Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geweint, participiales adjectiv

geweint, participiales adjectiv
zu weinen (s. d.). ungewöhnlich ist die attributive function (vgl. verweint):
— ich aber wanderte und wanderte —
es blieb die sonne hinter mir zurück,
und nur ein paarmal merkt' ich, dasz sie trübe,
fast wie ein roth geweintes mutterauge,
mir durch die nebel nachsah.
Grabbe (don Juan u. Faust 1, 2) 2, 19 Grisebach.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1906), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 5456, Z. 51.

wein, m.

wein, m.
got. wein Feist 313, ahd. wîn Graff 1, 886, asächs. wîn Heyne Hel.⁴ 387, anord. vín Fritzner 3, 949, ags. wín Bosworth-Toller 1230ᵇ, anl. wîn Franck-Wijk 795ᵃ, afries. wîn Richthofen 1151. auf den jüngeren sprachstufen überall vorhanden. gemeingerm. entlehnung aus lat. vīnum: Kluge in Pauls grundr.² 1, 416, das auch in allen rom. sprachen fortlebt: rum. vin, it. vino, engad. friaul. franz. vin, prov. kat. vi, span. vino, port. vinho. aus dem germ. ist finn. viina (jetzt 'branntwein') entlehnt: Karsten idg. forsch. 26, 249. urheimat des weinstocks sind die west- und südhänge des Kaukasus am Schwarzen Meer, nur hier bringt er ohne kultur edle früchte: Candolle urspr. d. kulturpfl. 236. der wein heiszt georg. gwino, mingrel. gwini, lasisch gini, aus pontischen sprachen ging das wort ins semitische über: äth. arab. sabäisch wain, phön. jain, hebr. jajîn. die Syro-Arabo-Phöniker haben wort und sache kennen gelernt, nachdem sich vor 4000 v. Chr. die Babylonier und Assyrer von ihnen getrennt hatten, während sie selbst noch vereinigt fortwanderten: Hommel zs. d. morgenl. ges. 43, 653 ff. in Ägypten ist weinkultur seit 3500 v. Chr. nachzuweisen: Hoops waldb. 559. aus pontisch *voino- ist das wort auch in idg. sprachen gelangt: armen. gini, alb. vēnɛ, gr. Ϝοῖνος, lat. vīnum: Schrader sprachvgl. u. urgesch. 2, 255. hier ist anlehnung an den idg. verbalstamm u̯ēi̯ 'winden' möglich, namentlich drängt sich beziehung zwischen lat. vītis 'weinranke' und viēre 'sich ranken' auf: Walde (1910) 835. 839. 843, die doch schon darum sekundär ist, weil das wort in seiner pont. heimath den berauschenden trank, nicht die rankende rebe bezeichnet. aus Italien haben röm. händler in frühgeschichtl. zeit wort und sache dem nördl. Europa zugeführt: ahd. koufôn 'kaufen' ist entwickelt aus lat. caupo 'händler mit wein', der weinbau selbst folgte, soweit röm. herrschaft fusz faszte: ahd. winzuril beruht auf lat. vinitor, windemôn auf vindemiae, most auf mustum, ebenso spiegelt sich südl. weinkultur in den lehnwörtern essich, kelch, keller, kelter, kufe, lauer, pfahl, pflücken, presse, spund, torkel, trichter, wümmet, weiteres bei E. Ochs zs. f. d. ma. 1920, 168. mit air. fín, kymr. gwin, asl. vino, lit. vỹnas sind darum auch got. wein und ahd. wîn als entlehnung aus dem lat. zu betrachten, obgleich lautliche beweise dafür fehlen: Schrader reallex. (1901) 943 ff. von einer germ. bez. des weins vor berührung mit den Römern fehlt jede spur.
grammatisches.
1)
die entlehnung gehört zu der lat. lehnschicht des urgerm. und beginnt schon im 1. jahrh. v. Chr. lat. v hat germ. w ergeben wie in weiher, weiler, wall, pfau, nicht f wie in den jüngeren lehnwörtern vers, vesper, veilchen, pferd, käfig, brief. älteste zeugen für rechtsrhein. weinbau sind stücke von weintrauben in e. brunnen der Saalburg aus dem 2. oder 3. jahrh.: Jacobi Römerkastell Saalburg 549. seither ist das wort gleichmäszig über das ganze deutsche sprachgebiet verbreitet. von insgesammt 1550 belegen gehören 211 dem mittelalter an, 298 dem 16., 339 dem 17., 273 dem 18., 344 dem 19. jahrh., 85 der zeit nach 1900. bemerkenswerth ist der überstarke antheil des 17. jahrh. gerade an diesem wort. über seine formen in lebenden mundarten unterrichten Wrede anz. f. d. alt. 19, 279 ff., im schwäb. H. Fischer 6, 605, im ostfränk. Heilig Taubergr. § 228, 1, im vogtl. Gerbet § 4, 1. 8, 1. 262, 7ᵃ, im mfränk. Hönig 202ᵃ.
2)
wein wird stets stark flectiert, schwach ein einziges mal um 1300:
spîse wart im dar getragen.
geschenket klârer wîne (: megetîne)
Virginal 575, 8 Zupitza.
3)
das genus war bei der entlehnung neutr. und ist es in got. wein, ags. wín, afries. wîn, schwed. dän. vin geblieben. zwischen masc. und neutr. schwankt asächs. wîn, ahd. wîn ist (wie essich) masc. geworden offenbar unter dem einflusz der sprache Frankreichs, die das neutr. früh verloren hat: Heyne nahrungsw. 357. dasz auch im frühesten ahd. neutr. gegolten hat, lehren fügungen mit adj. wie roseum vinum/rôt wîn, aminium/wîʒ wîn ahd. glossen 3, 155, 16. 23, die später als zus.-setzungen empfunden werden. lebende mundart hat gelegentl. neutr. neu eingeführt, wol nach dem vorbild von wasser: Hertel Salz. 50. zur bez. der unbestimmten menge steht wein ohne artikel:
wyn machet usz eym wysen man,
das er die narrenkapp streifft an
Brant narr. 16, 25;
und dir, trincker, sagt Salomon:
wer wein lieb hat, der werd nit reich
H. Sachs 3, 50, 12 K.;
in einer weile wurde von einem andern wein ... gebracht Stifter 3, 203, so nam. im sprichwort: wann wein ingeht, so geht witz ausz S. Franck sprichw. 1, 29ᵃ. artikellosigkeit würde heutiger sprachgebrauch vorziehen auch wo die alte zeit bestimmten artikel setzt:
nun schencket ein den külen wein
und last uns alle frölich sein
H. Sachs fab. 364, 103 ndr.,
nam. in übersetzungen: da begab sich, dasz die junge frölich geselschafft ... wol mit dem wein besteubt waren Carbach Livius (1551) 423ᵃ;
alsbald man darauff schencket ein
in guldine geschirr den wein
Spreng Ilias 35ᵇ.
verloren gegangen ist uns auch die alte weise, in zweigliedriger formel allein das zweite subst. mit best. artikel auszustatten:
ich sage iu, lieben süne mîn,
iu enwahset korn noch der wîn
Spervogel minnes. frühl. 25, 14;
er gab im willigklichen
sein speisz und auch den weyn
lied v. hürn. Seyfr. 50 neudr.;
soldaten und der wein, wo die zu gaste kummen
Logau 104 Eitner;
bei mir zu hause hat man trauben und den wein bei der quelle Hippel lebensl. 1, 17. unbestimmter artikel vor wein bezeichnet eine nicht näher bestimmte mengeneinheit, ein fasz, glas, schoppen, viertel: sie weisen, das ein keller mit den nachbaurn an s. Jacobs tag einen wein legen mugen weist. 6, 58;
bring ir offtmals ein külen wein,
mit bitt, sie wöll gedencken dein
Scheidt Grob. 3692 ndr.;
kompt! wir wöllen dran gieszn ein wein
H. Sachs 9, 94, 25 K.;
so hab ich auch noch selten ... ein wein ohne gleger ... gefunden Abr. a S. Clara merks Wien 84. in mundartlicher sprache nam. des südens ist dieser gebrauch bis heute möglich: frag sie und sag gleich, sie soll einen wein 'rüberschicken Auerbach n. leben 1, 91; ein' wein bringen s' uns halt ... und a eistorten Nestroy 2, 37. schriftsprachlich kann das bestimmte masz mit dieser aufgenommen werden: nimm diesen wein Arnim 1, 4.
4)
der gen. partit. steht in alter sprache nach mhd. regel bei bestimmungen des maszes und der menge:
si nam zwei hundirt brôte dô
und wînis zwêne zubir vol
Rudolf v. Ems weltchr. 25299 Ehrismann;
ein tropfe wassers in eime grossen vasse Tauler pred. 33, 25 Vetter; der einen tropphin waʒʒeris guʒe in vil wînis, der forlusit varwe, geruch und gesmac Eckhardt Rube bei Strauch, parad. animae 56, 21; item 30 m. deme kompthur zu Grudencz vor 2 leste wyns Marienb. tresslerb. 69, 20 Joachim; 1426 ... wart als vil weins in Francken ... in der stat gab man ein eimer weins umb 3 groschen städtechron. 2, 15; bistu voll wyns? Terenz deutsch (1499) 67ᵃ;
seyt wir am nächsten wasen vol,
was weyns wir össten, waistu wol
Schwarzenberg Cicero (1535) 144ᵇ;
da er des weins tranck, ward er truncken 1. Mos. 9, 21; neben eim kännlin gutes reinischen weins Fischart binenk. (1588) A 4ᵃ. seit ende des 15. jahrh. weicht der alte gen. immer häufiger accusativischer vorstellung:
ich gelaub, ier seyt al vol wein
altd. passionssp. 241 Wackernell;
zuͦ vil wyn schweiz. schausp. 3, 45 Bächtold; zwo masz win Vadian v. alt. und neuen gott 50 ndr.; als wenn einer in eim schrecken ein glas wein zubricht Luthers tischr. 1, 367 Weim.;
(wir wollen) der lurtz spielen in dem bret.
das soll gelten ein becher wein
H. Sachs 6, 141 12 K.;
in dreiszig fasz wein Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 157; ein paar kannen wein vom Rheine Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. 1 (1657) 253; liesz er einen trunck wein holen Schupp (1663) 22; ein halb fuder wein zur competens Grimmelshausen 2, 358 Keller;
gebt ihr aus des reichen haus
nicht ein wenig wein heraus?
Prätorius winterfl. 187.
weiterhin ist diese fügung allgemeine regel, auch bei klassikern (Göthe I 8, 10. 9, 44. 21, 57. IV 8, 56 Weim.; Schiller 1, 161, 3, 364 G.) und mustergültigen schriftstellern der nachklass. zeit: Harry Arnim vertrug wenig wein Bismarck ged. 2, 189. aber in gehobener sprache bevorzugen diese den gen.: in der fröhlichkeit des herzens genosz man des leidlichen weins ... in starkem masze Göthe I 22, 16 Weim.;
es schenkte der Böhme des perlenden weins
Schiller 11, 382 G.;
dem erzeuger jetzt, dem groszen,
gieszt Neoptolem des weins
11, 393.
sie kommen damit dem wunsch der theoretiker entgegen, die gen. part. fordern: trinke ein wenig weins Gottsched d. sprachkunst (1748) 348. einflusz solcher vorschriften ist nam. in alterthümelnden und formstrengen versen zu erkennen:
er (Anakreon) sang voll weins und lust
und an der mädchen brust
Uz sämtl. poet. w. 20 lit.-denkm.;
ihm gab ich des funkelnden weines von neuem
Voss Od. 9, 360;
drei tage focht ich ohne trunk, lasz reichen einen becher weins!
Platen 1, 9 Hempel; entspr. 1, 608.
die alltagssprache weicht schon längst lieber in umschreibung des gen. durch präp. fügung aus:
bringen sechs groszer krüg mit wein
H. Sachs 21, 20, 13 K.-G.;
ein glasz mit wein Fischart Garg. 10 ndr.; ein alte masz vom besten wein griech. dramen 2, 146 Dähnhardt; einen becher mit wein Schiller 12, 552 G.; eine flasche mit wein Polenz Grabenhäger 2, 249.
5)
knapp ein dreiszigstel aller gebrauchsweisen von wein entfällt auf die anwendung in präp. formeln. dabei bleiben fügungen wie:
wann es kumt auf den abend spat,
dasz der man vom weine gat
Uhlands volksl. 755
vereinzelt, und auch solche wie:
dem glücklichen Strophil verflieszen
die stunden unter wein und küssen
Pfeffel poet. vers. 1, 16
spielen keine wesentliche rolle. die hauptzahl entfällt auf fügung mit zu, hinter, bei.
a)
am ältesten und häufigsten ist die formel mit zu:
beidiu spât unde fruo
ist er gern in den steten
zem wîn, zen guoten meten
Seifrid Helbling 7, 832.
hier allein kommt der alterthümliche artikellose gebrauch zu einiger entfaltung: wer da barthen edir andere mortwaffen tregt czu byere eder czu wyne, dye sal eyn wert von eme neme rechtsdenkm. a. Thüringen 197 Michelsen;
'wo nun schon wieder hin?' 'zu weine!'
Lessing 1, 66 M.
überwiegend steht aber auch diese formel mit artikel, wie die andern stets. altschwäb. ist die bed. 'am wirthstisch, in der beschränkten. öffentlichkeit des gasthofs': spræch auch ieman in der stat ze dem wîn, an der strâʒʒe oder swâ er eʒ ret zornlîch urk.-b. d. st. Augsburg 1, 151 (1303); entspr. das. 152. sonst überall antwortet die formel auf die frage wohin? und entwickelt den sinn: 'ins wirthshaus': wir wöllen zuͦm wein gon, ich wil für dich zalen die ganze zech sat. u. pasq. 2, 129 Schade; die ledigen knecht alhie sollen keine langen messer, pixen oder wehr im dorf noch zum wein tragen östr. weisth. 8, 27. als frohes ziel für durstige kann das wort stark lustbetont sein:
herr Pilatt, wollauff mit uns zum wein!
altd. passionssp. 425 Wackernell.
als wichtigste zugkraft des gasthofs kann wein für diesen selbst stehen: so daʒ gedinge ein end hait, so soll der faut zu dem win gan, oder in welich hus er will weisth. 5, 597 (Limburg 1448).
b)
hinter dem wein ist häufig in den beiden ersten dritteln des 16. jahrh.:
der gemeinde redner furher trat;
mit stolzem muet ausz dorichtem rath
macht er ein hubschen leienspruch —
es war weder garn noch tuch,
niemand wist was es solt sein,
dann gedichtet hinderm wein
hist. volksl. 3, 125 (Schweinfurt 1513);
sich selbs hinderm weyn loben Frisius dict. (1556) 206ᵇ. die formel sieht die zecher und ihr menschenthum hinter der kanne untertauchen, sie brandmarkt die ungehemmte verantwortungslosigkeit des stammgasts: so sey er auch ein groszer zutrinker, der hinter dem wein viel leut beschädigen und städel abbrennen wollt Th. v. Absberg 293 Baader, seine verhocktheit: bin deszhalben nit anheims hinder dem wein gelegenn, sonder hab eyn zeit lang vast alle züg in teutschen und welschen landen gesuͦcht Solms auszug ... e. bau anzustellen (Köln 1556) b 1ᵃ, vor allem aber seine redewuth: ir könnt all wol hinder dem wyn reden, aber hie will sich keiner regen Zwingli d. schr. 1, 124 Schuler; von dem glauben nit frevenlich hinder dem wein zuͦ disputieren sat. u. pasq. 3, 156 Schade. so gelangt hinter dem wein sprichwörtlich zur bed. 'nicht nüchtern': alle ire anschleg berathschlagen sie hinder dem wein ... morgens widersprechen sie es, wissen nicht drumb, da ist es 'der zeit schuldt gewesen' und 'hinder dem wein geschehen' S. Franck t. chron. (1539) 6ᵇ; was hinder dem wein geredt, das gilt nit ders. sprichw. 1 (1545) 35ᵃ.
c)
bei dem wein findet sich nicht vor 1520: der pfaff ist vber ain myll weg bey dem wyn Eberlin 1, 187 ndr., nicht nach 1873: beim wein geht die zunge auf stelzen Binder s. 211 nr. 4012;
beim wein wird mancher freund gemacht,
beim weinen auf die prob' gebracht
das. nr. 4013.
sinn der formel ist wider vorwiegend 'im wirthshaus': westlich von China liegt ein ... land, wo ... der jurist ... einen groszen theil der nacht beim wein ... zubringt Lichtenberg nachl. 11, 13, wobei der ton wechselnd auf der gelähmten kritik, dem hadernden geschwätz, der vernachlässigten häuslichkeit ruhen kann:
sorg nicht was da zucht halb gezimpt,
beim wein man alls für guͦt auffnimpt
Scheidt Grob. 3697 ndr.;
wer ist unvertreglich,
gern zancket und hadert teglich
beim wein, vor rath und vor gericht
H. Sachs fab. 2, 498 ndr.;
guter gesell bey dem wein, ist ein böser kinder vatter Lehman floril. pol. 3 (1662) 135. die thörichte rederei der zecher tritt in stärksten gegensatz zur inspirierten sprache der bibel: hatt sant Paul villicht bim win geredt zuͦ denen von Ephesijs am ersten capitel, do er spricht ... Vadian Karsthans 115, 16 Burckhardt.
6)
der dativ (ahd. mhd. wîne) verliert sein -e zuerst im obd. des 15. jahrh.: ain fläschlin mit win Richental chron. d. Konst. konz. 77 lit. ver. dichter wechseln damals schon nach versbedarf:
ich will nit zu dem weine gen
fastnachtsp. 1, 450, 5 Keller;
der siebent ee drei tag zum wein würd laufen
das. 2, 700, 11.
weiterhin fehlt -e bei Oberdeutschen regelmäszig: Arigo decam. 163, 26 Keller;
ich armes brüderlein
wie sitz ich hie beim wein,
verzer also das mein
Uhlands volksl. 595;
Scheidt Grob. v. 61 ndr.; Spreng Aeneis 44ᵇ; Ilias 10ᵇ; Moscherosch ins. cura 61 ndr.; ges. 1 (1650) 15, während es bei Mittel- und Norddeutschen zu stehen pflegt:
der wilde Thracier der zanket sich bei weine
Fleming 204 lit. ver.;
ein becher mit weine Lohenstein Arm. 1 (1689) 17ᵃ; einen ... topf mit weine Schnabel insel Felsenb. 106 lit.-denkm.; bey dem weine Stoppe Parn. (1735) 229; zu weine führen Lessing 2, 79 M.; wenn ich ... unsere feste mit frölichem weine begehe Ramler einl. in d. sch. wiss. 1 (1758) 377; am weine hieng sein herz Herder 3, 276 S.; Hippel lebensl. 3 ii 371; Bahrdt gesch. s. lebens 1 (1790) 82; J. G. Jacobi 1 (1807) 3; Klinger 3, 75; Langbein 31, 158. von da gelangen theoretiker dazu, -e zu fordern, dat. weine ist z. b. bei H. Braun orth.-gramm. wb. (1793) 257ᵇ die einzige statthafte form. darum stellen Oberdeutsche gegen ihre mundart -e wider her: herr ... kam alle tage in die rose ... theils zum tische, theils zum weine Schubart leben 1 (1791) 174;
mach dir das herz im weine flott
Lenau ged. 1 (1857) 211;
auf dem tische standen ... schalen mit südlichem weine G. Keller 6, 42. Mitteldeutsche können -e nach versbedarf fehlen lassen:
jedoch am ende fehlt's an wein
Göthe I 15, 13 Weim. (Faust 4861).
7)
ganz vereinzelt bleibt der vocativ:
man mag, o wein! dich immerhin
dem röm'schen frauenzimmer wehren
Hagedorn vers. 34 v. 302 lit.-denkm.
8)
wein steht, wie alle stoffnamen, vorwiegend im sing., auch zur kennzeichnung einer mehrzahl verschiedener sorten: und wurden ... auff desz keysers taffel 36 essen auffgesetzt, darnach auff aller graven etc. disch 24 essen und fünfferley wein Moscherosch ges. 2, 384. kaum 1⁄24 aller belege braucht hierzu den plural. dabei reicht der pluralgebrauch vom 14. bis ins 20. jahrh.: Isidorus spricht: die wein, die man auʒ korn und auʒ gersten macht, sint niht zimleich Megenberg b. d. nat. 352, 8 Pf.: vom ungelt und einlegen der wein Nürnb. gesetz v. 1397 bei Siebenkees mat. zur Nürnb. gesch. 3 (1794) 222; entspr. das. 226 u. ö.; man entschädigte sich hier für seine auf dem kontorbock seszhaft verbrachten tage nicht nur mit schweren weinen Th. Mann Buddenbr. 1, 395; vgl. 386. der plur. findet sich bei vorbildlichen schriftstellern: dieser mangel an wein ist den eigentlichen Alpen eigen, dann die nächsten thäler zeugen oft die stärksten weine Haller ged. 30 Hirzel; dem herrn Stiletti für austern und italienische weine Lessing 2, 142 M.; diese weine glitschen herrlich Schiller 3, 19 G.; in ihren weinen sind sie unerschöpflich Lichtenberg briefe 1, 11; in wandschränken ... fanden sich zurückgelegte vorräthe hochwerthiger weine Bismarck ged. 1, 251. so auch in versen:
ein echter deutscher mann mag keinen Franzen leiden,
doch ihre weine trinkt er gern
Göthe I 14, 109 Weim. (Faust 2273);
mit weinen von Burgund, die mir der arzt verbot,
musz ich die kehlen ihrer lober waschen
Schiller 6, 30 G.;
goldfrüchte, süsze weine, bunte vögel
Uhland ged.² 188.
dennoch behält der plur. stets geschäftsmäszig nüchternen klang, und Wustmanns tadel (sprachdummh. 1912, s. 337) trifft seine überspannung mit recht. dieser geschmack haftet ihm an von seinem ursprung in der sprache städtischer u. a. gesetze: ob nit wein würden im land von miswachs wegen weisth. 6, 82 (1396); zunft derer die mit winen umb geen 1401 K. Bücher bevölk. v. Frankfurt 1, 83; als ettliche ... ire wyne uber den Hattenberg füren Schlettst. stadtr. 1, 354 (1460) Gény; entspr. das. 392; die würt sollen alle yere wein unvermischt ... schencken Durlacher wirtsordn. v. 1536 zs. f. gesch. d. Oberrheins 14, 43. von da wandert der plur. in die geschäfts- und techn. sprache: wern die win noch vorhanden, so solle er uwern gnaden geben ... wern aber die win verkaufft, so solle er uwern gnaden andern keuffen privatbr. d. mittelalt. 1, 58 Steinh.; in heiszen orten wachssen die beste wein Sebiz feldbau (1579) 10; gehen in der Christnacht die wein in den vässern über Hohberg georg. cur. 3 (1715) 263ᵇ; gute alte weine ... welche ... zu verkauffen stehen Cassel. ztg. 1731 s. 27; indessen gibt es in diesen gegenden selten jahrgänge, die trinkbare weine liefern, und es sind nie weine von vorzüglicher güte n. rhein. conv.-lex. 12 (1830) 166; man spricht bisweilen von weltweinen — weinen, die man überall trifft Zobeltitz d. wein (1901) 82ᵃ. früh und oft in übersetzungen: in mit guͦten starken weinen labten Arigo decam. 77 Keller; ein art von weinen Hulsius 2 (1618) 324ᵇ; gute etc. weine im keller haben, mit weinen handeln Kramer t.-it. dict. 2 (1702) 1299ᵃ, doch setzt sich beim guten übersetzer die deutsche weise auch gegen das fremde vorbild durch: dant animos vina Ovid. der wyn bringt muͦt Frisius dict. (1556) 95ᵇ. gelegentlich wird der plur. gegen den sing. ausgespielt: ob sie nit mögen auch einen frembden wein oder zween versuchen Faustbuch (1589) 96 Fritz;
und tranken
aus gold'nen bechern weine — nicht nur wein
Bauernfeld ges. schr. 1, 165.
auch eigene bedeutungen können entwickelt werden, wie 'schoppen': sich selbs vollzusawffens und zutrinckens, es sei zu halben noch gantzen weinen, gemeszen noch ungemeszen Wibel hohenloh. kirchen- und ref.-hist. 3, 293 (1528), 'einkauf von wein': so oft ein würth ausz den weinen kombt württ. ländl. rechtsqu. 2, 602 (1614); soll kein würth kein vasz in die wein fiehren das. 603.
bedeutung.
1)
die bestimmung des begriffs wein bewegt sich in festen bahnen: wein ... heiszt der aus den trauben, als den früchten des weinstocks, gepresste safft, nachdem er vergohren hat, denn vor der gährung wird er most genennet. wenn er noch neu und nicht ausgelegen, heiszet er ein grüner wein, wenn er aber alt worden, ein firn-wein Chomel öc. u. phys. lex. 8 (1757) 2286; entspr. L. G. Leopold handwb. d. ökon. (1805) 525ᵃ; der wein ist ein gärungsprodukt aus dem safte der weintrauben handwb. d. staatswiss.² 7, 720; das älteste, bekannteste, am weitesten verbreitete der kummerverscheuchenden erregungsmittel ist der wein, der vergohrene saft der traube, der frucht der rebe oder des weinstocks Muspratt chemie⁴ 9 (1921) 1. das deutsche weingesetz vom 24. Mai 1901 schützt den namen: wein ist das durch alkoholische gährung aus dem safte der weintraube hergestellte getränk reichsgesetzbl. 1901 s. 175. klar ist die begriffsgrenze gegen most: den wein so im most ist, machen sye ... sauer Eppendorf Plinius (1543) 14; auf Martini schlacht man feiste schwein, und wird alda der most zu wein Prätorius saturn. (1663) 16;
's avonds most, en 's morgens wijn,
ter eere van sint Martijn
Harrebomée 2 (1861) 461ᵃ; entspr. 462ᵇ;
durch die gährung wird der most zum wein Muspratt 114. aber in alltagsrede wird die begriffsgrenze nicht ängstlich gewahrt: die trauben, da wein auszgepreszt wird Fischart binenk. (1588) 160ᵃ. das begriffsmerkmal der gährung scheidet mitunter bewuszt aus: stummer wein, den man nicht gären läszt, sondern süsz in fässern behält Schwan 3 (1787) 1022ᵇ, ja selbst der saft im weinstock und in den beeren kann schon wein genannt werden: der sudenwint ... edelt den wein in den weinreben ..., aber der nordenwint ... mêret den wein in den weinreben Megenberg b. d. natur 351 Pf.; (der weinstock) antwurt in: mag ich denn gelassen meinen wein der do frewet got und die menschen? e. d. bibel 4, 374 Kurrelm.; wer das gewisz vors ungewisz hingibt, der gelt auff wein und korn leyhet oder vor der arbeit zahlt, der gewinnt nichts Lehman flor. pol. 1 (1662) 121; entspr. 483. in aller regel bleibt aber wein 'gegohrener traubensaft', während die pflanze rebe, die frucht traube heiszt, wie noch im westobd. stets: ein traub den man yetz stampffen oder trätten wil weyn zemachen Frisius dict. (1556) 165ᵇ. so ist der wein im fasz gemeint in stellen wie:
wie siczt dw also trawriclich,
als ob dir sey der wein erfrorn?
H. Sachs fastn. 64, 65 ndr.
2)
aus anwendungen wie dieser konnte durch miszverständnis die bed. 'traube' abgeleitet werden. das führt im ostobd. schon um 1200 zu gebrauchsweisen wie:
die wîle ich weiʒ drî hove sô lobelîcher manne,
sô ist mîn wîn gelesen unde sûset wol mîn pfanne
Walther 34, 35;
in Würzburg 1350: und süllen si di vorgnanten herren ... iren wein winden uf der kaltür mon. Boica 41, 476; in Nürnberg 1462: der wein ward zeitig und dorret an den stocken ab städtechron. 10, 283. nachmals gilt die bed. 'traube' vor allem ostmd.: racemare / weyn lesen schles. voc. rer. von anf. d. 15. jahrh. bei Diefenbach gloss. 482ᵇ; seinen herbst einmachen oder wein lesen Sebiz feldbau (1579) 59; welche hennen gewonet sein, traubenbeer oder wein zu essen 102; wein essen ... den wein abschneiden Steinbach 2, 965. aber auch in anderen landschaften ohne eignen weinbau:
diz was der zît dô man den wîn
dô las und dô solte lesin
Rud. v. Ems weltchr. 19135 Ehrismann;
im fürsatz den weyn ab den räben zuläsen Stumpf Schwytzerchr. 478ᵃ; welches (hagelwetter) alle früchte ... und weyn an den reben zerschlagen das. 592ᵇ; man nam den win spat ab Tschudi chron. helv. 2, 196; es sol och nieman sinen win lesen ... es were denn, daʒ ainer in dem twing gesessen geseche, daʒ der win ze schanden und verloren wurde an sinen reben weisth. 6, 334 (Schweiz 1426); das gotshus sol och setzen einen banwart ze sant Martis tag, über win und über korn, holtz und veld das. 1, 316 (Schwarzwald);
sie rosen wil von reben,
von dörnen lesen wein
Spee trutznacht. (1649) 57;
edele reben, belastet
mit grosztraubigem wein
Voss Od. (1781) 9, 111.
weiter greift die bed. über auf das reblaub, so, von Schönaich neol. wb. 286 Köster verspottet:
selig, indem der pokal, mit wein gekrönet, herumging
Bodmer Noah 2, 589;
fand ein täubchen im ulm, dessen stamm wein umkroch
Ramler lyr. ged. 93,
schlieszlich auf die ganze rebe:
swâ diu rebe sich blümet,
dâ fliuhet das gewürme dan:
des wînes blüete mac eʒ niht gedræhen
noch gelîden
Konr. v. Würzburg lieder 32, 245 Bartsch;
an sente Walpurgis tage fru do erfrosz der win, was erusz wasz Stolle chron. 168 lit. ver.; entspr. 170 u. ö.; wie beerlein eins weins und glider eins leibs S. Franck sprüchw. 1 (1545) 1;
umb die ilme wächst der wein
Homburg Clio 1 (1642) N 5ᵃ;
sie (die hausfrau) denckt umb nach einem acker,
käufft ihn an sich, pflantzet wein
S. Dach 131 Österley;
umarmt euch wie der wein, der ulm und pfahl umschlingt
Günther ged. 541;
in festlichem schmuck schwebt, und trägt halm' in der hand,
und des weins laub die geflügelte jungfrau
Klopstock oden 1, 156 M.-P.;
die hügel am fusz der berge (bei Bozen) sind mit wein bebaut Göthe III 1, 174 Weim.; in den schlechtesten lagen, wo jetzt kein mensch mehr wein sucht Nitzsch d. stud. 130; die mit wein und laubholz besetzten berge Fontane I 4, 67. die ost- und norddeutsche herkunft dieses gebrauchs tritt auch in den wbb. hervor: Diefenbach gloss. 416ᵃ; 465ᵃ; 474ᵇ; nov. gloss. 31; 306ᵃ; Ravellus (1616) 402ᵇ; nomencl. schol. hamb. (1634) 92; Comenius jan. (1650) 37; Stieler 2476; Steinbach 2, 964 f.; Schwan 3 (1787) 1023ᵃ.
3)
wein im botan. sinn ist die gattung vitis L., die neben vitis vinifera eine ganze reihe von arten umfaszt: F. G. Dietrich vollst. lex. d. gärtn. 10 (1810) 514 ff. auch dieser gebrauch dringt in die alltagssprache: wie kann sich der abscheuliche kümmel unterstehen, sich mit seinen fünf staubfäden in eine klasse mit dem wein zu stellen? Roszmäszler mensch im spiegel d. natur 4, 37, doch spielen hier die andern vitis arten kaum eine rolle: filziger wein/vitis labrusca Holl wb. d. pflanzenn. 407ᵇ; geschlitzter wein/vitis laciniosa das. einzig der schlingstrauch vitis hederacea gelangt im 19. jahrh. bei uns zu groszer bed.: wilder wein Schlechtendal flora v. Deutschl. ⁵ 21, 249; Pritzel-Jessen 443; Meigen pflanzenn. 57; der sogenannte wilde wein aus Nordamerika bekleidet säulen und wände, rotglühend im herbste, doch keinen traubensaft spendend, wie die morgenländische schwester vom Kaukasus Hehn kulturpfl. ⁷ 512: die bezeichnung wilder wein ist daher, weil ihre blätter dem weinlaub ähnlich sehen Kanngieszer etym. der phanerog. (1908) 30. sein name ist früh gebucht: labustrum/eyn wilde win voc. ex quo von Frankfurt 1476 bei Diefenbach nov. gloss. 225ᵇ, er ist literarisch geworden: epheu und wilder wein hatte sich in den ritzen des mauerwerks eingenistet Immermann Münchh. 1 (1839) 417; ein langer bogengang von wildem weine ... führt zum sogenannten schlosz Holtei 40 jahre 1 (1843) 354; eine kleine, von wildem wein umwachsene holzlaube Fontane I 6, 14, auch in den mundarten eingebürgert: Castelli 263; H. Fischer 6, 608; unser Egerland 10 (1906) 223.
4)
von der berauschenden kraft des traubensafts leihen andere berauschende pflanzensäfte den namen wein, so vor allem der gegohrene saft der palme: geschirr ... den wein von palmen hineinzufangen Grimmelshausen Simpl. 555 ndr.; säuren ... aus dem wein der palmen G. Forster ausg. kl. schr. 75 lit.-denkm. aber auch noch unwürdigere säfte müssen wein heiszen: sechs tausend malter, die ohne mein aufschütten vielleicht zu schlechten weine verbrannt ... seyn würden, hatte ich denn zur erhaltung der armuth vorräthig Möser patr. phant. 2 (1776) 55 f.; benutzt er die säfte der holzarten ... zu zucker, wein und essig, wozu sich die abgezapften säfte ... der birken bereiten lassen Bechstein forstbot. (1821) 98; eine vorschrift zur bereitung eines guten weines aus kartoffelstärkmehl Karmarsch-Heeren 3 (1844) 607; verfertigung von wein aus gartenfrüchten das. gegen 'apfelwein' ist landschaftlich eine künstliche grenze nöthig geworden: fordert man in einem gewöhnlichen wetterauischen wirtshaus wein, so wird man gefragt, was man für wein wolle, äpfelwein ... oder guten wein ... guter wein ist traubenwein Crecelius oberhess. 901, und Schiller gesteht:
darum schaffen wir erfindend
ohne weinstock uns den wein
11, 388 G.
