Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geweilt, gewilt, participiales adjectiv

geweilt, gewilt, participiales adjectiv
zu weilen, wîlen, velare, vgl. Graff 1, 895 (wîlôn); mhd. wb. 3, 671ᵃ; Lexer 3, 887. das wort ist in bezug auf die einschleierung der gottesbräute gebraucht und erscheint schon in den Monseeer glossen zum africanischen konzil. velata, giwilotiu; non velata, ungiwilotiu. Steinmeyer-Sievers 2, 122; ein magt solt also blug und also schämig sin das si keinen man mit vollen ougen niemer solt an gesehen und sunderlich ein gewiloti magt diu solt iren wil alwegent vor irem antlüt haben das man si ouch kum möchti angesehen. altdeutsche predigten s. 203 Wackernagel;
dî clôster gar vorbrunnen;
der reinen clôsternunnen,
dî gote wârin kûsch gewîlt.
Jeroschin 26, 538;
es ist och gedinget, alle die wil, daʒ Agnes Frigelin lebet, du och ein gewiltù frowe ist, in dem vorgenanten unserm closter. urk. von 1356 aus dem kloster Lichtenthal, vgl. zsch. gesch. d. Oberrheins 8, 208, ebenso 219. 356. 439; so haben wir alle gemeinlichen gelobet ... daʒ wir durch deheinreleige sach willen, fruntschafft noch gunste, keine pfründe sollen geben in deheine wise, die wil unsere ein und funfczig gewilter frowen sint, mit sölicher bescheidenheit, wenne ein gewilte frowe oder me sterbent, daʒ gotte lange wende, so mogen wir also vil pfründen geben, als denne frouwen abegangen sint, die ouch gewilte frowen werden söllent, also daʒ wir alle zit bliben an der zal einer und funfzig gewilter frouwen. 345. ebenso 219. 353; der erwirdig vatter fünng an den frauen zue erzellen sein fürnemen und die päpstlicher gehorsame, das er nemlich solte abforderen 8 geweilet frauen, der namen in der obedients von dem päpstlichen stul geschriben sein. chron. d. Bickenklosters zu Villingen 24 Glatz; so mag die leischwester mit kochen, schüsslen weschen, fegen und andere werck eben als vil verdienen als die gewilte schwester (die eingekleidete nonne). Geiler christl. bilg. 189ᵃ, geweilte closter-frau, sanctimonialis. vocab. von 1482, vgl. Frisch 2, 434ᶜ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1906), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 5455, Z. 19.

weilen, weilens, conj.

weilen(s), conj.
s. weil conj. sp. 763.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 814, Z. 9.

weilen1, v.

¹weilen, v.
ahd. wîlôn Graff 4, 1227, mhd. wîlen Grimm gr. 1, 956; mhd. wb. 3, 671; Lexer 3, 887 f., got. ƕeilan Feist 152ᵃ, anord. hvíla Fritzner 2, 138 f., schwed. hvila, dän. hvile, afries. hwîla Richthofen 836, mengl. hwîlen Stratman 360, mnd. wîlen Schiller-Lübben 5, 715, nnl. wijlen Franck-Wijk 795ᵃ. die etymologie ist schon 1737 klar: weilen 'quiescere, morari', Suecis hwyla, utrumque a subst. weil 'quies, mora' Wachter 1851.
äuszere wortgeschichte. neben dem stets häufigen fem. weile (s. d.) ist das verb zu allen zeiten möglich. es wird früh gebucht: morari/ harten (lies: harren) vel wilen voc. rer. (1420) bei Diefenbach gloss. 367ᶜ; Stieler 2475, bleibt aber im gebrauch merklich zurück: de monicke ... wîlen nummermêr unde halent unde dregent sunder underlaet in disput. to Oldersum (1526) 31; haben wir solche (zeitung) mit eigenem bohten anzufugen nicht weilen wollen Butschky hd. kanz. (1659) 617;
nun weile nicht ferners, hellglänzender flusz
Treuer d. Dädalus (1675) 1, 148.
zudem sind zus.-setzungen (got. ana-, gaƕeilan, mengl. ʒehwîlen, nhd. verweilen) häufiger als einf. weilen. von insgesammt 300 belegen gehören nur 7 der zeit vor 1700 an, 129 dem 18. jahrh., 164 der zeit nach 1800. in aufnahme gebracht ist das wort durch Klopstock seit etwa 1755:
der himmlische Joseph
weilete noch um sein grab zu Sichem
Messias 11, 405;
noch komt sie nicht die sonne, gottes gesendete,
noch weilt sie die lebensgeberin
oden 2, 50; entspr. 1, 144; 2, 126.
