Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wandelung

wandelung,
s.wandlung.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1911), Bd. XIII (1922), Sp. 1644, Z. 55.

wandlung, wandelung, f.

wandlung, wandelung, f.,
verkehr, gang, lebensführung, veränderung, rückgängigmachung usw. verbalsubstantiv zu wandeln, ahd. wantalunga, mhd. wandelunge, im älteren nhd. überwiegend wandelung, jetzt meist wandlung, doch kommt litterarisch auch noch oft wandelung vor z. b. in verbindung mit einem andern dreisilbigen wort (wanderung und wandelung u. dgl.) und in versen des metrums wegen. in seinem gebrauch wird wandlung durch das ebenfalls von wandeln ausgegangene subst. wandel eingeschränkt. noch jetzt üblich ist wandlung in den verwendungen, wo es als abstractbildung zu wandeln empfunden wird, nämlich als 'gang' und besonders als 'veränderung', auf die juristische sprache beschränkt es sich als 'rückgängigmachung'. dagegen kennt nur die ältere sprache wandlung als 'verkehr' (nebst einigen daraus hervorgegangenen bedeutungen), 'lebensführung' und in der aus 'änderung zum schlechten' hervorgegangenen bedeutung 'fehler, makel'; als 'ersatz, busze, strafe' scheint überhaupt hd. nie wandlung, sondern nur wandel üblich gewesen zu sein, doch belegt Schiller-Lübben 5, 589 wandelinge als 'schadenersatz, busze' aus dem mnd. wo wandlung neben wandel steht, wird ersteres namentlich dann angewandt, wenn pluralformen gebildet werden sollen.
1)
zu wandeln in der ursprünglichen bedeutung 'hin und her wenden' gehört ahd. wantalunga in einer bibelglosse, wo es die verrenkungen des körpers bezeichnet: tortiones, wantalunga Steinmeyer-Sievers gl. 1, 619, 54. auffallend vom antlitz (wurde etymologischer zusammenhang mit volvere angenommen?): vultus, wandelunge Diefenbach gl. 633ᵃ; antlitzwandlung nov. gl. 387ᵇ (im voc. opt. wandel). weiter schlieszen sich an wandeln in der abgeleiteten bedeutung 'etwas ausführen' (oben sp. 1590) folgende stellen an, wo ein gen. von wandelunge abhängig ist:
alsust der werd junge   vil tot zu der gruͤne.
zu rache wandelunge   truc man nu wappen manigem ritter kune.
der setel wurden ouch von tjoste lere.
jüng. Titurel 1319;
ir tjoste wandelunge   der wart daʒ velt bedacht mit kleinem holtze.
1987.
hierher gehört wol auch ein in österreich. rechtsquellen häufiges wandlung, das ein rechtsgeschäft, wie kauf, verzicht, schenkung bezeichnet (vgl. traditio, wandelunge Diefenbach gl. 591ᵇ): diser sach und diser wandlung sind auch gezeug die erbærn leut ... urkundenb. d. landes ob der Enns 5, 118 (Herwort .. verzichtet auf den hof ... zu gunsten des gotteshauses Waldhausen, das ihm 40 pfund pfenninge dafür gibt, 1313); daʒ dise sach und wandlung von uns also stet unzebrochen beleib, dar uber gib ich ... disen prief 5, 496 (Wulfing ... entsagt ... der hub ..., welche Hermann der Ponhalm zu dem kloster Garsten gestiftet hatte, 1327); daʒ die wandlung und mein geschaͤft staͤt und unzebrochen beleib, dar uber gib ich disen brief 5, 520 (Hartwig ... stiftet ein seelgeräth zu St. Florian mit 9 schilling und 3 dl. auf Wintersdorf, 1328); ze sicherhait diser wandlunge, und des schermes gib ich dem gotshous disen brief urkundenb. v. Klosterneuburg (fontes 2, 10) 153 (Johann der schenk verkauft sein leibgedinge ... dem propste Bertold, 1316); da ward dem Georigen ruͤbe ertailt, daʒ er den chindern von dem Purchrecht nicht mer dienn sult, denn vor geschriben stet ..., wan deu wandlung vor unser und mit unserm wiszen vor dem rat geschehen ist 238 (1330); daʒ dise red und wandlung unzebrochen peleib stiftungsb. v. St. Bernhard (fontes 2, 6) 246; hat er uns gepeten, daʒ wir die vorgenanten wandlunge und den chouf, der zwischen in und den vorgenanten vrown von sand Bernhart geschehen ist, under meinem insigel verschreib an disem brief 264 (1340).
2)
wandlung als 'verkehr' (s.wandel B 1).
a)
so kommt es schon im ahd. vor: commertia (belli), wantalunga Steinmeyer-Sievers gl. 2, 667, 23 (zu Aeneis 10, 532); commerciis, wantlungo 4, 200, 45; ze dîen noh súmelichero búrgo líument chómen nemág ... fóne úngewónehéite chóufes, únde állero wándelúngo (insolentia commertii) Notker Boetius 2, 45 (1, 113, 21 Piper); sól iz sô fáren, sô íst tíu éiniga wándelunga (unicum illud commertium) geírret únder góte únde únder ménniskôn únde dér chóuf, tér állêr gestât an gedíngi únde án fléhôn 5, 16 (1, 322, 4 Piper).
b)
ebenso auch später von dem verkehr zwischen gott und den menschen:
o selige wonuͦnge
mit got! ein wandelunge,
da richeit zufluͦszig ist,
wollust suͦsze an alle frist.
H. v. Neustadt gottes zukunft 7793 Singer;
ferner verkehr, umgang mit den menschen: ein prunn ist in dem mer des obern tails der stat Tyren, der springt mit gar süeʒem waʒʒer in sölicher ungestüemikait von des mers grund, daʒ er sich erhœcht über daʒ mer ... der prunn bedäutt der guoten läut wandelung under den pœsen K. v. Megenberg 485, 18;
wande ir otmudekeit
ferre widene unde breit
ergoʒ ir suʒekeide smac ...
ir wandelunge unde alle ir rede
was alles mit den armen.
Elisabeth 1054 Rieger (ähnlich 7170);
di selege aber nu zu dal
zu den gurtelmeden ginc:
mit in ir kosen si gefinc
unde alle ir wandelunge also,
daʒ ir swiger aber do
sprach ir nidecliche zuͦ:
'sage, Eliʒabet, waʒ mache duͦ,
daʒ du in steteclicher frist
bi den dienstmeden bist?'
