weibsperson f
Fundstelle: Lfg. 3 (1914), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 450, Z. 66
älter als mann(e)sperson th. 6, 1582, zuerst bei Riederer spiegel d. rhet. (1493) b 3ᵇ, in den wb. nicht vor Ravellus (1616) 401ᵇ und Henisch 956, 23, dann regelmäszig bis Heyne 3, 1347, meist neben weibsbild, weibsen, weibsmensch, frauensperson (th. 4 i 82). ein viersilbiges weibesperson ist von Luther (1525) 17 i 12 Weim. bis S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim 1 (1771) 57 häufig, zumal bei Ostmd. (Schweinichen denkw. 16 Österley; Prätorius glückst. 67; Weise erzn. 126 neudr.; Thomasius ernsth. ged. 1, 58; Gottsched d. schaubühne 6, 452; Lessing 1, 153), auch bei den theoretikern (Schottel 356; Hederich 2619; Steinbach 2, 172). andere abweichungen der form liegen nicht vor. in deutschen mundarten spielt das halbe fremdwort keine rolle, während person im gleichen sinn sehr verbreitet ist. weibsperson bedeutet die einzelne erwachsene weiblichen geschlechts.
1)
der verbreitung des worteses ist neben weib das häufigste der gruppekommt zunächst seine umfassende bed. zu gute: dieses spiel solte wol bey den meisten, wo nicht allen weibspersonen vergeblich vorgegeben werden Harsdörffer frauenz.-gespr. 1 C 6ᵇ, es faszt frau und jungfrau zusammen: in diesem groszen zimmer standen zwo weibspersonen, eine junge und eine alte Grimmelshausen vogeln. 1, 372 Keller, und ist gut am platze, wo der erzähler unbestimmt bleiben oder zunächst zurückhalten will: tages darauff ... vernahm er ein hartes gespräch zweyer weibes personen Ziegler Banise 155; es mögen einige dreiszig, bis nahe vierzig jahre verflossen seyn, als zu Bar—th eine arme ledige, schon ziemlich tief in die mannbaren jahre gekommene weibsperson lebte Meissner d. erzähler 71 Fürst. auch wo man nichts näheres weisz, ist der unbestimmte ausdruck willkommen: der braune schmied erzählte, dasz in der vorstadt eine weibsperson plötzlich des todes verstorben sei Rosegger II 1, 234, desgleichen in behauptungen, die allg. geltung beanspruchen: wenn eine weibsperson die andere mit bitterkeit tadelt, so hat gewöhnlich die getadelte nebst den fehlern einige vorzüge, die der tadlerin abgehen Hegner ges. schr. 307, und in altmodischer statistik: von 1000 weibspersonen sterben 8 im kindbett Hufeland kunst d. leben zu verl. 366. mit vorliebe steht das wort von mythologischen und allegorischen frauen: dieweil der Theseus doch wol andere weibs personen, als die Amazones und desz königs Minois tochter haben könte G. Rollenhagen ind. reisen 115; die kunstgöttinnen sind weibspersonen Logau 2, 2, 51 Eitner; das glück ist eine weibsperson, so jungen leuten gunstet Treuer Dädalus 1, 924;
die weibsperson, die ihr da seht zu rosz,
das ist die wahlfreiheit der böhm'schen kron
Schiller 12, 166.
auch der unbestimmtheit von traumerscheinungen wird unser wort am besten gerecht: einmal, eben auch bei nacht, glaubte ich, eine weibsperson nähere sich meinem bette Grillparzer 19, 56. äuszerlich kommt dem wort zu gute, dasz sing. und plur. klar neben einander stehen, nicht formgleich wie bei weibsen und frauenzimmer, nicht von verschiedenen stämmen gebildet wie weibsmensch und weibsleute: ein eintzige weibs-person (kann) mehr schneiden als zwo spinnen Abr. a S. Clara etw. f. alle 2, 281; hundert tausend weibspersonen Zimmermann nat.-stolz 173; eine oder zwei weibspersonen G. Keller 6, 127.
2)
als erinnerung an die ausgangsbed. von person ist möglicherweise zu deuten, dasz weibsperson gelegentlich 'maske einer frau' bedeutet: (dasz sich soldaten) manchmahls in weibs-personen angekleidet Fleming vollk. t. soldat 273 § 2, und auch weiterhin gern bei maskeraden gebraucht wird: ich ziehe mit einer verkleideten weibsperson in der welt umher Weisse lustsp. 2, 9. sonst tritt das körperliche nur selten hervor: etliche fische haben brüste gleich den weibs-personen Abr. a S. Clara etw. f. alle 2, 228, am ehesten einmal in ethnolog. oder archäolog. beschreibung: allg. d. biblioth. 114 (1793) 207; Lessing 9, 16.
