Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werbtrommel, werbetrommel, f.

werb(e)trommel, f.,
trommel des werbers, mit der er die werbung ankündigt (zu werben II B 3 b); dass. wie trommel 1 d (1. beleggruppe) teil 11, 1, 2, 814 f. und kalbfell teil 5, 58; vgl. auch werbungstrommel; vom 17. jh. bis in die moderne zeit belegt: fast alle völker Europas sandten ihre schlechtesten söhne in den langen krieg. nicht nur einzeln zogen fremde söldner den werbetrommeln zu, wie krähen einer walstatt; das ganze christliche Europa wurde in den kampf (den 30 jährigen krieg) hineingerissen; in compagnien und regimentern zertraten die fremden den deutschen acker G. Freytag ges. w. 20 (1888) 64; als die werbetrommeln der fürsten auf jedem musterplatze rasselten (30jähriger krieg) ebda 145; gerade um dich zu strafen, du meister leichtfusz, erzähl' ich nichts davon, wie sie mich zwangen, der kaiserlichen werbtrommel zu folgen O. Glaubrecht erz. a. d. Hessenlande (⁶1891) 25; wenn in Steyrlaufplatz wär, die werbetrommel tät erklingen, die würden all noch Pappenheimbisch E. v. Handel-Mazzetti die arme Margaret (1911) 107; im bilde: einem dritten (dichter) ist der reim eine werb-trommel, bilder zu versammeln; zwar kommen die geworbenen oft etwas bunt zusammen, aber was schadets? desto stärker fallen sie ins auge Herder 18, 44 S.; welcher redaktör hat denn aber eine werbetrommel und regimentsfahne für genialische richter genialischer parteien in seinem industriekomtor? Jean Paul w. 19, 113 Hempel; das Palow'sche promemoria war die werbetrommel, bei deren schalle den rekruten der revolution ein handgeld auf kosten der berechtigten geboten wurde Bismarck polit. reden 1, 171 Kohl; wir haben etwa die zahlen und namen des dreiszigjährigen krieges auswendig gelernt, von jenem tag, da die werbetrommel der böhmischen protestanten gegen das haus Österreich erscholl (1922) K. A. v. Müller aufs. u. vortr. (1926) 1; mit hineinspielen der bedeutung II B 4: der irrende ritter (der geld für ein Lutherdenkmal sammeln sollte) hielt diesen antrag, nach kurzer ueberlegung, für annehmlich. verschafft auch — waren seine gedanken — meine werbetrommel dem guten doktor Luther keinen obelisken von marmor oder von töpferlehm, so gewinne ich doch dadurch einen anständigen vorwand, tag für tag bei reichen leuten einzusprechen, und es müszten ja heiden seyn, die den apostel einer so guten sache nicht wenigstens zu tische bitten sollten! Langbein s. schr. 6 (1841) 180; zum andernmal nach einem vierteljahrhundert rasselt seine werbetrommel durch das land (für die erziehungsanstalt Pestalozzis) qu. a. d. j. 1918. in der wendung die werbetrommel schlagen: ein ... tambour, der die werbetrommel in der gegend schlug Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 122; und insbesondere, schon im 17. jh. und bis in die moderne zeit reichend die werb(e)trommel rühren: es werden (bei vorbereitung eines krieges) die wercke an den festungen eilends verbessert, pulver, bley, lebens-mittel und mehr voͤlcker hineingeschafft, die werb-trummeln starck geruͤhrt, die paͤsse uͤberall besetzt, handel und wandel gesperrt ... schwere steuren aufgelegt E. Francisci letzte rechenschaft (1681) 620; wie manchen jungen mann hätte es gepackt, ... wenn eine werbetrommel gerührt worden ... wäre Alexis Isegrim (1854) 1, 314;
die werbetrommel hört' ich rühren
und trat zu Friedrichs (II.) grenadieren
und zog mit ihnen tag und nacht,
von feld zu feld, von schlacht zu schlacht
G. Keller ges. w. (1889) 9, 260;
