Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wütig, adj.

wütig, adj.,
'tollwutkrank', 'wahnsinnig, tobsüchtig', 'zornig aufgebracht'.
herkunft und form: an die stelle des schon ahd. selten bezeugten adj. wuot (insanitis uuuaten [9. jh., zu 1. Cor. 14, 23] ahd. gl. 1, 763, 20 St.-S.; wüth bei Schottel haubtspr. [1663] 943 ist rückbildung aus wütig, um alternierenden vers zu bewahren), got. wods, tritt ahd. wuotac, mhd. wuotic bzw. wüetic, mnl. woedich (weiteres zur etymologie s. unterwut). zur ablösung von -ag durch -ig s. Wilmanns dt. gramm. ²2, 455f. ahd./frühmhd. kann nur die umlautlose form auftreten: uatage (8./9. jh.), uuatage (9. jh.) ahd. gl. 1, 280, 20 St.-S.; vuotagemo, vuotigemo (11. jh.) 2, 459, 36; vuotigiv (11. jh.) 2, 443, 38; vuotic (11. jh.) 2, 423, 28; wotiger (11. jh.) 3, 429, 3; wuotigen kaiserchron. 16 344 Schröder. danach ist sie nur noch vereinzelt zu belegen: wuotik (1293) Hugo v. Langenstein Martina 69, 109 Keller; wutig (15. jh., md.) Diefenbach gl. 615ᵇ; Hans Folz meisterl. 38, 262 Mayer; wutig Luther 2, 106 W.; entsprechend 26, 629; 49, 794; wuttig 45, 406; wutiges g'müthe Lessing 8, 46 L.-M. vgl. dazu: wutig Blumer Nordwestböhmen 95; Gerbet Vogtland 439; wūdΧ Polenz altenburg. sprachlandsch. 43; Protze westlausitz. u. ostmeiszn. 24. — seit dem 13. jh. beginnt sich die nhd. herrschende umlautform wütig durchzusetzen. sie ist in verschiedener dichte auf dem ganzen sprachgebiet bezeugt. vor allem vom 15. bis zum 19. jh. begegnen mundartlich gestützte formen mit entrundetem stammvokal und vereinzelte schreibungen mit -tt- auch schriftsprachlich. die gemination wird durch emphatische artikulation begünstigt. vorwiegend fürs 16. jh. bezeugt ist die ebenfalls mundartl. gestützte nebenform wüticht bzw. wütet, s. Henzen dt. wortbildg ²198 und wütigte Luther 8, 518 W.; wuttichtem ebda 7, 583; wüteten Götz v. Berlichingen lebensbeschr. 89 Bieling; wütet Eppendorff Plinius (1543) 205; wüteten J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 147ᵃ; wieteten Arnpeck s. chron. 574; wütichter Kramer t.-ital. 2 (1702) 1412ᵃ. konkurrierende bildungen sind vereinzeltes wütisch: wüttisch (1525) J. Lachmann in: reform. flugschr. 2, 450 Clemen; wutlich: vuͤtlich (1275/6) Brun v. Schonebeck 12 448 (hs.) Fischer; wietlich (Augsburg um 1525) städtechron. 25, 151; auch Fischer schwäb. 6, 1017; s. a. wuthaft(ig). vereinzelte weiterbildung ist wütigisch J. Bentz päbstl. chron. (1604) 37; häufiger wütiglich, s. d.
bedeutung. wütig ist seit dem ahd. nach form und bedeutung abhängig von wut und wüten. in der übersetzungsliteratur vertritt es vorwiegend furiosus, lymphaticus, phreneticus, rabiosus, vesanus. gut bezeugt erst im 15./16. jh., wird es seit dem 18. jh. in allen hochsprachlichen anwendungen durch das auch vorher vielfach synonyme wütend, aber auch durch grausam, wild bzw. tollwütig, wahnsinnig u. ä. abgelöst.
1)
von krankhaften zuständen und veränderungen.
a)
'tollwutkrank', vorwiegend vom hund (s.wut A 2), seit dem 18. jh. in zunehmendem masze durch tollwütig ersetzt.
