Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

weltschmerzlich, adj.

weltschmerzlich, adj.,
ableitung von weltschmerz.
1)
trübe, pessimistisch, einer wehmütigen, weichen stimmung nachgebend (zu weltschmerz 2): das trübe wetter that das seinige, dasz wir in eine weltschmerzliche stimmung gerieten (20. 8. 1843) A. Andrae-Roman aus längst vergangenen tagen (1899) 123; wäre don Giovanni die faustische natur ... so wäre es nicht zu vermeiden gewesen, in einem monolog ... den kampf der leidenschaftlich erregten sinnlichkeit oder der weltschmerzlichen menschenverachtung mit dem sittlichen gefühl und seinem höheren streben darzulegen O. Jahn Mozart (1856) 4, 388; im selben jahre (seines landlebens, 1843, hat Bismarck) von gleichgültigkeit, freundlosigkeit, lieblosigkeit und immer wieder von leere seines daseins, von langerweile gesprochen. notizbücher, die man gefunden hat, enthalten weltschmerzliche worte, wie dies: das leben ein schattenspiel. es bot ihm nicht, was er brauchte Marcks Bismarck (⁷1909) 1, 196; ein zug weltschmerzlicher entsagung, der ihr (frl. Dorette Langenberg) sehr gut stand H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 207; hätte Luther unter dem einfluss seiner krankheiten den stimmungen melancholischer und weltschmerzlicher natur folge gegeben, so wäre sein werk gescheitert W. Ebstein dr. Martin Luthers krankheiten (1908) 55; herr Kernmair (d. neue arzt) war geknickt (als der gemeindevorsteher ihn warten liesz) ... es überkam ihn plötzlich eine weltschmerzliche bitterkeit Schönherr allerhand kreuzköpf (1911) 70; eine weltschmerzliche laune drängte Konrad, sich mitzuteilen qu. a. d. j. 1923; auch adverbiell gebraucht: weltschmerzlich klagte irgendwo ein vogel qu. a. d. j. 1923; man sieht das am deutlichsten an den mannigfachen untugenden des umgangs. der unbeherrschte ist in dieser sphäre der launische, der unweise ist hier der achtlose, blasierte oder weltschmerzlich enttäuschte Nic. Hartmann ethik (²1935) 436.
2)
der künstlerischen haltung des weltschmerzes entsprechend (zu weltschmerz 3): auch bei dem wahrhaften dichter-genius Byron schätze ich den frivolen 'don Juan' tausendmal höher als den weltschmerzlichen 'Manfred' Chamberlain lebenswege (1919) 171; entsprechend auf musikwerke angewandt: allerdings darf man diese andeutungen (über das molto allegro in Mozarts 55. divertimento) nicht nach den voraussetzungen des weltschmerzlichen fiebers der neuesten musik auslegen O. Jahn Mozart (1856) 1, 583; seitdem kam er nun darauf, eine weltschmerzliche ouvertüre ... zu komponieren P. Cornelius literar. w. (1904) 2, 359.
3)
in ironischer anwendung (vgl. weltschmerz 4 und 5 sowie weltschmerzelnd): wenn auch sehr unwahrscheinlich, ist's doch nicht ganz und gar unmöglich, dasz ein dachstuben-nistender literat, der sich in dem weltschmerzlichen bewusztsein dringender, unquittirter schneider- und wirthsrechnungen weltmüde ins bett legt, als reicher mann ... wieder aufsteht L. Walesrode glossen u. randzeichnungen (³1842) 33; nun bin ich (in Berlin) ein muster von nüchternheit und melancholie, esse weltschmerzlichen apfelkuchen neben lesenden blaustrümpfen und gehe um neun uhr ins bett (30. 4. 1850) G. Keller leben, br. u. tageb. 2 (1916) 226 Erm.; fast ebenso unausstehlich sind mir die hier (in Leipzig) wegen des groszen musikeifers ebenfalls sehr zahlreich vertretenen weltschmerzlichen verkannten seelen mit der aufgeschlossenen höheren gemüthswelt (29. 10. 1852) Treitschke br. 1, 140 Cornicelius.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1955), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1688, Z. 47.

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Zitationshilfe
„weltschmerzlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weltschmerzlich>.

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