolfenschieszen) fiengend an noch grimmer zu wüten Tschudi chron. Helvet. 1, 233 Iselin;
Nero und Caligula, welche durch ihr blutig wüten
vormals alle welt erschreckt
Triller poet. betracht. (1750) 3, 379;
ein tyrann wie Antiochus sollte bis an das ende seines lebens ungestraft wüten ...? (1794) Herder 19, 123 S.; während er (Napoleon) auf diese weise (mit verhaftungen u. hinrichtungen) in Frankreich regierte und wüthete E. M. Arndt schr. (1845) 1, 235; die panik des tyrannen, der einer widersetzlichkeit durch kopfloses wüten begegnet H. Mann ausgew. w. 1, 519 Kant. übertragen auf die elterliche zucht, 'hart, mit äuszerster (oder übermäsziger) strenge vorgehen': also wüten auch etliche eltern hefftig wieder die kinder Barth weiberspiegel (1565) l 7ᵇ; (väter, die) wider ihre früchte haben wüthen müssen anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 487 Gottsched. von liebestyrannei:
sie herrscht im herzen? nein, sie wütet;
denn Laura hält mich ab vom schmaus
Lessing 1, 85 L.-M.
d)
wider, gegen sich selbst wüten (vgl. unten 2 b) '(im affekt) schonungslos auf das eigene verderben hinarbeiten, sich selbst gewaltsam zugrunde richten': nit allein solch ir unmenschlich unersettlich wesen streckt sich gegen iren nechsten, sondern sie wüten auch mehr denn greuwlich gegen sich selber (1563) Kirchhof wendunmuth 1, 362 Öst.; wider sich selbst wüten arrabbiare contro se stesso Kramer t.-ital. 2 (1702) 1412ᵃ;
beschliesze nichts gewaltsam blutiges o herr,
wider dich selber wüthend mit verzweiflungsthat
Schiller 14, 119 G.;
in zweisprach mit geistern und gen sich selber wüthend, hütete man ihn als wahnsinnigen manches jahr (1828) Grillparzer s. w. 13, 221 Sauer; (Ermanarich,) der auf des treulosen Sibichs anstiften, gegen sich selbst wüthet und sein eigenes geschlecht zu grunde richtet (1829) W. Grimm dt. heldensage (1867) 22; er könne nur das eine immer wiederholen, der feldmarschall wüte gegen sich selbst, wenn er sich nicht ruhig verhielte Ric. Huch d. gr. krieg (1920) 3, 405; dasz dieses junge wesen ... tief enttäuscht sein müsse, da es so dreist und verbittert gegen sich selbst wüte Musil mann ohne eigenschaften (1956) 1101. nahe stehen fügungen wie: meine frau hielt es für eben so grausam, ihr kind zu schlagen, als wider ihr eignes eingeweide zu wüten Rabener schr. 1 (1751) 84; Rätel schalt den husaren um die bitterkeit in seinem schmerze: du wüthest in deinem eigenen eingeweide, Lammfell, du erträgst die prüfung nicht wie ein christ Holtei erz. schr. 14 (1862) 186.
e)
auf die tätigkeit des wundarztes bezogen (wobei die vorstellung der feindseligen erregung gänzlich hinter der der gewalttätigen einwirkung zurücktritt): die kaltsinnigkeit, mit welcher der wundarzt zur rettung des kranken wütet Kästner verm. schr. 2 (1772) 20; (der arzt) wütet freylich, aber wider die wunde, den menschen zu retten, um den es, wenn er schonete, geschehen wäre Weissenbach slg. auserles. gleichnisse a. d. kirchenvätern (1794) 134; entzündungskrankheiten seien ... an der tagesordnung, und man wüthe mit aderlassen Görres ges. br. (1858) 3, 561.
f)
dichterisch mit verschiebung des subjekts vom handelnden menschen auf das mittel seines (gewaltsamen) handelns (vgl. dazu: gewafent vvͦtet chlôn wizenæres vnsinniges hant [armata seuit ungulis tortoris insani manus] cod. pal. Vind. 2682 II [interlinearversion d. hymnen 107, 3] 77 Törnqvist):
schau, Wentwort! wie das beil in dieser leiber wütt,
die wider länder recht und wider völcker sitt
geschlossen Carols tod!
(1663) Gryphius trauersp. 381 Palm;
das schwerd des hitzigen printzen wütete indessen immer fort Ziegler asiat. Banise (1689) 578;
hier drang sie (Elektra) jenen alten dolch ihm (Orest) auf,
der schon in Tantals hause grimmig wüthete,
und Klytämnestra fiel durch sohnes hand
Göthe I 10, 45 W.;
der mond ... zeigte, dasz hier noch vor kurzem die axt unbarmherzig gewüthet hatte (im walde) (1841) A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 273. von geschossen: vor unserer lagerstätte (auf dem schlachtfeld v. Friedland) wütheten die haubitzgranaten (1809) mon. Germ. paed. 40, 231. als akt der züchtigung: seine (des kutschers) peitsche wütete jetzt ... desto heftiger Thümmel reise i. d. mittägl. prov. v. Frankreich 1 (1791) 45; fort wütete der stock, bis der arm (der mutter) müde war J. H. Voss antisymbolik 2 (1826) 193.
g)
im geistlichen sprachgebrauch bezogen auf das gewalttätige, verderbliche wirken des satans (der hölle) und der welt, auch des todes (wüten des teufels, der welt namentlich bei Luther auszerordentlich häufig); vgl. dazu die belege unter 2 a sowie: (mox) furibunda (jugis sensit fallacia [= daemon furibundus et fallax] Christum) uuottinta (12. jh.) ahd. gl. 2, 351, 11 (Juvencus, evangelica historia 1, 434 [PL 19, 116]):
wer mochte sich aber behueten
so der tiefel beginnet wueten
Heinrich v. Burgus der seele rat 3422 Rosenfeld;
(die) welt, die alwegent in eime übent und wütent ist Tauler pred. 170 Vetter; er (Christus) ist nidder gestigen zu der helle, auff das er die tyranney vnd das wüeten der helle vmbstiesse vnd verterbete (1526) Hegendorff in: zwei ält. katechismen 56 ndr.; (der satan) yetz in der gantzen welt tobet und wüttet (1526) Luther 10, 1, 2, 440 W.; weil sie (die welt) widder das euangelion tobet und wütet (Joh. 17, 9) ebda 28, 130;
darumb so traw ich dir (gott) allein,
wenn tod vnd teuffel wüten
Ringwaldt handbüchlin (1598) A 6ᵇ;
dagegen (gegen die weisen, verständigen) hat der teufel gewüthet und getobet ... wenn die natur oft einen gelehrten, verständigen menschen zugerichtet hat ..., so hat der teufel ... denselben verführet in fleischliche lüste, in hoffart J. Böhme s. w. 2, 4 Schiebler; der tod (ist) ... unaufhörlich rund gegangen und (hat) auf eine unbeschreibliche weis unter ihnen gewütet (1679) Abr. a s. Clara w. 2, 196 Strigl;
wenn Christus seine kirche schützt:
so mag die hölle wüten
Gellert s. schr. 2 (1839) 178;
der tod hat seit einem jahre grausam gewüthet unter den reihen der deutschen philologen W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 111; (einsiedler,) die, während drauszen der tod dräut und wütet, in ihrem herzen den tod überwunden haben, naturfrieden um sich, gottesfrieden in sich Dehio kunsthist. aufsätze (1914) 229. wüten des fleisches, der vernunft: wenn das fleysch wütet widder den geyst Luther 8, 542 W.; do hebet sich denn der streytt, da wueted die vornunfft widder die gnade ebda 10, 1, 1, 205; vgl. 10, 1, 1, 234.
h)
auch auszerhalb des geistlichen sprachgebrauchs gelegentlich auf das zerstörerische wirken unpersönlicher mächte übertragen (wüten der elementaren [natur]gewalten s. unter F):
vermochte denn dein (des rosenstocks) schmuck sie (die zeit) gar nicht zu begüten?
der reizte sie vielmehr noch grimmiger zu wüten
(1638) Königsberger dichterkreis 8 ndr.;
noch prahlt ein baum mit manchem frischen aste,
die blätter bilden noch geräum'ge lauben,
da schon zerstörung wütet unterm baste
Platen ges. w. (1839) 94;
(der neffe,) dessen treue anhänglichkeit an das staufische haus nicht ahnte, dasz die 'gladii severitas' gegen Friedrichs eignen sohn wüten würde J. Grimm kl. schr. (1864) 3, 38; unter den groszen des regimes ... wütete richtend der selbstmord Th. Mann Faustus (1948) 759.
