Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wendisch1, adj.

¹wendisch, adj.,
versabilis, versatilis, volubilis, mutabilis (Stieler stammb. [1691] 2500): wendischer sinn animus inconstans, levis, lubricus; wendischer wille voluntas flexibilis; wendische meinung sententia fluctuans; adv. wendisch ... mutabiliter, inconstanter, turbide, titubanter Stieler a. a. o.; jedoch, von mundartlicher einzelanwendung (vgl. steir. wendisch 'wetterwendisch, launisch, gesinnungsschwach' Unger-Khull 630) abgesehen, nur in der komposition lebendig, vgl. wetterwendisch. als wortspielerische auflösung der zusammensetzung erscheint: hier z'land ist das wetter gar wendisch Starklof vierzehn tage i. gebirge (1837) 166.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1955), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1810, Z. 60.

wendisch2, adj.

²wendisch, adj.,
mnd. wendisch Schiller-Lübben 5, 669; mndl. wendisc, wendsk, wensc, weensc (neben windisc) Verwijs-Verdam 9, 2148; ne. wendish Murray 10, 2, 2, 317; schwed. vendisk Auerbach 1424; dän. vendisk ordbog over det danske sprog 26 (1952) 1120. — im hd. wie ²Wende (s. dort) seit dem 15. jh. geläufig; älteres windisch (s. teil 14, 2, 309) zurückdrängend, doch bleibt dieses in ortsnamen und mundartlichbesonders im süden des dt. sprachgebietesbis in die gegenwart erhalten.
1)
'slavisch' (vgl. windisch 3 teil 14, 2, 309; slauicus windischer [12. jh.] ahd. gl. 3, 429, 27 St.-S.; Sclauui windesche populus [anf. 15. jh.] Diefenbach nov. gl. 331ᵃ), zu ²Wende 1.
a)
besonders 'den slavischen bevölkerungsteilen in Ostdeutschland zugehörig', in älteren quellen meist im gegensatz zu 'deutsch': dat he sy boren echte vnde rechte, dudesch vnde nicht wendesch (vor 1425) Lübeck. zunftrollen 320 Wehrmann, s. auch ebda. (1500) 398; (1502) 404; (1507) 199; (1508) 259; in dem ersten (geburtsbrief) nennet man ... die zeugen, welche für uns erschienen und eydlich ausgesaget, was gestalt N. N. aus einem untadelhafften ehe-bette und von eltern guten und ehrlichen geschlechtes und keiner wendischen art oder zungen gezeuget gebohren sey Neukirch anweisg. z. teutschen briefen (1709) 482; ... was ... meine ... Schorlemmer in feuer und flamme über die unausrottbarkeit wendischen aberglaubens brachte Fontane ges. w. (1905) I 2, 318; im modernen sprachgebrauch, der entwicklung des substantivs entsprechend (vgl. ²Wende 1) 'sorbisch': denn jeden abend (anf. 1945 in dem wendischen dorf Piskowitz bei Kamenz) war das, was wir die wendische spinnstube nannten, und worin eingeführt zu sein, uns als herzlichster vertrauensbeweis galt, sehr dicht besetzt V. Klemperer l. t. i. (1949) 273.
b)
auf die sprache bezogen; sowohl 'slavisch': alle sprachen sind vermischt und unter einander gemenget, denn die länder sind benachbart, und eins stöszt an das ander; darum borget eins vom andern etliche wort. die böhmische sprache ist der mehrer theil wendisch Luther tischr. 1, 524 W.; als auch in neuerem gebrauch 'sorbisch': die wendische sprache hat ... beym oͤffentlichen gottesdienste unter den Wenden zuvoͤrderst noch einen sehr groszen nutzen ..., denn es ja noch viele und alte Wenden giebt, die, wie die juͤngern, kein wort deutsch koͤnnen, noch verstehen G. Körner abh. v. d. wendischen spr. (1766) 20; die wendische sprache, wie sie dermalen besteht, zerfällt in mehrere dialekte und zwar zunächst in zwei hauptdialekte, nämlich 1) den Oberlausitzer ..., meist der Bautzner (Budissiner) dialekt genannt ... 2) der [!] Niederlausitzer, — dem wieder der Cottbusser und der von Ruhland untergeordnet sind C. Bose wendisch-dt. hdwb. (1840) viii; da war die heiligenecke, ihr gekreuzigter war (wie fast alle kruzifixe an den dorfstraszen) wendisch beschriftet, und ebenso lag dort eine wendische bibel V. Klemperer l. t. i. (1949) 272; mitunter zur charakterisierung einer undeutschen, unverständlichen sprechweise schlechthin:
kanme nicht bedüden di?
lövestu, wer ik wendesch si?
('kann man sich dir nicht verständlich machen? glaubst du,
