wahnwitz m. (früher f.)
Fundstelle: Lfg. 4 (1905), Bd. XIII (1922), Sp. 685, Z. 54
wahnsinn, äuszerste thorheit. eine ableitung von dem vorausgehenden adj., die vor dem 16. jahrh. nicht nachzuweisen ist, aber im mhd. wanwitze, im ahd. wanawizzî gelautet haben musz. auszerhalb des deutschen entspricht mengl. wanwit Stratmann-Bradley 667, dän. vanvid, schwed. vanvett 'wahnsinn', norw. vanvit 'dummheit' Aasen 899. das wort hat wie das einfache witz mhd. witze (nach abgefallenem e und unter einflusz von bedeutungsverwandten wörtern, wie sinn, verstand) sein genus geändert, was sich im 17. jahrh. vollzog; Moscherosch, Gryphius haben noch das fem., Dach, Lohenstein, Bucholz bereits das masc. während wahnsinn erst im 18. jahrh. häufiger wird, ist wahnwitz im älteren nhd. ganz gewöhnlich, tritt aber in der jetzigen sprache mehr zurück; am häufigsten wird es noch in übertragener bedeutung für 'äuszerste unvernunft, sinnlosigkeit' u. dgl. gebraucht. in der wissenschaftlichen sprache wird zwischen wahnwitz und wahnsinn unterschieden, indem jenes einen höheren grad des wahnsinns bezeichnet, doch wird das wort auch hier jetzt wenig mehr gebraucht.
1)
wahnwitz 'wahnsinn' erscheint häufig in den wörterbüchern (die bestimmungen weisen z. th. schon auf die 3. bedeutung hin): delirium, wanwitz, abredung, töubelung. Dasypodius 292ᵃ; wanwitze, delirium. 488ᵇ; wanwitz, delirium. Crusius gramm. lat. (1562) 1, 282; wahnwitz, pazzia, stoltitia. Hulsius 272; wahnwitz (als m.), delirio, vaneggiamento, follia, fantasia. Krämer 1205; wanwitz, aberwitz, phrenesis, insania. Stieler 2428; wahnsucht, wahnwitz, paracope, phrenesis, vecordia. Dentzler 2, 340; wahnwitz, rêverie, radotement. Rädlein 1026; wahnwitz, wahnsinnigkeit, madness, phrensy, alienation of mind. Ludwig 2367; wanwitzigkeit, wanwitz, wansinnigkeit. Kramer (1719) 259; wahnwitz, alienata mens, alienatio mentis, phrenesis, phrenitis. Kirsch 2, 378; vecordia, mens alienata, abalienatio mentis. Steinbach 2, 1067; délire, folie, manie, égarement d'esprit, rêverie, frenesie, paraphrenesie. Rondeau. Adelung bezeichnet bereits wahnwitz als das weniger übliche wort für wahnsinn, während Campe die beiden wörter begrifflich zu trennen versucht.
a)
nach der wissenschaftlichen bestimmungwobei die etymologische grundlage des wortes, fehlen des verstandes, nachklingtbezeichnet wahnwitz den zustand, in dem das richtige urtheil über die dinge vollkommen verloren gegangen ist, die völlige verwirrtheit, vgl. die unter wahnsinn 1 angeführten stellen, ferner: die gemüthsstörung als verkehrtheit der urtheilskraft und der vernunft heiszt wahnwitz oder aberwitz. Kant 10, 214; wahnwitz (insania) ist eine gestörte urtheilskraft; wodurch das gemüth durch analogien hingehalten wird, die mit begriffen einander ähnlicher dinge verwechselt werden. 10, 231 (anthrop. § 50); der wahnwitz zeigt sich insbesondere in einer widersinnigen anwendung von mitteln zur erreichung vorgesetzter zwecke und auffallend falschen schlüssen aus diesen oder jenen vielleicht wahren voraussetzungen, und unterscheidet sich dadurch von dem wahnsinn. Hoffbauer die psychol. in ihren hauptanwendungen auf die rechtspflege (1808) 112; der wahnwitz ist der einzige fall, wo sich in einer seelenkrankheit völlige widersinnigkeit (ungereimtheit) zeigt. Beneke lehrbuch der psychologie² 358.