unter Klopstocks einflusz verwenden es Denis lieder Sineds (1772) 52; J. A. Cramer 1 (1781) 15; J. A. Schlegel verm. ged. 2 (1788) 164, danach bei allen klassikern auszer Lessing und Wieland:
mensch, geniesze dein leben, als müssest morgen du weggehn;
schone dein leben, als ob ewig du weiletest hier
Herder 26, 14; entspr. 5, 560; 25, 367; 26, 248; 27, 36;
o weile!
weil' ich doch so gern wo du weilest
Göthe I 14, 232 (Faust v. 4479 f.); entspr. I 1, 87; 89; 121; I 5, 31; 9, 30 Weim.;
alle menschen werden brüder,
wo dein sanfter flügel weilt
Schiller 4, 351 G.; entspr. 12, 421; 14, 54.
seitdem allg. in gehobener rede, kaum je in den mundarten: wylen Stalder 2, 443; wəilə Fischer schwäb. 6, 602; wiele Hönig Köln. 201ᵇ. landschaftliche sonderart gewinnt kaum einflusz auf das wort. in Herderss vers:
es stand die sonn', es weilete
der mond in Ajalons thal
12, 166 S.
liegt keine alterthümelnde nachahmung der bibelsprache, denn diese kennt das wort nicht. irrig ist die bemerkung Adelungs 5 (1786) 136, weilen als simplex sei veraltet. Heynatz antibarb. 2 (1797) 621 und Campe 5 (1811) 645ᵃ weisen das zurück, doch haben weder sie noch Burdach (verh. d. 37. philol.-vers. 177) oder Köster (Schönaichs neol. wb. 478) erkannt, dasz weilen zu den verben gehört, die die barden u. s. w. für sonst häufigeres compositum setzen, wie Klopstock hellen für erhellen, Haller löschen für verlöschen, Bodmer quetschen für zerquetschen, der junge Göthe decken, reichen, teilen für bedecken, erreichen, zuteilen usw.
innere wortgeschichte.
I.
bedeutung. als ableitung von weile 'zeitstrecke' hat weilen die allg. grundbed. 'zeit zubringen': Heyne 3 (1895) 1353, und die besondere 'sich eine zeitlang an e. ort aufhalten': Täubel buchdruckerk. (1805) anh. 19.
A.
von diesen grundbed. aus entwickeln sich besonderheiten.
1)
objektiv bed. weilen 'innehalten':
(Tasso) geht
dann wieder schneller auf uns los und weilt
schon wieder
Göthe I 10, 120 Weim.,
'warten':
lang' weilt des himmels rache,
doch ewig weilt sie nicht
maler Müller 2 (1811) 335,
'ausbleiben':
sind meine helden wohl gesund?
sie weilen allzu lange
Uhland ged.² 352.
2)
subjectiv gefärbt sind die bed. 'säumen, zaudern, zögern':
und warum weil' ich, ihn wieder zu suchen?
Klopstock Messias 9, 448 (so 1755; 1760: verweil');
du bist unrettbar, weilst du noch
Zach. Werner Luther (1807) 132;
nicht weilen wird der könig, euch zu sehn
Müllner dram. 4, 5.
in seltner ausnahme stellt sich das verb zu langweile: bey seinen übrigen verdiensten um die akustik könnte er zu hause sitzen, lange weilen und darben Göthe IV 16, 197 Weim. vgl. th. 6, 173.
B.
gegenworte und synonyme heben in dichterischer sprache die grundbed. schärfer heraus.
1)
am beliebtesten ist wie beim subst. (sp. 806 f.) die bindung mit eilen:
wenn der rasche lose knabe,
der sonst wild und feurig eilt,
oft bei einer kleinen gabe
unter leichten spielen weilt
Göthe I 2, 119 Weim.;
seitdem nun möcht' ich nicht mit wachsen eilen,
weil unkraut schieszt, und süsze blumen weilen
(because sweet flowers are slow, and weeds make hast)
Shakespeare 9, 85.
demnächst wechseln gegenworte wie sich entfernen, fortgehen, (fort)schreiten: hier liesz er mich weilen, entfernte sich Göthe I 25, 44 Weim.;
fort Schwede!
du weilst schon viel zu lang
Grabbe 1, 37 Bl.;
man sieht ihn schreiten, weilen nun und lauern —
dann heben seinen fusz, und weiter gehn
Grillparzer 1, 181 Sauer;
drum schreite fort, anstatt zu weilen
Hebbel I 6, 415.
ein entgegengesetzter begriff kann wirksam sein, auch ohne ausgesprochen zu werden:
's ist hohe nachtzeit! — weilt bis morgen hier,
und pflegt der ruh'
Zach. Werner söhne des thals 1, 285.