1187;
so hat er sich doch solichs nye überhept, sunder in wandlung mitt den armen sich bewiset als ir gesell Riederer spiegel d. rethoric (1493) h 2ᵇ; conversari, wandlung furen Diefenbach gl. 148ᶜ; conversatio, wandelunge ebenda; pollicio (für pollicia, politia 'respublica, hominum in eadem urbe simul habitatio' Ducange 5, 333 ?), wandelunge, wandlung gl. 445ᵇ; secretus loco, hindan geseczt usz der gemain wandelung der menschen voc. pred. x 6ᵃ; umbgaen, verkeren in der wandling, conversari Teuthonista 99; daran schlieszt sich die bedeutung 'lebensführung' (4). auch mnd.-mndl. wandelinge 'verkehr' Schiller-Lübben 5, 589; Oudemans 7, 848. jetzt nd. wandelinge 'umgang' Strodtmann 278; vläm. in de wandeling 'im gemeinen leben' De Bo 1181.
c)
schlieszen sich örtliche bestimmungen an, so entwickelt sich die bedeutung 'aufenthalt', wobei auch an wandeln 'hin und hergehen' angeknüpft werden kann (vgl.wandel B 1 b): diʒ sprach ouch sente Paulus: unser wandelunge ist in den himelen d. mystiker 1, 9, 20; unser wandelung ist in den himeln (Koburger: wanderung; Luther: wandel) Mentels bibel, Philipper 3, 20; ein himmelrich hant sú in allen dingen, und in dem ist ir wandelunge und ir wonunge Tauler predigten 109, 12 Vetter; got hat si erwellet und fúr welt und hat si gemachet wandlend in sim gezelt ... daʒ erst ist dú erwellung; daʒ ander ist dú fúr erwellung; daʒ dritte dú wandlung in dem gezelt (in tabernaculo suo habitare) St. Georgener prediger 119, 7 Rieder; schlieszen sich richtungsbestimmungen an, so zeigt sich die bedeutung 'verkehr nach einem ort' (vgl.wandel B 1 c) s. unten 3, Magdeburger fragen.
d)
ebenso hat die bedeutung 'hin und her gehen' eingewirkt bei wandlung 'verkehr auf den straszen' (vgl. wandel B 1 d): ze Paden in Ærgoͤw, da groʒʒe gastung und zuͦkunft vil volkches und ouch mangerlay wandlunge ist stadtrecht von Baden 16, 11 (1369) Welti; ob jemer gestúrm, geloͤyff, geschreyg oder susz argwaͤnig wandlungen von lúten fúrgieng, so sol er (der zoller) die tor schnell zuͦschlachen stadtrecht von Brugg 81, 40 (1493) Merz; so ... andere thüre und laden zu verhinderung freyer strassen und wandlung fürgenomen weren worden Nürnberger reformation (1484) tit. 35, ges. 3. vom wechsel des hirschs (vgl.wandel B 1 e): er gehet und bestehet im holtz, wo es am dickesten ist, welches man desz hirsch wandlung heiszt jag und weidwerckbuch (1582) 1, 36ᵇ.
e)
wandlung kann auch auf den kaufmännischen verkehr bezogen werden: daʒ sint deu recht die dew erbern burger von Wienne ze Haimburch mit irrer wandlung habent, also daʒ seu umb alle ir wandlung, eʒ sey vil oder wenich, ze Haimburch in der stat nicht gebent, wenne den jar-schilling, daʒ sint drei phennige Haimburger handfeste (Senckenberg vision. diversae s. 282); alle wandlung, alle choufmannschaft und niderlegung (der kaufleute nach Ödenburg) quellen z. gesch. d. stadt Wien 2, 1, 288 (1345); daʒ wir unsern purgern ze Waydhoven durch notdurft der stat vollen gewalt habn gegebn, ir kaufhaus ze pawend und ze peʒʒern und alle wandlung der kaufschätze, die dar inne wär oder darkeme, bestellet mug werden wie die genant sey urkunde von 1355, font. rer. Austr. II, 35, 304; ir freiung, recht und gewonhait, die sy mit ir wandelung und gewerb von alter gehabt und herbracht habent quellen z. gesch. d. stadt Wien 2, 3, 445 (1368); daʒ wir in ainen offenen und gemaynen wechselbankch geben ..., an dem alle wandlunge des wechsels ... geschehe und geuͤbet werde stadtrecht von Baden 16, 16 (1369) Welti; wir musten ewern burgern in unserm kunigreich und der cron czu Beheim und andern unsern furstentumen und landen wandelung vorbieten und der furbas nicht gestaten in dehein wis archiv f. gesch. u. alterthumskunde von Oberfranken 15, III, 69 (urkunde könig Wenzels 1413).
f)
auch die bedeutung 'beruf, hantirung', die noch um 1600 in nd. gegend erscheint, gehört wol hierher (vgl.wandel B 1 f): ein fruͤmaͤsser sol in der statt vier fruͤgmessen haben in der wuchen ... und die also in soͤlicher fruͤger zit sumer und winter, als dan das soͤlichs menklichem zuͦ siner arbeit oder wandlung komlichen und wol dienen mag stadtrecht von Brugg 88, 8 (1493) Merz; damit sie (die tischler) mit ihren benachbarten meisteren und gesellen, sowohl ost- als west-wärts und allen umbliegenden orten, da ihre meistern und gesellen wandlung und hantierung brauchen, correspondenz, fried und einigkeit haben Krumbholtz die gewerbe der stadt Münster 443 (1607); ein geselle aber, der ... diese gilde zu gewinnen begehret, der solle beweis seiner ehrlichen geburt fürbringen, wie auch dasz er seine 6 lehrjahre bei einem ehrlichen meister ... und sonsten seine dienst und wandlung frömblich habe vollendet 354 (1614).
g)
der verbindung handel und wandel entspricht zuweilen handlung und wandlung (mnd. handelinge unde wandelinge Schiller-Lübben 5, 588 unten): o der freude, dich wieder zu haben ...! wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine motive) aus diesen allerliebsten episoden hier in unsre haupthandlung und wandlung hinein! Tieck 4, 19.
3)
wandlung als 'gang'. zuweilen noch in iterativem sinn als 'wiederholtes hin und hergehen':
aller worte hœhster hort
daʒ sint diu êwangeljâ.
in den vindet man dâ
Kristes wandelunge
geschriben und swaʒ sîn zunge
gelêrte ie nâch der menscheit.