3)
im ganzen sind es die abstract gerichteten geister, die weibsperson bevorzugen. gut paszt das wort in den ton dürrer lehrhaftigkeit: nichts ist, welches den weibszpersonen besser anstehet, und von dessen wegen sie für tugentsamb gehalten werden, als die mäszigkeit Albertinus de conviviis 86ᵇ. ausdrücklich begünstigt es Gottsched beobacht. (1758) 424 auf kosten von frauenzimmer. vor allem empfiehlt sich unser wort mit seiner begrifflich zugespitzten bed. der sprache des rechts: eine weibsperson ... in unser hafft und gefängnüsz ... bringen lassen Nigrinus v. zäuberern (1592) 367; herr richter, ich weisz dasz ich mein lebetage keine weibs-person geschlagen ... habe Prätorius Katzenveit H 3ᵇ; was für harte verordnung die ordinatio criminalis Carolina wider die weibespersonen, die ihre schwangerschafft verleugnen gegeben Thomasius ernsth. ged. 1, 2; weibs-personen müssen, wie in civilibus, mit vormunden versorget seyn, wenn sie was beständiges handeln sollen Minerophilus bergw.-lex. 713; weibs personen haben ordentlich einerley recht mit den manns-personen Hayme jur. lex. 1319; einer weibsperson die privilegien einer ehefrau zuzusichern Bode Th. Jones 6, 377; entspr. M. Mendelssohn 6, 6; allg. d. biblioth. 2 i 160; anh. zu 1—12, 329; zu 37—52, 116; M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 189; Avé-Lallemand gaunerth. 1, 229. bes. entwickelt erscheint es früh in vorschriften des kriegsrechts: so werden ... alle weibspersonen ... ausgetrieben Kirchhof milit. disc. 49; welcher kriegsmann, edel oder unedel, einige weibsperson vor sich oder einen andern behalten, und nit ledig geben würde, der solte ohn alle gnad aufgehenkt werden Fugger spiegel d. ehren 1267ᵃ; könte eine weibes-person absolut keine soldaten-dienste thun Fleming vollk. t. soldat 109 § 17. von der rechtssprache her nehmen es vorschriften und grundsätze freierer art auf: keine weibsperson sich männlichen geschäfften unterfangen soll Harsdörffer t. secr. 1 Qqq 1ᵇ; warumb denn Paulus denen weibes-personen das predigen verboten habe Thomasius kl. d. schr. 116; keine weibs-person darf in unsern coterie-saal kommen, als die rauchet disc. d. mahlern 2, 102; es war ein grundsatz von ihnen, man dürfe wohl auf reisen sich mit liederlichen weibspersonen einlassen Miller briefw. dreier fr. 1, 12. der überlieferte befund ist nicht reich und namentlich nicht alt genug, um zu entscheiden, ob, wie wol möglich, die bildung weibsperson überhaupt der rechtssprache und ihren bedürfnissen entspringt. in der wortgeschichte von person ist juristischer gebrauch jung, s. th. 7, 1564.
4)
alt ist weibsperson am häufigsten in der gegenüberstellung mit mannsperson, meist formelhaft unter voranstellung des mannes und im plur. die verbindung geschieht selten durch oder: mans odder weibs personen Luther 26, 196 Weim., meist durch und: von frembden mans und weibspersonen, so zur ehe greiffen wollen Luther 30 iii 227 Weim. so bleibt die formel beliebt bis Petrasch lustsp. 2 (1765) 367, namentlich wo man die wörter mann und frau nicht miszbrauchen mag: da funden wir ... beyde mans und weibs personen, die über den gantzen leib rauch und mit haren bewachsen waren, als wilde bestien G. Rollenhagen ind. reisen 25, und in nachträglicher erläuterung: samt den bürgern, manns- und weibspersonen Birken verm. Donaustr. 80. mannes- als erstes glied steht im kanzleistil: Augsb. conf. art. 27, mann- bei Md. von Lehman flor. pol. 1, 50 und Schupp (1663) 6. 95 bis Besser 1, 55. seltener sind die formeln so mannsals weibspersonen Simpl. 439 neudr., weder manns- noch weibspersonen Weise kl. leute 119, sowie die sing.: von mans- und weibsperson Gloger bei Fleming d. ged. 657 Lappenberg; mans oder weibs person W. Spangenberg gansk. 3, 158, desgleichen die umstellung: weybs (druck: weybes) odder mannesz person Luther gute werke 100 f. neudr.; weybs und mans personen Stumpf Schwyzerchr. 404ᵃ; so weibspersonen als mannspersonen Forster 7, 308. mannsperson ist gegenwort auch auszerhalb der formel: briefe d. n. lit. betr. 15, 65. häufiger ist hier jedoch mann: Montanus schwankb. 4; Gäbelkover arzneib. 32; Ayrer dramen 1, 431 Keller; Abr. a S. Clara Judas 3, 17, vereinzelt kerl Gerstenberg d. lit.-denkm. 128, 142, mannsbild Hafner lustsp. 2, 56.