i)
die vorstellung der gewalttätigen einwirkung auf den gegner (im kampfe) veranlaszt schlieszlich übertragungen auf das gebiet geistiger auseinandersetzungen; jedoch ist eine scharfe scheidung gegenüber wüten E 'in heftigem zorn, vor wut rasen' (vgl. namentlich E 1 und 3 c) nicht möglich. 'mit äuszerster heftigkeit, blind-rücksichtslos eifern': (du, Emser,) wietest widder mich nur mit menschen gesetzen (1521) Luther 7, 674 W.;
du (gott) verdeckst sie (die frommen) in deiner hütten,
vor der zänckischen zungen wüten
(1562) Hans Sachs 18, 135 lit. ver.;
lüget fort ihr lästerer, wütet immer wie ihr wollet,
... sprützet euer schmächgewässer
auf mein löbliches gerüchte. wohl! ich bin doch, der ich bin
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 322;
(ein vermächtnis,) in welchem er mit der feurigsten beredtsamkeit gegen die religion wütet Cramer nord. aufseher (1758) 1, 146; doch ist ein merckwürdiges phänomen, dasz ... ein gränzenloser hasz gegen Kotzebue sich hervorthut ... bürger wie studenten wüthen ('hetzen') öffentlich gegen den erbfeind, wie sie ihn betrachten (1818) Göthe IV 29, 30 W.; gegen die lesart Phol (im zweiten Merseburger zauberspruch) darf nicht gewütet werden (1842) J. Grimm kl. schr. (1864) 2, 13; dasz sie ihren schmerz nicht anders zu beschwichtigen wuszte als durch ein verborgenes wüten gegen alles, was ihr dasein bisher erfüllt und gerechtfertigt hatte Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 52.
2)
präpositionale anschlüsse. die bezeichnung des ziels, dem die durch wüten ausgedrückte (gewalt)handlung gilt, wird in der regel durch die präpositionen wider, gegen angefügt (s. die belege unter 1). daneben begegnen im mhd., frühnhd. und älteren nhd.allerdings weitaus seltener und zum teil ganz vereinzeltverbindungen mit anderen, doppelter rektion fähigen präpositionen, deren akkusativfügung das richtungsverhältnis (der gewalteinwirkung) zum ausdruck bringt. der neueren sprache, die auch auf dativverbindungen (unter den Griechen, in den eigenen eingeweiden wüten) ausweichen kann, sind diese anschluszmöglichkeiten verloren gegangen.
a)
mhd. vereinzelt wüten an:
(sieben teufel) der strazen alda huten
vnde an die lute wuten
die da vor hin suln gan
passional 203, 47 Hahn;
dw machst dich dester bas
vor der welt hueten
so sy an dich wil wueten
(wenn sie dich zu verderben sucht mit ihren sünden)
Heinrich v. Burgus der seele rat 3342 Rosenfeld;
ein spätes einzelzeugnis wird als dativkonstruktion zu deuten sein (etwa nach sündigen, sich vergehen an): ist on alls barmhertzigkheit von den Denen gewütet worden beid an geistlich und weltlich Kantzow chron. v. Pommern 255 Gaebel.
b)
vom 15. jh. bis in die zeit Göthes behauptet sich wüten in, das zuerst in übersetzungen des schwäb. frühhumanisten Steinhöwel begegnet und wie glauben, sündigen in (nach lat. credere, peccare in, s. teil 4, 2, sp. 2101 und 4, 1, 4, sp. 7823) durch lat. fügungen angeregt und gestützt sein wird: do wütet sie och in sich selber (in se saeuisse) mit dem schwert das leben endend (1473) Steinhöwel de claris mul. 91 Drescher; ebda 180; das panthier ... zerströwet die hirten und wütet in die puren, die es geschlagen hetten (in aratores impetu sevit agrestes) ders., Äsop 178 lit. ver. (vgl. dazu: syn wütery in syne kind [saeuitiam in filios] de claris mul. 244); (Ulrich v. Hutten) der mit ertichten lügen frome leuth schmecht, vnd mit gyfftigen geschrifften yn die vnschuldigen wütet (in immerentes efferata stili virulentia debacchantem) (1523) bei Hutten opera omnia 2, 193 Böcking; welche fluch ... machten, das Philippus inn sein eygen blut wütet Carbach Livius (1551) 422ᵃ; der künig ... im entlich fürgenummen hat, in Reinharten meinen gesellen zu wüten (1551) Wickram w. 1, 295 lit. ver.;
kein frommer wütet ie in unerzogne kinder
(vor 1646?) Gryphius trauersp. 656 Palm;
so sol man sie (die pferde) auch mit den sporen und peitschen zu frieden lassen vnd nicht in sie wüten vnnd toben Joh. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 20; wenn sie (die akadem. lehrer) ... die armen ... grob und unhöfflich und wie die jungen tractireten, auch dergestalt in sie wüteten, dasz sie alle die straffen, die die reichen verdienet, über sich nehmen müsten Thomasius kl. teutsche schr. (1707) 360; das heer der amazonen wütet in ihre eigene leiber, damit sie solche wieder die feindlichen schwerdter und pfeile desto unempfindlicher und härter machen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 5. zuletzt als dichterische intensivkonstruktion:
und (du, Aias) hättest nie gewüthet
so in die farren und widderheerden
Stolberg ges. w. (1820) 14, 178.
vgl. noch toben in J. Grimm, s. teil 11, 1, 1, sp. 529 sowie: wir leben in einer erbärmlichen welt, und man möchte mit feuer und schwert darein wüthen (1836) Immermann epigonen ²1, 133; ferner Sanders erg.-wb. 662ᵇ. in jüngeren übertragenen gebrauchsweisen verblaszt die vorstellung des gewalttätigen gegenüber der der ungestümen bewegung (gleichsam wütend hineinfahren), wodurch in mehr den charakter einer richtungspräposition annimmt: der junge mensch ..., der dicht vor uns seinen ungeheuren contrebasz regierte, und in die saiten wüthete, dasz uns die ohren gellten J. G. Forster br. 42 Leitzmann; das fürchterliche sausen und pfeifen des windstroms, der, in das geschmolzene erz wüthend, die ohren betäubt (1812) Göthe I 27, 335 W. (berührung mit F 1 c).
c)
vereinzelt bleibt im frühnhd. wüten über, eine fügung, die sich an den gebrauch von über im sinne von 'contra' (s. über II A 7, teil 11, 2, sp. 90 ff.) anschlieszt (anders E 3 b): stot aber wider mich ein krieg vff, wütet die welt über mich ..., so würd ich in dich hoffen Keisersberg bilgersch. (1512) 20ᵇ; der selbig (papst Leo) wiet yetzo über mich, vnd durch brennende anreitzung seiner begir, wirt er vngestümmigklich gegen mir gehetzt vnd getriben (1520) Hutten opera 1, 415 Böcking; ob ein man gesundiget hat, wiltu (gott) drumb vber die gantze gemeine wüten (contra omnes ira tua desaeviet)? 4. Mose 16, 22 (wúte denn dein zorn ... wider alle erste dt. bibel 4, 63 Kurr.); lieber, was were es wunder, das gott eitel teufel uber uns liesse wueten mit teglicher pestilentz, krieg, theurung, mord und iamer? (1530) Luther 30, 2, 607 W.; (der satan) hat in jhrer seelen gewütet, wie ein zorniger riese über ein armes kindlein wütet Arndt wahres christenthumb (1619) 1, 457. vgl. auch Stumpf unter F 2 a sowie Uz unter F 1 d.
d)
in der literatursprache des 17./18. jhs. (zuerst bei Gryphius) setzt sich vorübergehend die in anderem sinne (s. mhd. wb. 3, 536 und unten E 3 a) bereits für die mhd. und frühnhd. zeit nachweisbare verbindung wüten auf fest:
hat iemahls ein tyrann so auf ein weib gewüttet?
ist eine königin ie mit der qual beschüttet,
die ärger als der tod?
(1657) Gryphius trauersp. 242 Palm;
(Cromwel:) es kan nicht übel gehn; wir stehn für kirch und hütten.
(Fairfax:) disz gab auch Stuard vor, auf den wir itzund wütten.