Rud. v. Ems Barlaam 78, 27;
wer tegelich von wochen zcu wochen unde von stetin zcu stetin, von lande zcu lande syne wandelunge hat unde in keyner stat jar unde tag wonhafftig ist, der heisszet unde ist eyn wilder gast Magdeburger fragen 2, 5, 2 (s. 173) Behrend; übertragen:
der stern wandelunge.
Teichner nach Lexer 3, 676.
meist erscheint aber, wie bei wandel, die bedeutung zu 'gang, wanderung, reise' abgeschwächt:
du salt bi mir (dem teufel) gewinnen
ere und werdekeit noch me ...
la din widerreden sin.
du were ie miner vreuden licht,
des sich noch zu dir versicht
min stete hoffenunge.
grif an die wandelunge
und volge mir so hin dan.
Passional 323, 38 Köpke;
Cristoforus da hin bequam
in siner wandelunge.
350, 47;
Jugurtha ... thäte seine wege und wandlung (itinera praefectosque) täglichen vonn tag zu tag verwandeln ... dan zoch er gegen den feinden, zu zeiten in die einöde D. v. Pleningen Sallust B b 2ᵃ; meatio, wandelung, gaunge Diefenbach gl. 352ᵇ; migratio, ganck vel wandelunge 360ᶜ; vagatio, wandelung, wandelinge 605ᵃ (auch ndl.: wandelinghe, itio, iter, profectio, ambulatio Kilian 652). besonders ist dies wandlung im alemann. verbreitet, wo es auch 'abreise' (vgl.wandeln B 2 b ε) bedeuten kann: wandelunge, profectio, via, iter. Dasypodius 451ᵈ; wandlung, peregrinatio, itio, iter, profectio Maaler 484ᵃ; dasz inen (den leuten des königs Xerxes) nit gnuͦg was das mere zuͦ schiffung, noch des porten gnuͦg zuͦ lendung, noch das ertrich zuͦ wandlung N. v. Wyle translationen 147, 17 Keller; deszhalb man oben durch ein berg und wald, von sichrer wandlung wegen, ein landstrasz machen muszt Tschudi chronicon Helveticum 1, 146ᵃ; (die schwäche wegen langen liegens) mit der übung, wandlung und ordnung ohn allen schaden hin wird gehn Paracelsus (1616) 1, 687 c; ungewöhnlich im plur.: solliche bruͦderschafft oder gastliche freüntschafft ward vilerley ursachen halb angestifft. dann etwa kam einer ungfar mit den andern in kundtschafft, in gsandter bottschafft, in wandlungen, do etwo einen underweg noth anstiesz Joh. Herold heydenweldt (1554) g 5ᵃ. im späteren nhd. erscheint dies wandlung nicht häufig: wandelung, ambulatio Stieler 2501. Steinbach 2, 926. Hederich (1753) 2578; proménade, action de marcher Rondeau;
des feldes thiere zwar sind unterstützt mit füssen,
dieweil sie allezeit am trucknen lauffen müssen;
hergegen darff disz nicht das kalte schuppenheer,
als dessen wandelung und ruhstat ist das meer.
Opitz Hugo Grotius 292;
von Schottwien bis hierher war heute in der mitte des januars eine tüchtige wandlung Seume 71 (spazierg.). übertragen auf abstracta: so wird die grosze umwälzung endlich um den ganzen schönen bogen des mittelmeers ihre wandelung machen Arndt christliches u. türkisches (1828) 353; vgl.seelen - wandelung Logau 1, 7, 71. übertragen vom leben (s. auch oben wandelunge bei R. v. Ems):
denn ist die wandelung der menschen gleich ein traum,
so ist des vaters geist doch thätig ümb den baum.
Lohenstein hyacinthen 79.
4)
die bedeutung 'lebensführung, art sich im leben zu verhalten' hat sich aus der von 'verkehr mit den menschen' abgezweigt (übertragung von 'gang' kommt hier weniger in betracht). wandelunge entspricht so in der älteren kirchlichen sprache dem lat. conversatio. noch die vorlutherischen bibeln gebrauchen es so neben wandel; Luther hat immer wandel dafür gesetzt, das wandlung in diesem sinn ganz verdrängt. auszerhalb der geistlichen litteratur erscheint es überhaupt nur selten.
a)
es kann auf die äuszere lebenshaltung, lebensgewohnheiten gehen:
wi nu di dugentriche
gar nach kuneclicher art
geboren unde gezogen wart
mit al ir wandelunge,
iedoch di frouwe junge
nach dirre stunde schiere
alle uppeclich geziere
versmehete same ein cranker mist.
Elisabeth 1971 Rieger;
die welt vichtet dich an mit geistlicher hochfart, das du wilt gesehen sin ... und wol gevallen an kleidern, an wandelunge, an hohen worten Tauler predigten 13, 19 Vetter; si ... suchent do an den lust und die genuͤgde die in werden mag, und reissent sich selber dar zuͦ mit allen den wisen, worten und werken, mit kleidern, mit gelosse und mit maniger hande wise und wandelunge, in gande, in stonde, mit goben, mit botten und mit brieven 136, 12.
b)
gewöhnlich wird es aber auf das sittliche verhalten bezogen, das noch durch adjectiva genauer bezeichnet werden kann: conversatio, wandelunge, gaistlich wandlung Diefenbach gl. 148ᶜ; disciplina, zuchtekeit oder gut wandelunge 184ᵇ;
alsus die reine godes maget ...
gnuͦc frouwen von ir idelkeit,
gar vil ir zu bescheidenheit
kuscher wandelunge
die selege unde die junge
zoch mit guͦder lere.
Elisabeth 2057 Rieger;
dabi ein selic priester stunt,
ein gedruwer godes frunt,
an wandelunge dugentlich,
an andechte lobelich.
2839;
sin leben hatte er ie gekart
an reine wandelunge.
zu hoher predegunge
was er al zu wol bereit.
3971;
nu fúgt es sich zuͦ eynem mal,
das der kaiser stuͦnt in sym sal
und ruͦmpt Alexanders wandelunge.
