Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werg, n., (mitunter auch m.

werg, n. (mitunter auch m.:
Schwan nouv. dict. 2 [1784] 1037ᵃ; Immermann w. 15, 346 Hempel; [22. 5. 1873] Keller br. 3, 63 Erm.; Mommsen röm. gesch. 5 [⁴1894] 575), 'stuppa'. im ahd. herrscht zunächst die form â-uuirki: auurichi (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 585, 11 St.-S.; auuirchi (9./10. jh.) ahd. gl. 1, 383, 47 St.-S., die zu wirken wie das sinnverwandte â-kambi 'werg, abfall beim wollkämmen, weben, flachsschwingen' ahd. wb. 1 (1952) 90 zu kämmen gebildet ist. anlehnung an werk (opus) zeigt awerki (12. jh.) ahd. gl. 3, 619, 41 St.-S. und die verbindung fulazuuerc putamina (9. jh.) ahd. gl. 2, 11, 30 St.-S., in der das negierende präfix â durch ein adjektiv vertreten ist. das simplex ist erst im ausgehenden ahd. belegt: vverich stuppa (11. jh.) ahd. gl. 2, 416, 60 St.-S., so dasz man mit Jacob Grimm kürzung einer präfixbildung (s.abwerg teil 1, 152) annehmen kann, die sich auch im älteren ndl. findet: afwerck Kilian (1605) 14ᵇ. im mhd. erscheintwie im mnd.-mndl.dann schon werc 'stuppa' neben âwürke (mhd. wb. 3, 595 f.). dän. verk 'werg' ist 'von mnd. holl. werk ... entlehnt' Falk-Torp 1369. — im übrigen sind cymr. cy-warch, bret. koarh 'hanf, flachs', abret. coarcholion 'aus hanf' zu vergleichen, bildungen, die aber *u̯erk (nicht *u̯erg wie das germ.) voraussetzen. weiteres s. u. werk und wirken. zur formentwicklung im dt.: im späten mhd. und älteren nhd. erscheint das wort in den formen wer(c)k, werch, werg, zuweilen auch werrig (z. b. Kramer t.-ital. 1 [1700] 622ᵇ). über das auftreten der g-schreibung in md. quellen vgl. V. Moser frühnhd. gramm. 1, 3 (1951) 274 f.; s. ferner H. Paul dt. gramm. (1916) 1, 304. während im 16. jh. g-schreibung nur vereinzelt vorkommt (Jes. Syr. 21, 10; gk-schreibung: [1522] Planitz ber. 86 Wülcker-Virck) und ck-schreibung bei weitem vorherrscht (daneben gelegentlich ch und ganz vereinzelt k[h]), dringt erstere im 17. jh. etwas vor (Bellin hd. rechtschreibg. [1657] 138 unterscheidet werg 'stupa' von werck 'opus'; g-schreibung ferner bei Schottel haubtspr. [1663] 274; Treuer Dädalus [1675] 1, 915; Lohenstein Arminius 2 [1690] 186ᵃ; gk-schreibung: Feinler gewissenh. priester [1694] 180), wobei aber die ck-schreibung (neben ganz seltener k-schreibung) noch entschiedener führend ist als im 16. jh. erst im 18. jh. setzt sich die g-schreibung gegenüber der zurücktretenden ck-schreibung durch, indes auch die k-schreibung etwas zunimmt und Braun orthogr.-gramm. wb. (1793) 303ᵃ für die sehr schwach vertretene ch-schreibung eintritt. Wachter gloss. germ. (1737) 1879 verzeichnet noch: werk stupa. vide werg. rectus tamen scribitur werk; und Frisch t.-lat. wb. (1741) 2, 442ᶜ bucht nebeneinander werg, werk und werch; aber von der mitte des 18. jhs. an häufen sich die g-schreibungen und haben im 19. jh. nur noch verschwindend wenig k- und ch-formen neben sich (so führt Campe 5 [1811] 684ᵃ werk und werch neben werg an, Leopold hdwb. d. öcon. [1805] 528ᵇ werk neben werg, ebenso auch Prechtl technol. encykl. 