Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wenigkeit, f.

wenigkeit, f.,
abstraktbildung zu wenig, die im ahd.der ursprünglichen bedeutung des grundwortes entsprechend (s. d. unter I) — zunächst als wiedergabe von lat. miseria (vgl. uuenacheiti 'miserias' ahd. gl. 1, 284 St.-S.; uuenagheiti miseriae Otfrid V 19, 29 K.; uuênegheite Notker 3, 1, 237 S.-St. sowie die belege unter 2 a), seit dem späten mhd. als gegensatzbezeichnung zu vielheit und hoheit erscheint (s. u. 1 und 2 u. vgl. mnd.-mndl. weinichheit), sinnverwandte bildungen wie lützelkeit, lützele (s. teil 6, 1356) und wenige (s. o.) allmählich verdrängend.
1)
als umfangs- oder mengebezeichnung (zu wenig II A).
a)
mit bezug auf eine geringe menge, ausdehnung oder stärke u. dgl.; modicitas (voc. d. 15. jhs. bei Diefenbach gl. 364ᶜ), exiguitas (Widerhold dict. [1669] 415ᵃ; Calepinus ling. septem [³1731] 1, 334ᵇ), exilitas (Corvinus fons lat. [1646] 428):
'nu verstant', sprach sij, 'einwenichet
und halt din ore her bij mich
...!'
(anf. 15. jh.) pilgerfahrt d. träum. mönchs 11446 Bömer;
die ding sol man nit am feirtag thuͦn, es wer dan noturfft da vnd guͦte vnd wenikeit ... entschuldiget die cleine oder wenige des wercks Joh. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 191ᵈ; hernach wickeln sie ein wenig kalch von gebrannten austren-schalen (so wegen seiner wenigkeit keinen schaden thun kan) ... in das betel-blat Dapper, Asia (1681) 1, 7ᵃ; weil aber der feind viel staͤrcker und die vielheit der wenigkeit im streit uͤberlegen war ... wurden die glieder zerruͤttet Valvasor herzogth. Crain (1689) 4, 2, 495;
drum lern ich durch zufriedenheit
bey meiner vielen wenigkeit
mit wenigem vergnuͤgt zu leben
Stoppe Parnass (1735) 261;
lägen sie aber auch (feuer und flamme dem augenlicht zugrunde), und nur, wegen der wenigkeit, auf eine uns verborgne weise, so müszte täglich auch vom wasser das augenlicht ausgelöscht werden Göthe II 3, 11 W.; 'o süsze freundin, teure retterin meines bruders, stosze eine wenigkeit von diesem zuckerkandel!' E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 244 Gr.; im bache war schier kein wasser, ... und sowohl die wenigkeit, als auch die farbe des wassers zeigten an, dasz in den gröszeren höhen schon kälte herrschen müsse Stifter s. w. 5, 1 (1908) 221; redensartlich: i' hilf ihna mit aner wenigkeit Hügel Wien 188; med 'ner weinigkeit kan men fetten Schambach Göttingen 292. oft tritt eine bestimmungsergänzung verdeutlichend hinzu: die ander stütz, mit deren ain mensche in seinen loͤtsten noͤtten vnderstützet würt, der ain saͤlig clausterleben gefuͤrt hat. die ist wenigkait des boͤszen Keisersberg pred. teutsch (1508) 83ᵈ; wenigkeyt vnd vngnugheit des glauben Carlstadt auszlegung vnnd lewterung etzlicher heyligenn geschrifften (1519) A 4ᵇ; die wenigkeit seins volcks Pinicianus Scanderbeg (1561) 218ᵇ; wie man klar siehet, dasz die kaͤlte, die des winters im wasser und in der lufft ... sich aufhaͤlt, von der abweichung der sonnen von unserm scheitel und dem mangel oder wenigkeit der hitze, von wegen der kuͤrtze der tage herkomme J. Chr. Sturm kurtzer begr. d. physic (1713) 217; die hiernächst folgenden kleinen schriften und abhandlungen sollen für den lieben leser eine kurze wenigkeit wie von einer weisung und wegweisung mitnehmen E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, vii (anf. d. vorr.).