H. v. Bühel Dyocletianus 8070;
du unreht bobest, sit din ingang ist mit vil meineyden beflecket ... und die wandelunge het einen bösen lymuͦt Königshofen, städtechron. 8, 434; sin lebin unde wandelunge was lutir und reine leben des h. Ludwig 46, 26 Rückert; da sol sin ain viol rehter demuͤtkait, da sol sin ain zitlos zúhtiger wandlung und erberkait St. Georgener prediger 317, 4 Rieder; personen gudes lebens unde ersamer wandelunge Diefenbach-Wülcker 894 aus d. Frankfurter archiv (1332); so wirt der mensche also weselich und als gemein und tugentlich, guͤtlich und von minsamer wandelunge, mit allen menschen gemein und gesellig Tauler predigten 176, 13 Vetter; auch dar yederman, es sien wirt oder hantwercklude und ander, die feilen kauff haben, zuchtiges wort und guter wandelung, ouch fruntlichs bescheits sien und sich ziemlicher bescheidenheit vlysze Janssen Frankfurts reichscorr. 2, 566 (1492); dat selve ... hait die clairheit van anderen doegenden dinre hilliger wandelung mit einre swaerer dunkerheit overdecht ind verduistert städtechron. 13, 497, 18 (Köln 1499); alles sein geschlecht und all sein geburt belib in eim gutten leben und in einer heyligen wandlung Koburgers bibel, Tobias 14, 17; wann ir hort etwan mein wandlung (wanderung Koburger) in der judischeit Mentels bibel, Galater 1, 13. pluralformen kommen vor: in worten, in werken, in gelosse, in wandelungen Tauler predigten 62, 26 Vetter; in heiligen wandelungen und in milten Mentels bibel, 2. Petri 3, 11.
5)
reich entwickelt ist wandlung als 'veränderung', das seit der ahd. zeit vorkommt: dia wandalunga (mutationem) gábe er ouh ín Notker ps. 88, 52 (2, 376 Piper). wie das ähnlich bei wandel und wandeln zu beobachten ist, ist das im mhd. häufige wort dann später zurückgetreten und aus dem 16., 17. jahrh. nur selten zu belegen (Luther scheint es nur in der bedeutung 'transsubstantiation' zu kennen); bei Diefenbach gl. 374ᵃ mutatio, 593ᵃ transitus, 593ᵇ transmutatio, 607ᵃ varicatio, wandelunge. die wörterbücher des 16. jahrh. haben es gar nicht, Stieler 2501 führt wandelung neben das wandeln als 'mutatio' an, Krämer 1208ᵃ und Kramer (1719) 259ᵃ verweisen von wandlung auf verwandlung, Rondeau hat es als 'changement', nach Adelung ist es 'nur in einigen zusammensetzungen üblich', doch komme für brodwandlung schlechthin wandlung vor, Campe kennt es als dichterisches wort (mit belegen aus Schiller und Kretschmar). als solches war es von Klopstock eingeführt worden (noch 1795 verzeichnet es Kinderling reinigkeit d. deutschen sprache 437 als ein wort Klopstocks), ist aber jetzt in die allgemeine sprache eingedrungen, wo es in bestimmten wendungen sehr beliebt ist und gegenüber wandel bevorzugt wird, weil es pluralformen bilden kann.
a)
in activem sinn von einer änderung, die jemand vornimmt oder bewirkt.
α)
mhd. wandelunge zeigt sich so in verschiedenen anwendungen:
dô wart von dem leide
nâch vröuden gestalt ir muot.
swâ sælden gunst alsô tuot,
dâ ist ir wandelunge
mit gar gemeiner zunge
ze loben und ze êren.
H. v. d. Türlin crone 19106;
zwar noch wundirt minen sin,
wie ein ding si got und gut.
vrunt daʒ mache ich dir vrut.
iʒ ist mit der wandelunge getan,
daʒ wil ich an wise pfaffen lan:
o ist giwandilt in ein u.
Brun v. Schonebeck hoh. lied 6516.
musikalisch von der übertragung einer melodie in eine andre tonart (vgl. wandelieren):
von der (nachtigall v. Hagenau) denk' ich vil unde genuoc,
(ich meine ab von ir dœnen
den süeʒen, den schœnen),
wâ sî der sô vil næme,
wannen ir daʒ wunder kæme
sô maneger wandelunge.
G. v. Straszburg Tristan 4787.
von der veränderung der stimme: dann solich wandlung yetz senfft, darnach höher und widerumb in mittler stymm zereden behelt den redner Riederer spiegel d. rhetoric (1493) g 4ᵃ. von der mischung von farben (vgl. lat. variare):
ein wunderlich mixtûre
ûʒ dem rîlichen apfel schein ...
ir schîn was wider unde für
zerdræjet und zersprenget
und alsô gar vermenget
mit wilder temperunge,
daʒ manic wandelunge
dâ fremdeclichen lûhte.
K. v. Würzburg troj. krieg 1420.
verlegung eines ortes:
sô wart von ihm (dem fürsten) herabgeleit
von Aldinhûse dî stat
der Colm und an berc gesat,
dâ sî ouch noch huite lît.
dî wandelunge in der zît
was ûʒirmâʒin heilsam
Colmerlande allintsam.
N. v. Jeroschin 8629 Strehlke;
item den hewptluten im here von irs handels der leger halben und wandelung, die mit in furgenomen werden, und andere notturfft zuschreiben verlassen städtechron. 10, 427, anm. 5. entsetzung von einem amt: von der wandelunge der commendûre, ob sie sîn bûʒwirdich (de precep torum viciosorum deposicione) statuten des deutschen ordens 19, 10 Perlbach. veränderung der münze: und dise munse sol stete und ewic gan in diseme bistume si enwerde danne gewelschet (l. gevelschet), so sol man si wandelen mit wiser liute rate; und dise wandelunge geschit nach eineme anderen ceichene (mutabitur secundum aliam formam), und niht nach der swere Gaupp stadtrechte 1, 64 (Straszburg 13. jh.).
β)
in der bedeutung 'verwandlung der hostie in den leib Christi durch den priester' (vgl.wandeln C 1 g β) ist wandlung auch später in der katholischen kirche üblich geblieben: transsubstantiatio, wandelunge Diefenbach gl. 592ᵇ; bey der wandlung, all' elevazione Krämer 1208ᵃ;
ouch bite wir dich, hêrre,
durch der wandelunge êre
unde sich dizze opher tuot
ze Christes liche unde bluot
ze sâlde aller christenhait:
dû wende uns elliu unsriu leit.
messegesang (denkmäler XLVI) 78;
dâ habent die pfaffen sunder art ...
si begênt anders die wandelung.
Enikel weltchronik 27567 Strauch;
wein, wasser wirt zu pluͦt gericht
mit wandlung der naturen.
