Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werkzeug, n. (und m.

werkzeug, n. (und m.,
s. unten), instrumentum. das wort tritt im 12. jh. als verdeutlichende bildung neben gezeug, zeug. anfangs steht neben w. auch werkgezeug, doch verschwindet das kollektivpräfix bereits im 16. jh. auch für das genus gilt ähnliches wie für zeug (teil 15, 826): während in älterer zeit mask. formen neben neutr. stehen, setzt sich seit ungefähr 1700 das neutrum durch. das maskulinum findet sich noch resthaft im obd., vgl. gezeug I (teil 4, 1, 4, 6990). — das wort läszt sich auch in anderen germanischen sprachen nachweisen (mndl. werctuuch, ndl. werktuig), doch sind schwed. verktyg, dän. værktøj, norw. verktøi als entlehnungen aus dem dt. anzusehen, s. ³Hellquist svensk etym. ordbok 1256, ordbog over det danske sprog 27, 950. — in den dt. mundarten ist werkzeug für den nordwesten und den südwesten (das schwäbische) bezeugt, nicht jedoch in den mundartwörterbüchern des deutschen ostens und südens (dafür bair. zeug, gezäu, preusz. gezeug, schles. gezäue. vgl. auch geräte [teil 4, 1, 2, 3564 ff.], geschirr [teil 4, 1, 2, 3886 ff.], handwerkszeug [4, 2, 430] und instrument [4, 2, 2146]). — wie zu erwarten ist, finden sich die einzelnen bedeutungsgruppen von werkzeug teilweise bereits bei dem älteren gezeug; doch dürfte auch das lateinische instrumentum mit seinem ähnlichen geltungsbereich werkzeug beeinfluszt haben. werkzeug bezeichnet zunächst als kollektivum oder als einzelname das arbeitsgerät des handwerkers im weitesten sinne; hinzu tritt früh die verwendung für organe und körperteile als werkzeuge des menschlichen (bzw. tierischen) körpers sowie die übertragung auf personen. im heutigen sprachgebrauch ist werkzeug im engeren sinne auf die mittel zur bearbeitung von holz, metall und gestein beschränkt, während in der land- und hauswirtschaft, bei der spinnerei, gerberei, fischerei, jägerei, fleischerei, töpferei, gärtnerei, müllerei, brauerei, zahlreichen anderen gewerben sowie im kriegswesen gerät verwendet wird (s. 1 c).
1)
im konkreten sinne gerät als mittel zur unterstützung oder ersetzung der menschlichen hand bei der bearbeitung von gegenständen oder stoffen.
a)
kollektiv, handwerkszeug als die summe der zu einer bestimmten arbeit notwendigen geräte, instrumentarium:
wir sîn alle samt goltsmide gewesen
...
nû hân wir den wercziuc mit uns brâht
(12. jh.) Münchener Oswald 2112 Baesecke;
allen den schuster werckgezeuge, den ... (Kaltern, 28. 12. 1420) urk. bei O. Stolz deutschtum i. Südtirol 2 (1928) 99; wy die schiflüt irē werckzüg zusamē legen, damit sie dz schif geregirthon Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 30ᵇ; dann es kam gleich ein mahler mit seinem werckzeug daher, nemlich mit minien und zinober zu meinen augliedern Grimmelshausen Simpl. 58 Scholte; die pflasterer ... packen ihr werkzeug auf und machen der arbeit scherzend ein ende (jan. 1788) Göthe I 32, 231 W.; der schreiner und ich trugen daher die bretter und das werkzeug in den leichten nachen G. Keller ges. w. (1889) 2, 78; einer (der plündernden soldaten) packte das werkzeug des schmiedes auf sein pferd Paul Ernst zehn gesch. (1933) 33. in älterer zeit wurde w. auch als bezeichnung für das arbeitsgerät des bauern, baders, webers usw. verwendet, während es heute gewöhnlich lediglich auf das instrumentarium der rein handwerklichen berufe beschränkt ist: ain spicher, dar in er zesamen lege den búrischen werckzúg Österreicher Columella 1, 38 lit. ver.;
ein bader ...
