Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werkmeister, m.

werkmeister, m.,
ahd. werahmeister, wercmeister (s. u.); an. verkmeistari (als name); aschwed. værkmæstare, schwed. verkmästare; adän. værkmestere, dän. værkmester; äengl. (16.—19. jh.) workmaster; mnd. werkmēster, mndl. wercmeester, ndl. werkmeester. der gebrauch im englischen steht wohl unter (m)ndl., im nordischen unter (mn)dt. einflusz. im hd. ist die zusammensetzung seit ahd. zeit zu belegen, wenngleich erst seit dem mhd. in verschiedenen anwendungen geläufig, dabei an verschiedene bedeutungen von werk anknüpfend.
1)
besondere anwendungen der älteren sprache, die im neueren dt. allmählich unüblich werden.
a)
handwerksmeister; opifex (15. jh. Diefenbach gloss. 397ᵇ, nov. gloss. 272ᵃ), faber (14. jh. Diefenbach gloss. 221ᵃ): nonne hic est fabri filius? eno nist these uuercmeistares sun? (Matth. 13, 55) Tatian 78, 3 Sievers; item 5 firdung dem werkmeister und 2 knechten zerunge, dy do arbeyten sullen an den molen zu Drauwenburg, am donrstage vor Philippi et Jacobi Marienburger tresslerb. (1399—1409) 111 Joachim; subtylen hantwerckern als ... werckmeistern zymer hantwercks ... (gibt man den titel) ersamen kunstrychen meister Riederer rhetoric (1493) o 4ᵃ; an der arbeit sihet man den fleis des werckmeisters Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) a 2ᵃ; ein werckmeister kan nichts in seinem werck machen, er musz seine instrumenta haben Lehman floril. polit. (1662) 2, 705; (Vulkan,) der gott aller künstler, der nur als ein werkmeister bei seiner arbeit vorgestellt werden konnte, war eines hohen ideals unfähig Herder 17, 360 S.; da raffte der werkmeister den hammer und meiszel zusammen und ging fort, dasz nun der eichene sarg ohne namen unten stehen musz Stifter s. w. 2 (1908) 64; parkettleger der residenz, die gartenkünstler und werkmeister für heizungsanlagen und beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige arbeit diesen sommer und herbst Th. Mann königl. hoheit (1953) 198. im mnd. auch 'innungsvorsteher, altermann': dat vor vns komen zynt de olderlude Hinrik Wlser vnde Hinrik van deme Sunde des zuluen amptes, ok werkmeyster der schumaker (14. 6. 1424) urk.-b. st. Lübeck 6, 594.
b)
zeug-, baumeister, künstler; artifex (10./11. jh., ahd. gl. 1, 557, 45 St.-S.), architectus (12. jh., ebda 1, 762, 6 u. 3, 139, 36): eyn wisir werkmeister ... wart, wi er ein bilde gesetze (artifex sapiens quaerit quomodo statuat simu lacrum) (um 1350) Claus Cranc prophetenübers., Jes- 40, 20 Ziesemer; die obgenent werkmeister so ze Louppen. (in burg und stadt Laupen) inne warent, hielten sich manlich und bruchten ir kunst meisterlich, mit iren werken und gezüge ... schedigoten si die usren (feinde) an irem gezüge und letzten mengen man (um 1420) entwicklungsgesch. d. dt. heerw. 2, 1, 85 Frauenholz; auch soll der schaffer das zimmerholtz, das der stat walthawer zu der stat pewen herein antwort, eigentlichen mercken und ab zelen mitsampt der stat werckmeister dem zimmermann, als oft des nöt ist (um 1470) Tucher baumeisterb. 33 lit. ver.; darumb so sol man wol etwâ nach grossen meistern schicken in fremde land das sie das fundament besehen, die heissen architecti werckmeister Keisersberg brösamlin (1517) 2, 21ᵃ; werckmeister der kriegsruͤstungen machinator bellicorum instrumentorum Maaler teutsch spraach (1561) 489ᵇ;
fuͤrst Hector eylet weiter fast
vnd kam in Paridis palast,
der herrlich schoͤn gebawen war,
durch kuͤnstliche werckmeister klar
Spreng Ilias (1610) 78ᵃ;
im übrigen gehören allhierher fast alle werck und kunstmeister, die nunmehr so hoch kommen, das fast keiner unter ihnen ist, der auch nicht solte menschen-bilder machen Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 235; mechanicus ein kuͤnstler, kuͤnstlicher handwercksmann, werckmeister durch dessen wissenschaft und angeben allerhand kuͤnstliche machinen und instrumenta verfertiget werden Sperander hdlex. (1727) 371ᵇ; die weiblichen figuren, die ... in lebhaftester bewegung ... enteilen, wodurch sie in linien des körpers ... unter der so kühnen als erfindungsreichen hand des werkmeisters eine fülle von schönheiten entwickeln Welcker denkm. (1849) 5, 247; der alte deutsche berufsname Parler, der den werkmeister bedeutet W. Pinder d. kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 95. vgl. werkmeisterei, -lich und -schaft. zuweilen wird auch der werkmeister vom rechten baumeister (architekten) unterschieden: wiewol solche gemeine ding einem werckmeister befohlen werden moͤchten, darmit der recht baumeister oder architectus seiner geschefft desto basz warten moͤcht Fronsperger kriegsbuch 2 (1573) 24.