Hätzlerin 64, 55 (s. 255);
dreu phunt wachs ... zu einer erbern wandelchertzen, mit der man tæglich loben schol die wandlunge unsers herren gotes Jesu Christi urkundenbuch d. landes ob der Enns 5, 431 (1325); bisz das sie (die bauern) mit der glocken wurden beruͦfft zuͦ der wandlung Bebel geschwenck (1558) K 6ᵃ; so bistu (priester) geweihet, und hast gewandlet wider die ordnung und meinung Christi, denn Christus meinung ist die, das man sol das sacrament oder die messe also halten, das es seinen christen ausgeteilet ... werde ... nu hastu ... alle wege das sacrament allein empfangen, und niemand gereicht ... was ist nu das für eine weihe und wandelung? Luther 6, 83ᵃ; sie glauben, es sey mehr als gnug, wann man zu der heiligen wandlung ein paar klopffer oder drithalb auff die brust setzt Abr. a S. Clara reimb dich 246 (auff, auff, jhr christen); ich habe dich schon beobachtet, wie du beim geläute während der wandlung den hut zum beten abnahmst Ad. Pichler allerlei gesch. aus Tirol (1867) 98; bald klang das zeichen der wandlung, wo der priester dem versammelten volke die hostie zeigt 207; nach der messe schlich er sich sachte davon ... und wagte sich erst wieder zur kirchthür hinein, als trompeten und pauken zu beginn des hochamtes laut wurden. die wandlung war schon vorüber Anzengruber³ 3, 59 (dorfgänge I); glockenklang erhob sich, es wurde zum sanktus geläutet; nun folgte die wandlung Ebner-Eschenbach das gemeindekind 82;
die pfeiler eines gotteshauses, d'rin
das knie'nde volk in priesterlichem pomp
das hehre spiel der wandlung gottes sah.
G. Keller 9, 230.
wandlung läuten, mit der glocke das zeichen zur wandlung geben Martin-Lienhart 2, 834. Schmeller 2, 936. im 16. jahrh. auch handlung und wandlung: welcher sagt, das die handlung und wandlung des hailigen fronlichnams Christi, so der pfaff in der maͤss thuͦt, sey ein opffer für laͤbendig und todt, der irt Eberlin v. Günzburg 1, 167 neudr.
γ)
wandlung kommt auch von sprachlichen veränderungen vor (s. auch α Brun v. Schonebeck): und ward Venecia gehaiszen usz wandlung desz buͦchstaben h in v Stainhöwel de clar. mul. 53 Drescher. im 17., 18. jahrh. ist es als grammatischer ausdruck für 'flexionsform' üblich: die endung aller wandlungen im decliniren, compariren, conjungiren, hat unfehlbar ein e J. Bödiker grund-sätze der deutschen sprachen (1690) 61; die fürwörter: ich, du, er, wir, ihr, sie, man, sich, sind bei einem handlungsworte fastkurz; ... alle mit ihren einsilbigen wandlungen Voss zeitmessung d. deutschen spr. 50. in engerem sinn:
nim die beugung wol in acht, lasz die wandelung nicht streichen,
heisz die fügung ziehrlich stehn, und nicht von der mundahrt
weichen.
Neumark neuspr. teutsche palmbaum (1668) 339
(beugung ist 'declinatio', wandelung 'conjugatio', fügung 'syntaxis'). sprachwandelung gebraucht Fischart für 'übersetzung' ehezuchtb. 119, 23 Hauffen vgl.wandeln C 1 g α.
δ)
im mhd. tritt auch die auffassung als 'austausch, wechsel' hervor vgl.wandeln C 1 f: vicissitudo, wandelung eines dings umb das ander Diefenbach gl. 618ᵃ;
und als er wolde rîten
und von der frowen Ênîten
dô begunde scheiden,
von den gesellen beiden
ein getriuwiu wandelunge ergie,
unde sage iu rehte wie.
der vil getriuwe man,
ir herze fuorter mit im dan,
daʒ sîn beleip dem wîbe
versiegelt in ir lîbe.
Hartm. v. Aue Erec² 2362;
sich huop ein wehsel von in zwein
unde ein wandelunge.
Dieterich der junge
nam Engelhartes kleider an.
K. v. Würzburg Engelhard 4551;
und (er) wolde stete swigen.
vingern und nigen
pflac er vor die zunge
und dise wandelunge
solde im wesen lichte.
Passional 520, 94 Köpke;
rechtlich: umb einen wechsel oder umb ein wandelung des houses, das der prior und die sammung des ... chlosters habent in der Verberstrass ze Wienn umb ain ander hous in derselben stat ze Wienn quellen z. gesch. d. stadt Wien 2, 1, no. 132 (1331); mutuum, wandelinge (daneben borg, leyung, wechsel) Diefenbach gl. 374ᶜ, vgl. oben sp. 1542 wandel bei Mommsen.
b)
in passivem sinn (zu sich wandeln) von einer veränderung, die vor sich geht oder vor sich gegangen ist. so ist das wort auch in der neueren sprache sehr üblich geworden.
α)
von äuszerlich wahrnehmbaren veränderungen.
1))
wechsel der jahreszeiten, beginn des sommers:
eʒ gruonet wol diu heide,
mit niuwem loube stât der walt: ...
gegen der wandelunge
singent wol diu vogelîn.
Neidhart v. Reuenthal 11, 16;
ich gesunge ir niuwen sanc
gegen der wandelunge.
dâ mit diente ich ir den sumer und den winder lanc.
79, 32;
wol der sueʒen wandelunge!
swaʒ winter truobte,
daʒ tuot sumer klar.
Hadloub, minnesinger 2, 295ᵇ Hagen.
2))
veränderungen der himmelskörper, der erde und des irdischen:
also di sunne di hute schein,
die ouch undirweilen vil dicke
verwandilt ir lichten blicke.
ich sage wie geheiʒen is
ir wandelunge: eclipsis.
Brun v. Schonebeck hoh. lied 6527;
darnach in dem praͦchman an dem 17 tag, da ward ein verwandelung der sunnen, die verlos gancz iren schein und geschahe an sant Allexius tag, 12 or und 4 minuten darnach do was dy wandelung am grösten d. städtechron. 1, 388, 4 (Nürnberg 1433); die zeit nach der jehrlichen wandelung lernen erkennen Thurneysser magna alchymia (1583) 108;
wandels dû sie (die himmel) niht erlâst.
an in wirt wandelunge erkant,
sie veraltent als ein gewant,
und als ein decke gar vür wâr
wehselnt sie sich. dîniu jâr
verwandelnt sich niemer.