2)
in versen steht weilen gern neben wechselnden synonymen:
die fiedel stockt, der tänzer weilt
Göthe I 14, 54 Weim. (Faust v. 1017);
geht ihr zur ruh, ich bleibe noch und weile
hier an dem korb
Rückert 3 (1867) 184;
wo weilt sie denn, was zögert sie?
Strachwitz ged. (1850) 306.
C.
aus der bahn geworfen wird das verb, wenn es (der grundbed. entgegen) ein object erhält.
1)
transitiven gebrauch bucht zuerst Campe 5 (1811) 645ᵃ, eingeführt hat ihn 1752 Klopstock:
und dasz die wahl dich nicht weile, sondr' ich
nur erhabne dir aus!
Messias 7, 572 (1760: verweile);
der lenz im thal
weilt dich
oden 1, 111; entspr. 205.
ihm folgen die grafen Stolberg:
sonne, du säumst:
weilen dich kühlende wogen des meeres?
1, 87; entspr. 11, 116; 371,
ebenso Voss:
so auch weilete mich die Aeoerin Kirke voll arglist
Od. (1821) 9, 31.
mit E. M. Arndt schr. an seine l. D. 1 (1845) 227 ist dieses weilen 'aufhalten, fesseln' ausgestorben. es wird zu 'verzögern', wo zum acc. der sache ein dat. der person tritt:
mit dem entschuldigen weilest du
mir die süsze begierde
Overbeck verm. ged. (1794) 190.
2)
der reflexive gebrauch ist ein besonderer fall dieses transitiven. Adelung 5 (1786) 136 bucht ihn: was weilen wir uns? Heynatz antibarb. 2 (1797) 621 kann ihn nicht gutheiszen, Campe 5 (1811) 645ᵃ will ihn auf verweilen beschränken. J. Grimm wendet 1812 das refl. unbedenklich an: weile dich nicht länger kl. schr. 4, 60.
3)
zusatz von dativ-object wagt gleichfalls zuerst Klopstock;
jener, der unverblüht vielleicht dem hellsten
mond' itzt weilte, vielleicht zum liede tanzte,
wird dann schnell verwandelt
oden 2, 47 M.-P.
vom gesichtseindruck braucht auch sein nachahmer Baggesen das wort:
einige blicke noch weilte der held dem reizenden anblick
1 (1836) 130.
bei eindrücken des gehörs entsteht fast die bed. 'lauschen':
weilst du der nachtigall einst? Selma, im lenz,
send' ich zu dir sie herab
Klopstock oden 2, 71 M.-P.
wo sich der eindruck durchs ohr an die seele wendet, wird weilen zu 'still halten':
nur das bild von gottes mutter
weilte ruhig meinen klagen
Brentano 3, 29.
ohne einflusz auf die grundbed. bleibt dat. ethicus:
drei sind ihrer, der theuern, die weit in der fremde mir weilen
2, 483.
II.
gebrauch.
A.
mannigfach sind die subjecte des weilens.
1)
zunächst ist ein mensch subject.
a)
meist von der körperlichen gegenwart eines menschen: dort weilen sie bei einer frau, die in zierlichen körben feines gemüse feil bietet E. Th. A. Hoffmann 14, 155 Gris.; in dieser wüsteney denke ich bis mittwoch ... zu weilen Bismarck br. an s. braut u. gattin 382. als ableitung von weile (im gegensatz zum alltagswort zeit) hat auch weilen feierlichen klang. sein eig. bereich ist darum die sprache der dichtung:
er weilt noch in den wäldern
H. v. Kleist Penthesilea v. 1706; 1710;
zurück!
wer wagt es da zu küssen, wo ich weile?