(Cromwel:) wir wüten wider den, der über uns getobt
ebda 405; vgl. 418;
am allergrausamsten aber ward auff die gefangenen sachredner und gerichtsanwälde gewütet Lohenstein Arminius (1689) 1, 61ᵃ; bey eben diesen völckern wäre auch eine abscheu auf die thiere unmenschlich zu wüthen ebda 208ᵃ;
die hölle mag auf mich mit allen flammen wüten,
hier (in der krippe) ist Immanuel, der alles überwindt
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 374;
beyde (der tyrann u. der habicht) können weiter nichts,
als auf ihresgleichen wüthen
Schönaich Hermann (1751) 11.
übertragen: (die stille schwermut,) die ... innerlich mit desto grösserer heftigkeit auf die lebensgeister wütet Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 44;
und grimmig soll die rache, ungezähmt,
auf sein verschuldet haupt nachsinnend wüthen
Göthe I 11, 25 W.
einzelne spätbelege zeigen berührung mit E 3 a:
(Biron:) eitel ist jede lust, am meisten die
mit mühen kaufend nichts erwirbt als müh';
als, mühevoll den geist zum buch gewendet,
suchend der wahrheit licht ...
(könig:) ei wie belesen er aufs lesen wüthet!
(how well he's read, to reason against reading!)
Shakespeare 9 (1833) 111;
(Mühlingk:) ach — was für ein skandal! (Lenore:) lieber vater, wir wollen nicht aufeinander wüten. ich liebe diesen mann Sudermann ehre (1910) 159.
e)
um die bewegung des handlungsträgers und zugleich die räumliche erstreckung der gewalteinwirkung zum ausdruck zu bringen, verbindet sich wüten gelegentlich mit der richtungspräposition durch; vgl. dazu durchwüten teil 2, sp. 1716 und Sanders wb. d. dt. spr. 2, 1689ᶜ: ein heer von etlich 100 000 mann durch gantz Teutschland bis in Lothringen wütete S. v. Birken verm. Donaustrand (1684) 132; Erinnys und der tod wüten durch die glieder der schlachtordnung Herder 15, 440 S.; vgl. ergänzend die belege unter F 2 a und F 1 b sowie Eichendorff s. w. (1864) 2, 250.
f)
frühnhd. vereinzelt wüten mit: etliche haben die bildnussen unsers seligmachers Christi ... zerschlagen, verbrent und domit unmenschlich gewütet des hl. röm. reichs ordenungen (1536) 168ᵇ.
E.
'in heftigem zorn, vor wut rasen' (vgl. die einleitenden bemerkungen unter D); vielfach in verbindung mit sinnverwandten ausdrücken (vgl. auch vor zorn wüten Kaufringer ged. 11, 496 Euling; Teuerdank 14, 33 G.; Tschudi chron. Helvet. 1, 490 Iselin; Kramer it.-t. [1676] 12ᵃ).
1)
im gegensatz zum gebrauch des part. wütend (s. u. 2) erfaszt wüten in seinen finiten formen (und im infinitiv) neben dem inneren erregungszustand in der regel zugleich auch dessen (mimische, gestische, stimmliche) äuszerungen (vgl. neben wüten namentlich die verben toben und rasen):
die tiuvel unreine
begunden algemeine
toben unde wüeten,
daz vor in behüeten
got die sêle wolte
visio Tnugdali 387 Wagner;
ich wæn du woldest wüeten durch dînen tumben zorn.
mînes herren hulde du hetes immer mêr verlorn
Nibelungenlied 2271, 3 B.;
weget es selber, ob ich (der ackermann) icht billichen zurne, wute vnd clage: von euch (dem tod) bin ich freudenreiches wesens beraubet ackermann aus Böhmen 3, 9 Bernt-Burdach;
keyn grössern zorn man yenant spürt
dann so eyn wibs bild zornig würt
die wüttet, wie eyn löwin stuͦdt
(1494) S. Brant narrenschiff 63 Zarncke;
die papisten, die wurden toben und wuttenn, schreyen unnd plerren, man musse solchs (messen, gebete) hallten; wer es nicht hellt, der sey ein ketzer, eyn heyde, eyn jude (1522) Luther 10, 1, 2, 66 W.;
(Caim Sibendieb:)
du bettler, suwhirt, schempst dich nit,
dass du ietz von uns abfallen witt?
(Damian Lirennagel:)
scheltend, tobend, wüetend wie ir wellend!
ir schaffend nit, dass ir mich abstellend
(1526) N. Manuel 185 Baechtold;
man stirbt und stirbt doch nie, man ligt im ewgen tod,
man wüttet, tobt und zörnt, man flucht und lästert gott
(in der hölle)
Angelus Silesius cherub. wandersmann 148 ndr.;
er wütete, ja rasete fast vor verdruss, dasz ihm sein vorhaben solte rückgängig gemacht werden Ziegler asiat. Banise (1689) 388; wie würde er (der weltling) wüten, wenn jemand sagte, die niedrigste art des umganges finde man am meisten in grosser gesellschaft Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 10; (er zog) mit leicht aufgeregter empfindlichkeit jedes unschuldige wort auf sich und fing an zu wüten und zu rasen W. Hauff s. w. (1890) 5, 33;
wie schaff ich mir es vom gemüthe!
das glöcklein (der kapelle von Philemon u. Baucis) läutet und ich wüthe
Göthe I 15, 1, 299 W.;
(ich werde behaupten,) Andrea sei schon drinnen und wolle nicht öffnen; er wird schelten, fluchen, wüthen (1855) Geibel ges. w. (1883) 7, 106; die geheime räthin wüthete (als sie von dem davonlaufen ihrer tochter hörte) W. Raabe hungerpastor (1864) 10; während er wütete, pflegte er hut und rock auf die erde zu werfen und den kragen vom hals zu reiszen El. Langgässer Argonautenfahrt (1950) 27. (etw.) wütend sagen:
die dirnen streuten häckerling, es wüthet
der vater: mache mir den mann bekannt!
Brentano ges. schr. (1852) 1, 196;
'ja, mensch, nigger, hast du denn nicht gehört, fünf eier will ich haben, oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?' wütete jetzt Antonio (1928) Traven baumwollpflücker (1956) 42. auch bezogen auf das (bis zur verblendung) leidenschaftliche sicheinsetzen für eine sache und in dieser verwendung D 1 i sehr nahe kommend (vgl. oben auch Luther; ferner G 1 c); 'heftig, fanatisch eifern': iezo, wo ich dem rasendsten zeloten, der iemals gewütet hat, zu einem gegenstand der unsinnigsten epanorthosis auf der kanzel dienen musz (1766) Schubart br. in: Strausz w. (1876) 8, 55; wenn hier die theologen wüten, so entsinkt dem menschenfreunde ... eine weiche, brüderliche thräne (1772) Herder 5, 300 S.; ich rede von der mit der gröszten freimüthigkeit verbundenen mäszigung (der polit. schriftsteller Englands) ..., die mit dem wüthen einiger schriftsteller, welche sich unter dem zepter eines despoten emancipiren, den auffallendsten contrast bildet J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 22; was das theater betrifft, so bin ich erstaunt und erschreckt über die art, wie das geschriebene wort des dichters in Berlin, nachdem die deutsche kritik über ein halbes jahrhundert gewütet hat, miszverstanden oder beliebig aufgefaszt wird (1850) G. Keller br. u. tageb. 2, 228 Ermatinger.
2)
anders als die finiten formen und der infinitiv (1) bezeichnet das part. präs. (adj.) wütend in erster linie den inneren erregungszustand; doch können dessen äuszerungen mit erfaszt werden.
a)
wütend in attributiver verwendung und substantiviert; von menschen und tieren im zustand heftigster, maszloser zorneserregung: dasz man ... die gsellen Pauli fieng und sy in mitten im wuͤtenden volk hielt (1522) Zwingli dt. schr. 1, 38 Sch.; dasz sie ... gleichsamb blinder weise vnd wie wütende thiere auf den feind losz giengen Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 466;
ja, unwürdige väter des volks! (verzeiht mir die rede,
die jetzt ergrimmt in heiligem zorne mein wüthender geist that!)
Klopstock Messias (1780) 93;
wer ist der wüthende da, der durch die hölle so brüllet,
und mit grimmiger faust sich die kokarde zerzaust?