14 [1846] 489, und werch findet sich noch bei Kirchhofer schweiz. sprichw. [1824] 139; Grassmann pflanzenn. [1870] 199). im 20. jh. beherrscht die g-schreibung das feld vollkommen, so dasz werg 'stuppa' und werk 'opus' orthographisch klar geschieden sind.pluralformen begegnen nur selten: werke (14. jh.) d. rote buch d. st. Ulm 181 Mollwo; der werg, die werge Schwan nouv. dict. 2 (1784) 1037ᵃ; die werkher qu. a. d. j. 1708 bei Fischer schwäb. 6, 1, 701. — die mundartlichen formen decken sich in den meisten fällen mit denen von werk 'opus'; mit auslautendem -k: werk Mungard Sylt 243; Woeste westfäl. 320; Bauer-Collitz Waldeck 181; Sartorius Würzburg 132; Follmann lothr. 538; teilweise mit abweichendem stammvokal (s. dazu unter werk): wark Doornkaat Koolman ostfries. 3, 516; Böning plattdt. 129; Aldenrade (nördl. Duisburg) bei Wrede dt. dialektgeogr. 8, 92; wiᵃ̈rk Kisch Nösner wörter 172; viark Krausz nordsiebenbürg. handwerksspr. 1061; auch wierek Gangler Luxemburg 482; wb. d. luxemburg. ma. 484; mit auslautendem -ch in obd. maa.: wärΧ Schild Brienzer ma., in: PBB. 18, 358; wērXX Stickelberger ma. v. Schaffhausen, in: PBB. 14, 453; werch Schmeller bayer. 2, 983; Schatz Tirol 700; Schöpf Tirol 812; Lexer Kärnten 256; Lessiak Pernegg i. Kärnten, in: PBB. 28, 145; bārx Tschinkel Gottschee 319. mitunter werden die mundartformen für werg 'stuppa' von denen für werk 'opus' durch den auslaut unterschieden: warg Mi Mecklenburg 105 (gegenüber wark 'opus'); wärg Tonnar-Evers Eupen 225 (gegenüber wärk 'opus'). zweisilbige formen für werg 'stuppa' finden sich im nordfries.: werrəg Schmidt-Petersen 162; im südfränk.: we̜rik Meisinger Rappenau 230; und mit kurzformen von werg 'stuppa' neben sich im obersächs.: werrig (neben werg) Müller-Fraureuth 2, 658; bzw. Vogtland: wari̯Χ (neben warg) Gerbet 68; im lothring.: wêriΧ (neben werk) Follmann 538; und in der Eifel: werrich (neben werk) Schmitz 233.
1)
die beim schwingen und hecheln des flachses (oder hanfes) abfallenden kürzeren fasern (vgl. hanfwerg teil 4, 2, 435 und leinwerg teil 6, 712), die, sofern sie lang genug sind, zu werggarn versponnen werden, sonst als putzmittel, als polsterungsmaterial, zum abdichten usw. verwandt werden und in früheren zeiten auch als verbandwatte dienten: werck als von flachsz oder awerck stupa, voc. theut. (Nürnberg 1482) nn 8ᵃ; linum crassius werck, das grob am flachs Er. Alberus dict. (1540) u 3ᵇ; kauder et kuder ... stupa das werk, so vom flachs oder hanf gehechelt wird Stieler stammb. (1691) 942; das werg ... die kurzen in einander gewirrten mit fasern von den stengeln des flachses oder hanfes und unreinigkeiten vermischten fäden, welche beim hecheln und reinigen des flachses und hanfes abgehen Campe 5 (1811) 684ᵃ.
