werkstatt f.
Fundstelle: Lfg. 3 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 396, Z. 51
seit dem späten mhd. bezeugte bezeichnung der arbeitsstätte, die ältere namen wie werkgadem, -haus allmählich verdrängt, bald aber selbst von werkstätte und -stelle bedrängt wird. der plural ist wie beim simplex statt (s. teil 10, 2, 1, 957) im nhd. unüblich; als vereinzelte belege finden sich (über die dativischen pluralformen s. u. werkstätte): wilche tzyt die ire werckstedde reynigetin (wohl plural von werkstatt, nicht singular von werkstätte, vgl. die dry stedde ebda 405, wenngleich die stad Franckenberg auch als die seligin stedde Franckenberg 387 erscheint) (anf. 16. jh.) Wigand Gerstenberg chron. 399 Diemar; die schulen seyn werckstaͤtte der gottseligkeit Sandrub hist. u. poet. kurzweil 18 ndr.; darinne haben etliche handwercksleut jhre werckstett Schweigger reyszbeschr. (1619) 53; bauete schon zuchthäuser und werkstätte Grimmelshausen vogelnest 23 Scholte; viel schoͤne werck-staͤtte antrifft Hohberg georg. cur. aucta (1682) 1, 68; deren felder öde, deren werkstätte verlassen werden sollten Klinger w. (1809) 4, 150; baut dem betruge geheime tempel und werkstätte Bode Montaigne (1793) 1, 386; Nürnberg und Augsburg blieben lange die vornehmsten werkstätte (der Nürnbergischen eier) Fr. Th. Schubert verm. schr. (1823) 4, 317 (ein weiterer beleg ebda 2, 187). will man nicht den plural von werkstätte (s. dort) gebrauchen, so werden bisweilen zusammensetzungen wie werkstattbetriebe (Alten hdb. f. heer u. flotte [1909] 4, 697) als plural genutzt. mundartlich ist werkstatt für Barmen, Elberfeld, Cronenberg (bei Solingen) und für weite teile des md. und obd. sprachgebiets bezeugt, stellenweise bis zur einsilbigkeit verschliffen (formen wie wärkscht Jecht Mansfeld 121; wargsͮd Gerbet Vogtl. 274), während im nordfries. und nd. die form werkstätte bevorzugt wird (in varianten wie warkste̹d Mensing schlesw.-holst. 5, 529; warkstêe Schambach Göttingen 287; wie̜rksͮtidə Martin Rhoden 284; werkstîe Woeste westfäl. 320).
1)
'arbeitsstätte der handwerker, (fabrik-)arbeiter sowie der bildenden künstler' (vgl. komposita wie tischlerwerkstatt); officina, laboratorium, fabrica, artificina (15. jh. Diefenbach gloss.): item 3 m. 5 scot minus 10 den. vor 15 und 100 steyne zu furen of dy werkstat Marienburger tresslerb. (1399—1409) 532 Joachim;
er (der goldschmied) sprach: 'gnad her, ich wil euͤch sagen'
do ich sasz in meyner werckstat,
der pfarrer zu mir eintrat ...'
(15. jh.) pfarrer v. Kalenberg 73 ndr.;
vff ein zeit wonte ein kürszner zuͦ Berlin, der wz ... rych vnd hielt ein guͦte werkstat Eulenspiegel 85 ndr.; in des schusters werckstadt (1537—40) Luther 47, 597 W.; solchs schneiders, sag ich, stuben und werckstat lag voller wahr zu verarbeiten Kirchhof wendunmuth 2, 179 Ö.; auch den schuestern, satlern, riemern und dergleichen hantwerchsleiten ... merers nit, dann was jeder zu nottürftiger versechung seiner aignen werkstat bedürftig, zu kaufen verstatt werden soll (17. jh.) österr. weistümer 2, 28; wie aus eines kunstreichen bildhauers werkstat Butschky Pathmos (1677) 400;
wie wenn ein handwerks-mann auf seiner werkstatt sitzet
und lehrling und gesell in scharfer arbeit schwitzet
poesie d. Nieders. (1721) 1, 291 Weichmann;
auch im neueren dt. noch durchaus geläufig: der bildende künstler ... ist meist auf eine einsame werkstatt beschränkt Göthe I 47, 30 W.; solche gedanken habe ich immer in meiner werkstatt gehegt, und gott sei dank! sind meine uhren stets gesucht Brentano ges. schr. (1852) 5, 338; so sieht man im geiste den meister immitten einer groszen werkstatt und von ausgezeichneten, zahlreichen schülern umgeben Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 40; der (schmiede-)meister war eben dran, seine werkstatt abzuschlieszen Kluge Christoph Mahr (1934) 135. zuweilen ausdrücklich von fabrik unterschieden (s. auch unter werkstätte): manche meiner genossinnen kamen aus der werkstatt und der fabrik Lily Braun memoiren e. sozialistin 2 (1911) 227; doch auch für eine kleinere fabrik gebraucht: porcellan-fabric die werkstatt, officin, wo das porcellan-geschirr gemacht wird Belemnon cur. bauern-lex. (1728) 144; herr Hessling wünschte, dasz Diederich die ferien benütze, um in der väterlichen werkstatt den gang der papierverfertigung kennenzulernen H. Mann untertan (1949) 28.
