Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wütung, f.

wütung, f.,
verbalabstraktum zu wüten. ags. wēding, mnl. woedinge.
1)
heftige (auch krankhafte) erregung.
a)
'tobsucht, wahnsinn'. hierher gehört die mehrzahl der buchungen des wortes durch die historischen wbb. das wort soll die aggressivität des betroffenen betonen, der spezielle krankheitszustand ist kaum faszbar, vgl. furias uudunga (zu Verg. Aen. 4, 474) ahd. gl. 2, 707, 28 St.-S.; ferner Diefenbach gl. 247ᵃ; 253ᵇ; 253ᶜ; 482ᵃ sowie: (in-)sania wütunge (md. 1440) Diefenbach gl. 511ᵃ; entsprechend wütunck (1470) mlat.-hd.-böhm. wb. (1846) 243 Diefenbach; wutung, tobsucht, vnsynnigkeit frenesis, rabies, wutung eins besessens voc. theut. (Nürnberg 1482) pp 3ᵃ; wuetung demencia, furia, insania, amentatio, rabies, furor, voc. incip. teut. (Speyer um 1485) pp 1ᵇ; rabies wytung gemma gemm. (1505) x 2ᵃ; lymphatio wütung Calepinus XI ling. (1598) 848ᵇ.
b)
selten im sinne tollwut (s.wut A 2): und kompt sie (die hunde) solich wüttung im sommer mee an dann im winter M. Herr schachtafelen d. gesunth. (1533) Dd 3ᶜ; derhalb so kummet man der wüttung (d. hunde) zuvor, wenn man durch die ... hundtstag den hunden ire speisz mit hüner myst vermischet. oder wo die wüttung vor kommet, mit ... nyeszwurtzel Eppendorff Plinius (1543) 8, 74.
c)
'heftige geschlechtliche erregung': (omne adeo genus in terris hominumque ferarumque, et genus aequoreum, pecudes pictaeque volucres,) in furias in uuotunga (ignemque ruunt: amor omnibus idem, Verg. georg. 3, 244) (11. jh.) ahd. gl. 2, 638, 42 St.-S.; dann, ob du (den pferden) ... das geschlecht verbúttest, so wiert es gestupft und gekrenckt mit den wüttungen flaischlicher begierd (libidinis extimulatur furiis) (1491) Österreicher Columella 2, 44 lit. ver.; mich hetten wol die geschicht der alten möchten gescheid machen, wenn die wühtung der begierdt mit jhrem hauptbandt mir die augen der vernunfft nicht verschlossen hette buch d. liebe (1587) 115ᵃ.
d)
'heftiger zorn' (s.wut C): furor est mentis cecitas wüetung Pinicianus prompt. (1516) N 5ᵇ; zorn ist ein kurze wüetung Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) mm 2ᵃ; dieser sasz einmal auff seinem rosz, nam einen hundt mit unnd einen sperber auff die handt, auff dasz seine wuͦtung linderung bekäme H. Kornmann mons Veneris (1614) 417.
2)
von rücksichtslos heftigem, auf unterdrückung oder ausrottung gerichtetem handeln (vgl. wüterei 1) 'gewalttat'; 'gewaltherrschaft (tyrannis)':
sine (d. teufels) wodunge wurde so groz,
daz siner dofheite gedoz
niman mocht ouch irliden
(1275/6) Brun v. Schonebeck 6694 Fischer;
die zal der iar seiner (des gottlosen) wútung (tyrannidis eius) ist vngewisz (Hiob 15, 20) erste dt. bibel 7, 179 lit. ver.; es ist ungleublich zuͦ sagen, mit was wütung sie wider die klöster getobt haben Cochläus hist. v. d. alten Hussen zu Behemen (1523) D 3ᵃ; (in Rom) drang für aigner nutz, wüetung und toben tag und nacht nach gelt und guet (1527) Aventin s. w. 4, 1, 495 bayer. akad.; stee auf herre in deinem zorn, erhebe dich wider die wütuͦngen meiner feinde: uͦnt wach auf fúr mich (1572) Schede-Melissus psalmen 30 Jellinek; und wird die zeit des tags ... also von wegen der nächtlichen wuͦttungen und unruhe, notwendiglich mit schlaffen verbracht Frisius narratio de furoribus Gallicis (1573) C 2ᵇ; als dise desz volcks wüttung höreten, hiessen sie den von Rhein ... in gfängnusz legen C. Dietz annales (1621) 363; welches ... dieses edle volck in verzweifflung und in grausame wütung wider die, welche zu ausliefferung der geissel und waffen gerathen hatten, ... brachte Lohenstein Arminius (1689) 1, 885ᵇ. selten ohne abwertung des handelnden: nembt war, des herren tag wirt koemen graussam vnd vol mit vngnaden, zorn vnd wuettung Berthold v. Chiemsee teutsche theol. (1852) 692 Reithm. aufs wesen bezogen: der lewen wütung kempfft nit vnder ynen selbst Eppendorff Plinius (1543) 4.
3)
vereinzelte anwendung auf personal gefaszte gröszen; zunächst nur im anschlusz an lat. furia: Megera wutunge (obd., anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 354ᵃ; wutung der helle furie infernales, voc. theut. (Nürnberg 1482) pp 3ᵃ; Alecto, vna ex furijs infernalibus eine vsz den wietung der hell J. Altenstaig voc. (1516) 40ᵃ. doch schlieszlich auch freier:
(die sanftmütigkeit:)
dergleich Plutarchus dir (dem zorn) zu fluch
geschrieben hat ein eigen buch.
da nendt er dich die hellisch wütung,
gantz guter tugend ein zerrüttung
(1542) Hans Sachs 3, 144 lit. ver.
4)
übertragener gebrauch.
a)
von der vorstellung schmerzhaft beeinträchtigenden wirkens gehen unterschiedliche vereinzelte anwendungen aus:
daz ich also missevar bin
daz enist nicht die scholt min,
durch uwer sunde wodunge
bin ich vorschaffen
(1275/6) Brun v. Schonebeck 9957 Fischer.
vom wundfieber: auch das kein ... glidwasser komme, ... noch vergicht, id est, wütung der wunden, welche im angesicht anfacht Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 554ᶜ Huser. entsprechend: wo sich solches begeben würde ... du must die wütung an jhr selbst versausen lassen ebda 9ᶜ Huser.
b)
von stürmischer bewegtheit des wassers (vgl.wüten V):
ich bin ans meres hoe komen
und die wodunge hat irtrenkit mich (veni in altitudinem maris et tempestas semersit me, ps. 68, 3)
(1275/6) Brun v. Schonebeck 6998 Fischer; 4262;
dis schif (d. menschl. seele) das vert in disem soͤrgklichen wuͤtenden mere diser engstlichen welt ...; wie soͤrgklichen es umb alle die stot, der herze in diser wuͤtunge stat ..., der das bekante, sin herze moͤchte im torren von leide
(1359) Tauler pred. 170 Vetter;
vnd sy namen Jonas vnd wurffen in in das mer: vnd daz mer stuͦnd von seiner wútung (et stetit mare a fervore suo, Jonas 1, 15) erste dt. bibel 10, 63 lit. ver.; da ... keyn wütung des mörs ynen (d. tieren) ... schaden mag Eppendorff Plinius (1543) 9, 113.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2553, Z. 5.

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Zitationshilfe
„wütung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCtung>, abgerufen am 11.08.2020.

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