... mit seinem werckzeug
H. Sachs 17, 323 lit. ver.;
solche feldscherer ... mit jhrem werckzeug Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) L 5ᵇ; mag sie (die hebamme) demnach zu der zeit der noth jren verordneten vnnd gemachten werckzeug (als strauben, auffspanner, aufftrieb vnnd zangen sind) ruͤsten zu hand nemmen vnd brauchen Ruoff hebammenb. (1580) 68; unsere soldaten hatten ... zu plündern angefangen, indem sie einem weber sein werkzeug wegnahmen Göthe I 33, 111 W.
b)
einzelwerkzeug, instrumentum; im engeren sinne gerät des handwerkers zur bearbeitung von stoffen oder gegenständen: vnnd eyn iederman quam mit sinen wergkgeczuge, ein ackerman mit siner geisszeln, eyn steinmetcze mit siner bicken, eyn smed mit sinen hammer etc. (15. jh.) Stolle thür. chron. 133 lit. ver.; ist das wort scheer ein werckzeug, damit man auszschnitte macht Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 142; den hammer ... und tausend andere werckzeuge erfunden Lohenstein Arminius (1689) 1, 108; mit den verschiedenen werkzeugen des ackerbaues Klinger w. (1809) 8, 38; hammer ist das bekannte werkzeug, welches dadurch wirkt, dass es, nachdem seine entsprechend grosse masse in bewegung versetzt ist, seine lebendige kraft stossweise auf einen andern körper überträgt Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 5, 90; ein starker nagel als meiszel und ein stein als hammer bildeten die werkzeuge, die ich dazu brauchte (um meinen namen in die sandsteinstufen des domes von Wetzlar einzumeiszeln) Bebel a. meinem leben (1946) 1, 26.
c)
in allgemeiner bedeutung auch auszerhalb des engeren handwerklichen bereiches werkzeug als hilfsmittel zu einer physischen tätigkeit, wie waffen und foltergerät: der roͤmisch burgermeyster beualch Lucio Valerio (den er über den werckzeug gesetzt hett) die stat zuͦ stürmen Carbach Livius (1551) 319ᵇ; bliden vnd tummeler dasz waren solche werckzeuge, damit sie grosse steine ... von sich worffen Schütz hist. rer. Pruss. (1592) buch 2, P 2ᵃ; keiner (büchsenmeister) sol einen oder andern zum gehülfen oder handlanger auff- oder annehmen, wie auch keinen frembden zur besichtigung der stücke oder werckzeugs zulassen (1. 12. 1632) E. v. Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerw. (1935) 3, 1, 281;
mit riemen schwer von bley
(dazu anm. d. dichters: solche werckzeuge der marter
wurden von den Lateinern plumbatae genennet)
Gryphius trauersp. 721 Palm;
raͤche, Segesthes, durch diesen werckzeug (schwert) meines verbrechens deines geschlechtes und des vaterlandes schande Lohenstein Arminius (1689) 1, 48; und wie kömmt dieses mörderische werkzeug (pistole) in ihre (anrede) hand? Lessing 10, 62 L.