wenig adj.
Fundstelle: Lfg. 1 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1, Z. 1
paucus.
formen und verbreitung. got. wainahs (nur Römer 7, 24; lesung nicht sicher, Castiglione wainans, Uppström mit annahme einer rasur wainags); ahd. wênag (anangelehnt, s. Braune-Mitzka ahd. gr. [1953] 48); mhd. wênec, wonebenwie im nd. und ndl. (s. Schiller-Lübben 5, 670 u. Verwijs-Verdam 9, 2061) — formen mit -ei- erscheinen, nachweisbar bis ins ältere nhd. (s. auch V. Moser frühnhd. gramm. 1, 1 [1929] 179): weinic Heinr. v. Hesler apokalypse 4413 Helm; weinig(er) Luther 30, 2, 119 W. (neben wenig ebda); (1618) acta publica 1, 34 Palm; Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 116; Rist Parnasz (1652) 320; Stieler geharnschte Venus 34 ndr.; ferner, besonders in südwestdt. quellen des 15. u. 16. jhs., formen mit geschlossenheit des stammvokals (s. Moser a. a. o. 153): wienig Steinhöwel spieg. menschl. lebens (1479) 81ᵇ; (Nürnberg 1483) erste dt. bibel 1, xvii Kurr.; wynigk (1483) Röhricht pilgerreisen (1880) 124; winig Heuszlin Gesners vogelb. (1557) 61ᵇ; und mit rundung: wuͤndsch Rinckhart christl. r. 28 ndr.; auch verkürzung des ê lassen einige belege erkennen (s. H. Bach thür.-sächs. kanzleispr. bis 1325 1 [1937] 120, 125 und vgl. die weiter unten angeführten synkopierten formen): wennig(e) urk.-b. d. klosters Paulinzelle 180 Anemüller; (1512) Keisersberg brösamlin 2, 61ᵃ. der schon im ahd. zuweilen abgeschwächte, jabei verwendung als interjektion des schmerzesausgestoszene vokal der nebensilbe (s. PBB. 6, 231 f.; 12, 551 und Wilmanns dt. gramm. 2 [²1930] 669) ist seit mhd. zeit auch sonst zuweilen erspart: wing (1465) Frankfurts reichscorresp. 2, 248 Janssen; wênc Wolfram v. Eschenbach Parzival 291, 16; 459, 15; 639, 11 Lachmann; weng Luther 30, 2, 441 W. (neben wenig 10, 3, 6 W. u. ö., s. auch H. Bach laut- u. formenlehre d. spr. Luthers [1934] 41); H. Sachs 1, 438 lit. ver.; weng(e, r) P. Gerhardt in: ev. kirchenl. 3, 358ᵃ Fischer-Tümpel; ebda 425ᵃ u. ö.; Tieck schr. (1828) 1, 84 u. 97. andererseits ist die endsilbe zuweilen durch nasaleinschub verstärkt (s. V. Moser a. a. o. 1, 3 [1951] 21 sowie die im mhd. wb. 3, 559 zitierten belege): wening schweizer Wernher Marienleben 1822 Päpke-Hübner; Rudolf v. Ems weltchron. 33986 Ehrismann; ebda 34751; (15. jh.) Stolle thür. chron. 26 lit. ver.; so noch in dt. maa. d. ungr. bergl.: wêninc Schröer darst. d. dt. maa. d. ungr. bergl. 261. der auslaut erscheint in bair. hss. des 14., 15. jhs. als affrikata: wenikch bei V. Moser a. a. o. 1, 3 (1951) 251; im md.wie im nd. und ndl.weithin als reibelaut (s. Moser a. a. o. 255 u. vgl. die nachstehenden formen der modernen mundarten): wenich kl. mhd. erz. 25 (36, 241) Rosenhagen; wênich(in) (13. jh.) Hohenfurter Benediktinerregel 63, 31 Scherer, in: zeitschr. f. dt. altert. 16, 271; (nach 1368 [?], niederfränk.) bei Steinhausen privatbr. 1, 9; weynich ostdt. Artusroman d. 13. jhs. in: zeitschr. f. dt. altert. 77, 63; weinich nomencl. lat. germ. (Hamb. 1634) 457. mundartlich im ganzen sprachgebiet geläufig; gebietsweise mit altem oder jungem zwielaut: wainig, wiənig Woeste-N. westfäl. 314 u. 323 (neben wennig); weinig Schambach Göttingen 292 (neben wënig); Danneil altmärk. 246; waͦiniΧ Böger schwalenberg. 167; weinich Fischer Samland 117; weⁱnech luxemburg. ma. 484; we̜i̜ni Heilig Taubergrund 101; weənik Fischer schwäb. 6, 1, 680 f. (neben anderen landschaftlich verbreiteten varianten); weanik, weank, weani' Lexer kärnt. 255 (zum lautwandel vgl. PBB. 28, 71); wianə (bianə) Bacher Lusern 228; vé̜ynyΧ Leibitzer ma. (i. Ungarn) in PBB. 19, 288; beànc Schröer Gottschee 230 (neben bênc); andererseits weithin mit kürze des stammvokals (s. auch Jutz alem. maa. 167): wennich (daneben wainich als betonte form) Schmoeckel-Blesken Soester börde 330; věnəc̜ Hasenclever Wermelskirchen 39; venəx Remscheider ma. in PBB. 10, 416; wennig (veniΧ) Block Eilsdorf 101; wänneg Tonnar-Evers Eupen 225; wännig, wänᵉch Bauer-Collitz waldeck. 111 u. 205; wönneg Schultze nordthür. 46 (zur verbreitung vgl. auch H. Bach thür.-sächs. kanzleispr. 1 [1937] 120 anm. 2); weng Sartorius Würzburg 134; Veith (schwäb.) ma. v. Ostdorf in PBB. 40, 173 anm. 6 ('in verbindung mit dem unbestimmten artikel'; attributiv hingegen: wẽnǐg; vgl. auch Meisinger Rappenau 229); rundung: wönneg Schultze nordthür. 46; woͤnk Schmidt Westerwald 332; oder geschlossenheit: wẹni (alem.) ma. v. Ottenheim in PBB. 13, 221; oft bis zum i erhöht: winnig Hönig Köln 202; Ph. Laven ged. i. trierischer ma. (1858) 286; winnich Kisch vgl. wb. d. Nösner (siebenbürg.) u. moselfränk.-luxemb. ma. 247; wink Bauer-Collitz waldeck. 182; Crecelius oberhess. 905; wiŋg Polenz altenburg. 34 u. 48; Gerbet Vogtland 253; Weinhold schl. 104; Bernd Posen 353; Stauf v. d. March nordmähr. 96 (neben wienig); wienig Fischer schwäb. 6, 1, 680; bine, binse Schmeller cimbr. 172 (neben bene). der im md. und nd. meist spirantisch gesprochene auslaut (vgl. zu den obgenannten formen noch wenij Rovenhagen Aachen 161; wenig, wenijer Brendicke Berlin 192; wēni̭Χ Gerbet Vogtland 251) tritt in einigen md. und obd. mundarten als stimmloser verschluszlaut auf: wink Bauer-Collitz waldeck. 182; wink, wenk Crecelius oberhess. 905; woͤnk Schmidt Westerwald 332; wenk, wenek Jecht Mansfeld 123; e wengk, ä wingk (bauernspr.) K. Albrecht Leipzig 235; wenic Lenz Handschuhsheim 77; wẽ̄nǐk Fischer schwäb. 6, 1, 680 (neben wẹ̄̃niΧ); bênc, béanc Schröer Gottschee 230; weanik, weank Lexer kärnt. 255 (neben weani'); istbes. im alem. und bair.jedoch weithin geschwunden: wē̜ni Heilig Taubergrund 68; wẹni (alem.) ma. v. Ottenheim in PBB. 13, 221; wienǐ Fischer schwäb. 6, 1, 680 (neben wẹ̄̃nǐΧ, -ìk, -ìŋ); wēni(g) Seiler Basel 313; weani' Lexer kärnt. 255 (neben weanik, weank); wianə (bianə) Bacher Lusern 228; bene, bine, binse Schmeller cimbr. 172.
herkunft und bedeutung. wenig ist ableitung von weinen (s. d.), für die allerdings genaue parallelen nicht aufgewiesen werden können. im got., wo germ. *wainōn unbezeugt ist, nur unsicher überliefert (s. o.); sonst auf das dt. beschränkt, auch as.ebenso wie das vb. (s. darüber W. Wissmann nomina postverb. 1 [1932] 157) — nicht belegt. dem grundwort entsprechend erscheint wenig — eigentlich eine passivische prägung ('zu beweinen, beweinenswert'), wie ahd. hebig 'sich heben lassend, schwer' (zu heffen) — im ahd. zunächst in der affektischen bedeutung 'beklagenswert, unglücklich, elend' (I 1), die sich allmählich zu 'schwach, klein' (s. u. I 2) abschwächt, d. h. eine begriffsverschiebung tritt ein, eine 'sachlichere' auffassung setzt sichmit der isolierung vom verbumdurch; die jeweilige bezugsgrösze wird nicht mehr 'subjektiv' nach ihrer wirkung auf den sprecher, sondern 'objektiv' nach ihren eigenschaften charakterisiert, welche diese wirkung (den eindruck 'beweinenswert') hervorrufen: 'elend, schwach, klein' (vgl. auch das nebeneinander des stammverwandten paucus und pauper im lat.). schon im frühen mhd. tritt wenig als gegensatzbezeichnung zu viel auf (s. u. II A), nunmehr zu einer indefiniten umfangs- oder mengebezeichnung geworden, die ältere konkurrenten wie ahd. fō(h) (urverw. mit lat. paucus, s. Walde-Pokorny 2 [1927] 75; Walde-Hofmann 2 [³1954] 265) und lützel (s. teil 6, 1354 ff. sowie unter II A) aus dem sprachgebrauch verdrängt; ebenso wie viel (s. teil 12, 2, 105 ff.) und andere mengebezeichnungen, deren gebrauchsweise wenig sich nun angeschlossen hat, zunächst vorwiegend substantivisch (unflektiert), meist mit einer bestimmungsergänzung im partitiven genitiv gebraucht (s. II A 1 b und 2 a), seit dem frühen nhd. wieder zunehmend attributiv, eine folge des undeutlichwerdens vieler genitivischer gefüge (s. II A 1 c und 2 b α) und des kasuszwangs in bestimmter syntaktischer verwendung (s. II A 2 b α). auch bei absolutem gebrauch bürgern sichder allgemeinen umbildung zum beiwort und dem streben nach deutlichen funktionskennzeichen (kasus- und pluralformen) entsprechend, wobei wohl auch das vorbild des lat. analogons paucus nicht ohne einflusz warflektierte formen ein (s. II A 1 b α ββ und 2 a α ββ); die ungebogene form erscheint nun im wesentlichen nur noch in bestimmten verbindungen (s. unter II A 1 b α αα) sowie adverbal, als prädikatives und adverbielles beiwort (s. II A 2 b γ und 3) sowiein der verbindung mit so (also, ebenso) — als koordinierendes fügewort (s. II A 4). seit dem frühen nhd. werden auch die regulären steigerungsformen weniger, wenigst in mannigfachen anwendungen (s. unter II B und C) üblich, welche die älteren suppletivformen minder, mindest auf wenige verbindungen zurückdrängen. in anschlusz an lat. paucus erscheint wenig schlieszlich auch als rang oder werthöhe angebendes prädikat (s. unter III und vgl. die ableitung wenigkeit).
I.
gröszencharakterisierendes beiwort.
1)
'beweinenswert, unglücklich, elend':
uue demo in uinstri scal   sino uirina stuen
...
uuanit sih kinada   diu uuenaga sela
muspilli 28 in: kl. ahd. sprachdenkm. 67 Steinmeyer;
niuueiz der uuenago man,   uuielihan uuartil er habet
ebda 66 (69 Steinmeyer);
rou thio sino guati   thie uuenegun liuti
(die unglücklichen taten ihm leid)
Otfrid IV 12, 3 K. u. ö. (auch vereinzelt auf vorgangsbezeichnungen bezogen: in uuenegeru fluhti IV 7, 12; in uuenegemo falle V 20, 57);
miser factus sum et turbatvs sum usque in finem vuêneg pin ih uuorden unde leîdeger unz an daz ende mînes lîbes Notker 2, 136, 18 f. P. (ps. 37, 7);
sine wante wenegez wib
daz si begeben muͦse den lip
altdt. genesis 31 Dollmayr (v. 1071);
daz ich vil wêniger man
des tôdes kleine vorhte hân
Otto ii. v. Freising Laubacher Barlaam 204 Perdisch (v. 6737);
zuweilen zornig-abschätzig gebraucht:
loug ther uuenego man (Herodes), er uuankota thar filu fram
Otfrid I 17, 51 K.;
er (der betrüger) ist ein velt bowere
und ist ein weniger man
kl. mhd. erz. 36 Rosenhagen (56, 27);
auch in der bedeutung 'armselig':
ze Betlehem wart Crist geborn,
die wenige stat hat er ircorn
durch sine michil demv̂t
Linzer Entecrist in: fundgr. 2, 109 Hoffmann.
das neuere dt. zeigt den alten wortsinn 'beklagenswert' nur noch in dichterischer einzelanwendung (s. Kainz in: dt. wortgesch. 2 [1943] 215 M.-Str.):
o wie ist die stadt so wenig;
laszt die maurer künftig ruhn!
unsre bürger, unser könig
könnten wohl was bessers thun
(1797) Göthe I 1, 146 W. (musen und grazien in der Mark, v. 1).
2)
der bezug auf das bemitleidenswerte, elende, schwache liesz wenig, nachdem der affektgehalt des wortes verblaszt war, auch für 'schwach, klein' schlechthin üblich werden (vgl. die weiterbildung winzig teil 14, 2, 499 ff.), ein gebrauch, der bereits zu der modernen verwendung des wortes (II und III) überleitet. als attribut von personen: unser suester ist noh uuênag unte nehât noh der spunne nîeth (soror nostra parva et ubera non habet, cant. 8, 8) Williram hohes lied 63 Seemüller (141, 1);
... geleit ie ritter nôt
durch ein sus wênec (la. chleine) frouwelîn,
dâ solt ich durch iuch inne sîn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 368, 29 Lachmann;
west du von den wunden pein
die ich (der kentaur) hie enphangen han
von disem wenigen (kleingewachsenen) man,
ich waisz wol, es müte dich
Heinrich v. Neustadt Apollonius v. Tyrland 83 Singer (v. 5040);
sie (die unschuldigen) seyn arm und wenig, yhene sind reych und mechtig (1521) Luther 8, 222 W.; so noch vereinzelt im neueren dt.:
mein knäblein, bist noch wenig,
ach, bist ein kleiner knecht!
Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 1, 168;
denn es sind vor deinen allsehenden augen nicht verborgen die grosen sorgen, die mir auf mein hertz gebunden, was fuͤr eine wichtige armee mir anvertrauet, ... und wie ich schwacher mensch viel zu wenig bin, dergleichen zu ertragen H. v. Fleming teutscher soldat (1726) 294ᵃ; als ich schon alle hoffnung aufgegeben hatte, fand ich auf der strasze endlich noch einen kleinen, unansehnlichen buchhändler sitzen, der aber bei aller seiner wenigen figur (seiner unansehnlichen, armseligen gestalt) die seltensten werke feil hatte Tieck schr. (1828) 9, 8; er wird allerweil weniger d. h. immer magerer, schmächtiger Hügel Wien 188; ɐriš alfoɐt wenicɐ worə er ist immer weniger geworden (von einem kranken) Meisinger Rappenau 229; wie in sonstiger anwendung: uone dannan ist er gelîh den uuênegon dîereron, nîeth den michelon (minoribus animantibus) Williram hohes lied 12 Seemüller (36, 7); dîe bezêichenet cinnamomum, uuênegaz bôumelin ebda 31 f. (69, 29 f.);
daz der weninge rabe
treib die vogele gar hin abe
die grozer waren vil danne er
passional 125, 39 Köpke;
wirdt also ein kleines weniges thierlein eines solchen erschrecklichen walfischs mechtig und bringt ihn umb Kirchhof wendunmuth 3, 110 Ö.; der gut fuchs, als der wenigst und kleiner, must schweigen ebda 4, 273;
(er) laͤsst uͤmm und neben sich sein weenigs viehlein graasen
P. Fleming teutsche poemata (1642) 73;
früh auch sachbezogen, im sinne von 'klein (an umfang), eng' u. dgl.:
dô meinete er, daz im wære ze wênic daz gewant
Wolfdietrich A 47 H. Schneider (433, 2);
bêde ir muoter und ir ane
die maget fuorten sunder dane
in ein wênc gezelt sîdîn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 710, 21 Lachmann;
die burger namen yn und leyten yn in das schonste pallast von aller der welt, wann das er wenig was (mais petis estoit) Lancelot 166, 8 Kluge; dann jhr seid so viel nicht gelehrt noch erfahren, dasz jhr mir den wenigsten buchstaben niderlegen moͤchten Paracelsus opera (1616) 1, 202.
II.
indefinite umfangs- oder mengebezeichnung.
A.
als grundstufe (positiv). schon im frühen mhd. erscheint wenig als gegensatzbezeichnung von viel, älteres lützel allmählich zurückdrängend (s. teil 6, 1354 ff. sowie die belege bei Alfr. Hübner die 'mhd. ironie' oder die litotes im altdt. [1930], insbes. 20 ff., 138 ff. und 153 ff.). die Augsburger bibeldrucke v. j. 1473 [?] u. 1490 wandeln bereits die fassung der 1. dt. bibel vber lutzele ding zu: vber wenig ding 1. dt. bibel 1, 97, 30 u. 36 Kurr., und im voc. inc. teut. (Straszburg, ca. 1495) n 2ᵃ wird lützel, das im voc. theut. (Nürnberg 1482) und voc. inc. teut. (Speyer, ca. 1485) — im gegensatz zu wenig — überhaupt nicht als stichwort erscheint, durch wenig erklärt: lutzel, vulg. wenig exiguus, modicus. erst im neueren dt. kommen dann intensivbildungen wie blutwenig (s. teil 2, 197) und grundwenig (teil 4, 1, 6, 733) auf; s. auch F. Berz d. kompositionstypus 'steinreich', diss. Bern 1953, 144.
1)
mit bezug auf den kleinen umfang, die geringe menge oder stärke einer wesenheit.
a)
beiwörtlich:
do sul wir vil harte gahen,
swaz wir mit sinne niht megen bevahen,
mit unserem wenigem gelǒben,
daz pite wir dem tǒgen
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 42, 22 Diemer;
dirre wênige list
Alber Tnugdalus 2147 in: visio Tnugdali 184 Wagner;
sonach zeitweiligem zurücktreten zugunsten substantivischer anwendung (s. unter 1 b) — seit dem frühen nhd. geläufig, als die attributive auffassung undeutlich gewordener genitivfügungen dem beiwörtlichen gebrauch erneuten auftrieb gab (s. unter 1 c): ein köstlich essen ... mit weniger geselschafft (con pochi altri compagni) (1472) Arigo decamerone 116 lit. ver.; es ist einem grechten besser bei wenigem, denn dem sünder bei grossem guͦt schöne weise klugreden (1548) 53ᵃ; mit wenigem volck anzugreiffen Micraelius Pommerland (1639) 9 (1. buch); wir haben ... dieses marmorne behältnisz und die wenige erde geweihet, die in ihrem (der toten) kopfkissen verborgen ist Göthe I 23, 257 W.;
und von des engen gärtleins wen'gem kraut
Fouqué held d. nordens (1810) 3, 51;
der aschfarbene kleine herr mit dem wenigen haar Fontane ges. w. (1905) I 6, 17; früh als quantitäts- bzw. intensitätsangabe vor zustands- und eigenschaftsbezeichnungen sowie anderen abstrakten: on erkantnúsz kriechischer geschrifft oder mit gar weniger gewonhait derselben Steinhöwel de claris mul. 96 Dr.; seine gemahlin ... gerieth wegen seiner blossen abwesenheit aus uͤbermaͤsziger liebe in eine wenige gemuͤths-schwachheit Lohenstein Arminius (1689) 1, 162ᵃ; so wird auch ihre wenige list niemals zulaͤnglich seyn, die wahrheit ... zu verbergen vernünft. tadlerinnen 2 (1726) 20; nach dem flusz ..., der ... in weniger entfernung vorbeiflosz Göthe I 25, 1, 43 W.; einen geringen beryll von wenigem werth ebda I 43, 375; ich müszte ja riskiren, dasz mir ein ungeschickter chirung die wenige noch vorhandene gehörkraft ganz vernichte (17. 5. 1851) Treitschke br. 1, 74 Cornicelius; als der pfarrer das licht gebracht hatte, war die wenige helle, die von drauszen noch durch die fenster hereingekommen war, verschwunden Stifter s. w. 5, 1 (1908) 80;
(Pallas zu Aphrodite:)
'das urteil möchte anders lauten, glaub daran,
wenn zwischen mir und dir entscheiden würd ein mann.'