a)
in allgemeinerer anwendung:
alein ir valschen rête uns snîden,
doch kenne wir koln bî wîzer krîden,
werc und bast bî linder sîden
Hugo v. Trimberg renner 1, 31 (765) Ehrismann;
wann sy selb machte die mann aufzuͦsteigent in den soͤler irsz haus vnd bedeckete sy mit dem wercke des flachses (operuit eos stipula lini) daz do was erste dt. bibel 4, 255 lit. ver.;
vor den wybren sol man sagen
von zettlen (kette eines gewebes) und von garn intragen
und über werck und kuder (abwerg) klagen
Murner geuchmat 195 Fuchs;
wasz die nothwendigkeit fuͤr flax hin in die hand
der drejen schwestren gibt, die unser wesen spinnen,
bedaͤrfft der haͤchel noch, es finden sich darinnen
die aglen und das werck
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 126;
solle auch keiner kein haͤnfen oder flaͤchsen werck unter guten hanf verborgentlich verarbeiten qu. a. d. j. 1660 bei Fischer schwäb. 6, 1, 700; (dasz der) gegen Arabien an einem stengel wachsende flachs ... der weisseste ... in der welt sey ...; nach dem die euserste schale abgebrochen, das werg davon abgehechelt und das rohgesponnene garn gewebt worden, hat die sonne ... die eigenschafft die leinwand so weisz, als der schnee ist, zu bleichen Lohenstein Arminius 2 (1690) 186ᵃ; ... damit das marck und die guten haar von dem werck und flocken abgesondert werden P. J. Marperger beschr. d. hanffs u. flachs (1710) 9; endlich wird der flachs auch noch gehechelt. es geschieht das (hecheln) zu dem zweck, ... alles werg auszusondern Schwerz ackerbau (1882) 572; in dieser bedeutung auch mundartlich verbreitet, s. Hönig Köln 200; Waldbrühl rhingscher klaaf 219; Schmidt Westerwald 326 u. 73; Heinzerling-Reuter Siegerl. 320; Hofmann niederhess. 262; Crecelius oberhess. 907; Spiess Henneberg 281; Hertel thür. 257; Regel Ruhla 283; Schatz Tirol 700; Lexer kärnt. 256; Krausz nordsiebenbürg. handwerksspr. 1061 sowie Möller Sylt 298.
b)
in geläufigen verbindungen.
α)
(an, aus) werg spinnen (vgl. dazu: werck, werg oder heede, lat. stupa, franz. estoupe ... heiszt das gewirre und kurtze zeug, welches bey hechelung des flachses und hanffes von demselben abgehet, und solchemnach flaͤchsenwerck oder hanffen-werck genennet wird. beydes wird gesponnen und jenes mehrentheils von denen leinewebern, dieses aber von den seilern verarbeitet, Noel Chomel, öcon. lex. 8 [1757] 2323; vgl. auch Jacobsson technolog. wb. 4 [1784] 637ᵃ u. Krünitz encycl. 238 [1856] 424): das erste und gröbste werck, so von mir (hanf) abgieng, wurde zu lundten gesponnen Grimmelshausen Simpl., cont. 52 Scholte; werrig spinnen filare stoppa Kramer t.-ital. 2 (1702) 870ᵃ; werck hecheln, spinnen pettinare, filare stoppa, ebda 2, 1326ᶜ; das werg man wie den flachs an rocken, spindeln spinnet Seume kl. teutsches lex. (1733) 278;
doch spielt der kleine sohn inzwischen mit der dokke,
dasz die erwachsne magd an ihrem werge spinnt
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 131;
im bilde: da seht nur den junker, der ist von ganz anderem faden gedreht wie ihr, der reinste, feinste flachs, so rund und drall, und ihr seid nur aus werg, aus dem abgang gesponnen Tieck schr. (1828) 3, 252. werg spinnen übertragen im sinne von 'unsinn reden':
do die fursten das erfuren und horten,
ir deichseln von der stat sie kerten
und zugen naher auf einen perg
und spunnen aber ungehechelts werg,
wie sie den veinden wolten nahen
hist. volksl. 1, 335 Liliencron;
noch in moderner ma.: wärk spenn tolles zeug reden, leichtfertige oder verleumderische reden führen, z. b. de lôsen goschen spennen wärk zesummen, ê me's dä̂nkt Regel Ruhla 283; werg spinnen wirres, tolles zeug reden Hertel thür. 257; vgl. auch Borchardt-Wustmann-Schoppe d. sprichwörtl. redensarten i. dt. volksmund (⁷1954) 510. vereinzelt auch sein eigenes werg spinnen 'seine eigenen interessen verfolgen': so fiel das fürstliche grafenhaus (Kyburg), und Oestreich hatte keinen schwerdtstreich zu dessen rettung geschlagen. es spann damals sein eigen werg Gotthelf ges. schr. (1855) 15, 193; ebenfalls vereinzelt (in literarischem gebrauch) den werg verspinnen 'seine kräfte, reserven verbrauchen':
wer immer handeln will,
verspinnt zu rasch den werg
Immermann w. 15, 346 Hempel.