c)
verfasser, bildner, urheber, schöpfer (eines werkes); besonders auf gott bezogen (s. auch unter werkmann [3]): dar der herr sine werck künne mit dir gewircken, den solt du ouch allewegent werckmeister lon sin und ime dinen eigenen willen uf geben (um 1400) Schürebrand in: zfda. 57, 239 (vgl. Tauler pred. 238, 18 Vetter);
ein jede creatur vermeldt
gott den werckmeister vnd kunstbarn held
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) V 7ᵃ;
in der 4. abhandlung beweist der herr verf., dasz ein werkmeister vorhanden sey, der die welt hervorgebracht anmuth. gelehrs. (1754) 858; was hat denn der unergründliche werkmeister vor mit dem goldkorne, mensch, das er an einen wüsten felsen klebt ...? Stifter s. w. 1 (1904) 58. doch auch sonst oft gebraucht: alles, dz wir sehen in himel vnd erden, dz gibt dem schöpfer gezügnusz, recht wie ein werck gezügnusz gibt synem werckmeister (1492) Stephan Fridolin dt. pred. 70 Schmidt; das von jren werckmaistern gezweyfelt wurd, vnd noch nit allenthalben beschlossen, weer oder welcher sy geschrieben oder gemacht Carlstadt wielche biecher biblisch seind (1520) c 1ᵃ; darumb machet er (gott) auch einen unterscheid zwischen diesem schoͤpfer (Christus) und allen andern, die etwas machen. er ist weit ein ander wircker denn ein leiblicher werckmeister, der sterblich ist (1537) Luther 46, 561 W.; ist Lucifer dann nicht ein werckmeister, geschwind zu formieren ein leib, der ihn zum werckzeug dient? Treuer Dädalus (1675) 1, 464; der erste gedancke, der einem dichter in den sinn koͤmmt, der ein episches gedicht unternehmen will, ist dieser: ein werck zu verfertigen, das den geist seines verfassers verewigen soll: dis ist der endzweck des werckmeisters Ramler einleitg. (1756) 2, 126; er (Moses) nahm einen armen hirtenstamm und schuf daraus ein volk ... wie über den werkmeister, hab' ich auch über das werk, die Juden, nie mit hinlänglicher ehrfurcht gesprochen Heine s. w. 6, 55 E.; in diesem sinne ist die geschichte Caesars und des römischen Caesarenthums bei aller unübertroffenen groszheit des werkmeisters, bei aller geschichtlichen nothwendigkeit des werkes, wahrlich eine bittrere kritik der modernen autokratie, als eines menschen hand sie zu schreiben vermag Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 462; so entstand die bundesacte, und nie ist ein vollendetes werk von seinen werkmeistern mit trübseligeren worten begrüszt worden Treitschke hist. aufs. (1886) 1, 171. oft mit genitivischer bezeichnung des hervorgebrachten, geformten oder bewirkten: sihe da ynn diszem (achten) gepott: sihstu aber klarlich, das der glawb müsz seyn der werck meyster diszes wercks (1520) Luther 9, 300 W.; das hültzen rossz, welches werckmaister Epeus genant gewesen (dazu am rande: Epeus werckmaister des hültzen rosz, dardurch Troia zerstoͤret) (1537) Schaidenreiszer Odyssea 116 Weidling; werckmeister vnd schoͤpffer der gantzen waͤlt Frisius dict. (1556) 919ᵇ; dieweil ich selbsten der werckmeister meiner vnehr gewesen (um 1617) schausp. d. engl. comöd. 322 Creizenach; der h. geist ist der seele werkmeister gewesen und hat die geschaffen Jac. Böhme s. w. 6, 57 Schiebler; der mund ist ... der werkmeister der worte Harsdörffer poet. trichter 3 (1653) 354; der, welcher mich glücklich machte, ist ... der werkmeister meines unglücks? theater der Deutschen (1768) 4, 86; sonst übernähme wohl keiner eine undankbarere arbeit, als der werkmeister eines wörterbuchs solcher art (der schönen künste) Herder 5, 378 S.; das verdanken beide aber dem groszen werkmeister der menschlichen facultäten, dem in unseren tagen so hart geschmähten und doch, wie es scheint, nirgends im uebermaasz vorhandenen verstand Hebbel w. 12, 163 Werner.