Grabbe 2, 34 Bl.;
liebe, da du unter rosen weiltest,
o wie flog die zeit dahin
Rückert ges. ged. 4 (1837) 417.
in prosa hat es eine stelle bei feierlichem anlasz: man verabredete, dasz fortwährend jemand bei der toten weilen und ich die erste wache halten sollte G. Keller 2, 76 ; entspr. 1, 253. es steht von hochgestellten menschen: als Tiberius auf Capri weilte Peschel völkerkde. (1874) 138; ein mal weilten zwei könige zugleich am hofe des hochmeisters Treitschke hist. u. pol. aufs. 2, 30; letztere bat die königin noch einen tag zu weilen A. v. Arnim 2, 293 Grimm; (da der graf) zur zeit in München weile Pückler briefw. 3, 244, vom aufenthalt an heiligen, nicht irdischen, nicht alltäglichen orten: sie, die schüchtern auf des tempels schwelle weilet Klinger 2, 173; weile dann bei der asche deines vaters Kerner bilderbuch 42; zog er ... durch die regionen der unterwelt und weilte da Musaeus volksm. 1, 6 Hempel;
hat das erbarmen leitend dich geführt
zu dieser grüfte unterird'schem trauern?
du weilst ja lindernd gern, wo leiden sind
Droste-Hülshoff 2, 246 Sch.
als edlerer ausdruck steht weilen für 'sitzen':
gefühlvoll weilt sie bald am traulichen klavier
Gotter 1, 308,
'sich setzen':
hier lasz uns weilen auf dem rasensitze
Arnim 8, 345,
'dastehen':
ich musz so glauben, denn immer
weilest du noch, wie gebannt
Mörike 1, 121 Göschen,
'stehen bleiben':
da faszt's ihn freudig, dasz er weilen musz
Droste-Hülshoff 2, 238 Sch.,
'bleiben': so weile denn bei uns, so lange es dir gefällt J. J. Engel 1, 298, 'halten':
ha, Vacherie — hier weilt der zug
Droste-Hülshoff 2, 89 Sch.,
'sich zeit nehmen':
und wenn zu rasch gewesen
der muntre zögling, sprach die mutter: weile!
Immermann 15, 57 Hempel,
'sich aufhalten':
doch weilt er nicht bei der bettlerschaar,
herauf zum saal er blickt
Uhland ged. 1, 259.
auch im wechsel mit leben hat weilen den edleren klang: (sie sträubte sich) die stelle zu verlassen, wo in jüngster zeit noch der geliebte geweilt und sie in neuer hoffnung gelebt hatte G. Keller 2, 228. der edle ausdruck kann, in bewusztem gegensatz zu unedlem thun gesetzt, komisch wirken:
'weilt der jude noch
hier in Arkadiens schäferlichem paradies?'
'er geht umher und handelt alte schachteln ein'
Platen 2, 288 R.
b)
früh auch von wissensch. versenkung: wir weilen bei der betrachtung des schönen, weil diese betrachtung sich selbst stärkt Kant 7 (1839) 66 Hart.; so sieht man doch, wenn man an diesen göttergeburten selbst weilt Schubart leben 1 (1806) 201; (wer) mit stolz auf den längst vergangenen geschlechtern weilt, ist vor allen andern berufen die vaterländische sitte, sprache und art zu lieben E. M. Arndt schr. an seine l. D. 2, 106. statt der körperlichkeit steht hier der sinn des menschen als subject: (der staatsmann) der ganz in dem handelnden leben weilt Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 91. er erreicht die auszenwelt durch blick und auge:
sein auge weilt auf dieser erde kaum
Göthe I 10, 111 Weim.;
nur an einem schönen sterne
weilt mit liebe noch der blick
Schiller 11, 207 G.;
dem einen war es gleichsam bedürfnisz, mit dem blick auf den quälenden partieen der geschichte zu weilen Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 4. vom sinnenden blicken kann das schwergewicht auf das eindringliche beobachten verlegt werden: oft wenn ich drauszen herumging, weilte mein blick am horizont Hölderlin 2, 42 Litzm.;
wo die formen vernachten
weilt hinstarrend der lange blick
Salis ged. (1793) 39;
das auge weilt
auf edlen formen
Platen 2, 89 R.;
duft und klang und vogelflug,
balsam, wo die blicke weilen,
und doch alles nicht genug,
um — ein krankes volk zu heilen
Herwegh ged. e. lebend. (1843) 8.
bes. deutlich ist das der fall, wo blicke blicken begegnen:
dein blick, der stets von mir sich abgewendet,
ich sah ihn heut auf meinen blicken weilen
Platen 1, 650 R.;
dann kreuzten seine blicke die des reisenden. sie weilten ineinander Zahn Indergand 5.