'weswegen? sag, bekenn!' 'des wenigen geistes wegen'
Spitteler olymp. frühl. (1925) 2, 106;
insbesondere in formelhaften verbindungen mit zeit: weil ... in fast weniger zeit anderwerts der herren fürsten vnd stände zusammenkunft an der hand (1618) acta publica 1, 19 Palm; wie vor weniger zeit mit der (tragödie) Cleopatra geschehen Lohenstein Ibr. Sultan u. a. ged. (1680) a 3ᵇ; Faust, ... das qualenvolle nahe ende vor sich ... (verbitterte sich) den genusz der wenigen zeit, die ihm noch gegoͤnnt war (18. jh.) Wagnervolksbuch 27 Fritz (kap. 1); nur wenige zeit zufrieden Göthe I 24, 307 W.; wenige zeit später O. graf Finckenstein d. kranichschrei (1937) 43; undim frühen nhd.mit zahl: dye wenige zal der erwelten Keisersberg bilgerschaft (1512) 15ᵈ; ainen verdrag ..., so in anno 53 der wenigen zahl (mit bezug auf die vorgenannten zehner und einer des jahrhunderts, vgl. die entsprechende verwendung von mindere zahl teil 6, 2225) zwischen uns allen uffgericht (10. 6. 1562) Friedrich d. fromme br. 1, 309 Kluckhohn; warfuͤr dan auch das baͤste mittel ist, so man nur eine wenige zahl bestimmt und bestaͤndig darbej bleibt Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 0000 1ᵃ; häufig auch vor vorgangsbezeichnungen, an verbale wendungen (s. II A 3) anschlieszend: alsz ist geschloszen worden ... sich des wenigen verzugs bey der kay. maytt. vnterthänigst zu entschuldigen (1618) acta publica 1, 19 Palm; ein nicht weniges gelaͤchter Lohenstein Arminius (1689) 1, 103ᵇ; bey wenigem mondenscheine ebda 2, 1101ᵇ; die wenige wirkung, die ihr vortrag auf die herzen ... macht S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 47; der von so wenigem zuhören so mancherlei habe behalten können Göthe I 21, 24 W.; (ich) schämte mich meines wenigen verstehens H. Hesse Gertrud (1910) 74; sowie prädikativ:
das wort gotts, wie wenig und kurz das ist,
ist es sterker, denn all tüfels list
N. Manuel 149 Bächtold;
grosz mit worten, wenig in der that Lehman floril. polit. (1662) 3, 134; die recapitulation, revision, restauration dessen, was von mir auf dem papiere übrig bleibt; es ist viel und wenig (5. 8. 1825) Göthe IV 40, 3 W.; wobei die wendungen zu wenig sein, haben vorwiegen:
o du fürwitzig stoltzes weyb,
hetst du wollust und ehr zu wenig?
H. Sachs 1, 43 lit. ver.;
so ist auch alles unglück ... allerlei leiden viel zu wenig und gering ... gegen der zukünftigen herrlichkeit Luther tischr. 1, 316 W.; der tag wuͤrde mir viel zu wenig seyn, wenn ich erzehlen solte Chr. Weise polit. redner (1677) 35; wenn der wachs-kuchen zu kurtz und der raum zum honig-eintragen zu wenig ist J. R. Schubart bienenbuch (1747) 12; die hügel waren zu reich begrast, der schnee zwischen ihnen zu wenig H. v. Barth Kalkalpen (1874) 529; es war sein verdienst zum leben zu wenig und zum sterben zu viel W. O. v. Horn aus der Maje 1 (1879) 10 (in dieser wendung auch mundartlich verbreitet, s. luxemb. ma. 484).
b)
substantiviert.
α)
in absolutem gebrauch.
αα)
allgemein eine geringe menge bezeichnend, deren besondere art situation oder kontext bestimmen (vgl. die entsprechenden anwendungen von viel teil 12, 2, 111 ff., insbesondere die zahlreichen dort verzeichneten wendungen, die viel und wenig als gegensatzpaare verbinden):
das ich mit Warcilone
tue was ich selben wil
weder wenig oder vil
Heinrich v. Neustadt Apollonius v. Tyrland 14439 Singer;
das sindt myr freylich nasse knaben,
die fill verzeren vnd wenig haben
Murner schelmenzunft 38 ndr.;
hör vil, rede wenig audito multa, loquere pauca mon. germ. päd. 20, 53; wenig zu wenig gethan macht zuletzt viel Lehman floril. polit. (1662) 3, 469;
sag nur, es sey
noch wenig oder gar nichts ausgepackt
Lessing 3, 64 L.-M.;
mit vielem läszt sich schmausen,
mit wenig läszt sich hausen
Göthe I 4, 103 W.;
ueberhaupt war wenig zu fürchten, so lange ... Ranke s. w. 14 (1870) 39; alle (zeitungen) haben viel zu schwatzen, obwohl sie wenig wissen (12. 3. 1890) G. Freytag br. a. s. gattin 452 Strakosch-Freytag; als besonders geläufige wendungen finden sich wenig um (auf) etwas geben, sich wenig aus etwas machen: der wisz ritter gebart als ob er wenig darumb gebe (um das klagen des unterlegenen), und sprach, er wolt im das heubt ab schlagen Lancelot 182 Kluge;
gvte nacht, du falsches leben ...
der wird wenig auff dich geben,
der dein wesen recht erkennt
Königsberger dichterkreis 26 ndr.;
Benvenuto ist ein mann, der sich aus seinem talent wenig macht Göthe I 43, 161 W.; ists vielleicht hochmuth, wenn man sich aus der welt so wenig macht? (24. 9. 1885) G. Freytag br. a. s. gattin 16 Strakosch-Freytag; wenig ausrichten (erreichen u. dgl.): was richtet er damit aus? wenig Luther tischr. 6, 254 f. W.; wiewol die Roͤmer den gantzen sommer vnd winter vor der statt lagen, schuffen sie doch wenig, wann die statt über vest was Carbach Livius (1551) 52ᵃ; als er aber an dem unverstaͤndigen wenig gewinnen konte, legte er, also zu reden, in diesem streit wehr und waffen nieder und schwieg gantz stille Olearius pers. rosenthal (1696) 60; wie man sich denken kann, richtete er wenig aus Göthe I 21, 92 W.;
fassest du die muse nur bei'm zipfel,
hast du wenig nur gethan
ebda I 3, 118;
sie fingen an, über Joseph zu lächeln, der viel sprach und wenig erreichte E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 310; wenig, abr mit liebe (geben) Rother schl. sprichw. 250ᵃ; mit wenig anfangen oder zufrieden sein, genug haben: vber masz vnd natur (die doch mit wenig zu friden ist) trincken K. Scheidt Grobianus 5 ndr.; wo man im fride beysammen wohnet, da hat man mit wenig gar gnug Henisch teutsche spr. (1616) 1243;
er fing mit wenig an und ward durch arbeit reich
Müllner dram. w. (1828) 5, 112;
es trägt wenig ein:
weyl mein krämerey treget wenig,
auff dem land spitzig ist der pfennig
H. Sachs 9, 15 lit. ver.;
ämter und andere bürgerliche geschäfte tragen wenig ein Göthe I 21, 53 W.; es ist wenig dahinter (hinter groszen worten): ey ey ey, het ich gewist, das Murmaw so ein man vil ruͤmens, wenig darhinder wer gewesen, het mich nit enthalten moͤgen, myn pflegel wer jm vff den sack gelegt (1521) Karsthans 99, 10 Burckhardt; grosz verheissen vnd weng darhind Eyering proverb. 2, 707; an etwas liegt wenig: da ligt wenig an (1522) Luther 10, 3, 6 W.; wenig daran ligt, ausz was vrsach Christi glori gepredigt werd Joh. Nas eins vnd hundert 1 (1567) vorr. a 4ᵇ; es ist wenig dran gelegen poc' importa Kramer t.-ital. 2 (1702) 1323ᶜ;
es liegt ja wenig daran
volksschausp. 217 Hartmann;
es fehlte wenig, so (u. dgl.): es hat wenig gefehlet, dasz er den hals haͤtte gebrochen mancò poco ch'ei non si fiaccasse il collo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1323ᶜ; wie die jungfrau die erschreckliche worte hoͤrte, fehlte wenig, sie waͤre in eine ohnmacht gesuncken (1726) volksb. v. geh. Siegfr. 65 ndr.; es fehlte wenig, so hätte er sich selbst vorwürfe darüber gemacht Wieland Agathon (1766) 1, 70; dieser (der hund) aber stiesz eine art von geheul aus, dem nur wenig fehlte, um für fröhliches, wenn gleich heiseres gebell zu gelten Holtei erz. schr. 1 (1861) 6; wenig fehlte, so hätte ich angefangen die kurliste zu lesen H. Hesse kurgast (1925) 124; es (be)sagt wenig: das will wenig sagen! (25. 11. 1842) L. v. Gall a. L. Schücking, br. 63 Muschler; die worte hatten zumeist wenig oder nichts besagt L. Feuchtwanger Simone (1950) 109; zuweilen erscheint wenig in der verbindung mit ein, eine geringe, doch erfahrungsmäszig gewisse menge bezeichnend (vgl. die entsprechenden belege unter 1 b β sowie mhd. ein lützel): daz er hiure ein wênic næme unde fürwert aber ein wênic Berthold v. Regensburg pred. 1, 75, 15 f. Pf.-Str. u. ö. (s. die belege in PBB. 26, 361);
ain wenig gibt mit creften,
man treib es dann, die weil es gang
liederb. d. Hätzlerin 241 Haltaus;
man sagt selten etwas, es ist ein wenig dran Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) dd 1ᵈ; ein wenig vnd aber ein wenig hilfft auch Petri d. Teutschen weiszh. 2 (1605) Z 2ᵃ; o, tun sie (anrede) noch ein wenig hinzu Fontane ges. w. (1905) I 2, 15; auch ein klein wenig:
ein klein wenig, da der muth
vnd ein gut gewissen ruht,
ist fürwar ein grosses gut
P. Gerhardt in: ev. kirchenl. 3, 313 Fischer-Tümpel;
uͤber ein klein wenig dopo un tantino Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵃ; mit demonstrativum, auf eine bestimmte menge geringen umfangs bezogen: das wenig das vns beliben ist (1472) Arigo decamerone 66 lit. ver.; (der) hund, der ein stuck fleysch im maul truͦg, vnd als er über einn steg lieff vnd den schatten vil groͤsser daruon sahe, liesz ers fallen vnnd henget dem schatten nach vnd kam also vmb das vil vnnd wenig schöne weise klugreden (1548) 173ᵃ; das wenig gedeyet, das vil zerstreuet Lehman floril. polit. (1662) 1, 404; dasz wir das wenig, so wir haben, genau zusammen halten Grimmelshausen 2, 336 Keller;
wer wenig zu dem wen'gen thut
und hält das wenig in guter huth,
dem wird grosz geld und gut bescheert
ob sich der hauf gleich langsam mehrt
motto einer 1731 gegründeten Nürnberger firma in: Joh. Ferd. Roth gesch. d. nürnbergischen handels 2 (1801) 114
ββ)
im neueren dt. treten hierfürwie auch sons. (s. u. und vgl. die gleichlaufende entwicklung bei viel teil 12, 2, 112 u. 146 ff.) — zunehmend flektierte formen ein, und es kommt allmählich zu der schon von Adelung dt. sprachl. (1781) 207 formulierten regel 'wenn es ohne hauptwort stehet, wird es ordentlich decliniert', wonach die ungebogene form im wesentlichen nur noch in bestimmten verbindungen (s. unter αα) sowie als adverbielles beiwort (s. unter 3) üblich ist:
(der esel wird gerühmt)
das er auch nicht hoch einher trab,
lasz sich an wenigem benuͤgen
Er. Alberus fab. 21 ndr.;
es was ein jetlicher mit wenigem benuͦgig Seb. Münster cosmogr. (1550) vorr. a 3ᵇ; man mus mit wengem vorlieb nehmen Eyering proverb. (1601) 3, 199; mit wenigem auszzukommen Ph. J. Spener d. innerl. u. geistl. friede (1686) 159; ich bemerke nur weniges: ... (1783) Herder 12, 248 S.; in diesem und allen folgenden bänden reicht nur überaus weniges an diejenigen schriftsteller, von denen ich glaube, sie können schreiben Zimmermann einsamkeit (1784) 1, xiv;
vieles reicht' ich meinen lieben;
weniges ist mir geblieben
(zuerst: w. 2 [1815] 135) Göthe I 2, 139 W.;
übrigens geht es etwas bunt zu, und ich werde in den nächsten 14 tagen zu wenigem kommen (8. 4. 1797) ebda IV 12, 84; (der graben) verbreitert sich hier um weniges zu einem trümmerbedeckten plätzchen H. v. Barth Kalkalpen (1874) 445; es gibt eigentlich weniges auf der welt, was mir so viel respekt einflöszte wie z. b. ein grauer kakadu Fontane ges. w. (1905) I 4, 352; das klingt nach wenigem und ist doch alles in der grossen kunst und in der redekunst insbesondere Gregori Josef Kainz 14 in: d. theater 3 Hagemann; oft findet sich die wendung mit wenigem, sowohl im speziellen sinne von 'kurz, mit knapper darstellung': dasz wir mit wenigem sehen, wie ein grosz ding es ist, mit der that gottes lob beweisen Luther s. w. I 14 (1828) 69; derwegen wir Europam nur mit wenigem anruͤren woͤllen Stumpf Schweizer chron. (1606) 2ᵃ; ... wil ich mit wenigem vermelden und anzeigen, damit diese vorrede das gebuͦrliche masz nicht vberschreitten thue Sandrub delitiae 7 ndr.; mit wenigem: man behaͤlt im deutschen billich di buchstaben (in lehnwörtern) Butschky kanzelley (1659) anführung 23;
das kann ich mit wenigem erklären
Schiller 12, 473 G.;
vorstehendes war geschrieben ..., als die frage entstand, ob es nicht räthlich sei, mit wenigem gleich hier anzugeben, worin ... Göthe II 2, 8 W.; als auch allgemein 'mit geringem aufwand' u. dgl.:
was man mit wenigem kan schlichten,
das soll man mit vielem nicht verrichten
Pistorius thes. paroem. (1715) 572;
marcktschreyer, grosze herren und propheten, lauter menschen, die gerne viel mit wenigem thun, gerne oben an sind pp. (4. 8. [?] 1787) Göthe IV 8, 239 W.; sie sind überhaupt ein unvergleichlicher oekonom, herr Sterling; was sie mit wenigem thun könnten, das thun sie mit vielem Fr. L. Schröder dram. w. (1831) 1, 21; seltener bei wenigem 'binnen kurzem': ich ... gewann wieder muth, und bei wenigem regte sich mir die kühnheit wieder, und die kräfte wuchsen Schleiermacher Platon (1804) 2, 16; auch die verbindung ein wenig zeigt früh flektierte formen (s. Behaghel dt. syntax 1 [1923] 13): dasz dieses länndtlein seithero zu erhaltung dieser cantzeley-sache nit ein weiniges schonn aufgewendett (1618) acta publica 1, 35 Palm; will jr an einem wenigen nicht genuͤgen lassen Mathesius Sarepta (1571) 25ᵃ; ich ... gehe mit einem wenigen von hier ab (1731) Schnabel Felsenburg 5 Ullrich; was die philologen von den dramatischen richtern der alten Griechen gesammelt haben, ist ein sehr weniges Lessing 8, 339 L.-M.; er ist um ein weniges gröszer Göthe I 23, 216 W.;
ein weniges kleibt doch an milder erde,
damit durch dieses wenige und kleine
das grosze einst durch gott gesegnet werde
E. M. Arndt w. (1892) 5, 294 R.-M.;
ich will, meiner schwachheit und alters gedenk, nur ein weniges sagen Handel-Mazzetti Jesse u. Maria (1911) 75; ebenso wie die fügung mit einem demonstrativum oder anderen formwort: deinde hat er sich mit dem wenigen wollen einkauffen vnd die armen Christen wollen betriegen (ca. 1533) Luther tischr. 1, 319 W.; doch wehre sein gluͤckhafftes schiff von Zuͤrich ... der roͤmischen ... poesy ... vorzusetzen, wann jhm nicht ... noch etwas weniges fehlete Zinkgref auserl. ged. 3 ndr.; sein weniges mit beytragen contribuire il poco suo havere Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵇ; man kann aus diesem wenigen leicht ersehen, welche unendliche mühe und zeit es kostet, fortschritte in dieser schweren kunst zu machen Göthe I 40, 151 W. (theater u. schauspielkunst); in beschaulicher anwendung des wenigen, was er wuszte G. Keller ges. w. 5 (1889) 152; (Dianora:) sag mir etwas von dem, was er predigt, der Spanier; (amme:) ich weisz nicht, wie ich's sagen sollte, gnädige frau; (Dianora:) nur etwas weniges; predigt er denn von so vielerlei dingen? Hofmannsthal frau im fenster (1909) 30.
β)
mit abhängiger bestimmungsgrösze im genitiv (genitivus partitivus):
ich wæn des silbers wênic kumet ze helfe in gotes lant
Walther v. d. Vogelweide 34, 20 Lachmann-Kraus;
sô vint man vil pluotes in irn painen und wênich marks Konrad v. Megenberg buch d. natur 22 Pfeiffer; do ist wenik wassirs (15. jh.) md. Marco Polo 54 Tscharner; wenik volkis ebda u. ö.; dieweil aber zu selbiger zeit gar wenig des geschlechts der freiherrn von Zimbern in leben gewest Zimmer. chron. ²1, 150 Barack; isz vil kost vnd wenig brots Scheidt Grobianus 98 ndr.; ein frauenzimmer von stande, die ... sehr wenig aufsehens in der welt gemacht hatte Wieland s. w. 11 (1795) 3 (Sylvio v. Rosalva, teil 1, 1. buch, 1. kap.). oft findet sich die verbindung ein wenig mit genit. partit., 'eine gewisse menge, etwas' (gegensatz: nichts; s. auch Paul-Euling dt. wb. [⁴1935] 648): ich hân ein wêning öls dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 275 Pfeiffer; tragin si eyn wenik ledirs (15. jh.) md. Marco Polo 58 Tscharner; mit eyn wenic tuchis ebda 59 u. ö.; mit einem wenig rosenwassers Gäbelkover artzneybuch (1596) 1, 94; gib mir ein weinig dinten da mihi pauxillum (nonnihil) atramenti Orsäus nomencl. meth. (1623) 310; trinke ein wenig weins Gottsched sprachk. (1748) 348; seltener etwas weniges: die geistertafel will ich durch etwas weniges farbe noch brauchbarer machen (27. 3. 1824) Göthe IV 38, 90 W.; ob sie gleich etwas weniges grazie haben ebda I 84, 23. die genitivische fügungsweise tritt im neueren dt. immer mehr zugunsten der attributiven zurück (s. unter A 1 a und c); während zu beginn des 18. jhs. noch allgemein festgestellt wird: 'diese adjectiva viel, wenig, genug haben einen genitivum; mancher hat viel fleisses und wenig gewissens' Bödiker-Frisch grund-sätze der teutschen sprache (1723) 282, heiszt es bei Adelung: 'wenig geld haben; trinke ein wenig wein; ehedem mit dem genitive: ein wenig weins' 5 (1786) 168. die frühbezeugte fügung mit einem substantivierten adjektiv im genitiv sg. (vgl. mhd. wênic liebes Nibelungenlied 1413, 4 Bartsch-de Boor) ist zwar 'der form nach erhalten geblieben, aber nach dem zusammenfall der beiden s-laute, s und z, wurde der genitiv als nominativ oder akkusativ umgedeutet ... war es vormals viel oder wenig oder etwas an gutem oder unerfreulichem, so ist es jetzt nur viel oder wenig oder etwas, was gut oder unerfreulich ist. über die sache selbst geht kein blick hinaus' (L. Wolff üb. d. rückgang des genitivs u. d. verkümmerung der partitiven denkformen in: annales acad. Fennicae, ser. B, 84 [1954] 194 f.):
dasz aus Spanien wenig gutes
noch für Hugo ist gekommen
Müllner dram. w. (1828) 2, 26;
herr Michael Thallelaios hat wenig gutes von euch gesprochen Scheffel ges. w. (1907) 1, 112; vereinzelt auch flektiert, wobei deutlich ein appositionelles verhältnis zwischen den gliedern vorliegt: worauf er theils weniges juristisches, theils 1738 eine experimental-physik herausgab Göthe I 46, 88 W.
