Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wüterei, f.

wüterei, f.,
'grausame willkürhandlung, willkürherrschaft'; 'zornige erregung'. denominativabstraktum zu wüter, gelegentlich rückbezogen auf wüten und wut. umlautlose formen: wuterey Luther 8, 544 W.; 32, 322; wutterey 8, 295; wuterey J. Jonas in: dt. kirchenlied 3, 44 Wackernagel; wutterei H. Gholtz lebendige bilder (1557) A 3ᵇ; wuterei Quad teutscher nation herligkeit (1609) 120; 245; wuhterey Weckherlin ged. 1, 343 Fischer. häufiger ist schreibung mit doppeltenuis, vgl. u. a.: wütterey Luther 7, 274; 30, 2, 37; wütterei Menius uber d. spr. Salomo (1526) 27ᵇ; wütterey S. Franck chron. zeytb. (1531) 198ᵇ; wütterey Micyllus Tacitus (1535) 132ᵃ; Horscht geheimn. d. natur 3 (vorr. 1574) F 2ᵇ; J. Bentz päbstl. chron. (1604) 337; Voigtländer oden u. lieder (1642) 15; Logau sinnged. 92 lit. ver.; Butschky Pathmos (1677) 347.
1)
auf grausame unterdrückung oder ausrottung gerichtetes handeln.
a)
'tyrannische gewaltherrschaft'.
α)
'grausame handlungsweise eines tyrannen'. so bis ins 17. jh. am häufigsten bezeugt: du gloubst in tirannen in welichen ... alle wüterye vnd tüfelsch handlung ... gesehen werden Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) A 4ᵇ; die tyranney saltu vor die ewigen sälickeit achten, vnd wüterei saltu dir lassen beuolhen sein (um 1517) bei U. v. Hutten opera 4, 20 Böcking; die disen tirannen gesehen haben, sagen er sey dem wütterich Hanibal gleich gwesen in aller wütterey S. Franck chron. zeytb. (1531) 198ᵇ; gleich wie keyser Augustus von Herodis wüterey sprach, da er seine zween söhne ... vnschuldiger weisz liesz vmbbringen Schweigger reyszbeschr. (1619) 146; des Nero wüterei (war) nun auf das höchste gekommen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 204.
β)
herrschaftssystem 'tyrannis': tirannis wietery Altenstaig voc. (1516) 25ᵃ; ein tyrann frewet sich zwitracht und auffrhur zu sehen unter seine bürger ... und braucht solche ding zu bewarung seiner wüterei Erasmus, herrenzucht (1566) 31ᵇ; als jhm (dem könig) vorgeruckt ward, dieses were kein regiment, sondern ein wüterey, hat er geantwortet: aber diese meine wüterey macht nur bescheidene fromme underthanen Zinkgref apophthegmata (1628) 434; Valentinianus ... müste sich vnter der wieterey Maximi in der Windischmarckt flichtig aufhalten F. A. v. Brandis immergrün. ehrenkräntzel (1678) 63.
γ)
gelegentlich allgemeiner: denn das gehet mit aller gewallt jnn der wellt, das sie alle jren mutwillen und wuterey treiben unter dem schonen trefflichem schein und deckel, das sie es thue eben umb der gerechtigkeit willen (1530/2) Luther 32, 322 W.; du weist dass sich menger frommer landtmann in unserm land ouch ab des landtvogts (Geszler) wüterey klagt Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 235 (entsprechend Schiller 14, 285 G.); dan weil in diesem reiche lauter wühterei, leibeigenschaft, und gottloszheit im schwange gehen, so seind die herrscher desselben bei den mohren und Arabern sehr verhasset O. Dapper, Africa (1671) 250ᵇ; argwohn ... lenket fürsten und herren zur wütterey Butschky Pathmos (1677) 347; nachher begegneten die patricier den plebejern als knechten, miszhandelten sie ... an leib und leben, vertrieben sie vom gemeinland ... durch welche wüthereyen ... die gemeinde ... zulezt zum aufstand getrieben ward Niebuhr röm. gesch. 1 (1827) 596.