5)
im satzzusammenhang wird wein zu 'rausch': wann Noe der erwachte von dem wein e. d. bibel 3, 71 Kurrelm.; den weyn auszschlaaffen Frisius dict. 459ᵇ; entspr. 889ᵇ; den worten ... welche auszfallen im wein, zorn oder anderm perturbirten affect des gemüts Schupp (1663) 763. in präp. formel kann wein für 'weingenusz' stehen: nicht weisz ich, ob er zum wein gangen Montanus schwankb. 28 lit. ver.;
darinnen (in dem buch) nur allzeit studier,
wann ich beym wein sitz oder bier
Mangold markschiff (1596) E 2.
auch 'eingeschenktes glas mit wein' oder 'weinflasche' kann die genauere bed. sein: sah ichs nicht, wie sie ein paar diebische tränen in den wein fallen lies? Schiller 2, 133 G.; wo ist denn ein stoppelzieher? ... (sie versucht den wein aufzumachen) Schnitzler liebelei (1896) 43. ausnahmsweise wird eine solche gelegentliche bed. fest, z. b. 'einmalige befeuchtung mit weinlösung': (da bei der grünspanbereitung das befeuchten der kupferbleche) häufig auch mit verdünntem wein geschieht, so nennen die arbeiter eine jedesmalige feuchtung einen wein, und bedienen sich der ausdrücke: erster, zweiter, dritter usw. wein Karmarsch-Heeren 1 (1843) 955, oder 'farbe im kartenspiel': eichel, wein, herz, schelle Raumer hist. taschenb. 9 (1838) 402 ff.; wein 'grün im kartenspiel'; war z. b. wein einmal trumpffarbe, weinkönig, weinsieben etc. E. F. Friedrich Königsb. skat-tarif (1860) 5.
gebrauch.
A.
der natürliche werdegang des weins hat sich dem deutschen sprachleben tief eingeprägt.
1)
anbau und wachsthum der reben vollzieht sich vor aller augen, über die grundbedingungen ihres gedeihens weisz jeder bescheid: slehteʒ velt pringt mêr weins, aber gepirg pringt edlern wein Megenberg b. d. nat. 351, 1 Pf.; der andere warf sein auge auf eine kammer rebenlandes an vorzüglicher lage, wo auch im schlimmsten falle noch ein trinkbarer wein wuchs G. Keller 2, 96. man miszt die güte des weins an der rebsorte, von der er stammt: der wein schmeckt nach dem stock S. Franck sprichw. 1 (1545) 87ᵇ; entspr. sch. w. klugr. (1548) 161ᵃ; Binder (1873) 210; wie der stock, also der wein Lehman flor. pol. 3 (1662) 475, und an der sonnenwärme, die er genossen hat:
doch blieb der wein und honig nach,
dieweil der sonnenschein gebrach
Ringwaldt l. warheit (1597) B 2;
dazu schaff' wein, in welchem
die glut von hundert sonnen lodert
Grabbe don Juan (1824) 4, 1.
die freude am wein macht den beruf und die gestalt des winzers beliebt:
drum lebe das gelobte land,
das uns den wein erzog,
der winzer, der ihn pflanzt' und band,
der winzer lebe hoch!
Hölty ged. 190 Halm.
beobachtungen, wissen und glaube des winzers werden aufmerksam weitergegeben:
wolt ihr wissen des weines frommen,
so last den may zum ende kommen
Hohberg georg. 3 (1715) 261ᵃ;
viel schein ('rebenblüten', th. 4 i 3852; 8, 2431).
wenig wein
Binder 170.
die wirthschaftliche wichtigkeit und die stete bedrohung durch kälte und nässe verdichten sich zu dutzenden von wettersprüchen ... schon im winter vorher sucht man die güte des kommenden weinjahrs abzumessen: da lauft lauter wei na, sagen die Cannstätter betrübt, wenn um weihnachten der Neckar trüb läuft: dann gibt es wenig wein H. Fischer schwäb. wb. 6, 606. aus der berufsarbeit des winzers nehmen geistliche, sprichwort und dichter bild um bild: nû gêt der wîngarter nun schiere ûʒ und besnîdet sîn reben daʒ wilde holtz abe, wanne tete er daʒ nüt und liesse es stôn an dem guͦten holtze, sô brechte es alles sûren bösen wîn Tauler pred. 31, 24 Vetter;
der wein musz erst gekältert werden,
eh' als sein süszer safft
das trauren von uns rafft
S. Dach (1640) bei Fischer-Tümpel 3, 70;
händ, füsz hat er (Christus) gefärbet
in auszgepresztem wein
Spee trutznacht. (1649) 50;
die kelter nur erpresst den wein
Körner 1, 137 Hempel;
wer wein verlangt, der keltre reife trauben,
wer wunder hofft, der stärke seinen glauben
Göthe I 15, 21 W. (Faust v. 5055).
2)
an der kelter wird die thätigkeit des winzers durch die kellerarbeit des küfers abgelöst. er arbeitet mit ehrwürdigem geräth:
ich sage iu vom slûche
damit man abe leʒʒet den wîn,
der ist auch rinderîn
könig v. Odenwald 38, 80;
fallacra/kranch damit man wein abzieht Straszb. voc. (1515) bei Diefenbach gloss. 223ᶜ; qualus/korb zu dem wyn das. 477ᵃ; was soll ein vasz wein on ein rören, oder wem nützet es vnangestochen? sch. w. klugr. (1548) 122ᵃ. seine thätigkeit ist so vielseitig wie verantwortlich: darum musz der kellermeister den wein pflegen, d. h. abziehen vom bodensatz, schönen, auffüllen, wenn's nötig wird, verschneiden, für richtige temperatur sorgen, ihn behüten vor essigbakterien, vor kahm und allerlei fährlichkeiten Zobeltitz d. wein (1901) 17ᵇ. mit andacht verzeichnen alte wbb. die pflichten und kunstgriffe des küfers: den weyn radtsamen, in eeren halten, sorgsamen vnd in zufüllen, damit vnd er nit abstande oder verdärbe. seuberlich mit dem weyn vmbgon Frisius dict. (1556) 888; ein wein ablassen in ein ander fasz Henisch 1010, 13; dem weine einschlag geben ... verdorbenen wein wieder zurechte bringen Stieler 2476 f.; wein warten, heiszet fleiszige aufsicht auf den im keller liegenden wein haben, als: nach der farbe sehen, die mürben und alten reiffen besichtigen, die fässer fleiszig wischen und reinigen Amaranthes frauenz.-lex. 2111; wein abziehen: heiszt, den wein von dem fasse, worinnen er gegohren, auf ein anderes ziehen, damit er reiner und geistiger werde, denn er wird nach dem anziehen klaͤrer, als wenn er auf seinen hefen liegen bliebe allg. haush.-lex. 3 (1749) 684. märchen und dichtung bilden die küferkünste nach:
die männlein sorgten um den wein
und schwefelten fein
alle fässer ein ...
und gossen und panschten
und mengten und manschten
und, eh der küfer noch erwacht,
war schon der wein geschönt und fein gemacht
Kopisch.
das sprichwort nutzt sie im bild für wanderschaft und ortswechsel des menschen: wann der wein nit ist auff den ersten oder zweyten ablasz kommen, so wird er nicht flacker (th. 3, 1705) vnd gesund Lehman 1, 444. im kosten des weins grenzt die berufspflicht des küfers an die kunst des weinkenners: als dann die thun, so die wein kosten Barth weiberspiegel (1565) Q 1ᵃ; hol' mich der teufel, der versteht's, der schlürft meinen guten wein auf die zunge, wie man einen dukaten auf die goldwage legt G. Keller 5, 17.
3)
der wandel des mosts zum wein in der gährung gefährdet fasz und stoff:
die reife brestent harte schier
von starkem wîne
Thomasin w. gast 898.
einfache schutzmaszregeln sind früh geläufig: wâ gar starker wein in ainem vaʒ ist, der daʒ vaʒ zeprechen wil, dâ leg ain wênig kæss ein, sô erlischt sein überwal Megenberg b. d. nat. 352, 3 Pf. die gährung tritt unaufhaltsam ein: den wein so im most ist, machet er zuͦ seiner zeit sawer Heyden Plinius (1565) 25. schon hier knüpfen bilder und sprichwörter an: wer kann den süszen, faden most aufhalten, wenn er zu seiner zeit gekommen, dasz er zu weine wird? Görres 2, 2;
wanns stündlein kommt, hilft kein verziehn,
der wein gährt und die trauben blühn
Binder (1873) 211.
die gährung vollzieht sich im fasz: dise froͤide die ist als grôs, das si inwendig qwilt reht als ungehaben wîn, der brocht in dem vasse Tauler pred. 168, 20 Vetter. daher auch das wort: der wein wächst im fasz th. 13, 117. verursacht wird die gährung durch die hefe, diese im bild für unausgegohrene jugend: newer wein hat viel häfen Lehman 2, 895. nach der ersten klärung wird der wein von der hefe abgezogen, diese bleibt als ungenieszbarer bodensatz: dem teuffel wein, und gott die hefen — ist das recht? ... dem teufel deine gesunde blühende jugend, und gott dein hinckendes, stinckendes, lahmes ... alter Hnr. Müller erquickstunden (1686) 23;
des lebens wein ist abgezogen
und nur die hefe blieb der welt zurück
Schiller 13, 57 G.
die trennung vom wein ist nicht ohne rest möglich: vermahnung soll ohn hasz, zorn oder neyd geschehen, aber man kan keinen wein ablassen, es lauffen drusen oder hoͤfen mit Lehman 2, 816; entspr. 3, 484. darum arbeiten auch im abgezognen wein die hefen fort: guter wein hat auch ein heffen das. 1, 135; wer den wein hat getruncken, der soll auch vor gut haben, wann er auff die hefen kompt das. 1, 172. beim schaumwein (th. 8, 2372) wird die nachgährung in die flaschen verlegt, so bleibt ihm die sonst entweichende kohlensäure erhalten: Karmarsch-Heeren techn. wb. 3 (1844) 603 f.
4)
im übergang vom most zum wein steht der neue wein. der ausdruck (ags. neowe wîn Wright-W. 1, 128. 281) ist dem lat. vinum novum nachgebildet, dies wie gr. οἶνον νέον. er ist noch in der gährung begriffen (sauser th. 8, 1935), gilt für gefährlich und wirksam:
niuwen wîn
trinkent si derʒ hirne rüeret
Hadloub 20, 7;
schon fühl' ich meine kräfte höher,
schon glüh' ich wie von neuem wein
Göthe I 14, 31 W. (Faust v. 463),
ist aber gerade darum höchst beliebt:
gelaub auch, daʒ ein neuwer wein,
der lauter ist und dar zuo vein,
ist vil besser, dan der alt
Wittenweiler ring 116 Bechstein;
wir haben vormals den sauren wein
gar teur genumen an,
das wöllen wir heut pringen ein:
der süsze most, der newe wein
wirt uns gar gern eingan
Uhland volksl. 607;
demnach aber auch in diser zeit des jars nuͦn mer bey dem newen wein, den Martins nächten, königreichen, kottfleischen ... allerhand wunderbarliche tractationes ... in den gelochen ... fürbracht werden Frey gartenges. (1556) 4, 4 lit. ver. wie hier gilt er als gabe des hl. Martin (11. nov.):
wann ihr ewren namen verschenken
mit eim gebratnen gänselein,
und schenckt darzu den newen wein
W. Spangenberg ausgew. dicht. 11 Martin.
der zucker des mosts ist noch nicht vollkommen zu alkohol vergohren: newe wein seynd süsz Lehman 1, 159. aus dem zuckergehalt läszt sich auf die güte des werdenden weins schlieszen: ist der most süsz, so hofft man gute wein das. 1, 443. da aber die entwicklung vielfältig bedroht ist, rät Sir. 9, 15: ein newer freund ist ein newer wein: las in alt werden, so wird er dir wol schmecken. in lehrgedicht und sprichwort wirkt die alte weisheit lange fort:
niuwe friunde und niuwer wîn
mügen wol gelîch ein ander sîn:
alein den ougen und ouch dem hirne
vil gesünder sî der virne,
doch trinkent tôrn den niuwen gerne
durch niuwen gelust in der taberne
Hugo v. Trimberg renner 1837 lit. ver.;
wie man nun nit weysz, wie newer wein so er verjeren würdt, gerathen würdt: also weysz man nicht von einem new angenomen freund zu vrteylen, wie er sein freundschafft meynen oder enden würt. drumb spricht man: new freund, new wein S. Franck sprichw. 1 (1541) 111ᵇ; newe freund, newer wein, newe weiber: wann sie gerathen, seind sie zu loben Lehman 1, 229. — synonym steht (wie schon got. wein juggata Mark. 2, 22) junger wein, im deutschen sicher vor 1741 (th. 4 ii 2375): höre, Friedrich, der wein schmeckt zwar sehr lieblich, aber ich bekomme etwas schärfe an mir; daran ist dieser junge wein schuld Göthe gespr. 4, 11 v. Biedermann; wahrhaftig, dieser junge wein ist schon in der wiege stark wie ein gott Heyse nov. 1, 50 (anf. u. ende);
des jungen weins lebend'ge ströme lassen
sich nimmer in die alten schläuche fassen
Geibel 4, 229 (heroldsrufe).
dafür nach frz. vin verd Schwan 3 (1787) 1022ᵇ grüner wein: wenn er noch neu ist, und nicht ausgelegen hat, so heiszt er grüner wein, wenn er aber alt geworden, firnwein Jacobsson techn. wb. 4 (1784) 622ᵃ. alt ist heuriger wein: hornotinum vinum/hurig win Diefenbach gloss. 280ᵇ; ein heuriger wein, ein diszjäriger wein Güntzel (1598) 851.
5)
alter wein, der die gährung bestanden hat, gilt für zuträglich und mild: alter wein, gesunder wein Lehman 1, 12; niemand ist, der vom alten trincket, und wölte bald des newen, denn er spricht: der alte ist milder Luk. 5, 39. dem neuen gegenüber ist er berufungsinstanz: die appellatio vom newen wein zum alten hat billich statt, so noch davon im fasz ist Lehman 2, 896. die übertragung auf zuverlässigkeit und weisheit reifer menschen ist alt und geläufig: alt freund, alt wein vnd alt gelt füren den preisz in aller welt sch. w. klugr. (1548) 5ᵃ;
alter freund vnd des alten wein,
auch alter schwerdter scharffe schneid
sol man sich trösten allezeit
Eyering prov. 1 (1601) 35;
etliche wein seynd erst in alter gut, also auch die menschen Lehman 2, 895; der junge honig der liebe, der alte wein der freundschaft, beide waren ja vom schicksal in die gräber (der früh verstorbenen) gegossen Jean Paul Titan 5 (1803) 161. nähere bestimmung des alters wird nach nothwendigkeit mit zahlen gegeben:
da ain abendtrunk war berait,
auch wein von hundert virzig jar,
welchem doch groet ('graute') noch kain har
Fischart glückh. schiff 929 ndr.;
ein diszjäriger wein; ein firne wein, förniger wein, ist zweyjähriger wein; zweyfirniger wein, wein von drey jahren Güntzel (1598) 851; wein von einem jahr, zweyjähriger, dreyjähriger wein nomencl. (Hamburg 1634) 412; entspr. M. Kramer dict. 2 (1702) 1298ᵇ; ein ei einer stundt, brot eines tags. wein eines jahrs alt, ist ihre beste zeit Birlinger so sprechen die Schwaben (1868) nr. 126. die ungepflegten landweine der alten zeit wurden am besten im ersten jahr ihrer reife getrunken, darum klingt das lob des firneweins (th. 3, 1675 ff.) am höchsten: dem herrn ein maas firnischen weins, dem knecht ein maas hanauischen weins weisth. 5, 264 (Wetterau 1455); firnen wein, bretzeln drein Lehman 3, 99;
sieh, eine neue dirne!
mädel heurig und der wein firne,
und gut glück auf alle tage,
sind die speisen, die ich am besten vertrage
Brentano 7, 312.
6)
alternde weine sind vielfältigen krankheiten ausgesetzt, die im 19. jahrh. auf anwesenheit kleinster lebewesen zurückgeführt werden konnten. durch zweckmäszige erhitzung werden die bakterien und hefen, die den wein zäh machen, die schimmelpilze, die ihm mäuselgeschmack mittheilen, die insektenlarven, von denen er stopfengeschmack erhält u. s. w., vernichtet. die alte zeit wandte küferkünste an, die im günstigen fall dem wein nicht schadeten: Muspratt chemie⁴ 9 (1921) 213—231. die namen dieser weinkrankheiten (s. d.) sind seit dem 15. jahrh. reich entwickelt. vereinzelt werden sie durch verb gekennzeichnet: nim ein viertheil guten weiszen beständigen wein, der nicht brech Gäbelkover arzneib. (1595) 1, 103; wan man wein einschenket: springt er, so ist er gesund und will nit brechen, ist er aber rúwig oder reechlet, so ist zu besorgen, er welle brechen Tübinger forstlagerb. (um 1600) bei H. Fischer schwäb. wb. 6, 605 f., meist durch attribut: manubium/ain cluppert zu zehem win Diefenbach gloss. 348ᵃ; seiger, schwerer, sive zäher wein Stieler 2476; dicker, schwerer, zäher wein Schwan 3 (1787) 1022ᵇ; pendulus/weicher wein Diefenbach gloss. 422ᵇ (fehlt o. sp. 456); konichter wein Ravellus (1616) 402ᵇ; dabei klagt er, dasz die verdorbene nahrung, der kanigte wein, von denen er dort leben muszte, seine gesundheit vollends zu grunde gerichtet habe Ranke 1, 177; aufstehender wein/infirmum, exolescens Stieler 2476. widerum bieten sich menschliche und sittliche verhältnisse zum vergleich: auff guten wein wächst so wohl kahn, als auff geringen Lehman 1, 353. auf bakterien beruht auch die oxydation des alkohols luftoffener weine zu essigsäure, die zur herstellung von weinessig (s. d.) genutzt wird: Heyne nahrungswesen (1901) 378. der umgekehrte weg ist ungangbar: man kan kein essig zum wein machen Lehman 1, 117; wer guten wein haben will, musz keinen essig ins fasz schütten Kramer 2, 1298ᶜ. das sauerwerden tritt vorzugsweise bei weinen mit geringem alkoholgehalt ein: Karmarsch-Heeren techn. wb. 3 (1844) 606, die sprichwörter: gutter weyn macht gutten esszig Luther 13, 209 W.; süsser wein gibt scharpffen essig Henisch 951, entbehren insofern der naturwiss. grundlage, behaupten sich aber in der anwendung auf freundschaft oder liebe, die in hasz umschlagen: es ist kein schärffer essig, als der ausz süszem wein gemacht wird Lehman 1, 117; entspr. Chr. Weise überfl. ged. 96 ndr.; Abr. a S. Clara Judas 1 (1687) 45; Herder 23, 150 S.; Harrebomée 2, 461ᵃ. 463ᵃ. auch ein klassisches vorbild wird angezogen: acetum filius vini, filii heroum noxae Kramer 2, 1298ᶜ. im altdeutschen haushalt war das essigfasz für reste und verdorbnen wein stets zur hand: es lag nahe, ihm den leib des trinkers zu vergleichen, in dem der wein verdirbt:
lehr (das trinkglas) weidlich ausz, so wirt dir basz,
vnd schüt den wein ins essich fasz
Scheit Grob. 811 ndr.
von da die wider zum sprichwort ausgebaute vorstellung: wer viel wein trinckt, der samlet viel essig im leib Lehman 2, 780.
7)
für das aus wein und seinen trebern gebrannte destillat tritt der heutige name brantwein in den formen bernewîn, brendewîn zuerst in nd. quellen des 16. jahrh. auf: Heyne nahrungsw. 381. die sache, bei orientalischen ärzten seit dem 9. jahrh. bekannt, gelangt im 13. jahrh. in den europ. arzneischatz und tritt bei uns zuerst um 1300 auf: ez sol auch nieman kainen wein machen ('fälschen') mit alun, mit glas, mit kalcke, mit gebrantem wein Nürnb. pol.-ordn. 204. dieser name ist der einzige in wbb. des 15. jahrh.: anima vini/gebrant win Diefenbach gloss. 35ᶜ; ders., md.-böhm. wb. 28. er hält sich in prosa und versen des 16. jahrh.: niemand soll ... zum gebranden wein oder frustuck gehen mitt. f. gesch. d. Deutschen in Böhmen 44, 173; pfeffer kuchen vnd gebrander wein Lehman 3, 134, ja noch in wiss. sprache des 17. jahrh.: der gebrente wein ist ein spiritus, dieweil er (wenn er allezeit offen steht) zu einem rechten wasser wird L. Thurneisser von wassern (1612) 62. die bez. des brantweins zum teufel steht den Deutschen fest: Sathan hat ein becher vol gebranten wein, der angezündet ist B. Krüger anf. d. welt (1580) F 3ᵇ; der teufel fügt der hölle brand zum wein Gaudy 2 (1844) 17, damit zugleich seine minderwerthigkeit: die lehren dieser ... mystiker (verhalten) sich zu denen des neuen testaments, wie zum wein der weingeist Schopenhauer 1, 496 Gris. vgl. die th. 2, 305 genannten synonyma, dazu aquavit, feuer-, lebenswasser, weingeist.
B.
die wirthschaftliche wichtigkeit, die dem wein in Deutschland seit der Römerzeit zukommt, spiegelt sich in der sprachgeschichte.
1)
ganz allgemein wird der ertrag an wein zum maszstab wirthschaftlichen gedeihens genommen: wie vil würdigkeiten well wir uff sagen ... wie vil ... gelts, brots, frücht, wyn und korn Geiler bilgersch. (1512) 12ᵇ;
die erd ist fruchtbar, bringt herfür
korn, öl und most, brodt, wein und bier,
was gott gefällt
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 386ᵇ;
so schaut sie aus der luft, und Sachsen stellt sich ihr
mit aller seiner pracht und seinem segen für:
hier Meiszen reich an wein, der churkreis an getreide,
dort das gebirg an erz, Thüringens fette weide
J. E. Schlegel 4 (1766) 57.
dabei steht wein neben den unentbehrlichsten erzeugnissen des lands: der ... diese gemeine mit treide, fleisch vnd wein ... versorget Mathesius Sar. (1571) 1ᵃ;
dann sehn wir an die fruchtbarkeit
desz lands herumben weit und breyt ...
es sey getraid, obs oder wein
Mangold markschiff (1596) B 4,
zumal (wie schon hier) neben korn:
so sind ir sicher vor dem pfluͦg,
und wirt üch dennocht korn und wein
N. Manuel vom papst v. 683 Bächtold;
das beyde von koren und wein
der uberflusz bey dir musz sein
H. Sachs 1, 97 K.;
da jener yr korn und wein ist überflüssig gemeret worden Schede psalmen (1572) 26 ndr., oder frucht: wenn der leut anschläg ihren gewünschten fortgang hätten, so würde niemahls an frucht vnd wein mangel erscheinen Lehman 1, 40. an ihrem ertrag wird der segen eines jahrs gemessen:
es ist nit kurtzweylig, wie ferdt,
wann wein und draidt ist gar verdorben
H. Sachs 1, 407 K.;
der verschinen summer gar fücht und vast kalt gewesen, also dasz der win, korn und frücht miszraten warend Tschudi chron. helv. 1 (1734) 17. mit dem wein gilt der wolstand des lands als vernichtet: alles Teutschland wurde erschöpfft, mit dem vihe erösiget, der wein verwüstet, die land verhergt S. Franck chron. zeytb. (1531) 237ᵇ; doch das ander land vmb missethat willen der eynwoner ... vnfruchtbar worden ist, besunders weins halben ders., weltb. (1542) 176ᵃ. im verzicht auf irdischen wolstand darf der verzicht auf den wein nicht fehlen:
du, herr, bist nur die freude mein ...
nicht ecker, häuser, korn noch wein
Ringwaldt handb. (1586) B 4ᵇ.
beim bericht über den wolstand fremder länder tritt der wein neben deren besondere erzeugnisse: das haupterzeugnisz der colonie besteht in wein, weitzen und wolle Ritter erdk. 1 (1822) 124; durch den reichthum an wein und öl Mommsen röm. gesch. 5 (1894) 68;
flösse das land auch von milch und von wein
Rückert 1 (1867) 198.
2)
der handel mit wein spielt schon in den berichten über unsere älteste zeit eine rolle: den wein kauffen sie von iren anstöszern vnd nachpauren S. Franck chron. Germ. (1538) 6ᵃ. es ist ursprünglich und bleibt für viele gebiete dauernd einfuhrhandel auf schiffen und wagen:
mit wein der schiff vil kamen dar
Spreng Ilias (1610) 93ᵃ;
item 16 scot den wyn ken Marienburg zu furen treszlerb. (1399) 10, 26 Joachim;
kaufmännisch aufzustapeln, was
an pomeranzen senden mag Sicilien,
an fremden weinen Genua
Platen 1, 271 R.
auch der innerdeutsche weinhandel hatte mit langen fahrten zu rechnen: aus dem Schwabenlande fuhr ein fuhrman an den Rheinstrom, wein zu laden B. Hertzog schiltw. B 2; ein fuͦhrmann von Ulm hat auff ein zeyt inn das Württemberger landt in wein faren wöllen Lindener rastb. 21 lit. ver. einzelheiten dieses verkehrs treten bisweilen mit wundervoller anschaulichkeit zu tage: welicher trager, oder sust, wer der wer, der weyn von einer echse auf die andern legt, oder der darzu hülffe Nürnb. gesetz (1397) bei Siebenkees, mat. zur Nürnb. gesch. 3 (1794) 232. für rechtes masz sorgt die obrigkeit: ob einer ... wein schenkt, beducht imans, der da win holt, das die masz nicht gerecht were, und das furbringt, so mag der schultheis ... die selben masze nemen und dae mide gene unter die linden und die angiszen weisth. 6, 33 (Wertheim 1449). die verkehrsformen beginnen mit dem tauschhandel der urzeit:
etlich gar ein grosze sum
köstlicher wahren bey sich hetten
die sie an wein verstechen theten
Spreng Ilias 93ᵃ.
lange bleibt der wein der geldwirthschaft entzogen: das er dieselben reben büwen sol jars umb den halben wyn daran wachsende zs. f. gesch. d. Oberrheins 3, 286 (Sinzheim 1492), namentlich als naturalabgabe an geistliche und weltliche herren:
siben tusend kronen
und denn korn, haber, erbs und bonen,
win, höw, schwin, schaf, küe und rind
N. Manuel vom papst v. 421 Bächtold;
solle hinfüro ainem convent khain aufgestandener oder zeher, sunder aufrechter wein ... zu pfründwein geben werden, es were dann ... das ... die wein in kellern ... aufstan und zeh werden wölten und khain frischer bestendiger vorhanden würtemb. gesch.-qu. 14, 479 (1551); da der zehend an rawem wein, und getrettenentrauben ... gegeben würdt würtemb. herbstordn. (1651) 22, mit allen härten der alten fron: ich wil dir nit den weyn an der stägen ausztrincken, d. i. ich wil dich nit der frucht oder desz geniesses deines ampts berauben Frisius dict. (1556) 1034. auch beim übergang zur geldwirthschaft werden die abgaben von wein in natura erhoben: swär ein fuͦder wins verschencket, der sol im ein trinchen wins gäben. ist aber daʒ vaʒ halpfuederk, so sol man im ein sidlin wins geben Augsb. stadtb. (1276) 192 Meyer; den wein stechen 'mit dem stechheber die abgabe dem fasz entnehmen' Ulmer urk. (1317) bei Schmid schwäb. wb. 523. nachmals wird umgeld erhoben (th. 11 iii 735) unter bestimmten förmlichkeiten: welcher wihrt wein einlegt und die umbgelter nit zuvor denselbigen anschneiden oder spän ausnehmen lässt, der soll jedesmals 1 gulden zu straf geben würtemb. jbr. 1910, 101 (1549); vom weineinziehen. die würt sollen kain fasz anstechen noch wein daraus schenken noch geben, der amptman habe dann zuvor das umbgelt angeschnitten mitt. a. d. Fürstenb. archiv 2, 9 (1560). dabei wird der wein ständig theurer:
aber es ist us der win umb zwen (batzen)!
die puren lassents nit me beschen
N. Manuel vom papst v. 493 Bächtold;
es ist nicht mehr vmb die zeit, da man den wein vmb 4 pfenning auszrufft Lehman 2, 936, freilich auch die handelssitte immer höher entwickelt: dasz solch weinleihen vor anderthalb jaren (als ... wegen der ... gefrörin niemands uf wein fürstrecken wöllen), von ifg. angefangen würtemb. landtagsakten 2 ii 368 (1603). nur landschaftlich hält sich einmal ein urwüchsiger rath: von den lumpen musz man den wein kaufen Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 317.
3)
bei aller verbreitung zumal im deutschen süden und westen ist wein doch vorzugsweise ein herrengetränk, vor allem das der geistlichen und klöster:
ir pfaffen, eʒʒent hüener und trinkent wîn,
unde lânt die tiutschen ... vasten
Walther 34, 12;
nimmer so theuer, die pfaffen haben wein vnd die krähen nüsz Lehman 3, 245; entspr. Binder 133; sie sagen da ein pater noster und ein credo, trinken guten wein Gleim briefw. 1, 193 Körte; die klosterglocken ... haben dreierlei klang; die erste und kleinste läutet ganz hell: gebt wein! Riehl d. arbeit (1861) 214. der arme kennt ihn nicht: den bettlern ... erfrewrt kein wein Lehman 4, 62, der bauer und handwerker wird davor gewarnt: es kan sich einer in seinem wein auch vollsauffen das. 1, 159; s ghört keier sau e muskanuss und keim bauer e wein schwäb. sprichw. bei H. Fischer 6, 607;
der herr trink de wei,
der bauer soll's lasse sei
das.;
im sommer ist m maurer kei wein z teuer und im winter kei brot z härt das. demgegenüber verblüfft die selbstverständlichkeit, mit der die alte zeit den wein für unentbehrlich erklärt:
hât ein herre ein hôchgezît,
dâ man siben trahte gît,
dâ mac niht volliu wirtschaft sîn
âne brôt und âne wîn
Freidank 15, 18;
(fasten liesze sich derart, dasz) man doch ouch wenig tag abbruch thäte nit vom win, flaisch, milch, butter, aier vnd anderer ding, so notig sind zuͦ täglicher spysz Eberlin 1, 18 ndr.;
wirth ohne wein,
pfaffen ohn latein,
hirten ohne schwein
mögen wol kein nutz seyn
Lehman 3, 491;
ohne wein, ohne leben M. Kramer 2, 1299ᵃ. auch die weinarme Schweiz schlieszt sich hier nicht aus: lieber wollt' ich ... ohne einen tropfen wein ... an der brennenden sonne liegen Sal. Gessner 1 (1777) 100; doch bemerkte ich an dem dufte, den er zurückbrachte, dasz er sich lediglich in der kutscherstube aufgehalten und dort wohl eine knoblauchwurst nebst einem glase wein zu sich genommen haben muszte G. Keller 2, 55. in das lagerleben des 30jährigen kriegs fügt Schiller durchaus zutreffend den zug: marketenderin schenkt wein 12, 13 G. H. G. Koch läszt mit höchstem staunen fragen:
wie? speiset man bey euch zu lande nie mit weine?
samml. v. schausp. 1 (Wien 1764) 5.
die weinlose mahlzeit bekommt nach lat. prandium caninum (th. 4 ii 1937) herabsetzende namen: beym hunds imbisz trinckt man keinen wein Lehman 1, 213; mäuszmahlzeit, mahlzeit ohne wein, da man mit den gänsen trinckt Dentzler 1 (1697) 3ᵇ. vgl.Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) 216.