γ)
mit präpositionaler ergänzung als ersatzfügung für die zurückweichende genitivbestimmung, wobei man zuweilen zweifeln kann, ob die präposition von wenig oder unmittelbar vom verb abhängt:
so wil ich hie der site gedagen
und weneg von disen werchen sagen
Rudolf v. Ems weltchronik 11981 Ehrismann;
hand d rych dann all vil gwunnen dran,
von jrem hochmuͦt glück vil ghan
mit jrem gwalt schandtlichem waͤsen,
so han ich wenig daruon glaͤsen
schweiz. schausp. 3, 63 Bächtold;
den (weg) aber musz ich tun, wie wenig er von lachen,
wie viel er weinens hat
(1638) P. Fleming dt. ged. 1, 193 lit. ver.;
ob ich gleich wenig vom detail weisz, so sehe ich doch ... in ihr (anrede) ganzes hinein, d. h. ihres staates und seiner aussichten und hoffnungen (30. 10. 1809) Göthe IV 21, 123 W.; der dürftige erdboden meiner heimat wuszte nichts von wein und wenig von weizen Laube ges. schr. (1875) 1, 3; was Polyphema — pardon Polyxena — an taille zu viel, hat sie zu wenig Handel-Mazzetti Jesse u. Maria (1911) 1, 395; er kennt wenig von Brahms L. Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 180; sie findet sich, wiewohl seltener, auch nach ein wenig(es):
der ist kein rechter mon,
er hat nur ein wenig darvon
Montanus schwankb. 516 lit. ver.;
gib mir ein wenig von deiner dinten da mihi paululum de tuo atramento Orsäus nomencl. meth. (1623) 298; so wird sich niemand wundern duͤrffen, warum ich gar ein weniges von denen praeceptis rhetoricis beruͤhret habe Chr. Weise polit. redner (1677) 2. vorr. 1ᵇ; ein gedicht ..., welches der menge gefallen soll, musz ein wenig von allem haben ..., etwas kunst und etwas natur Athenäum (1798) 1, 2, 67 Schlegel; darum male ich hier noch ein wenig von geschichte her E. M. Arndt pro populo germanico (1854) 23.
c)
aus undeutlichen genitivfügungen wie wenig sorg (1494) Seb. Brant narrenschiff 51 Z.; wenig ruͦw vnd muͦsse Niclas v. Wyle translationen 14 lit. ver.; wenig woll schöne weise klugreden (1548) 167ᵃ (daneben noch die alte, deutlichere genitivform der schwachen deklination: wenig wollen [1551] K. Scheidt Grobianus 4591 ndr.) entwickelte sich die gewohnheit, das bestimmungsglied unflektiert hinzuzufügen, d. h. es vollzog sichüber eine appositionelle zwischenstufe (s. Behaghel dt. syntax 1 [1923] 539 f.) — allmählich die umbildung des bisher substantivischen kerns der wortgruppe (wenig) zum attributiven adjektiv, das zunächst überwiegend unflektiert bleibt, wenn auch das bedürfnis nach beziehungverdeutlichenden beiwörtern und die wirkung der analogie bald wieder flektierte formen üblich werden lieszen (s. die belege unter 1 a und vgl. die gleichlaufende entwicklung von viel teil 12, 2, 135; Behaghel dt. syntax 1 [1923] 4 u. 483): hastu dan vil kind vnd wenig brot in dem hausz, so hetestu ein cleine freud Joh. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 113ᵃ; wo wenig verstand, da grosz glück Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 12ᵇ; grillen ..., darausz wenig gruͤndtlicher teutscher verstandt zunemen Wolfh. Spangenberg ausgew. dicht. 5 M.; sanguinis inopia laborare weinig blut haben nomencl. lat. germ. (Hamb. 1634) 63; es wird nur wenig und schlechter wein davon gemacht (1779/80) J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 444; wo für ihn, als einen jungen strebenden mann, wenig glück zu hoffen war (1792) Göthe I 33, 8 W.;
ich bin ja schon von herzen froh
um wenig heu und etwas stroh
volksschausp. 80 Hartmann;
Klara Buddenbrook ... besasz ohne zweifel höchst wenig mütterliches talent (1901) Th. Mann Buddenbrooks 372 in: ges. w. (1955) 1; die unflektierte form hält sich weithin auch bei dativischem gebrauch der wortgruppe: mit wenig vnd nit dickem schwartzem hǎre Niclas v. Wyle translationen 22 Keller;
mit zwey und viertzig tausent reutern,
die er mit wenig volck was leutern
H. Sachs 1, 214 lit. ver.;
ich kam vor wenig zeit in eines kaufmanns haus
Lichtwer fabeln (1758) 5;
ein mann von wenig herz Göthe I 43, 294 W.; mit wenig lust und eifer Mörike ges. schr. 3 (1905) 20 Göschen; sowie — allerdings ist dies unsicher bezeugt, da verben wie bedürfen und entraten zuweilen auch durch ein akkusativobjekt ergänzt werdenin genitivischer anwendung: Spanien selbst konnte wenig volk mehr entrathen Schiller 7, 14 G.; ich bedurfte wenig schlaf E. M. Arndt w. (1892) 1, 58 R.-M.; entsprechend verläuft die umbildung zur attributiven fügung bei ein wenig, wobeivon vereinzelten fällen abgesehen (mit einem wenig essig Ludw. v. Avila bancket oder gastmal der hoffevnd edelleut [1563] 54ᵇ; ǎ wenigs brot volksschausp. 96 Hartmann) — ein und wenig unflektiert bleiben: Aristotiles spricht, wâ gar starker wein in ainem vaz ist, der daz vaz zeprechen wil, dâ leg ein wênig kæss ein, sô erlischt sein überwal (1349) Konrad v. Megenberg buch d. natur 352 Pfeiffer; das er ain wenig wein trüncke qu. a. d. j. 1447 bei Schöpf Tirol 12; so man ... wirfft ... ein wenig guten salpeter darein L. Ercker beschr. (1580) 12ᵇ;
(eine hausfrau, die) keinen zeitvertreib
als ihres haspels knarren kennet
und sehr zufrieden ist, wenn auf dem kleinen herd
ein wenig dürres reis zur mittagssuppe brennet
Wieland s. w. 18 (1796) 124;
was ist an so ein wenig kopfweh gelegen? Cronegk schr. 1 (1761) 96;
hier ein wenig rast
volksschausp. 79 Hartmann;
ein wenig giftigkeit regte sich in ihm E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 244; verstärkt ein klein wenig: ein klein wenig wein (1731) Schnabel Felsenburg 111 Ullr.; bezeigen sie (anrede) doch nur ein klein wenig theilnahme Bettine Günderode (1840) 1, 12; dannin mundartlicher sonderanwendungauch: ich hab gebittet um a weng was drauf Handel-Mazzetti Jesse u. Maria (1911) 38.
2)
auf eine geringe anzahl bezogen.
a)
substantivisch.
α)
absolut gebraucht (pauci); ebenso wie viel (multi) erst relativ spät geläufig, den anwendungen 2 a β und 2 b α folgend.
αα)
allgemein für einen kleinen kreis von individuen (selten andere wesenheiten, s. unter ββ), deren besondere art sich aus situation oder kontext bestimmt: gar wenig waren, den ... Arigo decamerone 6 lit. ver. (ebda 75 auch: nyemant oder gar wenig ..., die); o wie wenig find man itzt, die alszo hyneyn gehn yn das dorff, das wider sie ist! Luther 10, 1, 2, 50 W.; hingegen will ich dich sehen lassen, was noch wenig zu sehen bekommen Grimmelshausen Simpl. 425 Scholte;
doch wenig kennen wahre liebe,
die anmuth zeugt und tugend weyht
(1737) A. v. Haller schweiz. ged. (1777) 228;
hier solst du, freund, den namen (wenig
führeten ihn) des gerechten führen
Klopstock oden 1, 16 M.-P.;
diesem rufe (der kirchenglocken) folgten heute nur wenig, weil ... Fontane ges. w. (1905) I 6, 43.
ββ)
wie bei pluralischem viel (s. teil 12, 2, 141 u. 148) setzen sichdem allgemeinen umbildungsprozesz zum beiwort (s. insbes. A 2 b) und dem streben nach deutlicher kennzeichnung des plurals entsprechenddie flektierten formen früh durch und werden im neueren dt. allein üblich, ein prozesz, den die apokope des auslautenden -e nur zeitweilig aufzuhalten vermag: ich sich wol, wie die gelubd werden gehaltenn, szonderlich der keuscheit, die szo gemeyn durch solch kloster wirt, vnd doch von Christo nit gepoten, szondern fast wenigen geben wirt (1520) Luther adel 45 ndr.; mit vilen soll man die feind schlagen, mit wenigen zurath gehen schöne weise klugreden (1548) 160ᵇ; dasz es ihme (Paracelsus), wiewohl von vielen gesucht, noch sehr wenige haben nachthun koͤnnen J. R. Glauber v. d. dreyen anfangen d. metallen (1666) 1; nur wenige irren in jenem Bodmer crit. schr. (1741) 1, 51; denn für wen schreiben wir, lieber guter Jacobi? nicht für den groszen haufen, sondern für wenige, die es verstehen (10. 11. 1788) J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 25;
(Gothland:) was unterscheidet denn den helden von dem mörder?
(Arboga:) die anzahl der erschlagenen.
wer wen'ge todtschlägt, ist ein mörder,
wer viele todtschlägt, ist ein held
Grabbe s. w. 1, 193 Bl.;
der angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er ... hat denen, die unter ihm standen, gleiches recht zugebilligt, behagen und hoffnungsfreude H. Mann untertan (1950) 249; oft begegnenz. t. wohl lat. mustern (etwa paucis exponere) folgendewendungen wie mit wenigen (worten) beweisen u. dgl.:
nun will ich aber nur mit gar wenigen beweisen,
warumb die fraw ein gutes ding kan billich heisen
Voigtländer oden u. lieder (1642) 106;
schliessen demnach mit wenigen von der recht-schreibung Gueintz rechtschr. (1666) 7; so achte nöthig, dies mit wenigen zu gedenken (1674) Leibniz dt. schr. 2, 21 G.; da wir hie von denen waffen reden, so werd ich auch mit wenigen die ceremonien beruͤhren, so bey der weyhung eines hutes und degens an dem paͤbstlichen hofe observiret werden H. v. Fleming teutscher soldat (1726) 202ᵇ; sich mit wenigen (dingen) begnügen, mit wenigen auskommen: frugalis contentus est paucis ein sparsamer begnüget sich mit wenigen Comenius januae linguarum vestibulum (1650) 90; sich mit wenigen begnügen contentarsi di poco Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵇ; mit vielen haͤlt man hausz, mit wenigen koͤmt man auch aus ebda; oder verbindungen mit einem demonstrativum oder anderen formwörtern: bisz sie (die landsknechte) ... in schlachten ... umbkamen ... bisz auff etlich wenige, die in ihrem alter, wann sie nicht wacker geschunden und gestolen hatten, die allerbeste bettler und landstürtzer abgaben Grimmelshausen Simpl. 45 Scholte;
majestät der menschennatur! dich soll ich beym haufen
suchen? bey wenigen nur hast du von jeher gewohnt.
einzelne wenige zählen, die übrigen alle sind blinde
nummern, ihr leeres gewühl hüllet die treffer blos ein
Schiller 11, 184 G. (majestas populi);
sollen sich viele nicht lieber vielen vertrauen als einem? und nicht einmal dem einen (dem monarchen), sondern den wenigen des einen (1788) Göthe I 8, 267 W.; du erfährst, ob du einer von den wenigen bist, die allein geliebt werden Schnitzler Anatol (³1898) 23.
β)
mit partitivem genitiv:
sîn ros truoc in sô balde, daz ir im niht entran.
hirze oder hinden kunde im wênic engân
(hier wie sonst zuweilen der völligen negation gleichkommend, s. auch PBB. 26, 361) Nibelungenlied 937, 4 Bartsch-de Boor;
er moht wol waltmüede sîn,
wand er het der strâzen wênc geriten
Wolfram v. Eschenbach Parzival 459, 15 Lachmann;
so mögend sie (d. pfaffen) nit künscheit halten,
vast wenig der jungen noch der alten
(1522) N. Manuel 36 Bächtold;
und der Juͤden wenig solchs verstanden haben Luther 41, 168 W.; zumahlen der man wenig find, die besser als jhre eltern sind Lehman floril. polit. (1662) 1, 192; ihrer wenig, sehr wenig kommen so weit pochi, pochissimi arrivano à tal segno ò colà Kramer t.-ital. 2 (1702) 1323ᶜ; vor allem in der formelhaften wendung deren (ihrer u. dgl.) ist, sind wenig: der ist wêning, die iz begên dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 74, 26 Leyser; der (guten) on zweifel (dort in Rom) wenig waz (1472) Arigo decamerone 31 lit. ver.; vnd e. f. g. wolten gnediglich bedencken, das solcher gesellen wenig sind (1539) Luther briefw. 8, 488 W.;
wie wenig sind doch der gemuͤhter,
die so beliebt gesinnet sein!
G. Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 240;
wenig sind dieser sprachtöne freilich Herder 5, 9 S.; da der damen zu wenig waren (zum tanzen), so wurden etlichen von uns hübsche häubchen aufgesetzt, damit wir als damen gelten sollten (12. 6. 1818) W. Grimm freundesbr. 68 Reifferscheid. die verbindung mit ein, das den substantivischen charakter von wenig noch bekräftigt, vermag sich hingegen nicht durchzusetzen: er nam ain wenig der seinen zu im (1478—81) Ulrich Füetrer bayer. chron. 150 Spiller; nach diesem schnitt er ein wenig haare von der stirne Lohenstein Arminius (1689) 1, 10ᵇ; sie steht in allzu spürbarem gegensatz zur siegreichen attributiven fügeweise, die sich im neueren dt. auf kosten der genitivischen immer mehr ausbreitet (s. unter 1 b α sowie 2 b α). schon Adelung 5 (1786) 168 hält den genitiv nur noch in wenigen fällen für 'üblicher, doch nur, das ausgelassene von oder unter zu vertreten: wenige derselben d. i. von ihnen. es kamen ihrer nur wenige; es waren unser wenige; wenige unsers standes von unserm stande', wobei die pluralische form schon die wandlung der zunächst nur singularischen quantitätsbezeichnung zum deklinablen beiwort anzeigt; sie begegnet erst im neueren dt.:
wil man den Spanier, wil man den Welschen fragen,
ihr wen'ge werden uns gleich-zu vom Teutschen sagen
Lohenstein Arminius (1689) 1, e 1ᵃ;
alle verbes composés im französischen bleiben unzertrennbar ... dagegen im deutschen nur deren wenige sind Lenz ges. schr. 2 (1828) 329 Tieck; einen ... weg, auf welchen ihnen wenige meiner leser werden folgen können Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 12; wie wenige der alten kunstwerke sind ganz vollkommen zu uns gelangt! Göthe I 47, 45 W.
γ)
mit präpositionaler ergänzung als ersatzfügung für die zurückweichende genitivbestimmung: an dem ort ..., da wenig von den Roͤmern hingekommen sein Micraelius Pommerland (1639) 1, 21; der könig von Afrika nimmt nur wenig von den geschenken an Scherer lit. gesch. ⁷71; im neueren dt. gewöhnlich flektiert (vgl. 2 a α ββ und 2 a β):
von dem hergeführten volke
bracht' er wen'ge nur zurück
Schiller 11, 391 G.;
nur einzelne Griechen und wenige von den Westeuropäern lasen lateinisch Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 4; nicht wenige unter diesen phantasiegebilden haben durch sage, dichtkunst, malerei ... so reiche ausbildung erhalten G. Freytag ges. w. 14 (1887) 51.
b)
beiwörtlich.
α)
die umbildung des substantivischen kerns der wortgruppe zum beiwort bewirkte im wesentlichen zweierlei: sie ergab sich zufrühst bei ihrer verwendung als angabe der beziehungsrichtung eines geschehens oder seins (dativobjekt), wo das bisherige (genitivische) bestimmungsglieddem kasuszwang folgend (s. auch Behaghel dt. syntax 1 [1923] 4) — in den dativ trat und damit zum kern der wortgruppe wurde:
mit wênec liutn ...
Wolfram v. Eschenbach Parzival 700, 26 Lachmann;
sy wenig luden heymelich
(um 1400) Binz hss. d. öff. bibl. d. univ. Basel 1 (1907) 39;
in wenig iaren (in pochi anni) (1472) Arigo decamerone 66 lit. ver.; allzeit besser bey wenig fromen wider viel boͤse (dann bey viel boͤsen wider wenig fromme) streben Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) a 2ᵇ; zur attributiven auffassung von wenig führte weiterhin der formzusammenfall des genitiv pl. mit dem nominativ und akkusativ, also die undeutlichkeit des ursprünglichen genitivverhältnisses (vgl. 1 b β): wenic lute (15. jh.) md. Marco Polo 66 Tscharner; ich ... wenig gepete vorhanden han (poche orazioni ho per le mani) (1472) Arigo decamerone 60 lit. ver.; das ... wenig stifft, kirchen, klöster, altar, mesz, testament christlich seynn Luther freiheit e. Christenmenschen 38 ndr.; demzufolge finden sich früh belege eindeutig attributiver anwendung, wenn auch das beiwort zunächst überwiegend unflektiert bleibt: wenig vnnd gantz hochgeystliche menschen mussen das seyn: die ynn ehre vnnd lob blosz gelasszenn vnnd gleych bleybenn (1520) Luther 9, 247 W.; besser wenig vnnd dapffere, dann vil vnd vntaugliche burger G. Mayr sprüchw. (1567) A 6ᵃ; ich ... übergab diesen beyden alten hausz und hof, sampt meinem gantzen vermögen, bisz auff gar wenig gelbe batzen und cleinodien Grimmelshausen Simpl. 405 Scholte;
Selma, Selma, nur wenig bewölkte trübe minuten
bring' ich, seh ich dich todt, neben dir seelenlos zu!