dasz ich fremdsprachig sei?' sagt Lucifer zu Satan)
(1464) Redentiner osterspiel 1121 Krogmann;
es fiel fur, dasz man redete, wie jtzund gar gut studiren wäre, denn vor zeiten gewest, da die furtrefflichsten doctores auch nicht eine lateinische oration hätten können recht recitiren, schweige denn selbs machen und stellen; sondern es waren dazumal eitel undeutsche, wendische worte im latein erdacht; denn es war einer gewest, ein doctor, der ihm einen andern hatte lassen ein oration schmieden und machen; da er sie nu offentlich sollte lesen, verstund er sie nicht Luther tischr. 2, 591 W.; (deshalb) habe ich ... muͤssen ... so boͤse wendisch oder denisch deudsch reden ders., bücher u. schr. 8 (Jena 1568) 114ᵇ; vgl. dazu in moderner ma.: wend(i)schen unverständlich sprechen: was wend'schte denn? Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655ᵃ.
c)
in geographischen bezeichnungen.
α)
schon früh in der verbindung wendische städte 'gemeinsamer name der mit Lübeck eng verbündeten Hansestädte von der Niederelbe bis zur Peene. die bedeutendsten waren Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald. die gesamtheit der w. s. bildete das Wendische Drittel (später Viertel) der Hanse' d. gr. Brockhaus 20 (1935) 223; 'ciuitates Slauie Lubec, Rostoc, Wismer, Stralesunt, Gripewolt' (1285) Lübeck. urk.-b. 2, 48 (vgl. mndl. de wensche steden Verwijs-Verdam 9, 2148): wy olderlude vnde geswornnen mestere der ampte der smede der sosz wendesschen stede, alse Lubeke, Hamborch, Rostock, Stralessundt, Wysmar vnde Luneborch (23. 5. 1494) Lübeck. zunftrollen 446 Wehrmann; so scholen thom elfften ock de goldtschmede gudt sulver na ludt der soss wendischen stede bewilligung, nomlichen tho vertein lodig, vorarbeiden (1599) Hamburg. zunftrollen 102 Rüdiger; wendische staͤdte ... so bey Luͤbek her an der see lagen Frisch t.-lat. (1741) 2, 440; von den wendischen städten empfingen die Niederlande einen theil des levantischen handels, der damals (vor den kreuzzügen) noch aus dem Schwarzen Meere durch das Russische Reich nach der Ostsee gieng. als dieser im dreizehnten jahrhundert zu sinken anfieng ... Schiller 7, 35 G.
β)
wendisches land (vgl. Windischland teil 14, 2, 309 s. v. windisch 3, ferner Wend[en]land: das land, darinn Lubeck ist gelegen, hat man vormals Vandaliam, das ist Wendland geheissen, vnd hat sich ungefehrlich gestrecket von Magdeburgk an, wente ['bis'] an Preussen Hans Regkman Lübeck. chron. [1619] 2ᵃ; Wentlant is twigerleige alse groten Wenden: Polen ... [bis] Dalmatien; lutken Wenden: ... [liegt] in dem ende der Sassen na dem Belt dar de stede Lubke, Hamburg, Sleswig, Swerin und Sunde, Wismer, Rostok, Luneborch qu. bei Frisch t.-lat. [1741] 2, 440): wendesz lant Sclauonia (nrh., 1472) Diefenbach gl. 519; dasz wendische lant Sclaphonia (md., 15. jh.) ebda.; wendisch landt Sclauia est quedam prouincia vel Sclauonia melius voc. inc. teut. (Speyer 1485) nn 7ᵃ; im wendischen lande schneiden sie solche keimlein (beim hopfen) vom stock abe und heufeln die erde auf die keimlein, wo sie ausschlagen, und zihen also ihren hopfen in gerten und im felde furder (1569-70) haushaltung in vorwerken 135 Ermisch-Wuttke; so noch von Ludwig gebucht: das wendische land Vandalia t.-engl. (1716) 2448 (vgl. Aler dict. [1727] 2, 2176ᵃ: Wenden, ein land Vandalia). bei Luther entsprechend seinem gebrauch von ²Wende (s. dort unter 1 u. vgl. Weimarer ausg. 34, 2, 610) für 'Kursachsen': hie yn disem wendischen lande nemo bene laborat, niemandt kan seyn ecker recht bawen, keyner gan dem andern guts und niemandt wyl das landt recht bawen 34, 1, 573 W.in verkürzter form auch das wendische: der ehemahlige geheime hoff-cammer-rath von Luben, erfinder der erbpacht, welcher sich seiter deszen disgrace theils in Holland theils in Wien aufgehalten, ist ohnlengst nach dem wendischen kommen, wo seine frau auf einem geringen guhte lebet (1715) Berliner geschrieb. zeit. 258 Friedländer; in moderner ma.: ei's winsche ins wendische, in die Wendei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655ᵃ.
γ)