β)
sprichwörtliche wendungen im anschlusz an α. werg am rocken haben u. ä. 'etwas auf dem kerbholz haben, strafe zu erwarten haben, eine noch ungebüszte schuld mit sich herumtragen; in wörtlichem sinne: wirre fasern, abfallfäden am spinnrocken haben' (Borchardt-Wustmann-Schoppe sprichwörtl. redensarten [⁷1954] 509):
sy hatt gesuͦcht ain neẅe waid (ist mir untreu geworden)
vnd hatt auch werck am̄ rocken
liederb. d. Hätzlerin 85 Haltaus;
denn er hat szoviel wergk am rocken, solts angehen, er wuͤrdt auffs wenigste die hende vorbrennen, wo er anderst nicht gar vorbrente Luther 30, 3, 431 W.; dann wann das spiel recht angehen solte, so wuͤrden die geistlichen von Bayern sonsten werck genug am rocken finden, dasz sie sich also vor keinem mehr als euer churf. gnaden zu fuͤrchten haͤtten theatrum Europaeum (1562) 1, 310ᵇ; denn der giftige alte kerl hatte mancherlei werg am rocken, wie man zu sagen pflegt Pückler tutti frutti (1834) 1, 69; er hat anderes (schlimmes) werg am rocken Wander sprichw. 5, 195 (vgl. auch ebda: er hat werg a der chunkle er hat etwas unangenehmes auszufechten); in modernerer mundart: wièrek um raecken hoin in der klemme sein, se trouver dans un grand embarras Gangler Luxemburg 482; he hot werk am racke etwas verbrochen und das verübte wieder gut zu machen Schmidt Westerwald 326; 'r hat wȧrk an roggen Müller-Fraureuth obersächs. 2, 658; a hot noch alt werg am rocken ich habe noch etwas mit ihm abzurechnen Rother schl. sprichw. 179; vgl. auch Fischer schwäb. 4, 846 s. v. kunkel und Seiler Basel 310: er hett wärch a der chunkle hat etwas unangenehmes auszufechten. immer neues werg am rocken haben u. ä. (von einem vielbeschäftigten, der nichts zu ende bringt): er hat alweg new werck am rocken der nimmer keyn ruͦw, alweg ein werck an der gunckel hat, das er schwerlich abspint Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 133ᵃ (ähnlich: schöne weise klugreden [1548] 62ᵇ; Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. [1577] bb 2ᵃ; Eyering proverb. [1601] 1, 31; Dentzler clavis [1716] 349ᵃ; Aler dict. [1727] 2, 2178ᵃ); immer neu werg an der kunkel (am rocken) gibt wenig gespinst der vielgeschäftige richtet wenig aus Wander sprichw. 5, 192; er hat alweg new werck (und gespinst) am rocken (an der kunkel) der vielgeschäftige, besonders ausser seinem kreise; auch von fruchtbaren eheleuten, ebda 195 (vgl. auch: man muss neu werg erst an die kunkel hängen, wenn das alte versponnen ist ebda 192); sie haben immer neu werch an der kunkel Kirchhofer schweiz. sprüchw. (1824) 200. ähnlich in positivem sinne von neuen plänen: ich habe nun in poetisch-literarischer beziehung soviel zugeschnittene arbeit oder werg an der kunkel, dasz ich es wohl wagen kann, meine mir noch vergönnten besseren jahre damit zuzubringen (15. 5. 1876) G. Keller br. u. tageb. 3, 165 Erm.;
du! was ist es mit dir? es geht ja die rede, du hättest
neues werg an der kunkel, man rüste dir eilend die mitgift
Mörike w. ²1, 378 Maync;
gebt acht, ihr kenn (kinder), euer vater hat wieder werg an der kunkel (sinnt auf neue Münchhausiaden) O. Müller Münchhausen im Vogtland (1925) 22; auch jemandem werg an die kunkel legen, tun: wie er dem treuhertzigen pfarrer ander werck an die kunckel legte, damit er sein epicurisch leben zu corrigiren vergesse Grimmelshausen Simpl. 199 Scholte; wenn man meynt, der rocken sey bald abgesponnen, so fuͤhrt der teufel newe verworren werck daran, dasz man kein end finden kan Lehman floril. polit. (1662) 2, 651; jemandem etwas am werg zupfen 'jemandem etwas am zeuge flicken': nun wollt ihr euch rächen und der frau was am werg zupfen J. Grosse ausgew. w. (o. j.) 3, 226.