Klopstock oden 1, 58 M.-P.;
für den staat, für das interesse der fürsten würden sich wenig freywillige arme bewaffnet haben Schiller 8, 11 G.; auch hab ich noch sechs wochen soviel zu thun, dasz ich wenig freye stunden vor mir sehe (20. 9. 1820) Göthe IV 33, 240 W.; schon waren sie dem ufervorsprung, der die zelle Radolfs und die wenig umliegenden behausungen trägt, nahe Scheffel ges. w. (1907) 1, 170; noch waren zu wenig gäste hier, als dasz sie sich nicht auf dem mächtigen festplatze verloren hätten E. Zahn die da kommen u. gehen (1918) 129; nirgends ein verbündeter, wenig wirkliche anhänger St. Zweig Fouché (1954) 183. auffällig ist die zuweilen auftretende verbindung etliche wenig (vgl. etliche viel teil 12, 2, 140):
de aller bedröveste und slimmeste sake
isz de nie almodiske sprake,
de nu vör etliken weinig jahren
isz upgekamen vnd niegebahren
(1649) Lauremberg scherzged. 751 Edw. Schröder;
es sind aufgeblasene schweinsblasen, die sehr pausen und rasseln, aber nichts als wind in sich haben und etwan etliche wenig erbsen, die solches gerassele machen J. B. Carpzov leichpred. 2 (1698) 177.
β)
derin α dargelegtenentwicklung zum beiwort entsprechend finden sich früh auch flektierte formen, die im neueren dt. vorherrschen (s. I. Ljungerud z. nominalflexion i. d. dt. lit.-spr. nach 1900 [Lund 1955] 238): im dise wenige züchtige wort zuͦ herczen gingen (1472) Arigo decamerone 49 lit. ver.; syne wenige, kalte iar synes alters Steinhöwel de claris mul. 60 Dr.; vor wenigen tagen (1539) Luther briefw. 8, 565 W.; die nutzung der wenigen jar Mathesius Sarepta (1571) 171ᵇ; mit sehr wenigen grauen haaren Grimmelshausen Simpl., cont. 114 Scholte; wenige von der analogie abweichende redensarten werden der uebereinstimmung der meisten unterworfen Gottsched sprachk. (1748) 3; erst spielten wir die wenigen stücke durch Göthe I 21, 40 W. (Wilh. Meisters lehrj. 1, 8); alle meine wenigen talente Wackenroder herzenserg. (1797) 6; eine folge weniger worte Scherer lit. gesch. ⁷34; mit wenigen begleitern Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 17; wenige jahre darauf hatte Immanuel das möbelhaus Oppermann gegründet L. Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 13; zuweilen in der verbindung mit einige (vgl. etliche wenig unter 2 b α): ihre besten scribenten, einige wenige ausgenommen (1768) Gerstenberg rezensionen 87 lit. denkm.; mit einigen andern wenigen dingen Göthe I 43, 16 W.; herr Gosch war ebenfalls noch kurgast, gleich einigen wenigen leuten Th. Mann Buddenbrooks 685 in: ges. w. (1955) 1; das junge paar hatte in einigen wenigen häusern besuche gemacht ebda 457; höchstens dasz einige wenige aus der behandlung des holzes sich ergebende schmuckformen in den steinbau sich einschlichen Dehio kunsthistor. aufs. (1914) 7.
γ)
nur bei prädikativer anwendung bleibt selbstverständlich die unflektierte form die allgemein übliche: oh, da wurden alle strick zu wenig werden (1531) Luther tischr. 2, 409 W.; wenig werden ridursi à poco, à picciol numero Kramer t.-ital. 2 (1702) 1323ᶜ; hundert sind noch zu wenig Lessing 8, 4 L.-M.; zu wenig waren die paar tage (14. 10. 1816) Göthe IV 27, 199 W.; meine augenblicke sind wenig, aber diese sind schön! Iffland theatr. w. (1827) 1, 108.
3)
den geringen umfang, die geringe stärke eines geschehens oder seins (a), das seltene eintreten eines vorgangs oder zustands (b) angebend; vgl.weniglich.
a)
im adverbalen gebrauch erlangt wenig früh den funktionswert einer gradbestimmung, ausgehend von fällen wie:
wene wenich, wizze vil
kl. mhd. erz. 25 Rosenhagen (36, 241);
dû scholt nâch miltem weinlesen wênig trinken und nâch klainem weinlesen trink paz (1349/50) Konrad v. Megenberg buch d. natur 350 Pfeiffer; weisz wenig, wie es gan wird nach minem todt (1572) Th. Platter 93 Boos (s. auch unter 1 b α sowie Behaghel dt. syntax 2 [1924] 3). wie adv. lützel und kleine dient wenig oft geradezu als negation, als abgeschwächte form der verneinung, mehr oder minder gleichrangig mit nicht (˂ ni wiht):
... Escelir was er da wenic sparende
jg. Titurel 4189, 4 Hahn (neben: Enite was niht sparende ebda 2140, 4);
oder ni-, für das es im mhd. zuweilen aus metrischen gründen eintritt (s. Alfr. Hübner die 'mhd. ironie' [1930] 159 ff.):
mir hât der künec Etzel   noch vil wênic iht (kaum etwas, nichts) genomen
Nibelungenlied 1690, 4 Bartsch-de Boor;
wênig iemer (nimmer) dt. mystiker 265 Pfeiffer; ez ist wenic iman (niemand) der dit forneme paradisus anime intelligentis 97, 8 Strauch; als negationsvariante vom mhd. bis zum nhd. geläufig (vgl. auch die zahlreichen nhd. belege bei Alfr. Hübner die 'mhd. ironie' [1930] 192 ff.):
wênc (la. wenech, wenich) wart in bette und kulter brâht:
si giengn et ligen ûf ein bâht
Wolfram v. Eschenbach Parzival 501, 7 Lachmann;
und hútend wol das er myner fert icht wiszse, wann er solt wenig achten off das ich hinder mir han gelaszen Lancelot 5 Kluge; in den fuͤnff vocalibus oder selbs stimmenden buchstaben a e i o v hat es kein not, die beduͤrffen (will man sie aussprechen) der zungen wenig, sonder allein desz kauchens vnd gomens Wirsung artzneyb. (1584) 180ᵇ;
den dieben wilt nit sein geleich
und bist doch wunig (kaum) besser zwar
Wickram w. 5, 101 Bolte;
ich frage wenig darnach je ne m'en soucie gueres, parum curo Widerhold dict. (1669) 415;
eines neuen hoͤflings zunge fraget nach dem herzen nicht;
auch hin wiedrum acht das herze wenig, was die zunge spricht
J. Grob dicht. versuchg. (1678) 41;
der alten ist freilich wenig zu trauen Göthe I 23, 107 W.;
hast du vergessen jener heil'gen stunden,
...
wo du, als knabe mann schon, wenig zeigtest,
dasz du als mann ein knabe werden würdest
Grillparzer s. w. 11, 146 Sauer;
gesprochen wurde wenig, und so hörte man denn nichts als das klappern der holznadeln Fontane ges. w. (1905) I 5, 135; der vetter Fritz war auch wenig von belang Kahlenberg Eva Sehring (1901) 15. oft vor einem prädikativum, der funktion des negationspräfixes un- (lat. in-) nahekommend: es sein etlich mit in selbes also vnuernünfftig vnd wenig discret suchenn gen zu wissen das, das für sie nicht ist zewissen (1472) Arigo decamerone 171 lit. ver.;
ich rath, sie bleib beim haberstroh:
dann mann ist ihrer wenig froh
Wolfh. Spangenberg ausgew. dicht. 21 M.;
ich bin ein knab von gringen jahrn,
in der grammatic weng erfahrn
Gilhusius gramm. (1597) 11;
er (gott) ist ... nicht so wenig guͤtig, dasz man durch gebet gleichsam sein herz erst erweichen ... musz Giseke poet. w. (1767) 28 Gärtner; er war hager, grosz, scharf, wenig leidlich Fontane ges. w. (1905) I 1, 176; Caepio war mit dieser nachgiebigkeit wenig zufrieden Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 12; wenig tauglich zum lernen ist, wer lehren zu können glaubt Mauthner Buddha (1913) 80; ferner in verbindung mit wie (s. Alfr. Hübner die 'mhd. ironie' [1930] 156): wie wening (wie so gar nicht) der mönsche ... got dar inne hat gemint (hs. 14. jh.) altdt. pred. 187 Wackernagel (68, 207);
swenne er schœne als ein golt
von dem zapfen schiuzet,
wie wênic mich des verdriuzet,
swaz man sîn in mich giuzet!
(13. jh., 2. h.) weinschwelg 316 in: zwei altdt. schwänke 55 Edw. Schröder;
denn, wie wenig ich auch (wenn ich auch nicht) in meine schriften verliebt bin, so sehe ich sie doch nicht mit solchem abscheu an, als Buchka seinen Muffel Liscow satyr. u. ernsth. schr. (1739) vorr. 4;
ha! wie so wenig (kaum, so gar nicht) gleichet Tydeus sohn
dem vater!
Bürger s. w. 167ᵇ Bohtz;
wie sehr wenig passen meine briefe hierher (wie unpassend sind meine briefe hier) (5. 8. 1833) Bettine bei Pückler briefw. (1873) 1, 118; wie wenig selbständig (wie unselbständig) doch diese herren sind Fontane ges. w. (1905) I 4, 236; sie wuszten ..., wie wenig der senat geneigt (wie abgeneigt der senat) war, ... marschbefehl ... zu ertheilen Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 21; und so (also, ebenso): davon er eben so wenig (auch nicht) den mindesten haller soll fallen lassen M. Sebiz feldbau (1579); dann gleich wie ein kaͤsz nimmer zu milch wirdt, also wenig wirdt die generation in jhr erste materien widerkommen Paracelsus opera (1616) 2, 2; aber so sehr sich Varus betrogen finden wird ..., so wenig traue ich einigem anwesenden Deutschen zu, dasz er glaube, ich waͤre fuͤr die Roͤmer aufgesessen Lohenstein Arminius (1689) 1, 17ᵇ; eben so wenig richtige (genau so unrichtige) begriffe haben die übrigen Griechen von manchen dingen Heilmann pelop. krieg (1760) 23; über welche namen mein vater eben so wenig nachgebend (genau so unnachgiebig) war Hippel lebensläufe (1778) 1, 13; man konnte eben so wenig hoffen, dasz ... Göthe I 21, 83 W.; so wenig indesz war ihm die vermehrung der königlichen einkünfte die hauptsache, dasz er sich der einführung eines lotto beharrlich widersetzte Dahlmann franz. rev. (1845) 51; ebenso wenig ist bekannt (gleichfalls unbekannt ist), wenn (!) der letzte 'edle' jenes stammes gestorben ist G. Keller ges. w. (1889) 1, 11; andererseits nicht selten auch in mehr oder minder ausdrücklichem gegensatz zu (gar) nicht gebraucht; etwa gleichbedeutend mit nicht (allzu)viel: wie wol du genuͦg anzeigen thuͦst, das doctor Murnar vast wenig in den euangelien vnd epistelen der zwoͤlffboten, villeicht gar nicht in Paulo gestudiert hat (1521) Karsthans 101, 15 Burckhardt; bey dem groben gesind, welchs das latein gar nit oder wenig versteht (1551) Scheidt Grobianus 6 ndr.;
als ich nun wenig fürbasz satzt,
da kam ich an ein ander ort,
viel kinder ich da weinen hort
Fischart flöhhaz 17 ndr. (v. 528);
glaubt mir sicherlich, dasz sich mein gemüthe um liebessachen wenig, oder soll ich recht reden, gar nichts bekümmert (1731) Schnabel Felsenburg 32 Ullrich; allein, gegen die heutigen zeiten gerechnet, will diese bevölkerung gewisz wenig bedeuten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1785) 1, 21; bei gefangenen, welche lange im finstern gesessen, ist die empfänglichkeit der retina so grosz, dasz sie im finstern (wahrscheinlich in einem wenig erhellten dunkel) schon gegenstände unterscheiden Göthe II 1, 5 W.; gesprochen ward wenig und leise A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 267; die blaszgrauen augen lieszen einen menschen erraten, der wenig schlief Carossa winterl. Rom (1947) 26; so auch beim gebrauch mit steigerndem zu: wer got zuͦ wenig (in allzu geringem masze) dient, das ist nit recht Keisersberg pred. teutsch (1508) 30ᵃ; dann welcher inn disem eynen stuck zu viel oder zu wenig geartet ist, derselbige taugt fuͤr die obsbaͤume gar nicht M. Sebiz feldbau (1580) 343; du kennst Jena zu wenig, als dasz es dir etwas heiszen sollte, wenn ich sage: dasz ich auf dem rechten Saalufer ... eine zinne (vulgo erker) in besitz genommen habe (16. 2. 1818 an Zelter) Göthe IV 29, 54 W.; diesz ist bisher zu wenig berücksichtigt worden Ritter erdk. (1822) 1, viii; diese importirte (von ausländern getragene) ... arbeit ... fand in land und volk zu wenig wurzel W. H. Riehl deutsche arbeit (1861) 72; und die oft bezeugte verbindung nicht wenig bedeutet geradezu 'in nicht geringem masze, sehr': es solt yhm nit wenig datzu furtreglich seyn (1520) Luther v. d. freiheit e. Christenmenschen 8 ndr.; dieser bestallung erschrack ich nicht wenig, sondern sehr Schweinichen denkw. 87 Ö.; disz verdrosse mich nicht wenig Grimmelshausen 2, 359 Keller; nicht wenig non poco cioè assai, molto Kramer t.-ital. 2 (1702) 1323ᶜ; sie (kapellmeister Hofmeister in Leipzig) haben ursache über mich zu klagen, und das nicht wenig (22. 4. 1801) Beethoven s. br. 1, 62 Kalischer; ich freute mich nicht wenig auf den spasz Mörike ges. schr. 3 (1905) 12 Göschen; das ... grenzgebiet ... hatte ... nicht wenig zu leiden Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 19; ähnliches gilt für die seit dem mhd. beliebte fügung ein wenig, welche ebenfalls eine 'verstärkung der position' (Hübner die 'mhd. ironie' [1930] 152) auszudrücken vermag:
do er sô gremlîchen saz,
und man im daz helmvaz
abe lôste und im daz swert nam:
er was ein wênic worden zam (er war ganz zahm geworden)
Biterolf 12678 in: dt. heldenbuch 1, 185 Jänicke;
insbesondere von einer vergleichsstufe:
welt, du ensolt niht umbe daz
zürnen, ob ich lônes man.
grüeze mich ein wênic baz,
sich mich minneclîchen an
Walther v. d. Vogelweide 60, 15 Lachmann-Kraus;
er rihte kúnigliche
Juda das kúnigriche
zwei jar und ein wenig me
Rudolf v. Ems weltchron. 33979 Ehrismann;
lasz myn übelthaten ligen,
bisz ein wenig basz verschwigen!
Murner narrenbeschwör. 181 ndr.;
zuͦ hoff würd es nicht lang wol schmecken, sich schlaffen auff die kisten strecken (wann schon golt darinn leg) dann sie seind ein wenig haͤrter dan die federn Fischart groszm. 10 ndr.; und solte man der sache ein wenig weiter nach sinnen, so ... Prätorius winterflucht (1678) 1. vortrab A 7ᵇ; meist allerdings eine einschränkung des in rede stehenden geschehens auf ein gewisses (nicht allzu groszes) masz bedeutet, der intensität oder auch des (räumlich-zeitlichen) umfangs, in dem dieses erfolgt:
swâ ein edeliu schœne frowe reine,
wol gekleidet unde wol gebunden,
dur kurzewîle zuo vil liuten gât,
hovelîchen hôhgemuot, niht eine,
umbe sehende ein wênic (la.: ein cleine E.) under stunden,
alsam der sunne gegen den sternen stât
Walther v. d. Vogelweide 46, 14 Lachmann-Kraus;
do her eyn wenik vort quam mit den schiffin (15. jh.) md. Marco Polo 51 Tscharner;
ir kind, vernement mine stim,
ein wenig ich noch by úch bin
(hs. 15. jh.) schauspiele d. mittelalters 2, 259 Mone;
das man versteh, was er thu lehren,
wil ich kurtzlich ein wenig erkleren
H. Sachs 6, 377 lit. ver.;
er schilhet ein wenig Wickram w. 3, 134 Bolte;
ich wil ein wenig nur versuchen,
wie grosz doch deine liebe sey
G. Neumark lustwäldchen (1652) 18;
sie (anrede) wissen, wie sehr ich mit einem groszen theil ihrer kinder (den dichtungen der Luise Karsch) zufrieden bin; unterdesz kann ich ihnen wohl sagen, dasz ich mich ein wenig vor ihren viel zu poetischen briefen fürchte (20. 11. 1762) Klopstock an Gleim in: Klopstock u. s. freunde 2, 143 Klamer Schmidt; aber Newton und seine schüler leiden nicht, dasz man ein wenig zur seite trete, um in die offnen coulissen zu sehen Göthe II 2, 41 W.; mich freute es, ungeordnete materialien ein wenig, wenn auch nicht allzu gut, in reih und glied zu stellen (11.—12. 12. 1819) Lachmann in: briefw. d. brüder J. u. W. Grimm m. Karl Lachmann 1, 13 Leitzmann; wir blieben ein wenig stehen Stifter s. w. 5, 1 (1908) 164; ock ganz um de letzte, da wold'n a wing angst wern Gerh. Hauptmann weber (1892) 37; 'sie tanzen nicht, herr doktor?' 'ein wenig, gnädige frau' (hier ein ausdruck höflich-bescheidener zurückhaltung) Friedr. Wolf besinnung (1947) 184; oft als abschwächender zusatz zu einer aufforderung oder bitte: nu höre mich ein wenig! Lancelot 33 Kluge; sich mich ein wenig an (guatami pure un poco) (1472) Arigo decamerone 158 lit. ver.;
wie ist der rock mit pier petraufft!
er ist etwan ains kretschmans gwesen.
kern ain weng aus mit eim offn pesen
(1553/54) H. Sachs fastnachtsp. 59, 260 ndr.;
verziehet ein wenig Chr. Reuter ehrl. frau Schlampampe 20 ndr.; lang' mir doch ein wenig meine scheere maler Müller w. (1825) 1, 230; kumm, Martha, greif a wing ... stitz mich a wing Gerh. Hauptmann Rose Bernd (1904) 135; oder zu einem charakterisierenden beiwort: sin muͦnt was im kleyn, lachend und rott als ein rose, ein wenig dick, die zene cleyn Lancelot 35 Kluge; ich wil ietz ein frag thuͦn, die ein wennig schwer ist Keisersberg brösamlin (1517) 2, 86ᵃ;
nu, solches ist an dir ein wenig tadelbar,
du bist nicht also scharf, als wie Zaleuͤcus war!