α)
eigentlich: (noch nicht eindeutig:) pecus lymphaticum vuotic (Prudentius, cathemer. 9, 57) (11. jh.) ahd. gl. 2, 423, 28 St.-S.; unnd mit der selbigen ertzny wiert gehaylott der bissz des wiettigen huntzs oder wolffs (1491) Österreicher Columella 2, 27 lit. ver.; (menschen und tiere,) die von den wiedigen hunden gepissen werden L. Suntheim (1513) in: württemb. viertelj.-hefte (1884) 129; (eine wundsalbe:) S. Anthonis feuer: deszgleichen heilt es auch wütiger hund vnd vergiffter thier bisz Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 409; wo jemand von einem wütigen hund gebissen wird, soll man ihm einen löfel voll dieses pulvers (gestoszener krebse) ... eingeben Hohberg georg. cur. (1682) 1, 124; es ist eben ausgetrommelt worden, dasz zehn wütige hunde in der stadt herumlaufen sollen (1774) Lenz ges. schr. 1, 26 Tieck; kann es jemanden schimpflich seyn, von einem wüthigen thiere angefallen zu werden? Ayrenhoff s. w. (1814) 4, 310; 's ist ein wüthiger hund Körner w. 2, 192 Hempel.
β)
redensartlich, sprichwörtlich: ehe müsten sie mich zu todt schlagen, wie ein wüteten hund Götz v. Berlichingen lebensbeschr. 89 Bieling; derhalben vergleicht auch der hailig Epiphanias die ketzer den wüteten hunden J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 147ᵃ; dein maul ist vergifftet, als eines wütigen hundts Ayrer hist. processus juris (1600) 554; wenn man den hund die haut will abstreiffen, so sagt man, er sey wütig Lehmann floril. polit. (1662) 2, 874; ich habe die gemeinen naturen vor augen, die boshaft sind ohne allen anlasz — und sie kommen mir vor wie eine meute wüthiger hunde M. Meyr gespr. mit e. grobian (1867) 66; ein wüthiger hund läuft nur neun tage Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 398ᵃ.
γ)
vergleichsweise auch von anderen erregungszuständen (doch vgl. 2 a δ): tun dise ross nit anderst, als wann sie wuͦttig weren Seutter hippiatria (1599) 73; meldet derowegen, dasz die elephanten alle jahr eine besondere kranckheit an ihnen haben, dasz sie gleichsam wütig, die ursach ist, weil sie geil und unkeusch werden G. Maier hist. lustgarten (1625) 1, 170; der ochse tobt, als ob er wütig worden Francisci d. alleredelste pferd (1670) 287.
b)
von krankhaften oder mit krankhafter heftigkeit erfolgenden, unwillkürlichen erregungszuständen des menschen.
α)
'tobsüchtig, wahnsinnig, irr': (et ait Achis ad servos suos: vidistis hominem insanum [den sich wahnsinnig stellenden David] quare adduxistis eum ad me? an desunt nobis) furiosi uatage (1. reg. 21, 15) (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 280, 20 St.-S.; freneticus wotiger (11. jh.) ahd. gl. 3, 429, 3 St.-S.; vesanus wutig (15. jh., md.) Diefenbach gl. 615ᵇ; man sol das haupt (den geisteskranken herzog v. Württemberg) lassen imer krencker werden und wütig, die vnschuldigen lassen ermörden, hencken ... backen vnd nasen abschniden (1521) Karsthans, in: reform. flugschr. 4, 108 Clemen; von hier giengs zu den unsinnigen (in der irrenanstalt) ... einer von ihnen war neun jahre in der sclaverei zu Algier gewesen ... und der war der wüthigste von allen und hatte ungeheure kräfte M. Claudius w. 1, 311 Redlich; das ganze narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den dörfern aufgeboten, sie wieder einzufangen ... hier, meine herren, sehn sie einen solchen wüthigen vor sich ... was? rief Walther aus; ich ein rasender? sehn sie nur, sagte der pfarrer gesetzt, wie ihm die augen wie zwei feuerräder im kopfe herum gehn! er ist toll Tieck schr. (1828) 17, 267; tolle menschen läszt man auch viel zu frei umhergehen. so habe ich zu meinem erstaunen gehört, dasz der übergeschnappte schulmeister ... frank in der gegend gesehen worden ist. wenn einem nun unversehens dieser wüthige begegnete Immermann w. 3, 50 Hempel. übertragen für 'im wahnsinn sterben' (wie ein wütendes ende nehmen, s.wüten A 1): und ward da siech und nam ainen wieteten tod an alle sacrament zu mittvasten Arnpeck s. chron. 574. vereinzelt substantiviert für 'epilepsie': die schwere wüttige J. D. Koehler schles. kernchron. 2 (1714) 726. bei der häufigen anwendung im vergleich sind die bedeutungen 'tollwütig' (a) und 'tobsüchtig, wahnsinnig' (b) nicht sauber zu trennen: David sang disen psalmum. do er sîn analiûte geuuehselota fore Abimelech ... samoso er uuuôtig uuâre (ps. 33, 1) Notker 2, 111 Piper;
so gschwilt mir (dem jähzornigen) auff das hertze mein
und ist mir gleich, samb sey ich wütig
Hans Sachs 14, 44 lit. ver.; auch 17, 26;
(Thersites) schry vberlaut, sam toll vnd wütig
Spreng Ilias (1610) 17ᵇ;
der pfaff ist rasend ganz und gar,
läuft wie wüthig hinter mir drein
Göthe I 16, 71 W.;
er geberdete sich wie ein wüthiger Glagau des reiches noth (³1880) 34.