das alte conscriptionsheer ward aufgelöst, ein neues geworbenes gebildet. in den clericalen urkantonen der Schweiz liesz Ferdinand (v. Neapel) durch einen anrüchigen alten landsknecht, general Auf der Mauer, die werbetrommel rühren, und obwohl mancher wackere eidgenosse die 'biderben männer von Schwyz' beschwor, die alte, schon von Zwingli gescholtene nationalsünde des reislaufens endlich zu lassen, so fanden sich doch einige regimenter von tapferen fremdlingen zusammen Treitschke dt. gesch. 3 (1896) 184; als jetzt die werbetrommel gerührt ward, sammelten sich die landsknechte rasch zu seinen fahnen Ranke s. w. 4 (1868) 211; unter dem heraufziehenden ungewitter ... des religionskrieges war ... in der Mark die werbetrommel gerührt worden Meinecke Boyen (1896) 1, 24; nachdem Christof von Wrisberg im vergangenen monat vom schlosz Pyrmont abgezogen war, um die werbetrommel im kreis Niedersachsen für den könig von Frankreich zu rühren, hatte auf dem schlosz selbst don Cesare Campolani das begonnene werk auf seine weise fortgesetzt W. Raabe s. w. I 3, 282 Klemm; als der administrator von Halberstadt die werbetrommel rühren liesz, stiesz ich zu seinen reitern ebda I 2, 381; als scherzhafte parallelbildung findet sich bei Lichtenberg die werbekanzel rühren: denn für das erste, so heiszt bekehren so viel, als werben. daher auch der berühmte st. Whitfield in England einen tambour, der die werbetrommel in der gegend schlug, wo er selbst, mit Butlero zu reden, die werbekanzel rührte, einstmahlen so anredete: höre, guter freund! wir werben beide, du für deinen könig, ich für meinen erlöser, lasz uns uns einander nicht um unsere recruten bringen. selbst der tambour fühlte die ganze schwere dieser ähnlichkeit und ging so weit weg, dasz weder st. Whitfield seine, noch er st. Whitfields trommel hören konnte verm. schr. (1844) 3, 120. die werbetrommel rühren wird seit dem 17. jh. bildlich gebraucht: diese unholdin (die herrschsucht) ruͤhret zu diesen unseren eisernen und bluttigen zeiten so vil werbe-trummeln; diese erreget so manche empoͤrungen; diese bringet offt, durch eines einigen unruhigen hauptes ehrsucht die gantze welt in volle krieges-flamme Butschky Pathmos (1677) 694; als rühre der Endechrist unter den hochschülern bereits die werbetrommel F. L. Jahn w. 2, 790 Euler; in moderner sprache besonders im sinne von 'laute propaganda machen' (vgl. sprach-Brockhaus [1935] 727), mit hineinwirken von bedeutung II B 4: studenten, auskultatoren, junge kaufleute, zu denen sich, unter assistenz ... des von anfang an die werbetrommel rührenden Louis Schneider, alsbald auch noch schauspieler, ärzte und offiziere gesellten Fontane ges. w. II 2 (1920) 175; jeder, der sich noch fühlt, wird unternehmer und gründer, rührt die werbetrommel und macht fortune Kürnberger siegelringe (1874) 295; (über die erstbesteigung der Trettachspitze) nicht ein fremder Alpensteiger, der einen namen sich zu schaffen oder den er bereits besass, mit neuem glanze zu umgeben strebte, hat in den quellenthälern der Iller die werbetrommel gerührt nach den verwegensten söhnen des gebirges und hat mit schwerem aufwande an zeit und geld endlich sein ziel erreicht — schlichte hirten selbst sind es, welche begehrend ihre blicke nach der scharfgespitzten zinne emporrichteten H. v. Barth Kalkalpen (1874) 191; die beiden wirte des Schottengeländes hatten rechtzeitig die werbetrommel gerührt, um die blicke der erholungsbedürftigen mitwelt auf ihre anstalten zu lenken Kluge Kortüm (1938) 576. gelegentlich auch die werbetrommel schwingen: (er) schwang die werbetrommel qu. a. d. j. 1930.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 199, Z. 37.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
weltherrschaft werksbesitzer
Zitationshilfe
„werbtrommel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werbtrommel>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)