γ)
sprichwörtliche wendungen im anschlusz an a: wo du werck ausz eim hausz tregst, da wil ich keyn flachs suͦchen Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 43ᵇ (vgl. auch: wo man werg aus dem hause traͤgt, musz man nicht flachs suchen Binder sprichw. 212); kein flachs ohne werck, kein weib ohne laster Winckler 2000 gutte gedancken (1685) H 5ᵇ; hierher wohl auch werg im sinne von geld: se haͦt werg ums been (viel vermögen) Rother schl. sprichw. 364; ebda 412 auch: die zog werg aus m kitschker.
δ)
mit werg (aus)füllen, ausstopfen (zum zwecke der polsterung); kissen: culcitra lanea, stupea etc. ein pfül gefüllet mit wollen, werck etc. Faber thes. (1587) 220ᵇ; in mehr gedachten kammern hat ein jeder ein bettladen, mit sampt den matzen, das seyn bolster mit werck oder rosz vnd kuͤhhaar auszgefuͤllt Schweigger reyszbeschr. (1619) 52; kleidungsstücke: waͤmbster, die jnnwendig mit baumwollen, werck, haar oder fischbeinen dick auszgefuͤllet vnd wol vermachet seyn J. M. Meyfart christl. erinn. (1636) 217; weil sie meynen, du (gott) habest sie nicht schön genug, nicht dick genug geschaffen, sind sie da, schmincken sich und streichen ihnen eine andere farbe an, füllen die kleider aus mit altem werg, mit wolle, am bauche, an den armen, an der brust und beinen M. Möller geistr. erkl. d. evangelien (1729) 686ᵃ; bzw. haarersatz: haarwulst ... heisset ein von leinwand mit baumwolle, flachshaaren oder werck derb ausgestopffter halber umfang, mit drat auf beyden seiten eingebogen, woruͤber das frauenzimmer bey dem umbinden und aufsetzen sich die haarpuͤffe aufziehen und schlagen laͤst Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 710; eine transportkiste: innewendig soll es (ein hirschkasten) ... mit werck und haar ausgestopffet seyn H. v. Fleming teutscher jäger (1719) 235; in metaphorischer anwendung: aber in dieser bangigkeit ... was thut Hamlet? er füllt die erwartung mit unnützem werg aus. er hält eine anthropologische vorlesung ... und stellt nüchterne betrachtungen über das zu viele trinken an Börne ges. schr. (1829) 2, 191.
ε)
mit werg verstopfen, zustopfen (fugen, ritzen, öffnungen): zum ersten wo kluͤmsen in holtzwerck bey den thoren waren, das verstopfften sie mit werck, lumpen vnd bech buch d. liebe (1587) 219ᵃ; werck (das) kauder, das ausgehechelte von flachs oder hanff; warck, werrig oder werg, womit man ritzen verstopffet, tovv, hards of flax or hemp Ludwig t.-engl. (1716) 2451; mit werg zustopfen étouper Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1037ᵃ (vgl. auch Roux neues t.-frz. wb. [⁹1796] 717ᵇ); wenn die lunte (in einem geschütz) aufgeschlagen werden soll, wird an alles volk wachs und werg verteilt, dasz es sich damit die ohren verstopfe (erzählte ein landsknecht in einer tischrunde) W. Raabe s. w. I 4, 11 Klemm; wir verstopften hierauf die fensterfugen mit werg Rosegger schr. (1895) I 8, 74.
