Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wankelbar, adj.

wankelbar adj
schwankend, unbeständig, veränderlich. ableitung von dem verbum wankeln, die im frühnhd. auftritt und das ältere wankel zurückdrängt, im 17. jahrh. noch sehr gewöhnlich, aber im 18. veraltend, doch noch von Canitz, Haller, Abbt gebraucht, dann ganz durch das schon früher daneben vorkommende wandelbar ersetzt. in den wörterbüchern (noch nicht von Dasypodius) angeführt: versatilis, wanckelbar Diefenbach gl. 614ᵃ; mutabilis, variabilis, wendig, wandelbar, wanckelbar Alberus 55ᵇ; wanckelbar, leychtfertig, instabilis homo, mutabilis, fallens, inconstans Maaler 483ᵈ; commutabilis, unstet, wanckelbar Calepinus 282ᵃ; wanckelbar, leichtfertig, leggiero, mutabile Hulsius 272; wancklbar, wancklmütig Schönsleder K k 5ᵃ; wanklerisch, wankelhaft et wanckelbar, mutabilis, inconstans, varius, variabilis, inconstans, varius, variabilis Stieler 2432; ebenso später (meist neben wankelmütig oder wandelbar) angeführt, zuletzt bei Steinbach. Adelung hat das wort nicht mehr, doch wird es noch von Campe als veraltet erwähnt. im ndl. ist wankelbaar noch üblich.
1)
im eigentlichen sinn als 'schwankend, nicht fest stehend' tritt das wort nur selten auf:
ein unbestendig gemüth, wanckelbare augen und füsz,
selten wirt was gutes darausz.
Gartner dict. prov. (1591) 22ᵇ;
auf einer wankelbaren kugel stehend v. Birken ostländ. lorb. 251. im bildlichen gebrauch schlieszt sich an: so wollen wir des schiffes auch nicht vergessen, welches ist ein schwankes wasserhausz ... die wankelbare ruh Harsdörffer frauenzimmer gesprechsp. 4, 322; wer das wankelbahre glük zum stande bringen, die ewige bewegligkeit der winde stillen ... wil Butschky Patmos 827; wenn an unterschiedenen orten die geschworne treu auff einen wanckelbaren grund gesetzet wird Weise polit. redner 1014; so bedaure ich den fürsten, der einen so wankelbaren thron besteigt Haller Alfred d. gr. 141.
2)
weit häufiger erscheint es in übertragenem sinn und zwar:
a)
von personen als 'unbeständig, veränderlich in seinem verhalten, namentlich in der willensrichtung und in der gesinnung (gegen jemand), wankelmütig': werde nichts bestendiges an ihme bleiben, sondern gantz verenderlich und wanckelbar werden anm. weiszheit lustg. 762;
noch tausendmal bistu Cupido wanckelbarer.
Chr. Köler ged. 200 Hippe;
ein wanckelbarer mensch, homo mutabilis, inconstans Steinbach 2, 925; das unstät und wanckelbar volck, plebs ventosa Maaler 483ᵈ; in der rede: wanckelbarer zeüg ... der in der red schwancket und lucket, testis vacillans ebenda (vgl.wanken 5 c β); als adv. 'schwankend':
sie alle hiengen wanckelbar
zwischen der forcht und hoffnung gar.
Spreng Aeneis 7ᵃ.
mit näheren bestimmungen (mit in angereiht):
das ich nit weisz wo ausz wo hin,
so wanckelbar bin in meim sinn.
Haberer Abrah. (1592) P 3ᵇ;
derhalben so soll keiner keinem weibe vertrawen, sonderlich wo er mit ir buͦlen will und sie ein ehweib ist; dann sie sein in iren sinnen wanckelbar Schumann nachtbüchlein 62, 29 Bolte; er erzeigt sich sehr wanckelbar, oder wanckelmüthig, in seinem vornehmen, he is very fickle in his design Ludwig 2376; wanckelbar und unbeständig im spiel Weidner apophth. 4, 481. vom wesen, mit dem nebensinn des vergänglichen:
ist doch der mensch gleich wie ein windt
vergenglich, unbestendig,
wie ein schatte, den man nicht findt,
wanckelbar, wetterwendig.
Waldis psalter (1553) 261ᵇ (ps. 144).
b)
vom menschlichen herzen, gemüt, sinn, willen u. s. w. 'schwankend, unbeständig, wankelmütig': o herr Jesu! du hast mich gemacht nach dir, und mein hertz ist wanckelbahr, bisz es ruhet in dir Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 217;
giebt sie nicht mit leichtem schertzen,
und mit wankelbarem hertzen
einen um den andern hin?
Neumark musik.-poet. lustwäldchen (1657) 398;
also des hirten (Paris) muht sich wanckelbar erzaiget,
und dan auf dise hand, dan zu der andern naiget.
Weckherlin 2, 359 Fischer;
das zeygt, das unser gmuͤt ist licht
und wanckelbar in alle schand.
Brant narrenschiff 4, 23;
wanckelbahr gemüthe,
unbeständger sinnenflucht
hasz-vermischte güte
hält uns unter strenger zucht.