2)
dem edlen klang des worts entspricht es gut, dasz oft übermenschliche wesen subject des weilens sind, götter, halbgötter, heilige oder die geister verstorbener:
wenn der rasche lose knabe (Amor) ...
oft bei einer kleinen gabe
unter leichten spielen weilt
Göthe I 22, 193 Weim.;
dasz sie (Ceres) hier vertraulich weile,
ist kein obdach ihr gewährt
Schiller 11, 293 G.;
Hymen! wo weilst du?
H. v. Kleist Penth. v. 1740/42;
Brynhildis: keine rune knüpfend ...,
wollt' ich weilen am geweb'
Fouqué held d. nordens 1, 107;
wo weilt der fromme siedler dieser kluft?
Droste-Hülshoff 1, 194 Sch.;
ihr geist soll, wie die sagen gehn,
in dieser kirche weilen
Hölty ged. 34 Halm.
den gottheiten gesellen sich die göttlich gedachten himmelslichter, sonne, mond, sterne und abendröthe:
hohe sonne, du weilst und du beschauest dein Rom
Göthe I 1, 254 Weim.;
die sonne strahlt am ersten hier,
am längsten weilet sie bei mir
Uhland ged. 1, 12;
auf dem teich, dem regungslosen,
weilt des mondes holder glanz
Lenau ged. 1 (1857) 35;
sieh, wie schon die goldnen sterne
aus dem dunklen himmel keimen ...
möchten sie im blauen strome,
tief in seinem bette weilen
Tieck 1, 336;
süszer duftet die flur und kühler bauchet der abend;
nur ein welkendes roth weilt am azurenen west
grafen Stolberg 1, 14.
im dichterischen bild selbst die nacht:
weil' auf mir, du dunkles auge,
übe deine ganze macht,
ernste, milde, träumerische,
unergründlich süsze nacht!
Lenau ged. 1 (1857) 25.
3)
so wird unkörperliches zum subject des weilens. ein schall kann es sein:
hier, entwafnetes lied, weil' in des milden sterns
angebetetem licht
Stägemann kriegsges. 67.
auch ein unausgesprochenes wort: der grausame spruch, der auf den lippen dieser männer weilet Klinger 1, 332, eine zeitstrecke:
weilet, o weilet, ihr seligen stunden!
Göthe I 11, 279 Weim.;
ich höre die stunden ziehen
trüben gesichts:
sie kommen, weilen, fliehen —
und ändern nichts
Geibel 1, 174,
vor allem aber ein abstractum:
o rache, rache weile noch!
J. M. Miller ged. (1783) 126;
holder friede, süsze eintracht,
weilet, weilet
freundlich über dieser stadt!
Schiller 11, 316;
hier, freyheit, blüht dein mütterlicher boden,
hier weilest du
Matthisson 1 (1825) 89.
gern werden dabei die abstracta als allegorische gestalten gedacht:
bettler werden fürstenbrüder,
wo dein (der freude) sanfter flügel weilt
Schiller 4, 1 G.;
unschuld ... weilt im nestchen unterm gipfel
R. Z. Becker mild. liederbuch 40;
(ich, die poesie) habe an den schönen ufern des Ganges und des Ohio geweilt A. W. Schlegel Athenäum 1, 18.
4)
selten ist demgegenüber eine körperliche sache subject des weilens:
er wagts die urne wegzuheben,
die kaum in seinen händen weilt ...
Pfeffel poet. vers. 2, 156;
zog mein lederbeutelchen hervor, in welchem das kümmerliche reisegeldchen weilte G. Keller 3, 162. am ehesten noch, wenn sie eigene bewegung hat:
o weile, strom, weile, lasz auf den höhn
mich Oesterreichs goldene trauben sehn!
Blumauer ged. (1782) 8,
zumal als thier: lerchen weilten in den furchen der sommerfrucht Holtei erz. schr. 21, 6; das eselchen sagte: hier wollen wir weilen Grimm märchen 2, 277.
B.
der formengebrauch des verbs ist eintönig.
1)
präsens und indicativ überwiegen, schon das prät. tritt zurück, perfect und plusquamperf. sind geradezu selten: unbegreiflich, wo er so lange geweilt Pückler briefw. 6, 290; (das königthum, das) auf einer scholle erde mit ihnen geweilt hatte Droysen gesch. Alexanders 347. futurformen sind kaum je belegt: die werden hier nicht lange weilen Kotzebue 2 (1827) 52.
