Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werktätig, adj.

werktätig, adj.,
verdeutlichende bildung zu tätig. Adelung nennt es ein 'oberdeutsches kanzleiwort' (wb. 5 [1786] 185). vereinzelt findet es sich bereits im 16. jh., ist aber erst seit beginn des 18. jhs. reichlicher bezeugt. die ältere, allgemeinere bedeutung 'handelnd, wirkend, praktisch' ist in jüngster zeit eingeschränkt worden zu 'berufstätig' (vgl. das substantivierte adjektiv der werktätige).
1)
adjektivisch.
a)
'handelnd, tätig, wirkend', wobei mehr auf das andauernde handeln als auf die erreichung eines ergebnisses gezielt wird.
α)
personen charakterisierend: das gott in ansehung, betrachtung und reputation der statlichen, heiligen, grossen und erheblichen wercken solcher werckthettigen froͤmmichen die genade billich gebe, unnd nicht versage Joh. Zanger der jesuwider (1562) H 4ᵇ; der zu allem nützlichen und wahren aufgelegte ... werkthätige geist (mit bezug auf B. Franklin) Herder 17, 9 S.; in den neuesten kriegen ist das lebendige kriegswerkzeug, der soldat, wieder ein mehr werkthätiges wesen geworden F. L. Jahn w. 1, 86 Euler; seit ein paar tagen bin ich wieder werktätig (1864) K. Marx briefw. zw. F. Engels u. K. Marx (1913) 3, 176. oft charakterisiert werktätig darüber hinaus die eigenart eines intensiv beschäftigten, 'geschäftig, rege, rührig, strebsam': nuzbarer schein von gelehrsamkeit genügte dem werkthätigen geschäftsmanne zur verklärung seiner Georgia Augusta J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 125; Stüve, der dabei am werkthätigsten ist, hat im augenblick die gröszte gunst Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 6, 179; der frische, werkthätige, junge pastor bat Breide, zu gehen Liliencron s. w. (1896) 6, 156; ein werkthätiger, erfindungsreicher festausschusz Steub wanderungen (1862) 200.
β)
in verbindung mit vorgangs-, zustands- oder sachbezeichnungen, 'tatkräftig wirkend, praktisch, aktiv': so suchen wir von unserm reichtum lieber zu rechter zeit werkthätigen gebrauch Heilmann pelop. krieg (1760) 220; wie das fruchtbare thal dieses werkthätigen stromes (des fruchtbares land anschwemmenden Nil) selbst erst aus seinen wassern sich emporgehoben Ritter erdk., teil 1 (1822) 516; aus einem werkthätigen in einen leidenden, betrachtenden zustand kommen Brentano ges. schr. (1852) 4, 322; ein ehrwürdiger patriarch, unermüdlich in werkthätiger liebe Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 400; freilich kann aus den plänen nichts werden ohne die werkthätige unterstützung der gutsherrschaft Polenz Grabenh. (1898) 2, 232; eine jugend ..., die es kraft ihrer bedürfnislosigkeit und gesundheit fertig bringt, mit werktätiger arbeit in berufen aller art freie und produktive geistige arbeit ein menschenalter hindurch zu verbinden A. v. Harnack erforschtes u. erlebtes (1923) 275; pädagogische werkhefte. unterricht auf werktätiger grundlage. schriftenreihe. hg. v. K. Stieger (1958) titel.
b)
seit beginn des 20. jhs. kennzeichnet werktätig besonders das berufliche beschäftigtsein des arbeiters und angestellten, 'berufstätig': im november hatten die Berliner genossen ... einen verein zur wahrung der interessen der werktätigen bevölkerung gegründet (1911) Bebel aus meinem leben (1946) 2, 325; die berufssprache drängt sich besonders in den antworten der bergleute hervor, die ihre gedanken ... mit hilfe von beispielen aus dem werktätigen leben zu papier zu bringen lieben O. Basler in: zs. f. dt. wortf. 15 (1914) 255; der kapitalismus, der diese neue welt geschaffen hat und dem das werktätige volk dienen musz, ist ein bürgerliches gebilde qu. a. d. j. 1927; die befreiung des russischen werktätigen volkes dt. literaturzeitung (1954) 197; eine weitere grosze aufgabe sieht das neue ministerium in der hebung des kulturellen niveaus der werktätigen massen weltbühne (1954) 178; werktätige bauern ('ohne auszubeuten tätige', s. u. werktätige, m.) im gegensatz zu groszbauern: festigen wir das bündnis der arbeiterklasse mit den werktätigen einzelbauern und den genossenschaftsbauern einheit (1953) 1380; zur klasse der werktätigen bauern gehören als einzelbauern die klein- und mittelbauern (kleine warenproduzenten) und die in den landwirtschaftlichen produktionsgenossenschaften zusammengeschlossenen bauern ebda (1954) 104; verpflichtungen ...: im kommenden jahr alle werktätigen einzelbäuerinnen als mitglieder des DFD zu gewinnen frau von heute (1954) 20, 3.
2)
adverbial; 'durch die tat, durch die praxis': da ihnen (anrede) die gelegenheit gegeben wird, auch nur in den mindesten ihren dienern und verehrern ... eine gefälligkeit zu erweisen, wie ich dieser selbst schon zum öftern werkthätig erfahren habe anmuth. gelehrs. (1751) 6, 696 Gottsched; ein abermaliger termin ..., dass er alsdann sogleich suspendirt seyn solle, wenn er das concilium nicht werde förmlich und werkthätig anerkennt haben M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 168; so läszt sich doch keineswegs abläugnen, dasz durch seine (Mengs') schriften fast bei allen, welche die kunst werkthätig pflegten, ... höhere ... ahnungen der kunst ... erregt worden Göthe I 49, 26 W.; müde ein inneres zu verehren, das doch nie werkthätig sich äuszerte, hat sie (die gegenwart) die klare und bestimmte auffassungsweise der mechanischen naturwissenschaft ... über alle gegenstände unserer naturerkenntnisz ausgedehnt Lotze mikrokosmos (1856) 1, 24. darüber hinaus kennzeichnet w. auch die intensität des tätigseins, 'durch taten wirksam': der ehrliche mann ist der festen meinung, ich würde nicht im stande sein, eine einzige gute anstalt zum besten des landes werkthätig durchzusehen, wenn ich nicht bevor zwei drittheile meiner hofleute abdanke L. A. Hoffmann Wertherfieber (1787) 51; vielleicht bewegt sie (die arbeit) den general, seine guten gesinnungen gegen mich werkthätig zu machen (in die tat umzusetzen, zu verwirklichen) Kretschmann s. w. (1784) 4, 1, 97; sie wären der mann, sich jenem unsinn kräftig und werkthätig entgegen zu stellen (1817) Schelling aus Schellings leben in br. 2, 397 Plitt; der es (das beschreiben eines bechers) werkthätiger zu machen im stande ist, als der schreiber dieser zeilen Stifter s. w. 14 (1933) 268; (nach dem aussteigen) kann ich dann werkthätiger zugreifen, wenn es sich darum handelt, dieses ... fuhrwerk auf die linke oder rechte seite zu legen W. Raabe Horacker (1876) 131; herrn Paetel weisz ich nicht anders werkthätig zu danken (für eine büchersendung), als durch die werth- (nicht volumen-)steigerung meiner sachen für die rundschau (15. 6. 1886) C. F. Meyer briefw. (1918) 219.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 413, Z. 26.

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Zitationshilfe
„werktätig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werkt%C3%A4tig>.

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