β)
selten von schwärmerischer verzückung, ekstatischer erregung, dabei gelegentlich im sinne 'heftig begehrend' (vgl. entsprechendes in reicherer ausbildung unter wut B und wüten B): sîn (gottes) stimma ist des schêidenten daz fiûr. daz chit diê uuuôtigen. diên filo hêiz ze imo uuas. uuanda halbe nam er siê ze sih. halbe feruuarf er siê Notker 2, 90 Píper;
swenn er (Paris) sîn ougen swingen
liez, an die keiserlichen fruht (Helena),
sô viel der minne tobesuht
sô starke in sîne stirne
daz im herz unde hirne
von hitze wurden wüetic
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 20 745 Keller;
der ander (liebhaber) was übermütig
froidig vnd wütig
vnzüchtig vnd ane kunst
...
er was ain lugnäre
liedersaal 2, 627 Laszberg.
ähnlich: aber der zauberei täntz machen die leute rasend und wütig Prätorius Katzenveit (1665) K 8ᵇ.
γ)
vom berauschten:
(anrede an eine im tempel betende:)
wie lepstu so? was tuͦstu hie?
bistu trunchin oder wie?
la din ungeberde sin!
gâ hein und doi noh bas den win
von dem man dich sus wuͦtig siht!
Rudolf v. Ems weltchronik 21 833 Ehrismann;
diese vom wein wüttig vnd vnsinnig werden Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 712; und kürzlich besof sich sein schulmeister bei ihm so wütig, dasz er ihm das hausz in brand sezte Schubart br. in: Strausz w. 9, 264. vom delirium tremens:
denn wer also täglich ist voll,
wirt endtlich gar wütig und toll
J. Spreng gürtel d. lebens (1564) 48ᵇ.
c)
vereinzelt übertragen 'wild wuchernd': vitis luxuriosa ein geyle oder wuͤtige weynraͤb, die zevil holtz scheüszt Frisius dict. (1556) 789ᵇ.
2)
vom zustand maszloser, nicht mehr durch den verstand lenkbarer, zornig-aggressiver erregung.
a)
meist treten die aspekte zorniger erregung und aggressiver äuszerung gekoppelt auf.
α)
von anlaszbedingtem, (sinnlos) heftigem zorn: dannan geduôhta er (Christus) uuuôtig sumelîchen. diê in ... ferliêzen. unde mit imo uuesen neuuolton. diê ferliêz oûh er Notker 2, 111 Piper;
(die durstigen Juden) scheltworten gên gote
und gên Môisês dar zu.