J. Grob dicht. versuchg. (1678) 70;
die gestalt dieser nymphe und die gute art, womit sie ihr amt versah, machten ihre aufwartung fuͤr einen weisen von Agathons alter ein wenig beunruhigend Wieland Agathon (1766) 1, 74;
ei was! sie (soldaten) werden uns (bauern) ja nicht fressen,
treiben sie's auch ein wenig vermessen
Schiller 12, 14 G.;
das ziemlich trockne geschäft (bücher zu rezensieren) ein wenig genialisch zu machen A. W. Schlegel in: Athenäum 1, 1 (1798) 143 Schlegel; ein wenig hohe preise Hauff s. w. 3, 1, 39 Bobertag; ich sah sie zur holden, wenngleich ein wenig kränklichen jungfrau heranwachsen W. Raabe s. w. I 6, 6 Klemm; auch trat oft an die stelle der bibel eines ... dieser schatzkästchen, psalter, weihestunden, morgenklänge und pilgerstäbe, deren beständige zärtlichkeit für das süsze, wonnesame Jesulein ein wenig widerlich anmutete Th. Mann Buddenbrooks 283 in: ges. w. (1955) 1; verstärkt ein klein wenig, in ähnlichen verwendungen:
darumb denck ich dein im lande
bey dem Jordan an der seit,
da Hermonim hoch herfür
vnd hingegen meine zier,
Zion, ein klein wenig steiget
Paul Gerhardt in: ev. kirchenl. 3, 378 Fischer-Tümpel;
welch ein wolluͤstiger gedanke: dasz sie (anrede) mir nun schon ein klein wenig ... gewogen sind! (18. 11. 1770) Heinse bei Gleim briefw. 1, 3 Körte; wenn er ein klein wenig mehr geschick hätte, so würde er den winter über die sammlungen machen, einpacken, um sie bereit zu haben, wenn sie gefordert würden (31. 7. 1810) Göthe IV 30, 152 W.; indem er nach einem spaziergange ein klein wenig an der tanzhütte verweilte Seb. Brunner ges. erz. (1864) 1, 40; ... die mir auch ein klein wenig genützt haben H. Hesse morgenlandfahrt (1932) 59; ebenso die zuweilen begegnende fügung etwas (ein) weniges: sie derhalben nicht gantz compact, sondern etwas wenigs vnfix ... sein Thurneisser alchymia (1583) 8;
wie reizt doch das die leute so sehr?
was laufen sie wieder in's schauspiel-haus?
es ist doch etwas weniges mehr,
als säh' man grade zum fenster hinaus
Göthe I 3, 317 W.;
... dasz herr Peregrinus Tysz leider zuweilen was weniges überschnappe E. T. A. Hoffmann s. w. 12, 9 Gr.; nichts (will ich) als ihn ein weniges anbeten und seine grösze erläutern Tieck schr. (1828) 5, 280; er klagte ein weniges darüber M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 26; seine rechte fuszspitze, mit welcher er ein weniges auf und nieder wippte H. Seidel vorstadtgesch. (1929) 1, 68; sowie ein (klein) weniges: der edle redner schluchzte noch ein weniges, dann fuhr er fort Immermann w. 1, 7 Hempel; warum lieszen sie (anrede) das in ihrer grobheit nicht ein klein weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchlosesten menschen wohl ansteht G. Keller ges. w. 4 (1889) 58; selbst vor dem groszen meister hab ich nur ein weniges gezittert Storm s. w. (1898) 4, 192; und etwas weniges: da ich keine eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen Hauff pros. u. poet. w. 7/8, 143 Hempel; die mädchen weinten noch etwas weniges in der stille fort ebda 9, 94.
b)
wie viel sich früh der bedeutung von oft nähert (s. teil 12, 2, 118ff.), so rückt wenig schon im frühen nhd. neben selten: etliche seind die dick zuͦ dem sacrament gon, etliche gond wenig vnd selten Keisersberg brösamlin (1517) 2, 80ᵇ; so haben i. f. g. mich doch wenig daheim essen lassen; ... bin also mehr zu hofe gewesen, als weil ich marschall war Schweinichen denkw. 455 Ö.; halt rechte maasz in speisz vnd tranck, so wirstu alt vnd wenig kranck Lehman floril. polit. (1662) 1, 329; herrin ... ist so viel als eine frau und herrscherin, wird wenig geredet (selten gebraucht) Gueintz rechtschr. (1666) 83; er gieng wenig in die kirche Schubart leben 1 (1791) 176; dabei ging er, weil er sehr fleiszig war, wenig aus dem hause Göthe I 43, 16 W.; die milde desselben (des winters) thut mir wohl, wenn ich auch wenig auskomme (14. 12. 1822 an Zelter) ders. IV 36, 235; me g'set di wenig selten; 's chunt wenig for Seiler Basel 313.
4)
in verbindung mit so (also, ebenso, s. auch unter 3 a) übernimmt wenig im neueren dt. geradezu die rolle eines fügeworts.
a)
zwei gröszen koordinierend, die als träger, ziel oder umstand eines geschilderten geschehens gleichermaszen in abrede gestellt werden: auch jre chaldeische bibel, welcher sie (die Juden) nicht thuͤren widerstehen, so wenig als der ebreischen selbs, solchs klerlich zeuget (1543) Luther 53, 451 W.;
wiss gwislich, werst dabey gewesn,
vnd da also die buͤchssen kracht,
hetst wol als weng als ich gelacht
Waldis streitged. 6 ndr.;
perdieu, das ist so wenig considerabel, als reputirlich Schottel friedenssieg 48 ndr.; dasz sie sich des weinens ... so wenig als des fiebers ... enthalten koͤnnen Butschky Pathmos (1677) 2; wobey (beim naiven) man so wenig kunst als vorbedacht und lange ueberlegung wahrnimmt Eschenburg entwurf (1783) 27; ich versetzte darauf, dasz ich keineswegs an ihrem guten herkommen zweifle, so wenig als an einem achtungswerthen betragen Göthe I 24, 76 W. (vgl. ferner ebda I 24, 167 und IV 41, 38); von vollständiger materialiensammlung und aufzählung des besondern, so wenig als von sogenannter gleichförmigkeit ... kann bei einer arbeit nicht die rede seyn, die ... Ritter erdk. (1822) 1, xii; allein so wenig damals wie früher konnte dies staatsrecht die Deutschen überzeugen Ranke s. w. (1867) 1, 11; Boadicea wollte so wenig wie Kleopatra einen römischen triumph verherrlichen ebda 14 (1870) 8. verstärkt eben so wenig als: wie nun derselbig ain zeit lang das bischtum Strassburg inhett, kundt er sich eben so wenig als sein vorfar mit seinen domherrn ... vergleichen Zimmer. chron. ²1, 47 Barack; oder warumb er sich eben so wenig zu dieser als zu einer andern (religion) begeben will Grimmelshausen Simpl. 268 Scholte; der geist der philosophie läszt sich durch ein diplom eben so wenig erwerben als sichern Herder 22, 6 S.; (Wilhelm) verschwieg eben so wenig seinen namen als seine wohnung Göthe I 21, 103 W.
b)
entsprechend, ein gliedsatz- an ein hauptsatzgeschehen schlieszend.
α)
einen modalsatz einleitend. die entwicklung geht aus von fällen, wo so wenig als umstandsbestimmung im hauptsatz stand: als wenig verstan, als ein Tútscher einen Walhen Seuse 199 Bihlmeyer; der mensch solt alszo gar an sich sten und sein, ... das er sich und das sein als wenig suchte und meynte yn allen dingen, als ob er nit were theologia deutsch 31 Mandel; das gerichte ... gehet ihnen (die gläubigen menschen) so wenig an, als es die engel angehet Luther 47, 102 W.;
der mann will keinen dank; will ihn so wenig
als ihn der wassereymer will, der bey
dem löschen so geschäftig sich erwiesen
Lessing 3, 76 L.-M.
so wenig rückt dannwie so viel, weit, bald (s. Behaghel dt. syntax 3 [1928] 273 ff.) — an die spitze des gliedsatzes, als einleitung des abhängigen satzes empfunden und gebraucht: das der bapst solchs nit macht hat zupietenn, als wenig als er macht hat zuuorpieten ... Luther adel 48 ndr.; darumb rath ich, welchem ich nur geraten mag, das er jm gewalt diszer erd nitt leyden lassz seine buͤcher, als wenig als die marterer Jesu jnen liessent verbyeten die leer gottes (1522) M. Stifel v. d. christförm. lehre Luthers 282 Lucke; da fuͤrt er den Hans Pfriemer ein, der sich in keine gottes vnd glaubens sachen richten kan, gleich als wenig er verstehen vnd sagen mag Hayneccius Hans Pfriem 5 ndr.; kann ichs ihm (dem vater) dank wissen, dasz ich ein mann wurde? so wenig als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein weib aus mir gemacht hätte Schiller 2, 27 G.; so hat er also diese tasche nicht erstanden? versetzte Wilhelm. — so wenig als es gefahr mit Lothario hat, antwortete Jarno Göthe I 23, 16 W. wie auch sonst (s. Behaghel 3, 276) erfolgt häufig eine parallele doppelsetzung von so wenig in gliedsatz und übergeordnetem satze, wobei das nachfolgende als (wie) in der regel erspart ist: nu szo wenig tzur selickeytt hilfft odder hyndertt, das du eyn man odder weyb bist, szo wenig hilfft unnd hyndert auch datzu, das du eyn Carthuszer odder pfaff bist Luther 10, 1, 1, 486 W.; wiewol ir das als wenig glaubent, als wenig Cayphas vnd Annas glaubt hettent, so ... (1522) M. Stifel v. d. christförm. lehre Luthers 301 Lucke;
so weng sich ein geringer man
fur mir darff fürchtens vnderstan,
so wenig sol auch der jhenich,
so mechtig ist, verachten mich
schöne weise klugreden (1548) 180ᵇ;
so wenig hiz' und kaͤlt' einander leiden koͤnnen,
...
so wenig moͤgen wiz und stolz beisammen sein
J. Grob dicht. versuchg. (1678) 34;
so wenig dieser frosch den wahren grund wird finden,
so wenig kann ein mensch des schoͤpfers weg' ergruͤnden
Brockes ird. vergn. 2 (⁵1767) 145;
nein, so wenig als (!) der fels ...
aus seiner stätte weicht, ...
so wenig weicht die zärtlichkeit für dich
aus meiner brust
Göthe I 4, 182 W.;
sou wännig, osse de baime un de hüsere uppen köppen stoht, sou wännig giew ik dat tou Bauer-Collitz waldeck. wb. 205; doppelte verstärkung findet sich nur vereinzelt: eben so wenig, als ich es fuͤr recht halte, leute an ihrer person anzugreifen, eben so wenig glaube ich, dasz ... Joh. El. Schlegel w. (1761) 5, 445; zuweilen istbei voranstellung des gliedsatzesdas zweite, im hauptsatz folgende so wenig durch al(l) oder eben verstärkt: so wenig ich vor der zeyt alters begeret, als wenig begere ich uͤber dj zeyt alt zuͦ sein Schwarzenberg Cicero (1535) 29; aber so wenig als solche Rodomontaden wahren heldenmuth einflössen können, eben so wenig können Philoktetische klagen weichlich machen Lessing 9, 31 L.-M.; so wenig ... der richter sich um die leidenschaften der parteien zu kümmern hat, eben so wenig sieht der wahre künstler das gefallen als den zweck seiner arbeit an Göthe I 47, 51 W.
β)
einen konzessivsatz einleitend (zur entstehung dieseˢ satztyps vgl. Behaghel dt. syntax 3 [1928] 275 f.): so wenig ich sonst gewohnt gewesen bin, mein versprechen auf die lange bank kommen zu lassen: so ungern habe ich es auch mit dieser sprachlehre gethan Gottsched sprachk. (1748) vorr. **1ᵃ; so wenig er uns begriff, so behülflich war er Göthe I 21, 36 W.; so wenig freundlich ihre betrachtungen waren, so waren sie doch nicht ganz ohne grund Fontane ges. w. (1905) I 5, 3; so wenig wir den rebellen billigen, ... so ehrwürdig ist uns das andenken der opfer H. Hesse glasperlenspiel (1952) 14; auch als einleitung eines nachgestellten oder eingeschobenen gliedsatzes: hat man ihn (Zachariae) in seinen scherzhaften epopeen als in seiner sphäre bewundert, so wird man ihn auch hier nicht ausser derselben finden; so wenig auch die gabe scherzhafter einfälle und die gabe zärtlicher empfindungen mit einander gemein zu haben scheinen (1755) Lessing 7, 4 L.-M.;
ah, man ist euer freund, so wenig man euch kennet
Göthe I 5, 1, 59 W.;
dieser vorfall, so wenig der roszhändler ihn in der tat verschuldet hatte ... H. v. Kleist w. 3, 204 E. Schmidt; aber ich versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es paszt nicht für mich Tieck schr. (1828) 4, 272.
B.
als vergleichsstufe (gegensatz: mehr). wie wenig gegen lützel (s.A) dringtseit dem frühen nhd.der reguläre komparativ weniger gegen die alte suppletivform minder (s. teil 6, 2222ff.) vor, die nur im ndl., dän. und schwed. geläufig bleibt, im nhd. hingegen auf einige stehende wendungen beschränkt wird (s. Paul dt. gramm. 3 [1919] 299 f. und van Dam hdb. d. dt. spr. 2 [1951] 443). im älteren nhd. finden sich zuweilen noch beide steigerungsformen nebeneinander: der ist ein frembder, minders gwalts dann du, weniger bekant, der hie lützeler freünd hat Boltz Terenz (1544) 68ᵇ; einem jünglinge von minderem feuer und wenigerer einbildungskraft würde ich rathen, seinen geist durch die werke eines Ariost ... zu entflammen (17. 7. 1792) Elisa v. d. Recke br. 350 Clemen, in: neues arch. f. sächs. gesch. 40 (1919); doch schon im Frankfurter druck des 'renner' (1549) 36ᵃ wird minner (Hugo v. Trimberg renner 6695 Ehrismann) durch weniger ersetzt (s. P. Warlies d. Frankf. druck d. renner, diss. Greifswald 1912, 67ᵃ), und Albert Ölinger nennt die unregelmäszigen steigerungsformen minder, mindest nur noch an zweiter stelle: adiectiuum wenig, quoque irregulare comparatiuum habet, scilicet wenig, weniger vel minder, zum wenigesten vel mindesten, sic etiam der mindere pro wenigere, der mindeste pro wenigste (Straszburg 1573) dt. gramm. 27 Scheel; Adelung überhaupt nicht mehr, er stellt lediglich fest, dasz die steigerungsformen 'von viel, mehr und meist lauten, wenig aber ordentlich gesteigert wird, weniger, wenigste' dt. sprachl. (1781) 207. selbst in der alliterierenden formel mehr oder minder wird minder früh von dem daktylischen weniger bedroht (s. auch die teil 6, 1874 angeführten belege u. vgl. Bock kreuterb. [1546] unter 2 a, wo älteres minder [im druck von 1539] durch weniger ersetzt ist): mehr oder weniger più ò meno (manco); weder mehr noch weniger nè più ne meno Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ.
1)
mit bezug auf den geringeren grad oder umfang einer grösze.
a)
beiwörtlich; meist vor zustands- und vorgangsbezeichnungen sowie anderen abstrakten: solche erdbidem seyn zu Florentz vnd andern vmbligenden orthen auch gespuͤret, aber mit wenigerm schaden C. Goltwurm wunderzeichen (1567) 82ᵃ; aber der and' weg bringt wenigern nach theil mit sich Xylander Polybius (1574) 25; vnd gehet darzu weniger müh vnd weil auff jre (der tönernen gefäsze) reynigung, ausbutzung vnd fegen Fischart w. 3, 241 Hauffen; disz ist ... in wenigerm gebrauch dann die erste Ph. Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 171; je nachdem sie entweder mehr in sich eingeschlossen oder durch handlung mit andern nationen in mehr oder wenigerm umgang gestanden M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1785) 1, vorr. 14; diesem widerfuhr aber noch weniger achtung als der O-Purea J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 76; immer wird man sehen, dasz blosz der abstand des hellen und dunkeln ursache der mehrern oder wenigern deutlichkeit sei Göthe II 2, 33 W. (zur farbenlehre, polem. theil); das was sie (anrede) mir von ihrem wenigern einflusz auf Agnes von Lilien schreiben, vermehrt meinen wunsch, dasz die verfasserinn, im stillen, die arbeit, besonders des zweyten theils, nochmals vornehmen ... möge (7. 2. 1798 an Schiller) Göthe IV 13, 58 W.; vereinzelt auch sonst (vgl. o. Hügel unter I 2): der seinen hauszrath weniger macht, wirt offentlich gestrafft, aber wer das sein meeret, dem wirt grosz ehr angelegt Seb. Franck weltb. (1542) 188ᵃ; weniger geld und mehr gewissens meno danari e più di coscienza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵇ; schiebt man ... farbige gläser vor (das thermometer), so folgt ..., dasz sich der wärmegrad vermindre, ... vorzüglich, weil ein farbiges glas, als ein dunkles, ein wenigeres licht hindurchläszt Göthe II 1, 267 W. im älteren nhd. oft in der fügung das (der) weniger teil (vgl. mehrteil teil 6, 1897 f. und minderteil ebda 2231): aber ettlich werden auch ausz solcher vortzweyfflung geystlich, das sie szonst nitt trawen selig zu werden; aber der ist das weniger teyl Luther 10, 1, 1, 639 W. (vgl. ebda 401; 18, 187 und Franke schriftspr. Luthers 2 [²1914] 141); der weniger tayl billich dem mererm nachuolgt (1534) Schwarzenberg büchl. v. zutrinken 16 ndr.; so gestehn sie es auch denen in Engeland nicht, auch dē wenigern thail im Teütschland Joh. Nas eins vnd hundert 2 (1570) 106ᵇ; gleich wie allweg der weniger theil dem mehrer musz nachgeben vnd weichen Lehman floril. polit. (1662) 2, 647; und die weniger(e) zahl (vgl.mehrzahl teil 6, 1898 f. und minderzahl ebda 2231): es must auch dem bapst vorpotten werden, mehr solcher orden aufftzusetzen odder bestetigen, ia befolen werden, etlich abetzuthun vnd in wenigere zal zuzwingen (1520) Luther adel 43 ndr.; gehoͤren sie unter die wenigere oder unter die groͤssere zahl? Petrasch s. lustsp. (1765) 1, 239; wie mindere zahl (s. teil 6, 2225) auch auf die zehner und einer einer jahresangabe bezogen: im jare nach Christi unsers lieben herren gebürt der wenigeren zale fünf und zwanzig (1525) J. Marstaller aufruhrbuch 1 Steitz; nach dem die roͤmisch keyserlich maiestat ... ein gemeinen reychsztag ... vff den sechzehenden tag des monats augusti verschienes drey vnd fuͤnfftzigsten jars, der weniger zall, ... auszgeschrieben abschied d. reichstags zu Augsburg (1555) 1ᵇ; von anno 50 der wenigern zahl bisz auff 80 sind in Franckreich allein durch anstifftung der bäpstischen vmbkommen 39 fürsten Dan. Schaller theol. heroldt (1604) 68; und demnach wir, der churfürst zu Sachsen etc. ... etliche fürnehme ... theologen gegen Torgau, der wenigern zahl im sechs und siebenzigsten jahr (1576), zusammen beruffen christl. concordienbuch (1739) 11 Chr. Weisz.
b)
in absolutem gebrauch; die jeweils gemeinte grösze geringeren umfangs bestimmt sich aus situation oder kontext:
ey, es ist mir noch nit gelegen,
ir muͤest mir noch wol fasten lenger.
ich thw weder mer oder wenger,
wo dw gleich ser thuest puchs (l. puchn) vnd scharren
H. Sachs fastnachtsp. 63, 72 ndr.;
es ist besser weniger als zuviel thun, das wenig kan wol ein zusatz leyden, zuviel hat kein recept Lehman floril. polit. (1662) 2, 526; er hat weniger als ich egli hà possiedo meno di me Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵇ; aber die mutter, die sich aus ihres eidams ungnade weniger machte, blieb bei ihrer guten tochter Langbein s. schr. 31 (1837) 24; ich würde nicht mehr und nicht weniger gesagt haben (8. 4. 1769) Göthe IV 1, 208 W.; allein nicht zufrieden mit diesen componisten, welchen er selbst weniger zutraute, warf er sein auge auf Mozart O. Jahn Mozart (1856) 4, 183; Kirst war ihres lobes voll; weniger wollt' er vom Bohlsdorfer amtmann wissen Fontane ges. w. (1905) I 1, 10; die bilder (in der camera d'Eliodoro) geben jetzt weniger, aber das wenige wirkt gewaltiger Wölfflin d. klass. kunst (1901) 95; hei nîmᵉt auk wänᵉger sein verlangen ist nicht ernstlich gemeint Bauer-Collitz waldeck. wb. 111. als gesteigerter ausdruck für ein gänzlich in abrede gestelltes findet sich weniger als nichts (nihilo minus) 'überhaupt nichts': dj arrmen leute haben vom ewigen leben weniger dann nichts gewust; wir wissens aber Luther tischr. 2, 270 W.; darumb wird damit weniger als nichts bewiesen (23. 9. 1619) gewerbe d. st. Münster 400 Krumbholtz. zuweilen die verbindung ein weniger(es), etwas weniger: weliche (räte) mir aber angezaigt, das soliches (davon) auch nit der halbtail (die hälfte) und noch vil ain wenigers nit vorhanden were (1526) chron. d. st. Bamberg 2, 311 Chroust;
was hab' ich,
wenn ich nicht alles habe, sprach der jüngling,
giebts etwa hier ein weniger und mehr?
