Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werder, m., (seltener n.)

werder, m. (seltener n.),
(halb-)insel. das wort ist auf das südgermanische beschränkt; es finden sich überwiegend kurzformen: ae. warođ, wearođ, afries. werth, ahd. uuarid, uuerid, mhd. wert, mndl. wert, wart, ndl. waard, weerd. im nd. erscheinen dann langformen: as. (11. jh.) van uuartera Freckenhorster heberegister, in: kl. as. sprachdenkm. 40 Wadstein; Haslewerthere bei Stade (11. jh.) in: PBB. 56, 356; mnd. werde(r), md. werder (passional, Nicolaus v. Jeroschin [daneben einmal wert im reim] s. u.). — die langformen auf -er können als rest der idg. es/os-(germ. ir/ ar-)deklination angesehen, aber auch auf eine alte tro-bildung wie in aind. vártra-zurückgeführtwerden. W. Mitzka (PBB. 56, 354 ff.) hat an hand von ortsnamen das nordalbingisch-ostfäl. gebiet als kernland der langform bezeichnet; westlich und südlich davon gilt die kurzform, während sich werder über das nd. bis nach Ostpreuszen ausgedehnt hat und besonders dort auch ins md. eingedrungen ist. die im fries. herrschende kurze form fiel mit wurt 'erhöhte hausstätte' zusammen. in der schriftsprache hat sich werder seit dem 16. jh. durchgesetzt. das wort wird auf eine idg. wurzel u̯er- in der bedeutung 'verschlieszen, bedecken, schützen, abwehren' zurückgeführt, s. Walde-Pokorny vgl. wb. d. idg. spr. 1, 280. germ. *variþa- ist eine bildung auf idg. -etos, woneben in varuþa- eine to-bildung von der u-erweiterung u̯eru- (vgl. aind. várūtha-, n., 'schutz, schild') steht. die bedeutung ist entweder aktivisch 'das schützende' oder passivisch 'das geschützte'. sie erscheint im ae. als 'gestade, ufer', im mndl. als 'eingedeichtes land', im übrigen als 'insel' (zur ahd. bedeutung 'cautis' s. u. 1). vgl. auch aind. vártra-, n., 'schutzdamm, deich' (Walde-Pokorny 1, 281). werd(er) als appellativum ist heute durch insel fast völlig verdrängt worden, hat sich aber noch in vielen ortsnamen erhalten (Werder b. Potsdam als beispiel für Nord- und das östl. Mitteldeutschland, Kaiserswerth b. Düsseldorf und Wertheim b. Karlsruhe für das Rheingebiet, Wörth b. Regensburg und Donauwörth für das obd. Donaugebiet).
1)
'erhöhtes land im wasser': insola uuarid (8. jh.) ahd. gl. 3, 2, 62 St. -S.; insula in medio mare uuerid in mittem seuuim (8. jh.) ebda 1, 245, 24. hierher gehört wohl auch: cautis uuaredho hcnollon (ende 8. jh.) ebda 1, 69, 6, uuarido (anf. d. 9. jhs.) ebda 1, 68, 6, das bei Braune-Mitzka ahd. gramm. (Tübingen ⁸1953) 191 im anschlusz an Baesecke (PBB. 55, 366) als femininer ō-stamm angesetzt wird; doch finden sich auch später keine belege mit eindeutig fem. genus:
si (mîne man) wolden swimmen ûf einen wert.
daz wart in starke bewert
von den tieren in dem mere
Straszburger Alexander 5505 Kinzel;
er (Constantinus) hiez si in ainen wert varn
kaiserchronik 10479 Schröder;
uf eines werders einlant,
da daz mer alumme trat
passional 662, 8 Köpke;
von des meris werdirn Claus Cranc prophetenübers., Jes. 11, 11 Ziesemer; dat gantze werder (die insel Rügen) (Lübeck, 15. jh.) Herm. Korner chron. 39ᵃ bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 675; zu einem wehrd im meer (einen werder jm meͤere Lübecker bibel [1533]) Hesekiel 26, 5; polder d. i. huͤgel, oder ein lant mitten im wasser, oder ein waͤrder Zesen rosenmând (1651) 187; ein schmales eiland, das sie dort (an der Ostsee) den 'warder' nennen ... Storm s. w. (1898) 6, 3. insbesondere 'insel oder halbinsel in einem flusz, sumpf oder see': svelk werder sik ok irhevet binnen enem vliete, svelkeme stade he nar is, to dem stade hort die werder (1221/24) Sachsenspiegel 96 Eckhardt; die Wizele (Weichsel) awer ... mit allem nucze ane werder vnd bebere (bewere) exceptis insulis et castoribus (Kulm 1251) altdt. orig. urk. 1, 36 Wilhelm;