Göthe I 5, 1, 255 W.;
(das bunte tuch des krämers) ist falsch! schrieen die wüthenden dirnen Alexis hosen (1846) 1, 76; der grund, warum er der wütendere war, lag in seiner meinung, dass Monz als wirt ... ein kurzweiliges leben führe G. Keller ges. w. (1889) 4, 101; er wurde ... von der wütenden menge zertrampelt Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 130; als ausdruck der heraldik: wüthend wird der ochs oder büffel genannt, wenn er im raschen laufe oder aufgerichtet dargestellt ist Querfurth wb. d. herald. terminol. (1872) 175. gebärden, blick, miene, stimme als in höchstem grade zornerfüllt kennzeichnend (vgl. dazu unten G 1 b δ): mit heftigen schritten, wüthenden geberden, unter fürchterlichen ausrufungen, ging er in seinem zimmer auf und ab Klinger w. 3 (1815) 13; während der blonde ... mit wütender stimme die zahlworte ausrief G. Keller ges. w. (1889) 6, 253; Rienäcker ... empfing einen wütenden blick Fontane ges. w. (1905) I 5, 156; onkel Prosper machte ein verlegenes, wütendes gesicht Feuchtwanger Simone (1950) 195. auf seelische abläufe, zustände bezogen, G 1 a β nahekommend: bittere, zuweilen wüthende empfindung seines elends, und unbeweglicher eifer für die tugend reden aus ihm (Hiob) Gerstenberg schlesw. litt.-br. 310 litt.-denkm.; nun aber stieg ein wütender zweifel ... im bewusztsein des kaimakams auf Werfel Musa Dagh (1955) 462; scham und wütende reue zerbissen Fernand Feuchtwanger narrenweisheit (1953) 89. weiterhin von (mündlichen oder schriftlichen) äuszerungen im tone heftigsten zorns:
mein gerechter schmerz
erleichtre sich in wütender verwünschung
Schiller 5, 1, 37 G.;
(die) wüthenden schimpfreden der bairischen blätter gegen Preussen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 165; er erschrak fürchterlich, als er die wütende antwort hörte Mühsam namen u. menschen (1949) 162; die frau hatte ihm einen wütenden brief geschrieben A. Seghers die toten bleiben jung (1950) 29; der wütende protest der volksmassen heute u. morgen (zs.) (1953) 749. dichterisch mit verschiebung des subjektbegriffes auch: warum ist dieser geist nicht in einen tyger gefahren, der sein wütendes gebisz in menschenfleisch haut? (1781) Schiller 2, 46 G.; wir stürmen vorwärts mit schlagenden trommlern und wütenden hörnern Liliencron zehn novellen (o. j.) 50;
reisst eins das gelbe schnäbelchen auf,
bleckt
ein lächerlich wütender rachen
Ernst Toller d. schwalbenbuch (1924) 37.
b)
in prädikativer verwendung wütend sein, werden, machen (in anderem sinne A 3); s. auch die belege unter 3: der klein hauff wirth vorvolgt vom grossen, sie werden wuttend und tobent, das man ir ding (die götzen) vorwurfft (1519—21) Luther 9, 605 W.; diser hunger macht die bärin wuͦtende, grimmig Paracelsus opera 2, 589ᶜ Huser;
gleich wie ein junger leu die zähne grimmig beist,
und wenn er wütend wird, den meister selbst zerreist
(1664) Rachel satyr. ged. 51 ndr.;
wer kann ... gelassen und wüthend ... im nemlichen augenblick seyn? Wagner theaterstücke (1779) 57; ich bin überzeugt, der alte (arzt) Forkenbeck wird wütend, wenn er einem landphysicus aus Brakel von seiner kur rechenschaft ablegen soll (1819) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 41 Schulte K.; das machte den alten mann natürlich immer wüthender Holtei vierzig jahre (1843) 1, 87; wie kannste nu gleich so wütend sein. ich sage ja jar nischt! Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 49. auch: (er gab) ärger kund, zeigte sich verdrossen, fast wüthend Holtei erz. schr. (1861) 5, 141; von Ertzum habe den lehrer nur 'wütend ärgern' wollen H. Mann ausgew. w. 1, 412 Kant.
c)
in 'adverbiellem' gebrauch, die psychische verfassung des handelnden und zugleich die art des handlungsablaufs kennzeichnend. zugrunde liegt ursprünglich eine appositive fügung: 3. reg. 20, 43 furibundus (venit [rex] in Samariam) vvuadender (10./11. jh.) ahd. gl. 1, 446, 45 St.-S. (vgl. 1, 296, 15; 1, 448, 5), die mit dem übergang zur flexionslosigkeit (er kam ... wuetent in Samariam erste dt. bibel 5, 337 K.) adverbielle geltung erhält. bei spitzenstellung des partizips (wütend sprang er ihn an) ist im allgemeinen die beziehung zum subjekt, sonst die zum prädikat enger (er sprang ihn wütend an), vgl. auch G 1 d: schwefel, bley und hundert hencker sollen diese schmach rächen, rieff er, gantz wütende in dem gemach herum lauffende Ziegler asiat. Banise (1689) 513;
fahr ich da wüthend auf,
stampfe gegen die erd
(1777) Schiller 1, 40 G.;
der fürst sah ihn wüthend an Klinger w. 3 (1815) 134;
schaut, da sprengt er wütend schier
durch das tor, der feuerreiter
Mörike ges. schr. 3 (1905) 41;
zeigst du endlich dein wahres gesicht? höhnt dieser (der bruder) noch wütender (1855) O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 337; wüthend ruft er (der graf) leute mit fackeln herbei O. Jahn Mozart (1856) 4, 200; Krüger (ficht wüthend mit dem knüppel in der luft herum) Gerhart Hauptmann biberpelz (1893) 80 (bühnenanweisung); du bist ja besoffen! wütend stiesz sie ihn zurück Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 24; man hält den tieren einen watteballen vor, in den sie dann wütend beiszen, wobei ihr gift in die watte ausflieszt Willi Ude quer durch Südamerika (1925) 251. — vereinzelt im anschlusz an 2 a (wütende schimpfreden, wütendes gesicht):
schimpfreden schallen wütend mir entgegen
H. v. Kleist w. 1, 365 E. Schmidt;
wütend verzerrte sich ihr gesicht Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 109.
3)
präpositionale anschlüsse. die in neuerer sprache geläufigen anschlüsse wütend sein auf und wütend sein über grenzen sich in der weise gegeneinander ab, dasz die auf-fügung das ziel des affekts (nur personen), die über-fügung den anlasz (sachverhalte, seltener personen) bezeichnet. der nichtpartizipiale gebrauch (auf, über jemanden wüten) berührt sich nahe mit dem von wüten D 2 c—d, zu den fügungen mit wider, gegen vgl. namentlich D 1 i.
a)
wütend auf; nach früher bezeugung im 15. jh. (da ward er gar zornig vnd wüttent uff sye vmb iren gelouben d. heiligen leben winterteil [1471] 113ᵇ) erst wieder im 19. jh. nachweisbar, sicher aber schon vorher sprachüblich: dasz ich ihr gedroht hätt und wär wütend auf sie gewesen, das war auch nur spasz O. Ludwig ges. schr. 2 (1891) 77; (der general) war ... wütend auf Winfried A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 260.
b)
wüten(d) über (vgl. 3. reg. 21, 4: Achab wuete vber daz wort das Naboth der Iesraheliter het gerett zu im [frendens super verbo] erste dt. bibel 5, 337 Kurr.): die Sachsen und Preuszen mokieren sich aber über sein (Vischers) schwäbeln, worüber er wütend wird (1857) G. Keller br. u. tageb. 2 (1916) 434 Ermat.; ich war direkt wütend darüber, dasz die schönheit in der welt solch eine ekelerregende rückseite hat Werfel geschw. v. Neapel (1931) 268. das den anschlusz des abhängigen satzes stützende darüber kann im hauptsatz fortfallen, so dasz präpositionslose fügungen entstehen wie: er war wütend, dasz er seine gemahlinn an der hand dieses räubers sehen sollte Rabener s. schr. 5 (1777) 88; Wrangel ... wütete, dasz das militär nicht noch schärfer verfahre (1838) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 274 Schulte K. in anlehnung an sich ärgern über entsteht: ach, dieser Opitz! als ich mich jeden tag noch über ihn wüten konnte, das war doch was, wenns auch bloss wut und hass war Fontane ges. w. (1905) I 6, 64.
c)
wüten(d) gegen, wider (jemanden oder etwas); fast ausschlieszlich in nichtpartizipialem gebrauch (vgl. oben 1 und D 1 i): daz gesetz ... richt nur zorn an, das ist: die natur wirt wüdtent wider daz gesetz und wöldt, das das gesetze nicht were (1526) Luther 10, 1, 2, 233 W.; der lügner, wenn er verlogen oder verläumdet wird, tobt und wütet wider seinen verläumder Lavater verm. schr. (1774) 2, 343; wo auf jemanden eine schuld ruhet, da wütet er gegen das schicksal (1797) Herder 16, 374 S.; ihr alter bedienter wüthete gegen die hartherzige schändlichkeit der kaufleute (1809) Arnim s. w. 7 (1840) 15; dasz herr Weisz gegen meine farbenlehre wüthet (1811) Göthe IV 22, 66 W.; er (Nero) ereiferte sich, ... wütete gegen die verbrecher Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 310.