2)
nicht selten spricht man auch von der werkstatt eines apothekers, chronisten, dichters, komponisten, schauspielers, totengräbers u. a.: welche vermessenhait ich fürnemlich geschöpft hab ausz deiner angepornen güete, damit du piszheer noch nichts, das ausz meiner (des chronisten) werkstat komen were, verschmecht hast (1516) Christoph Scheurl ep. üb. d. verf. d. reichsst. Nürnberg, in: städtechron. 11, 804; die (apotheker-)werkstatt (hatte) umb essenszeit offen gestanden Zimmer. chron. ²2, 318 Barack; die werden sennen genennt, jre wonungen vnd werckstatt aber sennhütten Stumpf Schweizer chron. (1606) 291ᵇ; solcher närrischen dauben und grillen ersanne ich täglich einen uberflusz, weil es meines (des narren) handwercks war, so dasz man meine werckstatt nie läer fand Grimmelshausen Simpl. 157 Scholte; und ist ihnen besser, es werde ihnen eine kugel durch die haut gejagt, als das sie vielleicht den hencker ... solten seine werckstadt ziehren J. Döpler theatrum poenarum (1693) 502; weil ich damahl frisch aus dem grabe kame, so ist sich nicht zu verwunderen, dass der erste, so mir begegnete, ein todten-graͤber ware, welcher dahin kame um seine werckstatt der faͤulnis zu versorgen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 9; um so lehrreicher sind die wenigen ... beispiele, welche uns in seine (Mozarts) werkstatt führen O. Jahn Mozart (1856) 1, 599; wie gerne, wenn ich könnte, würde ich zu ihnen (anrede) eilen, um in dem lieben haus über dem see, in der traulichen werkstatt selber den meister sein werk vortragen hören (13. 7. 1885) J. Rodenberg an C. F. Meyer, in: s. br. 204 Langm.; aber nicht nur gingen die liebesleute liebenswürdig und im tode erschütternd aus seiner (des schauspielers J. Kainz) werkstatt hervor, seine seele vermochte auch in anderen empfindungen aufzuwirbeln F. Gregori Josef Kainz (1904) 56; (er sah,) dasz durch die rolladenritzen von herrn Mösingers (des drogisten) laboratorium noch ein unruhiger lichtschein drang. er klopfte an; die erleuchtete werkstatt gab ein dumpfes pochen zurück Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 169. scherzhaft sogar: ich hort einist von eim das im einer fünff pfening wolt geben, er solt im ein mesz leszen, da sprach er ich mag es kum in der werckstat selber darumb haben Keisersberg brösamlin (1517) 1, 92ᵃ.
3)
das schon bei 2 ersichtliche bestreben, werkstatt auf alle möglichen stätten schöpferischen wirkens zu übertragen, wird in anderen anwendungen noch deutlicher.