4)
als werthvolle handelswaare ist der wein von je der verfälschung ausgesetzt, die sich aus harmlosen anfängen immer künstlicher entwickelt hat: Heyne nahrungsw. 375; Muspratt chemie 9 (1921) 173. 223 ff. uralt ist die kunst, trüben wein mit eiweisz zu schönen:
man verbet wîn
mit den eiern
könig v. Odenwald 45, 121.
schwachen weinen wird durch einschlag (th. 3, 272) farbe und geschmack gegeben, sie werden durch schwefeln (th. 9. 2401) haltbar gemacht, durch zusatz von waidasche (th. 13, 1035) gekräftigt, durch ein gemenge von weizenmehl mit milch geklärt, mit thon gemergelt (th. 6, 2091 f.), durch eine speckschwarte im spundloch vor dem sauerwerden bewahrt:
ich main, man deht ym sunst we gnugk
mit schwebel und ausz dem milchkrugk,
senff, weidasch, eyerclar und thaen,
ân was man thut mit wasser tzwagen,
und wie sein weiter tzimpt tzu warten
mit gschmaltzen speck, mit schweinen schwarten,
mit sueszewurtz, mit glatter schmir (th. 9, 1083)
H. Folz von allem hausrat A 4ᵇ Hampe;
vor vsz loszt man den wyn nüm bliben,
grosz falscheyt duͦt man mit jm triben:
salpeter, schwebel, dottenbeyn,
weydesch, senff, milch, vil krut vnreyn,
stost man zuͤm puncten jn das fasz
Brant narrensch. 102, 13 Zarncke;
so vil menschen nymmer stürben,
liesz man ston die valschen schmirben,
die man machet in den wyn.
schwebel, hagel, dunder dryn!
ich kan den wuͦst nit allen nennen,
den die felscher daryn brennen,
das er nun die varb behalt
vnd lasz kein menschen werden alt
Murner narrenbeschw. 70, 34 ndr.;
so kan man deines (des weins) herren frumkeyt schetzen,
ob er dich gefelscht hab mit dem vetzen,
das er mit dir treibt vber jar
mit milch vnd auch mit eyer klar,
mit steinsaltz vnd auch mit sweinen swartten,
damit der kelerknecht dein musz wartten,
mit senff, mit weydaschen vnd mit tropffwurtz,
davon dein edel nymt offt vntersturtz
weinsegen, altd. blätter 1, 404;
o gott behüt den wein vor hagelstein, vnd treff den der die masz macht klein, vnd thut wassermilch, eyerklar, saltzspeck, senff, weydäschen vnd tropffwurtz drein Fischart Garg. 149 ndr.; entspr. das. 86; wein einschlag geben, heiszet ein mit schwefel, fenchel und korn-blumen angenetztes tüchlein brennend in das wein-fasz hängen, welches zu zapffen gehet, oder nicht voll gefüllet ist, wodurch es von dem kaan, moder und anlauffen verwahret wird Amaranthes frauenz.-lex. 2111. seit etwa 1370 wird das unwesen durch die gesetzgebung bekämpft: wa sich von ieman funden würde der gebranten win under andern win tete, der sol bessern 5 lib. veröffentl. a. d. stadtarch. Colmar 31; ir söllend ouch kein schädlich ding in den win duͦn als weidäschen ... und wer, das einer solichen gemachten win hette, der sol den zu Arow nit schencken, ob er das weisz urk.-b. d. st. Aarau 336 Boos. doch bricht die lässige moral der fälscher alle vorschriften: wein ... verdirbet darüm nicht, wann schon ein wenig wasser darein gegossen wird Butschky Pathmos (1677) 62. Bachus selbst musz klagen:
lasse ich wachsen den köstlichsten wein,
so pfuschen die spottleut mit allerhand drein
Meisl quodlib. 1 (1820) 8.
die warnung auch vor den gesundheitlichen folgen ist alt und neu:
doch huet dich, wilt du gsunt sein,
mit fleisz vor allem gmachten wein
Wittenweiler ring 117 Bechstein;
keine gegipsten weine trincken! Hauptmann Schillings flucht 31.
5)
für verkäuflichen wein wird in alter zeit reklame im eigentlichsten sinn gemacht, er wird öffentlich ausgerufen. anschaulich schildert A. Risse zs. f. d. unterr. 31, 291 nach Z. Bletz aus Zürich (Alem. 3, 52), wie der weinrufer (s. u.) im alten Paris weinproben in silberner schale zu kosten giebt und das zeichen seines hauses bekannt macht. mittelalterliche groszstädte des deutschen südwestens hatten ähnliche einrichtungen, in Zürich werden sie schon durch richtbrief von 1300 geregelt: swer ze wîne rüefet, der sol niht wan zeinem wîne rüefen, eʒ ensî daʒ ein man in eim kelre habe lûtern und rôten wîn veile helv. bibl. 2, 47. so bekannt ist dort die sache, dasz 1525 der vertrieb von päpstlichem ablasz unter dem bild des weinausrufens verhöhnt werden kann:
und würt der ablosz wie der wein
uszgruͤft mit groszem gleisz und schein
sat. u. pasq. 2, 225 Schade.
entsprechend spottet man in Schwaben 1542 der marktschreierischen art gewisser orden: vier ... bottschafften hat der bapst mit seim gwaltt auszgschickt, der heiligen wein auszzuruͦffen. da kumpt s. Valentins bruͦderschafft ... S. Franck weltb. 129ᵇ. das anpreisen schädigt den weinwirth, wenn der ausrufer einen zu hohen preis nennt:
(verläumder) rieffendt im den wyn so thür,
das doch weder yetz noch hür
niemans mit im wil hon zuͦ schaffen
Murner narrenb. 36, 21 ndr.,
oder wein ausruft, der nicht feil ist:
das sy wyn rieffen in der statt,
vnd ich sy nit gebetten hatt
das. 36, 59.
einem den wein ausrufen wird vollends zu 'verläumden', wenn gar kein wein im keller liegt:
ich rieff manchem frummen man den weyn,
der nie keyn legt in keller eyn
Murner schelmenz. 3, 1 ndr.
entspr. geuchmatt 3791 Uhl; vier ketzer d 4ᵇ. die wendung ist in Straszburg noch 1581 in gleichem sinn bezeugt: eynander wie hund vnd katzen, huren vnd buben auszholhippen, schelten vnd den wein auszrufen Fischart bienenk. 87ᵃ, in Schwaben wird sie zu ende des 16. jahrh. verwendet wie ein ironisches 'jem. tat und tugend verkünden': s. Peter wird der wein auch ausgerüeft, da er Jesum Christum verleugnet Jac. Andreä sechs christl. pred. 95. neben dem ausrufen wirkt der wirthsschild als lockmittel: meynt ir, dasz auch bei eim schönen auszgehenckten schilt böser wein vorhanden sey? Fischart Garg. 113 ndr. für geringen wein sind reklamekünste noch anderer art nötig, die nur angedeutet werden: man muͦsz mancherley anfahen, bisz man den wein in die leuth bringet sch. w. klugr. (1548) 84ᵃ. verbreitet ist der ausgesteckte reif: Gebweiler beschirm. (1523) 41ᵃ; Eyering prov. 3, 577, auch zeichen genannt: B. Faber thes. (1587) 913ᵇ; Lehman 1, 505, später kranz: Tappius adag. (1545) Hh 4ᵃ; Schellhorn sprichw. (1797) 1; Kirchhofer schweiz. sprüchw. (1824) 317; Harrebomée 2 (1861) 462ᵃ. alle diese stellen umschreiben das wort: guter wein braucht keines kranzes, das in seiner westeuropäischen verbreitung uralt ist: lat. vino vendibili hedera suspensa nihil est opus; ital. al buon vino non bisogna frasca; frz. un bon vin ne faut point d'enseigne; span. el vino que es bueno no ha menester pregonero; port. o vinho bom nao precisa pregoeiro; engl. a good wine needs no bush. auch abweichende fassungen sind verbreitet:
kein strowisch darff ein gutes pferdt,
gut wein vnglobt ist gelts wol werth
Fischart Eulensp. v. 252 Hauffen;
der gut wein ladet mehr dann der gemalt schilt Garg. 114 ndr.: guter wein bietet sich selbst aus Schwan 3 (1787) 1023ᵃ; entspr. Harrebomée 2, 462ᵃ. die reklame hat damit die grenzen ihrer nothwendigkeit erreicht.
6)
wein steht neben bier als dem andern männergetränk der Deutschen zunächst in argloser gleichsetzung und als ziel der gleichen sehnsucht: wein vnd bier vnd alles das do begert dein sel erste d. bibel 4, 181 Kurrelm.; entspr. 4, 225;
ich (der auferweckte Lazarus) magk nu wol essen abent und morgen
und drincken bier und winn
Alsfelder passionssp. v. 2101 Grein;
gut leckerbislein, bier vnd wein,
die nam ich gerne zu mir ein
Ringwaldt christl. warn (1588) H 1ᵇ;
lieszen spielleute kommen, die uns wein und bier hinunter geigen musten Grimmelshausen Simpl. 226 ndr.; mit diesen neuigkeiten ging der Deutsche zu bier und zu wein Fr. L. Jahn merke (1833) 261; welch eine freude, dachte er sich, es einmal so weit zu bringen, wie diese geiger ... für wein und bier nichts zahlen zu dürfen S. Brunner erz. 1 (1864) 39. bier und wein lagern im gleichen keller:
in den weinkeller dw ich streich(en):
wein, pir, kraut, opffelmüs geleich
Folz v. hausrat 3 Hampe,
sie unterliegen der gleichen fälschung:
dasz man fast all gewicht vnd masz,
auch bier und wein verfälscht im fasz
M. Kinner (1644) bei Fischer-Tümpel 1, 71,
räumen gleicherweise den beutel:
wein und bier schmeckt gar so süsz,
versauf ich gleich die schuh, behalt ich doch die füsz
Binder (1873) 210,
vermitteln das gleiche stammtischbehagen:
denn sitzet oft ein zirkel von schneidern,
nichts böses ahnend, bey wein und bier
Blumauer ged. (1782) 133,
und verleiten zur gleichen ruhmredigkeit:
dem feind kannst schaden zufügen
müszig bei wein und bier
volksl. d. bayer. heeres (1871) 19 Ditfurth.
von beiden zum wasser überzugehen, gilt als abstieg:
und verlasset wein und bier,
nehmt den wassertrank dafür
J. J. Schwabe belust. 1 (1741) 405.
sie stehen nebeneinander im sprichwort: das byer und wein folget dem zapffen S. Franck sprichw. (1541) 20; Lehman 3, 34; H. Fischer schwäb. wb. 6, 607, das noch 1663 verstanden wird: wan nun ein freund zum andern einkeret, und der wird läst mit unkosten ... bier, wein, futter und mahl holen, so sprechen die gäst ... das bier, der wein, folget dem zapffen, das ist, du must es sonderlich bezahlen, das were dir zu schwer, wir wollen zuschieszen Schottel haubtspr. 1129. im norden tritt öl (th. 7, 1273) an stelle von bier: wer wein und öl liebet, wird nicht reich Pape bettel- u. garteteufel (1586) G 4ᵃ. von je halten die weintrinker ihren stoff für den besseren: potui umor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus Tacitus Germ. c. 23;
wînes, ein becher vol
der gît, daʒ sî iu geseit,
mêre rede und manheit
dan vierzec unde viere
mit waʒʒer ode mit biere
Hartmann Iwein v. 819;
ich wær dâ nu wol soldier:
wan dâ trinket niemen bier,
si hânt wîns und spîse vil
Wolfram Parz. 201, 7;
gegen dem mete sûreʒ bier
hât ir geschenket mîme neven,
und um den süeʒen wîn von Cleven (Chiavenna)
apfeltranc vil bitter
Konrad v. Würzburg Engelh. 3894 Gereke;
eens wijn, en dan geen bier meer Harrebomée 2, 461ᵇ. vom selben werthurtheil geht die trinkerregel aus:
bier auf wein, das lasz seyn;
wein auf bier, rath ich dir
Schellhorn sprichw. (1797) 126;
entspr. Bremser med. paröm. (1806) 240. früher als vom wein gilt das wort von der milch: milch auff wein ist gifft, aber auff milch den wein, das mag ein artzeney sein Fischart prakt. 28 ndr.;
wijn op melk
is goed voor elk,
maar melk op wijn
dat is venijn
Harrebomée 2, 463ᵃ;
entspr. Kern u. Willms Ostfriesl. (1869) 90. als einzige tugend wird dem bier eingeräumt, dasz es den bierbasz befördert: vielleicht giebt es auch in einem lande, wo man nichts als wein trinkt, wenige schöne baszstimmen Schubart ästhetik d. tonk. (1806) 54. viel duldsamer freuen sich die biertrinker eines guten weinjahrs, das ihnen das bier wolfeil macht:
viel wein und viel most
ist des biertrinkers trost
Binder (1873) 210.
C.
der körperliche genusz des weins durch den einzelnen findet festen sprachlichen ausdruck.
1)
der wein wendet sich an die sinne: er wird geprüft und genossen mit auge, nase und zunge. die reihenfolge steht fest: der hofkellermeister ... öffnet das spundloch, zieht mit seinem heber ein glas voll zur probe heraus, besieht nach weltbekannter weinkennerregel zuerst die farbe der göttlichen flüssigkeit, im zweiten tempo riecht er an ihrer blume und im dritten setzt er das glas an und leert es in verschiedenen zügen Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) 147. sie prägt sich aus in einer lat. formel: es wird aber von einem guten wein erfodert COS, das ist: er soll haben colorem, eine schöne helle farbe, odorem, einen guten geruch, und saporem, einen annehmlichen geschmack Amaranthes frauenz.-lex. 2110; vgl. Stieler 2477, die schon bei Fischart vorauszusetzen ist: o du edeler wetzstein cos, du bist für all edelgestein mein trost Garg. 86 ndr., und dessen spasz erklärt:
er tranck jüdischen wein allein,
der nicht getauffet was,
vnd den lateinischen wetzstein,
den mitteln aus dem fasz
das. 8 f.
a)
die prüfung durch das auge kann allein schon entscheiden: besteht der wein die erste prüfung nicht, so ist von vorn herein das urtheil über ihn gesprochen. der wein soll hell und spiegelblank sein, einen wein, der trübe in das glasz flieszt, wird jeder, der zu trinken versteht, zurückweisen Muspratt chemie 9 (1921) 177. die freude an schöner farbe leuchtet früh durch dichterstellen:
wînes nâchgebûre
wil ich hiute und immer wesen.
mîn sêle muoʒ mit ime genesen ...
swenne er schœne als ein golt
von dem zaphen schiuʒet
weinschwelg 310.
die gerbsäure bestimmt die farbe der weiszen weine, der durch die säure veränderte blaue farbstoff der beeren die der roten weine: Muspratt 9, 46. beide farbnamen sind so alt wie allgemein: weisz ahd. glossen 3, 155, 23; s. Georger pred. 293 Rieder; Tappius adag. Ee 4ᵃ, dafür blank Stieler 2476, gelb Götz ged. 9 (3, 19) ndr.; rot H. v. Neustadt Apoll. 15228; Basler bischofs- und dienstm.-recht 11, 11 Wackernagel; Diefenbach gloss. 501ᵇ; n. gloss. 321ᵃ; Herder 25, 171 S.; E. Th. A. Hoffmann 1, 12 Gris., dafür schwarz Bürger Ilias v. 658. zwischen beiden hauptfarben der schiller oder schielende wein: Schwan 3 (1787) 1022ᵇ; vgl. th. 9, 14. 147.
b)
allgemeines lob erwünschter weinfarbe ist klar: K. v. Würzburg Part. 8694. aus dem vergleich solcher weinfarbe mit durchsichtiger rede erwächst die redensart jem. klaren wein einschenken. Mathesius knüpft sie an die bibel an: der soll kein falsche lere vnter das euangelion vsmengen, er soll (wie sanct Paulus redet) lautern wein einschencken Sar. (1571) 128ᵇ; entspr. das. 150ᵇ. bei Paulus findet sich wol mehrfach der sinn des worts, niemals aber der wortlaut. das verb einschenken (th. 3, 268) ist bemerkenswerth fest, dagegen wechselt das adj. lauter steht, wie bei Mathesius, noch 1586: wil ich hinfort lautern wein einschencken Pape bettel- und garteteufel N 6, weiterhin tritt klar an die stelle: wenn ich doch meinem vater hätte klaren wein eingeschencket! Chr. Weise kom.-probe (1696) 68; mag der alte Wieland ... in diesen hefen des achtzehnten jahrhunderts sich betrüben ... so viel klaren wein, als wir brauchen, wird uns die muse schon einschenken Göthe IV 12, 372 W. die redensart ist, wie schon bei Pape, ins alte bierland eingedrungen: als ich ... ihnen dieszfalls klaren wein einschenckte Thomasius ged. 1 (1720) 16. der anschauliche sinn kann noch spät neu belebt werden:
billig wird mit einem becher
dieser wackre mann beschenkt,
weil er als des landes sprecher
klaren wein hat eingeschenkt
Uhland ged. 1, 409 Schm.-Hartm.
seit 1741 setzt sich rein durch: denn ich habe ihr reinen wein eingeschenkt Gottsched d. schaubühne 1, 533; Lessing 17, 412 M.; Heinse Ardhing. 1 (1794) 235; Tieck Vitt. Accorombona 2 (1840) 66. auch in dieser gestalt dringt die redensart ins bierland: und schenken sie mir reinen wein Alexis ruhe 1 (1852) 103; dahin zu wirken, dasz der finanzminister ihnen den reinsten wein einschenke Bismarck pol. red. 4, 240; reenen wein inschenken Brendicke 192ᵇ, doch verweisen Borchardt-Wustmann ⁵493 mit recht auf: damit ich dir rein bier einschenke Heinr. Jul. v. Braunschweig Sus. (1593) 53. eigen ist dem wort die anwendung im polit. umkreis: Narbonne überschaute bald die wahre situation; hat sich doch Napoleon später auf St. Helena beklagt, sein gesandter habe nur zu rasch ihm reinen wein eingeschenkt L. Häusser d. gesch. 4, 241, sowie in der aussprache des schriftstellers mit seinen lesern: damit ich mein schwert in die scheide stecke und meinen lesern reinen wein einschenke Hippel lebensl. 2, 151, dies auch in aufgelöster form: hier trinke reinen wein Jean Paul Titan 3, 173. selten einmal wird der ursprüngl. sinn durchgeistigt: aus dem tiefsten herzen kann ich dir immer nur den reinen wein einschenken, in dem dein bild sich spiegelt B. v. Arnim tageb. 42.
c)
aus dem vers:
wein, wein von dem Rein ...
du scheinst durch ain glas
grœner dann ain gras
Hätzlerin 66 Haltaus
schlieszt Wackernagel zs. f. d. alt. 6, 276: danach wäre der Rheinwein früher noch entschiedener und schöner grün gewesen als jetzt; kommt daher die grüne farbe der Rheinweingläser? heute würde grün nicht auf die farbe, sondern auf die jugend des weins zielen (s. o.). lob des weiszweins ist goltvar(b) Diefenbach gloss. 563ᵇ; n. gloss. 354ᵃ, später zum dichterlob geworden:
schwört bei diesem goldnen wein,
dem gelübde treu zu sein
Schiller 4, 5 G.;
auf der berge freien höhen,
in der mittagssonne schein,
an des warmen strahles kräften
zeugt natur den goldnen wein
11, 387 G.;
goldner wein macht euch genesen
Uhland ged. 1, 161 Schm.-Hartm.,
wie blinkend, perlend, funkelnd:
Ebert, mich scheucht ein trüber gedanke vom blinkenden weine
tief in die melancholey
Klopstock oden 1, 38 M.-P.;
es schenkte der Böhme des perlenden weins
Schiller 11, 382 G.;
mit sorgen trank ich den funkelnden wein
Uhland ged. 1, 6.
trübung gilt als fehler: vappa / truͤb wein Prager voc. (1432) bei Diefenbach n. gloss. 376ᵇ; trusechtiger truͤber wein, sackwein Calepinus XI ling. (1598) 542ᵃ; trüber hefiger wein M. Kramer 2 (1702) 1298ᵇ. nur dem most wird sie verziehen: der milchfarbne neue wein Grimmelshausen 2, 19 Keller. anderseits wirkt leuchtende farbe als lockung und genusz: sihe den wein nicht an, das er so rot ist, vnd im glase so schön stehet spr. Sal. 23, 31;
und nebenan sich schimmer reihn,
bald roth, bald grün, wie sie gefangen
im glase dort, und dort im wein
Droste-Hülshoff 2, 40 Cotta.
dasz freilich die farbe am wein nicht die hauptsache ist, wird vom sprichwort gern betont: schwartze trauben geben so guten wein als die weisze Lehman 1, 36; an der farb erkennt man das tuch, am geschmack den wein 2, 932.
d)
auch die prüfung durch den geruch ist nur ein theilentscheid: einem weine zu vergleichen, der sich dem geruch mit vollwürzhaftem bouquet ankündigt, hinter starken zügen aber auf der zunge matt abfällt H. König Jerômes karneval 3 (1855) 52. sie tritt spät auf: wein, so verrochen ist ... wolriechender wein Ravellus (1616) 403ᵃ, weil sie sachnothwendig ohne klassische vorbilder war: das feine aroma geht den starken weinen ab und bildet einen starken vorzug der in den gemäszigten klimaten produzirten weine Karmarsch-Heeren techn. wb. 3 (1844) 600, und ursächlich erst von der neueren forschung erkannt ist: das eigenthümliche aroma des weines rührt nach der entdeckung von Liebig und Pelouze von einer ätherart, dem önanthäther, weinblumenäther, welcher sich durch destillation von weinhefe mit wasser in gestalt eines farblosen, stark weinartig riechenden öles darstellen läszt das. 603. der kenner wird den werth des duftes stets hoch anschlagen: doch werden wir, als kenner guter weine und ihres unterschieds, uns von solchen unberufenen ohne nase und gaumen nicht hindern lassen, das genieszbare zu genieszen, das nutzbare zu nutzen und das fürtreffliche zu verehren Göthe IV 41, 73 W.
e)
das letzte wort hat der geschmack. er liefert die fülle der urtheile: (die fässer waren) versehen mit wolmundeten, maulreiszenden, zapffresen, lautschwatzenden, zungklapffigem, zungzwitzerigem, zungkützeligem, glasschwitzigem, rauschdantzendem, brentzlendem, grawgebartetem, röschem wein Fischart Garg. 83 ndr. die zunge bestimmt die masse der kennzeichnungen, die schon auszerhalb der ins endlose verfeinernden fachsprache unerschöpflich sind:
der stolze schrîbêre
holte vaste kûlen wîn,
der wolde mit den besten sîn
Wiener meerfahrt 143 Lambel;
si het ein gebrâten huon,
daʒ niht beʒʒer möhte sîn,
dâ zuo sie nam ûʒ ir schrîn,
guoten wîn und weiʒbrôt
Seifrid Helbling 1, 980 Seemüller;
der edel suͤsze wîn Tauler pred. 27, 31 Vetter; temetum / starck wein Diefenbach gloss. 576ᵃ; n. gloss. 360ᵇ; zarte speisen essen vnd köstliche wein trincken Albertinus d. kriegsl. weckuhr (1602) 67ᵇ; entspr. 51ᵇ; harter wein ... wein der rauh vnd vnlieblich ist Ravellus (1616) 402ᵇ; ein herber wein nomencl. (Hamb. 1634) 412; vinum fugiens / ein abgefallner wein; vinum dubium / ein wein, der den schmack verlohren hat das. 413; räser, räsigter wein M. Kramer 2 (1702) 1298ᵇ; gelinder, geschlachter wein das.; eine mit leckern speisen und mit feurigen weinen besetzte tafel Klinger 3, 84;
der sonne rother sohn soll leben,
der edle, feuervolle wein
Grabbe herzog v. Gothland 4, 2;
ein wächser ('kräftiger' th. 13, 71) wein Schmeller 2, 839; zur zeit sind zuckerarme (trockene) schaumweine sehr beliebt Muspratt chemie 9 (1921) 249. am wichtigsten wird der gegensatz süszer und saurer wein: gott vermischt offt süszen wein mit sawerm, sawern mit süszem Lehman 2, 850. beide stehen gern in vergleichen und bildern:
(Maria ist) süeʒer danne ie wurde wîn
lobges. str. 22 zs. f. d. alt. 4, 521;
sie ist mein stern, mein sonnenliecht,
mein quell, da ich mich labe,
mein süszer wein, mein himmelbrodt
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 375ᵇ.
sind doch rote lippen lieblich,
süsze weine sind es auch
Platen (1839) 159;
kein durstiger schlägt den trunck ab, wie sauer der wein sey Lehman 1, 6; in schönen wirthshäusern findet man auch sawren wein 2, 726. auch in umschreibungen: (die schönheit ist)
ein wein, der wermuth ist, und doch wie zucker schmecket
Zigler Banise (1689) 446.
als würze des mahls wird der wein im alten Deutschland höchst ungern entbehrt:
er schurft ein viur und briet daʒ
und aʒ ditz ungesalzen maʒ
âne brôt und âne wîn
Hartmann Iwein 3907.
die einfachen mittel, seinen geschmack zu heben, sind uralt: einen brunnen, der winterszeit warm, im sommer aber nichts als lauter eis ist, den wein damit zukühlen Grimmelshausen Simpl. 528 ndr.
2)
schlechter wein hat im Deutschen von je spott und tadel gefunden: dû hâst mir brâcht bitteren wîn, sûren hünschen wîn, und hâst mir für den edelen wîn und für die trübel brâht wintertrolen und bös ding Tauler pred. 29 Vetter. die alten wbb. (Heyne nahrungsw. 367, anm. 157) sind auffallend beredt in der widergabe von lat. vappa, vinulum und villum: snöder, snode win Diefenbach gloss. 619ᵇ; sur, schnöd, schwacher, seyger wein n. gloss. 382ᵃ; bosz wyn gemm. (Straszb. 1508) E 2ᵃ; dazu: omphalacium / empferten, der wein so aus vnzeitigen trauben gemacht wird, agrest Calepinus XI ling. (1598) 990ᵇ; schlechter, geringer, leiser, leichter wein M. Kramer 2 (1702) 1298ᵇ; geringer wein / petit vin Schwan 3 (1787) 1022ᵇ. auch von daher wird Wackernagels urtheil bestätigt: trotz dem zunehmenden übergewicht des weinbaues und des weintrinkens dürfen wir uns von den gewächsen, die der deutsche boden während des mittelalters trug, keine allzu günstige vorstellung machen. eigentlich guten wein scheint man nur eben da gezogen zu haben, wo dem milderen klima eine von den Römern her überlieferte sorgsamere pflege der reben und des bodens zu hilfe kam, also namentlich an Rhein und Mosel zs. f. d. alt. 6, 264. im besonderen knüpfen alter und neuer tadel an den wein bestimmter landschaften an:
mir sagte ein priester daʒ beirisch wîn,
Juden und junge wölfelîn
aller beste sîn in der jugent:
in dem alter wehset ir untugent
H. v. Trimberg renner 22617 Ehrismann;
hospicium vile,
schwarcz prot, sawr wein, lanck mile:
hec sunt in Swevia
si non vis credere, lauff dar!
voc. ex quo (Inntal 1429) bei Diefenbach n. gloss. 354ᵇ;
zuo Ulm am Michelsberg wachst ain wîn,
der künnt furwar nit sürer sîn
Buck flurnamenb. 298 (1509);
im land zu Hessen
hats grosse berg vnd nichts zu fressen,
grosze krüg vnd sawren wein:
welcher teuffel will im land zu Hessen seyn?
Lehman 3, 157;
Thüringens berge zum exempel bringen
gewächs, sieht aus wie wein,
ist's aber nicht: man kann dabei nicht singen,
dabei nicht fröhlich sein
M. Claudius 1, 199 Redlich.
daneben bleiben miszrathene jahrgänge in schlimmem andenken: do men zalte 1415 jor, do regente es also vil das gantze jor ... und noch herbeste der win das mereteil krang und seyger wart und fulezete, das men lieber virnen win drang denne den nuwen städtechron. 9, 774; entspr. Bürster schwed. krieg 130 v. Weech. alte gesetzgebung verschmäht es nicht, den begriff der schlechtigkeit beim wein zu bestimmen: als dann lange zyt ein span gewesen ist, was ellender win sy, habent sich gemein waldlütt des erkennt und uff sich genomen ... das ellender win nüt anders sy, dann sagk- oder hepfwin weisth. 1, 155 (Schwyz 1490), anderseits klingt das lob guter weine von jahrhundert zu jahrhundert. von deutschen lagen trägt nach einem frühen lob der Mosel:
Trevir metropolis, urbs amenissima,
quae Bacchum recolis, Baccho gratissima,
da tuis incolis vina fortissima,
per dulzor.
her wirt, tragent her nû wîn!
vrôlich suln wir bî dem sîn
carm. bur. 181 (um 1200)
der Rhein den höchsten preis:
(er brachte den gästen) den besten wîn
den man kunde vinden in dem lande al um den Rîn
Nib. 1127;
und solten jtz zu lib dem Rein
auch trincken rain den reinischen wein
Fischart glückh. schiff v. 860 ndr.;
bekränzt mit laub den lieben vollen becher,
und trinkt ihn fröhlich leer.
in ganz Europia, ihr herren zecher!
ist solch ein wein nicht mehr
M. Claudius 1, 199 Redlich;
ein leben, wie im paradies,
gewährt uns vater Rhein;
ich geb' es zu: ein kusz ist süsz,
doch süszer ist der wein
Hölty ged. 186 Halm.
selbst der teufel musz ihn gelten lassen, der einem trinker versichert:
deswâr friunt, und wêr aller der wîn
in dir, der ie gewuohs bî dem Rîn
und jenhalp mers, ich füer in dich
H. v. Trimberg renner 11299 Ehrism.
der im mittelalter bes. geschätzte Elsässer wird namentlich in der Schweiz dem geringeren landwein (th. 6, 150) vorgezogen: der müller zu Hege (soll geben) einen halben soum Elsesser win weisth. 1, 123 (1396). zum Rheinwein tritt der fränkische:
vische, fleisch unde brôt
und guoten fränkischen wîn
Biterolf u. Dietl. 3121;
(meine armuth nimmt ein ende erst, wenn)
Würzeburc niht wînes hât
Boppe in Hagens minnes. 2, 384ᵇ;
zweierlei win, hunisch und frenkisch, dem burggreven frenkischen win und sinen knechten hunischen weisth. 3, 487 (Wetterau 1441);
bey dem wein aus dem freien Francken lant
bin jch allen guten Christen gesant
Hutten 3, 537 Böcking.
die beiden werden gern vereint gepriesen:
es schmackt dar rheinisch wein so wol,
so war der Franck auch leiden gut
Wittel zelotypia (1571) B 2ᵇ;
zu Bacharach am Rhein,
Klingenberg am Mayn
und Würtzburg auf dem stein
wachsen in Teutschland die besten wein
Pistorius thes. par. germ. jurid. 7 (1724) nr. 90 s. 660f.
endlich ist Österreich altberühmt als weinland:
wînes sie (die Tschechen und Mähren) enbæren ...
ân durch daʒ lieb Ôsterrîch.
des geniuʒet manic lant
Seifr. Helbling 3, 238 Seemüller;
verhoffend, beydes glehrte vnd idioten werden mit meinem wolgemeinten fleisz zufrieden sein, vnd dessen genieszen beim österreichischen külen wein Kepler weinvisierb. (1616) 3. zusammenfassend kann in unsern tagen ein kenner urtheilen: es ist doch bemerkenswert, dasz es so unendlich viel gesänge auf unsern deutschen wein gibt, so wenig auf die französischen Zobeltitz d. wein (1901) 71ᵃ. doch verschlieszt sich der Deutsche auch nicht der güte ausländischer weine: von fremden kostlichen weinen aus allen nationen Wickram 2, 147 lit. ver., zumal die wälschen (th. 13, 1342. 1359) trinkt er gern: dy stad thet ome ouch grosz geschencke an haffern, an lantwine, an welschem wine Stolle thür. chron. 17 lit. ver.; schwerer welscher wein stand in groszen flaschen vor ihnen E. Zahn die da kommen (1909) 277. von Cypern bis Portugal stehen die länder des südens auf der deutschen weinkarte:
(hilf) dat ich kume zu deme wîne,
den diu drûve van Kiperen schenkent,
diu di bedrûvede herce verdrenkent
Marienlob zs. f. d. alt. 10, 45;
den aller besten edelsten win von Kipern Tauler pred. 290 Vetter;
so schmackt ir basz des brünlins strom,
dann der guͦt griechisch wein zu Rom
Scheit fröl. heimf. (1553) B 2ᵃ;
dabey ein berg ligt, Vesuvius genant, der voller weingärten ... bringt auch wein, den man den griechischen wein nennet, so herrlich vnd gut Faustb. (1589) 54 Fritz; es mag och ainer dabi haben welschen win oder gefangen win (ital. cattivo) württemb. gesch.-quellen 18, 226; Sicilia ist ein guͦt fruchtbar insel von zucker, wein vnd korn Carbach Livius (1551) 94ᵃ; in einer landschaft, die den edelsten wein in Latium trug Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 140; mittags ... wurden wir mit ... wein von Bar tractirt, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im lande selbst aufsuchen und genieszen musz Göthe I 33, 39 W.; vinum hispanense ... wijn sec Junius nomencl. (1538) bei Diefenbach gloss. 620ᶜ; vertieften sich schnell in untersuchungen über die reize der schweren weine von Portugal Freytag 4, 169. bei heimischen wie fremden sorten kann seit etwa 1250 unter substantivierung des herkunftnamens das wort wein als selbstverständlich ausgelassen werden:
ich het dâ ze Insbrucke
vil guoten Bôzenære
getrunken für die swære
üb. weib v. 553;
die drynken nit den schlächten wyn,
es muͦsz Reynfal, Elsasser syn
Brant narrensch. 63, 8 Zarncke;
ouch so bring ich dir gar mancherley wyn:
Passuner, welschwin vnd Malvesyer,
Tramynner, Reynfal vnd Romanyer,
win de Cursz, Muscatel vnd Montflaschcun —
der machet ein schlaffen hinder dem zun —
Potzener, Bryszgower vnd Neckerwyn
vnd den guͦten Elsesser von dem Ryn
Straszb. ged. v. hausrat c 3ᵃ Hampe.
erst spät findet sich verwandte auslassung nach adj. oder jahrgang: herr wirth, ich hab an eurem rothen so zu sagen eine gefährliche entdeckung gemacht Hebel 3 (1832) 319; es ist ein harter dienst, wenn man trinken musz, anstatt zu schlafen, zumal so starken 320; nun muszte denn wohl, im angesicht so vieler rebhügel, des eilfers in ehren gedacht werden ... ferner hat denn auch der eilfer die haupteigenschaft des trefflichen: er ist zugleich köstlich und reichlich Göthe I 34 i 12 W.; dazu Schüddekopf in Zeitlers Göthehandb. 1 (1916) 464.
3)
während in unseren tagen nur reiner, kühler wein für trinkbar gilt, trinken ihn die alten mit vorliebe gewässert, gewärmt und gewürzt.
a)
von den Römern lernten vornehme germanische kreise schon vor dem 6. jahrh. die kunst, feurige südweine nach bestimmtem verhältnis und erprobtem verfahren mit wasser zu versetzen, unser verbum mischen (th. 6, 2249) ist zeuge dafür: Heyne nahrungsw. 358 f. das verfahren bleibt bekannt und gilt südweinen gegenüber für rathsam:
von Tiverburch trinket wîn,
der sol wol gemenget sîn
Otto Eraklius 3589 Gräf;
Diefenbach gloss. 61ᵃ; wann man auf italianische oder spannische manier gemein wasser unter den wein schüttet Grimmelshausen 2, 353 Keller; entspr. Marperger (1716) 1287ᵇ; wein, der einen zusatz von wasser leidet/vin qui porte l'eau Schwan 3 (1787) 1022ᵇ. vom südländer wird wässerung geradezu gefordert:
wann mischt er wasser unter seinen wein?