b)
litterarisch wird das wort indes auch in weiterem sinn, so dasz es allgemein dem wahnsinn entspricht, gebraucht: so hat ihn gott mit blindtheit und wahnwitz geschlagen, dasz er nun im hellen mittage gleich wie ein blinder nach der wand tappet, kan die warheit nicht mehr sehen noch erkennen. Luther tischr. 257ᵇ; das langwierige eingewurtzelte hauptwehe ... verursacht entweder den schwindel, oder den wahnwitz, oder das rasen (aut vertiginem, aut delirium, aut furorem). Comenius (1644) 84; gleich wie dieser (der verstand) ohnstreitig gut ist; also ist auch die beraubung desselbigen, welche man raserey oder wahnwitz nennet, so wohl auch seine verringerung oder die thorheit, unvernunfft u. s. w. böse. Thomasius einleitung zur sittenlehre (1709) 19; wahnwitz (vorher: wahnsinnigkeit) ist ein punkt, worin die gröszten geister und die gröszten schöpse zuweilen zusammentreffen. Wieland 19, 210 (Abderiten 2, 5); aber nicht auf diese visionen beschränkte sich der wahnwitz der Anachoreten; noch deutlicher gaben sie ihn durch ihre ganze lebensweise zu erkennen. Ideler grundrisz der seelenheilkunde (1838) 2, 458;
Mortimer. bin ich im wahnwitz? kam nicht eben jemand
vorbei und rief: die königin sey ermordet?
nein, nein, mir träumte nur, ein fieberwahn
bringt mir als wahr und wirklich vor den sinn
was die gedanken gräszlich mir erfüllt.
Schiller 12, 510 (M. Stuart 3, 8);
er spricht ungehobelt zeug,
wild durcheinander, wie im wahnwitz fast.
H. v. Kleist 1, 65 (fam. Schroff. 2, 3).
2)
die bei wahnsinn häufige übertragung auf andre zustände der erregung, in denen man seiner sinne oder seines verstandes nicht mehr mächtig ist, kommt bei wahnwitz nur vereinzelt vor: die art wie sich der filosof Aristion der unumschränkten macht bediente, die ihm von einem unbesonnenen pöbel in einem unglücklichen anstosz von schwärmerischem wahnwitz anvertraut worden war, ist, unsers wissens, ohne beyspiel in der geschichte. Wieland suppl. 6, 43; was deucht ihnen bey diesem paroxismus? wars eine vernünftige art von wahnwiz, wie etwa jene ekstasen, die wir unsern dichtern erlauben? oder wahre raserey? Shaftesbury philos. werke 2 (1777), 430; ein überschwängliches versinken in den süszen wahnwitz der kunst, ein unheimliches gelüste nach traumweltgenüssen. Heine 6, 282 Elster.
3)
häufig steht das wortähnlich wie wahnsinn, aber mit noch stärkerer betonung des verkehrten, unsinnigenübertragen für die äuszerste thorheit, verblendung, sinnlosigkeit, auch sinnloses handeln oder reden, faselei (vgl. oben 1 die bestimmung durch vaneggiamento, fantasia bei Krämer, rêverie, radotement bei Rädlein): besonders wird unter wahnwitz aber auch das zu abgeschmackten reden und zu thörichten thaten führende bestreben eines geistlosen oder geistig schwachen menschen verstanden unerforschbare dinge zu ergründen oder unausführbares zu unternehmen. Eberhard synon. handwb.¹⁵ 576;
mit Lysis ists genung gespielt, was hält man auf
die wahnwitz die ohn uns erreicht den letzten lauff?
A. Gryphius 1, 693 (schäfer);
man sieht sie an, als wenn sie stürben
und durch die hinfahrt gantz verdürben,
der wahnwitz hält sie todt.
S. Dach 193 Österley;
hört mir den wahnwitz an, dis albere geschwätze!
Lohenstein Soph. 48, 296;
welch wahn-witz hat euch eingenommen!
Brockes 1, 545;
Simon. schlagt schild und schwert zusammen,
hört nicht, was er in seinem wahnwitz spricht.