2)
häufig ist der imperativ:
o stehe still, du eilender gedanken ...
o weile, sieh, ich kann nicht weiter wanken
Brentano 5, 283,
namentlich negiert:
weilt nicht auf der niedern stufe,
die ich längst schon überstieg
Göthe I 3, 347 Weim.
früh stellt sich hier wider die bed. 'zaudern, zögern' ein:
weile nicht, in helle
flammen die lodernde glut zu fachen
Denis lieder Sineds 172;
nur weile nicht, bis man die wachen stellt
Shakespeare Romeo 3, 3;
o lasz uns fliehen, komm und weile nicht
Schiller 14, 88 G.,
die jedoch bei umschreibung mit hilfsverben nicht zu belegen ist:
ihr dürft nicht weilen, wo die ruhe wohnt
Schiller 14, 424;
er darf nicht
in dem unglückshause weilen
Müllner dram. 1 (1828) 60.
hier kommt doppelte negation vor:
keiner darf sich da nicht weilen
volksl. d. bayer. heeres 117 Ditfurth.
conj. adhortat. ist selten:
dasz keiner auf den raub
jetzt falle! keiner hinten weil', auf dasz
er reichlicher beladen kehr' ins schiff
Bürger 170ᵃ Bohtz.
3)
im gebrauch des part. präs., das eine gewisse rolle spielt, kehrt die mannigfaltigkeit der subjecte wider. zumeist ist es ein mensch:
welche reise habt ihr schon vollendet,
seit ich weilend in dem arm der liebsten
eurer und der mitternacht vergessen?
Göthe I 2, 108 Weim.;
die angst der noch in der stube weilenden stieg O. Ludwig 2, 178; die bei ihnen weilenden Germanen Mommsen röm. gesch. 5, 128, gelegentlich sein blick:
still und hehr ... betrachtest du
das vergangene, weilendes blickes
Salis ged. (1793) 1,
mehrfach eine zeitstrecke: die weilenden abendstunden Musäus volksm. 4, 119 Hempel; die weilenden tage Overbeck verm. ged. (1794) 190, selten eine sache: flüchtig weilende flocken wirbelten dahin Viebig kreuz im Venn 29, am ehesten noch ein thier: dasz die gesellschaft von den auf dem gipfel weilenden gemsen überrannt worden sei H. v. Barth Kalkalpen 192.
4)
der subst. inf. begegnet auffallend oft in negativen wendungen: so ist hier kein weilen mehr Bürger 313ᵃ Bohtz;
den dieben frommt kein langes weilen
Pfeffel poet. vers. 1, 30.
formelhaft ohne weilen: Wh. Müller 1 (1837) 377; Tieck 1 (1828) 355; Gries Bojardos verl. Rol. 1 (1835) 9; Heine 2, 203 E., sonder weilen: Droste-Hülshoff 2, 83. 205 Sch.; S. Brunner erz. 1 (1864) 129. auch der gen. ist hier möglich: hier ist kein weilens Z. Werner kreuz a. d. Ostsee (1806) 102; deines weilens ist nicht länger hier Alexis f. Wald. 1, 141. für den positiven gebrauch ist bestimmend geworden:
und hohler und hohler hört mans heulen,
und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem weilen
Schiller 11, 222 G.
auch weiterhin stets mit attribut: kleinste 13, 62; träg Hölderlin 1, 33 Litzm.
C.
syntaktisch treten einige besonderheiten auf.
1)
als ausdruck allgemeiner art eignet sich weilen gut zum gebrauch in der frage: warum muszt du auf der welt weilen? Fr. L. Jahn 2, 870. in aller regel wird nach dem ort des weilens gefragt: wo weilt ihr jetzt in der nacht? maler Müller 1 (1811) 84; wo weilt sie, die glückliche, die er erwählen ... wird? Ebner-Eschenbach 4, 266, mit wo auch: Immermann 2, 105 Hempel; Heine 1, 87; Geibel 1, 50 Cotta. gern ist die frage negiert: weilst du nicht an gottes thron? Mozart bei O. Jahn 4, 334.