δ)
vom handeln antichristlicher mächte: solch beschwerlich tyrannisch wüterey (d. Türken) zu verdilgung des christlichen namens (Nürnberg 1522) bei Diefenbach-Wülcker 910; umb des hohen artickels willen der gottheit Christi, (der nach d. konzil v. Nicäa) ... durch unsagliche des teuffels wüterey angefochten (1539) (wurde) Luther 50, 574 W.; der ewig gott (der das menschlich gschlecht durch der gottlosen wütery und durch die bössheit der lästerer nit gar vergifften last) Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 41; denn folget (nach apok. 12) die kleine zeit der wüterei des drachens Petersen d. warheit d. herrl. reiches Jesu Christi (1693) 2, 61.
ε)
von den vorigen verwendungen (bes. α) abgeleitet: stell ab sölich hertikait vnd wüterye (weigerung ihn zu sprechen) vnd bis gütiger dinem liebhaber Niclas von Wyle translat. 37 lit. ver.; o wilch eyn rasende wuterey ist das (d. päpstl. auslegung d. 6. gebots), das man soll man unnd weyb nacket tzusamen geben und gebieten, das sie yhre pflicht leyden (1521) Luther 8, 544 W.; darauf bald ein witlöuffigere entschuldigung Westphali wider Calvini wüterei hernach volgen wirt L. Lafatfr historia (1564) 120ᵇ; (der zauberer Arcalaus ist) zu allem laster vnd wüterey geneigt (1569) Amadis 1, 215 lit. ver.
b)
brutales vorgehen seitens kriegerischer gruppen, grausame behandlung wehrloser opfer: für den christen ist solche wueterey (der türk. eroberer) viel weniger schrecklich. denn die wissen, das solche gespiessete ... leute eitel heiligen sind Luther 30, 2, 177 W.;
(gott) wirdt ausz gnadt mir zeigen an,
wie Israel zu helffen sey
von irer feinde wüterey
(1557) Hans Sachs 10, 134 lit. ver.;
(könig Wladislaus von Polen) führete mit sich grosse hauffen Tattern ..., die vͤbeten grausame wüterey an frawen vnd mannen Rätel Curaei chronica (1607) 122; dasz es eine grawsame, barbarische abs chewligkeit sey, wenn man wider vnschuldige, vnbewehrte leut gewalt vnd wüterey gebraucht Lehmann floril. polit. (1662) 1, 476;
(Mars:) die thorheit, die ein gräszlichs schreckenbild
aus mir gemacht,
...
hat edlen heldenmut von toller wüterey
gar schlecht zu unterscheiden wissen
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 84 Weichmann;
wir wissen nicht, ... sollen wir über jener wütherei und schlächterei bei der eroberung von Jerusalem die busse und das tedeum oder über diesem jene vergessen Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 162. selten verallgemeinert: ja es gilt ein frumb kind so vil bey got, das er aller wüeterey der welt, und allen seinen feinden, auf ein solch kind trutz beut (1525) mon. Germ. paed. 20, 141, 25; die menschlich wyterey kert sich nit an das exempel der thiern Hedio chron. Germ. (1530) M 2ᵇ;
begraben liegt, doch lebt nunmehr in stoltzem friede,
der deiner wütterey, o schnöde welt, ist müde
Logau sinnged. 92 lit. ver.
c)
gelegentlich mit rückbezug auf wüten vom hemmungslosen einwirken unpersönlicher kräfte: (Christus) hat undertrukt die wüteri der sünden J. Adelphus enchiridion (1520) g 2ᵃ;
und allen trost mir zu entwenden,
inwendig martert mich der kranckheit wühterey,
und lässet mir kein glid auszwendig marterfrey
Weckherlin ged. 2, 125 lit. ver.;
alle alte langdauernde völker retteten sich vor der immer neuen wüterei der mode durch eine volkstracht Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 310. auf J. Böhme beschränkt bleibt abstrakter gebrauch etwa im sinne 'heftige triebhafte bewegung': wenn sich nun der dritte ('bittere') geist mit seiner wütherei in dem herben (ersten geist) reibet, so zündet er das feuer an s. w. 2, 105 Schiebler; auch so gehet der blitz gerade durch den stachel der wütherei des drehenden rades ... und ... fähret mitten durch, also wird aus dem rade ein + und kann sich nicht mehr drehen 4, 20; vgl.wüter 3.