Hammann anmerk. zur poeterey 213;
die freünd aber ... hattend ein verwunderen ab dem wanckelbaren unstäten gemuͤt Züricher bibel (1551) 3 Makk. P.; das wanckelbar gemuͤt der weiber Wickram 1, 225, 11 Bolte; sein gemüth war wankelbar und neusinnisch Th. Abbt werke 2, II, 84; eines wanckelbaren gemüthes seyn Ludwig 2376;
der menschen sinn ist wanckelbar
Warnecke poet. versuch (1704) 332;
sein (Konstantins) wankelbarer sinn selbst in glaubens sachen A. v. Haller tagebuch (1787) 1, 156; wanckelbarer sinn, animus multivolus Stieler 2432;
ein jedes thier kan sattsamlich
sein hertz-begehren stillen;
der mensch allein verwirret sich
in wanckelbaren grillen.
Königsberger dichterkreis 122 neudr.;
der will desz menschen ist wanckelbar Albertinus zeitkürtzer (1603) 10; die von gall entbrante (cholerici) von zornrührigen, die mit faulen feuchtigkeiten beladene (phlegmatici) von wanckelbaren thun und vornemen träumen Harsdörffer frauenzimmer gesprechsp. 1 H 8ᵃ; was ist wankelbahrer, als der menschen freundschafft? Butschky Patmos 139; doch war er (Heinrich VIII. v. England) mehr auf die unterhaltung seiner wanckelbahren liebe, als auf den unterhalt seiner soldaten bedacht v. Fleming vollk. teutsche soldat 319.
c)
von abstracten, besonders vom glück: den geferlicheyten des wanckelparen glücks ... so offt nicht zuͦunderwerffen Theuerdanck zueignung; ob das glück dich schon zum knecht gemacht, es kan dich auch noch wol zum herren machen, dann es wanckelbar ist, ja ein herr über deinen herren Petrarche trostbücher 115ᵇ; ist under allen fürsten deutscher nation kainer gewest, der das wankelbar glück und den unfahl also, wie er, erfaren hab Zimmerische chronik² 3, 541, 17; dasz das glück so wanckelbar, dem gibts, dem andern nimpts buch der liebe (1587) 196ᵃ; fürwahr das glück ist sinwel und wanckelbar, verkehrt sich bald Lalebuch (1597) 23; so ist doch im hohen standt das glück wanckelbar und tückisch Albertinus verachtung des hoflebens 19ᵃ; seine wohlfahrt ... dem unbeständigen und wankelbahren glükke anvertrauen Butschky Patmos 618;
also das glück ist wanckelbar.
H. Sachs 2, 95, 5 Keller;
wiewol die ebb und fluth des wanckelbaren glückes
hat sonderlich mit uns ihr wildes wellen-spiel.
Wiedemann gefang. mai 67;
ewig wanckelbares glücke!
Gryphius (1698) 1, 42 (Leo);
wie er ...
dem wanckelbahren glück, durch klugheit, gräntzen setzt
und sich sein wohlergehn mit eignen händen baut.
Canitz ged. 145.
vom unglück: da wurden sie etwan durch ungeschickt oder durch das wanckelbar unglück verkundschafft, das der könig Eudonius iren willen ward innen. derhalben liesz er sie fahen Schumann nachtbüchlein 68, 2 Bolte; dasz das unglück im kriegen eben so wankelbar sei als das glück Opel u. Cohn 30 jähr. krieg 384. vgl. auch:
glück und ünglück zu dieser zeit
führen einen wanckelbaren streit.
Gartner dict. prov. (1591) 47ᵇ.
von andern abstracten:
wie kurtz, wie wankelbahr ist doch die lust auff erden!
Rist Parnass 690;
o wanckelbare freud! ich glaube was ich wil,
und leider! sonder grund!
Gryphius (1698) 1, 107 (Katharina);
wer wolte nun den staat so übergroszer ehren,
die wankkelbare pracht ihm wünschen und begehren.
Rachel 78 (6, 522) neudr.;
wer wissen will was die welt ist, was dʒ vilköpffig thier, der gmein bofel, sein wanckelpare art abconterfeyt, wie ein unsinnig rasend seüwisch wild vich er sey, der findt da allerley auffruͦr S. Franck chronica vorr. 95ᵃ; menschen lere ... ungewis, unbestendig, unsicher und wanckelbar, da nichts hinder ist Luther 23, 569, 9 Weim. ausg.; der glaube ist wanckelbar und wandelbar, aber gottes wort bleibt ewiglich 26, 172; ob es (gottes wort) ouch wankelbar seye als des menschen wort Zwingli d. schriften 1, 55; zumahl es unlaugbar, dasz die orthographie oder rechtschreibung ... in oftmahliger ungewisheit und wankelbarem gebrauche beruhe Schottel ausführl. arbeit 186.
d)
von dingen: dasz einer sein hab und guͦt in ein kleines steinlin (eine perle) sol verschlieszen, das doch nicht bleibet, unstädt und wanckelbar ist Petrarche trostbücher 34ᵃ. vom mond, den gestirnen:
ein jägerhorn trägt sie (Luna, der mond) auch frey,
und ist gantz wanckelbar darbey.
ganszkönig E 8ᵃ;
wan mir die nacht, die uns ergötzet,
mit wunder für die augen sötzet
des wanckelbaren mohns unwanckelbaren glantz.
Weckherlin 1, 318, 17 Fischer;
sind doch die sterne und planeten, absonderlich der mond, zum theil selbst wanckel- und wandelbar, warum dann nicht offt ein mensch Simpl. 1, 310 (1, 2, 24) Keller (zusatz des commentators). noch jetzt bair. für 'fehlerhaft, schadhaft' (vgl.wankel [subst.] 2 c): das geschirr wird wankelbar Schmeller 2, 959.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1913), Bd. XIII (1922), Sp. 1800, Z. 82.

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