Rud. v. Ems Barlaam 329, 5;
jetzt musz
gehandelt werden schleunig, eh' die glücksgestalt
(Jupiter) mir wieder wegflieht über'm haupt,
denn stets in wandlung ist der himmelsbogen.
Schiller 12, 209 (Wallenst. tod I, 1);
mit ihm, dem geisterfürsten, werd ich reisen,
der welten wandlung wandellos umschweben.
Arndt werke 5, 89;
diesen unverweslichen leib, den edlern genossen
meiner seele, den hast du mir, vor dem tage der tage,
vor der erde wandlung gegeben!
Klopstock Mess. 11, 307;
mittler, der stern, des hüter ich bin, erhebt zu dem ziele
seiner wandlung sich bald. des hohen sternes bewohner
haben schon vorempfindung von ihrem schwunge zum urlicht.
16, 99;
für die ältesten zeiten liegt jedenfalls ein haupthebel dieser veränderungen in den wandlungen, welche die oberfläche unsres planeten ... erfahren hat D. F. Strauss schriften 6, 129; die alten ... schäfer ... haben ... der zeit und des gewitters gestalt und tägliche wandlungen wargenommen Sebiz feldbau (1579) 136; die betrachtung der materie in ihren mannichfachen wandlungen Lange gesch. des materialismus 5, 112;
folglich sieht man recht, mit augen, wie es möglich sey vergehen,
und dennoch, als nicht vergangen, ohne wandelung bestehen.
Brockes ird. vergnügen 4, 385.
3))
körperliche veränderungen beim menschen:
do was ein wandelunge
an sime antlitze geschen
so, daʒ si daʒ wunder mochten sen,
wand eʒ was luter und klar
und als ein engel gevar.
Passional 39, 14 Köpke;
nach der groʒʒen schone so wart er an siner martere also sere missestalt ... sin minnenclich antluͦtze vorblaichte gar daʒ êe schone rosenvarwe hætte, ... dise maniger leie wandeluͦnge die an im waʒ die gab uns den schatten wider den ewigen tot Schönbach altd. predigten 1, 83, 16; nimpt man die zeychen zuͦ dem ersten von der wandlung oder andrung des leibs Gersdorff wundartzney (1517) 71ᶜ;
ich sah mein ganzes leben (im traum)! erst erschien
ich
als kind, von zartem rosenlicht umflossen,
das immer röther, immer dunkler ward:
da waren mir die eig'nen züge fremd
und bei der dritten wandlung erst erkannt' ich
mich in dem gar zu jungen angesicht.
Hebbel 1, 257 (Herodes u. Mariamne IV, 7);
doch werde wir vorwandelt
alle die von der erden
irstende danne werden.
'welche sal die wandelunge wesen?'
H. v. Hesler apokalypse 20241 Helm;
der Ganges rauscht; vernimm im abendroth
die lehre von der wandlung nach dem tod.
was ist, das ist von anfang her gewesen,
und wird im tod zu neuem sein genesen.
Geibel 3, 93 (neue ged.).
'verwandlung, metamorphose':
daʒ in diu schœne Lîdâ
sô herzenlîche twunge,
daʒ er mit wandelunge
durch ir minne wurde ein swan.
Rud. v. Ems Barlaam 251, 10;
wer weysz, warumb solch wandlung (der Melusine) gschicht?
H. Sachs 12, 547, 9 Keller;
ists esel oder edel? in was gestalt mir die wandlung gefallt (ein spiel) Garg. 268 Alsleben.
4))
gott ist ohne wandlung: alsô wandelt dîn gotlîchiu kraft alliu dinc nâch ir natiurlîcher art und bist dû doch in dir selben âne alle wandelunge. swâ wandelunge ist dâ niht stæter ruowe d. mystiker 1, 365, 26; ûʒer got enist niht wan niht alleine. dar umbe ist eʒ unmügelich, daʒ in got iht müge gevallen anderunge oder wandelunge 2, 321, 13;
das du, her, einig pist,
doch in der einiung gedreyt
in unterschidlicher dreyung,
dar in du genczlich pist gefreyt
vor drifeltiger wandelung.
H. Folz meisterlieder 29, 10 Mayer;
dar um kein wandelung im (Christo) nit zu zel
ausz der gotheit in menschlich wot.
13, 19.
β)
von innerlichen vorgängen in der seele des menschen, von der stimmung, gesinnung, dem ganzen wesen:
nû hâst dû dich baʒ bedâht
daʒ dir sô misselunge:
vil guote wandelunge
hân ich nû von dir vernomen.
Hartm. v. Aue büchlein 1, 11, 54;
dô wart ein wandelunge
an vrœlîchem muote dâ.
diu schar begunde weinen sâ.
Rud. v. Ems guter Gerhard 5612;
ob si ein lip verleuset,
daʒ si wandelunge verkeuset
als die turteltaube tut;
die gewinnet nimmer vroen mût,
immer mer ist ir trauren bei.
kleinere mhd. erzählungen 3, 106, 185 Rosenhagen;
sy erkunten die wandelung (bekerung Koburger, wandel Luther, τὴν ἐπιστροφήν) der heiden Mentels bibel, apostelgesch. 15, 3; das ewig in der seelen sein wandlung vollbringt Paracelsus opera (1616) 2, 336;
ein edler sinn, ein festes herz
kennt nie die wandlung, nur den schmerz.
Fouqué altsächs. bildersaal 2, 407;
ohne dasz sie es selbst wuszte, kleidete sie sich, als wär ein hoher festtag. auch darin zeigte sich ihre wandlung O. Ludwig 2, 242 (Heiterethei); er ahnte nicht, welche wandlung sich im geiste des bündners zu dieser stunde vollzog und dasz Georg Jenatsch nach innerm schweren kampfe sich von ihm lossagte C. F. Meyer Jürg Jenatsch 223; mit entzücken gab er sich ihr (der beschämung) hin als dem wahrzeichen seiner wandlung v. Ebner-Eschenbach schriften 2, 83; niemand hat diese grosze wandlung im deutschen volksgemüthe ... mächtiger gefördert als Göthe Treitschke d. gesch. 1, 317.
γ)
von den lebensverhältnissen der einzelnen menschen und der menschheit, den glücksumständen (wo sich die bedeutung oft der von 'wandelbarkeit' nähert):
unde eine wandelunge
an sime lebene was geschen;
man hete in arm e gesen
und sach in nu an herschaft.