-M.; gift und dolch sollen mich rächen. doch nein, gift und dolch sind zu barmherzige werkzeuge! ebda 2, 295; die keule (wurfkeule als waffe) ging von hand zu hand, lachend wogen die männer das leichte werkzeug G. Freytag ges. w. 8 (1887) 27; das sogenannte 'wappen Christi', eine zusammenstellung der werkzeuge seiner passion Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 177; don Domenico sieht sich nach einem passenden werkzeug um (um Placido zu verprügeln) Werfel geschw. v. Neapel (1931) 163; musikinstrumente: auf der orgel oder anderm vom winde getriebenen werckzeuge Mattheson generalbaszschule (1735) 232; diejenigen werckzeuge, auf denen er sich am liebsten hören liesz, waren trompete, waldhorn und die flöte douce ders., grundlage e. ehrenpforte (1910) 8; und stimmte in zarten ... akkorden das verletzte werkzeug (die harfe) Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 2, 304; so auch astronomische hilfsmittel: wird ein vieljähriger fleisz an verschiednen orten der erde, mit der hülfe zarter werkzeuge ... fortfahren, die revolutionen dieses himmlischen meeres nach zeiten und lagen zu ordnen und zu einem ganzen zu bilden, ... Herder 13, 32 S.; je genauer die letzteren (planetenbeobachtungen) durch groͤssere vollkommenheit der werkzeuge und der methoden werden, ... Fr. Th. Schubert verm. schr. (1823) 1, 112; sowie sonstige geräte: ein dreiek und andere zur grossen kunstlehre gehöhrige werkzeuge Zesen helik. rosenthal (1669) 112; durch solchen werckzeuch, wormit die thore eroͤffnet werden J. v. Sandrart iconologia deorum (1680) 39ᵇ; wiewol auch diese (tinte u. farbe) noch nicht die rechten werckzeuge der verewigung sind Lohenstein Arminius (1689) 1, b 2ᵇ; (der dachdecker) werckzeug sind leitern, hacken, kübel Abraham a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 179; da ich alle meine verse ohne feder, dinte, bleistift oder irgend ein werkzeug zum schreiben blosz im gedächtnis verfertigte Schubart leben 2 (1793) 213;
dies werkzeug (pflug), das unschuldger als das schwert
dem frommen fleisz den erdkreis unterworfen
Schiller 11, 350 G.;
dann nehm' ich mein werkzeug, gehe hinab an die bucht und fange mir fische Hölderlin ges. dichtg. 2, 103 Litzmann. in neuerer zeit meist scherzhaft oder ironisch: die werkzeuge menschlicher reinlichkeit, kämme, seife, tücher, pomaden waren mit den spuren ihrer bestimmung gleichfalls unversteckt (in der stube der schauspielerin Mariane) Göthe I 51, 60 W.; Renate ... handhabte ... die zuckerzange mit jener grazie, die allein aussöhnen kann mit diesem werkzeuge der unbequemlichkeit Fontane ges. w. (1905) I 1, 106; Klaus paszte gut auf (in einem luxuslokal am Kurfürstendamm), wie und mit welchen werkzeugen die anderen dieser gerichte herr wurden Kluge Kortüm (1938) 555.
2)
von organen und körperteilen bei lebewesen, insbesondere von sinnesorganen:
also sage ich dir auch von dime gehoren
und sust von allen dinen synnen,
beide ussen und innen;
dan is sint nit dan werg getzug
(anfg. 15. jh.) pilgerfahrt d. träumenden mönchs 6053 Bömer;
die fünff synn seind werckzeüg (1525) mon. germ. päd. 20, 121; wir hoͤren also gleichsam noch mit andern werkzeugen als mit den ohren Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 18; die werkzeuge der sinne, augen, nase, mund, ohren Göthe I 27, 232 W.; von inneren organen: das hertz sey ein brunn vnd vrsprung oder werckzeüg des bluͦts Ryff anatomi (1541) E 5ᵇ;
hat nicht ein Jude hände,
gliedmaszen, werkzeuge (organs), sinne, neigungen,
leidenschaften?
