Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wermutwein, m.

wermutwein, m.,
mit wermut (1) angesetzter wein, dass. wie wermut 4 (vgl. M. Heyne nahrungswesen [1901] 368); 'die zubereitung des wermuth-weins ist, als folget: man bricht den wermuth ... doͤrret solchen an der lufft ... wirfft ... eine gute hand voll, und ein malter voll weinbeere in das fasz, fuͤllet es alsdann mit schoͤnen durchgeseyheten most und spuͤndet es zu, dasz es verjaͤse' Marperger küch- u. kellerdict. (1716) 1297ᵇ. im älternhd. sehr geläufig, seit dem 19. jh. durch die kurzform wermut (4) zurückgedrängt: wërmuot-wîn (1472) bei Mone zs. 14, 42; von salvey- und wermutwein. es sollen auch sallveyweyn und wermutweyn nyt hoher gegeben oder geschennckt werden dann wie der Frannckenweyn ye zu zeyten von eynem erbern rate zu geben gesatzt und erlawbt ist (15. jh.) Nürnb. polizeiordnungen 250 lit. ver.;
gang du hin, bring ein wermuͦttwein!
Congrio koch, richts essen zuͦ!
herr, sitzent nider an die rhuͦ!
Wickram w. 5, 202 Bolte;
dabei wir uns untereinander an dem sehr koͤstlichen jungen wermuthwein gute räusche getrunken Zach. Allert tageb. (1627) 28; den folgenden morgen trieb mich mein durst wiederumb ins wonhaus, zu sehen, ob ich ihn etwan mit einem trunck wermuht-wein löschen könte Grimmelshausen 2, 345 Keller (vogelnest); nachdem ich ein glas wermuth-wein mit dem wirth getruncken, stieg ich in die kutsche d. lust. avanturier (1738) 107; eine mildere sorte (als der eigentliche absinth) ist der in Italien (Turin) fabrizierte wermutwein, ein mit absinthextrakt versetzter süszwein von etwa 15% alkohol Alten hdb. f. heer u. flotte (1909) 1, 42; in spätmhd. und älternhd. quellen häufig als frühstücksgetränk genannt: ist ain vasz wol von 20 massen salveyenwin ... dennoch han ich ainsz (ein fasz) fur mich, ist wermütwin, den trinckstu nit, aber al morgen nüchtern trinck ich ain güten trünck (5. 11. 1482) bei Steinhausen privatbr. 2, 69; auf morgen, nach dem sie gesuppet, das ist den leib mit wermutwein, das ist, dem besten ausz dem mitteln fasz, gewaͤrmet hetten, brachen sie auff Fischart Garg. 229 ndr.;
die alle morgen wöllen
trinken gut wermuthwein
(qu. a. d. 16. jh.) bei A. v. Arnim s. w. 14 (1846) 457;
(den kaffee) trincken sie (die Türken) ... so heisz sie es moͤgen erleyden, gleich wie das teutsch gemein volck den brennten wein oder wermutwein desz morgens trincket, also soll jenes auch den magen zu erwermen dienstlich seyn Schweigger reyszbeschr. (1619) 270; sowie als gegenmittel nach trinkgelagen:
(der trincker torckelt, spricht:)
hoͤr auff! mir wil der kopff vmbgehn.
mich dunckt, es sein der richter zwen.
wie truͤb sind mir die augen mein!
o hett ich einen wermut wein,
wie wolt ich mich so fein erfrischn!
H. Sachs s. fastnachtsp. 1, 66 ndr.;
wermut-, salbey-, alant-, quitten- und citronen-wein muste neben dem Hippocras den säuffern ihre köpff und mägen wieder begütigen Grimmelshausen Simpl. 100 Scholte; besonders aber als arzneimittel in kräuter- und rezeptbüchern u. dgl. des 16. und 17. jhs. angeführt: wermuͦtwein ... soll ... helffen (zum erbrechen bei pilzvergiftungen) Bock kreutterb. (1539) 3, 3; wermuͦtwein ist starck vnnd bitter ... hat grosse krafft vnd tugent, dann er toͤdt die würm im leib ... solcher tranck eroͤffnet vnd reynigt Ryff confectb. (1548) 159ᵇ; also nuͤtzt auch das haupt offt mit wermutwein gewaschen, dann er trucknet die fluͤsz, heylet, sonderlich den grindt Wirsung artzneyb. (1588) 56 C; der gleichen (den schlaf befördern) thut auch der wermutwein Gäbelkover artzneyb. (1595) 38ᵃ; ... auch ein wermutwein darzu gemacht, e. g. zu trincken, die alle haben die innwendige kranckheiten gnugsam vertrieben Paracelsus opera (1616) 1, 687. die bitterkeit als hervorstechende eigenschaft des wermutweins wird mitunter betont (vgl. auch die bezeichnung bitterwein teil 2, 57): da er aber den bittern geschmack (dann es war wermut-wein) empfande (1673) Grimmelshausen teutscher Michel 197 Scholte; und führt zu vergleichen (vgl. wermut 2) wie: weil aber zugleich alle hoffnung zu ihr abgesprochen war, kunte solches seinen schmerz so wenig lindern, so wenig die galle einen wermuthwein versuͤssen kan Lohenstein Arminius (1689) 2, 1534ᵇ; der ... wittwer ... erhielt ... ganz gegen seine erwartung abschlägige antwort, die jedoch mit so vielem glimpf versüszt war, dasz sie ihm einging wie wermuthwein mit zucker Musäus volksmärchen 2, 61 H.; und zu bildlichen verwendungen (vgl. wermut 3): so geust er unter den herben, starcken unnd bittern wermutwein das liebliche wasser des lebens J. Pomarius gr. post. (1590) 3, 317ᵇ;
er (gott) macht, dasz solcher wermuht-wein
mit zukker mus vermischet seyn.
die trauben, die er darein thut,
die seyn mit seines sohnes bluth
schoͤn roth gefaͤrbt
Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 225;
weicht, ihr geilheit-vollen lüste,
...
eurer anmuth schau-gerüste
bleibt der wollust mörder-kahn,
...
eure weine wermuth-wein
J. G. Neukirch anfangsgründe (1724) 869;
wer weis in traurigen und herzbedraͤngten faͤllen
mir auch den wermuthwein, wie nectar, vorzustellen?
C. L. v. Kottwitz moral. ged. (1736) 11;
er (Jesus) mischt immer zucker drein,
traͤnckt er gleich mit wermuth-wein
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 601;
der suͤsze honigseim wird oft in kurzer zeit
ein herber wermuthwein von gall und bitterkeit
Gottsched ged. (1750) 1, 462.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 440, Z. 47.

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Zitationshilfe
„wermutwein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wermutwein>.

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