Schiller 11, 51 G.;
leider läszt sich auch von seiner schriftstellerei sagen: 'etwas weniger wäre mehr gewesen' Hoffmann v. Fallersleben mein leben (1868) 3, 288; sowie das weniger(e): mehr belehrend kann so die anordnung auch des wenigern werden, als die rastlose zusammenraffung des einzelnen, unverbundnen, das unser gedächtnisz nicht mehr zu behalten vermag Ritter erdk. (1822) 1, 22; meist formelhaft das mehr und weniger: wer kann nun jeder zeit das mehr und weniger bestimmen? Herder 17, 231 S.; allein auch dies ist kein wesentlicher unterschied, sondern besteht vielleicht blos im mehr und weniger Fr. Th. Schubert verm. schr. 3 (1825) 81; auch hängt allerdings bei allen dispositionen das mehr oder weniger gar viel von persönlichkeit, sympathie und neigung ab (29. 11. 1859) Pückler briefw. (1873) 4, 29.
c)
wie minder (s. teil 6, 2225) zuweilen mit abhängiger bestimmungsergänzung, im genitiv: wann darnach die sonne durch ihre hitze desz wassers im teiche weniger macht fischbüchlein (ca. 1660) 121; je weniger eines dinges ist, je lieber es ist Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Kk 1ᵇ; es wird des gelds allgemachs weniger il danaro si và scemando Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; besonders die formel ein mehr oder (bzw. und) weniger: es zeigt sich ..., dasz ein mehr und weniger der farbenerscheinung durch eine chemische behandlung hervorgebracht werden kann; das mehr wird nämlich durch säuren, das weniger durch alkalien bestimmt Göthe II 1, 119 W.; allein das unbedeutende mehr und weniger des dem menschen ausweichbaren und erreichbaren Schopenhauer s. w. 1, 136 Gr.; in neuerem dt. tritt hier allerdings präpositionale fügung ein: umrisse, die nur an einzelnen stellen ein weniger oder mehr von ausführung haben O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 132; da es beim bau von luftschlössern auf ein mehr oder weniger an unkosten ja niemals ankommt G. Keller ges. w. (1889) 3, 25; man sei sonst in der tagespolitik mit sehr viel weniger an geist und niveau zufrieden H. Hesse glasperlenspiel (1951) 270.
2)
auf eine geringere anzahl, eine minderheit bezogen.
a)
beiwörtlich: nu geschicht es, das einer gen Rom wallet, vortzeret funfftzig hundert, mehr odder weniger, guldenn, das yhm niemant befolhen hat (1520) Luther adel 41 ndr.; daraus wachsen etwan ... fünff oder sechs, etwan auch mehr etwan weniger, gantz rauhe ... stengel Bock kreuterb. (1546) 1ᵇ (1539: mehr oder minder); vor 50 vnd weniger jahren (1643) Christoph Schorer sprachverderber 43 Riegel, in: wiss. beih. z. zs. d. allg. dt. sprachver. 1; ich und der hr. professor behalten uns also die ehre eines besuchs auf eine zeit bevor, wo dich weniger zerstreuungen abhalten können, dich uns ganz zu weihen (23. 7. 1770) Schubart br. bei D. Fr. Strausz ges. schr. 8 (1878) 159; oftwohl in anschlusz an mehrere — mit pluralischer endung, 'wo die biegung, um der bezeichnung des casus willen, nothwendig ist' (Adelung 5 [1786] 169; s. auch die belege bei Paul dt. gr. 3 [1919] 299): (homunculus) sicht dem gleich, von dem es kompt im fleisch vnd blut der mehrern vnd wenigern gliedern Paracelsus opera (1616) 1, 860; sie haben endlich die mit wenigeren stimmen erwaͤhlte priorin bestaͤttiget sendschreiben d. Teresa v. Jesu 16; so wüszte ich doch von allen lateinischen dichtern keinen, aus dem sich wenigere sittensprüche wörtlich ausziehen lieszen, als aus ihm (Martial) Lessing 11, 223 L.-M.; da es (das plattdeutsche) doch offenbar, wegen der wenigern diphthongen, der seltnern anhäufung der consonanten ... eine sprache ist, die ... leichter und kürzer ist, als die hochdeutsche allg. dt. bibl. 33 (1778) 154; mit wenigeren pausen der erquickung Brentano ges. schr. (1852) 4, 343; von dem dache hatte der wind den einen und andern ziegel herausgenommen, worauf bald mehrere oder wenigere nachbarn folgten Stifter s. w. 2 (1908) 56.
b)
absolut: decuria ein anzahl von 10 weniger oder mehr (ungefähr 10) nomencl. lat. germ. (Hamb. 1634) 285;
wenigen menschen ertheilt, von wenigern sorgsam genossen,
fliessen aus dem goldnen alter die stunden euch zu
Klopstock oden 1, 37 M.-P.;
die wenigsten hatten Italien und noch wenigere Rom gesehen, dessen wohl oder wehe ihre letzte sorge war M. I. Schmidt gesch. der Deutschen (1778) 1, 84;
in all den tagen, den vergangnen, künftigen —
im leben ist nichts gegenwart — du zählst
wie wenig: — weniger als wenig, wo die seele
nicht nach dem tod verlangt
Göthe I 3, 199 W.;
wenige haben dies ganz gefühlt, noch wenigere haben es bestimmt ausgesprochen Solger ästhetik (1829) 76; irgendwann überwältigt mich die gedruckte lüge, wenn sie von allen seiten auf mich eindringt, wenn ihr rings um mich her nur von wenigen, von immer wenigern und schlieszlich von keinem mehr zweifel entgegengebracht werden V. Klemperer l. t. i. (1949) 221; mit voranstehendem demonstrativum: die begierden in den vielen und schlechten beherrscht von den begierden und der vernunft in den wenigeren und edleren Schleiermacher Platon 3, 1 (1828) 238; in manchen fällen, nehmen wir immerhin die wenigeren an Vischer auch einer (⁵⁶1912) 446; die übrigen mönche aber, die wenigern, die geringer waren an ihrer zahl, die sahen und sagten, dasz der Buddha sich ohne hilfe aufgerichtet hätte, wie eine palme aus der wurzel über sich steigt Mauthner Buddha (1913) 109; die mehrsten sind die mit den schieligen augen und den harten herzen ... die wenigeren sind die mit den guten herzen, aber den lieben dummen augen Fendrich Himmelheber (1915) 244.
c)
vereinzelt mit genitivischer oder präpositionaler bestimmungsergänzung: den christenlicher glaub vnnd stand ... mag nit wol bestann, es sey den der romischenn gesetz weniger odder keine (1520) Luther adel 65 ndr.; in der sentimentalischen gattung ... möchten wenige aus den neuern und noch wenigere aus den ältern dichtern mit unserm Klopstock zu vergleichen seyn Schiller 10, 472 G.; die welt wird keineswegs dadurch untergehen, dasz der bösen menschen weniger wird Kant w. 5 (1838) 457 Hartenstein.
3)
den geringeren umfang, die mindere stärke eines geschehens oder seins (a), das seltenere eintreten eines vorgangs oder zustands (b) angebend.
a)
A 3 a entsprechend: wil ich myr der weyle nemen und weniger dazu eylen (1525) Luther 18, 123 W.; darumb sorg ich desz weniger, dasz man jn (Rabelais) dafuͤr anbett Fischart Garg. 7 ndr.; das geringste trennungs-mittel ... liesz sich mehr hoffen, weniger blicken Lohenstein Arminius (1689) 2, 1159ᵇ;
nie hab ich einen geist gespuͤrt,
der weniger nach hoheit strebte,
der minder an der wollust klebte,
den weniger der geiz geruͤhrt,
als den, der tugend und verstand
in meiner gattin brust verband
Gottsched ged. (1751) 1, 143;
selbst erfinden ist schön; doch glücklich von andern gefundnes
fröhlich erkannt und geschätzt, nennst das du weniger dein?
Göthe I 4, 124 W.;
wenn ich ihn dann so verwandelt sehe, geh' ich, mich weniger schämend, herzu maler Müller w. 1 (1825) 154; er wurde mit mir umgeworfen, fiel aber weniger auf den kopf (27. 8. 1832) Pückler briefw. (1873) 1, 108; ich verstand den mann immer weniger W. Raabe s. w. I 6, 63 Klemm; er konnte mitten in eine phrase über die ... schönheit der alten belgischen bauten eine zwischenrede mit der wendung einwerfen: 'meine gnädigste frau, dieses weniger!' (hier geradezu als negation, vgl. Brendicke Berlin 192) Gutzkow zauberer (1858) 3, 338 f.; oft vor einem attribut oder prädikativum u. dgl., als ausdruck einerder steigerung entgegengesetztenbegriffsminderung (vgl. hierzu: der leutnant belehrte mich eines besseren, hm, eines weniger guten, wenn das nicht unhöflich klingt Th. Mann ges. w. 2 [1955] 277): so ist er desto lieblicher vnd doch nicht weniger nutzlich zubrauchen Gäbelkover artzneybuch (1596) 1, 263; sie (die dukaten) waren uns nirgends zu nichts nutz, ja weniger werth als mein pulver-horn Grimmelshausen Simpl., cont. 88 Scholte; bestimmter und weniger weitschweifig Gerstenberg schlesw. lit. br. 232 lit. denkm.; bey weniger grossmuͤthigen seelen Bode Montaigne (1793) 1, 5; die alten texte verdrängt, weniger bedeutende untergeschoben u. s. w. (4. 1. 1819) Göthe IV 31, 46 W.; Imhof hat den famosen Juden sehr, die schöne gräfinn weniger glücklich gemahlt (22. 8. 1786) ebda IV 8, 6; im finale waren die umrisse weniger fest gezogen O. Jahn Mozart (1856) 4, 107; das heitere kind von ehedem habe wohl eine weniger stille frau versprochen Storm s. w. (1898) 1, 28; die andere hälfte (der ethischen grundfrage) ist weniger aktuell, weniger in die augen springend und nötigend Nic. Hartmann ethik (²1935) 7; weniger gut zu gebrauchen L. Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 169. die geläufige verbindung mehr oder weniger bezeichnet zunächst die gröszere oder geringere intensität eines geschehens oder seins, wird jedoch im neueren dt.zur formel erstarrtüberall da gebraucht, wo es gilt, einen ungefähren, unterschiedlichen, schwankenden wirkungs- und gültigkeitsgrad zu bezeichnen: also ... wacht keiner mehr oder weniger denn der ander Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) 152ᵃ; sprachen sind ein medium, durch welche (!) die gedanken sich in mehr oder weniger mannigfaltige farben brechen Gerstenberg rezensionen 245 lit. denkm.; man ist hierinn nach beschaffenheit der zeiten mehr oder weniger streng gewesen Klopstock gelehrtenrepubl. (1774) 14; alle menschen werden mit einer anlage zum gesang geboren. nur wird diese anlage mehr oder weniger ausgebildet Schubart tonkunst (1806) 3; 'ich erinnere mich einer solchen person, aber in ihnen (anrede) hätte ich sie nicht wieder erkannt' '... wir verändern uns doch mehr oder weniger ...' Göthe I 21, 105 W.; am längsten bleibt das bild der sonne, andre mehr oder weniger leuchtende körper lassen ihre spur länger oder kürzer zurück ebda II 1, 9; in diesen geographischen und mehr oder weniger nachbarlichen verhältnissen haben nun einige malayische völkerschaften indische cultur in ... reicher fülle in sich aufgenommen W. v. Humboldt ges. schr. 7, 7 akad.; in jedem dieser fälle ... ist der stoff bereits durch das eindringen einer idee mehr oder weniger vermenschlicht G. Freytag ges. w. 14 (1887) 13.
b)
an A 3 b anschlieszend: denn die da fasteten, sündigeten weniger Luther tischr. 4, 111 W.;
ein werkzeug ist es, alle tage nöthig,
den männern weniger, den frauen viel
Göthe I 3, 153 W.;
in Reuszhausen sprach man weniger, viel weniger als früher von oberstleutnant Salomon Bringolf E. Zahn die da kommen u. gehen (1918) 225.
4)
in mehr oder minder formelhaften verbindungen, z. t. bereits in den funktionsbereich der fügewörter übergreifend.
a)
je (so, umso, desto) weniger (vgl.je minder teil 6, 2227). einen (temporalen, konditionalen) gliedsatz einleitend: je weniger kesz gessen, je besser Petri d. Teutschen weiszh. (1605) 2, Kk 1ᵇ; je weniger man isset und trincket, je gesunder man ist meno (manco) che si mangia e bee, più che si sta sano Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᵇ; ich merke also an, dasz je weniger die menschliche natur mit einer thierart verwandt ...: desto weniger ist ihre natursprache uns verständlich Herder 5, 7 S.; je weniger man andere aus den augen setzt, je mehr sagt man von sich selbst Hippel lebensläufe 3, 2 (1781) 151. als einleitung eines nachsatzes: ia frommer die leutte gewesen seyn, ia weniger gesetze sie bedurfft haben Joh. Agricola sprichw. (1534) A 2ᵃ; geitz jemehr er het je weniger er wird satt Lehman floril. polit. (1662) 3, 132;
je länger ich hier walle,
je wenger find ich lust,
die meinem geist gefalle
Paul Gerhardt in: ev. kirchenl. 3, 425ᵃ Fischer-Tümpel;
je mehr du schwaͤrmst, mein sohn, je weniger trau ich dir Klinger neues theater (1790) 1, 183; je mehr dem schreibenden nur der augenblick vorschwebte, je weniger ihm eine folgezeit in den sinn kam Göthe I 46, 12 W.; je mehr kultur, desto weniger freiheit E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 32 Gr.; je mechanischer eine arbeit ist, um so weniger wird man sie nach bloszer beschreibung vollendet nachmachen können W. H. Riehl deutsche arbeit (1861) 48. formelhaft je (so) länger, je (so) weniger: es ist ein ding, das ich mein lebtag nie gern hab gesehen und je lenger je weniger sehen mag Frey gartenges. 83 Bolte (cap. 67); er sich so lenger so weniger zuͦ erkennen geben wolt Wickram w. 2, 71 Bolte; wer mit frembden augen siehet vnnd mit frembden haͤnden gibt vnd einnimbt, der siehet je laͤnger je weniger Lehman floril. polit. (1662) 1, 63.
b)
nicht(s) weniger. in verschiedener fügung und anwendung.
α)
nicht(s) weniger(s), nicht(s) des(to) weniger nihilo minus (s. Behaghel dt. syntax 3 [1928] 220 f.): ein iglicher nicht deste weiniger ... seufftzet zu Christo Luther 30, 2, 119 W.; vnlang starb ehr (der zu einer geldstrafe verurteilte) darnach an seinem schaden vnnd bezalt nicht wenigers sein sun, Cymon genant, die auffgelegt sum̄ Boner Herodot (1535) 95ᵇ;
darfuͤr ist mir verschrieben gar
farentz vnd liegendts, all sein gut.
nichts wengers er verkauffen thut
ein stuck nach dem andern hie
H. Sachs fastnachtsp. 50, 76 ndr.;
nicht des weniger, wie vngleich sich die erd erzeigt, so vermag doch ... eyns hauszvatters fleisz vnd arbeyt des bodens vngeschicklichkeyt durch seine geschicklichkeyt geschlacht vnd artig zumachen M. Sebiz feldbau (1579) 20;
doch nichts dest weniger glaub mir,
kom̄ ich allein bittweisz zu dir!
Spreng Äneis (1610) 228ᵃ;
ich will ... mich zu den künsten wenden, welche zwar etwas geringer zu seyn scheinen, nichts desto weniger aber ihre meister gantz ruhmreich machen Grimmelshausen Simpl. 122 Scholte; aber es ist nichts desto weniger doch wahr Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 170; die neuen herren ... führten nichts desto weniger krieg Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 19; da die Allobrogen ... nichts desto weniger sich weigerten ebda 165; vereinzelt auch nichts des zu weniger: dasz sie ihnen einbildeten, mit der tunkelheit ihre mistaht zu bedaͤcken, welche doch nichts des zu weniger vor goͤttern und menschen offenbar ist Zesen afrikan. Sofonisbe (1647) 105 (ähnlich 206).
β)
nicht(s) weniger(s) 'in nicht geringerem grade, ebenso': weil nun dein augen deins leibs latern sind vnd durch die augen der tod in die seel vnd das hertz gehet, seind sie nit weniger dann das hertz wol zubewaren schöne weise klugreden (1548) 166ᵃ; bin ... ausz anstifftung etlichs groben gesinds, darneben nit weniger durch anreitzung erbarer leut ... dasselbig (den Grobianus) in teutsch zu bringen beredt worden (1551) K. Scheidt Grobianus 7 ndr.; sind auch die ableitungsarten ... vorgezeiget, nichts weniger auch die doppelungsarten ... gewis und richtig zufassen Schottel haubtspr. (1663) 62; dem werck selbst wird ein nothwendiger bericht praemittirt, wie die bibel mit nutzen zu lesen, weniger nicht diese arbeit zu gebrauchen ist Casselische zeitg. (1731) 212; die haushaltung, wie nicht weniger die kochkunst zu studiren (12. 10. 1767) Göthe IV 1, 109 W.; frau Hinkel war nicht weniger erschreckt als Gackeleia und fürchtete sich nicht weniger als diese Brentano ges. schr. (1852) 5, 54 f.; er beschäftigte sich mit ihm nicht mehr und nicht weniger als mit den andern L. Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 126; auch satzverknüpfend: (die Römer) zogen also nit weit von Verzell ... mit grosser macht an sie (Cimbern); nit weniger begerten ir die Cimbri auch Zimmer. chron. ²1, 5 Barack; fielen von allen seyten sie vnversehens an, wenigers vnnd anders nicht, denn als die woͤlffe vff ein armes verirretes schefflein etwa zu tringen pflegen A. Scherdiger Benzoni, novae novi orbis historiae (1590) 8;
hast du dir, wasz Justinian,
wasz Bald und Barthol hat gelaͤhret,
nicht weniger bekan̄t gemacht,
als was Pythagoras erdacht
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 69;
eröffnete demselben also die gantze begebenheit des verunglückten passagiers, wie nicht weniger, dasz mir derselbe ... die schrifften anvertrauet hätte (1731) Schnabel Felsenburg, vorr. 8 Ullr.; so wird erfordert, dasz er in specie zu solchem ende das geld nicht allein hergeliehen, sondern auch in selbigen sachen sich expressè gleich anfaͤnglich eine hypothec hat geben lassen, weniger nicht, dasz sothanes geld in solche sach wuͤrcklich verwendet, oder selbige darmit angeschafft worden churfürstl.-Mayntz. landrecht u. ordnungen (1755) 44 (XXII § 3); ew. hochwohlgeboren erhalten endlich das ... früher verlangte werk ... nicht weniger erfolgen vier medaillen, wovon eine herrn Piquot zugedacht wäre (11. 2. 1827 an Friedr. v. Müller) Göthe IV 42, 51 W.
γ)
nichts weniger (als das) 'alles andere mehr (als das), keineswegs': paradoxon ... heiszt bey den Griechen ein red, die gleichwol gewisz vn̄ war ist, die aber die gantz welt vnnd was nach dem menschē lebt, nichts weniger dan̄ für war helt Seb. Franck paradoxa (1558) 2ᵃ; solche worte ... erwecken auch dem einen ekel, der nichts weniger als ein puriste ist Lessing 8, 31 L.-M.; die eindruͤke ... waren nichts weniger als von der reizenden art Wieland Agathon (1766) 1, 7; Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen antrag Göthe I 21, 258 W.; diese ansicht ist nichts weniger als willkührlich ersonnen Savigny v. beruf uns. zeit (1814) 3; ein solcher war nun zwar der pfarrer meines heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher mann G. Keller ges. w. (1889) 1, 15; die empörende ... behandlung von Korinth, welche durch die auf den gassen von Korinth gegen die römischen abgeordneten ausgestoszenen schmähreden ... nichts weniger als gerechtfertigt ward Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 50. zuweilen findet sich die formelhafte wendung nichts weniger als dies(es): man sollte freilich denken, ein so schreckliches ... gericht müszte ... besserung bewirkt haben — aber nichts weniger als dieses Jung-Stilling s. schr. 3 (1835) 195; nichts weniger als das Stöckhardt chem. feldpred. (⁴1857) 1, 9; undals elliptischer ausdruck der verneinung — nichts weniger(s): etwa ist er dieser zeit als ein lieber gast bei seinen freunden verharrt? nichts wenigers, denn die freund einem schmälere guttaten erweisen, als fremde Abraham a s. Clara w. 2, 130 Strigl;
(Daja:) ... (er) gosz so bittern spott auf mich besonders ...