Shakespeare 4 (1799) 75;
so lange noch rohere säfte abzuführen sind, so lange müssen sich die möglichen organe der pflanze zu werkzeugen dieses bedürfnisses ausbilden Göthe II 6, 40 W.; Soͤmmerring hat in seinem handbuche der eingeweidelehre ... nur die werkzeuge der verdauung und athmung abgehandelt Sömmerring menschl. körper (1839) 5, V; von den menschlichen gliedern, besonders von der hand: gott braucht der handt zum instrument und werkzeug (1544) Luther 49, 406 W.; die menschliche glieder der krancken, welche sindt werckzeuge der eusserlichen sinnen Nigrinus von zäuberern (1592) 66; die hant ... ist wegen vieler auf ihr sich findenden nerven das werckzeug des fuͤhlens allg. haushaltungslex. (1749) 2, 314; (ironisch:) hier ... verirrten sich die geschäftigen werkzeuge willenloser beweglichkeit in die westentasche und brachten den schlüssel zu seinem sekretär heraus Holtei erz. schr. (1861) 3, 163; derjenige körperbau, der besondere verrichtungen auf besondere werkzeuge beschränkt Peschel völkerk. (1874) 2; von den genitalien: von der jungen frowen, die von ierem man klaget, er hette gebruch an werkzüg Steinhöwel Äsop 343 Ö.; denn er hette kein werckzeug mehr, damit man pflegt die kinder zu schnitzlen Frey gartenges. 100 B.; der kelch ist das bett, die krone sein vorhang, die andern theile der blume sind werkzeuge der fortpflanzung, die die natur bei diesen unschuldigen geschöpfen offen dargelegt Herder 13, 53 S.; von den sprechwerkzeugen: darvor sollen sie aber jhren mund nit auffthuͦn, auff das sie nit vor der zeyt vnberuͦfft mit gots mund vnd werckzeug reden Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 113; vom schnabel als vom werckzeug der rede Prätorius winterflucht (1678) 24; doch sind die sogenannten falset- und fistelaelte noch unnatürlicher, wofern sie nicht eine vortreffliche, geschmeidige beschaffenheit der werckzeuge im halse antreffen Mattheson generalbaszschule (1735) 79; die werkzeuge (zum gesang) sind der thorax oder brustkasten, die lungen, die luftröhre, der kehlkopf Heinse s. w. 5, 23 Schüddek.; nicht als ein werkzeug nur, sondern als die werkmeisterin und bildnerin der sprache ward die zunge genannt und gerühmet Herder 19, 26 S.; die organisazion des ohres und der werkzeuge der rede A. W. v. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 1, 22.
3)
werkzeug in besonderen übertragungen.
a)
mittel zur erreichung auch auszerhalb des gegenständlichen bereiches liegender wirkungen, träger, mittler, ausführendes organ.
α)
konkreta als mittel: alle búcher des alten werckzeugs das ist die alten ee (veteris instrumenti) erste dt. bibel 7, 138 lit. ver.; darumb das sy (die seele) das instrument un̄ werckzeüg den leib verloren hat A. v. Eyb spiegel (1511) 87ᵃ; der wein ... ist jetzt den geilen zum werckzeug der frecheit worden Ambach vom zusauffen (1544) B 4ᵃ;
gold sey ein werkzeug aller muͤh
Reinicke fuchs (1650) 169;
bildsäulen wurden als werkzeuge der abgötterei zerstöret Herder 15, 332 S.; wollten sie ... das geld bey sich behalten ... denn er wird nie mit diesem werkzeuge umzugehen lernen Göthe IV 10, 216 W.; mit der tarnkappe, dem wunderbaren werkzeuge der unterwelt (1829) Lachmann a. Jac. Grimm, in: briefw. 2, 530 Leitzmann; wie ... der unbeachtete mistelzweig aber zum werkzeuge seines (Balders) untergangs wird Laistner nebelsagen (1879) 202; den körper (leichnam), dieses zerschlagene werkzeug der idee qu. a. d. j. 1928; alle weiblichen wesen von Lourdes tragen den rosenkranz ständig bei sich. er ist das treue werkzeug ihrer frömmigkeit Werfel Bernadette (1948) 58.
β)
von abstrakten;
αα)
insbesondere von eigenschaften, fähigkeiten, einer bestimmten haltung: soll aber das ein verstandt sein? dasz einer eins handels ist, vnnd kennt sein eigen werckzeug nicht? Paracelsus opera (1616) 1, 315ᶜ; und ist die armut ein mittel dess fleisses, wie im gegenstand der reichthumb ein werckzeug der wollust zu seyn pfleget Harsdörffer teutsch secretar. (1656) 1, 2, 149;
zwar tapferkeit, geluͤck und tugend sind
der werckzeug meiner helden-thaten
Lohenstein Arminius (1689) 2, 507;
wann kommt die angeneme zeit,
da einst das werk-zeug meiner macht,
neid, hochmut, eigensinn, verleumdung und verdacht,
die stolze ruhe stören?
