weichling m
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 526, Z. 61
mhd. weichelinc Lexer 3, 737, nnl. weekeling Kramer (1759) 2, 571. wie dümm-, finster-, klüg-, wüst-, zärtling aus adj. und -ling zur bez. einer person und mit verächtlichem sinn, den bereits Schottel haubtspr. 95 § 44 bemerkt und den Ramler einl. in die schönen wiss. 4 ³ 364 aus der demin. bed. des suffixes erklärt. zuerst beim Meissner:
her Weichelinc, ir sît ein man mit wîbes muot
minnesinger 3, 90 ᵃ v. d. Hagen,
der ersonnene eigenname angelehnt an die vielen patronymen bildungen auf -ing. unabhängig davon tritt das wort 250 jahre später bei Luther 7, 405. 8, 14. 10 i 1, 299. 19, 556. 558 Weim. und schon im 16./17. jahrh. im ganzen sprachgebiet auf: Fischart ehzuchtb. 241 Hauffen; W. Spangenberg ausg. dicht. 231; Xylander Polybius 169; Franck chron. Germ. 24ᵃ; Guarinonius grewel d. verw. 854; Ayrer 3, 2052 Keller; Lohenstein Ibr., lobschr. E 5ᵃ; Zinkgref auserl. ged. 64 neudr.; Prätorius anthr. plut. 1, 267; Rotmann rest. 85 neudr.; Bucholtz Herkuliskus 29. seit 1540 regelmäszig in den wb. n: Alberus 83ᵇ; Maaler 487ᶜ; Reyher thes. o 4ᵇ; Stieler 2472; Dentzler (1697) 2, 345ᵇ. seitdem schriftsprachl. allgemein beliebt, von Adelung, der wol das alter der bildung überschätzt, als gutes altes wort empfohlen, sicher nicht, weil das wort zu seiner zeit veraltet war, wie Max Müller wortkritik und sprachbereicherung in Adelungs wb. (1903) 73 meint, auch nicht durch ihn neubelebt, sondern stets lebendig. wenn im 19. jahrh. weichling seltener geworden ist, so liegt das am aufkommen moderner lieblingswörter. wir würden statt:
der weichling flieht den geilen scherz,
wird karg und nennt sich fromm und klüger
Schwabe belust. 2, 102
vom alternden lebemann sprechen, statt: er machte den weichling in der academie Schiller briefe 2, 95 Jonas vom blasierten jüngling. auch sentimental und empfindsam haben dem weichling ein theil seines alten gebiets abgenommen: ich bin kein solcher weichling, und man glaube nur nicht, dasz es mich reuen werde, so sehr auch andere darüber klagen Zend. a Zendoriis t. wintern. 489. echter mundart scheint weichling fremd geblieben; waiΧlen Martin-Lienhart 2, 783ᵇ spiegelt nur die städt. halbmundart von Colmar.
1)
im objectiven bereich bleibt weichling als naturwiss. name. so nennt Muralt eidg. lustg. (1715) 16 die baumwipfel: turiones, der jahrwachs, sind die gipfel oder oberste dolder, welche jedes jahr in ihrer zärte aufwachsen und gleichsam die wäichlinge sind. festgeworden ist weichling als name der pflanze mollugo Linn., die nach Adelung ihrer weichen blätter wegen so heiszt; haariger weichling und vier weitere arten Dietrich vollst. lex. d. gärtnerei 6, 231 f. mollugo meint wol:
die traurenden (pflanzen) nahten der stäte
bald, wo die welkende (rose) lag.
grübling (omphalandria) eilte voran, und mit erzitterndem
blatte
folgte weichling von fern
Klopstock oden 2, 111,
doch könnte auch die orchidee malaxis gemeint sein, die neben weichkraut (s. d.) auch weichling heiszt: wovon sie jene namen führt, leuchtet nicht ein Grassmann pflanzenn. 224. eine pfirsichart nennt weichling Oken allg. nat.-gesch. 3, 2063, den gartenlaubvogel Naumann nat.-gesch. der vögel 2 ii 547.