in sînem zorne sprach er nu:
hœret, ir wüetigen gar
und ungeloubige vür wâr,
müge wir nicht den stein gewinnen
daz uns wazzer dar ûz rinnen? (audite rebelles et increduli, num. 20, 10)
(um 1270) Heinrich v. Freiberg 227 Bernt;
der kvnic zvrnde grimme
mit tobelicher stimme
von vnsitten wuotik
in zornis laste brvotik
uon vngeberden misse var
(1293) Hugo v. Langenstein Martina 69, 109 Keller;
da ward der richter zornig vnd wüttig als ein leo winterteil d. hl. leben (1471) 114ᵃ;
er ist zornig, wüetig und grimm;
ich musz mich wol hüten vor im
Hans Sachs 17, 188 lit. ver.;
welcher vor unleidenlicher qual gantz wütig wurde Grimmelshausen 2, 487 Keller; bin wüthig, ihr liebe freunde! — er (Faust) musz mir fort aus der stadt, ... beschimpft, geschmäht, und alle seine cameraden mit ihm maler Müller Fausts leben 54 ndr.:
und wie er mit groszer lebensgefahr
den wütigen bauern entgangen war
Kortum Jobsiade (1799) 2, 75;
(die andere schwalbe:) da liegt der Reigen,
...
will täuschen den mann,
der ihm vertraut hat;
wütig spricht er
falsche worte
(af reipi Fáfnismál 33, 5)
(1810) Fouqué w. 2, 42 Ziesemer;
in seiner vertheidigung ... kömmt er mir vor wie ein geohrfeigter wüthiger handwerksbursch R. Schumann br. 1, 197 Erler; ich sehe noch mit lachen, wie der jüngste von uns dem tambourmajor ... unter die beine geriet, und wie der grosze, stolze mann so wütig darüber ward Glaubrecht erz. a. d. Hessenlande (1891) 21.
β)
von streitsüchtiger, hitziger, cholerischer veranlagung: vnser historici sagen, das die Vandales so wütig gewest, das sie auch die christliche religion den Teutschen zu trutz wieder verlassen vnd jre alte ... götzendienst wider angenommen (haben) Rätel Curaei chronica (1607) 34; zum glück muszte sich's treffen, dasz der fast immer wüthige mensch (Goethe) diesen tag gerade in seiner besten receptivsten laune und so amusable war, wie ein mädchen von sechzehn Wieland in: Goethes gespr. ²1, 96 Biederm. (vgl. ebda 1, 79: Goethe lebt und regiert und wütet und gibt regenwetter und sonnenschein); meine liebe Auguste, ich habe gestern dein briefel bekommen, woraus ich seh, dass du eine wüthige kleine creatur bist (1799) Caroline br. 1, 270 Waitz; (in Rom) eine menschenart, schmutzig, abscheulich, schändlich, wüthig Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 4, 97; der junge herr ist ein jähzorniger, wüthiger mensch G. H. v. Schubert erz. (1843) 1, 44.
γ)
'fanatisch': der wüthigste demokrat und der eigenmächtigste despot führen heutiges tages nur eine sprache J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 135, glaubte er mich tolldreist genug, wütige republikaner zu reizen Schiller 3, 67 G.; es herrschte daher in demselben (kloster) ... der finsterste und verruchteste mönchsgeist, dessen wüthigste eiferer gerade diejenigen gewöhnlich sind, die die maske der aufklärung immer ... zur schau tragen J. B. Schad lebens- u. klostergesch. (1803) 1, 187; er ist der wüthigste feind der volkssache, der freiheit, der Deutschen, zum glück wenig schädlich Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 189.
δ)
von wild erregten, angriffslustigen tieren. fest von löwen, wölfen, pferden: wie moͤchten sy gegen dyr suͤssen lemblin so gar vnbarmherzigk syn die wuͤtigen loͤwen, die múrdigen woͤlffe d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 36ᵇ; es sind auch die wölffe sehr wütige thier theatrum diab. (1569) 404ᵃ; an eines wüttigen pferds schwaiff gebunden Buchner d. neueste v. gestern (1694) 1, 272; ein hornissenheer, das die pferde wüthig machte Musäus volksmärchen 1, 33 Hempel. sonst nur vereinzelt: dasz dieselbig vnbestendigkeit des wetters den fliegen widerwertig ist, vnd macht sie gleich wütig ..., es seind auch solcher thier mehr, die bey solcher sommerhitz also wütig werden vnd in der külen wider nachlassen Paracelsus opera 2, 162ᴮ Huser; gibt man dem ochsen einen starcken streich, so thut er wütig vnd schrecklich Lehmann floril. polit. (1662) 2, 539; wurde schnell das böse wesen von ... wüthigen spinnen verzehrt Jean Paul w. 45/47, 305 Hempel; plötzlich eilte aus dem dickicht ein wüthiger eber mit gräszlichem geschrei auf Rosamunde zu Chézy erz. u. nov. (1822) 2, 379.