si fuoren in einen wert,
der mitten in der Tuonou lac
Ottokar v. Steiermark österr. reimchron. 10 361 Seemüller;
den meistir, daz er mit im quam
ûf einen werdir intsam
in der Wîzlin gelein
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 8703 Strehlke (ebda 20504: ûf den wert);
mittin in dem wazzer bi der stat Caymgui do lyt eyn werdir md. Marco Polo 43, 13 Tscharner; klaine inseln vnd waͤrd desz moͤers Dreyfelder hist. d. hauses Est (1580) 13ᵃ; inseln, oder mit wasser umflossene werder mit hohen baͤumen Hohberg georg. cur. aucta (1682) 2, 343; die ... auen, diesen auffallenden reichthum der vegetation, der dem laufe des Rheins folgend, die ufer, inseln und werder bezeichnet Göthe I 27, 230 W.; ich fand heute blumen von dieser bläulichen rosenfarbe, als ich in die werder ging I. v. Düringsfeld in der heimath (1843) 138; die ufer, holme und werder des stromes (der Düna) qu. a. d. j. 1938; auf dem 'werder' konnte mich niemand stören ... er war zwar eine halbinsel, die jedoch mit dem festen lande nur durch ein unwegsames bruch verbunden war O. Borris der werder u. seine geheimnisse (1940) 7.
2)
'wiese, weide in wassernähe': (nd.) ene wisch, de gheheten is dat werder (1360) urkb. d. st. Lübeck 3, 388; so noch mundartlich weit verbreitet, besonders als flurname: werder marschland des Weichseldeltas Frischbier preusz. 2, 464; weerder, werel wiesen, welche ... zwischen der groszen und kleinen Weser liegen, brem.-nieders. wb. 5, 236; werth öfter als flurname erhalten Weise Altenburg 124; Wöhrden feldbezeichnung bei Gorsdorf Bruns volksw. 75ᵇ; werd rasenstrecke am flusse Vilmar Kurhessen 450; werth ein stück wiese auf einer halbinsel Reinwald Henneberg 1, 191; wèrt gelände zwischen der Zorn und einem seitenarm derselben Martin-Lienhart elsäss. 2, 847; woͤrth stück land, das am wasser, einem bach etc. lieget Schmidt Westerwald 333; werd (wörd) wiese am fluszufer Fischer schwäb. 6, 690. auch in einigen sachwörterbüchern ist das wort in dieser bedeutung verzeichnet: neues rhein. convers.-lex. (1830) 12, 227; Krünitz encycl. 238 (1856) 418.
3)
'damm, wehr' (lat. agger, propugnaculum); seit Kilian etym. teut. ling. (1605) 659 (weerd/ weert/ wert/ weerder insula, insula amnica; propugnaculum, agger) und Corvinus fons lat. (1646) 386 (agger wehrder / oder weder) in dieser bedeutung mehrfach lexikalisch bezeugt, zuletzt bei Schwan nouv. dict. 2 (1784) 1036ᵃ. literarische belege finden sich vereinzelt: schob in den häusern am wehrde die eiszschollen zum fenster hinein Knauth stiffts-closters Alten-Zella vorstellung (1721/22) 1, 255 in: zs. f. dt. maa. (1909) 53; diese ... Bielebach wird ... von einem werd geschuͤtzet Süsze hist. d. städgens Königstein (1755) 15. hierher gehört wohl auch (entgegen den angaben in den glossaren): men ne mût och nichêne burch bûwen, noch stad vesten ..., noch berch noch werder bûwen (1221/24) Sachsenspiegel 148 Eckhardt. werd(er) bezeichnet besonders 'wehr bei einer mühle': aber den werde bey der mul mugen sy abstechen (1480) Albrecht hammerfreyheiten bei Lori bair. bergr. (1764) 117; bald war ... (in einer mühle) das werth zu eng/ ... dort risz das werth aus Simplicissimus 3 (1713) 252; wie die staͤrkesten lachse beim Porschdorfer ziemlich hohen mühlenwerd ... übersetzen. nicht ferne uͤber diesem werd ... Süsze hist. d. städgens Königstein (1755) 236.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 271, Z. 59.

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Zitationshilfe
„werder“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werder>.

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