2)
nach dem vorbild des griech. euphemismus μαλακός gibt Luther dem worte die bed. 'onanist': lasset euch nicht verführen, weder die hurer, noch die abgöttischen, noch die ehebrecher, noch die weichlingen, noch die knabenschender 1. Kor. 6, 9, ein versuch, der auszer in citaten des Lutherworts (Ambach vom zusaufen F 2ᵃ; Friederich saufteufel B 2ᵇ; Musculus theatr. diab. 1, 108ᵃ; Albertinus Lucifers königr. 132 Liliencron; Dannhawer cat.-milch 6, 187) und in Tellers vollst. darst. d. d. sprache in Luthers bibelübers. 1, 167 auch bei selbst. schriftstellern nachklingt: (sünde ist) so yummant ein weecklinck ys, unde yn sick gebrant woert offte durch den slaep sick verunreiniget Rotmann rest. 78 neudr.;
die weichling, sodomitisch knaben
von dem altar die narung haben
Z. Müntzer bepstl. gesch. (1566) 220;
von stummen sündern und weichlingen J. Ellinger hexencoppel (1629) 47; Rädlein 1, 1040.
3)
in allen andern fällen ist weichling subjectiver tadel des mannes. der versuch, das wort begriffsmäszig von zärtling abzugrenzen (Weigand wb. d. d. synonymen 3 ² 1106) ist miszlungen. die beiden können sich vollständig decken und sind, wo sie gemeinsam auftreten, nicht fähig, einander zu ergänzen: (die pfaffen sind) von frawen art ... sind rechte zärtling und weichling Fischart binenk. (1588) 261ᵇ. wol aber zeigen eigene farbe die attribute, die unserm wort gegeben werden. es sind: forchtsam, verzagt Moscherosch ges. 2, 96; unwehrbar Lohenstein Arm. 2, 1192ᵇ; elend neuestes a. d. anm. gelehrsamk. 4, 765; feig 7, 108; schnöd Brawe Brutus 5, 3; verwöhnt Lessing 1, 266; müszig Wieland I 3, 7; weibisch Lucian 2, 44; entnervt Herder 19, 290; krank 23, 93; empfindsam Schiller 3, 524; verzärtelt Engel 3, 64; verführerisch Athenäum 2, 237; glückverzogen J. Frey ges. dicht. 128. diese reihe verfeinert sich durch 200 jahre, dagegen bleiben die synonyma, neben die weichling gestellt erscheint, stets gleich grob: wendehut Schütz theatr. diab. 2, 260ᵇ; epicurer Ringwaldt laut. warh. 21; memmen Hollonius somn. 71 neudr.; weibische leute Harsdörffer t. secr. 2, 687; bauchdiener Leipz. aventurier 1, 6; stutzer Petrasch lustsp. 1, 18; elender wicht Voss Od. 9, 515; faulpelz Jahn 2, 419; schwelger Immermann 1, 19 Hempel; mädchenjäger 16, 381; feinthuer G. Keller 1, 140; schleicher Frenssen Hilligenlei 562. die gegenworte, die neben weichling gestellt werden, sind held J. A. Ebert episteln 171; mann Bürger 256ᵇ Bohtz; besieger Sonnenfels 4, 306; waghals Baggesen 1, 199; märtyrer O. Ludwig 5, 442. bezeichnend für den begriff ist endlich: ich wollte nur ... einen weichling, nicht bösewicht H. Beck verirrung ohne laster (1793) vorr.
a)
positiv wird der weichling aus seinen neigungen charakterisiert. er führt ein verweichlichtes leben: ich kenne 80 jährige personen, die in wetter und nebel ... ihre zeiten zugebracht ... da hergegen solche weichlinge ... kaum das 40. bis 50. jahr erreichet haben Ettner unw. doctor 440, lebt im luxus:
den weichling drücken leere stunden:
die ruhe flieht sein marmorn haus
Uz 112 neudr.,
pflegt kostspielige liebhabereien:
ein weichling, dessen amt viel grobe laster deckt,
und dessen witz und geld in theuren bänden steckt
Günther 419,
putzt sich: am leibe aber zierten sie sich mit allerhand farben, deswegen sie Apulejus auch weichlinge betitult Gottsched beytr. z. crit. hist. 7, 94, iszt gern gut:
was Alexanders schwert den Persern abgepocht,
das wünscht ein weichling sich für seinen leib und magen
Hanke ged. 1 (1731) 417,
sitzt und liegt weich: fünf reiter sprengen das thal herauf! die weichlinge mit dem kissen auf den rossen Klopstock 8, 75;
ein weichling, der auf daunen ruht
Pfeffel poet. vers. 4, 151,
schläft in den tag hinein:
wann weichlinge noch nichts vom tage wähnen
Mastalier ged. 2, 5,
ist weich in jeder lebensäuszerung:
sein (des kriegers) rauher handschlag war mir theurer,
als des weichlings sammtner händedruck
Schubart s. ged. 2, 316,
liebt wein und weib:
ein weichling, der am weiberkusz
und wein sich nur ergötzet
Arndt lieder f. Teutsche 92,
und wird darüber zum weiberknecht: were offt besser er were man im hausz, nit ein solcher weichling Petrarca trostb. 60ᵇ; Omphale, bey welcher Herkules die rolle eines helden in die rolle eines weichlings verwandelte Lessing 6, 176;
er ist ein weichling, ist ein weiberknecht
Platen 2, 234 Hempel.