wendische mark (vgl. Windischmark, die windische mark teil 6, 1635 s. v. mark, zu den dortigen belegen ergänzend: wir Carl der fünft, von gottes genaden römischer kaiser ... herr in Frislandt und uf der windischen mark Zimmer. chron. ²3, 207 Barack; ähnlich absch. d. reichstags zu Augsburg [1555] 1ᵃ) 'Vandalia' Ludwig t.-engl. (1716) 2448.
δ)
in ortsnamen: Wendisch Bleckede, Wendisch Luppa, Wendisch Rietz u. a., s. ortsbuch (⁷1930) 1237f.
d)
als münzname findet sich wendische mark eine halbe mark, wendischer pfenning ein halber pfenning brandenburgisch (Brinckmeier gloss. dipl. 2 [1863] 726ᵇ): wendische mark, wendische pfenning machten zwey einen brandenburgischen pfenning, also zwey mark wendisch, ein mark brandenburgisch, wie es alle jahr gefallen oder gestiegen ... die wendischen pfenning hiessen in den diplomatibus denarii slavicales Frisch t.-lat. (1741) 2, 440ᵃ; (die mark) ist nicht aller orten gleich schwer. die troische ist schwerer als die wendische. die wendische schwerer als die nürnbergische, und diese schwerer als die Augspurger. die augspurgische aber wieder schwerer als die köllnische ... die köllnische aber ist die gemeinste Jacobsson technol. wb. 3 (1783) 22ᵃ.
e)
in der sprache des bauhandwerks: wendischer verband eine besondere art des backsteinverbands, s. Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 913 u. 1, 673f.
2)
'vandalisch', zu ²Wende 2: wendisch ... venedicus, vandalicus Steinbach 2 (1734) 972; wendisch ... de Vandale, en Vandale Schwan nouv. dict. 2 (1784) 1034ᵃ; hierher wohl auch: die fürnehmste sprach der Türken ist scythisch, wendisch, die braucht man zu hofe und briefe zu schreiben; darnach die arabische, die mussen sie haben um der religion willen; denn Mahomet hat arabisch geschrieben. die dritte und vierte sprach ist die griechische und lateinische, die halten sie fur barbarisch, grob und bäurisch (1530-35) Luther tischr. 1, 454 W. (vgl. die entsprechenden belege unter ²Wende 2 sowie: wenn wir es auf treu und glauben der glaubwuͤrdigsten reisebeschreiber annehmen, so redet man auch so gar noch am tuͤrkischen hofe wendisch G. Körner abh. v. d. wendischen spr. [1766] 15).
3)
pejorativ (vgl. ²Wende 3): die verfasser sind ... in ihrer unpartheylichkeit so weit gegangen, dasz sie einem Gottsched und einem Schönaich weit mehr einsicht beylegen, weit mehr gründe in den mund geben, als sie jemals gezeigt haben, und sie ihre schlechte sache weit besser vertheidigen lassen, als es von ihnen selbst zu erwarten steht. ein wie viel leichters spiel würden sie ihren widerlegungen und ihrer satyre haben machen können, wenn sie die einfalt des einen in allem ihren dictatorischen stolze und die possenreisserey des andern in aller ihrer wendischen grobheit (Schönaich stammt aus Amtitz bei Guben i. d. Niederlausitz) aufgeführet hätten (1755) Lessing s. schr. 7, 31 L.-M.; 'wendischer hund' war im dreizehnten jahrhundert das ärgste schimpfwort, welches ein germanischer Christ dem andern bieten konnte W. Raabe s. w. I 6, 189 Klemm; vereinzelt auch in der bedeutung 'barbarisch' (vgl. die entsprechenden belege unter ²Wende 3): ich weis nicht, es klingt im deutschen alles so hölzern, man kann in dieser wendischen sprache gar keinen charmanten gedanken anbringen Gellert s. schr. 3 (1784) 280. in ostmd. ma. (wohl mit hineinspielen des homonymen ¹wendisch): wendsch un mucksch unsicheren zweifelhaften charakters Müller-Fraureuth obersächs. 2, 655ᵃ. das sonst zuweilen in einzelnen maa. (Müller-Fraureuth a. a. o.; Heinzerling-Reuter Siegerl. 319; Müller-Schlösser Düsseldorf 267) begegnende wen(t)sch, wendsch 'verkehrt, schief' gehört wohl als variante zu windisch, windig 'gewunden, verdreht, schief' teil 14, 2, 308.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1955), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1810, Z. 72.

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Zitationshilfe
„wendisch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wendisch>.

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