b)
der aspekt der inneren erregung kann bestimmend hervortreten: mit ... Wedel zu mittage — nach tisch zusammen im garten. abends wütig (1776) Göthe III 1, 23 W.; wie lustig das ist, wüthig seyn und weinen wie ein kind Klinger theater (1786) 2, 227; du siehst an dem briefe, dass ich wütig und verstimmt bin (1833) Mendelssohn-Bartholdy briefw. (1909) 112 Klingemann; (er) verliesz wüthig das zimmer, und es bedurfte mehrmaligen zuredens, ehe er wieder in jenem familienkreise erschien F. W. Gubitz erlebn. 1 (1868) 237;
der papst den zelter treibt.
bin ihr gefangener ich? fragt er sich wütig
Paul Ernst kaiserbuch (1927) 2, 1, 277.
c)
bei betonung der äuszeren wirkung zorniger erregtheit 'grausam, mit rücksichtsloser (blinder) aggressivität handelnd': (aufruf der feinde Israels:) choment zesamene. unde tîlegeien alle gotes tulte. fone erdo. sîd in unser tûr neuuâre. sus uuuôtige bechnâta siê (die feinde) Asaph Notker 2, 295 Piper;
die wîle daz der chunich in herverte was,
die wuotigen haiden
tâten im vil ze laide.
...
swaz si der cristen begriffen,
an die galgen si si hiengen
kaiserchronik 16 344 Schröder;
o du heiliger S. Paule, hilff uns armen, elenden, verlassenen schwermern widder den wütigen Luther, sihe wie er uns treibt und iecht, bis wir nicht mehr konnen Luther 26, 396 W.; auch 5, 150; 24, 133;
darzu auch etlich wütig heyden
würgeten die christen unbescheyden
Hans Sachs 1, 180 lit. ver.;
der geringste verzug könnte mich wütig machen Schiller 2, 147 G.; die wirthin hielt zum glück den wüthigen kerl noch beim kragen fest Gaudy s. w. (1844) 2, 85;
die namen zerfliegen wie spreu,
kamerad alle heiszen.
und unsere harte treu
kann wütigster tod nicht entreiszen
Liller kr.-ztg. (1917).
in dieser die handlungsweise bezeichnenden verwendung erscheint im 15./17. jh. als gegenwort (oft reimwort) gütig:
ich wil geschweigen der (frauen) die gancz unguttig
sint, zornig und auch wutig
(1496) Hans Folz meisterlieder 38, 262 Mayer;
ich hab ein dörflein zu verwalten.
wie sol ichs mit den bawren halten?
sol ich sein gütig oder wüttig?
(1540) Hans Sachs 7, 177 lit. ver.;
mein (gottes) sin ist nicht dahin gericht,
dasz ich solt strafen also bald:
...
denn ich bin gnedig milt und gütig,
ich bin barmherzig und nicht wütig
(um 1560) satiren u. pasquille 1, 156 Schade;
bösz, zornige (menschen) die allzeit wütig,
sanfftmütige die allzeit gütig
Eyering proverb. copia (1601) 2, 572;
wir ... sahen den fridenstern, nämlich sr. may. ... vorsorge, als einen warhafften gütigen Jupiter, die gifftigen einflüsse des wuͦtigen Martis ... zumässigen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) vorr. 6ᵃ. in festem gebrauch von tyrannischen herrschern (vgl. wüterich): und bleyb das königreych ynn Salomonsz stam bisz auff den konig Joas, tzu wilchs zeytten die wütige konigyn Athalia ... den gantzen stam Dauids vortilget (1522) Luther 10, 1, 1, 2 W.; ähnlich 27, 250; vom Menelao ... findet man, dasz er ... so viel vnglück gestifftet hab, dasz er nicht gehandelt wie ein hoherpriester, sondern wie ein wütiger tyrann M. Walther erläut. d. proph. Daniel (1645) 2, 303 (nach Luther 2. Makk. 4, 25). auch ironisch: der wüthige weltüberwinder Obereit hatte ... einen roman ... gegen mich geschrieben Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 7. vom teufel: do (im herzen der meszopfergläubigen) selbest nichts ist, denn forcht, sorge, angst und alle nott. und das hatt der wütichte teuffell durch das gottlosze opffer wollen haben (1521) Luther 8, 518 W.; entsprechend 7, 243; 26, 629; 49, 794; tischr. 6, 84; wie kan sollichs opffer der wütig teüffel wöllen haben Dietenberger wider Luther v. d. miszbrauch d. mesz (1526) E 1ᵇ; ich mein, dasz er (ein reiter) der wütige teufel ausz der hellen sei (1542) bei Schade satiren u. pasquille 1, 65; also vnnd ebner gestalt (wie der walfisch) ist der teufel ... starck vnnd wütig Albertinus Lucifers königreich 21 L.;
die satans kinder sind, sind wie ihr vater wütig
Logau sinnged. 195 lit. ver.
