weiten vb.
Fundstelle: Lfg. 8 (1938), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1277, Z. 20
ahd., mhd. wîten.
1)
weiter machen, erweitern, vergröszern: item 21⁄2 m. dem sarwechter gegeben vor 6 panzer zu wyten Marienburg. treszlerb. 311 Joachim; hat die capell ser herrlich lassen bauen undt weitten Abraham a s. Clara neue predigten 194 lit. ver.;
allmählich will man mein gefängnis weiten
Schiller 12, 489 G.;
ein kleid, einen rock etc. weitern ò weiten lassen Kramer 2 (1702) 1312ᵇ; mit der andern (hand) die wunde öffnet und weitet J. J. Engel schr. 7, 273. reflexiver gebrauch. weiter werden:
'aber mein weg ist beengt.' dulde! dort weitet er sich
Herder 26, 430 S.;
schneegräben ... in der tiefe sich weitend H. v. Barth Kalkalpen 151; sie gingen den dunklen gang entlang, dann weitete sich der höhlenraum, ein gemach war ... in den fels gehauen Scheffel Ekkehard 153; insbes. von kleidungsstücken, von stoff, leder, 'sich dehnen': die strümpfe weiten sich noch immer Rädlein 1, 1044; das leder weitet sich Kramer 2 (1702) 1312ᵇ. als ausdrucksbewegung: seine augen flammten, seine brust weitete sich Seidel Leberecht Hühnchen 112. uneigentlich, 'sachlich umfassender werden': mit jedem groszen charakter, den man mit diesem anfänglich so unbedeutenden amt (d. zensur) bekleidet hatte, dehnte und weitete sich dasselbe Jhering geist d. röm. rechts 2, 1, 299.
2)
das ergebnis des weitmachens, oder (refl.) weitwerdens ist weite, nicht blosze erweiterung: wie kann gott vorgestellt werden, indem er ... (bei der schöpfung) den himmel weitet Herder 6, 263 S.; die neuzeitlichen weittragenden waffen haben das kampffeld geweitet daheim 6. 10. 1933, 9ᵃ;
der wolkenmantel ...
der immer höher, riesig hoch, sich um die himmelskuppel weitet
A. v. Droste-Hülshoff werke 2 (1878) 15;
(ein schiff) das purpurn seine segel bläht und weitet
Paul Ernst kaiserbuch 3, 2, 294.
weit ausbreiten: die arme weitete ich und wollte beten Watzlik pfarrer v. Dornloh 334. beliebt, eigentlich oder bildlich, als ausdrucksbewegung: (die natur) will durch nichts das auge weiten und das herz erfreuen, das nicht auch seines vortheils wegen interessirt Hippel werke 5, 205;
ein mädchen, schlicht und fromm ...
das mocht auf bildern oft das herz mir weiten
Eichendorff werke 1, 534.
gebrauchsweisen, die das körperliche ganz zurücktreten lassen: auch ists gewisz, dasz der anblick des ruhigen oceans ... das gemüt eigentlich weite, nicht hebe Herder 22, 244 S.;
von innrer glut geweitet
verklärt sich unser sinn
Novalis 1, 51 Minor;
farbige flammen schlagen aus den kesseln
und hall von horn und pfeife eint und weitet:
dann sprengt ihr eures eignen willens fesseln
Stefan George sieb. ring 178.
auch vom zuwachs seelischer inhalte: wie ... eine neue welt der verschiedensten denkarten und völker zusammenkam, so weitete sich auch der geist der sage Herder 24, 515 S. etwa im sinne des eröffnens neuer möglichkeiten: das ei wälzt sich und ruht, ein mit sich selbst beschlossener raum, geweitet gleichsam zu einer stillen entwicklung Herder 22, 46 S.;
o, nicht hasz — den himmel weitet
weisheit, stillesein, geduld
Weinheber adel und untergang 114.
3)
reflexiv ohne gedanken an wirkliche raumänderung, doch mit einem gefühl, wie es die nach und nach erfolgende wahrnehmung begleitet:
ich seh ein reich vor meinem blick gebreitet,
an flüssen rasch, an grünen ebnen klar,
das immerfort sich vor den augen weitet
Göthe 16, 294 W.;
bei ihrem (d. fackel) schein die stille nacht
gleichwie ein dom sich weitet,
wo unsichtbare hände baun
Eichendorff werke 1, 290;
die helle nur weitet sich und füllt den unermeszlichen raum H. v. Barth Kalkalpen 65. ähnlich: mit dem tiefen dämmern, das die wände des refektoriums in den himmel weitete Kolbenheyer Paracelsus 3, 16.
4)
refl. 'sich entfernen':
in welchen ziten
ir meist uch pfleget witen
von den kristenluten
passional 189, 80 K.;
dann krümmt sie (d. biene) ihren leib, die flügel breitet
und zierlich in die blaue luft sich weitet
Paul Ernst kaiserbuch 3, 2, 95;
ähnlich (nicht refl.) ebda 81.
weiten adv.
Fundstelle: Lfg. 8 (1938), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1278, Z. 35
weit, mhd. wîten(e): er füret so ainen ritterlichen ... krieg, da von man vil und weiten sagt Füetrer bayr. chron. 212.
Zitationshilfe
„weiten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weiten>, abgerufen am 23.10.2019.

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