von hier aus verinnerlicht sich die charakteristik, greift über auf gefühlsleben, nam. auf überfeinertes gefühl und sentimentalität: er ist ein weichling ... Julius hat die weichlichkeit zuerst in unser haus eingeführt Leisewitz Julius v. Tarent 18, 8 neudr.; wir sind weichlinge und halten das für überschweres unglück, was ein mädchen ... ohne murren trägt J. M. Miller briefw. dreier akad. fr. 1, 384; ich bin kein weichling, der sich gefühle vorlügt Stifter 1, 61. damit ist der punkt erreicht, an dem die charakteristik des weichlings ins negative umschlägt.
b)
auch die charakteristik nach negativen wesenszügen kann wider vom äuszerlichen ausgehen. der weichling ist körperlicher anstrengung feind: darumb werden sie nicht müszige, faule bäpst und weichlinge gewesen sein Nigrinus pap. inquis. 35; dem weichlinge (sind) leibesübungen eine marter Bode Montaigne 2, 258, er scheut rauhe wege:
macht ich die strasze wild und unbekannt
dem weichling
Herder 29, 606,
ist unfähig schmerzen zu dulden: ein weichling wird an der peinlichen frage sich eines mords schuldig geben, welchen er nicht gethan hat Harsdörffer frauenz.-gespr. 8, 591; entspr. Schiller 12, 213, kälte verträgt er nicht: ein übelgekleidter bettler ward in winterzeit von einem erfrornen weichling gefragt: warumb jhn nit friere? der antwortet: dieweil ich alle meine kleider anhabe Zinkgref apophth. 274; von da Lehman flor. pol. 4, 19; weichlingen ... miszfällt die offene brust (der kindertracht) allg. d. biblioth. 72, 174. er ist untüchtig zum kampf:
da hätt' ich ihn erschlagen,
floh mich der weichling nicht
Kretschmann 1, 83;
weichlinge kriechen ins kloster Göthe I 39, 70 Weim.; welch ein unterschied zwischen den söhnen der wüste und den persischen weichlingen Droysen gesch. Alexanders 318. dabei kann sich der gedanke an weichen swv. einstellen:
ha, feige memme! weichling! armer ritter
(th. 8, 1055)
aus milchgetränktem brod mit eigelb
Raupach kom. 1, 182,
er ist untüchtig auch zum kampf der meinungen: der weichling ... ist auch für offene, kräftige polemik zu abgespannt Schelling I 8, 134. er hat keinen muth, ist also feig in gefahr seines lebens:
ja, weichling! seufze nur! dein seufzen ist zu spät,
da der gefaszte schlusz nun einmal feste steht
Pitschel Darius 4, 8;
er (der mann) schreitet fest, wenn feig der weichling bebt
Seume ged. 75,
zumal im kriege:
ich spotte dieser weichlinge! wir haben
sie vor uns her gescheucht in zwanzig schlachten
Schiller 13, 326,
aber auch schon im kampf der worte: wan ein solcher weychling gegen niemand seine meynung und die warheit mit ernst und mannlich reden darff Moscherosch ges. 2, 96, und in seinen gedanken:
der stolze weichling denkt sich sterblich und erzittert
Uz 267 neudr.
er ist als schwacher charakter nicht fest gegen versuchung: er sey kein weichling der geschenck nemme Ayrer hist. proc. 662, kann nicht keusch leben:
weichlinge brennt der keuschheit nessel zwar
Lohenstein Agr. 19,
ist als weltmensch ohne glauben:
der freygeist, der sich lernt, und mehr als andre denket,
der weichling, dem ein gott zu nah zur straffe scheint,
sind, aus verschiednem grund, doch wider gott vereint
Haller vers. schweiz. ged. 63,
und seelisch nicht widerstandsfähig: ich bin kein weichling, aber ich bin noch schwach von der krankheit Frenssen Hilligenlei 604, nicht durch vererbung und erziehung gestählt:
geh nun selbst es vollendend, und zeige dem kommenden enkel,
dasz dich zum weichling nicht zeugt ein entartet geschlecht
W. v. Humboldt 1, 383.
Zitationshilfe
„weichling“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weichling>, abgerufen am 22.11.2019.

Weitere Informationen …