d)
der adverbiale gebrauch konvergiert nach dem wegfall der adv.-endung zunehmend mit dem appositiven (s. o. Notker 2, 111 Piper). das wort charakterisiert in unterschiedlicher nuancierung gleichermaszen die zornigaggressive erregung des handlungsträgers wie die heftigkeit des verbalgeschehens: Ulixes chlageta sîne geferten. dîe imo in Sicilia der riso Poliphemus vuûotigo frâz (quos ferus Poliphemus mersit furibundus inmani aluo) Notker 1, 298 Piper; ih frumo sie ana zene dero tiêro. ioh dero uuurmo. uuûotigo sîe obe erdo zanontero (bestiarum ... cum furore trahentium super terram) ebda 2, 629; ye mer er (ein mönch) gebett, ye strenger er gefastet hat, ye wütiger er wider das euangelion tobet (1544) bei Luther 52, 71 W.;
seht gnomen eilen, geister aus der erde,
die neid und schmähsucht wütig treibt
Schwabe belust. (1741) 4, 84;
Werner ... schlägt wüthig mit wehrlosen fäusten umher maler Müller w. (1811) 1, 363; doch die gelehrten flurschützen kommen wütig über sie her Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 134; schweig, junge! sagte der schmied zu seinem wüthig hin- und herfahrenden sohn Rosegger schr. (1895) II 1, 191; eben wollten sie mit dem essen beginnen, als der spitz wütig bellend auffuhr Paul Ernst romant. gesch. (1930) 61.
3)
übertragener gebrauch. der grundvorstellung nahebleibend 'in ungezügelter erregung (oder bewegung) befindlich', 'gewalttätig'; doch auch freier, mehr den intensitätsgrad bezeichnend (vgl. 4), 'heftig'.
a)
dem eigentlichen gebrauch am nächsten stehen metonymische wendungen, in denen als träger der heftigen erregung eine personale grösze vorausgesetzt wird. den möglichen ansatz der bedeutung im bereich krankhafter affekte zeigen die ersten belege:
sin (Rennewarts) hirn daz was gar wütic
von zorn, daz im der markis
erboten het den unpris
daz er ane in dannen reit
Ulrich v. Türheim Rennewart 1738 Hübner;
dar nâch sô rouften si diu swert
und sluogen ûf ein ander hin
sô töbelîche, als in der sin
wær ûz der mâze wüetic
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 34 553 Keller;
ire wütiges herz machest rüwig mit dinen süssen ... worten Seuse dt. schr. 85 Bihlm.; der gerechte kennet die seele seyns viehes. aber die eingeweyde der gottlosen sind wuetig (geändert in das hertz ... ist grewlich) (viscera autem impiorum crudelia, prov. 12, 10) Luther 1, 580 W.; (untertitel:) die zwölff thyrannen desz alten testaments mit ihrem wütigem leben und erschröcklichem undtergang (1531) Hans Sachs 1, 221 lit. ver.; (die bauern) giengen mit steinen und bengel auff mich, also zwar, dasz ich ausz deren wütigen händ schwerlich entkommen bin Schupp schr. (1663) 746.