b)
für eine geringe anzahl, paucitas (gemma gemmarum [1508] s 3ᵃ, Calepinus ling. septem [1579] 1091ᵇ; nomencl. [1634] 304), wobei zuweilen auch die bedeutung a mit hineinspielt: die uberigen holczer deines waldes vor wênikeit werden geczalt Wenzelbibel, Jes. 10, 19 bei Jelinek mhd. wb. 939; meist mit einer bestimmungsergänzung, im genitiv: vil erblich hertzogen vnnd fursten haben diss lannd verherert (!) verwuͤestet vnnd vnfridsam gemacht das sie von sproͤdigkeit vnnd wenigkeit wegen der zinss unnd rennt fuͤrstlichen stand nicht fuͤeren moͤchten G. Alt buch d. cron. (1493) 267ᵃ; in der wenikeyt vn̄ darbunge der cleyder (folgte sie ihm nach), dar vmb sy komerlichenn dy cleyder des leybes behylde, welcher sy sich czu bedeckenn nicht mochte entpernn an der natur Hedwigslegende (1504) D 2ᵇ;
drei ding' in gegenwart lasz stehts for augen schweben:
...
des lebens kurzen lauff; der selgen wenigkeit;
die schwehre kunst und ban, so zu dem himmel laitt
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 8;
wenn man aber die vielheit oder wenigkeit der theile einer substanz gegen die theile der andern hält, so nennet man es mensuram Chr. Thomasius einl. z. d. vernunfftlehre (1691) 128; man nimmet auch sein (des hirsches) hohes alter an seinen zincken und wenigkeit der zaͤhne ab Chr. Lehmann histor. schaupl. (1699) 582; die wenigkeit der auserwehlten, der frommen la pochezza, il poco numero de gli eletti, de'buoni Kramer t.-ital. 2 (1702) 1324ᶜ; die proportionirte wenigkeit und kleinheit der flüsse dieses erdstrichs Herder 13, 33 S.; die wahrheit des christenthums eben aus der wenigkeit seiner nachfolger zu bestreiten Chr. Aug. Crusius begr. d. moraltheol. 1 (1772) 869; in präpositionaler fügung: diese wenigkeit von ideen Zimmermann einsamkeit 2 (1784) 242; meine wenigkeit von vorzügen Bäuerle kom. theater 2 (1820) 2, 55; oder mit einem possessivum unsere wenigkeit 'unsere geringe zahl': wie nun nach und nach unsere wenigkeit ihnen mehr hertz machte; also wurden sie ... immer staͤrcker Lohenstein Arminius (1689) 2, 1370ᵃ;
unsre wenigkeit, die kümmert uns nicht,
wir sind doch viele, weil gott für uns ficht
E. M. Arndt w. (1892) 6, 175 R.-M.;
vereinzelt pluralisch: wir schafften eilig unsere wenigkeiten (wenigen gepäckstücke) herüber (1787) Göthe I 31, 185 W.
c)
mit besonderem bezug auf die geringe häufigkeit (vgl. wenig II A 3 b): ... sehe ich zu meinem erstaunen, dasz du von der wenigkeit und kürze meiner briefe schreibst, der ich dir so viel und oft schreibe, als ich nur zeit und gelegenheit finden kann (31. 12. 1814) Jacob Grimm in: briefw. a. d. jugendzeit (1881) 400.
2)
als abschätzige bezeichnung
a)
des ranges oder wertes (zu wenig III 1).