Göthe I 10, 222 W.;
dasz er den edlen wein wie der Skythe unvermindert und bis zum rausche trank Mommsen röm. gesch. 3, 230. seit ausbreitung des deutschen weinbaus entstanden aber sorten, die kein wasser vertrugen: fortan wird spurtum/ gemischlet win Diefenbach n. gloss. 346ᵇ zum tadel, vinum merum/lauter vngemischter wein Dasypodius (1537) 291ᵈ; Calepinus XI ling. 889ᵃ zum lob, wein wässern Hulsius (1618) 275ᵃ zum stehenden vorwurf gegen die wirthe: die wirth achten es nicht, wann schon wasser im wein ist Lehman 1, 110 (unter: betriegen); entspr. 2, 584. die wirthe suchen ihr verfahren zu rechtfertigen: wann die wirth kein wasser in den wein thun, ist er den gästen zu starck 2, 584; der wein ist doch wein ... ob man schon ein wenig wasser drein schütt 2, 884f.; der wein kan schwimmen 2, 896. sittenprediger empfehlen das wässern zur milderung der räusche:
den wein sult ir mit wasser mischen,
so leszt er euch bei witzen pleiben
fastnachtsp. 1, 313, 1 Keller,
desgleichen ärzte: wasser oder gewässerten wein trincken Ryff spiegel d. gesundh. (1544) 26ᵇ. der trinker lehnt jede wässerung ab:
wein ist der erde wasser, das sonn im stocke kocht,
das mag ich, was im fasse wächst, hab ich nie gemocht
Logau 216 Eitner;
kalck löscht man mit wasser, sonst taug er nicht, wein soll er lassen wie er ist Lehman 2, 895. in seiner abwehr beseelt er den stoff: der wein ersaufft im wasser 2, 896; der wein kanns wasser nit leiden A. v. Arnim 14, 37 Grimm. die wässerung selbst wird sinnkräftig im bild einer züchtigung dargestellt: will der wein im fasz zu wild seyn, so schlag ihn mit der wasserstangen Lehman 3, 476; als de wijn in het vat te wild is, moet men ze met de water-roede geeselen Harrebomée 2, 461ᵃ. nützlich wird das wässern höchstens im bild für dosierung der weisheit:
so denk' ich, theurer freund, und lasse
die geister von der höhern klasse
den alten wein aus Rom und Griechenland
mit ihres witzes schaum durchwässern,
und unsre beste welt regieren und verbessern
Gotter 1, 427,
sowie im sprichwörtlichen bild: hielt ich aber für wahrscheinlich, dasz Russland es nicht ungern sähe ... wenn eine numerisch überlegne coalition einiges wasser in unsern wein von 1866 gegossen hätte Bismarck ged. 2, 75.
b)
von Römerzeiten her kennen die Deutschen ein verfahren, den geistigen gehalt des weins durch sieden zu verstärken: Wackernagel zs. f. d. alt. 6, 272; Heyne nahrungsw. 368; passo/gisotanemo wîne ahd. glossen 2, 631, 65; gisotinir wîn Mones anz. 7, 593. in wbb. hält sich die kenntnis bis zum ende des 18. jahrh.: defrutum ... gesottner wein Calepinus XI ling. 385ᵃ; entspr. Stieler 2476; gesottener, gefeuerter wein Kramer 2, 1298ᵇ; geschwefelter, gefeuerter ou glühender wein Schwan 3, 1022ᵇ. auch die verschiedenen lat. namen bleiben bekannt: ietz macht man vilerley gsottens weins, doch alle auff ein weisz, vnd haben alleyn den vnderscheyd am vil oder wenig eynsieden, dasselb verandert ym den namen ... defrutum, carenum, sapa M. Herr ackerwerk Columelle (1538) 205ᵃ. das verfahren wird im Elsasz 1488 und 1609 bezeugt: 2 omen wins hab ich gemacht zuͦ gesotten win zs. f. gesch. d. Oberrh. 14, 43; umb Keysersperg ... macht man gefewrten wein, den man in den fessern durch zugelegte glut seudt Quadt v. Kinckelbach t. nat. herrlichk. 124, sonst scheint es im späteren mittelalter auszer übung gekommen zu sein. dagegen glühwein haben die Deutschen stets gern getrunken: Heyne nahrungsw. 371. bezeugt ist er bei uns seit 1190:
dar nâch trunken sie den wîn,
den gewermet, disen kalt
Wiener meerfahrt 230 Lambel;
meraca/win warm Diefenbach n. gloss. 251ᵃ; der glühwein hat mir nicht recht bekommen wollen. die bestien haben geschmierten wein dazu genommen Spindler n. f. 19, 50. das heute geltende wort glühwein scheint nicht vor Campe 1808 aufzutreten und aus glühender wein gekürzt zu sein:
den winter wird man loben müssen,
alsdann erquickt ein glühnder wein
Weichmann poesie d. Nieders. 5, 89;
hätten wir doch einen becher glühenden wein Langbein 31, 87. im 17./18. jahrh. sagt man geglühter wein:
befiehl auch, dasz stracks wird der schorstein angemacht,
dasz uns geglühter wein nicht fehle durch die nacht
Fleming 1, 148 lit. ver.;
der thee macht alle geister flüchtig,
deszgleichen ein geglühter wein
Henrici ged. 1 (1727) 469.
c)
rein scheint im mittelalter nur der gemeine mann den wein getrunken zu haben. die reicheren machten ihn sich mit allerlei zutaten künstlich genieszbarer, mit honig, kräutern, früchten, gewürzen. das geschah auch mit Rhein- und südweinen, die doch an sich schon heisz und süsz und wohlriechend genug waren Gervinus hist. schr. 7 (1838) 168; es stand einmal fest, künstlicher wein sei besser als natürlicher Wackernagel zs. f. d. alt. 6, 268; durch zusatz würziger kräuter will man den naturwein besser und zuträglicher machen, man setzt auch damit eine altrömische sitte fort. Columella leitet dazu an, den wein mit wermut, isop, stabwurz, thymian, fenchel, polei und myrte zu versetzen, die mittelalterlichen kräuter sind wermut, alant, salbei, polei und minzenarten Heyne nahrungsw. 368:
wir sulen ouch parriern den wîn
mit guoter salveien
Wolfram Willeh. 326, 20.
die steigerung des kräuterweins bildet der würzwein, auch er römische erfindung, ausgehend von dem bestreben, das getränk zu parfümieren, also auch hier schlechteren geschmack und geruch zu verdecken Heyne 368. er gilt im 14. jahrh. geradezu als eine dritte sorte neben weisz- und rotwein: ûf dirre reben (Maria) wart drîer hand wîn gepflanzet: wîs wîn, rôt wîn und gewürzter wîn St. Georger pred. 293 Rieder. die älteste art, der myrrhenwein (vgl.myrrhentrank th. 6, 2844), bei uns nur nach Matth. 27, 34: gimirrôtan wîn Tatian 202, 3; mit gemirtem win, essig und gallen Geiler bilg. (1512) 16ᶜ. durch zusatz südlicher gewürze, die das feuer des weins heben, entsteht vinum pigmentatum, mhd. pigmente Lexer 2, 269; Diefenbach gloss. 434ᵃ; Heyne 369. der wichtigste sondername des würzweins ist mlat. claretum, afrz. clarês, mhd. klarêt, später klâret Lexer 1, 1607; th. 5, 1000, danach benannt, dasz ein leinenes säckchen mit gewürzen und honig in den wein gehängt wird, donec virtus specierum vino incorporetur et optime clarificetur Heyne nahrungsw. 369;
clâret ist beʒʒer danne wîn:
dâ büeʒet iuwern durst mit
H. v. d. Türlin krone 809;
caletrum (lies: claretum)/chlar wein alem. voc. rer. (15. jahrh.) bei Diefenbach n. gloss. 95ᵃ. claret wird verdeutscht zu lautertrank (th. 6, 388), dafür lutter wyn lat.-nd. wb. (1417) bei Diefenbach n. gloss. 326ᵇ, eine bes. sorte aus rothwein heiszt sinopel (th. 10 i 1204), ein auf Hippokrates zurückgeführter rother würzwein, der für heilkräftig gilt, hippokras (th. 4 ii 1555), so noch 1616: gewürtzter wein ... hippocras Ravellus 402ᵇ. mhd. môraʒ (Lexer 1, 2197) ist kein wein, sondern aus maulbeeren gekeltert: Heyne nahrungsw. 353. dagegen gehört zu den verfahren, mit denen die trinker früherer jahrh. ihre geringen landweine verbesserten, vielleicht als wichtigstes die mischung von wein mit honig, lat. mulsum oder mulsa: Diefenbach gloss. 370ᵇ; n. gloss. 258ᵇ, mhd. oximel Lexer 2, 196; Diefenbach gloss. 404ᵇ; n. gloss. 275ᵇ. noch zu ende des 16. jahrh. spielen die würzweine eine fast gröszere rolle als die reinen weine: pocula vitea ... verstadt aber gemachten weyn Frisius dict. (1556) 1392ᵇ; das sie weder an gewürtzen noch anderm zu warmen weine noch andern auszer unsere vorordnunge ... ettwas vorgeben d. hofordn. 1, 49 Kern (Küstrin 1561).
d)
die alte sitte, brot in den wein zu brocken: vipa merata/merot, als prot im wein voc. theut. (Nürnberg 1482) bei Diefenbach gloss. 357ᵃ; vipare/win meren ... prot aus wein essen das. 621ᵇ, lebt landschaftlich in der weinkaltschale (s. u.) fort, s. auchmährte th. 6, 1468, mehrde 6, 1889 und unten weinmährte. wenn jetzt im südwesten der neue wein herbstlich mit walnüssen und brot genossen wird, so liebte man dort im 16. jahrh. die verbindung mit (gebratenen) birnen: so die braten birn wol schmecken bei dem nuwen wein Eulensp. (1515) 4 ndr.;
bieren mit wein, brot, geyszmilch isz,
des frischen weines nit vergisz
der ewigen weish. betbüchl. (Basel 1518) B 2ᵃ.
fremd geworden ist uns die im 17. jahrh. beliebte verbindung mit konfekt (th. 2, 634; Schulz fremdwb. 1, 374): holet uns den wein vnd confect engl. comed. (1624) H 6ᵃ; Werder ras. Roland (1636) 7. ges. 23. str.
4)
wein wird im alterthum in thongefäszen und schläuchen aufbewahrt und im krater gemischt: diotae ... irdine geschirr mit zweyen handhaben in die man wein behalt Calepinus XI ling. 428ᵃ;
einen schlauch in den flosz, mit dunkelem weine gefüllet,
legte sie, einen mit wasser, den gröszeren
Voss Od. (1781) 1, 265;
als die gier nach speis'
und trank gestillt war, füllten knaben hoch
mit wein den krater an
Bürger Ilias 1, 669.
diese verhältnisse sind nam. aus Luk. 5, 37 bekannt, so dasz sie in sprichwörtern und bildern gebraucht werden: alte schläuche, alte weine U. Hegner 213; Börne, der allen wein des lebens in die schläuche der politik füllte Treitschke d. gesch.² 3, 713.
a)
heimisch ist jedoch nur das fasz in seinen verschiedenen gestalten und gröszen:
der guote wîn wirt selten guot,
wan in dem guoten vaʒʒe:
wirt daʒ bereit ze rehte wol,
sô habet eʒ den wîn
Walther 106, 17;
„seht, hie stât wîn
in disem veʒʒelîne.“
nein, eʒn was niht mit wîne,
doch eʒ ime gelîch wære
Gotfrid Trist. 11674;
der wein der schmackt nach dem fasz, das logel ist nit wol und sauber gewäschen Frey gartenges. 140 lit. ver.;
der felbinger sprach: ich bin so fein,
aus mir macht man die fässelein,
in mich thut man den besten wein,
rot, welsch und malvasire —
puxbaum, wie gefellt dir das?
Ambraser liederb. (1582) nr. 231 v. 32.
dafür tonne nur im bierland:
bekränzet die tonnen
und zapfet mir wein,
der mai ist begonnen,
wir müssen uns freun!
Hölty ged. 176 Halm;
alda (im keller) standen auch tonnen mit altem balsamischen weine,
welche das lautre getränk, das süsze, das göttliche, faszten
Voss Od. (1781) 2, 341.
das fasz ist unentbehrlich: wie mir dann auch nicht die säfft, als milch, honig, wein, öl, ohne fasz behalten mögen Ph. Bech Agricolas bergwerkb. (1621) 10; wein wollt ihr transportieren ohne fasz! oder gebt das fasz für den wein aus! R. Hildebrand ged. über gott 250, darum in überreichem sprichwörtl. und übertragenem gebrauch: er laszt gern wein ausz ander leut vassen sch. w. klugr. (1548) 41ᵃ; denn es schmeckt euch doch auch ein guter wein wol, ob er schon in eim heszlichen vasz ligt Alberus fab. 11 ndr.; wann das fasz allenthalben rinnet vnd ein blinder soll es verstopffen, so ists vmb den wein geschehen Lehman 1, 99; das fasz kan nicht länger wein geben, als drinn ist 1, 259; wenn der wein wieder im fasz were, so were er gut 1, 298; der wein schmeckt nach dem fasz, nach dem geschirr, darinn er gefast ist 1, 495; entspr. 1, 351; das fasz schmeckt nach dem wein, so drinnen Kramer 2, 1298ᶜ; ich meint als, wenn mir der jung wein nur nicht auf dem fasz säuerlich wird B. v. Arnim d. buch gehört d. könig 1, 6. das verhältnis zwischen fasz und wein wird beseelt:
ein fasz, dem lieben wein ergeben,
der erde heil'ges herzblut hüllend
Lenau ged. 1, 211.
dabei geht die einsicht nie verloren, dasz das fasz nur mittel zum zweck ist: man kaufft den wein nicht nach der gestalt des fasses Lehman 1, 38; was soll ein fasz wein, wenn es nit angestochen wird? 2, 581; ein herr ohne land ist ein fasz ohne wein 2, 695. das wort fasz kann als selbstverständlich ausgelassen werden: sô sol der mittel schenck allen wîn nemen, der in des bischofs hof die selb zît angestochen ist und überbelîbt bischofs- und dienstm.-recht v. Basel 25 Wackernagel.
b)
die weinflasche (s. u.) tritt spät auf und hat kaum sprichw. gebrauch entwickelt: hoffgunst wäret offt so lang, als wein in der fläsch Lehman 1, 378;
das gold ausz der taschen,
den wein in die flaschen,
die gänse vom spiesz:
da frisz und isz
3, 44.
in fügungen ist flasche fest: bey einer flasche guten weins Knigge rom. 1 (1781) 211; auf flaschen gezogener, abgezogener wein Schwan 3, 1022ᵇ; jeden tag eine flasche dieses weins zu besorgen Göthe gespr. 4, 11 v. Biedermann. auch das glas wein ist nicht alt: ein gut glasz mit wein verderbt ein muck, die drein fällt Lehman 2 (1662) 621; es ist ... ein innerer fortgang ... von dem schweren, dumpfen metallbecher zu dem durchsichtigen und gewölbten kristallglase ... das die farbe zeigt, die blume hält und den klang fördert Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) XIX. geläufig sind die wendungen: ein glas wein mit einem trincken Kramer 2, 1299ᵃ; sie gehen sonntags ... auf ein glas wein J. M. Miller briefw. 1 (1778) 16; dem in angst gejagten Richard fehlt die munterkeit ... er wähnt sie mit einem glas wein wieder zu gewinnen Schiller 1, 161 G.; bei einem glase wein Ranke 1, 271; Meinecke Boyen 1, 344. auch in gehobener sprache ist es möglich:
dann musz klang der gläser tönen
und rubin des weins erglänzen
Göthe I 6, 14 W.;
gebt mir ein glas! dann reicht mir die laute,
recht zu dem weine stimm' ich ein lied
R. Passarge bei Zobeltitz d. wein 81ᵇ.
c)
alt und dichterisch bevorzugt sind kopf Wolfram Parz. 146, 23, goltvaʒ Nib. 1268, trincvaʒ Hnr. v. Freiberg Trist. 909 Bernt, kelch Diefenbach n. gloss. 173ᵃ, krug Opitz in: ged. d. Königsb. dichterkr. 22 ndr., und namentlich becher: Hölty ged. 177 Halm; Göthe I 2, 106 W. alter festbrauch und neue prahlsucht greifen zu seltsamen gemäszen: dominus prepositus git uns (den Basler münsterglöcknern) in cena domini den groszen wichwasserkessel mit win zs. f. gesch. d. Oberrh. 14, 28 (1360); wir wollen ... aus kübeln wein saufen maler Müller 1 (1811) 133. auch hier bleibt bewuszt, dasz der inhalt stets die hauptsache sein sollte: die häfen gelten oft mehr als der wein Lehman 1, 451.
d)
die nüchternen weingefäsze der neueren jahrhunderte werden zugleich zu hohlmaszen: wan einer käm ... in ein wirts haus und hätte ein gewöhr, und trunck ein seitel wein, und so er das ander begehrt, so mag der wirt die wöhr von ihme fordern weisth. 3, 713; den thomherren ... zu Aystett am gren donerstag ain aimer weins Knebel chron. v. Kaish. 33;
zwo kannen reinschen weins und noch ein viertel bier
Rachel sat. 15 ndr.;
ein fuder, stück, ein eymer, ein fasz etc. wein Kramer 2, 1298ᶜ; ein masz (kanne), halb masz, ein seidel (echtmasz, pinte) wein das. 1299ᵃ; der die zeit seines studirens so viel fuder wein und bier durch die gurgel gejaget hätte Thomasius kl. t. schr. (1707) 363; meine ehefrau verabreicht dem mahler alltäglich zwei schoppen wein, woran er nicht genug zu haben scheinet G. Keller 1, 50; ə drîər wî 'drei deziliter' Streiff Glarner ma. (1915) § 18.
D.
die wirkung des weins stuft sich ab nach menge und stärke des alkohols, den sich der trinker zuführt.
1)
die urtheile sind darum zwiespältig.
a)
der wein wird gepriesen, weil er freudig, aufrichtig, witzig, tapfer und freigebig macht:
joch muoʒ ein riuwic herze trœsten wîn
Steinmar d. liederdichter 76, 30 Bartsch;
hat die ruderknecht voller weins gefült vnd frölich gemacht Fronsperger kriegsb. 3 (1573) 148ᵇ; der wein ist gut, der frölich macht Lehman 2, 895; der wein ist ein warsager/in vino veritas sch. w. klugr. (1548) 18ᵃ; ebenso in den sprichw.-samml. bis Schellhorn (1797) 146; wein spricht wahr Alexis Rol. 1 (1840) 425; wein saltzt alles ein Lehman 3, 483;
lieblich winket der wein, wenn er empfindungen,
beszre sanftere lust, wenn er gedanken winkt,
im sokratischen becher
Klopstock od. 1, 84 M.-P.;
da woll'n wir sehn, wer mächt'ger ist, der geist
der gräber oder der des weins
Grabbe don Juan 4, 1;
es gibt ja auch kein geistiges vermögen, das durch körperliche genüsse eine so unmittelbare, stärkende und belebende nahrung erhielte, als die phantasie durch den wein ... so schärft der wein den stachel des witzes, belebt die geistreiche unterhaltung, würzt und erhöht die gesellige stimmung ... der wein macht den menschen freigebig und liberal Gervinus histor. schr. 7 (1838) 137f. im klassischen gesammtlob klingt das alles an: bruder Martin: der wein erfreut des menschen herz, und die freudigkeit ist die mutter aller tugenden. wenn ihr wein getrunken habt, seid ihr alles doppelt, was ihr sein sollt: noch einmal so leicht denkend, noch einmal so unternehmend, noch einmal so schnell ausführend Göthe I 8, 12 W.;
wein ist der glättstein
des trübsinns, der wetzstein
des stumpfsinns, der brettstein
des siegers im schach.
ja, wein ist der meister
der menschen und geister
Rückert 6 (1897) 60 Beyer.
b)
reichlichere mengen wirken verschieden je nach der art des trinkers:
man schankt in umb und umb,
dô wart der wîse tumb,
dô wart der tumbe witzig sîn:
secht daʒ macht alleʒ der wîn
Metzen hochz. v. 364 (Lassbergs lieders. 3, 408);
der wein ist wie der ihn trinckt vnd kan sich nach jedem kopff richten Lehman 2, 896. der zurückhaltende wird mittheilsam:
nechten do war ich gar truncken,
da redet ich nach gedunken
und was ich redet das tet der wein
Uhlands volksl. 248;
der wein nimpt kein blat fürs maul sch. w. klugr. (1548) 161ᵇ; wein redt vil, aber bösz latein das. 95ᵃ; entspr. Lehman 3, 135, 469; Eyering prov. 2, 315; das müszt ein vngeschlachter wein sein, der eim nicht giset latein ein Fischart Garg. 124 ndr.; wann der wein zu grund fellet, so schwimmen die wort empor Eyering prov. 3, 386; entspr. Schottel haubtspr. 1124; Harrebomée 2, 461ᵃ; beym wein gehet die zung auf steltzen Dentzler clav. 2 (1716) 275ᵃ;
der wein erfindet nichts, er schwatzt's nur aus
Schiller 12, 177 G.;
wir alle wissen, dasz er des edlen weines bedurfte, um gesprächig zu werden Holtei erz. schr. 3, 56. der sparsame wird verschwenderisch: der wein hat kein schrein Neander d. sprichw. 7 Latendorf; entspr. Schottel haubtspr. 1124; Harrebomée 2, 461ᵃ; wein hat ein offenen schrein Lehman 3, 469; entspr. Binder (1873) 210, der keusche keck:
vnd wann sy chomen von dem wein,
so wöllens vnbeschaiden sein
vnd treiben wunderlich gevert
Hätzlerin liederb. 288 nr. 75 Haltaus;
der wein schämt sich nicht Lehman 2, 896, der muthige tollkühn: mehr dann einer seiner kriegshelden ... haben, wann sie mit wein begossen, den beern allein stechen wöllen und es zu heisz gewagt, ihr leben oder gesundtheit verloren Kirchhof milit. disc. (1602) 92;
was giebt es da
zu danken? in Europa treibt der wein
zu noch weit andern thaten
Lessing 3, 77 M.
die geselligkeit gewinnt dabei: was wir an einem abend in leichtem übermuth der geselligkeit und des weins getrieben und gesprochen Göthe I 8, 219 W., ebenso die menschenkenntnis: die gestalt sihet mann in eim spiegel, aber das hertz sihet man im wein sch. w. klugr. (1548) 144ᵇ; entspr. Lehman 2, 896. 3, 41; Schottel haubtspr. 1124; Schellhorn 146; bey dem wein kennet man die leut Dentzler clav. 2 (1716) 346ᵃ; der wein ist die wage des menschen: lege deinen freund drauf und prüfe, wie viellöthig er ist Hippel 1 (1778) 218. üble folgen meidet der einsichtige: wer ... gedencken will, was er beym wein gesehen vnd gehört, der wird billich gehast Lehman 2, 799; was hinderm wein geredt, das gilt nicht 3, 467;
und wär'
mir auch ein rasches wörtlein über'n hof
entschlüpft zuweilen, in der lust des weins,
ihr wiszt ja, bös war's nicht gemeynt
Schiller 12, 255 G.
freilich sind schon hier einwände am platz. die gespräche verflachen:
dann wo man jetzund kompt zusamen
beim wein, zun leuten vnd in zechen,
hört man kein ernstlich ding nit sprechen
Scheidt Grob. 1342 ndr.,
dichter beginnen zu faseln:
da hat er, denck ich, bey dem wein
den heiligen geist genommen ein
in einer gstalt eins weiszen raben
Fischart nachtrab v. 783 Kurz;
wein ist der poeten heiliger geist Lehman 3, 469, die trinker werden zudringlich: der wein macht die männer zu böcken und die weiber zu geiszen Dentzler clav. 2 (1716) 346ᵃ, ruhmredig: der wein bramarbasirt aus deinem gehirne Schiller 2, 36 G., gewaltthätig: dann schlug sein mitleid in wut um, die der wein anfachte E. Zahn die da kommen (1909) 279. es geht nach einem guten bild: der wein sperret alle fenster auff im kopff, dasz der verstand seinen flug hat Lehman 2, 896, öfter nach einem scharfgeprägten wort:
der wyn hyn yn, die witz herusz
Murner mühle 1062;
entspr. Sachs 17, 498 K.-G.; Moscherosch ges. 2 (1650) 220.
c)
noch höhere gaben wirken körperlich: sîne kint ... trinkent des edeln wînes also vil, das sú wol trunken werdent Tauler pred. 53 Vetter;
zum dritten so mit überflus
wein trincket der flegmaticus,
der von wasser hat sein natur,
so gwindt er einer saw figur,
wan ihm der wein auffplet sein wampen
H. Sachs 4, 240 K.;
erfehrstu, das jemand zu bette sich gelegt,
der 'wein mein herr' an tisch geschrieben (wie man pflegt),
so lauff vnd wiedrumb ihn ausz seinem bette kehre
W. Scherffer Grob. 175;
wiewohl sie 'wein mein herr' geschryen und geschrieben hatten Grimmelshausen 1, 117 Keller; der wein das oberstübchen einnahm gött. stud. 2 (1746) 520; der wein ist mir in den kopf gestiegen Platen 2, 192 R.; kaum hält er vor wein die augen auf Mommsen röm. gesch. 2, 405; wir dürfen mit gewiszheit annehmen, dasz die trunkenheit grade so alt ist, wie der wein Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) VII. auch die verwüstenden wirkungen dieser stufe finden milde richter:
hett schon der wein mein eltern erschlagen,
ich wolt drumb keim kein trunck versagen
Fischart Garg. 130 ndr.;
der wein ist kein narr, aber er macht narren Kirchhofer schweiz. sprüchw. 171. weit überwiegend sind aber die harten urtheile:
der wîn ist der sêle slac,
swer in trinket über daz zil
Wiener mecrfahrt 663 Lambel;
der wein hat disen seelen allen schaden zugefügt Ambach v. zusauffen (1544) B 4ᵃ. namentlich wird der wein neben andre verführer zur sünde gestellt:
wenne bier und mete und starker wîn,
tanz, spil und tummiu frouwelîn
und vîretegelich müezikeit
tuont vil mêre übels denne guot arbeit
H. v. Trimberg renner 22523 lit. ver.;
hastu nye gehoͤrt, das die nacht, die lieb, der wein vnd die jugent manchen menschen überwinden? Albr. v. Eyb d. schr. 1, 28 Herrm.; entspr. Boltz Terenz (1539) 96ᵃ;
der glücklich reisen wil, der habe nichts zu schaffen
mit Venus, wein und nacht
J. Grob dicht. vers. (1678) 34.
stehend ist die verbindung von wein und weib (s. o. sp. 368): wein und weiber bethören die weisen Sir. 19, 2; wein vnd weiber machen alle welt zu narren sch. w. klugr. 142ᵇ; die grösten rauber seynd die weiber, wein vnd würffelspiel Lehman 3, 41; hat euch aber dieszmal wein und spiel in verlegenheit gesetzt, so hütet euch nun vor wein und weibern Göthe I 25, 137 W.;
drei W bringen uns viel pein:
weiber, würfelspiel und wein
Binder (1873) 206.
2)
die gesundheitliche wirkung des weins spiegelt sich im deutschen vielfältig wider: ich weisz nicht, ob es neidische götter in den wein gelegt haben, dasz er seinen übermäszigen genusz selbst straft Gervinus hist. schr. 7 (1838) 174.
a)
starke weine können muskellähmungen (vor allem zungenschlag) und sinnestäuschungen verursachen:
erstumme ich von des wînes kraft,
wâfen! so giuʒ in mich, wirt, durch geselleschaft
Steinmar d. liederd. 76, 39 Bartsch;
dazu kam noch ein körperliches übel, dasz mir nämlich nach tische die kehle wie zugeschnürt war, welches ich erst später sehr leicht los wurde, als ich einem rothen wein, den wir in der pension gewöhnlich und sehr gern tranken, entsagte Göthe I 28, 8 W.:
und meinem hause nah, dem wohlbekannten,
gewahrt' ich, und ich stand versteinert fast,
dasz hinter meinem fenster lichter brannten.
ich prüfte zweifelnd eine lange rast,
und fragte: macht es nur in mir der wein?
wie käm' zu dieser stunde mir ein gast?
Chamisso ged. ⁸406.
im übermasz genossen entstellt der wein:
der wein nimbt hin die schön gestalt
vnd macht die leut vor der zeit alt
Lehman 3, 386;
denn sie (die mädchen) hatten, das wuszt' er, so wie die feurigen weine,
seinen körper verderbt
Zachariae 1 (1763) 277.
er kann zu völliger lähmung führen: die von wegen desz starcken trinckens, durch ihre schwere wein und ungesunde lüfft dennechsten contrackt werden Guler v. Weineck Rätia (1616) 169ᵇ; wer sich mit wein überladt, der fesselt sich selbst an händen vnd füssen Lehman 2, 895. die eig. trinkerkrankheiten sind gichtisch: bei guͤten tagen vnd wein wil das podagram sein sch. w. klugr. (1548) 151ᵇ; entspr. Lehman 3, 28; Bremser med. paröm. 204; zipperlein Eyering prov. 1, 194. dasz trunksucht zum tod führen kann, weisz nam. das 17. jahrh.: gleichwol trägt man fast mehr zu grab, die das gefräsz und der wein, als die der feind umgebracht Birken lorbeerh. (1657) 21; weist du nit, o groszer fürst, dasz mehr durch den wein als durchs schwert fallen? Grimmelshausen Simpl. 475 ndr.
b)
anderseits gilt der wein als arznei: de wijn is medicijn Harrebomée 2, 461 a. im deutschen ist er seit dem 12. jahrh. als solche bezeugt: ad pectoris dolorem: siut die rûtun mit dem wîne unde mache ein lûtertranc mit der poleiun unde mit dem honege unde gib daʒ zi trinchenne diutisca 2, 272 Graff. in wein gelöst werden sonst ungenieszbare heilmittel gereicht: man schol eʒ geben mit herbem wein K. v. Megenberg b. d. nat. 355, 16 Pf.; desselben puluers der abt in einem glase mit wein ... Ferondo zu trincken gabe Arigo decam. 220 Keller; in gsottnem weyn genutzt, ist es (eselskot) guͤt dem zwärchdarm oder wäckerling das grimmen zuͦ verhüten Forer Gesners thierb. (1563) 45ᵃ; dasz weinrauthen und toback in wein ein stund geweicht ... den pestsüchtigen seye gegeben worden Abr. a S. Clara mercks Wien (1680) 132. der wein selbst wird gegen die verschiedensten schwächezustände verordnet: (dem aderlässer taugt) ein ringer vnd nit starcker, grober oder gemachter win Gersdorff wundarzn. (1517) 16ᵈ; nesselbletter mit wein gesotten vnd getruncken erweichen den harten bauch Bock kreuterb. (1551) 2; der wein ist vor den husten Steinbach 2 (1734) 964; sende mir Fachinger wasser ... Rehbein quält mich, dasz ich es mit weiszem wein trinken soll Göthe IV 28, 102 W.: sie (eine ohnmächtige) erholt sich. knabe, wein! Müllner 1 (1828) 50. als krankenkost gilt wein für unentbehrlich, auch wenn er sonst dem wolfeileren bier weichen musz: dem spitalmeister befehelen, dwile der wyn zu duer ist, bier bruwen laiszen, doch den siechen wyn zu geben nit abestellen K. Bücher Frankf. berufswb. 119ᵇ (1490). die wundarznei braucht nach Luk. 10, 34 wein als antisepticum: der wein hält das fleisch rein und frisch, dasz die wunden nicht faulen und eitern Luther 14, 33 Erl., von da auch im übertragnen gebrauch: die art, wie ich sie (ihre hand) verloren hatte, gosz weder wein noch öl in die wunde Bode empfinds. reise 1 (1768) 44. auch der brantwein (s. o.) ist urspr. als arznei gemeint: Wackernagel zs. f. d. alt. 6, 269; zu verhütung böser lufft tempore pestis ... ettliche ... nemen ein halb seidlin guts gebrannts weins vnd vermischen den mit ... theriac Gäbelkover arzneib. 2 (1595) 176. früh ist der wein in die thierarzneikunde übergegangen: man mag dem falcken warmen wein mit pfeffer darunder gemischet in den hals gieszen Mynsinger v. d. falken 25 lit. ver. er hat sich dort lange gehalten: nimm ein nöszel gebrandten wein, honig und weitzen mehl J. Walther pferde- und viehzucht (1658) 136, ebenso als mittel zur abrichtung: mit wein macht man die papagey schwätzen Lehman 3, 229. im übrigen gilt wein in seiner anwendung auf thiere als verirrt: welcher vergebliche vnnütze arbeit gethan, von dem sagt man: er hat ... den fröschen ein fuder wein zum bad verehret Lehman 2, 797;
(der hund) asz auch die gute leberwurst
und trank den wein für seinen durst
Hnr. Hofmann Struwwelp. (1845) 5;
de wijn is voor de koeijen niet gewassen Harrebomée 2, 461ᵇ.
c)
dasz wein den kindern nicht taugt, hat schon Luther gewuszt: alten leuten soll man wein schenckhen, junge kinder soll man mit milch trenckhen. vor acht jaren soll man keinem kind wein zu trincken geben tischr. 2, 188 W. wie bei ihm stehen die greise entgegen: wenn der wein die milch der alten ist, so ist die milch der wein der kinder Rosegger schelm⁵ 1, 378, in der prägung: guͦter wein ist der alten milch sch. w. klugr. (1548) 120ᵃ; Lehman 3, 135 u. o. andre sprichw. betonen die beflügelnde kraft dieser zuflucht der greise: wein ist der alten pferd, macht die alten beritten Lehman 2, 894; der wein hilft den alten aufs bein Binder (1873) 211. neben ihm bleiben dem alter wenig freuden: der alt musz seine stärcke in guter kost, gutem wein, weichem beth und warmen stuben suchen Lehman 1, 15;
du irrest, Salomo!
nicht alles nenn' ich eitel:
bleibt doch dem greise selbst
noch immer wein und beutel
Göthe I 3, 280 W.