b)
von gemütsäuszerungen: (der teufel) also jnn der welt regiret und die hertzen vergifftet und durch bittert mit seinem wütigen hass widder Christum und sein wort (1528) Luther 28, 132 W.; allda hat nun aber der leidig sathan ... seinen rasenden und wüttigen neid und hasz lenger nicht bergen ... mögen F. Alber Ignatius Loiola (1591) 85; wie grausam ihr wütiger zorn in ihrem gemüth rumorte Grimmelshausen 2, 559 Keller;
die seele
des schwer gekränkten wälzt ein wüth'ger grimm
von einem rache dürstenden entschlusse
zum andern hin und her in wildem zweifel
M. Beer s. w. (1835) 581.
c)
von realen ausdrucksmitteln der erregung und parteinahme: ein gantz buch ... mit ... wütigen nasenschandhurischen predigen Fischart binenkorb (1588) 178ᵃ;
als nun das heer vorüber war,
zerraufte sie ihr rabenhaar,
und warf sich hin zur erde,
mit wüthiger geberde
Bürger s. w. 13ᵇ Bohtz;
als das unserm gnädigen könig ward erzählt,
blickt er glutroth mit wüthigen blicken
E. M. Arndt w. (1892) 6, 224 R.-M.;
bei dem wüthigen geschrei des partheigeistes ... musz ich mir zum troste sagen, dasz dies alles mit dem tage vergeht und keine spur davon bleibt Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 6, 219; mit vorliebe stellte er (ein Indianer) den zank der weiber dar, indem er sich in den wütigsten geberden erging v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 489; ich versprach ihm flugs, die wütige stelle zu streichen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 355.
d)
von kampf und streit: (wir sind) sichure uuortene alles uuûotiges sturmes (securi totius furiosi tumultus) Notker 1, 21 Piper; die sterblichen menschen treiben mich (die gottesfurcht) durch getöhn des wütigen krieges hinausz (1648) Schottel friedenssieg 65 ndr.; der streit war ... hart und wüthig br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 109;
verwundet ward mein herz, mich schmerzt das schrein,
ich tauge nicht zu wüth'gem, irrem kampf
moderne dichtercharaktere (1885) 79 Arent-C.-H.
e)
übertragen auf heftiges wirken von naturgewalten.
α)
hunger, krankheit; so schon als glosse zu furiata lues (Prudentius, peristeph. 3, 26, bildlich für die christenverfolgung): furiata vuotigiv (11. jh.) ahd. gl. 2, 443, 38 St.-S.; kein kettenhund, kein bettelvogt, kein wüthiger hunger erschrecken dich mehr und treiben dich auf Jean Paul w. 5, 126 Hempel;
dir schlagen ja die zähne
zusammen wie im wüth'gen fieberfrost!
Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 1, 252;
dann lasse wüt'gen hunger in sein eingeweide ziehn, den durst von fischen, die auf trocknem land vergehn F. Raimund s. w. 230 Castle.
β)
vereinzelt von heftig wirkendem gift: (Prudentius, hamartig., praef. 59: veneno corporis) lymphatico vuotagemo (11. jh.) ahd. gl. 2, 459, 36 St.-S. dann in bibelsprachlicher tradition, zunächst in doppeldeutiger zuordnung: ir wein ist trachengifft vnd wütiger ottern gall (fel draconum vinum eorum, et venenum aspidum insanabile) 5. Mose 32, 33; so noch: der vollsauffer wein ist drachengifft und ein wütiger ottern galle Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 63; eindeutig erst: (die papisten) drengen vnd bezwengen vns vnterdessen mit wütigem ottergall und allerhand tyranney vnd vberlast M. Walther erläut. d. proph. Daniel (1645) 2, 304; ihr wein war ihm drachengift und wütige ottern galle Hippel lebensläufe (1778) 3, 1, 108.
γ)
elementarkräfte:
nu mugt ıͤr pruefen pei dem mer,
wenn daz ist tobende wuetich,
daz manich tausent sunder wer
sind lebens unbehuetich
Suchenwirt 33, 46 Primisser;
(der golf de Settalia), ein ohnnstettig undt wuettig meer (1491) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 215; die wütige lufft Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 454;
zu schiffen in dem wüthgen see! das heiszt
nicht gott vertrauen! das heiszt gott versuchen
Schiller 14, 340 G.;
diese schreckensnacht
ist keines menschen freund, nicht räthlich wär's,
im freien solchem wüth'gen sturm zu trotzen
Körner s. w. (1876) 2, 14 Streckfusz;
der schneejagd wüthig weh'n den tag verdunkelt
Freiligrath ges. dicht. (1870) 4, 127.
auch: auf dem herde war ein wüthiges prasseln, meine mutter schmorte vom geschlachteten schwein das fett Rosegger schr. (1895) I 9, 281. vereinzelt: im winter ... ist ... die zeit wütig, vnbeständig vnd auszer desz compas Albertinus zeitkürtzer (1603) 3ᵇ.