Grillparzer 4, 252 (treuer diener 4);
das er sich doch vor eiteler wahnwitz vielmehr belieben lasset, solche (namen, Adolf etc.) von dem griechischen ἀδελφός herzuerzwingen. Philander 2, 70; was soll man mit einem menschen anfangen, ... der sich in den mondschein setzt und betrachtungen über das glück der entkörperten geister anstellt? ... ein wenig gelehrigkeit ist alles was du nöthig hast, um von dieser seltsamen art von wahnwítz geheilt zu werden, die du für weisheit hältst. Wieland 1, 95 (Agathon 2, 5); ich zweifle, dasz irgend ein heiliger sich vom lächerlichen ganz frei gehalten hat. diese betrachtungen faszte ich in Merlin sublimiert, vergeistigt. der sohn Satans und der jungfrau, andachttrunken, fällt auf dem wege zu gott in den jämmerlichsten wahnwitz. Immermann 1, 1, 63 Koch (Düsseldorfer anfänge). auch übertragen auf etwas ungemein thörichtes, sinnloses: dasz der zwey-kampf mehr ein handwerck der vermessenen jugend, als eine verrichtung einer vorsichtigen tapferkeit, an fürsten aber ein wahnwitz, und ein untergang der reiche sey. Lohenstein Arminius 1, 816ᵃ; packe dich bald und sage den schlimmen tropfen, es sey mir eben eins, ob ihrer einer allein, oder sie alle beyde mir zugleich begegnen ...; welche auszfoderung ihm alle anwesende vor einen wahnwitz auszlegeten. Bucholtz Herkules (1676) 1, 304ᵇ; er fand es einen wahnwitz dasz ein kind anders denken wollte als Euklid. Arnim 19, 106; die poeten in der politik redeten tollheit und wahnwitz. Conrad von Zola bis Hauptmann (1902) 49.
4)
nicht mit dieser verwendung des wortes direct zu vereinigen, sondern unmittelbar aus der grundbedeutung abzuleiten ist die nur im älteren nhd. vorkommende von 'unverstand, schwachsinnigkeit', vgl. wahnwitz (adj.) 2:
ich alter beut dir meinen grusz,
mein thorheit ich bekennen musz.
wie hart mich ietzt das alter reit
mit wonwitz und vergessenheit.
Hans Sachs 7, 34, 33 Keller.
5)
als 'nichtwissen, zweifel' erscheint das wort bei Kilian: wanwete (als alt), ignorantia, dubium (daneben 'deliramentum'). 652.
wahnwitz adj
Fundstelle: Lfg. 4 (1905), Bd. XIII (1922), Sp. 685, Z. 20
thöricht, verrückt. eine bildung aus witz, verstand und dem adj. wahn, mangelhaft, dann aber an das subst. angelehnt, vgl. die form wonwitz bei H. Sachs und Maaler. sie kommt schon im ahd. als wanawizzi, vecors, mehrmals vor. Graff 1, 1099, erscheint aber im mhd. nur bei H. v. Trimberg, dann öfters im 15. 16. jahrh., um dann aber durch wahnwitzig verdrängt zu werden. auszerhalb des hd. findet sich anord. vanvita unverständig. Fritzner 3, 862, so dasz das wort als germanische bildung betrachtet werden musz (vgl. auch die unter dem subst. wahnwitz beigebrachten formen).
1)
wahnsinnig, verrückt: wonwitzer, der da meint die bösen geist begegnind im, spaticus. Maaler 505ᶜ;
grôʒe sorge, wîp, wîn und grôʒe hitze
machent manige liute wanwitze.
H. v. Trimberg renner 9882.
2)
unverständig, thöricht:
ûf werltlich bôsheit hânt sie witze,
gên tugenden sint sie wanwitze.
14894;
die mit so gschwinder schwürmerey
führen auff des gebirges spitzen
die fürwitzigen und wonwitzen
leyen, dasz sie abfallen weyt
von desz wortes einfeltigkeyt.
Hans Sachs 15, 549, 27 Keller-Götze.
besonders 'geistig schwach im alter': wo aber die fraw ist on heyratgut und ist darzu gesellig und zerhafftig und spilet geren auff der harpffen und ist er ein alter wanwitzer man. Eyb eheb. 32, 12 Herrmann;
das wer eim köng ein spötlich ding.
er wird gehalten gar gering,
wenn er folgt dem wonwitzen alten.
Hans Sachs 12, 245, 4 Keller;
desz in trüsz und hertzlaid angeh,
in, den alten wonwitzen narren.
12, 260, 23.
Zitationshilfe
„wahnwitz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wahnwitz>, abgerufen am 21.02.2019.

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