ζ)
mit werg (als putzmittel) abreiben, abscheuern, (heraus)wischen: wenn ... wasser ins rohr kommt und nicht wieder mit werg ... herausgewischt ... wird Döbel jägerpract. (1754) 4, 52; zuletzt kommen die tafeln auf eine stunde in eine beize von sehr verdünnter schwefelsäure, worauf sie mit werg und feinem sande abgescheuert und bis zum verzinnen in reinem wasser aufbewahrt werden Karmarsch-Heeren techn. wb. (1844) 3, 612; so wie die bleche aus dem zweiten zinnbade kommen, werden sie rasch auf beiden seiten mit werg abgerieben ebda; nach 3—4 stunden wird der lauf mit ziegelmehl und werg abgerieben ebda (³1876) 1, 738.
η)
werg (als besonders leicht brennbares material) anzünden, entzünden: nam derselb pfarrer flasz und werck und zünde das an (1445) städtechron. 3, 363 (Nürnberg); verbande er haimlich ainen gelügenden zunder in das wercke, dar von es bald enzündet gantz an huͦb zebrinnen Niclas v. Wyle translationen 269 Keller; item wan man ein bapst krönt, so ist einer der hat ein grossen kugel werck vnd das zünt er an, verbrent es vnnd schreiet: o heiliger vater, also zergat diser welt glori J. Pauli Keisersbergs narrensch. (1520) 76ᵃ; wenn der schutz wird sein wie werch vnd sein thun wie ein funcke, vnd beides miteinander angezundet werde, das niemand lessche Jes. 1, 31; sed cum quidam cardinalis illum praecederet, hatte werck an einer stangen vnd zundet es an Luther tischr. 3, 386 W.; da was ein bischoff, der hat ein stecken in der hand und daran gebunden ein puͤscheli werck, das zuͤndt er an (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 89; also soll in der verdammnis der falsche prophet als ein funcke das thier als ein werg anzunden Petersen d. vorhut d. herrl. reiches Jesu Christi (1693) 1, 41; darauf brachte sie ein büschel werg herbei, nahm ein wenig davon, drehte ein küglein daraus ... darauf nahm die drude einen fichtenen span, zündete all die häuflein an und sprach: wer mir zuerst nachfliegt, sei diese nacht mein bettgenosz Musäus volksmärchen 3, 75 Hempel; denn viele männer und knaben hatten sich nicht allein mit ihren fackeln hie und da aufgestellt, sondern auch grosze haufen von werg an verschiedenen orten angezündet. als ich nun in den so erhellten zaubersaal hineinblickte, war es allerdings ein befremdender anblick Gregorovius wanderjahre i. Italien 2 (1904) 139.
θ)
dazu brennendes, feuriges, feuerfangendes, vom feuer verzehrtes werg: die rotte der gottlosen ist wie ein hauff wergs, das mit fewr verzehret wird Jes. Sir. 21, 10; s. auch H. Sachs 19, 86 lit. ver.; auch ist in des raht Ramlers hausz (in Neu-Kölln a. Wasser) feuerfangendes werck gefunden (1715) Berliner geschrieb. zeit. 47 Friedländer; besonders aplaudirten meine lands leute die teufel, die mit dem brennenden werg so gut umzugehen wusten, dasz kein unglück damit geschahe (14. 9. 1781) frau rat Göthe an Anna Amalia 1, 104 Köster; im bilde: Kym, der andere scholastiker, hat sich mit seiner fakultät wegen eines doktoranden in einen handel verwickelt und friszt nur noch glas und feurigen werg (22. 5. 1873) G. Keller br. u. tageb. 3, 63 Erm.
ι)
ein bart von werg, ein fell von werg (werg als haar- bzw. fellersatz zu verkleidungszwecken): ei teufel noch einmal, er ist's, hat ihm vielleicht einen bart von werg umgebunden Handel-Mazzetti Jesse u. Maria (1911) 95 (vgl. dazu: er ... hakte das ... stück werg, das ein falscher bart war, über die ohrwinkel Fontane ges. w. I 6 [1905] 91); auch die tierfabel wurde in diesem sinne in scene gesetzt, da eine gewaltige krähe erschien, die sich mit pfauenfedern schmückte und quakend umherhüpfte, ein wolf, der sich einen schafspelz zurecht schneiderte, schlieszlich ein esel, der eine furchtbare löwenhaut von werg trug und sich heroisch damit drapierte, wie mit einem carbonarimantel G. Keller ges. w. 5 (1889) 41.