4)
ganz vereinzelt transitiv gewendet 'in wut versetzen, wütend machen':
des ich mich fürwar scham
(der erst tag wudt mich, daran ich zu diser rot kham!),
das sy (die söldner am grabe Christi) Jesum gar haben verschlaffen
altdt. passionsspiele a. Tirol 425 Wackernell.
F.
vom wirken elementarer gewalten der äuszeren natur, menschlicher gemeinschaft und psychisch-physischer vorgänge (vgl. den entsprechenden gebrauch des nl. woeden). wie wüten B zunächst wohl bestimmt durch die vorstellung der heftigen erregung, doch tritt, da es sich weithin um zerstörerisches wirken handelt, die vorstellung des gewalttätigen (D) oder die des zornigen (E) rasens mit wechselnder stärke hervor, so dasz eine klare zuordnung zu einer dieser gruppen nicht möglich ist.
1)
von der stürmischen bewegung, dem rasen der entfesselten elemente (wasser, feuer, luft) — eine übertragung, die bereits im antiken und mittelalterlichen latein (ignis, fretum, tempestas furit; pontus, mare, ventus saevit) begegnet. glossen zu textstellen klassischer und spätantiker werke liefern die frühesten belege dieses gebrauchs im dt.: (ut quondam in stipulis magnus sine viribus ignis incassum) furit uvotit (11. jh.) ahd. gl. 2, 637, 4 St.-S. (Vergil, georgica 3, 100); furit (undique pontus) uuotda (12. jh.) 2, 35, 50 (Arator, de act. apost. 2, 1073 [PL 68, 234]).
a)
wüten des meeres, der wellen, des wassers; seit mhd. zeit durchgängig bezeugt, vielfachwie auch die folgenden anwendungenin bildlichem gebrauch, namentlich im geistlichen schrifttum:
swaz er (Christophorus) wut unde wut (watete),
so began ie baz wuten
daz wazzer an den vluten
in siner nidervelle
passional 349, 63 Köpke;
der wint urbaring erzurnt wart und das mer ward wüetend (1346) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 47; dis schif (das gemüte des menschen inwendig) das vert in disem sörgklichen wütenden mere diser engstlichen welt, die alwegent in eime übent und wütent ist Tauler pred. 170 Vetter (vgl. D 1 g und Schiller-Lübben 5, 758); so werden wir von den wüttenden wällen desz grundlosen meres (der hölle) verschlunden (absorpti procella) (1473) Steinhöwel de claris mul. 181 Drescher; wenn gleich das meer wütet vnd wallet, vnd von seinem vngestüm die berge einfielen (sonuerunt et turbatae sunt aquae) ps. 46, 4; es gehe wie der liebe gott will, so haben sie fried im herzen mit gott, welchen die gottlosen nicht haben wie Jesaias sagt, sondern sind ein wüthend meer (1542/43) bei Luther tischr. 5, 230 W.; die Tösz ... wirt durch die ... waldwasser gächlich gar grosz vnd erzürnt, dahär es one zweyfel den nammen erreicht hat Tösz, von dem wüten vnd tosen Stumpf gem. eydgnoschafft beschreyb. (1548) buch 5, 102ᵃ; damit die tafern und die grunt, so under ligen, von solichen pachern, die vast wieten, dester basz sicher sein (ende d. 16. jhs.) österr. weist. 5, 622;
ach wie sehr wüttet doch das wilde sorgenmeer
in meinem hirn und hertzen!
Weckherlin ged. 2, 188 Fischer;
doch der das meer erregt, und bald sein wüten stillet,
den schreckt im himmel nicht, was uns mit furcht erfüllet
Giseke poet. w. (1767) 10;
bin ich der flüchtling nicht? der unbehaus'te?
der unmensch ohne zweck und ruh,
der wie ein wassersturz von fels zu felsen braus'te
begierig wüthend nach dem abgrund zu?
Göthe I 14, 168 W.;
sich neigend, sinkt der baum prasselnd quer über den wüthenden felsbach Eichendorff s. w. (1864) 3, 370; die vom regen hoch angeschwellten gewässer der Katzbach und der wüthenden Neisze Treitschke dt. gesch. 1 (1897) 476; der Gave wütet gegen die brückenpfeiler Werfel Bernadette (1948) 185.
b)
wüten des feuers, der flamme: der tôf ... löschet ain wütendes fur in des mentschen nature St. Georgener prediger 63 Rieder;
sich mugen die wasser noch das mer
davon nicht pehuetten
so es (das feuer) begynnet wuetten;
wann sy prynnen muessen
Heinrich v. Burgus d. seele rat 4228 Rosenfeld;
der ist gewisz ein groszer thor,
der fremdes feuer löscht zuvor,
und das im hausz läszt immer wüten
Seb. Brant narrenschiff 59 Zarncke;
dasz die schiff seind erret allsamm
von der wütenden fewresflamm
(1608) W. Spangenberg in: griech. dramen 2, 54 Dähnhardt;
die hitze einer wüthenden feuersbrunst Lessing 1, 206 L.-M.; wer kann der flamme befehlen, dasz sie nicht auch durch die gesegneten saaten wüte (1781) Schiller 2, 96 G.; das feuer hat gewütet, erdrinden zersprengt (1784) Herder 13, 21 S.; die hiesigen manuscripte hatte man ... in einem feuerfesten gewölbe gegen das wüthende element verwahrt (1820) Göthe IV 33, 86 W.; in Medeshamstede ... hat die flamme vierzehn tage lang gewüthet Ranke s. w. 14 (²1875) 17. von vulkanischen ausbrüchen:
wann der berg (Vesuv) zu wüten angefangen
Opitz opera (⁷1690) 1, 30;
die ungestüm ... wüthenden vulcane Göthe I 25, 27 W.; ein unterseeischer vulkan, welcher anderthalb tage feurig wüthete A. v. Humboldt kosmos (1845) 4, 551.
c)
wüten des sturms, des windes: die wind zwischen west vnd nort wüten am mehsten nach dem herbst Sebiz feldbau (1579) 7; le cap de Bonne Esperance, wo zu gewissen jahrszeiten die entsetzlichsten sturmwinde wüthen sollen Triller poet. betracht. (1750) 5, 384;
und stürme brausen um die wette,
vom meer aufs land, vom land aufs meer,
und bilden wüthend eine kette
der tiefsten wirkung rings umher
Göthe I 14, 20 W.;
man sagt, verschüttet sei der steg
bei Vacherie, in letzter nacht
hat die tormenta (heftiger schneesturm) arg gewütet
(1828/34) A. v. Droste-Hülshoff s. w. 689 Heselhaus;
wütend griff er (der wind) in die haare, die mantelfalten des wanderers (1869) W. Raabe s. w. I 6, 239 K.; der ... unausgesetzt wütende orkan trieb immer neue wogen gegen die küste Allmers marschenbuch (³1900) 48; orkane wüten über dem atlantik zeitungsschlagzeile v. j. 1959. — gelegentlich erscheinen unpersönliche fügungen: da selbst (auf den obersten höhen der berge) wütt es zu aller zitt des jars durch die vast mechtigen bewegungen der wind oder mit regen (1491) Österreicher Columella 1, 32 Löffler;
so gib nur immer dich zur ruh,
bekümmertes gemüthe,
weil es dich treibt dem osten zu,
wie es aus westen wüthe
Rückert ges. ged. 5 (1838) 40.
d)
wüten des winters, des wetters: (der) winter, der mit so grosser strenge wider alles geschöpffe wütet Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 377;
bey des rauhen winters wüthen
Gottsched ged. (1751) 283;
ein stolzes lächeln ob dem wüthen der wetter H. Laube ges. schr. (1875) 8, 183; (ein hagelwetter) muszte wahnwitzig gewütet haben Watzlik der alp (1923) 71. dichterisch auch:
auch in den dicksten busch, wohin mein fusz entwich,
folgt mir die sonne nach und wütet über mich
Uz s. poet. w. 300 Sauer; ebda 104;
es war im julius. schon wütheten die sonnen Heinse s. w. 2, 286 Sch.