poesie d. Nieders. (1721) 5, 86 Weichmann;
ihr goͤtter! steht indesz der guten sache bey!
und zeigt, dasz meine macht nur euer werkzeug sey
dt. schaubühne (1740) 4, 234 Gottsched;
die eifersucht ist ein furchtbares blutiges werkzeug, das ein weib leichtsinnig gebraucht, ihrer eitelkeit ein wenig zuckerwerk vorzuschneiden Börne ges. schr. (1829) 4, 62; biederkeit des mannes eint hier sich weiblicher reine, denn das weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns ein werkzeug unedlen vergnügens H. Mann untertan (1949) 487.
ββ)
von glaube und religion: durch den glauben an Christum, als durch ein innerlichs mittel vnd werckzeug, durch welches Christus angenomen wird Gretter epistel Pauli a. d. Römer (1566) 758; ihre (der Druiden) religion war ... das werkzeug eines frevelhaften priesterdespotismus Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 256.
γγ)
von kunst und wissenschaft und ihren einzelnen zweigen: die kunst der natuͤrlichen dingen ... als ein zimlicher werckzeug, zuͦ erkantnusz goͤtlicher ... dingen zuͦ kummen J. Brenz prediger Salomo (1528) 7ᵃ; (dialectica) ist nur ein instrument und werkzeug (1532) Konr. Cordatus bei Luther tischr. 2, 559 W.; die philosophia ist der werckzeuͤg aller anderen kuͤnsten Moscherosch insomnis cura par. 37 ndr.; und machen solche (die künste) zu werckzeugen der garstigsten luͤste Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 101; sich derselben (allg. logik) als eines werkzeugs (organon) zu gebrauchen, um seine kenntnisse wenigstens dem vorgeben nach auszubreiten und zu erweitern Kant 3, 81 akad.; also werden sie (anrede) jene eintheilungen wenigstens als dienende mittel und brauchbare werkzeuge gelten lassen Fr. Schlegel s. w. (1846) 5, 189; auszer diesem ... apparat ... wird sich nun aber die kritik ... aller der ... werkzeuge bedienen, deren die historische kritik ... nicht entbehren kann D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 202; die exakten wissenschaften hatten an der mathematik jenes werkzeug gewonnen Lange materialismus (1866) 63.
δδ)
von der sprache, dem wort, begriff, stilmittel u. ä.: ... das predigtamt, dasz man sein worte höre, denn das ist der werkzeug und die röhre, dadurch gott der heilig geist das herz rühret (1540) Joh. Mathesius bei Luther tischr. 5, 2 W.; Theodorus Bibliander nennet daher die sprachen ... instrumentum societatis humanae ... ein band und werkzeug menschlicher einigkeit Schottel haubtspr. (1663) 74; es ist ein groszer unterschied unter der sprache des bloszen beduͤrfnisses und unter der sprache der beredsamkeit. die erstere ... ist das nothwendigste werckzeug der gesellschaft Ramler einleitg. (1758) 4, 6; sie tadeln und brandmarken meistens durch ein plumpes werkzeug, die hyperbel Herder 15, 389 S.; die natur der sprachen als werkzeuge, die aus einer bestimmten zahl von lauten bestehen W. v. Humboldt ges. schr. 4, 243 akad.; sprache ist das erste erzeugnisz und das nothwendige werkzeug seiner (des menschen) vernunft Schopenhauer s. w. 1, 74 Gr.; die feinsten der werkzeuge, womit der naturforscher jede stunde operiert, die begriffe von kraft und stoff, wesen und erscheinung, ursache und wirkung, u. s. f. D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 6, 142; es (das tabu) ist für gute und üble zwecke ... das beste werkzeug der regierenden Ratzel völkerk. (1885) 2, 211; sofern nicht religiöse anschauungen ausdrücklich die sprache als ein dem menschlichen geist gegebenes werkzeug charakterisieren Ammer einf. i. d. sprachwiss. (1958) 1, 26.
