Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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Wutesheer, n.

wutesheer, n.,
'wilde jagd'. die auffassung des ersten kompositionsgliedes hängt von der beurteilung des Wodan-Wode-problems ab. dem an. nebeneinander der götternamen Ođr (˂ germ. *Wōđuz, substantiviertes adj.; als 'sakraler' u-stamm durch den dat. sg. Ǿđri und den run. personennamen dat. sg. Wođuriđe gesichert, s. Lindquist bidrag till nord. filol., tillägnade E. Olsson [1936] 230 f., de Vries an. et. wb. 416 sowie W. Schulze z. gesch. d. lat. eigenn. 473, Specht zs. f. vgl. sprachf. 65, 207; d. alten sprachen 5, 118) und Óđinn (s. u.) steht im dt. das paar Wode: Wodan gegenüber, doch ist das genaue verhältnis von Wode zu Wodan bzw. an. Óđr zweifelhaft. die gleichsetzung von Wode und Óđr und die annahme, Wodan sei ableitung von einem dem götternamen Wode zugrundeliegenden gleichlautenden abstraktum (Helm Wodan [1946] 13 ff.) ist gewagt: Wuotan ist auf deutschem boden seit dem 7. jh. (s. runendenkmäler 1, 462 Arntz-Zeiss), Wutesheer seit dem 13. jh., Wodenheer seit dem 15., Wode, Wütte auszerhalb der komposition aber erst seit dem 16. jh. sicher bezeugt. dieser name steht vor allem in nd. tradition synonym für Wodan, häufig in der funktion des wilden jägers, doch auch als fruchtbarkeitsdämon o. ä.:
der heilige Christ vnd Wütte
mit einander ritten
M. Bapst wunderbuch (1590) Vᵇ. nach älterer quelle, s. Müller-Fraureuth obersächs. 2, 686;
mit 'dem afgade Woden' und 'Wodendüvel' interpretiert N. Gryse (1593) das wort in:
Wode hale dinem rosse nu voder,
nu distel unde dorn,
tom andern jar beter korn!
bei J. Grimm dt. mythologie ⁴129.
aus neuerer ma. reich bezeugt, vgl. Wood (mit angabe zahlreicher varianten und weiterführender literatur) Mensing schlesw.-holst. 5, 684; Wode (für Lauenburg) jahrb. f. d. landeskde d. herzogth. Schlesw., Holst. u. Lauenb. 4, 161; vgl. 4, 284; Wode Handelmann weihnachten in Schlesw.-Holst. (1866) 34; Wod Mi Mecklenb.-Vorpommern 108ᵇ; Wote, Wotte Stauff v. d. March Nordmähren 97; Wuot (als teufelsname im Oberengadin) Germania 5, 68. für die obd. maa. ist die teil 13, sp. 2608f. dargestellte wortgruppe wauwau (2) 'schreckgestalt für kinder, popanz, gespenst' zu vergleichen, die de Vries contributions to the study of Othin, in: f. f. communications 94, 53 hier anschlieszen möchte; lautlich am nächsten steht waudel teil 13, sp. 2607. weitere nachweise bei J. Grimm dt. mythol. ⁴128ff., 766ff. u. nachtrag 48ff., schweiz. id. 4, 589. dasz Wode mit an. Óđr einen germ. gottesnamen *Wōđuz repräsentiert, kann angesichts seiner späten bezeugung nicht gesichert werden. die noch von Mogk bei Hoops reallex. 4, 559 und von Helm altgerm. religionsgesch. 1, 262 vertretene auffassung, dasz Wode aus einem kollektivum *wōd 'totenzug, wilde jagd' personifiziert und wie Wodan als der herr des *wōd zu deuten sei (vgl. þiudans: þiuda, κοίρανος: harja-) wird heute abgelehnt, da sprachlich die existenz dieses kollektivums nicht genügend wahrscheinlich gemacht und sachlich Wodan, Wode als ursprünglicher totengott allein nicht verstanden werden kann, s. Ninck Wodan (1935) 32; de Vries altgerm. religionsgesch. ²2 (1957) §§ 400, 410; ders., an. etym. wb. 416. Wode kann als substantiviertes adj. *wōd 'der wütende' bedeuten, am wahrscheinlichsten scheint es jedoch noch immer als entstellung aus Wodan erklärt zu werden (möglicherweise als rückbildung aus Wodenheer [entsprechende bildungen im obd. s. u.]; das würde das fehlen des kompositums im nd., dem hauptbezeugungsgebiet von Wode, erklären helfen). sofern Wode nicht mit Wodan gleichgesetzt wird, bleibt umstritten, ob man mit J. Grimm dt. mythol. ⁴110 (vgl. auch 766) in Wode den zum dämon herabgestiegenen Wodan oder umgekehrt einen in die rolle des germ. gottes eingetretenen vorgerm. dämon, oder den christlichen teufel, dessen bezeichnung als 'der wütende' vielleicht an den Germanengott angelehnt wäre, zu sehen habe, s. Plischke d. sage v. wilden heere im dt. volke (1914) 4 ff.; de Vries altgerm. religionsgesch. 