Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wenken, vb.

wenken, vb.,
nutare, as. wenkian Sehrt 651; (m)ndl.-(m)nd. wenken Verwijs-Verdam 9, 2, 2153 f.; Schiller-Lübben 5, 670; ahd.-mhd. wenken mhd. wb. 3, 707; Lexer 3, 763 ff.; Jelinek 939. — wie das iterativum wankōn (= an. vakka) bildung zur wurzel *u̯a(n)g 'gebogen sein' (Walde-Pokorny 1, 218), die auch ins romanische gedrungen ist (afrz.-prov. guenchir, ait. guencire, engadin. guinchir, s. Meyer-Lübke 9521; Gamillscheg Romania germanica 1, 256; 2, 283), jedoch im wesentlichen auf das dt. und ndl. sprachgebiet beschränkt bleibt. dasz wenken (˂ *wankjan) kausativum von winken sei (van der Meer hist. gramm. d. ndl. spr. [1927] 18), erscheint bei dessen zugehörigkeit zur sw. flexion, dessen spärlicher und später bezeugung im as. (s. teil 14, 2, 386f.) und der bedeutung von wenken als völlig unwahrscheinlich. im neueren dt. ist wenken von den sinnverwandten bildungen wanken (˂ wankōn) und winken zurückgedrängt (s. d.), im ndl.wie im westlichen nd. und md.nur noch in der jungen bedeutung 'winken' (s. u. 3) geläufig.
1)
'wanken, schwanken' u. dgl.
a)
in mannigfacher, konkreter wie bildlicher anwendung (s. auch teil 13, 1820 u. vgl. gewenken teil 4, 1, 3, 5476f.):
giuuaro ist thaz bithenkit,   theiz elichor ni uuenkit
Otfrid II 11, 52 Kelle;
ther se nan sar tho sankta,   so imo ther hugu uuankta
ders. III 8, 39;
dies mei sicut umbra declinauerunt daranâh uuanchton mîne taga. also scato uuenchet Notker 2, 423, 14 P. (ps. 101);
ziu dar nâher! holt in dâ!
sô ist er lîhte anderswâ.
wil er (Gâwân) wenken als ein eichorn,
ir mugt in schiere hân verlorn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 651, 13 Lachmann;
er sî ein zage, der dâ wenke
Walther v. d. Vogelweide 58, 33 Lachmann-Kraus;
in statter treu
finst mich ohn reu,
herz lieb, nit wenkh,
dein treu nit khrenkh
d. lieder d. Heidelb. hs. pal. 343, 53 Kopp (nr. 49, 17);
dasz die mesz kein opfer sei,
sonder ein testament, dar bei
man den tot Christi söl bedenken
mit dankbarkeit on alles wenken
triumphus veritatis 1944 bei Schade satiren 2, 248;
werstumich des geweren
mein lieb vnd muͤe ye zun zeyten gedencken
thusts wird ich dir nicht wencken
(16. jh., mitte) Forster fr. teut. liedl. 54 ndr. (nr. XCI, 3);
wackeln, wenken, schwankeln, scheucken, schauckeln Joh. Grüwel brandenb. bienenkunst (1761) 401.
b)
oft mit richtungsangaben verschiedener art; vor allem von (ab) jem. (etwas) wenken: ut non moueantur uestigia mea ... daz mîniu spor. daz chit mîne fuôzze daraba neuuenchen Notker 2, 44, 20 P. (ps. 16);
ich wil üch schweren ainen ayd
by guoter feldsicherhait,
das ich von üch nit wencken wil
Hermann v. Sachsenheim 51 Martin (mörin, v. 147);
richtt dein gemütt alzeit auff ain tugentlichs beschawen, in dem du gott in deinem hertzen tragest, mit staͤtem gegenwurf, ab dem deine augenn nymer wenckenn Keisersberg granatapfel (1510) G 1ᵃ;
her Danhauser, ir seind mir lieb,
daran sölt ir gedenken!