γ)
einrichtung, institution: denn zu solchem werck (dasz das reich gottes auf erden bleibe) hat Christus seinen werckzeug, die heylige tauff ... hinder sich gelassen (1544) Veit Dietrich bei Luther 52, 183 W.; der ehestand ist gottes werckzeug Petri d. Teutschen weiszh. (1605) N 6ᵃ; zu ihrer (der römisch-katholischen lehre) befestigung, da die carolinische universität hiezu kein werkzeug sein konnte, wurde ... eine neue akademie gegründet Göthe I 42, 31 W.; meistens drehte sie (die unterhaltung) sich um den staat und sein schnödes werkzeug, die zensur H. Carossa tag d. j. arztes (1945) 145.
b)
von einem menschen, der jemandem willfährig, dienstbar, wie ein gegenstand dem willen anderer ergeben ist. anfangs in religiösem sinne von menschen als werkzeugen gottes, der vorsehung, des himmels, schicksals, teufels u. ä.: daz wir sein ein werkgezeug der heiligen drifaltikeit, daz wirket in uns stete bereitschaft uns im zu halten als ein ieglich gezeug bereit ist dem werkmeister meister Eckhart s. v. gezeug teil 4, 1, 4, 6992; der mensch wirckett nichts auszer jm selber. dann das er ain werckzeüg (mhd. gezowe 312 Vetter) ist da durch got sein wercke wirckt Tauler sermones (1508) 80ᵃ; sy (die menschen) ... setzen iren willen gantz in den willen gotes vn̄ wellen allein sein ain lautter werckzeüg dem götlichn willn̄ Keisersberg granatapfel (1510) F 5ᵇ; diese feinde (Christi) nichts anders denn des teuffels werckzeug sind (1535) Luther 41, 108 W.; der himmel ... hat mich auch nicht anders, als einen geringen werckzeug gebrauchen wollen Chr. Weise überfl. ged. 227 ndr.; der mann gottes Lutherus und der andere werckzeug gottes Erasmus von Rotterdam Thomasius ged. u. erinn. (1720) 1, 4 (vorr.); dass ich ... ein werckzeug vom geschick gewesen Schwabe tintenfässl (1745) 99; der hoͤlle werkzeug (Napoleon) Stägemann kriegsgesänge (1813) 45; er war das werkzeug der göttlichen vorsehung Pocci komödienbüchl. (1859) 2, 55; er verübt die ungeheure that der rache auf befehl und als werkzeug Apollo's G. Freytag ges. w. 14 (1887) 152; jawohl war Hammurabi ein werkzeug gottes! H. Mann untertan (1949) 162; von der frau als dem schwachen w. (gottes): desgleichen wil s. Petrus ..., das man dem weibsbilde als dem schwechsten werckzeug verschonen sol Luther 34, 1, 62 W.; also scheinet, das die weiber, welche von dem apostel ein schwacher werckzeug genennet werden, den maͤnnern ... weit uͤberlegen Butschky Pathmos (1677) 129; wir schwachen werkzeuge (frauenzimmer) wissen sonst den mund am allerwenigsten zu gebrauchen Lessing 2, 91 L.-M. daneben tritt später (etwa gegen 1600) die verwendung mensch als w. der obrigkeit, von fürsten, parteien und personen, die einen einflusz auf jemanden ausüben: dasz nun solches beschahe, war ich das vornehmste werkzeug und bekam dadurch gnädige herren Schweinichen denkw. 271 Ö.; wie nun ferner ... kein groͤsser instrument vnd werckzeug des regiments ist, dan gute, getrewe freunde, raͤthe vnd diener Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 4 (vorr.); die wahl der treuen bedienten, als nemlich des noͤhtigsten werckzeugs Hohberg georg. cur. aucta (1682) 3, 4; soll ich dir versichern, dasz ich erst spät, erst ganz zuletzt des vaters absichten erfuhr, dasz ich als ein gezwungenes, ein lebloses werkzeug seines willens handelte? Göthe I 8, 295 W.; die barbaren ... lieszen sich als werkzeuge einer schlaueren politik brauchen J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 45;