1 (1935) 288f.; 2 (1937) 196f.; Schneider götter d. Germanen (1938) 48 f.; Meisen Nikolauskult u. -brauch im abendlande (1931) 457 f., bes. 462. Wodan seinerseits ist mit an. Óđinn, ags. as. Wōden substantivierung der in ahd. wuotan (uuotanherz tyrannus ahd. gl. 1, 258, 21 St.-S.; wodendunk, s. teil 14, 2, sp. 968f.; möglicherweise sind formen wie rabidus dollen ader wutten voc. opt. gemm. [Lpz. 1501] Z 2ᵇ, dazu furia wutenikeit ebda L 6ᵇ; wütenig Fischer schwäb. 6, 1015; wutnig Müller-Fraureuth obersächs. 2, 686, soweit diese nicht vom part. präs. her erklärt werden müssen, zu vergleichen) vorliegenden weiterbildung des nominalstamms *wōđa- (s. o. sp. 2474), vgl. an. Ullinn : Ullr (= got. wulþus), s. de Vries zs. f. dt. philol. 73 (1954) 337—353. da daneben mit suffixablaut ags. *Wœden, as. *Wōdin (vgl. ags. wēdenheort; engl. Wednesday [zugehörige formen allerdings erst seit dem 13. jh. belegt]; afries. wernisdei; nd. wehdendunk, s. teil 14, 1, 1, sp. 66f., weiteres s. teil 14, 2, sp. 969) zu vermuten sind, ist mit de Vries an. et. wb. 416 von germ. *Wōđanaz: *Wōđinaz auszugehen. das kompositum wird üblicherweise aus ahd. *Wuotanes heri erklärt, vgl. Grienberger zs. f. dt. altert. 41 (1897) 351; schweiz. id. 2, 1556; Fischer schwäb. 4, 1844; die vollform ist jedoch kaum bezeugt (s. u.). die überlieferten haupttypen lauten Wutesheer, vorwiegend fürs schweizerische u. schwäbische, und Wütenheer, Wodenheer, für Elsasz und md. maa.fürs nd. ist das wort, im gegensatz zum simplex Wode (s. o.), kaum zu belegen. für die reich bezeugten mundartlichen nebenformen (gutesheer, mutesheer u. a.) vgl. besonders schweiz. id. 2, 1555ff.; Fischer schwäb. 4, 1843 f.; Martin-Lienhart elsäss. 1, 367ᵇ; Schmeller-Fr. bayer. 2, 1056 f.; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 686; Schmitz sitten u. sagen des Eifler volkes 1, 233ᵇ; 2, 1ff.; sowie Frings-Nieszen in: idg. forschgn 45 (1927) 293—304; Christmann in: beitr. 67 (1945) 362ff. konkurrierende hochsprachliche fügungen sind die volksetymologischen umbildungen wütendes heer (s.wüten G 2), wütiges heer (s. wütig 5 a); s. auch wütnisch. vereinzelte kontamination der genitivform von Wuotan und wutung (für lat. furia, s. personalen gebrauch unter wütung 3) ergibt Wutungis her gesammtabenteuer 55, 1290 v. d. Hagen. so kann das wort nach wegfall des zweiten kompositionsgliedes (vgl.Wuetas, Wüetis u. ä. schweiz. id. a. a. o., Mutes, Wutes Fischer schwäb. a. a. o.) unter annahme femininen genus auch synonym mit furie verwandt werden: (wenn) die kurtzweil etwan zuͦ einer unsinnigkeit gerat ... dann gehet es mich nicht an, sonder gehört zuͦ der hellischen Wüetes, furie genannt S. Franck Erasmi morie encomion 72 Götz.; (der krieg ist) so ein wüetend doll ding, dasz auch die poeten dargeben, in von der Wüetesz her kommen sein ebda 123.
bedeutung. das wort bezeichnet die 'wilde jagd', eine gruppe von unholden, deren wirken unter führung Wodans bzw. Wodes (s. o.) oder auch bestimmter halbhistorischer personen (s. J. Grimm a. a. o. 767 ff.) im brausenden sturm, bes. bei nacht, bis in jüngste vergangenheit (Fischer schwäb. 4, 1844) geglaubt wird. die zusammensetzung der wilden jagd (hexen, teufel, unselige geister) und ihre einwirkung auf betroffene personen (meist unheilstiftend, gelegentlich glückbringend) schwankt im volksglauben, s. J. Grimm dt. mythol. ⁴128ff.; 766ff.; nachtr. 48ff.; hdwb. d. dt. aberglaubens, s. reg.; Meisen d. sagen v. wütenden heer u. wilden jäger (1935); aber auch Fischer schwäb. 4, 1843 f. undsehr ausführlichschweiz. id. 2, 1555ff.; zu beachten sind die deutungen bei Höfler kult. geheimbünde d. germanen 1 (1934), besonders im abschnitt 'die sagen vom wilden heer als spiegelungen ekstatischer geheimkulte' s. 1ff.:
daz hoyste numen dyuiuon (divinum)
...
daz mize mich noch hint bewarn
...
vor allen vneholden:
...
Truttan vnde Wutan,
Wutanes her vnde alle sine man
(md. hs. d. 14. jhs. nach früherer vorlage)
in: zs. f. dt. altert. 41 (1897) 337;
tambûr bûsûn schalmîgen
hôrt man in lüften schrîgen
sam ungewiters dunres krach.
der dôz dur tal und berge brach
daz ez dâ von moht zittern:
er fuor mit ahzic rittern
...
rûschent sam daz Wuotes her
(um 1300) Reinfried von Braunschweig 479 Bartsch;
bî deus salter ich dich swer,
und bî Wutungis her,
bî Peters ban bast
banne ich dich vil vast
(anf. d. 14. jhs.) Rüdeger v. Munre in: gesammtabenteuer 3, 77 v. d. Hagen;
da qwam er (Heinrich d. Löwe) vnder daz Wodenhere,
da die bœsen geiste ir wonung han.
da begegent ym eyner vff der fart,
der waz sich grusz vnd vngehüwer,
dar abe erschrack der fürste tzart
(md., vor 1474) M. Wyssenherre von dem edeln hern von Bruneczwigk 166 Seehaussen;
das glaub als ob ich schwer:
dem wilden Wuettiszher
fuͦr er glych durch den wald
(1486) bei Schmeller-Fr. bayer. 2, 1057;
der stier von Ure treib ein grob gesang,
das in holz, in feld, in berg in tal erklang,
zue hören grusam, als wär's ein Wuetisher
(1499) in: schweiz. id. 2, 1557;
mine oelter haben gehalten, es fahr in den luͥften ein wagen vol tüfel, das nannten sie das Wuͦtasheer (1525) bei Fischer schwäb. 4, 1843; nuhn ist Wütis heer ein versamlung aller hexen vnd vnholden zusammen Paracelsus opera 2, 260ᴬ Huser; vor vil jaren ist ains priesters magdt ... gegen aubents hinüber geen Bittelschiess gangen; dero ist das Wuoteshere (hs. wuosteshere), wie vor zeiten vil beschehen, am wege ufgestossen, oder villeucht ist es sonst ain gespenst gewesen Zimmer. chron. ²2, 155 Barack; Wuteshere ²2, 650 u. ö.; von dem seltzamen gespenst, so by nacht wandlet vnd von dem gemeinen pöffel daz Guͦtt jns heer oder die säligen lütt genennt würdt, solt aber billicher heissen daz Wuͦtt jns heer (16. jh.) Renward Cysat bei Meisen a. a. o. 116 (u. ö.); da (abends auf einem kreuzweg im wald) kam ain solches getösz, getümmel, schreyen und johlen, alsz wan ain Wuodteszherr verhanden, alsz wan man in dem wald thäte jagen und wäre ain grosze reuterei mit rosz und wägen, spüesz und stangen verhanden; mit allerlay natürlichen menschlichen stümmen uff allerlay weisz und manier Bürster schwed. krieg 115 Weech;
wie hän m'r derfe-n unschenirt rawanze
in alle klasse drin (in der schule)
wie's Wüedeheer uff disch un bänke danze
wenn d'lumpewuch isch g'sinn!
Hertz ged. (1846) 160;
Michel und Sami ... machten sich davon mit einer eilfertigkeit, als ob ... der wilde jäger mit dem Wuthisheer und allen bösen geistern hinter ihnen her seien J. Gotthelf ges. schr. (1855) 7, 91; das Wütenheer zog einst mit saus und braus das Brahmenthal herauf Laistner nebelsagen (1879) 258. in redensartlichem vergleich kann das wort sinnentleert 'unruhige, laute gesellschaft' bedeuten, s. Weise Altenburg 124, dazu: sie machen einen kommers wie ein wütenheer ('volkstümlich') ders., syntax d. Altenburger ma. 161; weiteres bei Meisen a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2533, Z. 67.

wütenheer, n.

wütenheer, n.,
s.Wutesheer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2518, Z. 39.

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Zitationshilfe
„wütenheer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCtenheer>, abgerufen am 03.08.2020.

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