2)
von dem zerstörerischen wirken elementarer gewalten des kulturbereichs, so namentlich von epidemien und vom kriege. auch hier gehen glossen zu lat. textstellen der erst im 17. jh. einsetzenden zusammenhängenden bezeugung voraus: 2. reg. 24, 21 (von der pest im volke Davids: cesset interfectio quae) grassatur (in populo) vuotit (10.—13. jh.) ahd. gl. 1, 422, 36—39 St.-S.; Prudentius, hamartigenia 649 (non abolet [sc. malum] longoque sinit) grassarier [paragog. inf. für grassari] usu) vuotin (11. jh.) 2, 461, 57.
a)
wüten der pest, der seuche: anno dom. 1092 wuͤtet ein grosse pestilentz vnd schelmentod über leüt vnd vych Stumpf gem. eydgnoschafft beschreyb. (1548) 318ᵇ; anno 875 ist ein schwindes sterben in gantz Deutschland gewesen, vnd hat die pestilentz so grausam gewütet Binhardus thüring. chron. (1613) 57;
des nassen sommers zeit war noch nicht gar vergangen,
da schon die rohte ruhr zu wühten angefangen
(1691) J. Grob epigr. 181 Lindqvist;
es befielen uns die masern, die den ganzen winter in Danzig gewütet hatten Gottschedin br. 1, 104 Runkel; schon die 8 wochen, die ich (Schiller) in Mannheim zubringe, wüthet eine gallichte seuche in der stadt (1783) Schiller br. 1, 150 Jonas;
wenn durch das volk die grimme seuche wüthet,
soll man vorsichtig die gesellschaft lassen
Göthe I 2, 13 W.;
in Wien soll die cholera schrecklich wüthen, auch unter den höhern ständen Börne ges. schr. (1829) 11, 5; es sind über 9 wochen, dasz die krankheit gewütet hat (1842) J. Grimm in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 461; ein reisender (wurde) von dem in der stadt wütenden typhus befallen E. Strauss der spiegel (1919) 223; der scharlach, der jetzt im ganzen Mühltal wütet Carossa dr. Bürger (1930) 50. von hier aus zu verstehen sind dann auch anwendungen wie: panik wütete in demselben augenblick unter der entnervten gästeschaft Th. Mann zauberberg (1953) 814. — wüten der hungersnot: die grausamste ... hungersnoth, die durch das ganze reich wüthete Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 130; in Vorderindien wüteten 1918/19 gleichzeitig hungersnot und grippeepidemie Fischerlexikon anthropologie (1959) 50.
b)
wüten des krieges: wo nicht etliche oberkeit dadurch (durch meine schriften) weren gesterckt gewesen, da die auffrur wietten, solten sie auch wol verzagt worden sein (1526) Luther 19, 278 W.; do (1525) fieng der paurenkrieg gar nahe in allen deutschen landen zu wieten (1566/67) Zimmer. chron. ²2, 624 Barack;
er muste, schon als kind, des krieges wüten sehn
Besser schr. (1732) 1, 27;
das schlachtfeld flieszt
von rothem blut!
der krieg wird wüten
noch länder hindurch
(1773) Herder 5, 180 S.;
solang' an dem gestad' der Ems der krieg nun wütet,
mit keinem wort, ich schwör's, mit keinem blick,
bin ich zu hülfe ihm geeilt
(1808) H. v. Kleist w. 2, 330 E. Schmidt;
(der) wiederausbruch des verderblichsten aller kriege, der jemals in Deutschland gewüthet hat Ranke s. w. (1867) 26, 269; den ganzen tag hindurch wogte und wüthete das grausige ringen, bald vorwärts bald zurück Allmers marschenb. (³1900) 400; (der krieg) wütete auf den unfruchtbaren dünenfeldern W. v. Scholz erz. (1924) 49.
c)
wüten des glücks, des schicksals: do hub an das glück zuwüten, vnd vermischet alle ding (saevire fortuna ac miscere omnia coepit) chron. Salustii v. d. röm. bundschuch (1534) a 3ᵇ Cammerlander; ein grosz gemüt fragt nicht, wie das glück wütet S. Franck sprüchw. (1545) 1, 16ᵃ;
doch wil ich nie dem glücke flehen;
...
sein wüten ist mir wind vnd sprey
(vor 1640) Simon Dach ged. 1, 87 Ziesemer;
wer gar zu sorghafft ist, der mehrt sein ungemach,
und fühlet vor der zeit des strengen schicksals wüthen
Warnecke poet. vers. (1704) 242;
wir sind ja nichts, als knechte
vom wütenden geschick
Gottsched dt. schaubühne (1741) 2, 15;
obs edler im gemüth, die pfeil und schleudern
des wüthenden geschicks erdulden
Shakespeare 3 (1798) 232.
d)
wüten zerstörerischer leidenschaften, laster als überpersönlicher, den menschen beherrschender mächte (anders 3 a):
das junge leut sich sollen hüten
vor der lieb ungestümen wüten
(1545) Hans Sachs 2, 38 lit. ver.;
ach! wollen wier uns dan selbsten betrüben?
dan wühtet der neid, so flühet das glük
Zesen verm. Helikon (1656) 1, 59;
feinde raset, miszgunst wüthe!
herr! mein glauben und dein wort
stärckt mich hier und hält mich dort
Günther ged. (1735) 15;
aber heimlich wüthet der religions- und kezerhasz noch immer fort Miller pred. f. d. landvolk (1776) 2, 62; fürchterlich hatte sie (die wollust der groszen) schon in diesem lande gewütet (1784) Schiller 3, 402 G.;
doch hier, im schatten ihrer (der legionen) adler,
hier wütete die zwietracht schon:
die deutschen völker hatten sich empört
(1808) H. v. Kleist w. 2, 444 E. Schmidt;
parteisucht wütete fürchterlich,
intriguen wurden getrieben
H. Heine s. w. 2, 196 Elster.
e)
nur vereinzelt von heftiger ausgelassenheit:
und ich folgte
nicht dem strome dieser freude,
die in allen straszen wüthet
Waiblinger ged. a. Italien (1893) 16 (röm. carneval);
nun kam der carneval ... tag und nacht wütete tollkühnheit in den straszen (1860/63) H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 134.
3)
vom wirken körperlicher oder seelischer vorgänge (vielfach von 2 kaum zu trennen).
a)
wüten der affekte, leidenschaften, gefühle: wie offt klagt sanct Hieronymus, das ynn seinem fleisch wuttet die bosze lust (1521) Luther 7, 333 W.;
wenn der zorn anhebt vnnd wüt,
vnnd will auffblasen das gemüt,
so soll jhn die vernunfft auffhalten
Lehmann floril. polit. (1630) 925;
(die) nothwendigkeit, die böse begierden, die inwendig wüten, einzuhalten discourse d. mahlern 2 (1722) 18; stolz auf ihr elend behängen sie (die invaliden helden) den krüpplichen körper mit ... kreuzen und bändern; und die empfindung ihres heldenlebens wüthet in jeglicher nerve (1764) Thümmel Wilhelmine 12, 24 ndr.; sie liebt mit vollster gluth. ihre äuszere ruhe ist scheinbar, erkünstelt. in ihr wogt und wüthet eine welt von widersprechenden gefühlen Holtei erz. schr. (1861) 11, 190. auch: tausend anschläge, tausend aussichten wütheten durch meine seele (1774) Göthe I 19, 160 W.; du hast mich verlassen, mein gott! immer wieder schrie er nur dieses, denn was sonst in ihm wütete, wollte sich nicht zum gebet entschlieszen Ina Seidel Lennacker (1938) 95.
b)
wüten des (körperlichen oder seelischen) schmerzes:
(wer) schawet wie mit frembdem hertzen
auff das wüten seiner schmertzen,
ist am allerbesten dran
(vor 1640) Simon Dach ged. 1, 84 Ziesemer;
ich umklammerte ihn fest, sein schmerz wüthete in mir Brentano Godwi (1801) 1, 77; (dasz) er mit der hand zur schläfe fuhr, hinter der dieser boshafte schmerz wieder einmal wütete Ina Seidel labyrinth (1922) 244; solange der erste schmerz wütete, hatte diese idee ihm ... fern gelegen Th. Mann Joseph 3 (1954) 274.