3)
die wirthschaftlichen folgen des trunks drückt ein altes sprichwort bildhaft aus: es ist im hausz und hoff im wein ertruncken S. Franck sprüchw. (1545) 1, 42ᵇ; entspr. sch. w. klugr. 147ᵃ; Eyering 2, 544; Schottel haubtspr. 1124; Schellhorn 146. die geprägte form kann aufgegeben werden: das gröszte vermögen musz im weine zerflieszen J. A. Cramer nord. aufs. 1 (1758) 257. die seele ist dabei nicht nothwendig verloren: wer glück hat zum himmel, der kan den im wein nit versauffen Lehman 2, 779.
4)
die älteste nachricht über den wein bei den Germanen scheint diesen grundsätzliche enthaltsamkeit zuzuschreiben: vinum ad se omnino inportari non sinunt, quod ea re ad laborem ferendum remollescere homines atque effeminari arbitrantur Caesar bell. gall. 4, 2; entspr. 2, 15. aber das verbot wurzelt vielmehr in der sorge, römische händler möchten die trinklust der Germanen ausnutzen, um sklaven gegen einen krug wein einzutauschen: Müllenhoff d. alterthumsk. 2, 157; 4, 344. thatsächlich ist bei uns das ideal der enthaltsamkeit biblischen ursprungs: er wirt michel vorm herren vnd wein vnd byer trinckt er nit erste d. bibel 1, 196; der wein, zur notdurfft getruncken, erfrewet leib vnd seel, aber so man sein zu viel trincket, bringet er das hertzleid Sir. 32, 36. mit dem christenthum wird den Deutschen enthaltsamkeit gepredigt: guͦtú mursel und starken win und langes schlaffen, wer des wil pflegen, der endarf sich der wisheit minne niemer an genemen Seuse d. schr. 13 Bihlm.; es ist kommlich vnd guͦt, das einer nit fleisch esse, noch win trincke Zwingli freih. d. sp. 25 ndr. die sittenlehrer verlangen mäszigung:
swer trunken wirt von wînes kraft,
derst wol in sîner eigenschaft
Thom. v. Zirklaria w. gast 4291;
er hât niht wol getrunken, der sich übertrinket.
wie zimet daʒ biderbem man, daʒ ime diu zunge hinket
von wîne? ich wæne er houbetsünde und schande zuo im winket
Walther 30, 1;
lâ dich niht übergên den wîn
Winsbecke 9, 5;
wenne mete, bier und guoter wîn
und alle tage mit voller spîse
machent vil manic herze unwîse
H. v. Trimberg renner 9437 Ehrism.;
wer jetzt will ruhm und preisz einlegen,
musz sich weins, bauchs und betts erwegen
Henisch (1616) 206, 53.
die naturkundigen begründen das verlangen: dû scholt niht den wein trinken dar nâch und dû sein vil oder wênig hâst: dû scholt den wein dir selber trinken ze nutz nâch rehter mâʒ K. v. Megenberg b. d. nat. 350, 30 Pf.;
zwar hier (in der innern Schweiz) bekränzt der herbst die hügel nicht mit reben,
man presst kein gährend nasz gequetschten beeren ab.
die erde hat zum durst nur brünnen hergegeben,
und kein gekünstelt saur beschleunigt unser grab.
beglückte, klaget nicht, ihr wuchert im verlieren;
kein nöthiges getränk, ein gift verlieret ihr!
die gütige natur verbietet ihn den thieren,
der mensch allein trinkt wein und wird dadurch ein thier
Haller ged. 29f. Hirzel (die Alpen v. 221ff.).
auch für Göthe ist unmäszigkeit zunächst übermäsziger weingenusz: da sie von mäszigung sprechen ... so kann ich nicht bergen, dasz mir dabei die unmäszigkeit der männer, besonders was den wein betrifft, einfällt I 20, 176 W.; vgl. 2, 8. 7, 204f. aber die lehre, dasz wein gift sei, wird vom deutschen weinfreund zum scherz gewendet:
was soll ich länger auf der welt?
itzt sterb ich, spricht er, als ein held:
und läszt sich kapwein reichen.
er öffnet eine flasche wein,
und läszt, des giftes voll zu seyn,
sich noch die zweyte reichen
Gerstenberg Schlesw. lit.-br. 200 lit.-denkm.
der enthaltsamkeit werden schlimme folgen nachgesagt: der teuffel trinckt kein wein, vnd ist doch der ärgst schalck Lehman 2, 766; vielleicht mag auch diesz das feuer Canabichs schwächen, dasz er in seinem leben keinen wein trank Schubart ästh. d. tonkunst (1806) 138. Muhammeds weinverbot, früh bekannt: derhalb trincken sie auch kein wein noch ainich tranck, das truncken macht S. Franck chron. d. Türkei (1530) D 3ᵃ, entgeht nicht der verdrehung:
Mahomed soll leben!
den wein verbot er, weil er ihn so sehr
geliebt, denn das verbot, so schlosz er richtig
verdoppelt den genusz
Grabbe don Juan 4, 4.
enthaltsamkeit gilt als narrheit:
der wein hat vnd schenckt nicht ein,
musz doch wol ein narr vnd dölpel seyn
Lehman 3, 239,
vernünftiger genusz als wahre lebenskunst: trinck guten wein und lasz das wasser lauffen zur müle oder in Rhein Kramer 2, 1298ᶜ; den wein trincken wie ein könig vnd das wasser wie ein kuhe, ist heuszlich Lehman 1, 214; entspr. 3, 320; Lüpkes seemannssprüche 130. 141. auch der mann aus dem volk weisz für seinen wein vernünftige verwendung: der schüttet de wein au net in d schuh 'trinkt solange er hat' H. Fischer schwäb. wb. 6, 607.
5)
die zwiespältige einstellung zum wein löst sich im deutschen humor. mit dem unvermeidlichen findet er sich ab:
der fert starb, schenckt hewr nit wein
Hätzlerin liederbuch 281 nr. 72,
die bedingtheit giebt er zu: der wein ist eine süsze folter Kramer 2, 1298ᶜ. dennoch räth er zu herzhaftem genusz: die wijn voert, die wijn drinkt Harrebomée 2, 461ᵇ. entbehrung scheint ihm nicht menschenwürdig: hij gelijkt Bileams ezel, die wijn draagt, en niet dan water drinkt das. 462ᵃ; ein geytziger ist gleich wie ein gaul, der wein führt, vnd trinckt wasser Lehman 1, 278, so oft wirthschaftliche verhältnisse dazu führen mögen: wo der best wein wächst, da trinckt man den schlimmsten das. 496; de een tapt het wijntje, en de ander drinkt ervan Harrebomée 2, 461ᵃ. die macht des weins über den durst bleibt wider fragwürdig: übriger wein macht durst Lehman 3, 440, dennoch lautet der rath: wein musz man mit wein löschen, ein nagel treibt den andern das. 2, 780. denn der wein braucht seinen trinker (wie der sparer seinen verthuer th. 10 i 1934): was solt der gut wein, wann keine weren, die ihn zechten? Fischart Garg. 96 ndr. um den nachwuchs ist keine sorge: trinck wein, so beschert dir gott wein sch. w. klugr. (1548) 3ᵃ; entspr. Garg. 121 ndr.; desz Rheinstroms land gibt desto mehr wein, weil man so viel da trinckt vnd holt Lehman 2, 826. tröstlich klingt diese philosophie aus:
ich habe getrunken, nun trink' ich erst gern!
der wein, er erhöht uns, er macht uns zum herrn
und löset die sklavischen zungen.
ja schonet nur nicht das erquickende nasz:
denn schwindet der älteste wein aus dem fasz,
so altern dagegen die jungen
Göthe I 1 124 W.
E.
das beste am wein sind seine geselligen und kulturellen kräfte. er drängt zu geselligem genusz und hebt die geselligkeit: es gibt nichts ekleres als ein einsames saufen, nichts, was der bestimmung des weines so sehr entgegensteht, der die herzen öffnen, den verkehr traulich machen und die gemeinsame und laute freude erhöhen soll Gervinus gesch. d. d. dicht. 1 (1853) 295.
1)
im mittelalter ist er die beste gabe des fürsten an seine gäste:
mir ist sîn hôhiu fuor wol kunt:
und gulte ein fuoder guotes wînes tûsent pfunt,
dâ stüende ouch niemer ritters becher lære
Walther 20, 14;
dô giengens wirtes geste dâ man in sitzen riet.
vil der edeln spîse si von ir müede schiet,
und wîn der aller beste, des man in vil getruoc
Nib. 38.
er wird zum willkomm gereicht:
dô hieʒ man den gesten schenken den Guntheres wîn
Nib. 125.
wein gehört auf des königs tisch, und wenn er geliehen werden musz: den wein vor die königliche tafel must man von den bürgern in der stadt borgen Rätel Curäi chron. (1607) 255. auch bei mäsziger güte behält er als gastgabe sittigende kraft: wann graf Igel ... nachparlich zu ime käme, so wolt er ime sein sauren wein mitteilen, aber dergestalt künde er sein hauss nit öffnen Schertlin leben 129, doch bemüht man sich für den gast um den besten trank:
den gesten fürgetragen ward
vberaus sehr köstlicher wein
Thym Thedel v. Wallm. 1429 ndr.
undeutsch ist der kniff, die urtheillähmende kraft des weins gegen ihn selbst zu wenden: jederman gibt zum ersten guten wein, und wenn sie truncken worden sind, als denn den geringern Joh. 2, 10. doch wissen Deutsche die erfahrung von Kana in gutem bild zu nutzen: das glück machets wie zu Cana in Galilea: die gaben erst den sawren wein, zuletzt da die leut truncken worden den süszen Lehman 1, 371. gastespflicht ist, der beschwingenden kraft des weins nachzugeben: wer bey gastungen ... nicht frölich ist, der handelt wider desz weins vnd gastung gerechtigkeit das. 1, 256. damit lebt man dem sinn der geselligkeit:
gastung vnd fröligkeit,
ein schön weib vnd schön kleid,
guter freund vnd guter wein
sollen allzeit bey einander seyn
das.,
genieszt ihren lohn: er glänzte von wein und freude und unterhielt sich nach seinem ausdrucke köstlich Stifter 1 (1901) 85, und setzt sich ein für die gradheit und tüchtige ehrbarkeit jenes geschlechtes, unter dem wahrlich wahrheit und treue im weine war Gervinus hist. schr. 7 (1838) 172. insofern steht der gesellige genusz des weins in enger bez. zu kultur und kulturwandel: eine solche zeit war in Deutschland die reformation ... solche zeiten kennen den frohen genusz des weins und die gemüthlichkeit der regelmäszigen geselligen freude am tiefsten und innigsten Gervinus 7, 172.
2)
in richtiger erkenntnis, dasz der wein die eigenschaft hat, bisweilen, was sich nicht schickt, zu schicken Alexis Rol. 1 (1840) 396, hat der Deutsche von je kauf und rath durch wein erleichtert: es gibt doch vnter dem wein die besten keuff, ja die besten rhatschläg, als Tacit von den Teutschen meld Fischart Garg. 25 ndr.; beym wein macht man fried und verträg Lehman 2, 896; es gab keine verlobung, keinen handel und kein pactum, das nicht ein weinkauf begleitete Gervinus 7, 175, s. u. weinkauf. insonders besiegelt ein trunk jede versöhnung:
darmit gingens all paid zuͤm wein,
liesen die sach verichtet sein
H. Sachs fab. 351, 149 ndr.;
bey einem glas wein einen streit schlichten Serz t. idiotismen (1797) 174. die stehende sitte führt hier zu einer stehenden rede: wir wollen rheinischen wein drauff gieszen vnd die sach berichten Cochläus tragedi Hussen (1538) 7 ndr.; wenn wein an streitsachen gossen wird, so richt man mehr ausz als beym richter Lehman 2, 803; entspr. 2, 897. auch der unfreiwillige abschied von der welt wird mit wein begangen:
man pracht im (Pinzenauer) sant Johanns wein:
hab urlaub, liebe welte
hist. volksl. 2, 555 (1504) Liliencron;
sein untrew (wollen wir dem grafen) eintrenken,
sant Johans wein wir im schenken
das. 3, 160 (1514).
die wichtigkeit des weins im öffentlichen und familienleben fordert spott heraus: schweisz gibt den besten moͤrtel, doch meinten etliche zünfte, wein gebe einen noch bessern Riehl d. arbeit (1861) 137; taufen, geburtstage, hochzeiten, leichenfeier, käufe und verkäufe, aufnahme von lehrlingen und andern genossen, wahl der bürgermeister, rathsherren und zunftvorsteher, antritt eines amts, geschlechterverbindungen, verträge, kirchliche feste usw. gaben veranlassung zu gelagen und oft entschuldigende gründe zum vieltrinken. dem Deutschen ist kein geschäft zu geringfügig, dasz er nicht darauf trinken sollte Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) 203. noch lustiger ist die kunst der zecher, immer neue causas bibendi zu finden:
das ganze jahr hindurch soll wein
mein leibtrunk sein.
im frühling trink' ich ihn, die lust
der holden jahrszeit zu vermehren;
zur kühlung trink' ich im august,
im herbst dem gott des weins zu ehren;
im winter wärmt sein feu'r die brust,
dann trink' ich ihn, dem frost zu wehren
Ramler lyr. blumenl. (1774) 83;
man kann, wenn wir es überlegen,
wein trinken fünf ursachen wegen:
einmal um eines festtags willen,
sodann, vorhand'nen durst zu stillen,
ingleichen künft'gen abzuwehren.
ferner dem guten wein zu ehren,
und endlich um jeder ursach willen.
Rückert.
3)
das verhältnis der frau zum wein ist nicht einheitlich.
a)
zwar kommt seine erheiternde kraft auch ihr zu gute:
nu hôret waʒ der wîn tût:
er vreuwet trûrigen mût
beide vrouwen unde man
Wiener meerfahrt 652 Lambel.
dabei wird ihrem bes. geschmack rechnung getragen:
darnach der aller süszest wyn
der soll allein für d frowen sin
gesch. d. proph. Daniel (Bern 1545) G 3ᵇ.
sie ist unter umständen auch gern dabei: o mein lieber Hanns Paul! ... wann du zum wein oder bier bist gangen, so hast mich allzeit fleiszig mit dir genommen ollapatr. 178 ndr. aber an ernstlichen gelagen nehmen nur verrohte frauen theil:
bit die vrouwen dîn,
daʒ si mit uns wîn
ûʒ dem legel sûfe
Neidhart minnes. 3, 237ᵃ Hagen.
die herkömmliche einstellung ist vielmehr weiblicher kampf gegen den männertrunk: (Hans hatte) allererst einen streit mit seinem weib gehabt, die ihm den wein alle tag auff ein halbe masz, er aber auff drey halb masz taxiren wolte Moscherosch ges. 2 (1650) 293;
die weiber, die den männern fluchen,
wenn sie zu oft zu weine gehn
Hagedorn 3, 48,
so dasz im ganzen der wein doch ein ausgesprochnes männergetränk bleibt: kaffee, den er ... nur der mutter wegen trank, die diesen weiblichen wein noch zwei tage darauf über die hefen des bodensatzes abzog Jean Paul 4, 137.
b)
zwiespältig sind darum auch die formeln, in denen männer weib und wein zusammenstellen. der spruch:
wer nicht liebt weib, wein, gesang,
der bleibt ein narr sein lebenlang
wird erst von J. H. Voss im Wandsbecker boten 1775 nr. 75 auf Luther zurückgeführt: Büchmann gefl. worte ²⁵ 99f. beflügelt wurde die legende durch Zach. Werner Martin Luther (1807) 4, verwandte sprüche sind alt und neu:
ich sprich wol: wein und weyb
freuwent maniges mannes leib
H. v. Neustadt Apoll. 3425 Singer;
dann nichts bessers ist in der welt,
dann wein, weiber und auch par gelt
J. Ayrer 4, 2755, 33 Keller;
ohne frawen vnd wein
können männer nicht frölich seyn
Lehman 1, 161;
wein, weiber, seytenspiel,
sind der menschen frewdenspiel
3, 483;
es leben die alten,
die weiber und wein
viel höher gehalten
als edelgestein
J. M. Miller ged. (1783) 43.
echt lutherisch ist die scherzhafte fassung: der wein und weyber bringen manchen zuͦ jamer und machen in zuͦ eym narren, darumb wollen wir alle weyber toͤdten und allen weyn verschütten 10 iii 33 W. auch in den jahrhh. seither wird der zwiespalt mit vorliebe humoristisch gelöst:
ich könnte viel glücklicher sein —
gäb's nur keinen wein
und keine weiberthränen!
Göthe I 2, 259 W.;
überhaupt denk' ich: es sey um diese kunst ein betrüglich, aber doch nützlich ding, ungefehr so wie um — wein und weiber Bräker 2 (1789) 183;
komm, trinkt mal, kinder!
vier w-en bring ichs, die dem leben heizen:
wein, weib und weisheit und — ein tiefes weh
Gött edelw. (1901) 52.
von haus aus undeutsch ist die formel der anakreontik:
daher soll süszer wein,
bey dem die freunde sind,
wie auch ein liebes kind
noch mein vergnügen seyn
Triller poet. betr. 1 (1750) 519;
sein lied ist lieb und wein
Lessing 1, 9 M.
sie bleibt bewuszte entlehnung:
willst du nicht bey scherz und wein
gleich den Römern glücklich seyn?
Kretschmann 1 (1784) 79;
ströme von süszem wein dufte die erde dir zu,
dasz noch deine asche, dasz deine gebeine sich laben,
o Anakreon
Herder 26, 15 S.
echt ist die innere abkehr:
zu wein und liedern wähnen die thoren dich
allein geschaffen
Klopstock od. 1, 29 M.-P.
deutscher art gemäsz ist daran das verhältnis des weins zur musik. das mag gelegentlich mit herber negation ausgedrückt werden: wo wein gebricht, da laut die sackpfeiff nicht Henisch 1396; der wein ist thewer oder sawer, den man einspielen oder einsingen musz Lehman 2, 895, kommt aber doch von innen heraus:
von diesem bulen, den ich mein,
will ich dir bald eins bringen.
es ist der allerbeste wein,
macht mich lustig zu singen
Fischart Garg. 127 ndr.
4)
mythologie. die klassischen gottheiten des weins beginnen im 13. jahrh. bei uns eine rolle zu spielen:
Bachus hât gewaltes vil,
des ich ein teil bescheiden wil:
eʒ muoʒ nâch dem gewalte sîn
ûf reben wahsen uns der wîn
Rud. v. Ems Barl. 245, 4 Pf.;
(Dionysos) was der êrste der ouh gap
den Kriechin solichen urhap
das si begundin bûwen wîn:
des muoster sêre geêrit sîn,
wand er sît wart ubir al diu lant
des wînis hôhster got genant
weltchron. 10474 Ehrismann.
in den hilfsmitteln des 15. jahrh. werden auch entlegnere beziehungen gedeutet: Lyeum/wein, got des weins Diefenbach gloss. 329ᵃ; Nyctilius/wein, got des weins das. 380ᵃ; cunctalis / goddinne des wynes n. gloss. 123ᵇ. Bacchus wird früh von spott umspielt:
darffstu eins guͦten gasts zu dir,
so bring Bacchum auch her zu mir.
dann er ein guͦter schlucker ist,
dem nimmer küler wein gebrist
Scheit Grob. 50 ndr.;
Ganymed und Hebe bleiben farblos:
den Jupiter selbs hat bestellt,
das er sein eigner mundschenck sein
und jhm credentzen solt den wein
Spreng Äneis 2ᵇ;
Hebe die göttin schencket ein
den lieblichen und süszen wein
ders. Ilias 39ᵃ,
während die trinkfreude der götter, die sage von den wein quellen und die trankopfer an die himmlischen verständnis finden:
die götter all in einer sumb
versuchten zimlich disen wein
das. 12ᵇ;
das volck folgt jauchzend seinen (des Bacchus) spuren,
und honig, milch und wein strömt von der hügel höh
Pyra u. Lange 71 ndr.;
Andros, insel von Bacchus begünstigt. der quellgott, auf einem lager von traubenblättern, ertheilt wein statt wassers Göthe I 49 i 75 W.;
wenn er am weihungstage den ersten wein
ihm opfernd geuszt
Mastalier ged. (1774) 121;
den alten wein gosz der priester opfernd zu den füszen des gottes aus Raumer gesch. d. Hohenst. 1 (1823) 369. gegen die klassischen mythen wenden sich die barden:
(soll der deutsche barde) singen ein trunkenes, rasendes weiberheer
mit dem schläfrigen geber des weins?
Denis lieder Sineds (1772) 225.
nach 1. Mos. 9, 20 wird Noah in bez. zum wein gesetzt:
ouh bût er mit dem vlîʒe sîn
nâh wîne rebin, dâran wart wîn,
der guot, starc und süeʒe wart.
alse dô der wîn nâh sînir art
gelesin wart und er gejas
und wol in wînis kreftin was
komen, in tranch Noe zehant,
des wînes sterche er schiere empfant
Rud. v. Ems weltchron. 928ff. Ehrismann;
er ist auffs Adams hochzeit gwesen
vnd hat Noe wein helffen lesen
Eyering prov. 2, 226.
als weinheiliger und kirchenpatron von reborten gilt Urban: (die häcker werfen ihn) jemmerlich in das kott oder dreck, so es an seinem tag regnet, ist es dagegen schön, so tragen sie ihn gen wein in das wirtshaus, setzen hinder den tisch, behenken ihn mit weinreben und vertrinkhen ihn papistenb. (16. jahrh.) Germ. 17, 83; sein fest wird an dem ihm geweihten 25. mai gefeiert, besonders in Stuttgart, wo sein aus einer rebe geschnitztes und reich geschmücktes bildnis als pokal präsidirt. vom vielen trinken zog man sich st. Urbans plag zu, welches der volkstümliche ausdruck für podagra war Rud. Schultze gesch. d. weins (1867) VI. in wetterregeln werden auch andre heilige für den wein wichtig: auff sanct Martin uͦbt man guͦten win Fischart pract. 22 ndr.;
Pankraz (12 mai) und Urban sonneschei
füllt d fässer mit gutem wei
H. Fischer schwäb. wb. 6, 606.
eine versöhnung d. versch. schutzherren wird möglich zu einer zeit, die den glauben an alle verloren hat: die ersten pfleger des weinstocks preist die geschichte unter den wohlthätern der menschheit und den verbreitern der bildung: der fromme Noah war gottes auserkorener, trotz der unschicklichkeiten, die sein wein hervorrief; und der alte Dionysos ein freundlicher gott mit allen rasereien seines dienstes, und der Urban des mittelalters ein heiliger, obwol ihn der wein zu den höchsten greueln dahinrisz Gervinus hist. schr. 7, 167f.
5)
von der wichtigen und selbstverständlichen rolle her, die der wein im alten Judäa und darum im alttestamentlichen kult (Ed. Busse der wein im kult des alten test., theol. diss. Freiburg i. B. 1922), zumal in der passahfeier (V. Zapletal der wein in der bibel, 1920, bes. s. 58ff.) spielte, ist er als sacramentale ins neutestamentliche abendmahl gelangt: Matth. 26, 29; Mark. 14, 25; Luk. 22, 18. die mystik des 14. jahrh. sucht das wunder der wandlung zu erschlieszen: des menschin natûre formac, daʒ si spîse forwandele zu fleische und zu blûde: so ist eʒ muglicher daʒ fon gotlicher craft wîn und broit wirdit gewandelit in godis lîchamen meister Eckhart bei Strauch, parad. animae 106. die geistliche lyrik schuf lieder zur evang. abendmahlfeier:
das wir nymmer des vergessen,
gab er vns seyn leib zuessen,
verborgen ym brott so klein
vnd zu trinken seyn blut ym weyn
Luther (1524) bei Ph. Wackernagel d. kirchenl. 3, 9;
das recht oster-lämmelein
wir essen heut im brod und wein
Nik. Hermann bei Schamelius ev. lieder-comm. 1 (1737) 189;
das grosze sacrament, da wir gott selbsten essen
in und mit brot und wein
Fleming d. ged. 1, 9, 150 lit. ver.;
beym wein ist, was geflossen
zu tilgung deiner schuld
P. Gerhardt 3, 446 Fischer-Tümpel.
die kath. lyrik folgte:
durch sein mechtiges wort allein
weien wir brot und weine
zu eim gnaden opfer rein
kath. kirchenl. 1, 702 Bäumker;
nihm hin mein hertz, o Jesulein,
flösz' ihm ein
deines süszen hertzens wein
J. Scheffler seelenl. 47 ndr.
seltener und später ist anlasz, die heilige handlung in weltlicher prosa zu schildern: in dem heiligen abendmahl ... werden ausgetheilet zwei dinge, als ein irdisches, welches ist brod und wein Schweinichen denkw. 2; wie Christus in person der hochzeit zu Kana angewohnet hat, so will er ... in euere jungfräulichen herzen eingehen unter den spezien von brot und wein Handel-Mazzetti Jesse 1 (1911) 82. dichter wandeln den kirchlichen vorgang zum bild: man liesz im schwebenden schiffe die erde hinter sich liegen, wie eine köstliche speise, wenn der heilige wein gereicht wird Hölderlin 2, 105 Litzm. kirche und mission haben den weinbau über die ganze erde verbreitet: (der patriarch verordnete, dasz) brot und wein ... zum abendmale nothwendig sey Ritter erdk. 2, 288; (der wein wird) unter den Griquas nur von missionnairen gebaut Gervinus 7, 180. die sachlichen anhaltspunkte, die das neue testament gibt, sind von oft beklagter kargheit, weshalb Luther gegen Karlstadt spottet: weyl wyr nicht wissen und der text nicht gibt, ob es rot odder blanck weyn gewesen ... sey, werden wyr yn dem zweyffel die weyl mussen das abentmal lassen anstehen 18, 115 W. der bedarf der kirche ist gering, aber der Deutsche weisz sich zu helfen: es wächst zu viel wein für die messe und zu wenig für die mühlen, also trinkt man ihn Binder 211. dem abendmahl nachgebildet ist das einstupfen (th. 3, 317) als symbol feierlicher verbrüderung: auff den fall auch, da zween, drey oder mehr wilderer, mit einem eid, handgelübd, beym wein mit einstüpffen, oder in andere dergleichen verbottne weg sich zusamen verbunden, dasz sie wildbret schieszen und sich den vorstleuten nicht gefangen geben ... wöllen würt. ordn. v. strafe der wild. (1651) 11. auszerhalb des abendmahls braucht die kirche geweihten wein bei trauung und kirchweih:
über den wein sprech an dem traualtar
der priester währenddem die weihgebete
Gries Ariost 4, 53;
bischof Konrad wohl berathen
kommt mit heilgem öl und weine ...
legt geschickt die gründungssteine
Arnim kronenw. 1, 151.
das christliche abendmahl wird vorausgesetzt beim gebrauch zu weltlicher feier:
dasz bei des jahres brod und weine
frei unter off'nem himmelssaal
die völker feiern im vereine
das erste bundesabendmahl
Rückert 1 (1867) 117.
F.
bildlicher gebrauch, schon bisher mehrfach gestreift, ist überreich entwickelt.
1)
im blickpunkt steht vor allem die erfreuende und erquickende kraft des weins:
sô milte ist dîner minne wîn
lobges. 63 zs. f. d. alt. 4, 537;
dâ im die minne iren wîn
wol lobelîchen schenket
pass. 259, 86 Hahn;
alsô waʒ diu hymelsche wînrebe, unser liebiu vrowe, dêmuͤtig und verworfen ûswendig und brâhte den hymelschen wîn Georger pred. 293 Rieder;
viel menschen wollen zwar vergnügt alleine leben ...
sie schmecken nicht der liebe wein
Neukirch anfangsgr. (1724) 769;
alles ward (im alten orient) als muttermilch und väterlicher wein gekostet Herder 5, 484; entspr. 13, 304. 22, 34;
und ir kuss war götterbrot,
glühend wie der wein
Göthe I 1, 14 W.;
in verarmter wittwen krüge
schüttest du der stärkung wein
Salis ged. (1793) 11;
freude schweift in die welt hinaus,
bricht jede frucht und kostet jeden wein;
riefe dich nicht das leid nach haus,
du kehrtest nimmer bei dir selber ein
Geibel 3, 62 (neue ged.).
erst darnach tritt die berauschende kraft hervor: (Mars bittet Fortuna) du wollest die kriegsuͤchtige menschheit ... mit dem wein deiner scheinsüszigkeit ... trunken machen Schottelius friedens sieg (1648) 18 ndr.;
gefallen ist die grosze wunderstadt,
die durch den wein der hurereyen ...
die völker aller welt bisher bezaubert hat
Gottsched ged. 1 (1751) 293;
sie mögen vom wein des unsinns trunken uns als einfältige und narren verlachen Wieland I 2, 459 akad.; wenn Emilia nicht völlig die wirkung eines ungewohnten betriegerischen weines auf ihn gehabt hat Lessing 18, 53 M.; wer sich in einer ausländischen schrift berauscht hat, es sey wein oder weingeist darinn gewesen Klopstock gelehrtenrep. (1774) 81; die schwärmerei ihrer vom wein der philosophie benebelten vernunft Jung-Stilling 2, 294; ich warf den dreck ... bei seite und berauschte mich im echt kernigen wein der erinnerung Hebbel br. 1, 11. auch der vorgang der gährung (s. o.) wirkt dabei bildkräftig: ehe der wein mild wird, gährt er brav in die höh' maler Müller 1, 279: der gährende wein der liebe wird ruhig und still in der ehe Vischer ästh. 2, 174.
2)
der wein ist in aller lebenshaltung so wichtig, dasz man durch den vergleich mit ihm vorgänge, verhältnisse und verkehrtheiten des alltags deutlich machen kann: alle dinc wirkint sich selber, ein iclich sine nature. warum inwirkit di nature des aphilbaumis nicht wien et e contrario? meister Eckhart bei Strauch, parad. animae 123; er wil den wein im heiszen ofen külen Eyering prov. 2, 459; von da Schottel haubtspr. 1115; Schellhorn sprichw. 74; wenn ein ding zu end ist kommen, so sagt man: der wein ist ausz Lehman 1, 195;
das land voll männer, stark wie ihr wein und reif
Stägemann kriegsges. (1813) 8;
wem sie mal auf die schulter klopfte ... dem war es wie ein tropfen starken weines, der nach langer mattigkeit ... die glieder wieder stärkt Alexis hosen 1, 15; dasz ihr den guten wein stehen gelassen, um in die rechte schmutzbrüh zu fallen K. Spindler für stadt u. land 1 (1852) 51. vollends ist das bild vom wein geeignet, religiöse, geistige und künstlerische beziehungen zu erläutern: lasz sie tzuvor milch saugen ... darnach sollen sie weyn trincken und auch lernen, wie er warhafftiger gott sey Luther 11, 336 W.;
den gemeinen verstand lud nun der abstrakte zu weine
Schiller 11, 190 G.;
mystisch heiszest du ihnen,
weil sie närrisches bei dir denken,
und ihren unlautern wein
in deinem namen verschenken
Göthe I 6, 41 W.;
den wein der freiheit nippt man nicht, man trinkt ihn aus dem vollen Prutz polit. wochenst. (1845) 122; selbst aber das geschäft übernehmen konnte ich nicht, wenn ich nicht dem herben weine meiner denkungsart einen unächten beisatz geben ... wollte K. F. Meyer Jenatsch 338; hausfreunde, die noch mit dem edlen wein der classischen zeit getränkt worden waren P. Heyse jugenderinn. (1900) 369.
3)
neben und über allem herkömmlichen ist raum für dichterische bilder von einmaliger prägung: (da er) nach der alten unart die fertig gebrannte kalkgrube seines zornes mit wein auslöschte Jean Paul Titan 1 (1800) 99;
den wein der sonne schlürft das meer am abend
Platen 1, 611 R.;
uns ist's nicht gall' im wein,
wenn andre froh sich laben
Geibel 4, 227 (heroldsr.);
was hilft mir mein blut, wenn es reift wie der wein?
es kann aus dem meer nicht den einen schrein,
der mich am meisten geliebt
Rilke buch d. bilder ²16.
G.