a)
man spricht von der werkstatt der wissenschaft (universität), der werkstatt eines volkes (z. b. Deutschland), gottes, der natur, der geschichte, des geistes u. dgl.: in deiner werkstat sahen wir dich ein edel gewant von regenbogen wurken; darein wurden engel, vogel, tier, fische vnd allerlei wurme gestalt (1400) Joh. v. Saaz ackermann 21 Hübner; wer aber sach, das die vnuerstendigen die anzaigten verwanlichen vrsachen nicht woͤlten annemen, sunder verachten vnd verspotten, die moͤgen ir bebegreiflikait laiten in die werckstat der natur J. Grünbeck spiegel aller trübsal (1508) C 1ᵃ; ich (Maria) byn nur die werckstat, darynnen ehr (gott) wirckt (1521) Luther 7, 575 W.; ein weib ist unsers herr gotts werckstadt (1527) mon. germ. päd. 21, 82, 1; dann es wircken die sterne nicht nach jhrer wahrhafftigen grösse, sondern nach dem augenmaass, nach dem jeder gross scheinet allhie auff erden, allda die werckstatt zu solcher wirckung ist Kepler opera 1, 582 Frisch; durch was erkennen wir die seele im menschen? durch ihre werckstatt, den leib D. v. Czepko geistl. schr. 67 Milch; nebst einem hertzlichen wunsche ..., dasz ... unsere weltberühmte Friedrichs-universität ... eine vollkommene und blühende werckstadt sey, wo man nützliche und galante wissenschafften treibet bisz an der welt ende J. G. Neukirch anfangsgründe (1724) 906;
wenn wir dich, o vater, sehen
in der werkstatt der natur
stoffe sammeln, lösen, binden,
als seist du der schöpfer nur
Göthe I 4, 259 W.;
es ist mithin hier kein anderer rath, als dasz sie (Schreyvogel) ihre grundidee von neuem in der innern werkstatt bearbeiten (6. 5. 1817) Müllner in: jahrb. d. Grillparzerges. 3 (1893) 246; ich glaube, dasz keine stadt so mich anregen würde als Rom, Neapel ausgenommen durch sein paradies herum, da man dort in die werkstatt der geschichte eintritt (1837) Emma Förster br. (1889) 101; Deutschland ... seit 1870 zu einer gewaltigen industriellen werkstatt entwickelt ... qu. a. d. j. 1929. zuweilen geradezu im allgemeinen sinne von 'tätigkeitsfeld': vnd wir alle müssen sie (die welt) verlassen an dem todbedt, wir müssen alle die werckstat vffraumen, das muͦsz sein Keisersberg brösamlin (1517) 2, 89ᵃ; das dritte (hauptstück) ist die aller edlest werckstat und der theureste freund, der zu lieben ist, das ist der nehiste (1525) Luther 17, 2, 101 W. es verwundert schlieszlich nicht, dasz man auch im hinblick auf den bienenstock von einer werkstatt spricht: das wachs ist die ordentliche werckstatt, in welcher die bienlein jhre suͤsse arbeit embsiglich verfertigen Harsdörffer gesprächsp. 2 (1657) 268;
schlagt eure werkstatt auf in dieser linden hier,
die hohl ist von natur, ihr honigmeisterinnen
P. Fleming dt. ged. 1, 498 lit. ver.
b)
nicht selten auch mit einer genitivischen bezeichnung des hervorgebrachten, erzeugten verbunden, wobei nicht mehr die vorstellung von der wirkungsstätte eines schöpferisch tätigen, sondern 'stelle oder raum, wo etwas entsteht, sich formt' herrscht: ist das hertz ... ein werckstatt der natuͤrlichen hitz vnnd leblichen waͤrme Ryff anatomi (1541) H 2ᵃ; (bei den Römern war es,) dasz sie Teutschland haben genennt officinam hominum oder populorum, das ist, ein werckstatt, darausz die leut entspringen Schweigger reyszbeschr. (1619) 162;
die sonne kam wieder mit wagen und pferden,
bezoge, gezieret mit purpurnem pracht
die werkstat der traͤume, die herberg der nacht
S. v. Birken lorbeerhayn (1657) 1;
(sich entblöszend sagte sie:) siehe Marbod, dasz die werckstadt mehrer soͤhne hier noch gantz unverletzt sey Lohenstein Arminius (1689) 1, 1142; die von zahlreichen völkerschaaren durchzogene wildniss ist die werkstatt der töne, die jahrhunderte später als rede und dichtung an unser ohr schlagen W. v. Humboldt ges. schr. 4, 233 akad.;
mich triffst du überwach, phantastische nacht,
geheimnisvolle werkstatt der gedanken!
Eichendorff s. w. (1864) 4, 238;
die rastlos weiter formende werkstatt menschlicher anschauungen M. Kähler d. lebendige gott (1894) 17; in solchem bewusztsein werden wir es nicht verachten in die werkstatt des worts selber einzutreten Binding kraft dt. wortes (1933) 7. vereinzelt sogar auf einen zustand bezogen: truͤbsal ist die rechte werckstat der hoffnung Petri d. Teutschen weiszh. (1605) F 2ᵇ.
4)
in älterer fachsprache wird werkstatt vereinzelt auf den werktisch, die werkbank u. dgl. eingeschränkt (s. auch Müller-Fraureuth obersächs. 2, 659): eine von holtz gemachte werckstatt, darauff die planen zum ertzwaschen gelegt werden Schönberg berginform. (1693) 2, 49; herd in der wäsche ist eine von holtz und brettern gemachte werckstadt, worauf die gepochten ertze gewaschen werden; ist ohngefehr 8 bisz 9 ellen lang und 2 ellen breit Minerophilus bergwerkslex. (1730) 334; werkstatt bei einzelnen handwerkern, z. b. schneidern, schuhmachern etc. die tisch- und bankartige einrichtung, auf welcher sie arbeiten Krünitz encycl. 238 (1856) 247.
Zitationshilfe
„werkstatt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werkstatt>, abgerufen am 22.02.2019.

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