Passional 54, 46 Köpke;
sine (die welt) mach keine wis an ein dingen bliben; houte niemet sie zu, morgin abe; huͦte stet iʒ uͦbele, morgin baʒ; huͦte ist urlouge, morgin anders. duͦrch dise manige wandelunge so hat sie die heilige scrift geebinmaʒit dem mane Schönbach altd. predigten 1, 125, 25; ellú wandilunge und unstetekait der welt wil sie (die minne) niht wiʒʒin St. Georgener prediger 140, 28; die Römer wolt er ain weil erhöhen .. doch hat ünser herr darnach die Römer mit den Deütschen genidert . die wandlung die fürsten aller zergenchleichen herschefften für sich süllen nemen .., damit si und ir nachkömen nicht auch sölich wandlung verdienen österr. chronik von den 95 herrschaften 24, 4 und 7 Seemüller; die verstellung befuget uns vielfältig, das glück unser unglück, und das unglück glückselig zu nennen: in betrachtung ... des gebrauchs und miszbrauchs; wodurch beydes, das gute und wiederliche glück, zur wandelung kan gereitzet werden v. Butschky Pathmos 25; wir ... verlängerten in unberechenbarer weise die periode, während welcher unsre truppen den wandlungen des geschicks ausgesetzt blieben v. Bismarck ged. u. erinn. 2, 121 volksausg.; die gröszte schuld an den raschen wandlungen, denen sein stern unterworfen war, trugen die mitglieder des hauses selbst v. Ebner - Eschenbach schriften 4, 3;
wie entzückt über die wandlungen
meines schicksals, wie dankbar
wallt mein freudiges herz in mir!
Klopstock 1, 84 (der verwandelte);
o der wandlung! graun und nacht umdüstern
nun den schauplatz jener herrlichkeit.
Matthisson ged. 50;
jetzt streuen sie (die klöster) aus dummheit und verderb, einst säten sie wissen und geist aus.
so wechselt die zeit und der welt umschwung und der
menschheit ewige wandlung.
Platen 316 (parabase).
δ)
von urtheilen und reden:
ein wandelunge an im geschach:
daʒ man im ê sô wol sprach,
daʒ verkêrte sich ze schanden
wider die die in erkanden.
Hartm. v. Aue Erec² 2984;
in den wandlungen der urtheile über dieses kunstwerk spiegeln sich die wandlungen des kunstlebens Justi Winckelmann 1, 451; eine sehr alte .. erzählung .., die in zahllosen wandelungen und steigerungen bei den späteren wiederkehrt Mommsen röm. gesch. 1, 82.
ε)
von der sprache: der einflusz, welchen dieser brauch auf die wandlung der sprache haben musz, ...... leuchtet ein Ratzel völkerkunde 2, 62; die bairische wandelung des ablauts iu in eu Weinhold mhd. grammatik² 114; das i einer zweiten silbe, von welchem die wandlung des u der ersten in v abhieng J. Grimm kl. schr. 3, 104; vgl. auch 5 a, γ.
ζ)
juristisch bezeichnet mhd. wandelunge einen wechsel bei dem lehnsherrn oder dem belehnten, wie auch die dann fällige abgabe (laudemium): es ist ouch eines aptes recht, das er do (l. dü) ampt, dü die burger von im hant, lichen sol ir sünen, swen ein wandlung beschicht, es si an dem apt oder an dien burgeren so si sterbent weisth. 4, 367 (Luzern); und dis selbe var ist och dem selben vorgenanten Kuͦnrate Brógelin verlúhen und treit es an siner und an sins bruͦder seligen kinde und Briden siner wirtin stat, der och das selbe var halbes ist, nu wande er es an irre stat treit an siner hant von der wandelúnge und des erschazzes wegen urkundenbuch der stadt Basel 2, 56, 26 (1273); super domibus, de quibus domino nostro Wormatiensi episcopo jus, quod vulgariter dicitur wandelunge, non est dari consuetum Baur hessische urkunden 2, 545 (Worms 1297). so auch allgemeiner gefaszt:
in welcher wîs daʒ heilige lant
ofte sî von hant in hant
mit wandelunge kumen.
N. v. Jeroschin 21, 466 Strehlke.
η)
im nhd. sind jetzt bestimmte wendungen besonders üblich. etwas ist in wandlung: der grund der seele ist in steter wandelung, ist keinen augenblick derselbe Eberhard allg. theorie des denkens und empfindens (1786) 176. eine wandlung geht vor sich, findet statt, vollzieht sich usw.: dasz die wandelung, die bei mir vorgeht, schwerlich bloszes phänomen sei Herder in Mercks briefsammlung 1, 40; eine gröszere wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen sein v. Ebner-Eschenbach schriften 4, 117; sobald in Frankreich eine entsprechende wandlung der form und der prinzipien der staatsleitung eingetreten wäre v. Bismarck ged. u. erinn. 2, 263 volksausg. eine wandlung erfahren, erleiden, durchmachen usw.: die schon viele wandelungen durchgegangen sind Tieck novellenkr. 4, 164; das verhältnis des königs zu seinem volke erfuhr eine bedauerliche wandlung Prutz preusz. gesch. 3, 211.
c)
im mhd. tritt bei dem wort häufig die auffassung 'wendung zum schlechten' hervor (s. oben b, β. γ. δ), woraus sich verschiedene besondere bedeutungen entwickelt haben. 'verführung':
si heiʒet wandelunge
baʒ danne minne.
si verkêret rehte sinne
ze wunderlîchen dingen.
die gute frau 106 (zeitschr. f. d. alt. 2, 396).
'abfall':
'wiltu den goten opfer geben,
so wil ich nu ufhoren,
min ungemute storen,
daʒ ich vor uf dich truc'.
die rede im gar nidersluc
Vincencius und sprach
'o nu habe din gemach
und swic du valsche zunge,
wand mir die wandelunge
durch din smeichen gar versmat.'
Passional 123, 12 Köpke.
'unzuverlässiges verhalten':
ir stæten friunt, die alten,
der kan si niht behalten,
und en behaltet ouch niht die jungen;
mit disen wandelungen
lebet ie frou Minne.