-wein ist zweiter bestandtheil von mehr als 300 zusammensetzungen (die in früheren bänden übergangenen gesperrt): abendmahls-, abschieds-, absynth-, affen-, alant-, altar-, ansing-, apfel-, apostel-, arznei-, auffüll-, ausbruch-, ausländer-, auslands-, auslese-, ausstich -, bann-, baum-, beer(en)-, berg-, beschlusz-, besoldungs -, birken-, birnen-, bitter-, boden-, bohr-, bolen-, boten-, brach-, brant-, braten-, brause-, braut-, brenn-, dattel-, deputat-, dessert-, dichter-, ding-, doctor-, doppel-, dreimänner-, dreikönigs-, eck-, edel-, ehr(en)-, eier-, eis-, eisen-, elster-, endivien-, erb-, erdbeer-, esels-, essich-, fahnen-, fasz-, fein-, fenchel-, fest-, feuer-, firne-, first-, fisch-, flaschen-, flieder-, flitter-, forder-, fotz-, franz-, frei-, freuden-, frosch-, frucht-, frühstücks-, fuchs-, fuder-, fuhr-, füll(e)-, funkel-, fürsten-, gänse-, gänsfüszer-, gersten-, geschenk-, gesinde-, getreide-, gleich-, glüh-, glut-, gold-, götter-, gratias-, groschen-, gulden-, häftel-, halb-, hängel-. hanse-, harfen-, harz-, haupt-, hefen-, heil-, herren-, heunisch-, himbeer-, himmel(s)-, hirschzungen -, hochzeit-, höllen-, holunder-, honig-, huren-, jagd-, jahr-, insel-, johannis-, johannisbeer-, jung-, jungfern-, junker-, kabinett-, kaiser-, kamm-, kämp-, kandel-, kapital-, kelter-, kern-, kirchen-, kirsch-, klein-, kloster-, knechts-, kneip-, koch-, kometen-, kommunion-, konep-, korallen-, korinthen-, korn-, koste-, kranken-, kräuter-, kunst-, labe-, lamms-, land-, lauer-, lauter-, lebens-, leck-, lecker-, leib-, leisten-, leiten-, liebe-, lieblings-, likör-, löffelkraut-, löwen-, lotus-, lumpen-, lust-, magen-, mai-, maienkräuter-, malz-, mark-, marter-, maulbeer-, melissen-, mesz-, milz-, mistel-, mittel-, morellen-, morgen-, most-, mund-, muskat-, muskateller-, mutter-, myrrhen-, myrten-, nach-, nachdruck-, nacht-, nachtmahl-, nagel-, natur-, neige-, nektar-, obst-, ochsenzungen-, opfer-, oster-, palm-, pech-, petersilien-, Peter-Simons-, präsent-, presz-, purpur-, quitten-, raps-, reif-, reis-, richt-, rinn-, rosen-, rosinen-, rosmarin-, rot-, sack-, salbei-, sand-, sau-, sauer-, sause-, schaufel-, schaum-, schenk-, schieler-, schiller-, schlecker-, schlehen-, schmalz-, schmerzen-, schoppen-, schul-, schuld-, schwell-, see-, seelen-, seif-, seiger-, sell-, senf-, span-, speise-, spende-, spohn-, spring-, stachelbeer-, stahl-, standen-, stärkungs-, staub-, stauf-, stein-, sterbe-, strauch-, stroh-, strumpf-, stupfel-, süd-, süsz-, suppen-, tafel-, taumel-, teufels-, thal-, thau-, theil-, thränen-, tinten-, tisch-, toten-, trauben-, trauer-, trauf-, treber-, trester-, trockenbeer-, trompeten-, tropf-, trost-, tröster-, trüb-, trusen-, Türken-, ufer-, vergesz-, verlobungs-, verschnitt-, viertel-, wachholder-, wälsch-, weiber-, weichsel-, weisheits-, weisz-, welt-, wende-, wermuth-, wetter-, willkommen-, winter-, wolfs-, würz-, ysop-, zapfen-, zehngroschen-, zehnt-, zitronen-, zorn-, zuckerwein.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 820, Z. 7.

weinen, adj.

weinen, adj.
'von wein': Frischlin nomencl. (1586) 37ᵃ; vineus, vinaceus / weinin nomencl. (Hamb. 1634) 93; 'weinfarben, weinroth'(?): da hett unser frow eynen weynen mantel an sommert. d. heiligenleben (Augsbg. 1472) 120ᵃ (fehlerhaft für weytten?).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 878, Z. 56.

weinen1, v.

¹weinen, v.
zu wein, m. im sinn von ¹weineln: wer die küten schelt und si legt in ain gepichteʒ vaʒ und regenwaʒʒer daran geuʒt, so wirt daʒ waʒʒer weinend Megenberg b. d. nat. 320, 24 Pf.; entspr. 387, 4; weinen/ vinum sapere, olere, referre Stieler 2478; Feuerstein 134f. dann auch 'wein trinken': die von Etolien wenig gedachten, dasz sie in der fynd landt weren ... sonder tag und nacht zuͦglych mit schlaffen und weynen hyn brachten Carbach Livius (Mainz 1514) 212ᵃ; ebenso H. Fischer 6, 611; 'mit wein versorgen': L. v. Maurer, über das gerichtliche weinen und beweinen gel. anzeigen (München 1846) nr. 150; 'mit wein versetzen': biszweilen weint man das wasser Guarinonius (1610) 672; 'wein kaufen': so ein bürli wynet, das heiszt, kauft etwas wein, um denselben daheim zu genieszen J. Gotthelf schriften 19, 129; entspr. 4, 280 und H. Fischer 6, 612; '(brannt)wein destillieren': Jacobsson 4 (1784) 623ᵃ; Prechtl 3 (1831) 29. s. o. weinblase.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 878, Z. 61.

weinen2, v.

²weinen, v.
ahd. weinôn, mhd. weinen, mnd. mnl. wênen (weinen), nnl. weenen, afries. wênia (wainia, weinia), ags. wánian 'klagen', anord. veina 'jammern', ält. dän. vene sig 'klagen'; got. das unverwandte qainôn, doch adj. wainahs 'elend'. germ. ableitung *wainôn zur interj. got. wai (s. weh o. sp. 1), urspr. somit 'wehe rufen' (wie ächzen 'ach schreien'). vergleichbar lett. waidêt 'jammern, wehklagen', lit. vainóju 'schmähe, schelte, schimpfe'. als lautmalende bildung ist weinen schon Adelung klar, während noch Wachter (1737) 1852 von got. gaunôn 'trauern' ausgehen wollte. in Augsburg 1478 scheint das verb an wange f. angelehnt, s. th. 13, 1778; H. Fischer 6, 412.
I.
verbreitung. von 1300 belegen gehören 50 der zeit vor 1400 an, 74 dem 15. jahrh., 220 dem 16., 183 dem 17., 357 dem 18., 383 dem 19. jahrh., 33 der zeit nach 1900. von Klopstock bis Jean Paul dauert die lit. blüthezeit des weinens. als wort der gebildeten, ernsthaften umgangssprache gilt weinen von anbeginn ohne schwanken und einschränkung. auch in der halbmundart ist es seinen synonymen überlegen. mundartlich wird es gebucht z. b. von Schmeller bair. 2, 921; cimbr. 174; Bacher lusern. 235; Schöpf tir. 46; Danneil altmärk. 246, lieber jedoch durch sinnkräftigere wörter ersetzt: Campe 5, 647, z. b. siebenb. durch schreien Seemüller Wiener sitz.-ber. 161, 33; steir. grimsen, zarren Unger-Khull 307. 643; kärnt. rear·n, plérr·n Lexer 254; östr. rotzen o. th. 8, 1328; schwäb. bellen, bräugen, bregen, brellen, briegen, greinen, heulen, heunen, plärren, schreien, zännen H. Fischer 6, 611, schweiz. brieggen, brüelen, flennen, rärren, schreien Kluge etym. wb. ⁹ 487; els. blerre, brüele, grine, hüle, schnupfe, träne Martin-Lienhart 2, 828 f.; Henry Colmar 237; Mankel Münstert. (1883) 169: rheinfr. krainə, hailə Lenz vgl. wb. 77ᵃ; mrhein. greinen, heulen, kreischen, hess. flennen, kreischen, heulen Kluge; moselfr. schreien, nrhein. janken, grînen, bröllen Maurmann Mülh. 38. 85; Taubergr. greinen, flennen Heilig ostfr. § 79. 121; Salzungen flennen, kreischen Hertel 51; thür. fitzeln, querren Hertel 256; eichsf. hīlə, krēlə, plēkə, tûtə, khnauwe, pūstə, plerə, trę̄ne Hentrich 21; vogtl. greinen Gerbet 358; gött. hǖlen Schambach 293; helgol. blārə, gāl Siebs 315. diese verdrängung bereitet sich früh vor: Joel 2, 1 liest die erste deutsche bibel (1466): weint an meim heiligen berg, die von Augsburg 1475: heulent oder weynent, die Nürnberger von 1483: hewlet 10, 33 Kurrelm. noch weiter weist zurück, dasz der ausfall dem moselfr. mit dem siebenb. gemein ist. Elisabeth bezeugt ihn, wenn sie larmoyer und plourer ihrer frz. vorlagen mit schreien widergibt: W. Liepe Elisabeth von Nassau-Saarbr. (1920) 235 f.
II.
grammatisches.
A.
lautlich bietet weinen kaum besonderheiten.
1)
ahd. weinôta führt zu mhd. weinete, doch erscheinen formen mit -ô- noch im älteren mhd.: Lexer 3, 743 f., alem. noch ende des 14. jahrh. prät. wainot' Wernher Marienl. 577; thür. weinite parad. anim. 61, 6 Strauch. weinete ist bis ins 18. jahrh. möglich: 1. Mos. 21, 16; Faustb. (1587) 59 ndr.; volksb. v. geh. Siegfried 64 ndr., am längsten wider alem.: einer der im ernst weinete Bodmer slg. krit. schr. 1 (1741) 28. in versen ist die dreisilb. form noch spät im 19. jahrh. möglich:
da weinete das edle weib
in ungestillter qual
Rückert 1 (1867) 97.
2)
schreibung mit ey steht bis ende des 18. jahrh. wahllos neben der mit ei: weynen Calepinus XI ling. (1598) 52. 107, weinen 525. 570. noch 1793 hält H. Braun orth. wb. 302 für nöthig, schreibung mit ei ausdrücklich zu fordern.
3)
seit diphthongierung des î ist wortspiel mit wein möglich: der wein, sagt ... Petrarcha, macht die freundschaft, und das weinen setzt sie auff die probe Harsdörfer t. secr. 1 (1656) 13;
beim wein wird mancher freund gemacht,
beim weinen auf die prob gebracht
Binder 211;
wenn er unter wein ist, ist ihm immer das weinen nah Fontane I 6, 60; entspr. Prätorius saturn. 4; P. Gerhardt bei Fischer - Tümpel 3, 390; maler Müller 1 (1811) 125. gelehrte spielerei bleibt Neumarks vers:
jedoch, Weinmar, weine nicht!
neuspr. t. palmb. 370.
mundartecht ist das wortspiel mit wahnen 'abnehmen' (zu mhd. wan 'leer'): was lär stêt, waint nicht Schmeller 2, 921; vgl. das. 916 und o. th. 13, 649.
B.
die formen von weinen sind ungleich entfaltet.
1)
passivum tritt erst seit mitte des 18. jahrh. und zunächst nur im part. prät. auf:
hast du geweinte, geliebte sorgen,
lasz mich mit dir sie sorgen
Klopstock oden 1, 118 M.-P.;
eine der menschlichkeit
geweinte thräne flosz
F. L. Stolberg 1, 2;
mit dem nasz geweinten schleier
lösch ich meine thränen aus
Bürger 11ᵇ Bohtz,
erst um 1800 auch im präd.:
dasz diese heiszen thränen, die mir wider willen
entstürzen, dir geweint seyn müssen
Shakespeare, Lear 1, 4.
im 19. jahrh. sind präs., perf. und prät. pass. möglich:
dort, wo keine thräne wird geweint
Schiller 11, 373 G.;
die thränen,
die eurem streit geflossen, sind und bleiben
geweint!
13, 259;
es wurden sehr viele thränen geweint Stifter 5 i 116. auch medialer sinn stellt sich zunächst beim part. prät. ein: wie ein roth geweintes mutterauge Grabbe 2, 19 Grisebach; mit den müde geweinten augen Stifter 1, 282, ganz vereinzelt im verbum finitum: Fritz, ein kleiner ... junge ... kommt herein geweint G. Hauptmann weber (1892) 26. dieser ganze gebrauch gilt nur in gehobener sprache. in 99% aller belege herrscht das activum.
2)
von den zeitformen ist das futurum wenig entwickelt. mhd. kann umschreibung mit sollen fut. sinn haben:
ich sol in allen mînen tagen
weinin billich unde clagen
Rudolf v. Ems weltchron. 17357 Ehrismann.
sie reicht ins frühnhd. hinein: wer hie nichts denn freud und lust suchen und haben, die sollen ewig weinen und heulen Luther 32, 312 W., und klingt im conj. noch heute futurisch: er wollte mir bald ein kreuz zeigen, bei dem ich weinen sollte Göthe I 43, 295 W. werden mit inf. weinen ist noch im 16. jahrh. selten: dergleichen auch die kaufleut allenthalben werden klagen und weynen Sleidan reden 70 Böhmer; weh euch, die ir hie lachet, denn ir werdet weinen Luk. 6, 25, und bleibt es bis auf die klassische zeit: die unvernünftigen creatur werden mit mir weinen schausp. engl. kom. 32 Creizenach; auch die gröszte tugend wird auf dem throne bitter weinen Schönaich Heinr. d. vogler 49. seit 1779 mehrfach in versen:
unablässig werd ich dich weinen
(τῷ σ' ἄμοτον κλαίω Ilias 19, 300)
F. L. Stolberg 12, 248;
eine thräne wird er weinen,
und ich weisz nicht was er weint
Göthe I 2, 117 W.;
ihr schmerz wird sanfter werden. sie wird weinen
Schiller 12, 373 G.;
er wird nur seinen stillen gram,
in hain und auen, lauter weinen
Gökingk 1, 120,
selten in prosa: erwürge mich ... aber wenn du es gethan hast, wirst du ... blut aus deinen augen weinen, dasz du mich nicht wieder lebendig machen kannst Heyse nov. 2, 23. innerlich nah verwandt ist wollen mit part.:
ich wil weinende gân
mit dir an dînes herren tor
d. texte d. mittelalt. 17 nr. 75 v. 44,
oder inf.:
nun es sey ja und bleib also,
ich wil dich nicht mehr weinen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 323;
ich will klagen in deine klagen wimmern,
will mein trauriges herz mir leichter weinen
Hölty 59 Halm;
weine um den bruder, ich will mit dir weinen
Schiller 14, 115 G.
selten und spät ist (vielleicht nur zufällig) die präs.-form in fut. sinn bezeugt: wenn sie auf die hinterbeine treten, weine ich mir die augen aus dem kopfe Gotter 3, 293;
wenn in meines geliebtesten Schmidts umarmung mein auge
nicht mehr zärtlichkeit weint
Klopstock oden 1, 41 M.-P.
um so häufiger sind echtes präs., prät. und perfectum.
3)
die obliquen modi treten zurück. nicht umschriebne formen stehen im absichtsatz:
ich bin ein mensche, ein sunder,
und bin durch daʒ kumen her,
daʒ ich mîn sunde weine
väterb. 17 703 Reissenberger;
Abraham der kam, das er sy clagt und waint erste d. bibel 3, 110;
und flüchtete betrogen
zur tiefsten grotte, dasz sie einsam weine
Rückert 1, 16,
in der indirekten frage: wer vor unserm türlein so iemerlichen weine Arigo dec. 62 K.; da er gefragt ward, warumb er weinte Hayneccius H. Pfriem 8 ndr.;
du zählst, wie oft ein christe wein
und was sein kummer sey
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 353,
und rede: alles sehe betrübt zu Maynz aus ... das volk weine, die geistlichkeit klage M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 254, in der aufforderung:
kein blaues auge weine die blumen nasz,
die meinen todtenhügel beduften
Hölty 57 Halm;
dasz auf unsern grabeshang
niemand als der regen weine
Lenau ged. 1 (1857) 116,
im irrealen bedingungssatz:
wêr, daʒ die helgen und ouch dû
weinôtint bluͤtig trehen nû,
das mochte alles si nit verfân
schausp. d. mitt. 1, 299 Mone;
blickt nicht hin, ihr weintet,
sähet ihr ihn in seinem blute liegen
Klopstock oden 1, 208 M.-P.;
sollt' ich Lotten missen,
weinet' ich mich blind
Overbeck verm. ged. (1794) 199;
wenn Shakspeare nur weinte, während Voltaire zu weinen schiene, so wäre Shakspeare ein schlechter poet Hegel 10 i 303, vereinzelt auch disjunktiv: in meinen augen hat der bauer stets unrecht, er lach oder weine Kretschmann 5, 107, in rhetorischer frage: wer weinte nicht, wenn er sein kind beglückt sieht? Grabbe don Juan 2, 2, nach als ob:
(wenn) hörner aus der ferne irrend klangen,
als ob die heimat drüben nach dir weine
Eichendorff 1 (1864) 557.
geschützt wird die opt.-form durch den reim:
aller unfall, der da kümmt, macht, dasz Fömininus weine;
macht also, dasz er, man glaubt, sey nicht einer, sondern eine
Logau 302 Eitner;
herr! thu's zu deiner ehr,
erweiche stahl und steine,
auff dasz das hertze weine,
das böse sich bekehr
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 344.
in prosa wird sie zusehends unkenntlich: es ist besser, das kind weyne, dann der vatter S. Frank sprüchw. 2 (1541) p 7ᵇ; es ist besser, die kind weynen, dann du sch. w. klugr. (1548) 156ᵇ. umschreibung mit opt.-formen von haben reicht aus frühnhd. zeit bis in unsre tage: das Abraham sie geklaget und geweynet habe Luther 24, 408 W.; dasz August über dem tode des Anton bitterlich geweinet habe, berichtet Plutarch Lohenstein Cleop. 168; itzt hätte Juno die erste thräne geweinet, wenn thränen ein unsterbliches auge benetzten Lessing 1, 216 M.; mein junger ritter hätte gern laut geweint Knigge rom. 1, 31; die augen ... haben den weich verlorenen ausdruck, als hätten sie viel geweint G. Hirschfeld d. mütter (1896) 2. nebenher gehen gleichzeitig umschreibungen opt. und konj. sinnes mit sollen, müssen, wollen, mögen: und solt er blut vor im weinen J. Strausz kurze lehre (1523) A 4ᵃ ; wolten wir recht faren, so must mir tag und nacht beten und blut weynen Luther 16, 581 W.; wenn einer von Venedig abschiffete und weinen wolte Chr. Weise kl. leute (1675) 253;
ja, man möchte weinen —
solch wackres weib, und jetzt so bettelarm!
Gaudy 2 (1844) 10.
4)
der gebrauch des imperativs beginnt mit Otfrid 4, 26, 32 f. und ist mhd. möglich: mhd. wb. 3, 557, auch als nothschrei:
ach wâfen, wainâ wain!
sêl, lîp, hertze, sinne
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Oesterreich 6746 Regel.
selten bleibt er auch nhd., da weinen als instinktive ausdrucksbewegung sich nicht eigentlich befehlen läszt. so ist im formalen imp. mehrfach konditionaler sinn enthalten: man kan manchen weder mit pfeiffen noch weinen gewinnen. pfeiffe oder weine, so wird doch nichts darausz Lehman flor. pol. 2 (1662) 788;
komm weinend, komm in wahrer busz'
und fall im glauben ihm zu fusz!
er wird sich dein erbarmen
Laur. Laurenti ihr armen sünder kommt zuhauf (1700) str. 1.
eher läszt sich das aufhören des weinens beeinflussen, darum kommt der verneinte imp. seit 13. jahrh. vor, zunächst umschrieben: der meister sprach: lâ dîn weinen sîn! lucidarius 63, 8 Heidlauf, nachmals auch ohne umschreibung:
weinit nicht, wan sît gemeit
Katharinensp. v. 636;
mutter, meiner nit weine
seraph. lustgart (Köln 1635) 162,
weiterhin auch in weltlichen versen:
merk wohl aufs wort,
du wirst es brauchen: weine nicht
um etwas das du nicht gehabt
Wieland 18, 381 (vogelges.);
weine nicht ums junge leben
Droste-Hülshoff 2, 204,
und in gehobener prosa: weine nicht, mein engel Bismarck br. an s. braut 16. auch die positive aufforderung zu weinen tritt zunächst in der umschreibung auf: du solt bitterlich weinen und hertzlich betrübt sein Sir. 38, 17;
lasse beim grabe des guten verlassene redliche weinen
Göthe I 2, 136 W.,
unumschrieben in geistlicher prosa: töchter Israhel, weinet über Saul erste d. bibel 5, 135; weinet mit den weinenden Luther 32, 312 W., seit 17. jahrh. als weltlicher rath: stetigs weine, wie dann solches gleichsam der weiber waffen ist Zeiller ep. 2 (1656) 356; ein ... schriftchen, das in eiserner zeit nur den friedlichen rath fand: weine laut auf, edler, biederer Deutscher Treitschke d. gesch. 1, 236, und wunsch:
weint nu mit mir, die ihr sahet,
wie ich vor beglükket stund
Stieler geh. Venus 105 ndr.;
allein zu sterben! — weint, ihr liebenden! kein härter schicksal ist als meins! Göthe Egmont 5, 3, gern so, dasz an wirkliche befolgung nicht gedacht ist:
weinet! weint! ihr Pierinnen!
und du ganzes musenheer
Neukirch ged. (1744) 19;
dann, liebe muse, weine nur um mich
Lessing 7, 39,
gelegentlich mit objekt:
und ihr, denen ich singe, mein preis ist: fühlet und weinet!
weinet edle menschlichkeit auf meine klagenden saiten,
weinet thränen des danks
Lenz 1, 5 Blei.
das eigentliche leben des verbs pulst in seinem indikativ.
5)
breit entfaltet sind die nominalformen von weinen.
a)
der infinitiv ist nach dem frühen aussterben des ahd. masc. uueinôt 'ululatus' unentbehrlich. er setzt bei Otfrid und Notker breit ein, ist in der beginnenden lyrik sogleich vorhanden:
ich wil weinen von dir hân
minn. frühl. 6, 26,
und hält sich beliebt bis heute: sprechen und weinen erlöst Löns zweites gesicht (1917) 111. gebunden wird weinen wie hier zunächst mit andern infinitiven:
von schrîen und von wainen
Johann v. Würzburg Wilh. v. Östr. 19 231 Regel;
ân bitters mitleiden, weinen und greinen sommert. d. heiligenleben (1472) 83ᵇ; da dann sein würt weinen und zanklaffen M. Zell christl. verantw. (1523) Z 3ᵇ; si mors manet, ist ein ewig heulen, schmertzen, weinen Luther 34 i 491 W.;
mein dichten, seufftzen und mein wein und klagen
Höck blumenf. 18 ndr.;
von dem lauten schluchzen und weinen ... unterbrochen Brentano 5, 89. viel bezeichnender ist jedoch bindung mit subst.:
dar inne will ich mich peinen
mit clage und mit weinen
H. v. Neustadt Ap. 16 140 Singer;
kan ich on zäher und waynen nicht ausspröchen Schwarzenberg Cic. (1535) 71ᵇ; das aller kläglichst geschrai und wainen zimm. chron. 1, 112; ohn trähnen und weinen Bucholtz Herk. (1665) 41;
wo dein anblick gram und weinen,
noth und kummer ausgebannt
Gottsched ged. 1 (1751) 48;
die sage ... wie aus groszem schmerz und weinen die menschen versteinert worden sind W. Grimm an Jacob briefw. 81. flektierter inf. ist weit älter, als Kuntzemüller zs. f. d. wortf. 4 (1903) 90 annimmt:
Arnîve wart des weinens innen
Wolfram Parz. 662, 7,
wird aber erst nach 1550 häufiger:
so müszt ich den vil weinens treiben
H. Sachs fastn. 60, 133 ndr.;
ach, was weinens hab ich nun triben!
Ayrer 2, 1130 Keller;
dasz ich mich desz weynens nicht enthalten konte Grimmelshausen Simpl. 408 ndr.; gott erhört die stimme meines weinens Herder 12, 223 S. der inf. steht als subjekt:
weinen was mir unbechant
schausp. d. mitt. 1, 31 Mone;
das wain wert nur den abend lang
H. Sachs 18, 130 K.-G.;
des erben weinen ist ein heimliches lachen Spanutius (1720) 529; sie fühlt, wie das weinen in ihr aufsteigt Th. Mann Buddenbr. 2 (1901) 37, häufiger als objekt:
lasz, Magdalena, dîn weinen sîn
Alsfelder pass. v. 2210 Grein;
lasset weinen, stillt betrüben,
mir ist wol, das günnet mir
Logau 66 lit. ver.;
(man würde) unverzeihlich verfahren, wenn man dem aufkeimenden dichter das weinen untersagen ... wollte Sturz 2 (1779) 46; bis sie das weinen verwunden hatte Zahn die da kommen (1909) 309, kann aber auch durch wechselnde präp. eingeführt werden, meist mit dativ: mit groszem weynen Arigo dec. 104 Keller; nach manigfaltigen wainen Steinhöwel cl. mul. 137 Drescher; die predig ... von unsers herren wainen über Jerusalem Tauler serm. (1508) reg. 4ᶜ; konte vor weynen schier nicht reden Grimmelshausen Simpl. 258 ndr.; der uns zum weinen zwinget Besser 1 (1732) 22; unter vielem weinen M. I. Schmid gesch. d. Deutschen 3, 46;
die menschheit wechselt zwischen lust und weinen
Schiller 15 i 12 G.,
seltner mit acc.: das on wunderzeichen kein todter durch schreien und weinen wider lebendig würt Geiler irrig schaf (1514) 85ᶜ;
ich mein, man find uf erden keinen,
der dies büchlein läsz on weinen
Eberlin v. G. 1, 89 ndr.;
da gieng es an ein weinen Stranitzkhy reisebeschr. 38 ndr.; für weinen hilft kein saitenspiel Binder 211; er gerät so leicht ins weinen Th. Mann Buddenbr. 2 (1901) 98. ganz wie ein subst. wird weinen mit possessivpron. und negation verbunden: was hilfft dich nun dalest dein weinen? Arigo dec. 87 Keller; als die junge person sah, dasz ihr weinen nichts helfen wollte G. Forster 1 (1843) 311;
drumb er sein stimm nicht hören liesz,
kein weinen er erstlich auszstiesz,
doch seuffzt und ächzt er in unmut
W. Spangenberg Ajax 2627 Dähnhardt,
namentlich aber durch attribute eingeführt, steigernde:
do ward ain michel wainen
H. v. Neustadt Ap. 15 983 Singer;
in vollem weinen G. Forster 2 (1843) 97; in ein heftiges weinen ausbrechend Mörike 3, 54 Göschen, und färbende: saur Luther 32, 445 W.; bitter theatr. am. (1626) 103; kindisch Lessing 2, 358 M.; still Schiller 11, 236 G.; verhalten Droste-Hülshoff 2, 256; das hohe weinen des kindes Frenssen Jörn Uhl (1902) 358.
b)
das part. präs., gleichfalls schon ahd. reich entfaltet (Graff 1, 889), steht unter dem einflusz lat. fügungen mit dem anfänglich breiten vorwalten des präd. gebrauchs: swer wainende sêget, der wiert vrôlîchen snîdende pred. 2, 54 Grieshaber; ein stym wart gehort in der höhe wainent und vil clagent erste d. bibel 1, 11;
(Thetis kam) zu Achilli tugentsam,
den sie dort wainendt sitzen fand
Spreng Ilias 8ᵇ;
und wer's nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem bund
Schiller 4, 1 G.;
und deines friedens schwergekränkter engel
geht weinend durchs verlassne heiligtum
Wildgans östr. ged. (1914) 11,
der leicht zum adv. umgedeutet werden konnte: von der weinend scheidenden mutter Lichtenberg erkl. d. hogarthischen kupferst. 2, 13;
wer nie sein brot mit thränen asz,
wer nie die kummervollen nächte
auf seinem bette weinend sasz,
der kennt euch nicht, ihr himmlischen mächte
Göthe I 5, 25 W.
später, erst im 18 jahrh. erstarkend, setzt weinend als attr. ein, bemerkenswerth frei in der wahl seiner subjekte: mit wainnder flêhe 'mit einem von thränen begleiteten zuspruch' Joh. v. Würzburg Wilh. v. Östr. 15 852; schrai laut mit wainder stim städtechr. 25, 311; hüt dich vor lachenden wirten- und vor weynenden pfaffen sch. w. klugr. (1548) 76ᵇ; durch den hauffen der weinenden persohnen theatr. am. 97;
der weinende gesang
verdient offt ruth und schläge
Günther 106;
über ihm ruhet die nacht in der kalten weinenden wolke
Klopstock Mess. 3, 616;
Viktor ... verlor sich in die dämmernde weinende gestalt und in die weinenden töne Jean Paul 8 (1826) 99 Reimer; weinenden, entflammten dank Hölderlin 1, 119 Litzm. hierher seit dem 14. jahrh. die 1/5 des ganzen part.-gebrauchs einnehmende formel mit weinenden augen: Seuse 20 Bihlm.; myt weyneden, vorkereden oghen brem. nsächs. gebetb. 139; Arigo dec. 27. 61. 80. 250 Keller; buch d. liebe 90ᵈ. 340ᶜ; J. A. Cramer nord. aufs. 1 (1758) 31; M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 2, 494. noch jünger ist subst. gebrauch: den wainenden sol er ainen menschlichen ... anplick ertzaigen A. v. Eyb spieg. d. sitten (1511) 4ᵇ; las die weinenden nicht on trost Sir. 7, 38; mit den weinenden weinen Gottsched d. neueste 2, 851; ihre langen haare waren aufgegangen und hingen von der weinenden nieder Göthe I 21, 229 W. häufungen wie bei Göthe I 50, 250. 263f. stammen daher, dasz weinende trefflich in den hexameter passt. der volkssprache bleibt das part. fremd, gelegentlich klingt eine fügung geradezu undeutsch:
(Thetis hob) wie ein nebel sich empor
und wallte hin vor ihren weinenden
Bürger Ilias I v. 510;
ich ... sagte mit weinenden thränen (with weeping tears) Shakespeare, wie es euch gef. 2, 4.
C.
syntaktisches.
1)
transitiver gebrauch ist nam. in älterer zeit nicht selten.
a)
als objekt stehen person oder sache, über die geweint wird:
α)
persönliches objekt erscheint in der totenklage seit 1050:
vil sêre weinde si ir kint
ged. d. wilden mannes 13, 383 Köhn,
und reicht darin alem./schwäb. bis ins 15. jahrh.:
den werden, unverzageten (Josua)
weinden unde clageten
von Israhel der künne schar
Rud. v. Ems weltchr. 17 233 Ehrismann;
sin diener waintend und klagtend in Richental chron. d. Konst. konz. 134 lit. ver.; es sol ouch kain witwe gedenken, daʒ sie ierem man gnuͦg gethan habe damit, daʒ sie in wainet und ain schwarczes klaid und braiten sturcz tregt Steinhöwel de clar. mul. 153 Drescher; ich steig abe zeweinen mein sun in die helle erste d. bibel 3, 172. hier auch die entspr. umsetzung in den gen.: die tag des weinens meins vatters die kummen das. 3, 132. in andern landschaften wird das pers. objekt nicht geläufig:
dô er mit in irn bruoder weinte
Hugo v. Trimberg renner 13142 Ehrism.
wird hsl. geändert: umb iren pruder, im druck zu: beweynte. die fügung ist Luthers sprache fremd und wäre untergegangen ohne die vorliebe für einfaches verb, die Klopstock, die dichter des Hainbunds und einige spätere übersetzer dazu führte, seit 1748 weinen statt beweinen (th. 1, 1777) zu setzen:
oder zu Doris hinauf, die noch ihr Haller weint,
wenn er die jüngere Doris sieht
Klopstock oden 1, 49 M.-P.;
entspr. Mess. 5, 98. 100. 8, 166;
Jerusalem, Jerusalem!
weine weine
dich und deine kinder
Herder 28, 88 S.;
(Penelope) stieg hinauf in den prächtigen söller, und weinte
ihren trauten gemahl
Voss Od. (1781) 16, 449;
weinet ihr ströme, weinet mit mir den lieblichen Bion
Chr. Stolberg bei Eschenburg beispielslg. 1, 311;
die kinder weinen Clarence, und ich auch
Shakesp. 3, 37.
das objekt der person kann umschrieben werden:
man glaubt den prinzen todt, das ganze reich
weint die verschwundne hoffnung seines glückes
Wieland suppl. 2 (1798) 69.
dichter wagen freiere weiterführung: du wirst deinen edeln mann mit mir in ein schicksal geweint haben Göthe I 8, 108 W.; du schönere, als ich singen kann, ich will eine eigene kunst erfinden, und dich weinen H. v. Kleist 2, 212 E. Schmidt.
β)
ein sachliches objekt tritt zum persönlichen: (sie) nicht alleine iren verloren man, sunder ir groszes ungelücke weynet Arigo dec. 111 Keller. das sachliche allein schon um 1250:
die weindin sîne rede gar
Rud. v. Ems weltchr. 14 929.
gegenstand des weinens ist in alter zeit die sünde: (ein geistlicher mensch) sol ... gerne bîhten und dike sîn sünde flîsseklîch wainen St. Georger pred. 333 Rieder, oder ein geistliches leid: dô si ... sêre wainde ir herceliebin kindes sêr unde sîn bittirlîchun nôt das. 304; wann einer sein ende darauf setzt, das leiden Christi zu weinen Geiler herr der kunig (1517) 77ᵇ, in neuerer zeit auch weltliches unheil: die da weint irer muͦtter todt Boltz Ter. (1539) 137ᵃ;
ach, dann wall' ich am grabe ... und weine
meinen jammer
Klopstock Mess. 4, 802;
sie selbst in die mitte gesezet
weinte des sohns schicksal
Voss Ilias 24, 85;
er, der letzte seines stammes,
weinte seiner söhne fall
F. L. Stolberg 1, 56.
bei Luther zuerst steht der inhalt eines abh. satzes als objekt des weinens: das weyne ich, das mich got so ein feyne creatur geschaffen, nit szo ungestalt wie den worm 7, 507 W. dieser gebrauch findet spärliche nachfolge:
was wir geweint, das hast du ausgelacht
P. Fleming (1666) 103;
darf ichs dir weinen
was mir meine seele zerreiszt?
Klopstock Mess. 6, 525;
was sie weint, das weinet sie mit wonne
Bürger 98ᵇ Bohtz.
b)
als acc. des inhalts steht seit etwa 1520 blut neben weinen:
sie waynt ausz jren augen
all tag das bluͦt so rot
lied v. hürn. Seyfr. 31 ndr.