c)
wüten schmerzlicher, quälender empfindungen wie sorge, schwermut, verzweiflung:
wie glücklich ist doch der, der seines kummers wüten
kan einem treuen freund in seinen busen schüten
(1649) Logau sinnged. 222 lit. ver.;
gott ... öffnet indessen Eraszmo die augen, dasz er meine wütende melancholey ausz meinem immerhin griszgrammenden angesicht lesen ... konte Grimmelshausen 2, 657 Keller; heilt der besitz und die ansicht derselben (schätze) von der qual, die in der brust wüthet? Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 95; hülfe! dem prinzen zur hülfe! — prinz, welche wüthende schwermuth (1759) Lessing 2, 375 L.-M.; wie sie in meiner seele wüthet! oh diese erinnerung! (1768) Gerstenberg s. poet. schr. 2 (1794) 23; und warum nicht mich, in dem die verzweiflung wüthet Klinger neues theater (1790) 1, 16; eine grössere sorge wüthet in meinem busen, welche mir beynahe das leben rauben will Heinse s. w. 2, 56 Sch.
d)
wüten des hungers, des fiebers: hunger! hunger! ach er wüthet in meinem eingeweide! er wüthet in meinem gehirne! (1768) Gerstenberg s. poet. schr. 2 (1794) 114; der hunger wüthete so sehr in ihren eingeweiden, dasz die mutter ihr eigenes kind schlachtete Aurbacher volksbüchlein (1835) 9;
ich lag und schlief; da fiel ein böses fieber
im schlaf auf mich daher
und stach mir in die brust und nach dem rücken über
und wüthete fast sehr
Claudius w. (1902) 1, 188;
bis nun recht in mir das fieber wüthet
Rückert ges. ged. 4 (1837) 329.
G.
sondergebrauch des part. präs.
1)
in attributiver und (seltener) prädikativer (a—c) sowie in adverbieller (d) fügung entwickelt das part. präs. namentlich seit der zweiten hälfte des 18. jhs. einen sondergebrauch, dessen einzelne anwendungen, von verschiedenen ansatzpunkten ausgehend, in der gradvorstellung der heftigkeit, der äuszersten intensität zusammentreffen. sporadisch bahnt sich dieser übergang bereits in älterer sprache an: (ibo inruentis gressibus obviam, nec demorabor) uota calentia dina vuotanta vuillvn (11. jh.) ahd. gl. 2, 442, 63 St.-S. (Prudentius, peristeph. 14, 76);
do er (Saul) lange diz getreip
und in der tobesuhte bleip
mit wütendem pine
Rudolf v. Ems weltchronik 23 889 Ehrismann.
a)
von körperlichen und seelischen vorgängen, die sich mit gewaltsamer heftigkeit äuszern.
α)
wütender schmerz, hunger, durst: elend immer und einsam, gequälet von wüthenden schmerzen ..., wie kann er da noch sein schicksal ertragen? (νοσεῖ μὲν νόσον ἀγρίαν) Steinbryckel Philoctetes (1760) 16; da hat sie einige stunden in wüthendem schmerze zugebracht (1776) Leisewitz Julius v. Tarent 117 ndr.; zulezt kam ein alter mann, schwer gebeuget von gram, angebissen den arm von wütendem hunger (1781) Schiller 2, 180 G.; kaum aber wurden diese (die soldaten) einen brunnen ... gewahr, so siegte der wüthende durst über alles (1793) Archenholtz gesch. d. siebenj. krieges 2, 38 Reclam; nehmen sie so mit diesem allerlei vorlieb. ich schreibe unter den wütendsten kopfschmerzen (1820) Lachmann in: briefw. m. J. Grimm 1, 207 Leitzm.; er ... genosz ... so viel, als hinreichte, seinen wüthenden hunger zu stillen Immermann Münchhausen 4 (1841) 9; ihr körper bäumte sich. der in sich selbst verkrampfte wütende schmerz zerrte und risz und schnitt Frank Mathilde (1959) 256.
β)
wütender zorn, hasz, grimm; wütende begierde, leidenschaft, eifersucht, verzweiflung: es ist wol ehe geschehen, das ein wietender hasz ein menschen hatt tobend unnd rasend macht (1521) Luther 7, 625 W.; denselben aber hat tiran Crito ... ausz wuttendem zorn ... jämerlich zerhawen lassen G. Braun beschr. u. contrafactur (1574) 5, 36ᵃ; sein (des hungers) wütende begierd Treuer dt. Dädalus (1675) 878; das unglück ... würde ihn betäuben; er würde sich einer wütenden verzweiflung überlassen (1749) Lessing 2, 81 L.-M.; (es) scheint sich seine liebe in eine wütende eifersucht verwandelt zu haben Wieland Agathon (1766) 1, 24; (könige, die) den ausbrüchen wüthender leidenschaften einhalt thun muszten Haller Usong (1771) 55;
verschlungen hätten sie uns lebendig
in ihrem wütenden grimm auf uns
(1783) Herder 12, 219 S.;
wiewohl ein muthig ross zurück sich wenden
in vollem lauf vom schwachen zügel lässt,
hält die vernunft doch selten in den händen
den zaum der wüthenden begierden fest
Athenäum (1798) 2, 249 A. W. Schlegel;
nur wüthende erbitterung veranlasste ... die grausame entscheidung eines vertilgungskrieges Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 116; eifersucht wegen Cherouit, um dessen votum sich beide mit gleich wüthendem ehrgeize beworben haben (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 157 Th. Schücking. auch: jene wütenden und unaufhörlichen ausbrüche von bigotterie Schiller 4, 96 G.; mancher anfängliche unwillen hat sich schon selber durch unüberlegte worte zur wüthenden brutalität entflammt Hegner ges. schr. 5 (1830) 359.
γ)
selten von lustbestimmten affekten: halt es aus, o mein gehirn, diese wütende freude, biss ich sein blut habe fliessen sehen (1771) Göthe I 39, 152 W.;
sein umarmen — wütendes entzüken! —
mächtig feurig klopfte herz an herz
(1781) Schiller 1, 128 G.;
nachtigall und turtel fliehen
das so keusch erwärmte nest,
und in wüthendem erglühen
hält der faun die nymphe fest
(1799) Göthe I 2, 29 W.;
er zieht sie mit wüthender gluth an sich R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 22; seine kostüme, er hatte sie mehr geliebt als geld ... sie waren wütende freuden gewesen H. Mann nov. 2 (1953) 265.
δ)
den äuszersten grad einer bemühung kennzeichnend: er hatte sprach- und geschichtskenntnisse ... endlich mit wüthender anstrengung erstürmt (1822) Göthe I 33, 228 W.; Santo ... arbeitet sich mit wüthender anstrengung durch (durch eine zypressenwand) Gaudy s. w. (1844) 13, 136; Wilhelm und ich waren ... als holzhacker mit wütendem eifer tätig v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 28. danach auch: (ich danke) das nur der arbeit, eifriger, wütender, fast nur durch den schlaf unterbrochener arbeit (1870) Scherer in: briefw. 171 Leitzmann.
b)
bezogen auf vorgänge im bereich der äuszeren wirklichkeit.
α)
von natürlichen elementarvorgängen, namentlich der heftigen, ungestümen bewegung der lüfte:
und neun tage trieb ich, von wütenden stürmen geschleudert,
über das fischdurchwimmelte meer
Voss Odyssee (1781) 9, 82;
thörichter! ruft mir der gott: befürchte nicht wüthende stürme:
fürchte den hauch, wenn sanft Amor die flügel bewegt!
(1790) Göthe I 1, 329 W.;
ich habe in einem solchen wüthenden sturme ... die masten einer brigg verschwinden sehen Steffens was ich erlebte (1840) 1, 74; (deiche,) welche den wütendsten wogendrang abzuhalten haben Allmers marschenb. (³1900) 24.
β)
von der heftigkeit, der erbitterung des kampfes oder krieges: ein ... grawsame vnd wütende schlacht theatrum amoris (1626) 96;
war es mein arm gleich, der dieses wüthenden krieges
schwerstes vollbrachte, so ward dir dennoch, kam es zur theilung,
stets der viel gröszere dank
(1784) Bürger s. w. 187 Bohtz;
in den strassen von Fontainebleau soll Platoff ein wütendes, aber für ihn vortheilhaftes gefecht gehabt haben (1814) J. Grimm in: J. u. W. Grimm briefw. (1881) 246; hier ... breitet sich das schlachtfeld aus, wo nach wütender gegenwehr Catilinas heer zusammengehauen wurde Widmann du schöne welt (1907) 8; im südteil der hochfläche behaupteten wir trotz wütender angriffe alle stellungen kr.-dep. (2. 11. 1916).