α)
anschlieszend an lat. demutsfloskeln wie mea parvitas (als gegenprägung zu maiestas tua zufrühst in einer widmung des Valerius Maximus an kaiser Tiberius, 30 n. Chr., nachgewiesen, s. E. R. Curtius europäische lit. u. lat. mittelalter [1948] 92 u. 414) erscheint zu ausgang des mittelalters die wendung meine wenigkeit. sie weist bittend oder entschuldigend auf das eigene unvermögen, die eigene schwäche und kleinheit. schon ahd. und frühmhd. belege, die wenigkeit noch als entsprechung zu miseria zeigen, deuten in diese richtung: sie fluhen fone minero uuênegheite Notker 3, 2, 630 (ps. 87, 19) S.-St.;
du (gott) bedenche mine wenikheit,
la dir minen gruͦz sin leit
altdt. genesis 86 Dollmayr (v. 3009);
leitot uns uon der gruobe unsir wenicheite dt. sprachdenkm. d. 12. jhs. 85, 12 Karajan. doch erst späterer sprachgebrauch zeigt wenigkeit als abschätzige rangbezeichnung, im offensichtlichen gegensatz zu hoheit u. dgl. (vgl. wenig III 1):
herre vater, dû bist guot,
ze dir kêre ich mînen muot,
als mir verhenget mîn wênikeit
(soweit mein geringes vermögen, meine schwäche es
zuläszt)
(um 1200) Otto ii. v. Freising Laubacher Barlaam 16607 Perdisch;
mir (ist) meine wenigkeit vnd vnvermoͤgen wol bewust (1624) Opitz buch v. d. dt. poeterei 20 ndr., ähnlich D. Mögling mechan. kunst-kammer (1629) 7 und Harsdörffer gesprächsp. 3 (1643) 402; vnnd verleyhe gnaͤdiglich, dasz meine wenigkeit deiner grossen majestaͤt, meine schwachheit deiner staͤrcke gefalle (gebet) Joh. Saubert currus Simeonis (1627) 79; mir meine wenigkeit ein mehrers noch der zeit versaget S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) )( 3ᵃ; betreffend meiner person wenigkeit, dasz ich nehmlich nichts studirt, sondern im krieg ufgewachsen ... solches ist niemand leider als mir Grimmelshausen satyr. pilgram (1671) A 7ᵃ; e. hochw. (ein bischof) haben mir newlich befohlen, ich solte sie (anrede) gott dem herrn befehlen ... ich hab es gethan, vngeacht meiner wenigkeit, blosz vnd allein Teresa v. Jesu opera (1649) 2, 536 (sendschr.). oft in fügungen wie nach meiner wenigkeit secondo la mia bassezza (Kramer t.-ital. 2 [1702] 1324ᶜ): darauf ich auch ein concert mit vnterschiedlichen chören ... nach meiner wenigkeit componiret habe (1618) Mich. Praetorius syntagma 2 (1884) 54; ich bekenne es frey, dasz ich, nach meiner wenigkeit, manche traurige und saure stunde mir, mit lust etwas auffzusetzen versuͤsset habe David Schirmer poet. rosengepüsche (1657) B 3ᵃ (vorr.); da ich ... ihnen allen und jeden nach meiner wenigkeit dienste erweisen kan Bucholtz Herkuliskus (1665) 23; ich wolte dahero wuͤnschen, die ehre dero bekantschafft zu haben, um dero guͤtigkeit nach meiner wenigkeit einiger massen vergelten zu koͤnnen götting. student auf d. alten schlosse Plesse (1744) 1, 122; immaszen die gnaͤdige frau ausdruͤcklich darauf bestand, dasz nach meiner wenigkeit ich eine nahrung fuͤr mich treiben solle Joh. El. Schlegel w. 3 (1764) 576; mit meiner wenigkeit: und ich mit meiner wenigkeit das gegengewicht nicht erhalten kan Harsdörffer teutsch secretar. (1656) 1, 2, 28;
meiner seelen speise,
die ich lob und preise,
zwar mit meiner wenigkeit
Mittler volksl. (1865) 772.
β)
varianten zu α.
αα)
seine (ihre, unsere, alle) wenigkeit: im falle aber sich ein andrer dieser fast knechtischen bemühung unterziehen oder diese last erheben helffen wolte, verspricht der spielende (d. i. Harsdörffer) nach seiner wenigkeit möglichste handbietung und die übersendung auch seines vorrahts (an wörterbuchbelegen) (7. 12. 1647) Harsdörffer br. a. fürst Ludwig v. Anhalt in: erzschrein d. fruchtbringenden gesellsch. 385 Krause; diese unsere, wiewohl unserer wenigkeit wegen geringe ... arbeit Zesen verm. helikon (1656) 1, A 6ᵇ; alle meine sinnen wollen nur zu ihren diensten und zu ihrer ruhmwuͤrdigen zier alle wenigkeit im dichten und reden auszgiessen Joh. Gorgias jungferl. zeitvertreiber (1671) 1; die knesen und grosse herrn muͤssen ihre sclaverey und wenigkeit gegen dem zaar auch unter andern darmit bekennen, dasz sie im schreiben und suppliciren ihre unterschriebene nahmen alle im diminutivo setzen muͤssen Olearius persian. reisebeschr. (1696) 100; bald anfangs gestehet herr Prasch offenherzig: er habe sich zwar nach seiner wenigkeit der lateinischen poesie eine zeither ohne unterscheid, wie der deutschen, bedienet beytr. z. crit. hist. (1732) 2, 133 Gottsched.