α)
die bindung ist damals neu und weicht gelegentlich in andre fügungen aus: so sie doch solten mit blut tropffen weynen Luther 2, 110 W.; weine blutstropfen und beitz dich da mit 34 i 507; musz das hertz blutstropffen weinen Albertinus fürstl. lustg. 1 (1619) 27. sie ist geistlichen ursprungs: Luther 15, 768. 34 ii 469, und scheint letzten endes auf Luk. 22, 44: factus est sudor ejus sicut guttae sanguinis zurückzugehen. ausdrücklich wird an heilige und gnadenbilder, deren augen blut vergossen, angeknüpft: ich halt ... das sy (Maria) wurd bluͦt wainen Luther 10 iii 325 W.; ach, das nicht alle Marienbilder über dem jammer blut schwitzen und weinen Fischart binenk. (1588) 45ᵃ; absonderlich soll sie einmahl blut geweinet und geschwitzet haben, daher sie einige die blutschwitzerin nennen Amaranthes frauenz.-lex. 915. aus der geistlichen klage wandelt sich die irreale vorstellung zur sittlichen: es solt einer bluͦt weynen, der den jamer ernstlich erweg S. Franck sprüchw. 1 (1541) 142ᵇ; da möchte man blut weinen, wann ein sonst ehrlicher minister ... der verführung unterliegen bleibt Moser herr u. diener (1759) 390. in rein weltlichem bereich bleibt sie selten:
(freunde, die) von auszen voller trost ... scheinen,
im herzen aber blut und wasserströme weinen
Neukirch ged. (1744) 130;
so ist diesz das schicksal der bücher ... vergessen oder verbrannt zu werden? darüber möchte man blut weinen Nicolai Nothanker 1 (1773) 118; mir ist es dann so sehnsüchtig im herzen, dasz ich blut weinen möchte E. M. Arndt mährchen 1 (1842) 167.
β)
zum blut tritt 80 jahre später verdeutlichend die blutige thräne: er weint blutige zeren Eyering prov. 2 (1601) 457, von da Schottel haubtspr. 1115; das gute kind weinte blutige thränen Jung-Stilling 1 (1835) 29, auch sie mit vorliebe im irrealis: ach ich hätte blutige thränen weinen mögen E. Th. A. Hoffmann 6, 119 Gr.
γ)
wenig früher tritt thräne (th. 11 i 408) als acc. des inhalts zu weinen: so der götz anfangt ... bittere tränen zuweinen Fischart binenk. 192ᵃ. selten steht thräne ohne nähere bestimmung: ich musz ein schweres bekenntnisz aussprechen, weswegen meine seele oft thränen weint E. M. Arndt schr. an seine l. D. 2, 69;
wen kann der tod des missethäters rühren?
weint thränen man, weil floh das miszgeschick?
Droste-Hülshoff 2, 250.
sonst immer wird die fügung geradezu gewählt, um bestimmungen anzubringen: die mannichfachsten attribute: bitter Chr. Reuter Schlamp. krankh. 132 ndr.; hell Wieland Luc. 4 (1789) 13; heisz Göthe I 22, 170 W.; glühend Schiller 13, 189 G.; mitleidig Gervinus gesch. d. d. dichtung 5 (1853) 10; still H. Laube 4, 66, zahlen: ich weine über ihn tausend thränen Hippel ehe (1774) 142, phantasiemasze: das du grosze mulden voll threnen weinest Luther 33, 275 W., deminutiva: ein zartes thränchen weinend Bürger 152ᵇ Bohtz, genetive:
o kennt ihr jene sehnsucht, die so mild ...
der hoffnung und erinnrung thränen weint?
Geibel 1, 86;
sie weinet frommen dankes thränen
Rückert 3, 16,
zusammensetzungen: der arme jäger hatte ... freudenthränen geweint Bahrdt gesch. s. lebens 1 (1790) 68, relativsätze: alle lust des himmels ist in den thränen, die ich weine vor dir Hölderlin 2, 68 Litzm.;
bei allen thränen, die ich um dich weinte ...
mach meinem zweifel, meiner angst ein ende
Schiller 15 I 26 G.;
thränen der söhne, die sie bey dem sarge der geizigen, harten väter weinen Klinger 3, 19. neben all diesen pluralen ist der sing. selten:
viele weinen um ihn, doch die gerechteste
thräne weinst du, Virgil
Mastalier ged. (1774) 119;
dasz kein mensch von mir mehr sagen kann, er habe mich eine thräne aus schmerz weinen gesehen Stifter 3, 271.
δ)
die gemüthsstimmung, deren ausdruck das weinen ist, kann nur in der sprache der dichter als objekt stehen. Klopstock führt sie 1748 ein:
singt sie (die lust)! ich weine sie nur, ja, die unsterblichkeit
wein' ich froh von der liebe durch
Klopstock oden 1, 58 M.-P.;
entspr. 2, 6, 30, und wird darum verhöhnt: auf der folgenden seite weinet die liebe zeugnisse Schönaich neol. wb. (1752) 221 Köster. spätere dichter fügen einen dat. commodi bei:
hier wein' ich dir voll zärtlichkeit den dank
Heinse (1767) bei Gleim briefw. 1, 52 Körte;
wie wird der späte enkel lauschen ...
wenn ihm ein greisz die freude weint
Schiller 1, 50 G.;
dann weinet beyde
ihr augen, weint
gott dank, ihm (dem freunde) freude!
Göckingk 1, 247.
das ist (auf ndd. grundlage?) auch in prosa möglich: dann weinte sie sich noch ein braves stückchen Storm 8, 67 (John Riew). näher bei γ) stehen acc. des inhalts wie klage, lied, seufzer, melodie: (Philoktet hatte) niemand, bey welchem er wechselhaft die blutende klage aus der stöhnenden brust geweint Steinbryckel Philoktet (1760) 47;
und klage stets den himmel an und weine
mein lied in meinen schos
Hölty 91 Halm;
wenn dann, statt deines lobs,
ein klagendes gedicht
den tiefen seufzer weint:
ach gott! verlasz mich nicht
Schubart 1, 106;
die (gedichte) lasen wir miteinander und weinten ihre melodie H. Laube 8, 17.
2)
gut ausgebildet ist auch die reflexive abart des transitiven gebrauchs. sie geht aus von einer art medium, das sich vom 13. bis 15. jahrh. in religiösem zus.-hang findet:
(du bist selig) wan du geweint dich hâst sô vil.
swer sich hie weinen wil,
der mac sîn dort wol werden vrî
väterbuch 14 955f. Reissenberger;
die cristen sünder weinen sich:
ir weinen daʒ ist billich
H. v. Neustadt gottes zuk. 6512f. Singer;
alle die geschlechte der erde die weinent sich über in erste d. bibel 2, 472. seit 16. jahrh. tritt ein adj. acc. des resultats zum reflexiv: viel weniger kanst du dich ... schöner, frömmer und holdseliger weynen Ayrer proc. 3 (1600) 1;
mein auge wacht
und weint sich krank und trübe
P. Gerhardt 214, 78 Gödeke;
o weine dich nicht todt
Bürger 87ᵃ Bohtz;
meine armen kindeln ... weinen sich heiser und blind um die liebe muhme Rosegger schelm a. d. Alpen 2 (1890) 224. gern in festen formeln:
nit wunder wer, man weynet sich plind
kirchenl. 3, 691 Wackernagel;
ich ... weinte mich satt Rebmann kiekindiewelt (1794) 26; entspr. G. Forster 7, 133; Gökingk 2, 154. hier findet sich ein obj.-acc. zum reflexiv: dasz ich mir die augen roth geweinet habe Adelung umst. lehrg. 2 (1783) 364; er weint ... sich durch manche thräne die augen klar Gökingk 1, 25;
nun wein' ich mir die wangen blasz
und meine augen blind
Leuthold ged. ⁴ 88;
zerrisz die haare, weinte sich
die wangen bleich und hager
Hölty ged. 30 Halm.
diese art der zielsetzung lebt fort, auch wo formal kein refl. mehr vorliegt: (er) weinte seinen muth wohl gröszer, seinen stolz geringer durch die schaam Gökingk 3, 98;
da ringt er verwaist die hände wund,
und weint die alten augen blind
Chamisso ged. ⁸ 283;
die ... novize ... hatte ihr gefranztes trauerschleierchen ganz nasz geweint Brentano 5, 66;
sie hat ihn munter nicht gelacht
und wird ihn wach nicht weinen
Rückert ges. ged. 5, 50.
gleichwertig mit dem adj. steht seit 1541 subst. mit präp.: der mensch muͦsz sich mit Heraclyto in das grab weynen S. Franck sprüchw. 1 (1541) 121ᵃ; am besten wärs, wir ... weinten uns zu grabe Klinger dram. jug.-w. 1, 210 B.-W.;
wir weinen uns nur selbst wie Niobe zu steinen
Besser 252;
alle schöne sünderinnen,
die zu heiligen sich geweint,
sind um herzen zu gewinnen
all' in eine nun vereint
Göthe I 2, 270 W.;
(der knabe, der sich) in den schlaf geweint hatte Raabe hungerp. 1 (1864) 112. im übergewicht ist seit ende des 17. jahrh. die formel sich zu tode weinen: Chr. Weise kom.-probe (1696) 104; Schiller 3, 498 G.; Pestalozzi 3 (1819) 271; Nestroy 2, 243; Stifter 2, 182. auch hier kann sich obj.-acc. zum refl. gesellen: wenn man sich die augen zu schanden geweinet Chr. Weise pol. redner (1677) 574; die mädel weinen sich die augen aus dem kopfe Lessing 2, 120 M.; von dem zarten roth, das sie sich beim abschiede vom hause in die augen geweint hatte Stifter 1, 237; ich meinte damals, dasz ich mir die seele aus dem körper weinen müsse 5 i 123. endlich wird auch hier das refl. formal aufgegeben:
o ich könnte
aus meinen augen meine seele weinen
Shakespeare, Cäsar 4, 3.
3)
sein wesentliches leben führt weinen als intransitivum. drei aktionsarten sind dabei zu kennzeichnen.
a)
eintritt der handlung bezeichnen anheben und anfangen: dar nach anhub ze weinen und ze seufczen Arigo dec. 25 Keller; deren huben etliche an zu weinen Agyrtas grillenvertr. (1670) 146; (Scipio habe) angefangen bitterlich zuͦ weynen S. Franck chron. Germ. (1538) 14ᵃ; als ich darüber heftig zu weinen anfing Göthe I 43, 20 W., seltner andre umschreibungen: (der fiskal hat die ladung) einen notari geben zuverlesen öffentlich, ist der notarius darob weinen worden Luther 23, 465 W.;
der mann gen himmel sach
und mit wainen durch-brach
H. Sachs 7, 234 K. (1538),
die zum theil dem subst. inf. zu hilfe kommen: do ward ein grosz wainen siner günnern Tschudi chron. helv. 2 (1736) 5; dasz an meinen augen stets das weinen ist Stifter 2, 161; (als) nun alle boten in weinen ausbrachen Scherer lit.-gesch. (1894) 125; der kleinen kam das wainen nahe Storm 1 (1899) 6.
b)
dauer des weinens bez. von hilfsverben nur währen:
den abend währt das weinen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 349ᵇ;
auch umschreibungen mit (subst.) inf. sind hier selten: undertwylen was er mit weynen Terenz (1499) 12ᵇ; (die frau) blieb in einem weinen Fontane I 5, 284. die beste stütze dieser aktionsart sind adverbien:
(eine witwe) stets weinend von dem grab nicht kam
Eyering 1 (1601) 82;
gott eylet mit den seinen,
lest sie nicht lange weinen
in diesem threnen-thal
Joh. Heermann (1632) bei Fischer-Tümpel 1, 320;
mein hertzer vater, weint ihr noch?
P. Gerhardt das. 3, 321ᵃ;
der anmaaszende gaffer meinte ... der vorstellung regeln vorschreiben zu dürfen, wie lange z. b. der weinende weinen ... müsse Herder 22, 154 S. die dauer des weinens wird gern übertrieben: ich weinte tag und nacht, wie eine alte bade-huhre, so die lauge verschüttet Zend. a Zendoriis wintern. (1682) 29;
(der herr) um den ich hier in diesem wilden haine,
so fern von meinem volk, schon sechzehn jahre weine
Wieland 22, 17;
ach! sieben jahre wein' ich schon um ihn
Z. Werner Luther 21;
darüber könnte ich weinen, so lange ich augen hätte, wasser zu gieszen Tieck 1 (1828) 73.
c)
das faktitivum wird stets durch machen hergestellt:
das machet die zarten rainen
von herczen sêre wainen
Wernher Marienl. 272 Päpke;
der jm förcht oder fleucht, der macht sein muͦtter nit weynen S. Franck sprüchw. 1 (1545) 45ᵇ, gern bei Fischart: Dom. leben v. 394; lob d. lauten v. 449; flöhhaz v. 1747, doch auch in neuerer zeit: gut meynen macht offt die leut weinen Lehman flor. pol. 2 (1662) 619. im perf. zwingt dabei der inf. weinen dem part. gemacht seine endung auf:
die wahrheit, die so oft
mich blut'ge thränen weinen machen
Lessing 3, 108 M.;
erst gestern hat er dich weinen machen maler Müller 1 (1811) 23, wo noch 1702 die part.-form galt: das betrübte spectakel hat mich weinen gemacht M. Kramer t.-it. dict. 2, 1301ᵃ. zu weinen machen ist (vielleicht zufällig) nur aus Schweizer wbb. nachzuweisen: Frisius (1556) 31ᵃ. 220ᵇ; Maaler 491ᵈ; Dentzler (1716) 346ᵃ, weinend machen nur Hulsius-Ravellus (1616) 408ᵃ; Rachel sat. 31 ndr. (1664). selten einmal ist die geläufige fakt.-umschreibung aufgelöst:
es pfleget offt ein freundt ...
zu machen, dasz man weint
med. maulaffe (1719) 15.
4)
a)
intr. weinen knüpft seine objekte mit wechselnden präpositionen an. am ältesten und häufigsten ist über mit acc.: er sach die stat und waint über sy erste d. bibel 1, 299; wer über eine beleidigung weint, dem werden mehrere begegnen Göthe I 24, 84 W., in älterem obd. auch mit dat.: Amadiszläser, die über dem keyser Octaviano weinen Fischart prakt. 12 ndr., so dasz in fällen wie: dise statt, da unser herre über wainet Tauler serm. (1508) 121ᶜ der casus unbestimmbar bleibt. stets mit acc. steht das seltnere um:
die ihr umb ihn auch offt geweint
Thym Thedel v. Wallm. (1558) v. 936 ndr.;
jenes weib weinte um ihren esel, der eben so schrie, wie der h. pastor B. Mayr päckchen sat. (1769) 75;
die er (der könig) gemehrt hat, mögen um ihn weinen
Schiller 14, 414 G.
nach knüpft das ziel sehnsüchtigen weinens an: wie lieszest du uns so lange nach dir weinen? Klinger 2, 334, seither sehr geläufig: Dagmar lief, nach der mutter weinend, durch hall und gänge Storm 6, 266 (fest auf Hadersl.), auch mit sächlichem ziel:
nicht dem jüngling, der, allein hienieden,
nach dem stillen schlaf im sarge weint
Kind ged. (1808) 100.
alle andern präp.-fügungen bleiben vereinzelt: Heraclitus ... ein philosophus zu Epheso, der ab allen menschlichen sachen weinet Calepinus XI ling. (1598) onom. 146ᵇ; wegen seiner sünden etc. weinen M. Kramer t.-it. 2 (1702) 1300ᶜ; er weinte ob abermals getäuschter hoffnung Scheffel Ekkeh. 211.
b)
die ursache des weinens kann im gen. causae stehen: die erste strafe verlachen sie, darumb müssen sie der andern ewiglich weinen Luther br. 5, 36 de Wette;
sieh, wie ich der rede weine
Tieck 1 (1828) 371.
in neuerer sprache wird sie mit präp. angeknüpft: seint viele, die von freuden geweinet haben Kantzow chr. v. Pommern I 363 anm. Gäbel; Ulysses für freuden weint Rollenhagen froschm. (1595) F 2ᵇ; für mitleid weinen M. Kramer t.-it. 2, 1301ᵃ; am ende aber hätten sie vor starker rührung nicht weinen können Lessing 17, 76 M;
ein litterator weint vor gram,
dasz er mich nicht gefunden
Hoffmann v. Fall. 1 (1890) 8;
ein könig musz nicht aus liebe weinen oder sterben Scheibe crit. musicus (1745) 73; man weinet bisweilen vor freuden, oder aus mitleiden und jammer, oder in heftiger betrübnisz Stosch 2 (1772) 313.
5)
umsprung des subjekts ist fast so häufig wie bei kommen (th. 5, 1646f.).
a)
im freien gebrauch ist der sprung nie so grosz, dasz nicht das logische subjekt aus dem grammatischen zu gewinnen wäre. die traurigkeit weint statt des trauernden:
die traurigkeit hat ...
um meines vaters gruft geweinet
Gottsched ged. 1 (1751) 263,
schmerz, jammer und klage statt des schmerzerfüllten, jammernden und klagenden:
bald höret euer ohr
das strafende gewissen,
bald weint aus euch der schmerz
Ramler lyr. ged. (1772) 345;
also sprach sie und stillte der königin weinenden jammer
Voss Od. (1781) 4, 758 Bernays;
schon weinte seiner völker klage
Kretschmann 2, 149,
der abschied statt der scheidenden: endlich weiszt du, dasz Hermine und ich von dir einen weinenden abschied nahmen Jean Paul palingen. 1 (1798) 10, die dichtkunst statt der dichterin: (ihre verse waren kläglich, während sie) heiterkeit entfaltete, die Albano ... mit ihrer weinenden dichtkunst ausglich Jean Paul Titan 2 (1801) 63, die sinne statt ihres trägers: in den garten, bey dessen anblick ... alle meine sinne weinten Heinse 3, 149 Schüddekopf, die demuth statt des demüthigen:
als demuth weint' und hoffahrt lacht',
da ward der Schweizerbund gemacht
Binder 179.
b)
fest geworden sind, und nun mit gröszerem sprung, auge und herz als subjekte des weinens, das auge (s. o. die formel mit weinenden augen) schon seit dem hochmittelalter:
sîn stumben wil ir lachen
ze wainden ougen machen
Rud. v. Ems Willeh. 9780 Junk;
mein' augen weinen fort und fort
Dietr. v. d. Werder buszps. (1632) B 3ᵇ;
ein fühlend aug zum weinen
Kästner verm. schr. 2 (1772) 261;
es ist so bitter,
alte augen weinen sehen
Fr. Wh. Weber Dreizehnl. 152;
siehe mein auge weint zu dir (gott) maler Müller 1 (1811) 4, das herz viel später aber gleich häufig: darfür ich yn mit weynendem hertzen bitt Ickelsamer kampf d. schwärmer (1525) 42 ndr.; das yhm das hertz hette mügen weinen Luther 24, 637 W.; davon ihm das hertz im leib heimlich weinet Wickram 2, 20 Bolte;
Salem, ich hoffte, du solltest mich hören, da die mich nicht höret,
der mein herz schon lange geweint hat
Klopstock oden 1, 62 M.-P.;
als er die geliebten züge seiner verlornen Klotilde erblickte, weinte sein ganzes herz Jean Paul Hesp. 2 (1795) 175;
das ganze haus weint nach dem süszen bilde
vor freud', vor schmerz? ich weisz es nicht zu sagen
Eichendorff 1 (1864) 555.
beidemal kann das logische subj. im dativ erscheinen:
Hornkind sprachs, und drückte in seine kappe tief
die augen, die ihm weinten
Rückert ges. ged. 3 (1837) 511;
mir das hertz vor angst und frewden weynet Moscherosch ins. cura 23 ndr.;
das hertz im leibe weinet mir
für groszem leid und grämen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 416.
III.
bedeutung. die fähigkeit zu weinen kann der gesammten natur zugesprochen werden, auch der sonst unbelebten: ob mein lande ruͦffet wider mich, und so sein furch weinet erste d. bibel 7, 212;
es seüfzet fast und weynt das umher-ligend feld,
weil gottes wahrer sohn hangt an des kreuzes holz
Rompler v. Löwenhalt reimget. 1 (1647) 16;
die seele schien das trauren
der gleichsam weinenden natur
selbsz zu bedauren
Brockes ⁴ 2, 445;
und wo aus den grauen wogen
weinend auftaucht das gefild,
segnest du's vom regenbogen
Eichendorff 1 (1864) 616;
der wind in der nacht weint um dich an den fenstern das. 3, 316. der regen wird als weinen des himmels gefaszt:
der himmel trauret, klagt und weint
M. Kirner (1644) bei Fischer-Tümpel 1, 76;
doch weil Auroren gold, das noch so heiter scheint,
oft wenn der abend kommt, den trüb'sten regen weint
Chr. H. Amthor (1719) bei Weichmann poesie d. Nieders. 1, 47;
gebeut der wolke, dasz sie nicht mehr weint,
befiehl der sonne, dasz sie scheint
Kretschmann 1 (1784) 173;
entspr. das. 1, 194. 266; die verwüstungen des sturms, des regens gemahnen uns wie ein tiefes weinen der natur Fr. Th. Vischer ästh. 3 ³ 648; der lange ... weinte wie der himmel bei platzregen E. Zahn Indergand (1901) 174. der thau (th. 11 i 323f.) gilt als thräne der nacht u. s. w.:
wie der abend den thau geweint
Körner 2, 139 Hempel;
die sonne die bringt viel leiden,
es weinet die scheidende nacht
Chamisso 3 (1836) 67;
und wenn du willst weinen thau,
auf die grüft' ihn wein', o mond
Rückert 2 (1867) 75.
strömendes wasser wird zum subjekt des weinens erhoben:
oder wie Byblis sanfttönender quell, der nun nicht mehr weinte,
und durchleuchtig und hell ufer voll myrten durchflosz
Klopstock oden 1, 35 M.-P.;
du wirst hingeh'n wo kein tag mehr scheinet,
der Cocytus durch die wüsten weinet
Schiller 1, 128 G.;
nieder fielen
die rankenden trophäen und sie selbst
ins weinende gewässer
Shakespeare 3, 319;
nun rauscht der schwarze tannenhain,
dann weinen felsenbäche drein
Tieck 4 (1828) 138.
bildlich kann auch von einem bluttriefenden schwert gesagt werden:
seht, wie mein schwert weint um des königs tod
Shakesp. 8, 348.
fest geworden ist ein entspr. bild beim branntweinbrennen: die blase weint 'das abtröpfeln des vorlaufs stellt sich ein' Campe 5, 647; Heyne 3, 1354. in der regel bleiben aber kraft und gabe zu weinen der belebten natur vorbehalten:
der grün waldt weynet seinen (des Orpheus) todt
Wickram 8, 87 Bolte;
ob der auen sommerkleid weinet zu der winterszeit,
was in diesen tiefen lebet
S. v. Birken Pegnitzschäf., forts. (1645) 65.
A.
pflanzen weinen, indem sie tropfen ihres saftes, von thau oder regen vergieszen: welcher maszen die erlenbaum trähern auszgossen und geweinet haben Xylander Polybius (1547) 81; die pappeln weinen vor freude, dasz sie den gewaltigen sturm überstanden haben Klinger 8, 86;
mich dünkt, von thränen blinke Luna's glanz:
und wenn sie weint, weint jede kleine blume
um einen wild zerrisznen mädchenkranz
Shakesp. 1, 229;
(wie) die blumen roth und gold
sich bespiegeln, und so hold
thau in diese wellen weinen
Tieck 1 (1828) 327.
insonderheit spricht man, wie vom thränen (th. 11 i 413), so auch vom weinen des beschnittenen rebstocks: die gnanten imphungen gescheen ... in dem mertzen, wann die weinstöck nit weinen wasser sunder dick füchtikeit Petr. de Cresc. von ackerbau (1531) 47ᵇ; man soll die räben schneiden gleich nach dem herbst ... (weil dann) die stöck nit also wie im früling weynen M. Herr feldbau (1551) 84ᵇ; entspr. Hohberg georg. cur. 3 (1715) 266ᵃ; Jacobsson techn. wb. 4 (1784) 623; dort ist ein weingarten mit trauben beladen ... da sind sie noch in der blüthe, und hier weinen sie erst Breitinger crit. dichtk. 1 (1740) 275;
grüszt in des lenzes beginn schüchtern die rebe den tag,
und dann küsst sie der strahl, da weint sie
Geibel 2, 212 (gnomen).
in diesem sinn lebt weinen auch in obd. mundarten, die es sonst meiden: Maaler 488ᵃ; Mankel Münsterth. (1883) 168; Bacher Lusern 235; H. Fischer 6, 611. der wortgebrauch lebt in sprichwörtern und sinnsprüchen: wenn die reben weinen, so steckt noch eine kälte dahinter Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 315; die rebe weint, die distel nicht Ebner-Eschenbach 6 (1893) 240. auch in dichterischen vergleichen erweist er sich fruchtbar: wie aber ... ein gärtner sich über die bey ihrer beschneidung weinenden reben ... erfreuet, also sind gott die thränen eine anzeigung der reichen seelen-erndte Lohenstein Arm. 1 (1689) 669ᵇ;
wenn der mensch die erde schätzet,
weil die sonne sie bescheinet,
an der rebe sich ergetzet,
die dem scharfen messer weinet ...
weisz er das der gluth zu danken,
die das alles läszt gedeihen
Göthe I 6, 243 W.;
auch die rebe weint, die blühende,
draus der wein, der purpurglühende,
in des reifen herbstes tagen,
kraft und freude gebend, quillt
Uhland ged. (1853) 3.
in ausdeutung eines wortes wie trauerweide können dichter wendungen brauchen wie:
hör' ich dich auch wohl, mit geistes ohre,
dich dein tröpfchen leises geräusches träufeln,
weinende weide?
Klopstock oden 2, 59 M.-P.;
sie ... pflanzen weinende weiden und rosen auf gräbern Zimmermann einsamk. 4, 224.
B.
dem thier wird im allg. das weinen abgesprochen:
wie glücklich ist ein vieh!
es weint nicht, es bereuet nicht, und ist
es einmal todt, so lebt es auch nicht mehr
Grabbe herz. v. Gotl. 4, 1.
dem treten für die höheren thiere ernsthafte zeugnisse entgegen: man halts darfür, wann sye (die löwen) sterben, das sye ... mit weynen sterben Eppendorff Plinius (1543) 52; so sy (die maulesel) ermüdet, ist inen so wee, das sy ... gleych vor weetagen weinen wie ein mensch Forer Gesners thierb. (1563) 49; Virgilius schreibet, dasz die pferde weinen, wenn es ihren herren übelgehet, dasz ihnen auch die thränen von dem munde herabflieszen J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 17; endlich huben sie (gefangne elefanten) insgesamt an zu heulen, weinen und wehklagen Ziegler Ban. (1689) 558;
er (der hirsch) schreyet, da er zappelnd weint
Hagedorn 2 (1769) 51;
wenn ein kraftloses kamel weint, kann man ... sicher sein, dasz der tod nahe ist. ich habe sie ... oft grosze, helle tränen weinen sehen Sv. Hedin abent. in Tibet 273. für sich steht die im 12. jahrh. (A. Götze, volkskundl. bei Luther 1909 s. 16) wurzelnde, durch Erasmus in Deutschland bekannt gewordene vorstellung von den krokodilstränen (th. 5, 2351):
zufinden ist auch hie der crocodil,
der des weinens und heulens machet vil
Lobwasser calumnia (1583) B 8;
glaubts, dasz der crocodil mit seinem weinen dreue
Lohenstein Ibr. 52;
doch glaubt ihr, dasz es möglich sey?
der crocodil fieng an zu weinen
Lichtwer äsop. fab. (1748) 96;
das krokodil weint menschliche tränen G. Keller 4, 253. eine zoolog. besonderheit wird seit 1717 mehrfach beschrieben: weinender fisch in Sina, haiul, dieser soll, wenn er gefangen wird, als ein kleines kind winseln Hübner 3, 1751; entspr. haush.-lex. (1728) 1021; Chomel öc. lex. 8, 2312. unvorstellbar bleibt Fischarts kühnheit:
sich zuͦ, es ist mein gsell, der floh!
wie springt er nur daher so hoch
mit schreyen, weinen und mit klagen?
flöhhaz 3 ndr.
der wirklichkeit näher bleibt es, wenn dichter klagende thierstimmen als weinen deuten:
der gute alt Jobs
weinte laut, wie im mai ein kater
Kortum Jobsiade 1 (1799) 34;
singet, schwäne, mit weinendem laute trauergesänge
Chr. Stolberg bei Eschenburg beispielslg. 1 (1788) 312;
wein' auf ihrem hügel, philomela,
um die dämmerung ein sterbelied
Hölty ged. 61 Halm.
C.
vor allem aber weint der mensch:
hier sitz' ich, forme menschen
nach meinem bilde,
ein geschlecht, das mir gleich sei,
zu leiden, zu weinen,
zu genieszen und zu freuen sich
Göthe I 2, 78 W.
1)
schon den anthropomorph gedachten übermenschlichen wesen wird menschengabe und -vorrecht des weinens abgesprochen:
also sprach sie (Athene) und blickte schrecklich hinaus in den weiten
äther. schrecklich blicket ein gott da, wo sterbliche weinen
Göthe I 50, 284 W.;
willst du deine macht verkünden ...
deine geister sende aus,
die unsterblichen, die reinen,
die nicht fühlen, die nicht weinen
Schiller 13, 286 G.,
wenngleich entgegengesetzte stimmen nicht fehlen: sie (die unsterblichen) weinen thränen, wie die engel weinen Bodmer abh. v. d. wunderb. (1740) 56; entspr. slg. krit. schr. 1 (1741) 38;
jener bach empfieng Demeters zähre,
die sie um Persephonen geweint
Schiller 11, 4 G.
getheilt sind auch die ansichten darüber, ob die seelen verstorbener weinen:
sie weinte so, wie schatten weinen
Gellert 1, 279;
(wenn du) stehst vor gott, vor dem Olympus da,
nimmer weinen, und nun nimmer erbarmen flehn,
reuen nimmer und nimmer
gnade finden, erobrer, kannst
Schiller 1, 44 G.
unmenschen haben keine thränen: dasz der weinens-mangel (auf der folter) ein gewisses kennzeichen sey einer unholden Prätorius Blockesbergverr. (1668) 295; könnte ein stolzer eroberer weinen, wie er die mütter ... weinen macht E. M. Arndt 1 (1892) 158.
2)
nur ausnahmsweise wird eine gesammtheit subj. des weinens:
vor frewden das volck weint umb und umb
Schmeltzl zug in d. Hungerl. A 2ᵇ;
man sieht auch die kirche weinen
Neukirch ged. (1744) 24;
es sind die flandrischen
provinzen, die an ihrem hals jetzt weinen
Schiller 5, 20 G.;
Deutschland weinet um manche seiner kinder Herder 17, 21 S.; die ganze stadt und das ganze land weinten und klagten von ganzem herzen mit ihm Novalis 4, 92 Minor. in aller regel weint nur der einzelne. er thut es in der einsamkeit:
einst sah ich sie im haine, da ging ich seitwärts und weinte
seitwärts ins einsame hin
Klopstock oden 1, 76 M.-P.
gesellig weinen südländer: frawen und freunde ... ze samen komen, weinten und klagten Arigo dec. 6 Keller, leute aus dem volk: er seins gesindts weynen vernam Hedio chron. germ. (1530) A 5ᵇ, in rührsamer zeit liebende: (bei der trauung) fing sowohl meine frau als ich an zu weinen. davon wurden alle, sogar der priester gerührt, und alle weinten Mozart (1780) bei O. Jahn 3, 160; ich habe zwar schon hundertmal mit dir geredet, und mit dir geweint Caroline 1, 188 Waitz (1797); auch miteinander zu weinen ist süsz, wenn man sich recht von herzen liebt Fouqué gefühle 1 (1819) 5. in alter zeit kann religiös gebundene sitte (s. u.) gemeinsames weinen vorschreiben: daselbst was auch ... mein sun stätigs gegenwertig ... und achtet der leich mit ihnen. hiezwischen was er leidig, etwan weinet er mit inen Boltz Terenz (1539) 4ᵇ; kommend her alle frummen christen, und helffen mir waynen und klagen Eberlin v. G. 1, 191 ndr.
3)
beim einzelnen kann das weinen willkür handlung sein. am mann fällt das auf: weinen können, wann einer will M. Kramer t.-it. 2, 1300ᶜ; er verliesz mich, indem er mit der ihm eignen leichtigkeit des weinens eine thräne im auge zerdrückte Bismarck ged. 2, 191, an frauen ist es geläufig:
mit weinen sie es erst versuchen,
hülfft das nicht, so schelten s' und fluchen
Gilhusius gramm. 3 (1597) 63;
so jung doch erfahren, dasz sie mit absehn weinet,
so listig, dasz sie züchtig scheinet
Warnecke poet. vers. (1704) 29;
er wuszte, dasz ... die alte nur weinte, weil sie weinen wollte Fontane I 6, 6; e weib lacht, so oft si ka, und weint, so oft sie will H. Fischer 6, 611. dichter nutzen diese kunst der frauen zu komischer bühnenwirkung:
ey, ey, er ist dot, merck ich wol,
wais ich ie nit, was ich thun sol,
sol ich vor wain oder vor essen?
o, ich kan wol pey mir ermessen,
wo ich waint und macht ein geschrey,
so kömen all nachpaurn herpey,
so müest ich den vil wainens treiben
und müest den abnt ungessen pleiben
H. Sachs fastn 60, 129 ff. ndr.
das sprichwort zieht daraus die lehre: an der hund hincken, an der huͦren wincken, an der frawen weynen und an der krämer schweren sol sich niemand ankeren sch. w. klugr. (1548) 37ᵃ; entspr. das. 142ᵇ; Lehman flor. pol. 1 (1662) 108. 124. derbe volksweisheit rückt darum die frau in beleidigende zus.-hänge: hund bruntzen, wann sie wollen, und weiber weynen, so offt sie wollen Lehman 1, 431;
nach freier wahl, zu jeder stund,
weint das weib und pisst der hund
Binder 206.
von fällen besonderer anlage und einübung abgesehen ist das weinen als instinktive ausdrucksbewegung menschlicher willkür entrückt: Schenck u. Gürber leitf. d. physiologie (1921) 190.