Ulrich v. Türheim Tristan 246 Hagen;
namentlich auch 'unzuverlässigkeit in der rede':
daʒ möhte manegem noch geschehen,
der sich niht wol behüeten kan
vor einem ungetriuwen man,
des ungetriwiu zunge
hât manege wandelunge.
mære vom bachen 116 (zeitschr. f. d. alt. 7, 105);
sol denne unsers herren tôt,
der durch uns leit unschuldic nôt,
uns alle sô geringe wegen,
daʒ wir emʒiger eide pflegen,
und bî seiner marter swern?
sô wir uns swacher kriege wern,
sô mane wir unsern herren got
leider ofte an sînen tôt
mit maniger worte wandelungen (meineiden),
die bî den alten lernent die jungen.
Hugo v. Trimberg Renner 13697 Ehrismann.
am beliebtesten ist es in negativen wendungen, wie wandelunge vrî, sunder, âne wandelunge, wo es die allgemeine bedeutung 'fehler, makel' annimmt (vgl. das sich länger erhaltende ohne wandel oben sp. 1545):
wol ir, si ist ein wîp in hôhem prîse,
lobesam,
unde ist aller wandelunge vrî.
Neidhart v. Reuenthal 43, 27;
sumelîche rôsen kunnen stechen;
rehte rôsen die sint aller wandelunge vrî.
95, 5;
ir beider blüejendiu jugent
vor wandelunge frîte sich.
Heinzelein v. Konstanz ritter u. pfaffe 79 Pfeiffer;
owe din suʒʒe zunge   sprach die wort gebluͤmet
gar sunder wandelunge.
jüng. Titurel 5393 Hahn;
ouch was dar în begraben nie
kein tôter mensche dannoch,
dâ von si was ein maget noch,
und âne wandelunge stuont,
als alle kiusche megde tuont.
K. v. Würzburg Silvester 3487;
und da freude ist ane traurichait,
und fride ist ane mishellichait,
und da reichtumb ist ane wandlung.
Vintler pluemen der tugent 9916 Zingerle.
d)
die auffassung 'wendung zum bessern', die ebenfalls im mhd. erscheint und sich in der jetzigen sprache namentlich bei 'sinnesänderung' (s. b. β O. Ludwig und Ebner-Eschenbach) geltend macht, führt weniger zur entwicklung besonderer bedeutungen: wandlung, besserung, emenda, melioratio. voc. theut. (1482) mm 8ᵇ.
6)
in der bedeutung 'rückgängigmachung' ist zwar wandlung noch der jetzigen rechtssprache bekannt, es kommt aber früher viel seltener vor als wandel in gleichem sinn. schon ahd. als 'wiedererstattung': distractarum rerum reditus, dero erzogononu sahhonu wantelunga oda heimprung Steinmeyer-Sievers gl. 2, 91, 29; mhd. kommt es als 'recht eine für eine partei ungünstige proceszhandlung nochmals vorzunehmen' (vgl.wandel D 1 b) vor: eyn iczlich man unde wip unvorsprochen had wandelunge unde holunge alsolange daʒ sy volkomen wert; wert sy felligk, sy en darf dorumbe nicht wetten rechtsbuch nach distinctionen 4, 43, 74 Ortloff; in der frühnhd. kanzleisprache wandlung 'wiedergutmachung' der scheden: so sollen die prelaten ... sie auf ansuͦchen der beschedigten ungesaumpt daran halten kerung und wandlung der scheden zuthuͦn, so ferr sein vermögen reycht des heyligen römischen reiches ordenungen (Worms 1535) 116ᵃ; als 'rückgängigmachung eines kaufes' scheint sich der ausdruck namentlich im thierhandel erhalten zu haben; nach dem vorgang älterer rechtsordnungen hat ihn das bürgerliche gesetzbuch angenommen und verwendet ihn häufig: demnach ... wegen der an denen pferden sich öffters einige zeit hernach erst hervor thuender haupt - mängel der redhibition und wandelung halber zwischen käuffern und verkäuffern vielmahls streit und disputen sich erheben braunschw. lüneburg. gerichtsordnungen (1712) 694 (verordnung v. 1697 wie es der pferde-mängel u. deren wandelung halber ... künfftig zu halten); wegen der im art. 1 genannten mängel kann der erwerber nur die aufhebung des vertrages (wandelung), nicht die minderung seiner gegenleistung verlangen gesetz der stadt Frankfurt, die gewährleistung bei viehhändeln betr. vom 29. dez. 1864, art. 7; die ... klagen können nach wahl des klägers auf auflösung des handels (wandelung) oder verhältnismäszige erstattung der gegenleistung (minderung) gerichtet werden kurf. hess. gesetz, die gewährleistung für mängel von hausthieren betr. 23. okt. 1865; jeder derartige (gewährs-) mangel berechtigt zur forderung der aufhebung des kaufes (wandlung) Krafft landwirthschaftslex. 415ᵇ; wegen eines mangels, den der verkäufer nach den vorschriften der §§ 459, 460 zu vertreten hat, kann der käufer rückgängigmachung des kaufes (wandelung) oder herabsetzung des kaufpreises (minderung) verlangen bürgerl. gesetzbuch 462. vereinzelt kommt mhd. wandelunge in kirchlichem sinn als 'absolution' vor (oder ist an 'transsubstantiation' oben 5 a β anzuknüpfen?):
wan vil manegem gelîhtet,
als er die spîse enpfâhet,
dâ mite er sich genâhet
gote durch bekêrunge,
wan eʒ spricht sîn zunge,
er beger der wandelunge.
H. v. Türlin crone 19617.
7)
in concreter bedeutung findet sich wandlung
a)
als wandelgang, vgl.wandel E 2: auff dise ordnung möchte man, wer da wölte, ain wandlung, zuͦ wissen (scilicet) ain altana machen Serlius reglen der architectur 21ᵇ.
b)
als stockwerk vgl.wanderung 8 b (besonders hessisch):
und doch ist Cair nicht das mal so grosz gewesen,
wie jetzo wird davon gehöret und gelesen,
das viele volck, so jetzt darinnen wird gespürt,
von achtzehn meilewegs umbfangen schwerlich wird.
darzu sol jedes hausz bey drey wandlungen haben
und schlaffen doch noch viel auff gassen und in graben.
D. v. d. Werder Ariost XV, 43, 5;
inwendig sind in der untersten wandelung die classes mit einer höltzernen wand unterschieden Lucae denkwürdigkeiten 575; hinter der kirche in dem innern kreutzgange in der untersten wandelung 650.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1911), Bd. XIII (1922), Sp. 1721, Z. 21.

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Zitationshilfe
„wandelung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wandelung>, abgerufen am 24.11.2020.

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