(Nathan:) bis dadurch abgeschreckt ...
(Daja:) nichts weniger!
ich trat ihn jeden tag von neuem an
Lessing 3, 8 L.-M.;
satzverknüpfend: dieser spruch S. Pauli, Rom. 9: 'es liegt nicht an jmands ... laufen' etc. thut nichts wenigers, denn (besagt keineswegs) dasz Paulus sollt von der versehung handeln, sondern redet nur wider die Juden und gerechtigkeit des gesetzes Luther tischr. 1, 227 W.; da werfen sie ihm einen buben nieder, da er sich nichts weniger versieht Göthe I 8, 6 W.; und er selbst ahnte nichts weniger, als dasz der alte herr innerlich überzeugt war von der schuld seines ältern ... sohnes O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 292.
c)
als verknüpfende partikeln der verneinung finden sich
α)
(noch) viel weniger 'in noch geringerem grade, erst recht nicht, schon gar nicht' (vgl. vielweniger multo minus teil 12, 2, 250): dann es ja nit billich ist, das in burgerlichen sachen einer zuemal clager vnnd richter sein soll, viel weniger in malefizischen sachen Endinger Judenspiel 100 ndr.; eins menschen testament, wenn es bestätiget ist, darf man nicht ändern, viel weniger gottes Luther tischr. 4, 4 W.; thuͦ nichts geheissen, vil weniger vngeheissen (1551) K. Scheidt Grobianus 47 ndr.; ich vermerckte auch gleich, dasz bemelter Teutsche kein solcher thor seyn müste, viel weniger ein vbelthäter Grimmelshausen Simpl., cont. 106 Scholte; dasz es ihm auch kein cavallier im land gleich, noch weniger vorzuthun vermag ebda 32; wo weder grasz, kraut noch bäume, vielweniger menschen zu sehen waren (1731) Schnabel Felsenburg 72 Ullr.; (Philine) sollte ... sich jener edlen natur nicht nahen, noch weniger sie berühren Göthe I 22, 45 W.; man kann's nicht allen leuten recht machen, aber allen zeiten noch viel weniger W. H. Riehl musik. charakterk. (1899) 2, 125; und sie selber hat sich in ihrer einfalt nie gedanken darüber gemacht und noch weniger vorwürfe Fontane ges. w. (1905) I 5, 147; im älteren nhd. tritt weniger in dieser funktion auch allein auf: (ich habe) angesehen, dasz kein kunst on gewisse regel, masz vnd ordnung, weniger dann ein statt on rinckmauren lang bestehen ... mag (1551) K. Scheidt Grobianus 9 ndr.; was heut nicht geschehen, morgn wenger geschicht Eyering proverb. 3 (1604) 10; massen sich ein zeitlang niemand erkühnen dorffte sich zu ihm zu nahen, weniger ein einziges wörtlein mit ihm zusprechen Grimmelshausen Simpl., cont. 10 Scholte; wir sind alle knechte des uͤberall herrschenden gottes, und also nicht herren nur eines einigen gliedes, weniger unsers lebens Lohenstein Arminius (1689) 1, 77ᵃ; es muͤssen sich aber die officierer nicht unterstehen es (das holz) zu ihren eigenen gebrauch, weniger der unterofficiers und gemeinen weiber zum waschen, kochen oder sonst wegzunehmen und zu verwenden H. v. Fleming teutscher soldat (1726) 383; soll keinem dieser beyder gesellschaffter frey stehen, ... neben ihrer gemeinhandlung einiges particular-gewerbe ... ohne des andern vorbewust und einwilligung, zu treiben und anzufangen, weniger in eine andere gesellschafft sich einzulassen Menantes neue br. (1749) 624; satzverknüpfend: denn so Paulus ... ynn der kirchen ... nicht leyden will, das ein iglicher sich des andern ampt unter winde ... wie viel weniger ist zu leyden die unordnung, das ein Christ sein ampt lasse und neme eins andern weltlich ampt an sich Luther 30, 2, 112 W.; aber ihren eigenen gebrechen erkennen sie nicht, viel weniger, dasz sie den balken in ihren augen gewahr würden Schweinichen denkw. 12 Ö.; vil weniger acht er den cynischen hundsschlamp, das ist, ein malzeit ohn wein Fischart Garg. 61 ndr.;
er (Thersites) schmaͤhet beede fuͤrsten hart,
vil weniger auch dises spart
dem koͤnig Agamemnon hoch
Spreng Ilias (1610) 17ᵃ;
ich hätte sie (anrede) nicht schlagen sollen ... vil weniger hätt' ich ihnen ursache geben sollen, mich zu schimpfen Lenz ges. schr. (1828) 1, 62; keine frau befand sich wohl neben ihr, und noch weniger konnte sie das verdienst irgend eines weibes dulden Göthe I 23, 46 W.
β)
weniger ... als ... 'nicht so sehr ... als': in dem weniger eisernen als quecksilbernen gedächtnisse des publikums E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 4 Gr.; die jetzige sprache des mittleren Deutschlands ... scheint geschichtlich weniger das ursprüngliche uebergangsmittel aus dem niederdeutschen in die oberdeutschen dialekte als eine spätere gemeinsame rückwirkung der letztern zu seyn Schmeller maa. Bayerns (1821) 6; die parteien scheiden sich weniger durch programme und prinzipien als durch die personen Bismarck ged. u. er. 2, 38 volksausg.; die katastrophe führten weit weniger die waffen der Numantiner herbei, als die schlaffe ... kriegszucht der römischen feldherren und die ... zuchtlosigkeit ... der römischen soldaten Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 14; er ... wollte weniger unser wissen, ... als unsere beobachtungsgabe ermitteln H. Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 27 f.; infinitive oder gliedsätze verknüpfend: es sei des königs absicht weniger, die provinzen nach einförmigen und klaren gesetzen zu regieren ... als vielmehr, sie unbedingt zu unterjochen Göthe I 8, 265 W.; seine (Heinses) ... 'sinngedichte' ... empfahlen ihn Gleim, der ... auch den schädlichen leichtsinn hatte, ihn in allen tollheiten zu bestärken, weniger, als er in Halberstadt mit ihm lebte, als später Gervinus dt. dichtg. (1853) 5, 4; der fremde war schon den hügel hinaufgestiegen, weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein zweckloses schlendern fortzusetzen Gutzkow ritter (1850) 1, 25.
γ)
um so weniger (als, wenn, weil) 'besonders deshalb nicht, (weil)', 'schon gar nicht' u. dgl.: woferne sie vollends ihre aussage mit einem eyde bestaͤrcken, so hat man an deren richtigkeit um so viel weniger zu zweiffeln, weil niemand fuͤr die lange weile einen eyd thun wird, der so viel zu sagen hat Chr. Wolff vern. ged. v. d. gesellschafftl. leben (1725) 318; nun weisz ich ... wohl, mein liebes publicum, dasz du viel zu karg ... bist, mich für meinen Homer ... zu bereichern ... aber um so weniger steht's mir an, für zwei gulden buchhändlerlohn deinen ... Thersiten zur musterung zu stehen Bürger s. w. 158ᵇ Bohtz; (Egmont:) und wenn er drauf besteht? (Oranien:) kommen wir um so weniger Göthe I 8, 227 W.; es ist daher seine (des regisseurs) gegenwart durchaus nöthig, welches ihm um so weniger schwer fallen kann, da der gegenwärtige selbst sänger und also auf doppelte weise beschäftigt und interessirt ist (11. 3. 1817) ebda IV 28, 17; diese frage könnt ihr um so weniger unentschieden lassen, als ... D. Fr. Strausz ges. schr. 3 (1877) xxviii.
d)
bei zahl- oder maszangaben.
α)
weniger als 'nicht ganz, etwa' (vgl.mehr als teil 6, 1877): entlich gehet weniger vmb, dann das halbe theil, nämlich nur ein schnitz (segmentum) (1616) Kepler opera 5, 526 Frisch; besonders in präpositionaler fügung mit in, als formelhafter zusatz bei zahlangaben: in weniger als dreyen etc. tagen in meno di trè etc. giorni Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ;
in weniger als in zwo stunden
König ged. (1745) 43;
so hatte sie mich in weniger als zwölf stunden zum zweiten male durchnäszt, erst mit ihren thränen und nun mit dem weihwasser G. Keller ges. w. 2 (1889) 212.
β)
nicht weniger als, eine formel der hervorhebung: zu was zeiten aber hernach die von Bodmen den herrenstand verlassen und sich under den gemainen adel gemischt ... das mag man aigentlichen nit anzaigen, ich acht aber, es sey weniger nit dann bei vierthalbhundert jaren ungefärlich Zimmer. chron. ²1, 61 Barack; Cotta hat mir nicht weniger als sieben exemplare weniger eingepackt (8. 12. 1795) Schiller in: briefw. zw. Schiller u. Göthe (1828) 1, 265; dienstfertige leute hatten ihm ein verzeichnisz von nicht weniger als 22 puncten überreicht, welche der churfürst gegen ihn vorbringe Ranke s. w. (1867) 1, 101.
γ)
wie minder (7) teil 6, 2226 (vgl. auch mehr [12] ebda 1876): under zeiten ein halb schock holtzes weniger oder mehr (1475) denkw. d. hall. rathsmeisters Spittendorff 141 Opel; (sie) schweren ... dasz sie jhre waaren so vnd so thewr erkaufft haben, vnd dasz sie es vmb keinen heller weniger (darunter, unter der genannten summe) geben koͤnnen Albertinus hirnschleiffer (1618) 55; um die helffte weniger la metà meno Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; ein aug, ein ohr etc. weniger haben haver' un' occhio, un' orecchio di manco (meno) ebda; so waͤre jetzo ein nachtwaͤchter weniger in der stadt Cronegk schr. 1 (1761) 27; der graf Bünau, der ... nur ein bedeutendes buch weniger hätte kaufen dürfen Göthe I 46, 31 W.
e)
'in mathematischer schulsprache als übersetzung von lat. minus und als deutung des zeichenszur präposition mit der bedeutungvermindert umgeworden' (Götze anf. e. math. fachspr. in Keplers dt. [1919] 211): 74 weniger ein 6 theil (1616) Kepler opera 5, 506 Frisch; das fasz haͤlt drey eymer, weniger 3 viertel la botte cape trè mastelli manco trè quarti Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; 4 und 2 ist 6, 9 weniger 3 ist auch 6 Chr. Wolff math. lex. (1716) 14; 43⁄4 bogen, weniger eine halbe seite titel a. d. j. 1526 in: Luther s. w. 40 (Erlangen 1846) 241; in ironischer wendung: ich geb' euch ein dutzend, weniger zwölf Platen ges. w. (1839) 206ᵃ.
C.
als höchststufe (gegensatz: meist). seit dem frühen nhd. im anwendungsbereich der alten suppletivform mindest (s. teil 6, 2231ff.) üblich und diese allmählich zurückdrängend (s. o. unter B); bereits im voc. theut. (Nürnberg 1482) a 8ᵃ ist wenigst vor mindest genannt: allerweningst, allermynst minime, minimum.
1)
mit bezug auf den mindestumfang, das mindestmasz einer grösze (vgl. o. Kirchhof unter I 2).
a)
beiwörtlich: (der baurschaft,) deren e. g. und m. h. angehörigen der wenigst hauf ist gewesen, die sich freylich on weytern anhang allein nit empört wurden haben (1525) d. dt. bauernkrieg, aktenband 212 Franz; gleich wie die kuͤhe, so am meisten bruͤllen, die wenigste milch geben P. Fr. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1700) 508; eben wie ein groszer dichter, weisz die natur auch mit den wenigsten mitteln die gröszten effekte hervorzubringen Heine s. w. 3, 25 E.; vor allem in der wendung der wenigste theil la minima parte (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᶜ), paucissimi (Stieler stammb. [1691] 2286): der wenigste theil nimpts mit dank an und bessert sich Luther s. w. 6 (²Frankf. a. M. u. Erlangen 1865) 3; dasz ... durch solches staͤte auffsieden vnd ebullition der wenigste theyl der daͤmpffe inn das recipientglasz kommet M. Sebiz feldbau (1580) 438; ein jeder will ein besserer Christ sein als der andere. doch ist dem wenigsten theil die ehre gottes mehr als die eigene sache angelegen Moscherosch insomnis cura par. 116 ndr.; von dem wenigsten theile der zuschauer bemerkt Rabener s. schr. (1777) 2, 216; sowie vor zustands-, vorgangsbezeichnung und anderen abstrakten: nit die wenigiste vermuotung Zimmer. chron. ²1, 26 Barack; nicht die wenigest vrsach vnd schuld seye ... Stumpf Schweizer chron. (1606) 56ᵇ; wann ich nur das wenigste gereusch in meiner cammer hoͤret, ... theatrum amoris (1626) 93;
... der wenigste verzug
P. Fleming dt. ged. 1, 28 lit. ver.;
alles dieses redete sie ... ohne den wenigsten seuffzer Lohenstein Arminius 2 (1690) 1135ᵇ; das ist meine wenigste sorge quest' è la minima mia cura ò la minima delle mie cure Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; die wenigste anlage dazu Lessing 10, 127 L.-M.; den wenigsten antheil daran Wieland Agathon 2 (1767) 213; der münzkunde, der er den wenigsten fleisz widmete Göthe I 46, 100 W.
b)
in absolutem gebrauch: ists unmüglich, dasz wir dem gesetz im wenigsten könnten gnug thun Luther s. w. 3 (²Frankf. a. M. u. Erlangen 1864) 52; dan inen ihre herrn das wenigst nit geben (1622) J. Ulsheimer raysz buoch 114 Crecelius, in: Alemannia 6; das gluͤcke wolte der tugend noch das wenigste nachgeben Lohenstein Arminius 2 (1690) 497ᵃ; so musz das kleine gedicht (d. epigramm) ... das meiste im wenigsten ... geben Herder 15, 374 S.; allein gedenken wollt' ich noch, noch einmal der armen, die gern vergnügt wären mit dem wenigsten, die aber nichts haben, nichts als ihren frost und hunger Claus Harms verm. aufs. u. kl. schr. (1853) 31. vor allem in der wendung das ist das wenigste questo è il minimo (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᶜ) u. ä., ein gebrauch, der bereits zu III 3 überleitet: das ausreden ist nicht das wenigste an der rede Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) h 1ᵇ; das ziel zu erreichen, war das wenigste Lessing 8, 13 L.-M.; die liebe ist das wenigste, die ehre, mein herr, die ehre musz ehen binden Hippel über d. ehe (1774) 13; dasz sein heer ... wenig stärker war als eine gewöhnliche consulararmee, war das wenigste Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 293; jeld is't wenijste auf das geld kommt's nicht an Brendicke Berlin 192.
c)
mit präpositionaler bestimmungsergänzung, das wenigste davon (wovon):
von meinen sachen die ich hab
beyn schiffen solt du mir nichts zucken,
das wenigst nit daruon verrucken
Spreng Ilias (1610) 7ᵃ;
er hat das wenigste darvon genossen egli ne godè, se n'hebbe la minima parte Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; wovon ich doch das wenigste auf meine rechnung sezen kann Schubart leben 1 (1791) vii; rollen voll herrlicher geheimniszreicher sprüche, davon wir freilich das wenigste verstehn Göthe I 23, 210 W.
2)
auf eine minimale anzahl bezogen (paucissimi).
a)
beiwörtlich: worumb wurd gemuet alles volck vmb sunst wider die wenigiszten veind (contra hostes paucissimos) erste dt. bibel 4, 270 (fassung Zainers 1475) Kurr.; so man doch inn Christi namen die wenigsten kirchen find geweihet Fischart binenkorb (1588) 177ᵇ; und wan ... das wahr were, das die wenigsten buchstaben den ursprung machen solten (dasz die wörter mit der kleinsten buchstabenzahl am ursprünglichsten wären) Gueintz rechtschr. (1666) 20; (es ist) nicht zu verwundern, ... dasz ihre (der philosophen) so heilsamen lehren bey den wenigsten leuten ... eingang gefunden haben Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 5; man musz ... diejenige art der fingerordnung erwaͤhlen, welche wegen bewegung der haͤnde die wenigsten finger erfordert Quantz anw. d. flöte zu sp. (1789) 37; item, dasz dieses vertreiben der bankzettel sich fürs erste am bequemsten in den herzogthümern thun lasse, als woselbst noch in proportion die wenigsten zettel und das meiste silber zu finden M. Claudius w. 2, 392 Redlich; die wenigsten menschen, in den wenigsten kämpfen, zeigen die absicht oder auch verstehen es nur, gröszer zu sein als ihre feinde Prutz kl. schr. 2 (²1850) 60.
b)
absolut: die wenigste seynd darvonkommen la minima parte di essi nè scampò Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; weil sich die wenigsten die muͤhe nehmen, die sache naͤher zu untersuchen Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 51; den hexameter ... können die wenigsten im deutschen leiden Bürger s. w. 178ᵇ Bohtz; diese frage scheinen die wenigsten sich zu stellen Joh. Haller d. epochen d. dt. gesch. (1926) 11; ich zitierte da eine so merkwürdige und wahrscheinlich von den wenigsten beachtete Rousseau-stelle V. Klemperer l. t. i. (1949) 63.
3)
auf den mindestumfang, das mindestmasz, die geringste stärke eines eintretenden vorgangs, zustands oder umstands u. dgl. bezogen.
a)
wie adv. mindest (s. teil 6, 2234 sowie voc. theut. [Nürnberg 1482], oben sp. 30): zu disem legat sollen auch die befreüten personen vnnter dem fürwannt ainicher freyhait wenigist nit (nicht im geringsten, gar nicht) zuegelassen werden, sonnder thue dieselben hiemit dauon ausschliessen (um 1600) J. A. v. Brandis landeshauptl. v. Tirol (1850) 33; ich weisz gar wol, dasz es eine lautere vexation ist, oder wenigst (zumindest, mindestens) aus desz herrn discretion rühret, also mit mir zu reden (1643) Christoph Schorer sprachverderber 35 Riegel, in: wiss. beih. z. zs. d. allg. dt. sprachver. 1; werden sie (die fürsten) sich nicht mit gewalt widersetzen oder wenigst vor göttern und menschen darwider protestiren? Grimmelshausen Simpl. 213 Scholte; wann ich mich befleisse, durch meine eigene qualitäten meinen groszvatter zu übertreffen oder ihm doch wenigst gleich geschätzt zuwerden ebda, cont. 17; so, besonders bei obd. autoren, noch im 18. jh. bezeugt (vgl. kompos. wie wenigstfähig, -möglich): (der poet musz) seine freyheit zu erdichten wenigst nach dem wahne des groͤsten haufens der menschen einschraͤncken Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 137; ich danke der fr. Hagenauerin für die abschrift der stritzsalben, wenigst ist es, wenn nicht irre, ihre handschrift (4. 8. 1770) Leopold Mozart in: W. A. Mozart br. 3, 62 Schiedermair; zweige dieser pastoral- und volkstheologie sind wenigst so viele, als geschäfte der seelsorger J. M. Sailer vorlesungen a. d. pastoraltheologie (1788) 1, 5; das wenigst (am geringsten) englische gesicht ist das des Morus Lavater physiogn. fragm. (1775) 4, 296; der untre kreis bestehe aus den wenigst brechbaren strahlen Göthe II 2, 64 W.; später nur noch vereinzelt: der grundsatz der epocheneinteilung scheint das wenigst neue und originelle an unserer gliederung der literaturgeschichte H. Schneider gesch. d. dt. dichtg. 1 (1949) 12.
b)
im neueren dt. werden ausschlieszlich präpositionale wendungen verschiedener funktion üblich.