ir habt mir ainen aid geschworn:
ir wölt von mir nit wenken
Uhland volksl. 2 (1845) 761 (nr. 297);
zu (nach, auf u. dgl.) etwas wenken:
ez (das katzenauge) begonde her unde dar
in winkelen und under benken
nach den muͤsen vaste wenken
kl. mhd. erz. 120 Rosenhagen (147, 74);
beuget er (der baum) zum ersten hawe,
so ist er swacher stete
unnd daug nit zu dem bauwe,
wan er zu allen orten wencken dete,
so yn die wind usz norden, suden, westen
icht hertiglichen dreffen
mhd. minnereden 51 Thiele (12, 116);
... ist nit eyn angheffter sternn geweszen, wie astronomi die sternn nennen, szondernn eyn freyer stern, der sich heben und sencken, ynn alle ortt wencken hatt mugenn Luther 10, 1, 1, 608 W.; so werden sie (knochen) geschienet mit leder vnnd gebunden mit ainer binden vonn leinen thuͦch vestigklichen, ... also geschickt, daz es sich zuͦ kainem tayl moͤge wencken noch naygen Hier. Braunschweig chirurgia (1539) 103ᵃ; als er aber sahe, dasz solch schreiben geoͤffnet war, erkent er wol, dasz sie auff die andern seitten wencken wolten J. Frontinus, v. d. guten räthen (1532) 5ᵃ; zuweilen in reflexiver konstruktion: und wie sie das selb flaisch, uff oder nider den vogeln regten, also wengten sich die adler uff oder ab dem flaisch nach ze fliegen Steinhöwel Äsop 70 Ö.;
darzuͦ hilfft weder flehe noch bit,
ich wenck mich darab nit ein drit
Murner luth. narr 234 Merker (v. 3585);
dann küntlich ist ausz der schrifft, das allein der glaub, des aug sich nicht anderst wenckt, dann auff gottes gnad on allen verdienst, vor gott gilt Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 116 ndr.
c)
mit bezugsgrösze, im genitiv (vgl. Heliand 1377):
er due, theih hiar ni hinke,   thes senses ouh ni uuenke
Otfrid III 1, 14 Kelle;
von dem wâren minnære
sagent disiu süezen mære.
der ist ein durchliuhtec lieht
und wenket sîner minne nieht
Wolfram v. Eschenbach Parzival 466, 4 Lachmann;
in präpositionaler fügung:
zu der eren gehort stete,
das darff ich nit verkunden.
wer an eren wencken dete,
der kom zu schaden, schanden unnd zu sunden
mhd. minnereden 54 Thiele (12, 227);
du singst vor gott, daran gedenck!
mit dyner stymm nit winck vnd wenck
Murner narrenbeschwör. 80 Spanier (22, 44);