d)
'titel des ersten, von der gemeinde selbst gewählten beamten bes. städtischer gemeinwesen, dem burgermeister anderer orte entsprechend' (schweiz. id. 4, 534): do kam Hans Köderli ze den ziten werchmaister ze Chur mit sinem fürsprecher, von des ratz wegen ouch herfür (um 1370) stadtordnungen von Cur, in: cod. dipl. z. gesch. Cur-Rätiens 3, 209 Moor; als ich (als schulmeister) von stattvogt, werchmeister und ganzem rat urlob erlanget qu. d. 16./17. jhs., in: schweiz. id. 4, 534; dann er schriebe sich don Rodrigo de Calderone ... schrifft-bewahrer der cantzeley zu Valladolid, oberster werckmeister derselben stadt J. Ph. Abelin theatrum Europaeum (1652) 1, 614ᵃ; die stadt (Zürich) ... behielt das recht, ihren werkmeister (bürgermeister in spätern zeiten) selbst zu wählen Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 37, 96.
e)
bei Luther für die katholischen gesetzeslehrer und werkheiligen: ... das derselb (glaube) gottis kinder mache; das sind treffliche wortt unnd streytten gewaltig widder die werckmeyster und gesetzlerer ... die werckheiligen (1522) Luther 10, 1, 1, 228 W. (vgl. ebda 10, 3, 367); sonst nur vereinzelt als bezeichnung der katholischen: darumb ist es nicht von notten, das ich solch nerrisch phariseisch und kindisch ergernis forchte der werckmeisternn (gegen das päpstliche verbot der priesterehe) Ä. Mechler apologia 243 Clemen.
2)
dem neueren dt. wird werkmeister vor allem im sinne von 'werkführer, leiter der arbeit in einer werkstatt' geläufig; ansätze finden sich bereits im mhd. (s. auch Lexer 3, 774):
in (den Juden) wrdin werch meistir gegebin,
die si mit slegin ze wercke tribin:
so si mit ruͦwe belibin,
si sluͦgen si vil sere.
mit unguͤtlichir lere
namen die werch meister hie
undir meistir ubir sie,
die ir geslehtis waren
(um 1250) Rudolf v. Ems weltchronik 8451/8456 Ehrismann u. ö.;
als ein werkmeister der vil junger und amtlúte under im hat, die wúrkent alle nach der anweisunge des meisters und enwúrket selber nút Tauler pred. 158, 9 Vetter; früh auch lexikographisch bezeugt: curator operis, monitor ein auffseher, anschaffer, werckmeister Golius onomast. (1579) 187; werchmeister prœfectus laborum Duez dict. (1664) 669ᵇ; werkmeister (bäcker) der erste geselle in einem backhause, der vorzüglich die arbeit vor dem ofen verrichtet und das feuer in demselben, so wie überhaupt das ganze regieret; überhaupt versteht man unter dem namen eines werkmeisters sowohl in den manufakturen und fabriken, als auch bey andern handwerkern diejenige person, die das ganze der arbeiten regieret und anordnet Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 638ᵃ; literarische zeugnisse mehren sich erst seit dem 18. jh.: da stiegen die unsrigen vom wagen und giengen in die (schwefel-)huͤtten, allwo sie den darinnen stehenden werckmeister ... und seinen arbeitern einen gluͤckseeligen morgen anwuͤntschten Ettner v. Eiteritz med. maulaffe (1719) 898; er erinnerte sich genau, schon bei dem eintritte des werkmeisters (des werkführers im steinbruch seiner mutter) erwacht zu sein G. Keller ges. w. (1889) 4, 168; um werkmeister für maschinenbauanstalten, spinnereien, maschinenwebereien etc. zu bilden Karmarsch gesch. d. technologie (1872) 73; in Deutschland sind jetzt krankenversicherungspflichtig die betriebsbeamten, werkmeister, techniker, handlungsgehilfen und lehrlinge A. Manes versicherungslex. (1909) 920; dieser Christoph Mahr stand nun dankend und pfeifend auf dem glockenhof zwischen dem gesellen August Zeise und dem werkmeister Brümmer Kluge Christoph Mahr (1934) 9; werkmeister für dreherei mit speziellen kenntnissen in der fertigung von messing-kleinarmaturen gesucht Berliner zeitungen a. d. j. 1957; wir suchen zum baldigen eintritt einen werkmeister für eine abteilung unserer seekabelfabrikation ebda 1958. als moderne definition findet sich: werkmeister in vielen berufen vorkommende, die aufstiegsstellung in einem industriebetrieb kennzeichnende bezeichnung für eine art von technischem angestellten ..., der im wesentlichen dem meister in einem handwerksberuf entspricht und in seiner praktischen berufstätigkeit aus der erfahrung des eigenen fachlichen könnens in seinem beruf den ihm untergebenen arbeitskräften fachliche, praktische und theoretische meisteranweisungen gibt und auszerdem mannigfache betriebstechnische und -organisatorische funktionen hat Molle wb. d. berufsbezeichnungen (1951) 221.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 385, Z. 31.

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Zitationshilfe
„werkmeister“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werkmeister>.

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