ββ)
vereinzelt auch sachbezogen, im sinne von 'geringfügigkeit, (unwesentliche) kleinigkeit': diese (die dukaten) sind ja doch nur eine wenigkeit gegen das gröszte und beste, was ihre liebe zu mir wäre, die er mir genommen Holtei erz. schr. 15 (1862) 190; doch war der französischen regierung diese wenigkeit ausreichend, um die härtesten zwangsmittel gegen uns anzuwenden qu. a. d. j. 1935.
b)
der eigenen oder einer anderen person.
α)
wie mea parvitas erscheint meine wenigkeit geradezu als demütig-unterwürfige umschreibung für 'ich' (bzw. 'mich' u. dgl.), besonders in anreden an höhergestellte:
der name, den man dir an allen orten giebet,
du phönix dieser zeit, den Phöbus so geliebet,
dasz er vor andern dich berühmt und grosz gemacht,
hat meine wenigkeit zu dieser künheit bracht
(vor 1640) Joh. P. Titz dt. ged. 181 Fischer (auf Martin Opitz);
wil e. m. meiner wenigkeit die groͤsste gnade ertheilen, so geruhe sie meine treue ... zu bewaͤhren Harsdörffer gesprächsp. 5 (1645) 368; ich werde es (das erbetene briefschreiben) nicht unterlassen, ... mir auch solche (!) fuͤr ein sonderbahr stuͤck sonderbahrer wohlgewogenheit achten, im fall sie meiner wenigkeit einiges begehrens wuͤrdigte (abschiedsworte an die geliebte eines freundes) Schoch studentenleben (1668) 45; vielmehr ist dieses mein hertzlicher wunsch, dasz die hochgeneigten zuschauer durch meine wenigkeit verstehen moͤchten, wie so gar angenehm und erfreulich diese ... gegenwart ... gewesen sey (1683) Chr. Weise Masaniello 145 ndr.; ich bin dem herrn vor den besuch, womit er meine wenigkeit beehren wollen, hoͤchst verbunden Rädlein dt.-it.-frz. (1711) 1047; was die schrifft-stelle betrifft, über welche sie (anrede) jetzo abermal einige erklärung von meiner wenigkeit verlanget, so bekenne ich in aufrichtigkeit, dasz eben dieser ausspruch des herrn Christi mir vormals manchen scrupel gemacht Gotthard Schuster christ-erbaul. sendschr. (1742) 399; (bürgermeister zum general:) und mit was ist meine wenigkeit zu befehl zu stehen im stande? Kretschman s. w. 4 (1787) 17; ich werde mir alle erdenkliche mühe geben, euer excellenz viele ehre mit meiner wenigkeit zu machen Ayrenhoff s. w. (1814) 4, 29. doch auch sonst im 17./18. jh. weit verbreitet (s. ferner die belege in: zeitschr. f. dt. wortforschg. 9 [1907] 95 ff.):
wie mancher tapfrer mann, der niemals mich gesehn,
sucht meine wenigkeit in freundespflicht zu stehn
G. Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 3;
theils dasz der grundguͤtige gott meine wenigkeit wuͤrdig darzu geschaͤtzet hat, solches geheimnuͤsz zu entdecken Joh. Prätorius reformata astrologia (1665) vorr. (a 2)ᵃ; ich erkenne mich nicht darnach beschaffen zu seyn, dasz eine dame von so hoher qualität nach meiner wenigkeit verlangen solte Grimmelshausen Simpl. 302 Scholte; dasz er ... mich dahero auch versichert, bey ereigneter vacanz einer secretariat-stelle meine wenigkeit besser zu befoͤrdern Menantes allern. art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 57; wenn der koͤnig oder die koͤniginn ausfaͤhrt, so macht es uͤberall eben so wenig sensation, als wenn meine wenigkeit faͤhrt C. F. Cramer Neseggab 3 (1791) 9; besonders in wendungen wie (ich) für meine wenigkeit: ich halte fuͤr meine wenigkeit davor J. M. Meyfart d. hellische Sodoma (1640) 1, 254; wie ich mich denn fuͤr meine wenigkeit, einer solchen hohen fuͤrstlichen gnade und hulde hoͤchst zu erfreuen und zu ruͤmen habe Joh. Bohemus Horaz (1656) dedicatio; vor meine wenigkeit habe ich ohn schmeicheley ihre gn. in meinem herzen allemahl hoͤher geachtet, als sie sich angegeben Bucholtz Herkules u. Valiska (1666) 1, 853ᵃ; ich vor meine wenigkeit ... erkenne mich Butschky kanzelley (1659) 2, 3; meine wenigkeit betreffend u. dgl.: meine wenigkeit betreffend, so habe ich vor lengsten gewünscht, das meinige bey der armee zu verrichten, wohin meine charge eigentlich zielet (9. 9. 