Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

weisel, m.

weisel m.
zu ¹weisen wie weiser (s. d.); im allgemeinen nur der bedeutung 'führen' entsprechend, also der 'führer', wogegen weiser auch der 'zeiger' ist. mhd. der 'führer' und in besonderer verwendung die 'bienenkönigin' als 'führerin' des bienenstaates; nhd. ist nur die bedeutung 'bienenkönigin' geläufig; in den auf menschliche verhältnisse übertragenen belegen (s. 2 b) ist die beziehung auf den bienenstaat so deutlich, dasz sie auch in den ganz vereinzelten fällen, wo sie nicht ausgesprochen ist, angenommen werden musz. auch mundartlich verbreitet. mhd. wîsel, m., vgl. mhd. wb. 3, 762ᵇ, Lexer 3, 940; ahd. ohne konsonantische ableitung wîso costrus, costrux, dux apium Graff 1, 1067, ags. wīsa 'führer'; gelegentlich noch so in heutigen maa.: wîs, wîse, wis, m. u. f. (nd.); weis, f. (md.).
1)
allgemein als 'führer, anführer', nur mhd. belegt:
Vrômuot sol mit samt in dar:
diu ist ir aller wîsel
Neidhart v. Reuenthal 31, 29 Wieszner;
im (dem blinden) ist diu vinster naht gelich, alsam der liehte tac,
der er entwederz ane wisel niht erkennen mac
minnesinger 2, 231ᵇ v. d. Hagen;
von dem was hie geslichen
der aventiure weisel
jüng. Titurel 4875 Hahn.
2)
'bienenkönigin', als führerin des bienenstaates, vgl. wisil (13. jh.), wisel (obd. 15. jh.) costrus, -ux Diefenbach gl. 154ᵃ; eyn weysel der ymen apiaster 40ᵃ; dafür auch bynenkunig, byenmoder ebda; weiser, weisel, weisler regina apium Nemnich wb. d. naturgesch. 640; weisel oder weiser wird der könig oder nach denen neuen observationibus die königin der bienen genennet Chomels öcon. lex. (1750) 8, 2312.
a)
eigentlich:
alsam die bien zuo den karn
mit vröuden vallent, ob ir rehte wisel drinne si
minnesinger 2, 5ᵇ v. d. Hagen;
der peinn weisel ist als ain küng under in Konrad v. Megenberg buch d. natur 288, 21 Pf.; (die) bienlein haben iren weisel, die kranich iren fürer J. Mathesius Sarepta (1571) 23ᵇ; Xenophon vergleichet ein weib einem wiesel, der bienen könig Decimator hochzeit pred. (1601) Z 3ᵇ; weil ... die sternen die sonne, die bienen den weisel für ihren könig erkennten, ... wäre ihr vorsatz, ihnen allen ein gleichmäsziges oberhaupt zu erkiesen Lohenstein Arminius (1689) 1, 1385ᵃ; wann man siehet, dasz etliche weisel oder könige (des bienenschwarms) schwärmen wollen v. Hohberg georg. cur. aucta (1715) 287ᵇ; als er sich umkehrte, stand er vor einem alten baum, der halb hohl war, und sah die wilden bienen aus und ein fliegen ... aber der weisel kam heraus, drohte und sprach brüder Grimm kinder- u. hausmärchen (1843) 2, 127; die bienen hatten ihren weisel verloren und der ganze stock war unlustig und traurig Musäus volksmärchen (1805) 3, 57;
nur einen weisel ziehn in einem stock sie (die bienen) klug,
weil für ein ganzes volk ein herrscher ist genug
Rückert w. (1867) 8, 400;
ich sah ein volk von immen,
das ohne weisel fuhr,
und mit verworrnen stimmen
hinschwärmte durch die flur
E. Geibel ges. w. (1883) 4, 198.
b)
im bilde auf menschliche verhältnisse übertragen: (gott) leiter, nach dem niemant irre wirt in allen wegen, nothaft, zu dem alle gute ding als zu dem weisel der pin nehen und halten Joh. v. Saaz ackermann a. Böhmen 34, 60 B.
ach armes vaterland! dein glantz war da verdorben,
es wollt kein dichter mehr in deinen gräntzen seyn.
die bienen waren weg, die weisel all gestorben.
es sammlet keine mehr ein tröpflein honig ein
J. L. Frisch schulspiel v. d. unsauberkeit d. falschen dicht- u. reimkunst 38 Fischer;
darauf antwortete mir das printzlein, sie hätten ihren könig nicht, dasz er justitiam administriren noch dasz sie ihm dienen solten, sondern dasz er wie der könig oder weiszel in einem immenstock ihre geschäfte dirigire Grimmelshausen Simpl. 417, 21 Kögel; um den häuft es sich zahlreicher als die bienen um ihren weisel A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 2, 208; die gastfreunde aber klagten mir, soviel ihrer jetzt noch im land der väter bleiben wollten, dasz ihrem kleinen bienenschwarm der weisel fehle G. Freytag ges. w. 8, 114; wie endlich auch der Planmichel geht, will keiner mehr bleiben. s ist der weisel weg P. Rosegger schr. II 1, 170; bei uns gehts zu wie beim bienenstand im mai. der eine weisel bleibt bald allein zurück und vor leeren zellen P. Dörfler Apollonias sommer (1931) 87.
3)
ganz vereinzelt wie weiser in der bedeutung 'zeiger': also dasz das euszer wort nicht dann ein zeiger, weisel und zeugnusz ist desz innerlichen worts Seb. Franck paradoxa (1558) 163ᵃ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1937), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1074, Z. 79.
Zitationshilfe
„weisel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weisel>, abgerufen am 22.02.2020.

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