c)
in medizinischer fachsprache, besonders des 16./17. jhs. (ein) werg für ein stück wergmasse zu einem wundpflaster: do knúwet ain engel vor ir und hat ein himelfarwes werkli in siner hand und lait ir es gar zartlich in die wunden Elsbet Stagel d. leben d. schwestern zu Tösz 64 Vetter; vnd strych es (die salbe) vff ein henffen werck vnd leg es dem kind vff den nabel (1513) Eucharius Rösslin d. frawen rosegarten 92 Klein; so nim eyerclor vn̄ ruͤr disz puluer dorunder, vnd netz dann ein werck od' ein baumwoll dorinn, vnd leg es vff die wunden Gersdorff wundarzney (1517) 29ᵈ; so sol man vf das guͦt flaisch, das da wechszt, werch legen Mynsinger v. d. falken, pferden u. hunden 76 lit. ver.; nim (weihrauch u. a.) ... bisz er wuͤrdt wie ein brey, streichs auff ein dicks tuch, leder oder haͤnffin werck, legs vber den schmertzen, wo er ist Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 5; netz werck darein und legs vber den schaden Seutter hippiatria (1599) 83; nimm ein reines werck, leg es in eyerklar, thu es in die wunde und bind es wohl mit einem tuch M. Böhme roszartzney (1618) 13; und binde es ihm (dem 'vernagelten' pferd) auff. oder auch brandtewein mit werck Walther pferde- u. viehzucht (1658) 71.
2)
im gegensatz zu bedeutung 1 auch für 'flachs' bzw. 'hanf'.
a)
als lebendige pflanze.
α)
'flachs, linum usitatissimum'. in dieser bedeutung in zwei geschlossenen gebieten des schwäbischen sprachraumes (s. Fischer schwäb. 6, 1, 700 f.): mit pflantzung werkhs, erzeugung thuchs qu. a. d. j. 1584 bei Fischer schwäb. 6, 1, 701; weil heuer die werkher sehr schön stehen qu. a. d. j. 1708 ebda; in moderner ma.: 'wenn's in der fasnaᶜʰt sterneⁿ hat, gᵉratᵉt's werg' und ähnl. redensarten bei Fischer a. a. o.
β)
'hanf, cannabis sativa L.': alem. werch, luxemburg. wiêrek bei Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 777; auch für galeopsis ladanum L.: luxemburg. wel wierek (wilder werg) bei Marzell a. a. o. 2, 546.
b)
als zur verarbeitung bestimmtes landwirtschaftliches produkt, 'flachs' bzw. 'hanf' (nicht 'flachsabfall' wie unter 1 !). in dieser bedeutung in der Schweiz und in südwest- und westdeutschem sprachgebiet belegt:
wirt der hanf gespunnen,
wir (die vögel) mügen kûme entrunnen,
sô wir nâch unser spîse varn.
wand ûz dem werke wirdet garn
Boner edelstein 23, 14 Pfeiffer;
do die swoͤstran gemainlich in den hof wurden gende, daz sú daz usgelochen werk rifletin Seuse dt. schr. 137 Bihlmeyer; welcher im huͦss ... we(r)ck dorte, ist die strauf 1 pfd. haller qu. a. d. 14. jh. bei Fischer schwäb. 6, 1, 699; besunder setzen wir flechserin, die werke pluͥwent, brechent, schwingent oder machent d. rote buch d. st. Ulm 181 Mollwo;
ein brech, eyn hechel, die ist vol agel
do mit machstu das werck vnd den flasz reyn
kunckelen vnd wirten vnd spindlen kleyn
(1514) Straszburger ged. v. hausrat b 1ᵃ Hampe;
w. in den eefen deren oder bei dem liecht schwingen qu. a. d. 16. jh. bei Fischer schwäb. 6, 1, 700; ir arbeit ist meistteils in flachs oder, wie si es nennend, in werch und gespunst J. v. Watt chron. d. aebte 1, 3 Götzinger; ja wohl maͤhrlein, sagte ein altes rabenstuͤck, so eine haͤchel zwischen denen beinen hatte und das werck dadurch zoge Zendorius teut. winternächte (1682) 56; katzeⁿ liegeⁿt wohler im w. als im garn sagen die faulen weiber, die noch nicht gesponnen haben Fischer schwäb. 6, 1, 700; wearg 'flachs' Kuen oberschwäb. 54; wärch, flachs oder hanf, wenn er noch nicht gehechelt ist, doch meistens ungehechelter hanf Stalder schweiz. id. 2, 434; werch (werk) flachs, der noch nicht gesponnen ist Tobler Appenzell 446ᵃ; wërch die sowohl grünen als dürren hanfstengel als sammelname Hunziker Aargau 293.