1633) Joach. v. Schleinitz bei Gaedeke Wallensteins verhandlungen m. d. Schweden u. Sachsen (1885) 192; was aber meine wenigkeit betruͤft, so versicher' ich ... Zesen adriat. Rosemund 5 ndr.; meine wenigkeit betreffende, mus ich bekennen ... Butschky Pathmos (1677) ):( 4ᵃ (einf.); weszwegen denn auch, was meine wenigkeit betrifft, keinen fleisz spahren will, die zeit also anzuwenden, damit ich einsten faͤhig werde, der republic nach gottes willen moͤglich zu dienen Talander gründl. einl. z. teutschen br. (1706) 261; was meine wenigkeit betrifft, so ist es mir wie dem vater Homer gegangen Grabbe s. w. 1, 428 Bl. allerdings früh zur floskel geworden und schlieszlich nur noch ironisch gebraucht, 'durch die ironische bescheidenheit fast anmaszend geworden' (Dornseiff bezeichnungswandel unseres wortschatzes [1955] 63): dahero musz meine wenigkeit darmit verschonet bleiben Fr. v. Dachsdorf winter-tages schaͤfferey (1636) C 8ᵃ; nach eingenommenem solchem berichte ist gemelter herr Gartner (leiter einer schauspielertruppe) ... zu mir heraus kommen und nachdeme er kundschafft mit meiner weinigkeit zu machen gesuchet, hat er ferner begehret ... Rist d. friedewünsch. Teutschl. (1649) A 8ᵇ; itze schrey ich victory! victory! sicht mer doch gleichwohl, dasz das ... schimpffirn der herrn Zurichern vnd meiner hochen wenigkeit etwes gfrucht hat Schwabe tintenfässl (1745) 100; dinstag morgens (ist) meine wenichkeit wieder hier (in Potsdam zurück von Berlin) (18. 5. 1755) Friedrich II. br. an Fredersdorf 381 Richter; wissen sie (anrede) wohl, dasz nach den regeln des optimismus die welt nicht mehr die beste waͤre, wenn sie nicht die ehre haͤtte, meine wenigkeit zu besitzen? br. e. frauenzimmers ..., d. Gasznerischen wundercuren betr. (1776) 23; der markese (sprach) didaktischpathetischen tones: '... die gebildete form ... können wir nur von den Griechen lernen und von neueren dichtern, die griechisch ... denken ... und in solcher weise ihre gefühle an den mann bringen'; 'versteht sich an den mann, nicht an die frau, wie ein unklassischer romantischer dichter zu thun pflegt' bemerkte meine wenigkeit Heine s. w. 3, 339 E.; wer hat ein gut stück reiner subjectivität? wer anders als Joseph Raspelmayer, oder wie ich unbescheidener weise von mir zu sagen pflege: meine wenigkeit! warum aber ist es unbescheiden, wenn ich von meiner wenigkeit rede? antwort: weil ich dabei immer auf meine mehrheit denke! Seb. Brunner ges. erz. (1864) 1, 166; 'darf meine wenigkeit gehorsamst einen vorschlag wagen?' meldet sich Jacomet (der polizeikommissär) Werfel Bernadette (1948) 149; oft als schluszglied in personenaufzählungen: die hohe gnade, womit eure excellenz ... meine (!) haus und meine wenigkeit ... zu beehren geruhen Chr. F. Weisze lustsp. 2 (1783) 278; kaum sind wir mit lesen fertig, so kommt Goethe, und da er uns, c'est à dire, die herzogin und meine wenigkeit (Wieland) ... sehr intriguiert sieht, will er wissen, was wir haben (nov. 1780) Wieland bei Göthe gespr. 1 (²1909) 108 Biedermann; meine jetzige tischgesellschaft besteht aus siebzehn Engländern, zwei Franzosen und meiner wenigkeit (10. 8. 1836) Bismarck bei Marcks Bismarck (1909) 1, 139; dasz dein hochseliger vater und meine wenigkeit sich in ein wagnisz eingelassen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 85; in diesem herbst (des lebens) befinden wir zwei uns, meine verehrte tischnachbarin, frau Salomea Himmelheber und meine unvermeidliche wenigkeit Fendrich Himmelheber (1915) 311; sowie in scherzhaftbescheidenen wendungen wie mit meiner wenigkeit vorlieb nehmen u. ä.: er (Wolfgang) wird dir (Leopold) also heunt schwerlich schreiben könen, ... bitte also mit meiner wenigkeit allein vorlieb zu nehmen (31. 10. 1777) Maria Anna Mozart bei W. A. Mozart br. 4, 321 Schiedermair; wann ihna (anrede) mit meiner wenigkeit gedient ist Hügel Wien 188. schon Adelung erklärt: meine, seine, unsre wenigkeit, d. i. wenige, geringe person, doch nur im scherze 5 (1786) 170.