5)
das von haus aus neutrale wort kann lange in günstigem sinne verwendet und durch den satzzusammenhang geadelt werden:
es scheint, als wolt es auch die welt nun bald erkennen,
dasz eine weibsperson das edelste zu nennen
Henrici ged. 2, 196;
sie besasz alle tugenden einer weibsperson Rabener werke 4, 224. durch attribute wird das wort zum körperlichen, socialen und sittlichen lob: schön Nas antip. eins u. hundert 1, 184ᵃ; hübsch Göthe I 32, 25 Weim.; fürnem Zinkgref apophth. 242; hoch Lehman flor. polit. 1, 435; adelich Zeiller handb. 2, 559; fürstlich-gekleidet Lohenstein Arm. 2, 1778ᵃ; tugendfähig Neumark fortg. lustw. 2, 25; christlich Schmidt rockenphil. 1, (a) 5; fromm Jung-Stilling 6, 294. bis in neueste zeit brauchen Östreicher das wort ohne tadel: es war eine weibsperson, die sang Grillparzer 13, 241; die anzeig hat eine ehrbar weibsperson erstattet Handel-Mazzetti Jesse 2, 19. der böse sinn, zu dem beide bestandtheile hindrängen, stellt sich auf verschiedenen wegen ein. schon die weiber, von denen vor gericht die rede ist, sind nicht die besten: die weibs-personen hätten auch gesaget, dasz die schüler sie oben und unten begriffen Thomasius ernsth. ged. 2, 46. auch auszerhalb der rechtssprache erscheint das wort gern im zusammenhang sexueller erörterungen, weil es stets die erwachsene bezeichnet, und das schadet ihm weiter:
was mag ich doch mit ir begohn,
dieweil wir beyd seind weibsperson
Wickram 8, 40 Bolte;
ich als eine schwache weibespersohn
der liebe nicht wiederstehen kan
Venusgärtlein 105 neudr.;
die weibspersonen haben sie genothzüchtiget Chemnitz schwed. krieg 79, 2; eine zwar kluge, doch ertzgeile weibesperson Amaranthes frauenz.-lex. 117. im bösen sinn kommt es früh dem entsprechenden von dirne nahe: auff das damit auch die dirnen und weibs personen hinfurt sich hüeten fur dem heimlichen beschlaffen Luther 30 iii 220 Weim.; dasz aus den haarlocken der verbuhlten weibes-personen feurige schlangen herfür ... kriechen wohlgepl. priester 57; weibs-person, die garstige örter besuchet bordelière Rondeau 708ᶜ; (die hochstapler) führen weibspersonen ... bei sich Jahn 1, 65. attribute stützen diesen sinn: geil Fleming t. soldat 37 § 3: unzüchtig Miller pred. 1, 68; schlecht briefw. dreier fr. 1, 232; gemein Nicolai reise 1, 133; liederlich Knigge roman m. leb. 3, 216; Voss antisymb. 1, 207; vogelfrei Laube 5, 265. neben dem vorwurf der zuchtlosigkeit heftet sich an das wort der der hoffart Prätorius anthr. plut. 1, 280; unredlichkeit Grimmelshausen vogeln. 2, 352 Keller; des aberglaubens Schmidt rockenphil. 1, (a) 3; der dummheit Liscow samml. 246; Gottsched crit. dichtk. 127; häszlichkeit Deinhardstein dram. 5, 7; frechheit Hebbel I 1, 307. der gefühlston kann sich bis zum ingrimm steigern: er hätte ... die beiden weibspersonen da erdrosseln können Raabe Horacker 124, in scheinbar würdevollem gebrauch wirkt das wort als schneidender hohn:
welch ein kühnes bild, wie würdig eines wesens auf dem thron!
welch ein zarter wunsch von dieser königlichen weibsperson!
Platen 2, 371 Hempel.
Zitationshilfe
„weibsperson“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weibsperson>, abgerufen am 21.02.2019.

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