4)
weinen kann körperliche ursachen haben: wen da (im Tartarus) ist iemer weinen der ougen von deme rouche lucidarius 5, 7 Heidlauf; das seind die follen geist, die das truncken ellend weinen, so sie foll weins seind Geiler hell. leuw. (1514) 26ᵈ; (die trunkenbolde) weinen, sind gantz forchtsam und zaghaftig Ambach v. zusaufen (1544) C 1ᵇ (Basilius 2, 449ᵇ Migne); warumb weint die braut ab dem essen? ich glaub sie hab icht zwiebeln gessen Eyering prov. 3, 410;
da ihm die augen übergehn,
dasz er vor kälte weinen musz
Droste-Hülshoff 2, 30.
es ist dann schwer zu unterdrücken: ich bin eyn hofman, kan senff essen und doch nicht weinen Fischart Garg. 26 ndr.; es ist nur das auge, das weint ... das auge ist ... schwach geblieben, der geringste anlasz drängt mir eine thräne hervor Göthe I 23, 40 W. in aller regel sind aber die thränen seelisch bedingt. unter umständen ist ein lustgefühl die treibende kraft: von freuden weinen Arigo dec. 80 Keller; ich weine vor freuden und vor zärtlichkeit Cronegk 1 (1771) 44; ich habe viele personen dabey vor freuden weinen sehn Archenholz Engl. u. Italien 1 (1785) 89;
wie ich vor entzücken weine
Schubart ged. 2 (1825) vi.
über die unlustgefühle, die weit öfter zum weinen führen, hat nam. Lessing philosophiert: die ursache ist nach ihm mitleid, z. b. der bericht über das unglück eines verdienten mannes. der bericht über seine verdienste allein würde rühren, das unglück allein beklemmen: das sind seine vollkommenheiten! bey einer solchen erzählung aber kann niemand weinen 17, 77 M. im einzelnen sind auch diese unlustgefühle vielgestaltig: zerknirschung, todesangst, unbefriedigter ehrgeiz, heimweh, trotz, wuth, entgangene lust können antheil haben: (Esau hat) solhen segen nit können erlangen ... wiewol er die puͦsz waynund gesuͦcht hat Berth. v. Chiemsee t. theol. (1528) 27; da stehet ihr, die meyste mit weinenden augen ... weil es euch leyd ist, dasz ihr einmahl die welt gesegnen und davon müszt Moscherosch ges. 1 (1650) 38;
soll Hermanns sohn ...
nicht zürnend weinen, weinen vor ehrbegier?
Klopstock oden 1, 107 M.-P.;
er erzählte mir ... von einem Bergschotten, welcher allemal weinte, wenn er eine gewisse langsame schottische melodie spielen hörte Herder 25, 131 S.; er verlangte das thier mit den äuszersten liebkosungen. aber ich drückte es nur desto fester, weinte und wollte es nicht hergeben Göthe I 43, 19 W.; (Felix) stampfte mit den füszen, weinte, rüttelte an den thüren I 24, 65;
jäger: ich seh dir's an den augen an,
dasz du geweinet hast.
schäferin: und wenn ich auch geweinet hab,
was geht es dich denn an?
ich wein, dasz du es weiszt, um freud,
die mir nicht werden kann
Arnim 17, 215 Grimm.
in der regel führen schmerz, trauer, mitleid und rührung zum weinen.
5)
weinen kann mit worten verbunden sein: redt Tancredus wainende zuͦ im also N. v. Wyle transl. 83 K.; (als er) kain hoffnung lebens mer an im sahe, bat er wainend syne muoter Steinhöwel Äsop 104 lit. ver.; die fraw ... anfieng und waynend zu irem mann sprach Lindener rastb. 32 lit. ver.; gewiszlich, antwort Elisena weynend Amadis (1569) 28 lit. ver. neben diesen bis heute möglichen part.-fügungen wird das miteinander der thränen und worte veranschaulicht durch wendungen wie: imploro / anruͦffen mit weinen Calepinus XI ling. (1598) 689ᵃ; so aber war mit heulen und weinen ihre stete antwort: ich habe nichts böses gethan polit. maulaffe (1679) 240. erst in neuerer sprache werden thränen und worte im verbum weinen vereinigt: Ardinghello! weinte sie, verlasz mich! Heinse 4, 117 Schüdd.; soll ich ihn denn nicht mehr sehen? weint Eva maler Müller 1 (1811) 103; daran that er recht, weinte die alte A. v. Arnim 1, 4;
die weiber fangen zu weinen an:
ach gott, wo bleibt mein lieber mann?
d. volksl. 875 Mittler.
regel ist, dasz das weinen die rede erstickt: dasz manicher ... vor weinen kam ('kaum') mocht reden Knebel chron. v. Kaisheim 364 lit. ver.;
so sang er, als die rege pein
diesz lied mit weinen unterbrach
Pietsch (1740) 315 Bock;
(sie konnte) vor weinen und schluchzen kaum die wenigen worte hervorbringen Göthe I 23, 14 W.; er würde weinen müssen, vor weinen dies gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das herz zusammenzog Th. Mann Buddenbr. 2 (1901) 123. weinen ist geradezu ersatz für worte: die junckfraw weint und darffs doch nit sagen, wenn du fragest, was es doch seye Boltz Terenz (1539) 47ᵃ. als wesentlich gelten bei allem weinen die thränen: weinen ... ist threnen auslassen und vergieszen Gueintz d. rechtschr. (1666) 158; weinen zeiget ein vergieszen der thränen an Stosch 2 (1772) 313; entspr. Eberhard syn. 4 (1799) 113;
wenn sich dein aug' im eignen balsam kühlt
von seinem schmerz, so nennest du es weinen,
ein sanfter laut, bei dem man thränen fühlt
Rückert 3, 193.
6)
so stellt sich weinen als eine der schmerzäuszerungen des einzelnen menschen dar, die unter thränen unwillkürlich erfolgt. in diesem kreis kann der begriff nur durch verinnerlichung näher bestimmt werden: das weinen ist eine vermischte empfindung von lust und unlust M. Mendelssohn 1 (1843) 256; lachen mit affect ist eine convulsivische fröhlichkeit. weinen begleitet die schmelzende empfindung eines ohnmächtigen zürnens mit dem schicksal Kant 10 (1839) 281 Hart.; das weinen, ein mit schluchzen geschehendes (convulsivisches) einathmen, wenn es mit thränengusz verbunden ist, ist, als ein schmerzlinderndes mittel, gleichfalls eine vorsorge der natur für die gesundheit das. 290; das weinen ist ... mitleid mit sich selbst, oder das auf seinen ausgangspunkt zurückgeworfene mitleid Schopenhauer ² 1, 484 Gr. der äuszerliche befund bleibt vielseitig und wird meist nur stückweise beobachtet. kehlkopf und nase sind betheiligt: cum singultu flere / weinen das man schnucket (th. 9, 1381) nomencl. schol. hamb. (1634) 124; durch eine solche verbindung (des auges mit der nase) ist es erklärlich, dasz man sich schnäuzt beim weinen Sömmerring bau d. menschl. körpers 5 (1845) 644; rotz und wasser weinen / bittere thränen vergieszen Rädlein 1 (1711) 1032. die muskeln des gesichts, zumal des mundes, zucken: nicht zum weinen verzog sich das kleine antlitz E. Th. A. Hoffmann 12, 10 Gr.; das angesichtchen verzog sich sanft zum weinen Stifter 3, 82; in der unterlippe ... ist der übergang zum weinen angedeutet Welcker a. denkm. 1 (1849) 290; ihre lippen zuckten von heftigem weinen Storm 5 (1899) 79; es war das weinen böser kinder, das das gesicht verzieht und entstellt E. v. Keyserling Beate (1903) 116. auch andre glieder können betheiligt sein: (ein flügelknabe) dessen rechte hand weinen ausdrückt Gerhard arch. ztg. 1 (1843) 88; seine gestalt schütterte von ersticktem weinen Handel-Mazzetti Jesse 2 (1911) 307. die hauptobacht gilt immer den augen: er weinet ausz den augen Abr. a S. Clara Judas 1 (1687) 167; so weint ihr trübes auge E. v. Kleist 1, 21 Sauer; dennoch trübt sich im weinen der blick Gerstenberg schlesw. litbr. 107 lit.-denkm.;
und sie seufzt hinaus in die finstre nacht,
das auge von weinen getrübet
Schiller 11, 290 G.;
ihre augen waren vom weinen geröthet Storm 1 (1899) 67. gern übertreibt man die wirkung: von vielem weinen blind werden Adelung umst. lehrgeb. 2 (1783) 393, und überschätzt die wichtigkeit der augen auf kosten der thränendrüsen: ich bin alt und blind — habe keine augen, über euer leiden zu weinen Klinger 4, 7. gut beobachtet wird der fall der thränen: lacrymae guttatim cadunt / er wainet das ein tropff den andern schlegt Corvinus fons lat. (1646) 402; von da Stieler 2479; sie weynet, dasz eine thräne die ander rührte Grimmelshausen 4, 531 Keller. auch ein örtliches ziel kann ihnen bestimmt werden: die thränen ... die ich ... auf mein pult weine Schubart 8, 29 Strausz;
hast du mir diesen stein, betracht' ihn wohl,
mit eines fremden namens zug gegeben,
so küss' ich ihn vor lust und wein' auf ihn
H. v. Kleist 1, 257 E. Schm.;
lassen sie mich meine thränen auf ihre wohlthätige hand weinen Kotzebue dram. w. 2, 35; ich weine auf den thaler, ich weine auf die bittschrift, auf alles weine ich Brentano 4, 182. neben dieser geläufigsten anknüpfung mit auf findet sich seltner die mit an und in:
wie die perlen dich umschmiegen,
die dir froh am halse liegen ...
hat ein gott dir freudenzähren
an den schönen hals geweinet?
Lenau ged. 1 (1857) 167;
nicht in den staub, o freund, hier weine hin,
hier auf die weichen blätter dieser rose
das. 219;
die mutter weinte still in ihr tuch Heyse nov. 1, 125. auch der salzgehalt der thränen spielt eine rolle: bittersalzicht weinen Henrici ged. 1 (1727) 104. ein schnödes sprichwort will im weinen nur die abgabe von wasser sehen: was einer weinet das pisset er nicht Binder 211. die physiolog. erklärung des weinens beginnt in tiefem irrthum: weinen (ist) ein constipatz im miltz, so dieselbige kompt, so ist das weinen geboren Paracelsus op. (1616) 1, 130.
7)
in einmaliger besonderheit, z. th. von fremden vorbildern bestimmt, bedeutet weinen 'quietschen':
(ein neuer wagen) weynet, seufftzet knirrt und knarrt
Waldis Es. 1, 404 Kurz;
'tönen':
horch — die glocken weinen dumpf zusammen (1803: hallen)
Schiller 1, 226 G.;
'thränen zollen':
wie süsz, wie himmlisch, dasz du ihm weinen magst,
dem groszen retter
Kretschmann 2, 77;
'strömen':
mir weint das blut vom herzen
(the blood weeps from my heart)
Shakesp., Heinr. IV., 2, 4, 4;
'weinend heranrufen':
wein' itzt alle deine götter,
August, um dich her
E. M. Arndt ged. (1860) 2.
IV.
in dem damit umschriebnen kreis vollzieht sich der gebrauch des worts.
A.
als gefühlbetontes wort wird weinen gern gesteigert. dazu dient zunächst das einfache quantitative mittel der widerholenden häufung: do er weint mit michelm weinen erste d. bibel 3, 132; Ezechias weinet eines groszen weinens spiegel menschl. behaltn. (1492) 56ᵃ;
ich bin ach kaum alleine,
ich wein', ich wein', ich weine,
das herz zerbricht in mir
Göthe I 14, 183 W.;
leitet mich, ihr schauer, dasz ich weinen,
dort mein herzensopfer weinen kann
Tiedge 2 (1823) 79;
wenn sich dann der busch verdüstert,
rauscht das rohr geheimniszvoll,
und es klaget und es flüstert,
dasz ich weinen, weinen soll
Lenau 13 Barthel.
qualitative verstärkung wählt drei verschiedene wege.
1)
ein verstärkendes adverb tritt zu weinen:
das ouh ih sô sêre weine,
des twinget mih vil grôʒir pîn
Rud. v. Ems weltchr. 21 838 Ehrismann;
dû salt ... vil heiʒ an got weinen,
daʒ er dich wolle reinen
väterb. 16 313 Reissenberger;
Jacob ... küsset Rahel und weinet laut 1. Mos. 29, 11; sie verhüllt mit ihren händen ihr angesicht und weinet überlaut maler Müller 1 (1811) 152; Angela weinte heftig Holtei erz. 1 (1861) 88. meist färbt das adv. zugleich die handlung: do sie anhube jämerlichen ze weynen Arigo dec. 91 Keller; tett er erbermklich und ellenklich sich selbs und die tochter wainen N. v. Wyle transl. 90 Keller; Petter gieng ausz, er waint bitterlich erste d. bibel 1, 317; nach solcher red kläglich anhuͦb zuweinen Montanus 38 Bolte; die leiche wurde prächtig beygesetzt, und weinten dieselben am trotzigsten, die sich der erbschafft wegen am meisten freueten Chr. Weise erzn. 6 ndr.;
und wo die unschuld trostlos weint
Gottsched ged. (1751) 1, 24;
seht doch, sie weint ja greulich
Mörike 1, 237 Göschen;
die gute hausmutter weinte herzlich Stolberg 6, 116. nur neben das letzte adv. tritt die gleichgerichtete präp. formel: von hertzen weinen und grundtlich / fundere fletus Maaler 488ᵃ.
2)
durch parallel gestellte synonyma wird der sinn gehoben:
ze allin zîten man in sach
trûrin unde weinin
Rud. v. Ems weltchr. 23 729 Ehrismann;
dô de riddere to hûs quam, do schrîede se unde wênde städtechron. 26, 241 (Lübeck 1407); do er daz gesprochen het, wider an hube zu zeüfze und weinen Arigo dec. 26 Keller; (dasz die frau) zähern und weynen muͦszt das. 607; do wirt wainen und grisgramen der zende erste d. bibel 1, 29; ynn nöten mit einander wehe klagen, heulen und weinen Luther 28, 28 W.; anheben ze weinen und zegreinen wie ein weyb Maaler 488ᵃ;
thet waidlich sie mit fewsten knüellen,
das sie laut thet wainen und rüellen
H. Sachs 21, 230 K.-G.;
und weint' und wimmert' in das feld hinaus
Bürger 173 Bohtz;
ich fasste zitternd, flehend, weinend die hand des jungen arztes Holtei 2, 61. durch ersparung einer bildungssilbe kann das syn.-paar noch enger gebunden werden:
das heul- und weinen kan das leben
dem toten doch nicht widergäben
Bellin hd. rechtschr. (1657) a 4ᵇ.
3)
vollends ist kontrast wirkung geeignet, den wortbegriff zu steigern: man überredt oft einen, dasz er dantzet, der lieber weynet sch. w. klugr. (1548) 169; du hast mir mein weinen in frewd verkehret J. Arnd nachf. (1631) 54;
dasz billich, wer bisher geweint,
nun jauchtzen sol und lachen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 340ᵇ;
dein gutes herz hat so oft mit mir geweint, nun soll es sich auch mit mir freuen Lessing 2, 313 M.;
so laszt uns noch einmal vereint
die vollen gläser schwingen:
der abschied werde nicht geweint,
den abschied sollt ihr singen
Platen 1, 333 R.
wider kann die bindung bes. eng gestaltet werden: unter der begleitung weinend-jauchzender weiber Ranke 15, 308. das gegebene gegenwort ist lachen:
nu sehent wie unser lachen
mit weinen erlischet
Hartman a. Hnr. 107;
das syn vatter mit weynen gwan,
mit lachen hett er das verthan
Murner mühle 419 Bebermeyer;
so hab ich so mär wollen schreiben
von lachen, alsz vil weinens treiben
Fischart Garg. 2 ndr.;
ein weg musz sehr gut sein, den man soll zweimal machen.
den aber musz ich tun, wie wenig er von lachen,
wie viel er weinens hat
Fleming d. ged. 1, 193 Lappenberg;
eines unglück ist desz andern glück. es weinet keins, das ander lachet Lehman flor. pol. 2 (1662) 850;
schläfst liebchen, oder wachst du?
wie bist noch gegen mich gesinnt?
und weinest oder lachst du?
Bürger 14ᵃ Bohtz;
das weinen stunde ihm näher als das lachen M. Kramer t.-it. 2, 1301ᵃ; weinende braut, lachende frau Binder 27; unser liebliches allemannisch, unser im lachen wie im weinen gleich inniges und herzliches plattdeutsch sind nicht verschwunden Mommsen reden 130. leicht schlägt lachen in weinen um: wie sie es aber vernahm, dasz es nur vexation gewesen, wird aus den lachen ein weinen Schweinichen denkw. 56 Österley;
des sünders lachen wird
in weinen einst verkehrt
J. A. Cramer sämtl. ged. 3, 104;
wer heute lacht,
wird morgen weinen
Herder 27, 39 S.
hierher das geflügelte wort: nach lachen kommt weinen, das nach Büchmann ²⁵ 30 von spr. 14, 13 und Luk. 6, 25 ausgeht. die gegenpole sind sich verwandt, eben weil sie pole sind: das homerische δακρυοεν γελασασα, oder Klopstocks weinendes lächeln fand ich hier in der miene des Johannes meisterhaft ausgedrückt Schubart leben 1 (1791) 199; sodasz wir mehr als einmal zugleich lachen und weinen muszten Göthe I 44, 23 W.; (ich) muszte lächeln, was auch eben so ein weinen hätte sein können Caroline 96 Waitz; das würde zum lachen sein, wenn es nicht zum weinen wäre Scherr hammerschl. 192; das lachen ist eine so angenehme form des weinens Burte Wiltfeber (1912) 194. auch im gesichtsausdruck leuchtet die verwandtschaft hindurch: es gibt wahrhaftig eine art zurückhaltender und empfindlicher menschen, die, wenn sie sich freuen, aussehen, wie andere, wenn sie weinen Lichtenberg verm. schr. 2, 183, die das sprichwort gut ausprägt: gleich wie weinen und lachen aus einem sacke komt ... also hats auch eine gestalt mit gottes liebe und zorn J. Böhme 3 (1620) 260; er trägt lachen und weinen in einem sack Binder 117. die innere verwandtschaft führt bis zur sprachlichen zus.-setzung:
(du) faltest deine händ' und blickst
weinendlächelnd gen himmel
Schubart ged. 2 (1825) 165.
B.
entscheidend ist für den wortgebrauch, ob kind, frau oder mann subjekt des weinens sind.
1)
dem kind ist das weinen angeboren: (der mensch) wird geboren mit thränen und weinen, vermittelst welcher er anderer hülffe anflehet Neumark neuspr. t. palmb. (1668) 146. weinen ist sein erstes thun auf erden, alttestamentliche wie klassische beobachtung gehen davon aus: ich bin auch ein sterblicher mensch, ... und habe auch, da ich geborn war, odem geholet aus der gemeinen lufft ... und weinen ist auch gleich wie der andern mein erste stim gewest weish. Sal. 7, 3; von da Herder 22, 28 S.; allein den menschen hat sye (die natur) nackecht ... in die welt bracht, gleich zuͦ weynen und heülen Eppendorff Plin. (1543) 3; entspr. J. Heyden Plin. (1565) 2. sprichwort und sprachbetrachtung knüpfen an: alle kinder werden mit weinen gebohren Spanutius (1720) 512; so wird das a in aarra 'mann' und das e in emea 'weib' in vollem ernste daher erklärt, dasz man im ersten weinen eines männlichen kindes ein a, eines weiblichen ein e vorhören soll W. v. Humboldt 4, 72. auch die gröszten haben als kinder geweint: wir ... solltend in (Christum) aber noch billich hören weinen in der krippen Zwingli 1, 99 Schuler; wie der grosze Alexander, als er noch ein kleiner junge war, über die siege des königes weinte Kästner 1 (1755) 217. den erwachsenen ist kinderweinen lästig:
da weint ein kind on underlosz,
welchs sehr die mutter denn verdrosz
Fischart Eulensp. v. 12 058;
in gräuelvollem kampfe ward Irland unterworfen, also dasz die irische mutter noch heute mit dem namen Cromwell ihr weinendes kind zur ruhe schreckt Treitschke hist. aufs. 1 (1886) 23. darum setzt das kind mit weinen seinen willen durch: so läszt dir der Luther auch fein dein willen, du möchtest sonst wainen Nas antipap. eins u. hundert 1 (1567) 3ᵃ; ihre linke hand nimmt ein stillstehender knabe in anspruch ... weinend will er auch getragen sein Göthe I 49 i 264 W. von da sprichwörtlich:
so man den kindern (wie man spricht)
ihrn willen lest, so wein sie nicht
Eyering 1, 680;
entspr. Schellhorn (1797) 99. höhere weisheit trägt die vorübergehende beschwer:
er stellet sich bisweilen hart,
verbirget seine gegenwart
und läszt die kinder weinen
Chemnitzer gesangb. (1759) im lied: gott führt die seinen wunderlich str. 2;
gedenck das besser ist kind weynen weder alt lüt Geiler bilg. (1512) 103ᵈ; ebenso: sch. w. klugr. (1548) 6ᵃ. 113ᵇ; Eyering 1, 186; Schottel haubtspr. 1127; Schellhorn 91. primitive bleiben auch als erwachsene beim kinderweinen: Adam kumpt weinend mit der Eva H. Sachs 1, 84 K.; Brasilianer, so die fremde mit weinen ... empfangen Grimmelshausen Simpl. 528 ndr.; die Hottentottensclaven ... lehnten sich nach der abschiedspredigt ihres missionars weinend und traurig an die wand Ritter erdk. 1 (1822) 400. wer es sonst thut, musz sich den vergleich mit e. kind gefallen lassen: du bist ein kind, dasz du über solche ungereimtheiten weinen kannst Lenz 2, 338 Tieck; crocodill und der grimmig jauchzende löwe liefen, wie weinende kinder, nebenher maler Müller 1 (1811) 172.
2)
frauen weinen leicht: als sie disz geredt, sterckt und mehret sie von newen jhr weynen dermaszen Amadis 1, 227 Keller; sie fand sich sehr allein, mochte den tag nicht sehen, blieb im bette und weinte Göthe I 21, 62 W.;
da hat sie weinend sich an ihn geschmiegt
Droste-Hülshoff 2, 233.
gründe sind trauer, schlechte behandlung, angst, rührung, erschöpftheit:
Maria steht fürm grab und weint
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 341ᵇ;
so will ich dir dein kleyd abpfenden,
dich muter nackendt zihen ausz,
die haut zerschlagen nach der bausz,
dich volgends wainend schicken hin
zun schiffen
Spreng Ilias 18ᵃ;
nahme seinen weeg zu seinem hausz zu, da er seine fraw gantz weinend antraffe, also dasz sie sich auch nicht zu beth zu begeben getrawet hatte Prätorius glückst. (1669) 11; Hecker ... der auf offenem markte so ergreifend zu ihnen gesprochen hatte, dasz die mütter sämtlich weinten, die väter sich vor rührung den schweisz von der stirn wischten briefe von u. an Herwegh 159; bis die frau erschöpft war und in weinen und beten verfiel G. Keller 1, 78. der mann läszt solche thränen gelten:
mit zähern netzt sie das papeir,
dann weinen was ir beste stewr
Scheit fröl. heimf. (1553) C 1ᵃ;
und jetzt liegt er unterm kreuz
da drunten in die stoana,
und's dienei liegt dervor, dasz's ihr
as herz adruckt vor woana
K. Stieler ged. 1, 47 Reclam,
schätzt aber auch an der frau beherrschung: sie war dabei hochrot und zitterte, aber sie weinte nicht Fontane I 1, 92, und spottet allzu häufiger thränen:
ach, frau Bolte weint auf's neu,
und der spitz steht auch dabei
W. Busch Max u. Mor. (1865) 9.
3)
dem rechten mann sind thränen zuwider: sie achten sich alsdann sälig sein, so sie nit zu haus unter dem gayfer, heülen und waynen der weiber, sonder zu feld unter den pfeylen sterben S. Franck chron. d. Türkei (1530) E 1ᵇ. an männern ist weinen verächtlich: die unachtbarsten, so da weibisch weinten und umb gnad beten Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 183ᵃ; so weinten die mönche, das umliegende land ward verheeret M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 194, ja verdächtig: so wie der, der über alles ... weint, sehr wahrscheinlich ein kind, ein narr, oder ein heuchler ist Lavater phys. fragm. 1 (1775) 93; der weint durch d' finger, wie e witwe am grab H. Fischer 6, 611. weinen an männern wird gescholten: als der umbstand kurtz vor seinem (Maximilians) tod sehr weinete, sagt er: dieses weinen steht weibern und nicht männern zu Zinckgref apophthegm. (1628) 88; pfui, alter kerl! du weinst G. Stephanie lustsp. (1771) 47;
diese memmen weinen,
von einem knaben weich gemacht
Schiller 5, 421 G.;
sey ein mann und weine nicht Meisl quodl. 1 (1820) 90; dasz du weinst, Hans Jürgen, das schickt sich nicht Alexis hosen 1 (1846) 65. der weise lehnt es ab: weinen hilfft für den todt nicht Lehman flor. pol. 3 (1662) 475, der held bekämpft es: als der könig die mähr ... vernam, grosz schrecken empfieng und mit kummer das weynen verhielt buch der liebe (1587) 119ᵃ, doch das gelingt nicht immer;
ich kan mich der heiszen zähren
meiner augen herben fluht
und des weinens nicht erwehren
G. Neumark poet. lustw. (1652) 14;
dasz sie sich des weinens ... so wenig als des fiebers ... enthalten können Butschky Pathmos (1677) 2. südliche völker haben von je anders empfunden:
die welt hört auf mit seinen (Alexanders) siegen,
er weint, weil, dort zu kriegen,
der himmel keine brücke hat
Haller ged. (1882) 16;
wie Sophokles Philoktet leide, und die helden Homers weinen, und Virgils Laokoon den mund öfnen, und körperliche schmerzen auf dem theater winseln dörfen Herder 3, 9 S.; der nuntius ... weinte, indem er ihm das ans herz legte Ranke 1, 271 f.
4)
von da stammt die religiöse empfehlung des weinens: selig seint die do weinent, wann sy werdent getröst erste d. bibel 1, 17; weinen gehet fur wircken, und leiden ubertrit alles thun Luther 18, 484 W.;
wer hier zeitlich wohl geweint,
darf nicht ewig klagen
P. Gerhardt 162 Ebeling,
die ihrerseits alttestamentliche sitte verinnerlicht:
(bei Mosis tod) lepten si dô drîʒig tage
schrîende unde weininde
Rud. v. Ems weltchr. 15 710 Ehrismann;
(Agar) satzt sich gegen über, und huͦb jr stimm auf und weynet Zürcher bibel (1531) 1. Mos. 21, 16;
Nathan: als
ihr kamt, hatt' ich drey tag' und nächt' in asch'
und staub vor gott gelegen und geweint
Lessing 3, 139 M.
auch auf klassischem boden ist die sitte vorbereitet: arae planctibus vallantur / die altar sind umbgeben mit weinenden weybren Frisius (1556) 111ᵃ; die matronen und jungfrauen weinen in den tempeln Klinger n. theater 1 (1790) 3. die neutestamentliche lehre bestimmt die alte kirche:
enkain flaisch er versuͦchte
noch guͦtter spîs geruͦchte.
süfczen, wainen, herczelait
das was sîn gewonhait
Wernher Marienl. 219 Päpke,
und hält das weinen in christlicher werthschätzung: zuͦ dir (Maria) seufzen wir klagend und weinend in dissem tal der träheren manuale curatorum (1516) 61ᵇ;
o dasz ich wie ein kleines kind
mit weinen dir nachgienge
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 375ᵃ.
gelegentlicher spott ändert daran nichts: do singen unser cantores mit fünff stimmen ... yetz hoch das sie erworgen wöllen, dan so weinens, singt einer hie usz, der ander dort usz, dan schwigen sie Vadian v. alt. u. n. gott 42 ndr.
5)
südländische u. kirchliche weinseligkeit führen die literarische herauf. das wälsche vorbild ist ebenso greifbar wie das religiöse: wo er (Petrarca) am grabe seiner Laura abwechselnd dichtend weinte und weinend dichtete Scheffel 3 (1907) 202;
den gantzen tag ich weine,
weil stäts in schmertzen bin
Spee trutznacht. (1649) 8.
das 17. jahrh. bringt die lit. strömung nach Deutschland:
denn ich vor deinen thron musz schütten meine zehren,
weil dein untrewes kindt die hand will von mir kehren,
und hört mein weynen nicht, ob gleich wald, berg und thal
von meiner hellen stimm erschollen überal
Opitz t. poem. (1624) 39 ndr.;
seid meine schreiber, wie ich weine,
grabts in die rinden
Zesen verm. Helikon 2 (1656) 41.
das 18. führt sie zur blüthe:
heil dir, mein theurer freund!
weil du mit allen meinen thränen
mitleid gehabt, und mit mir geweint hast!
Klopstock oden 1, 67 M.-P.;
was fyr ein ängstlicher laut mit bangem winselndem rauschen
weinet aus deinem mund?
Bodmer Jacob u. Jos. 1, 506;
und dann sink ich an ihre brust hin
und weine
Geszner 1 (1777) 56.
an der wende des 19. klingt sie ab: Klotilde flosz von weinender liebe über Jean Paul Hesp. 4 (1795) 85; (der jüngling) liesz seine ganze schöne seele weinen Titan 2 (1801) 72. die hörer sind ihrer dichter werth: den Messias lernt' ich fast auswendig, und weinte Schubart leben 1 (1791) 17; er wird ... bei gewissen stellen so gerührt, dasz er heisze thränen weint, und einige augenblicke ganz aus der fassung kommt; und es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden stellen, die ihn in diesen zustand versetzen; es sind, wenn ich mich deutlich ausdrücke, die schönen stellen, aus welchen der reine geist des dichters gleichsam aus hellen offenen augen hervorsieht: stellen, bei denen wir andern uns nur höchstens freuen, und worüber viele tausende wegsehen Göthe I 22, 170 W. selbst in gesellschaftlicher sitte lassen sich die zeitgenossen von ihren dichtern beeinflussen: entschuldigung einer person, beym abschied nicht weinen zu können Göthe III 2, 76 W. aber auch spott stellt sich ein, sowol auf Klopstock: da sehen wir cedern und bäche, in schleyer verhüllte jungfernthränen, und in hosen verwickelte junggesellenthränen weinen; weinen, ach! weinen auf die leyer herunter: wir wollen sie wieder herauf lachen Schönaich neol. wb. (1752) 233 Köster; wenn ein mann also weinet, so weinet er mit thränen der weiber. wer aber wie Klopstock weinet, der weinet wie Eloa das. 376, als auf Jean Paul: geheult vor seligkeit wurde gewisz erst immer bei Haydn ... weinen bei höchstem musikgenusz war diesen romantischen Davidsbündlern selbstverständlich. so ein biszchen Jean Paulisch wurde geweint, rührsam unter lachen und anekdotenerzählen Mauthner erinnerungen 1 (1918) 185f., genährt durch die lust am übertreiben:
er hätte teiche voll geweint
und mühlen mit seinen seufzern getrieben,
sie wäre so ruhig dabey geblieben
als wär' es nicht auf sie gemeint
Wieland 21, 17 (Gandalin 1, 161);
ihr weint mühlsteine, wie die narren thränen
Shakesp. 9, 49;
durch ganze nächte lagen, still und heimlich,
die fraun im tempel Mars', und höhlten weinend
die stufen mit gebet um rettung aus
H. v. Kleist Penthes. v. 1938.
C.
ein enges verhältnis hat das weinen zur musik. es geht sprachlich von den schon im 17. jahrh. häufigen fällen aus, in denen die menschenstimme subjekt des weinens ist: hierauf liesz sich eine weinende stimme aus der verdeckten kutschen vernehmen J. Riemer polit. stockf. (1681) 323; die lange, hagere gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden, schnell singenden tone Tieck nov. 1 (1852) 195. von da kann leicht ein musikalischer ton subjekt werden:
fern aus den hohen gewölben herwallende seufzer,
die mit weinendem laut das heil der menschen verlangten
Klopstock Mess. 1, 475;
ein einziger ton weinte in einem frühling, wie eine schöne gestalt Jean Paul flegelj. 2 (1804) 68; wenn gar zuweilen der schwache weinende ton durch die luft herüberschnitt, da der alte todte graf Prokopas auf dem sternenthurme musicirte Stifter 2, 31, demnächst ein musikinstrument:
kaum dasz die muse mich noch mit ihrer gespielin besuchet,
und die leyer mir nicht weinende töne versagt
Wieland I 1, 448 (1762);
klage, tiefgestimmte saite,
aus dem weinenden klavier
Schubart 2, 165,
eine glocke:
wie er nun weihe die glocke,
die noch empört nachdröhnte mit weinenden tönen im aufruhr
Mörike 1, 253 Göschen,
die musik selbst: kennst du, leser, noch die stimme, die in seinem innern allzeit unter dem weinen der musik im tonfall der verse erklang? Jean Paul 10 (1826) 123. schlieszlich wird das weinen selbst zur musik, zunächst im vergleich: ihre seufftzer seyn gewesen der bass, ihr schreyen der alt, ihr weinen der tenor Schupp (1663) 64, zuletzt unmittelbar: in der arie des Paulus ist ... nicht versäumt ... durch einen chromatischen gang das weinen anzudeuten O. Jahn Mozart 1 (1856) 319.
V.
zus.-setzungen (die in früheren bänden übergangenen gesperrt): ab-, an-, auf-, aus-, be-, daher-, durch-, empor-, entgegen-, er-, fort-, ge-, her-, herab-, hervor -, hin-, hinauf-, hindurch-, hinweg-, mit-, nach-, neben-, nieder-, über-, um-, ver-, vor-, weg-, zer-, zu-, zurück-, zusammenweinen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1925), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 879, Z. 1.

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Zitationshilfe
„weinen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weinen>, abgerufen am 03.12.2020.

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