4)
'auszerordentlich', 'ungeheuer', 'sehr'. in den anwendungen 2 und 3 kann wütig zur bloszen gröszen- oder intensitätsbezeichnung eingeengt werden. dieser gebrauch ist umgangssprachlich vor allem im obd. in attributiver und adverbialer funktion verbreitet, z. b.: e wüetige kerli 'ein sehr groszer kerl' Hunziker Aargau 303; e wüetige baum Seiler Basel 319; e wüetigs gᵉschäft 'ein sehr groszes anwesen' Martin-Lienhart elsäss. 2, 885; er hat sich wütig gᵉfreut; da muss maⁿ sich wütig in acht nehmeⁿ; sowie wütig gut, schön, reich, gross, schnell ('allgemein') Fischer schwäb. 6, 1016; entsprechend Schmeller-Fr. bayer. 2, 1057; doch auch wödig vil 'sehr viel' Hönig Köln 203; wöhdig 'sehr grosz' Waldbrühl rhingscher klaaf 220. hochsprachlich ist solche verwendung nur vereinzelt und ansatzweise nachweisbar: (ein heer ohne führer) fone uuûotigero irrigheite. râtelôslicho dara únde dara gefûoret uuirt (raptatur tantum errore. temere ac passim limphante) Notker 1, 21 Piper;
vnd hett ich (ein pferd) mich also nit gwert,
sie (d. reitknechte) hetten mich gar wiedig geschlagen
(1597) J. Ayrer dramen 5, 3265 Keller;
thun nichts als halten wütige fresserey (1627) C. Dieterich bei Fischer schwäb. 6, 1017;
geliebtes land ...
...
dich soll der bomben wüt'ger fall
und der carthaunen donnerknall
nicht mehr erschüttern
poesie d. Niedersachsen (1721) 5, 68 Weichmann;
und während er (Olivier) hier kämpft mit wüt'ger schnelle
erscheint der kaiser Karl auf dieser stelle
Gries Bojardos verliebter Roland (1835) 1, 169.
5)
vereinzelter prägnanter gebrauch.
a)
wütiges heer (mit wütendes heer aus Wutesheer, s. d.), vereinzelt belegt, vgl. Fischer schwäb. 6, 1016 und:
nun saust es und braust es das wüthige heer,
ins weite gethal und gebirge
Göthe I 1, 206 W.; auch 16, 52;
eines tages ... sah er (ein jäger) eine wunderschöne jungfrau mit flatterndem haar in hastiger flucht an sich vorüberreiten und hinter ihr her kam der Elbel daher gesaust mit seinem wüthigen heeresspuk und der Elbel jagte die jungfrau bei Grässe jägerbrevier (1869) 2, 138. aus der vorstellung der teuflischen verfolger schon zeitig übertragen:
den (Pharao) uerswalch daz (rote) mer
unt al sin wotigez her
(um 1170) pfaffe Konrad Rolandslied 5748 Wesle.
b)
wütiger donnerstag, wütige fastnacht heiszt der donnerstag vor estomihi als der mit bestimmten gebräuchen begangene beginn der eigentlichen fastnacht, vgl. teil 2, sp. 1253 sowie hdwb. d. dt. abergl. 2, 331; 1247; 7, 1040 u. ö., auszerdem: tumbe wuette fassnacht (1359) bei Grotefend zeitr. 1, 56ᵃ; feria quinta ante esto mihi quae dicitur der wittag dornstag (15. jh.) Schmeller-Fr. bayer. 2, 1057; der wütige donnerstag Fischer schwäb. 6, 1016.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2538, Z. 25.

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Zitationshilfe
„wüticht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCticht>, abgerufen am 14.08.2020.

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