γ)
von vehement ausgeführten einzelhandlungen: Jakob ... versetzte ihm (dem arm) sogleich einen wüthenden hieb Langbein s. schr. (1835) 31, 17; Sanchez (hatte) kaum zeit ..., seine wüthenden streiche aufzufangen (1835) Eichendorff s. w. (1864) 3, 256. auch: (Werther) schlang seine arme um sie her ... und deckte ihre zitternden, stammelnden lippen mit wüthenden küssen Göthe I 19, 176 W. (vgl. Th. Mann Lotte in Weimar [1946] 36).
δ)
bezogen auf menschliche und tierische lautäuszerungen: töne der brüllenden verzweiflung, des wütenden geschreies (1769) Herder 3, 15 S.; zwei (Indianer) ... liefen unter wüthendem geschrei auf uns los J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 129; wie ich hingehe, hör ich wüthendes geschrei aus der stube M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 9; hinten im backhause risz Perle an der kette und erhob ein wüthendes gebell Storm s. w. (1900) 3, 139. auch: als der erste akt zu ende war und nun ein wüthender applaus losbrach (1872) Heyse ges. w. I 1, 17 Cotta.
c)
bedingungslose, bis zur unbesonnenheit heftige gegnerschaft oder parteinahme kennzeichnend, fanatisch nahekommend:
der kirchen felsen steht, ...
er wird durch seinen arm geschützt,
nicht durch das wütende und schnelle ketzermachen
Pietsch geb. schr. (1740) 292;
(es geschieht nicht) aus wüthendem eifer gegen die christen (1768) Lessing 10, 133 L.-M.; der förster des orts, der früher selbst das gymnasium frequentirt und seitdem eine wüthende vorliebe für studenten hatte Eichendorff s. w. (1864) 2, 374. auch: eine gleichheit ... welche zur wüthenden demokratie ward Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 251; lord Venthyfolly, ein wüthender high-tory, ... erprobte ... seine parlamentarischen donnerkeile Gaudy s. w. (1844) 13, 48; in seiner jugend ein Guelfe, wurde er (Dante) zum wüthenden Ghibellinen (1860/63) Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 15; die wüthenden Franzosenfeinde der Berliner 'gesellschaft für deutsche sprache' überboten noch die thorheiten des meisters (Jahn) Treitschke dt. gesch. 2 (1897) 388; vgl. auch Sanders wb. d. dt. sprache 2, 1689ᵇ.
d)
adverbiell (vgl. E 2 c) bei verben, die intensivierbare vorgänge bezeichnen:
auf einmal fällt der aufgehaltne schmerz
des helden seele wütend an
Ramler lyr. ged. (1772) 355;
so wüthend hat noch keiner an die pforte der hölle geschlagen Klinger w. 3 (1815) 47;
was noch so wüthend ringt, sich zu zerstören,
verträgt, vergleicht sich
Schiller 12, 226 G.;
die messe ist noch nicht angegangen und schon wird wüthend gekauft und verkauft (1815) Göthe IV 26, 72 W.; Walter küszt sie (die sterbende) wüthend: hier bin ich, furchtbares verhängnisz! Tieck schr. (1828) 2, 326; da er sich der gefangennahme auf das wüthendste widersetzte Droysen Alexander d. gr. (1833) 293; sie ... tanzte noch wüthender als zuvor Castelli s. w. (1844) 10, 75; Herman Bahr, der für alles werdende und kommende sich als geistiger raufbold wütend herumschlug Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 63. seltener adverbiell beim prädikatsnomen: alle tage wurde es wüthend schlimmer (verlauf einer fiebrigen erkrankung) (1796) Göthe I 43, 240 W.; René war wütend entschlossen, gefangener zu bleiben Bergengruen herzog Karl d. kühne (1930) 58.
2)
das wutende heer, bezeichnung der wilden jagd (s. J. Grimm dt. mythol. ⁴2, 765 und K. Meisen d. sagen v. wütenden heer u. wilden jäger [1935] 30 ff.); entstellt aus wüten-, wütes-, wuetes-, wuotesheer, formen, die ihrerseits auf Wuotanes her zurückgehen, s. dazu unten Wutesheer:
uns ist der tiuvel nâhen bî,
swannen er her bekomen sî,
oder daz wüetende here
Moriz v. Craun 1563 Pretzel;
ich habe neben andern gehöret von dem ... pfarrer zu Manszfeldt, seines alters vber achtzig iare, dasz zu Eiszleben ... das wüttende here (also haben sie es genennet) fürüber gezogen sey, alle iar auff den fasznacht dornstag Agricola 750 teütscher sprichw. (1534) y 8ᵃ (nr. 667) (vgl. Eyering proverb. 1 [1601] 783; Prätorius Blockesberges verrichtung [1668] 24);
das alter mustert manchen ausz,
der bleibt on soldt in disem strausz
und sein der trosser schar geselt,
bisz sy das wütent hör bestelt
Johann v. Schwarzenberg trostspruch 18, 89 ndr.;
die nacht vergieng ..., dasz diese beyd eines groszen reisigen zeugs ... ansichtig worden ... (es war) das wütende heer ausz der hellen (1563) Kirchhof wendunmuth 1, 86 Öst.; der gemeine man nennet diesen hauffen der vnholden das wütende heer Nigrinus von zäuberern (1592) 197;
dasz aller wettergrimm, der auf uns zugeblizt,
dasz all das wühtend hör, so selbs der satan führet,
uns weder leib noch sel verdörblich hat berühret
Rompler v. Löwenhalt erstes geb. s. reimgetichte (1647) 32;
so sieht der wächter oft ein wütend heer der höllen,
wild durch die lüfte ziehn, und hört die hunde bellen,
wenn Lucifer des abends sein jagthorn angelegt,
wild durch den himmel schwärmbt und pferdekäfer jägt
Dusch verm. w. (1754) 186;
fern nun blafts und belfert mit nahendem laut, und auf einmal
braust wie ein donnerwetter das wütende heer aus dem walde
Voss s. ged. 2 (1802) 38;
wäre ein ganzes wütendes heer auf den Hannes zugerannt, sie wäre nicht auf die seite gewichen O. Ludwig ges. schr. 2 (1891) 319. die vorstellung des lärmenden, bunt zusammengewürfelten und wirr durcheinander strebenden jagdgefolges gibt namentlich in frühnhd. zeit anlasz zu vergleichen und gleichsetzungen (s. auch Meisen a. a. o. 144): (das gesinde verläszt seine arbeit) vnd louffen all dureinander, als ein wütent here, ... vnd spilent der blinden müsz Keisersberg bilgersch. (1512) C 3ᵃ (vgl. Hans Sachs ged. 1 [1558] 407ᵃ);
da solt jr sehen, wie so schön
ein hauffen für dem himel stehn
von allen farben (der mönchskutten) seltzam sehr:
das ist recht bund wütend heer
(1571) Fischart S. Dominici artl. leben 156 Kurz;
(eine bunt zusammengewürfelte schar) also dasz man ... vermeynen hätte mögen, es wäre das wütende heer (ausgabe 1669: das wüttig heer 12 Scholte) gewesen, davon uns die alte so viel wunderlichen dings erzehlet haben (continuatio 1671) Grimmelshausen simpl. schr. 2, 132 Kurz. übertragungen:
den (Pharao) verslant das rôte mer
und al sîn wüetende her
Stricker Karl der grosze 6810 Bartsch;
er (Christus) lie sich vinden ane wer
do daz wͤtunde her
also dort chom mit schalle her
(um 1230) Konrad v. Heimesfurt urstende, in: ged. d. 12. u. 13. jhs. 105, 35 Hahn;
wenig tag hernach kam das wüttend heer (dann also wurd billich von vilen das vnsinnig lager desz Halberstatters genannt) an den Mayn ... herauf in: Alemannia 18, 46; vgl. anz. f. dt. altert. 55, 222. —
si ist ein schilt vnd och ein wer
fur der svnden wüetens her
(1293) Hugo v. Langenstein Martina 16, 38 Keller.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2492, Z. 38.

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Zitationshilfe
„wüte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCte>, abgerufen am 26.07.2021.

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