3)
material zum kalfatern (s. teil 5, 64) von schiffen, meist aus altem tauwerk gezupft: werk, womit die schiffe gedichtet werden, wird gemeiniglich von ausgerissenen tauen gemacht und in pech getaucht, womit alsdenn die fugen an einem schiff gedichtet werden Fäsch kriegslex. (1735) 999ᵃ; werg etoupe, wird gemeiniglich von alten tauen gemacht, welche man aus einander wickelt und zerfaset, schlägt, siedet und darauf wieder an der sonne oder in einem ofen trocknet, nachgehends wird es ganz los, in der dicke eines arms zusammen gesponnen und zu dichtung der fugen eines schiffs aufgehoben Eggers kriegslex. (1757) 2, 1342; werk (schiffahrt) altes aufgedrehtes tauwerk zum kalfatern Jacobsson technolog. wb. (1781) 8, 190ᵇ; werg ein abfallprodukt des flachses, das beim hecheln gewonnen wird. es wird als dicht-material in geteertem zustande im holzschiffbau, für decks usw. verwendet. vielfach wird dieses dichtmaterial auch aus altem tauwerk gezupft und dann (fälschlich) werg genannt Eichler v. bug z. heck (1938) 483; in der bedeutung 'zerpflücktes tauwerk zum kalfatern' mundartlich in küstengegenden verbreitet, s. brem.-nieders. wb. (1771) 5, 195; Mensing schlesw.-holst. 5, 528; Stürenburg ostfries. 325; Frischbier pr. 2, 464ᵇ; Schemionek Elbing 44; mitunter auch aus ausgehecheltem werg (= werg 1), vgl. o. Eichler und 1 b ε: stoppa di lino ò di canope werck von flachs oder hanff ... stoppaci, stoppa grossa grob werck die schiff damit zustopffen Hulsius (1618) 2, 396ᵇ; werg, heede der grobe und verworrne abgang vom hanfe und flachse, welcher bey dem hecheln desselben in der hechel haͤngen bleibt ... sehr viel aber wird von dem hanfnen werg zum kalfatern der schiffe verbraucht Jacobsson technolog. wb. 4 (1784) 637ᵇ; werg ist das ausgehechelte material des hanfes und flachses, welches zum calfatern, d. h. stopfen der aͤuszern hoͤlzernen zusammensetzungen der schiffe dient, damit kein wasser eindringen kann Hübner zeitungslex. 4 (1828) 916ᵃ.
4)
in botanischer fachsprache.
a)
flockiger oder verfilzter pflanzenteil: stuppa werg ein wolliges verworrenes gewebe bey octospora F. S. Voigt hdwb. d. botan. kunstspr. (1803) 184; werg stuppa; steife verworrene haare bilden den werg Röhling flora (1823) 1, 94; stupa das werg ein flockiges oder verfilztes gewebe aus fädigen zellen, im innern mancher flechtenlager, wo es die sogenannte markschichte bildet Bischoff wb. d. beschr. bot. (1839) 199 (ähnlich: Behlen forst- u. jagdkde. [1840] 6, 381); werg in der botanischen terminologie, so viel als stupa, stuppa Krünitz encycl. 238 (1856) 424.
b)
als bestandteil eines pflanzennamens: unser frauen werg, auch nabelkraut genannt (linaria) M. R. Buck med. volksglauben a. Schwaben (1865) 31.
5)
'in der landwirtschaft, so viel als bast' (Krünitz encycl. 238 [1856] 424): unter diesen (arbeiten) ist eine der fürnehmsten, durch beysetzung gerader stoͤcke und mit wercke junge baͤume zu zwingen, dasz sie ... gerade wachsen Lohenstein Arminius (1689) 2, 754ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1958), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 312, Z. 34.

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Zitationshilfe
„werg“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werg>.

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