der andren fünf freundschaft der-massen
wolten die selben ledig lassen
und theten in dem urthail wencken,
wolten sie iren weibern schencken
H. Sachs 2, 314 lit. ver.
2)
'(jem., etwas) wanken machen, bewegen' u. dgl. (vgl. gewenken teil 4, 1, 3, 5477 und verwenken teil 12, 1, 2216); sin schiflin wirt wol von ussen gewenket und beweget Tauler pred. 173, 25 Vetter; cillere wencken (nrh. voc, 15. jh.; voc. Augsburg 1512) Diefenbach gloss. 118ᶜ; buͤcke gott nicht zu nahe, er kan wol wencken Petri d. Teutschen weiszh. (1605) 2, L 5ᵇ; zuweilen mit angabe der bewegungsrichtung:
wierz ors ûzem walap
mit sporen gruozes pîne
mit schenkelen, fliegens schîne
ûf den poinder (das anrennen) solde wenken
Wolfram v. Eschenbach Parzival 174, 3 Lachmann;
sye hetten worlich vil bedencken,
wie sye mich doruon möchten wenken
Murner v. d. fier ketzeren 126 Fuchs (v. 3507);
mein herr, dein gunst nit von uns wenck,
verschmach nit deiner knecht geschenck,
es seind der frücht ausz vnsrem land
(1540) Th. Gart Joseph 99 Martin-Schmidt;
so lehren vnsere theologi ... das die h. schrifft seie ... ein krummes richtscheid vnd schlimme richtschnur, das ist, das man sie biegen, ziehen, lencken vnnd wencken mag, wahin mans will Fischart binenkorb (1588) 70ᵇ; wencket (der flusz) ... seinen gang ein wenig gegen aufgang Stumpf Schweizer chron. (1606) 547ᵃ; oder der bezugsgrösze:
sît er Margreten die kunigin
hiet genomen zuo der ê
durch ir erb, sô sold er ê
darumbe sich bedenken:
wold er ir der konschaft wenken,
so sold im ir erb sîn als unmære,
als im der frouwen lîp wære
Ottokar v. Steiermark österr. reimchron. 1, 121 Seemüller (v. 9217);
im glauben will ich euch nit wencken A. v. Arnim s. w. 21 (1854) 219.
3)
im sinne von 'winken' (s. auch teil 14, 2, 388):
do began der bischof
die rede in im bedenken
und dem richter wenken
väterbuch 561 Reissenberger (v. 38852);
und wo man die rede nicht haͤtte, so koͤnte man einander seines hertzens sinnen und gedanken anders nicht als die stummen mit wenken und weisen ... offenbahren Zesen rosenmând (1651) 7; meist in fügungen wie mit der hand, dem haupte wenken u. ä., worin wenken zunächst noch die bedeutung 'einen wank tun' (1) hatte, sich allmählich aber der von winken näherte:
der abt begunde wenken
mit dem houbt dem schenken
Ottokar v. Steiermark österr. reimchron. 1, 22 Seemüller (v. 1605);
der wenkete dem volke mit der hant, das sie sölden stille swîgen (15. jh., md.) Griseldis 74 C. Schröder in: mitt. d. dt. ges. in Leipzig 5, 2 (1872);
da trat das falsche meidlein herfuͤr,
es wanckt ihm mit den augen
bergreihen 70 John Meier (35, 3);
wenn ich dir (der fuchs dem bauern) mit dem schwantz einst wenck,
vnd in eim huy spring ausz der thuͤr
so weltz den stein bald wider fuͤr
Waldis Esopus 2, 286 Kurz.
so noch mundartlich, vor allem im westlichen nd. und md.: hai weñkere (winkte) miët beiden ā(r)ms Schmoeckel-Blesken wb. d. Soester börde 330; et brauch' een em net mat ènger scheierpoirt (scheunentor) ze wencken er versteht einen aufs halbe wort Gangler luxemb. 390; aə ̃n mit'n stàdltor wenkə ̃ Schmeller-Frommann bayer. 2, 960; s. ferner Doornkaat Koolman ostfries. 3, 535; brem.-nieders. 5, 229; Schambach Göttingen 293; Flemes Kalenberg 379; Damköhler Nordharz 225; Böning plattdt. (oldenb.) 131; Elberfelder ma. 174; Heinzerling-Reuter Siegerl. 318; Woeste-N. westf. 320; Block Eilsdorf 101; Jecht Mansfeld 123; Follmann lothr. 537. da wenken zuweilen neben winken erscheint (s. die mundartlichen belege teil 14, 2, 388 sowie Diefenbach gloss. 36ᵇ und 428ᵇ s. v. annivere u. pernivere), wird man es stellenweise als formvariante von winken anzusehen haben, die durch senkung des i vor nasalverbindung entstanden ist (s. Sarauw vgl. lautlehre d. nd. maa. [1921] 101 und Sütterlin nhd. gramm. [1924] 184).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 49, Z. 1.

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Zitationshilfe
„wenken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wenken>.

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