2)
in 11% aller fälle iritt weilen negiert auf. schon bei imp., inf. und frage ist die neigung zur negation hervorgetreten, sie wird sichtbar auch in allem sonstigen wortgebrauch:
keine der kleinen sich haschenden wellen
weilet und höret mein lied
Denis lieder Sineds 198;
auch auf der erde, so fest sie ruht
auf den ewigen alten säulen,
wanket das glück und will nicht weilen
Schiller 14, 50 G.;
weilst du nicht, was kann es frommen!
Platen 1, 33 Redlich.
3)
näher bestimmt wird die handlung auf drei weisen.
a)
adverbien bestimmen die art des weilens: fröhlich Schiller 11, 36; selig B. v. Arnim Günderode 1, 50; entzückt Mörike 1, 219 Göschen; behaglich Holtei erz. schr. 3, 104; müszig Schiller 15 i 17; träge Rückert 2 (1867) 526. schon diese farbigen bestimmungen nähern sich der einer dauer des weilens, die gemeinhin vollzogen wird durch lange: Schubart ästh. d. tonkunst 231; Bürger 108 Bohtz; Pfeffel pros. vers. 9, 173; J. G. Jacobi 4 (1807) 63; Ayrenhoff 2 (1814) 166, länger: Göthe I 4, 198 Weim.; J. Grimm kl. schr. 2, 4; Holtei erz. schr. 1, 50, allzulang: Göthe I 5, 76 Weim.
b)
nicht allzuoft übernimmt es ein acc. der zeit, die dauer des weilens zu bestimmen: einige jahre Grimm d. sagen 2 (1891) 22; einige zeit Ebner-Eschenbach 1, 140; viele tage Kortum Jobsiade 3, 41; ganze tage Ch. v. Schmid 17, 20; tagelang Stifter 1 (1901) 214; stunden lang O. Ludwig 1, 249; ein stündchen E. M. Arndt 1 (1892) 156; einen augenblick B. v. Arnim Günderode 1, 321; ein wenig Hölderlin 2, 118 Litzm.; etwas Tieck 1 (1828) 331; Steffens was ich erlebte 8, 361.
c)
zu gleichem zweck stellen sich mehrfach präp. fügungen ein: auf ganze stunden Schubart briefe 1, 40 Strausz; seit zehn jahren Ebner-Eschenbach 4, 41. öfter bestimmen diese den ort des weilens: auf dem hügel Tieck 1, 27; bei den ruinen Raimund 1, 4 Glossy; auf der hohen schule G. Keller 3, 28; in Basel Schnitzler gr. kakadu 20; in der unendlichkeit Pückler briefw. 1, 301.
D.
im sprichwort steht weilen schon 1653: auf rath weil, zur that eil Zinkgräf t. apophth. 2, 18. 3, 344. es lebt auf im 19. jahrh.: Görres 3, 1. sprichwörtlich klingt auch: ungereimt, dasz wir eilen reich und weilen, selig zu werden Scherz-Oberlin (1784) 1971.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 807, Z. 48.

weilen2

²weilen
swv. 'mit dem nonnenschleier einkleiden, dem himml. bräutigam antrauen', ahd. wîlôn Graff 1, 795, mhd. wîlen mhd. wb. 3, 671ᵃ; Lexer 3, 887, im 16. jahrh. abgestorben. neben lat. vēlāre 'verschleiern', it. velare, span. port. velar 'trauen' (Meyer-Lübke rom. etym. wb. 9179) selbständige deutsche bildung zu weil m. f. 'nonnenschleier', o. sp. 760 f. dort einige belege. von früh an richtig aufgefaszt in den wbb.: Diefenbach gloss. 609ᵃ; Kramer t.-it. 2, 1296ᵃ; Frisch 2, 434; Campe 5, 645; Schmeller 2, 887; H. Fischer 3, 616; 6, 602. 605 mit weiteren nachweisen. das häufige part. prät. th. 4 i 3, 5455. auszerdem spielt nur der inf. eine rolle: man sie muͦst wîlen vor dem zît E. Stagel leben der schwestern zu Töss 101, 29 Vetter; liesz er sy weylen tzuͦ dem dienste gottes A. v. Eyb sp. d. sitten (1511) T 5ᵃ; die closterfrauwen soll man nit weilen oder weihen vor viertzig jaren S. Franck chron. zeitb. (1531) 359ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 813, Z. 70.

weilen, weilens, conj.

weilen(s), conj.
s. weil conj. sp. 763.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 814, Z. 9.

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Zitationshilfe
„weilen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weilen>, abgerufen am 24.11.2020.

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