β)
zuweilen finden sich varianten zu b (s. auch zeitschr. f. dt. wortforschg. 9, 97 f.).
αα)
unsere wenigkeit: und deswegen hat meine weinigkeit unterthaͤnig der welt durch dieses, was e.e. f.f. gn.gn. hiermit demuͤtigst uͤbergeben wird, anzuzeigen sich unterwunden, ... Gueintz sprachl. (1641) )( 3ᵃ; andere erweisen es in anderen, unsere weinigkeit hat sich dargestellet, anzuzeigen, das unter allen auch der Deutschen sprache tapfer, ansehnlich, richtig und herlich ebda )( 5ᵇ; unsre wenigkeit darff ihr gar die einbildung nicht fassen, als ob dieser personen discurse eurer kaͤyserlichen majestät was sonderbares und unbekandtes wuͤrden fuͤrtragen koͤnnen Er. Francisci ost- u. westind. lust- u. statsgarten (1668) 1, ******ᵇ; wir haben eine geschlossene gesellschaft von lauter honorazioren — da ist der amtsboth, der brieftrager ... der konductansager, und unsere wenigkeit Meisl theatr. quodlibet (1820) 1, 101; pluralisch: was unsere wenigkeiten belanget, haben wir bei ihr hochf. dchl. prince Carolo privat-audienz gehabt (3. 10. 1648) urk. u. actenst. z. gesch. d. kurf. Friedr. Wilh. v. Brandenburg 1, 320 Erdmannsdörffer.
ββ)
seine (ihre) wenigkeit, zunächst in berichteter rede: und zwar verhoffet er, sie werden kunth machen, dasz seine wenigkeit noch etwas bey ihnen gelte, wann sie solche hirten seiner bitteinlegung geniessen lassen J. Helwig nymphe Noris (1650) 173; bate derohalben, man solle ihn doch nicht so grob vexiren und seiner wenigkeit spotten M. Krämer leben u. tapffere thaten (1681) 482; er (der pedant) wird dir diese druͤse mit etwas salva venia nichternen speichel zu bestreichen einfaͤltiglich rathen, als welches seiner wenigkeit gute dienste gethan Westphal portraits 1 (1779) 86; nur wenn der mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er gespenster zu sehen; was aber seine wenigkeit anbelange, so sei er selten krank Heine s. w. 3, 43 E.; dann als abschätzige bezeichnung eines dritten: so finde ich, dasz in der ganzen natur nichts kleiners sey, als seine wenigkeit dt. schaubühne 1 (1742) 323 Gottsched; wie es mir scheint, herr vetter, so bilden sie sich auf ihre wenigkeit ein biszchen viel ein ebda 3 (1741) 494; (der redner) ruͤhmte besonders seine eigene wenigkeit, da er an den schriften des Cicero das werk der liebe und barmherzigkeit erzeigt ... habe Rabener s. schr. 2 (1777) 127;
dasz einfalt oder eitelkeit
genies, mauleseln gleich, befrachtet,
und darob ihre wenigkeit
wer weisz wie grosz, wie wichtig achtet!
Goekingk ged. (1780) 1, 16;
der junge mann nahm diese freundlichkeiten etwas schüchtern auf und schien die hohe bedeutung, die wir seiner wenigkeit beilegten, nicht recht zu begreifen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 408.
γγ)
vereinzeltals abschätzige anrede — eure (du) wenigkeit: herr kammerdiener und eure wenigkeit, was wollen sie hier? Chr. F. Weisze lustsp. 2 (1783) 272;
träumst du wirklich,
du wenigkeit! dasz du und deinesgleichen
...
des schicksals rad auch um ein haarbreit nur
aus seinem ew'gen gleise lenken können?
Zach. Werner söhne d. thales (1803) 1, 144.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 39, Z. 39.

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Zitationshilfe
„wenigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wenigkeit>.

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