α)
am wenigsten 'am mindesten, so gut wie gar nicht': das jenig bier ist am besten, darinn am wenigsten wasser ist Fischart praktik 23 ndr.; die freundlichste freund sind wie die suͤsseste wein, halten sich am wenigsten Lehman floril. polit. (1662) 1, 231; die es am meinsten (!) verdienen, bekommen es am wenigsten quei che lo meritano al di più, lo ricevono manco Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ;
nun wessen treu und glauben zieht man denn
am wenigsten in zweifel? doch der seinen?
Lessing 3, 93 L.-M.;
am wenigsten paszt sich die stallfutterung auf sehr sandigem boden Thaer landwirtschaft (1809) 1, 375; dieses einfache und von dem verderbnisz seiner nachbarn vielleicht noch am wenigsten angesteckte voͤlklein Solger nachgel. schr. (1826) 1, 38; von allen theilen des kopfes aber waͤchst das gehirn des affen am wenigsten Peschel völkerk. (1874) 4; dasz dies alles (wiederbewaffnung Karthagos) geschehen konnte, ohne dasz die wenige meilen entfernten consuln etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten wunderbare zug in dieser wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja dämonischen volkshasz getragenen bewegung Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 28; wie am mindesten (s. teil 6, 2234) geradezu eine ausdrucksform völliger verneinung: das ich furwar hoff, der iungst tag sey fur der thur, ob man es wol am wenigsten gedenckt (1520) Luther adel 78 ndr.; einsmals, da man sich dessen am wenigisten versahe, ... Zimmer. chron. ²1, 30 Barack;
wirds aber sich befinden,
dasz du jhm treu verbleibst,
so wird er dich entbinden,
da dus am wengsten gläubst
Paul Gerhardt in: ev. kirchenl. 3, 373 Fischer-Tümpel;
am wenigsten aber sind sie (übersetzer) vermögend, ihrem originale nachzudenken Lessing 8, 9 L.-M.; geschäftig im müsziggang schienen sie (die schauspieler) an ihren beruf und zweck am wenigsten zu denken Göthe I 21, 89 W.; sie überfielen den römischen kaiser in seiner eignen landschaft, da wo er am wenigsten auf einen angriff gefaszt war Ranke s. w. (1867) 1, 120; der schiffer war der am wenigsten besorgte (unbesorgteste) E. Zahn die da kommen u. gehen (1918) 210; das am wenigsten geeignete (ungeeignetste) beruhigungsmittel L. Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 141. oft erscheint (und) am wenigsten als bindeglied zweier wortgruppen, 'und schon gar nicht' (vgl. o. B 4 c α): fand sich in der ganzen welt, und am wenigsten in den abendländern, nirgends eine wahre gemeinde Christi Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 240;
nicht ruhen soll der erdenklosz,
am wenigsten der mann!
Göthe I 4, 41 W.;
lasz es aber niemanden, am wenigsten sie selbst mercken (29. 10. 1815) Göthe IV 26, 125 W.; das sind traurige betrachtungen, die ich nie und am wenigsten ietzt machen sollte (7. 11. 1767) ebda IV 1, 132; ein gewisser kürassieroffizier aus der reserve, der im übrigen mit nichts in reserve gehalten hat, am wenigsten mit revolutionären masznahmen Fontane ges. w. (1905) I 5, 160; auch in Syrien war es in der zwischenzeit nicht viel anders, am wenigsten besser geworden Mommsen röm. gesch. 2 (²1865) 268. nicht am wenigsten 'in nicht geringem masze': (die universität,) die auch magister Philipsen itzt nit am wenigsten der studenten halben in groszem aufnehmen stehet (1537) Brück (?) fürhaltung, bei Luther br. 8, 83 W.; da ... seine scherze, groͤsztentheils, noch fein und gefaͤllig, und (was nicht am wenigsten zu bewundern ist) sogar seine von neuern schriftstellern so oft copierte und nachgeahmte erfindungen ... noch immer ein so uͤberraschendes air von originalitaͤt ... haben Wieland Lucian (1788) 1, xxiii.
β)
zum wenigsten 'zumindest' (vgl. die entsprechende verwendung von wenigst unter 3 a sowie wenigstens): 10 schock körbe, die kosten zum aller wenigsten 12 alde schock (1475) denkw. d. hall. rathsmeisters Spittendorff 141 Opel; solt ich dann jr nit moͤgen emperen wenns not wer. zum wenigsten drey tag? Boltz Terenz (1539) 35ᵇ; solch vnser hoffgericht soll auch zum aller wenigsten mit ailff gelerten ... personen besetzt werden houegerichtsordn. Friedrichen pfalzgr. bey Rhein (1573) 2; welche (die deutsche sprache) dennoch zum wenigsten der griechischen und lateinischen in ihrem alterthum vorzuziehen Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 22;
ach! wie sie arm in arm sich auf den wogen wälzen!
noch glücklich durch den trost, zum wenigsten zugleich
eins an des andern brust zu sinken ins verderben
Wieland s. w. 22 (1796) 5;
niemand weisz es bis jetzt, durch mich zum wenigsten niemand
Mörike ges. schr. 1 (1905) 258 Göschen;
du hast doch zum wenigsten noch deine mädel Gerh. Hauptmann weber (1892) 29; beschädigt aber wurde auch der reichssaal sehr stark, zum wenigsten das holzwerk völlig vernichtet Hans Hoffmann Harzwanderungen (1902) 16. vereinzelt nicht zum wenigsten 'nicht zuletzt' u. ä. (vgl. nicht am wenigsten unter α): um dann um so ausführlicher auf das nächstliegende einzugehen ..., auf das blitzmädel 'die schwarze Marie' und nicht zum wenigsten auf rechnungsrat Espe und seine schöne frau Fontane ges. w. (1905) I 6, 24; alle blumenhandlungen machten geschäfte groszen stiles, nicht zum wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen hause Th. Mann Buddenbrooks (1955) 710; das scheint auf starke erosion hinzuweisen, die nicht zum wenigsten durch den frost und die in dieser gegend groszen temperaturunterschiede hervorgerufen wird Fridtjof Nansen, Sibirien (1914) 246.
γ)
aufs wenigste, wie üblicheres zum wenigsten (s. o. β und vgl.aufs mindeste teil 6, 2234): item 8 schock holtzes uffs wenigste vor 32 alde g. muss man haben zu einem wercke (1475) denkw. d. hall. rathsm. Spittendorff 141 Opel; der selbig pfaff macht es mit seinen pfarleuten also, das vff dz wenigst, zuͦ dem iar einist müst in ieder buer zuͦ gast haben Eulenspiegel 105 ndr.; so ... (soll) auff das wenigist jr hab vnnd guͦt eingezogen (werden) abschied d. reichstags zu Augsburg (1555) 13ᵃ;
wird eim der birnbaum gleich nicht gar,
kriegt er auffs wenigst der birn ein par
Eyering proverb. (1601) 3, 571;
es sind bey den heyden auffs wenigst gewesen dreissigmahl 6tausend goͤtter Nigrinus von zäuberern (1606) 11; so löse ich aufs wenigst aus dem garn 12 reichsthaler Grimmelshausen 2, 336 Keller; aufs wenigst muͤssen die jungen baͤume, wie oͤffters schon gedacht worden, mit pfaͤlern und stangen versehen und versichert daran gebunden stehen Hohberg georg. cur. aucta (1682) 1, 424; zum wenigsten, aufs wenigste al meno, al manco Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; diese uebersezung ('priester') des hellenischen ἐξηγητὴς ist aufs wenigste unvollständig Schleiermacher Platon (1804) 2, 399.
δ)
vereinzelt auch im wenigsten, für geläufigeres am wenigsten (s. o. α): der weltweise Penetus bekümmerte sich im wenigsten frembder dingen, als derwegen er gefragt ward, warumb er die laster, die er vor augen sahe, nit beredete oder sie straffte (1616) Albertinus Lucifer 74 L.; dann er sagte, dasz ich in dergleichen sachen so glückseelig seye, dasz er im wenigsten zweiffele, dasz dieser posz nicht auch angehen werde Grimmelshausen Simpl. 234 Scholte. als verstärkung einer verneinung (vgl. im mindesten teil 6, 2233): das freilich der fromme gott an der suͤnden nicht allein kein gefallen hab, sondern das er auch im wenigsten keinen zuschub oder foͤrdernis darzu thu S. Artomedes 56 pred. (1604) 334; als die Garamanten diese botschafft (dasz der feind heranrücke) vernahmen, haben sie sich im wenigsten nicht darob entsetzt, viel weniger die flucht genommen, noch zu der wehr gegriffen Albertinus fürstl. lustgarten (1624) 1, 120.
III.
rang oder werthöhe angebendes prädikat.
1)
in anschlusz an lat. parvus erlangt wenig die bedeutung 'gering (an wert oder rang)'; vor allem in der kanzleisprachlichen demutsformel: meine wenige person la poca mia persona (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᵇ): ferner hat e(wer) g(naden) sich gegen meine vorfahren vnd auch gegen meine wenige person so viel erzeiget ... Heinr. Eckstorm Mauritius (1593) A 6ᵃ; hab ich also in ansehung von anderen offt beschehener auffmunderung meiner wenigen person ... mich letzlich dahin vermoͤgen lassen Odontius κομητακριβογραφία (1619) A 2ᵇ; hochwohlgebohrne fraw gräffin ... das dieselbe nicht nur zu mehrenmahlen nach meiner wenigen person bei itzigem zustande hiesiges orthes fragen lassen, sondern auch nachmahls mit dero gnädigem zuschreiben mich ansehen wollen, darfür sage ich in aller demuth schuldigsten danck (25. 7. 1666) P. Gerhardt bei Petrich Paul Gerhardt (1914) 152; ich vor meine wenige person habe diesem meinem weyland gnaͤdigsten herrn zu unverwelklichem nachruhm ... eine ... pyramide ... aufgerichtet Neumark palmbaum (1668) 375; denn eu. excell. bemuͤhungen fuͤr meine wenige person sind so grosz, dasz ich oͤfters nicht weisz, ob ich unverschaͤmter bin, dasz ich so viel wolthaten von ihnen empfange, oder sie guͤtiger, dasz sie dieselben an einem unwuͤrdigen so reichlich verschwenden B. Neukirch anweisg. z. teutschen briefen (1709) 378; ich will sehen, ob ich meiner wenigen person allein durchhelfen kann Joh. El. Schlegel w. (1761) 2, 421; auch sonst in zahlreichen wendungen des älteren nhd. geläufig, gleichbedeutend mit gering, unzureichend, unmaszgeblich u. dgl.: auch, hochgeehrte herren, denenselben muss ich hierbei noch dieses mein weniges bedenken eröffnen (26. 11. 1646) urk. u. actenst. z. gesch. d. kurf. Friedr. Wilh. v. Brandenburg 4, 229 Erdmannsdörffer; im uͤbrigen achte ich unnoͤthig, derer gelehrtesten und beruͤhmtesten poͤeten vrtheile uͤber meine wenige poͤesie, so woll jhre bekantschafft und brieffwechselung, deren sie mich unwuͤrdigen bishero geniessen lassen, allhier zu gedencken J. Sieber poetisierende jugend (1658) vorr. c 4ᵇ; meine wenige feder sol mit des Hippoliti à Lapide ... tinte nicht schreiben Butschky Pathmos (1677) 554; meine wenige meynung (1697) Leibniz dt. schr. 1, 462 G.; bin ... durch meine andere wenige geschaͤffte daran verhindert worden Menantes neue br. (1749) 93; nach meinem wenigen ermessen muͤssen wir nun alles zuruͤck weisen, was aus dem lager koͤmmt Kretschman s. w. 3, 2 (1786) 112; nun habe ich, durchlauchtigster herzog, meine mitbrüder so geschildert, als mir der umgang mit ihnen und die wenige beurtheilungskraft verstattet haben (1774) Schiller 1, 24 G. (bericht an den herzog); ich (Benvenuto Cellini) verdiente so viel in meiner wenigen kunst als ich nur brauchte Göthe I 43, 154 W.; in fügungen wie an meinem wenigen ort (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᵇ) u. dgl. hat wenig geradezu die bedeutung 'niedrig': maszen dan ich selbst an meinem wenigen orte solche stolze pfauen ... nicht achten waͤrde Bellin rechtschreib. (1657) b 2ᵃ; ich an meinem wenigen ort bin der meinung Aug. Buchner anleitg. z. dt. poeterei (1665) 159; denke meines wenigen orts auf gewisse temperamente Leibniz dt. schr. 2, 80 G.; wir, unsers wenigen orts, sind geneigt dazu Liscow satyr. u. ernsth. schr. (1739) 521; wenn der wenige adel sich mit den vornehmern bürgern zu pickeniks versteht Westphal portraits (1779) 1, 258. früh auch prädikativ, besonders in wendungen wie ich bin zu wenig darzu io non basto, non sono sufficiente a questo (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᵇ): befinde mich aber vor mein person zu wenig darzu Leonhard Sehofer bei Petrus Apianus ein newe vnd wolgegrundte vnderweysung aller kauffmans rechnung (1543) A 2ᵇ; dazu bin ich wegen meiner schwachheit und meines wenigen studirens, wegen meiner bloͤden zunge fast zu wenig Jac. Böhme s. w. 2, 205 Schiebler;
warum willt du, himmel-könig,
kommen her zu deinem knecht?
hierzu bin ich viel zu wenig,
viel zu elend, viel zu schlecht
(17. jh., 2. h.) J. Geuder in: ev. kirchenl. 5, 127 Fischer-Tümpel;
die ursach ihres thuns bin ich zwar zu ergruͤnden
zu wenig ...
Gottsched dt. schaubühne 1 (1742) 7;
der ich an thaten wenig,
doch grosz an treue bin
E. M. Arndt w. 3 (1894) 158 R.-M.
prädikativisch allerdings über den bereich der höflichkeitsfloskeln hinaus verbreitet und bis in die gegenwart lebendig (vgl. auch Brendicke Berlin 192): dan Christum tzu erkennen, seind alle bucher tzu wenigk, alle lerer zu geringe, alle vornunfft zu stumpff Luther 2, 111 W.; sie (die papisten) seind mir (Luther) vil zuͦ gering vnd zu wenig, das ich jnen antworten solt Vogelgesang-Cochläus Joh. Huss 9 ndr.; als wirst du zu wenig seyn, meinen vorsatz zu hindern Ziegler asiat. Banise (1689) 157;
natur und voͤlker recht und eyde sind zu wenig,
der aufruhr wird gekroͤnt in einem afterkoͤnig
König ged. (1745) 15;
wir ... dünkten uns durchaus nicht wenig Göthe I 21, 40 W.; ordinäre leut', wie wir, sind ihm zu wenig Nestroy ges. w. (1890) 2, 311; ihr wäret froh, wenn ihr auch prügel von ihm (papa) bekommen könntet; aber dafür seid ihr viel zu wenig H. Mann untertan (1949) 6. schon Adelung 5 (1776) spricht im hinblick auf anwendungen wie meine wenige person, ich bin zu wenig dazu von 'einer veralteten und nur noch im gemeinen leben und der vertraulichen sprechart üblichen bedeutung'. neuerer mundart ist wenig vereinzelt auch als abschätziges attribut geläufig: ér hat an ̃ weang·n knecht einen schlechten, faulen knecht Lexer kärnt. 255.
2)
wie minder (teil 6, 2224 f.) findet sich weniger früh beim wertenden, rangabstufenden vergleich: anschlaͤge werden offtmals in Holland auff etliche tonnen goldes gerechnet, auszschlaͤge gelten etwas weniger, offt drey heller, offte gar nichts Treuer Dädalus (1675) 1, 145; so schwer das auch scheint, so ist es doch nicht mehr und nicht weniger, als was jeder rechtschaffene soldat für sein vaterland und für seinen fürsten thut Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 99; vor allem als personencharakterisierendes prädikativum: das der vatter (nach Arius) der groͤssest vnd mechtigest wer, darnach der son, aber weniger dan der vatter, vnd nach dem sun der heylig geist der wenigest Nazarei vom alten u. neuen gott 12 ndr.; princeps est minor atque dux ein fuͤrst ist weniger (geringer) denn ein hertzog Comenius januae linguarum vestibulum (1650) 83; gott habe darumb gewolt, dasz das weib weniger seyn solte dan der mann, so viel das regiment, den verstand, die fuͤrsichtigkeit vnd rathschlag belangt Albertinus hirnschleiffer (1664) 27; ein schlechter kerl, der sich an weiber und musikanten wagt, die noch weniger als weiber sind Lenz ges. schr. (1828) 1, 59; so wärt ihr ganz andere leute, ohne mehr oder weniger zu seyn als ihr seyd (7. 11. 1816) Göthe IV 27, 220 W.; ich ... hielt mich ... für nichts mehr und nichts weniger, als den ... regenten von Vadutz Brentano ges. schr. (1852) 5, 10; ich bin nemlich des dafürhaltens, dasz ein theoretiker ohne praxis nicht recht viel ist, aber ein praktiker ohne theorie noch weniger M. Claudius w. ¹⁸2, 399 Redlich; und substantiviert der wenigere 'geringere von (stand)': derhalben hab ich ... gesagt, das dj fraynd aines hoͤheren standes sich demuͤtigen vnnd dj wenigern mit jnen erheben soͤllenn Schwarzenberg Cicero (1535) 76; wellt auch lenger nit gedulden oder zusehen, das ain wenigerer seins stands ein gleichförmiges wappen füeren oder sich des geprauchen sollt Zimmer. chron. ²1, 7 Barack; sie solten ... gegen den wenigern und jres gleichen unverfelschte liebe tragen Fabricius ausz. bewerter historien (1599); groͤsseren beantworten ist eine genoͤtigte sache, ... den wenigern aber lautere tugend Butschky kanzelley (1659) 61; nichts wenigeres 'geringeres':
jedoch sie kan ietzt todt nichts wenigers ja werden,
die, weil sie lebend war, nichts groͤssers konte seyn
Lohenstein Arminius (1689) 1, 12ᵇ;
nichts mehr und nichts weniger, als die endliche verabredung unserer ganzen anstalt und der dafür zu treffenden einrichtung, führt uns jetzt zusammen Lenz ges. schr. (1828) 2, 326; es ist von nichts wenigerem als von dem miszbrauch fürtrefflicher und weitauslangender mittel die rede Göthe I 24, 176 W.
3)
im älteren nhd. erscheint auch der wenigste als rangbezeichnung (vgl. mindest teil 6, 2232 f., ferner dieunter II C 1 b belegtewendung das ist das wenigste): wer den wenigisten aus jhenen, die an mich glawben, belaidigt oder ergert, demselben waere besser, es hiennge an seinem hals ain mülstein vnd wurde ertrenckht in tyeff des meres Berthold v. Chiemsee tewtsche theologey 335 Reithmeier; sie solten den vorschlag annehmen, so wolte er jhnen ein eidt schweren, in monatsfrist einen jeden, vom hoͤchsten bisz auff den weinigsten, zu bezahlen G. Maier histor. lustgarten (1625) 1, 385; bin als der wenigste und letzte im weinberg Jesu Christi Dannhawer catech. (1657) 1, ):( 4ᵃ; unter solchen gewissenlosen gesellen ist nit der wenigste noch geringste gewest jener Spanier, von dem Hieronymus de Florentia erzehlet Abraham a s. Clara Judas 4 (1695) 37; nicht unter den wenigsten seyn non in postremis esse Dentzler clavis (1716) 348ᵇ. vereinzelt auch beiwörtlich: dem wenigisten diener will ich als meinem herren gehorsamen Wickram w. 2, 78 Bolte; da es leider dahin komen, das jetz der wenigst stallbuͦb ein gewaltigen obersten oder haubtman ... leichtlichen das leben damit (mit einer schuszwaffe) kan nemen J. B. Grass schöne historie (1570) 31ᵇ.
Zitationshilfe
„wenig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wenig>, abgerufen am 18.10.2019.

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