wen sein herr an die scholle befestiget,
..., als lastvieh achtend und werkzeug,
... der ist leibeigener
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 52;
... begegnete ihm (Rübezahl) ein reicher Israelit, ... da kam ihm in den sinn, diesen zum werkzeuge seiner rache zu gebrauchen Musäus volksmärchen 1, 21 H.; Cavignac ist ein werkzeug der reaktion Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 326; er (zar Nikolaus) ist ein kühner, entschlossener mann, der gewöhnt ist, die leidenschaften zu lenken, die menschen als werkzeuge zu gebrauchen G. Freytag ges. w. 15 (1887) 122; freie menschen und nicht etwa nur werkzeuge geheimer auftraggeber H. Carossa winterliches Rom (1947) 25. — neben werkzeug mit einem genitiv als bezeichnung des agens (gott, menschen oder [personifizierte] eigenschaften), dem jemand dient, kann ein mit w. verbundener genitiv die funktion kennzeichnen, wozu jemand dient: jr einmal solt werckzeug meines vngluͤcks ... seyn theatrum amoris (1626) 102; ... dasz ich das werkzeug deiner rettung ward Miller briefw. (1778) 1, 164; er beschwur ihn ..., das werkzeug seiner befreiung zu seyn Pfeffel pros. vers. (1810) 5, 163; ich wäre das werkzeug deines wohllebens, die leiter zum genusse (1863) Stifter briefw. 4 (1925) 140. wenn sich auch bis ins 20. jh. noch belege mit neutraler bedeutung (besonders im religiösen bereich) nachweisen lassen, so ist werkzeug auf personen bezogen heute weitgehend abwertend:
das ist kein cardinal,
der blind fanatisirt und doch nur werkzeug
des ob'ren ist
Grabbe s. w. 2, 258 Bl.;
wir sind unfrei, werkzeuge, hofsklaven Fontane ges. w. (1905) I 2, 126; ich aber war dann ein für allemal als das verächtliche werkzeug einer verhaszten partei gebrandmarkt L. Thoma ges. w. (1922) 7, 257; das zeigt sich auch in den attributen (folgsam, gefügig, ergeben, gehorsam, fügsam, willfährig, willenlos, blind, blosz):
ihn zu beherrschen wähnten sie (anrede) — und waren
ein folgsam werkzeug seiner höhern plane
Schiller 5, 2, 417 G.;
(don Cesar:) wir waren die verführten, die betrogenen!
(don Manuel:) das blinde werkzeug fremder leidenschaft
ebda 14, 34;
soldaten ..., die oft nichts weiter waren als blinde und willenlose werkzeuge der willkür und gewalt E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 272; die provinz erwählt jene bevollmächtigten nicht mehr, sie sind zu bloszen werkzeugen der intendanten herabgesunken Dahlmann frz. rev. (1845) 40; man wird bei der letzten instanz alle minen springen lassen, dort ist der präsident ein gefügiges werkzeug (1853) Gervinus in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 346 Ippel; soll ich mich zum ergebensten werkzeug dieser ... aristokraten brut hergeben? Spielhagen s. w. (1877) 1, 107; ... für einen vorgang, der sie (anrede) und die regirung zu einem gehorsamen werkzeug der liberalen partei herabwürdigen müszte Bismarck ged. u. erinn. 2, 172 volksausg.; denn ich würde mich nie dazu eignen, den groszen herren als fügsames werkzeug zu dienen qu. a. d. j. 1926; (der freiherr hatte diese frau genommen,) weil sie ein willfähriges werkzeug gewesen war, ihm vielleicht ein kind und damit ein vergessen zu geben E. Wiechert missa sine nomine (1950) 434.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 419, Z. 48.

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Zitationshilfe
„werkzeug“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werkzeug>.

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