2)
'aufrührerisches verhalten, rebellion': (wenn du die herrschaft durch gewalt erlangst,) wurdst du von übermuͦt, uffruͦr, fraissami, wütery und des gelychen alle zyt gekestiget (1473) Steinhöwel de claris mul. 181 Dr.; so ists ... kein verrheterscher brieff (gegen Georg v. Sachsen), denn nichts von auffrhur, verrheterey, wütterey odder der gleichen böses furnehmen darynnen gehandelt wird Luther 30, 2, 37 W.; vgl. auch tischr. 6, 230; könig Carle, da er gehöret der Sicilier abfall und wütterei, ist er mit grosser macht ... in Sicilien hinüber gefahren J. Bentzius päbstl. chron. (1604) 337; acchetare il furor del popolo desz volcks wüterey stillen Hulsius dict. (1618) 2, 5ᵇ; wie er andere vornehme leute öffentlich gerühmet und gegen des pöbels wüterey verteidiget G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 95ᵃ. auch im sinne 'anarchisches gegeneinander': nahchdähm das statwäsen der alten Venediger anfänglich auf dem stande der algemeinen herschaft däs ganzen folkes ... beruhet hatte, und sich aus vihlen streitigkeiten und spaltungen der gemühter in eine wüterei verändert, so hat man ändlich ... den alherschenden stand verworfen, und den vihlherschenden erwählet (1645) Zesen adriat. Rosemund 177 ndr. von aggressivem verhalten bestimmter volksgruppen: mit geistesentwicklung ... ists ohnedem aus, wenn die wüthereyen der landsmannschaften das praedominium haben J. v. Müller s. w. (1810) 18, 173.
3)
'triebhafte erregung'. an entsprechende verwendungen von wut anknüpfend, nur vereinzelt bezeugt:
a)
'heftiger zorn': das got inn im hat grimmen zorn, hasz, wüterei, rach vornen vnd hinten Reuchlin augenspiegel (1511) 10ᵇ; gleichwie der leib von den gerten und deysseln, also auch das hertz oder das gemüt pflegt von ben bösen begirden, von der wütterei und von dem gösen fürnemen zerrissen und gepeiniget werden Micyllus Tacitus (1535) 132ᵃ; da er (der zimmermann) nun etwan an der arbeit solche wuterei uberkam, hat er sein beihel gegriffen, ist heim gelauffen, hat seiner eigenen kinder zwei mitten von einander zerspalten Quad teutscher nation herligkeit (1609) 245; ei, ei, ei, nicht so scharff mein hochgestrenger herre, stilt eure wüterei Meyfart teütsche rhetorica (1653) 141.
b)
'sexuelle gier': darnach malet er ab, die torheit und blindtheit der huren treiber, wie sie des fleisches wütterei hin reist Menius uber d. sprüch Salomo (1526) 27ᵇ; auch solche zu der Armuda wohnung gehende führete er an seiner hand, nicht weniger an ihr mit steten blicken, als grosser begierde seine wüterei verübend J. Helwig Ormund (1666) 187.
c)
gelegentlich, dabei nicht immer deutlich unterschieden, im sinne 'tollwut', 'tobsuchtsanfall': im sommer wird das geblüt (der hunde) je mehr vnd mehr erhitzt vnd endtlich also verbrandt, das es in ein gifftige rasende wütterey verwandelt wird Horscht geheimn. d. natur 3 (vorr. 1574) F 2ᵇ;
si (Olympia) lest jhr bett vnd läufft hin stracks zum meere wieder,
sie siht sich wütend vmb vnd fällt daselbsten nieder,
als wann sie närrisch wer, vnsinnig, rasend, toll,
darzu besessen auch vnd böser geister voll.
in wütereyen gleich der Hecuben bey nahe,
als Polidoro sie todt endlich bey jhr sahe
Dietrich von dem Werder ras. Roland (1636) 158 (10. ges.);
wüterey, tobsucht la rabbia, furore; auch die wüterey der hunde la rabbia de cagni Güntzel haubtschlüssel (1648) 899; wüterey insania Reyher thes. (1686) p 2ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2519, Z. 48.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wölflein
Zitationshilfe
„wüterei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCterei>, abgerufen am 11.08.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)