Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

sein, verb.

sein, verb.
esse.
I.
verwandtschaft und formelles.
1)
zum ausdrucke dieses allgemeinsten verbalbegriffes verwendet die indogerm. ursprache im allgemeinen zwei wurzeln, zu denen in einzelnen zweigen noch andre treten.
a)
das älteste und eigentlichste verbum substantivum ist és-. hier ist die sinnliche bedeutung, die in der regel solchen allgemeinen und abstracten gebrauchsweisen zu grunde liegt, am vollständigsten erloschen. doch hat man mit einiger wahrscheinlichkeit ostar. asu- (sanskr. ásuṣ, avest. aṅhuš) 'leben, lebenshauch' dazu gestellt, was als grundbedeutung des verbs 'atmen, leben' ergeben würde (dagegen nimmt Uhlenbeck etym. wb. der altind. sprache 18ᵇ als solche 'wohnen' an. fraglich ist, ob indogerm. esus der herr, und ostar. ásura- gott, wunderkräftiger dämon, hierher zu stellen sind, vgl. Fick⁴ 1, 13. 171. 366. Uhlenbeck a. a. o. auch indogerm. êsr 'blut' ist wol besser fernzuhalten, vgl. Fick⁴ 1, 13. 365). das hohe alter des worts zeigt sich ferner in der formenbildung. zunächst gehört es der sog. athematischen flexionsklasse an (die blosze einsilbige wurzel ohne zusatz als präsensstamm verwendet), die die ältesten und wichtigsten bildungen umfaszt; ferner hat es nur eine beschränkte zahl von formen entwickelt, nämlich nur die bildungen vom präsensstamm (präs., imperf., opt., conj., imper., part.) und den perfectstamm, beides nur im activ (ganz vereinzelte medialformen im sanskr. und griech. sind secundär). eine übersicht der formen der grundsprache mit den entsprechungen der einzelsprachen gibt Brugmann grundr. 2, 1398 f. 1406 f., vgl. Fick⁴ 1, 12. Noreen urg. lautl. 84. Grimm gramm. 1², 1063 f. ins germ. übergegangen sind folgende (indogerm. ohne berücksichtigung der varianten): ind. präs. ésmi, ési, ésti — (du. swés — pl. smés, sté), sénti; opt. syḗm, syḗs, syēt — sīwé, sītóm, sītám — sīmé, sīté, syent. — ésmi ist in allen indogerm. sprachen erhalten, vgl. sanskr. ásmi, av. ahmi, apers. am ͑iy, armen. em, lit. esmè (veraltet, jetzt esù), altbulg. jesmī, alban. jam, griech. εἰμὶ (äol. ἔμμι), lat. sum (osk. auch esum), altir. am(m), im. und zwar haben die östlichen und südlichen sprachen im allgemeinen den angegebenen umfang der flexionsformen bewahrt, dagegen ist dieser in der nördlichen gruppe bedeutend eingeschränkt: die baltisch - slavischen sprachen bilden nur den ind. präs. von der wurzel es- (altlit. esmì, esì, ẽst(i) — ẽsva, ẽsta — ẽsme, ẽste; altbulg. jesmǐ, jesi, jestŭ — jesvĕ, jesta, jeste — jesmŭ, jeste, sa̜tŭ), ebenso das ir. (am, at, is — ammi, adib, it, vgl. dazu Fick⁴ 2, 44); für das übrige tritt die wurzel bhū- ein (ir. auch theilweise stâ- und vel. das imperf. ḗsm ist vielleicht in der altslav. imperfectbildung nesẽ-achŭ erhalten.) eine ähnliche stellung nimmt auch das germanische ein, s. unter 2.
b)
daneben steht bhū (indogerm. *bhévô), das sowol 'werden' wie 'sein' bedeutet; vgl. sanskr. bhávati, avest. bavaiti, griech. φύω, lat. fuam u. s. w., lit. (fut.) búsin, slav. (inf.) byti. hier scheint die grundbedeutung 'werden, entstehen, wachsen' zu sein (griech. φύω auch transitiv 'zeugen'). so wird es neben ésmi, von ihm auch im sinne geschieden (wenn auch nicht streng), im ostar. (ind.-iran.) und griech. als selbständiges verb durch alle formen durchflectiert. in den westlichen und nördlichen sprachen ist es dagegen in der bedeutung mit ésmi zusammengefallen und in der conjugation im ital. und balt.-slav. mit ihm derart verschmolzen, dasz diejenigen formen, welche von es- gebildet werden, von bhū- aufgegeben sind. dagegen ist im ir. die volle flexion erhalten, sodasz im präs. mehrfache formen neben einander stehen. das germanische nimmt hier eine mittelstellung ein, s. unten (vgl. Grimm gramm. 4, 821, anmerk.).
c)
nur im german. wird für 'sein' ein drittes verb verwendet, das in den andern indogerm. sprachen nur dieauch im german. vorhandenevollere bedeutung 'verweilen, wohnen, bleiben' hat, indogerm. vésô, sanskr. vásati, avest. vaṅhaiti, vgl. dazu griech. Ϝεστία Ϝάστυ, lat. Vesta, vestibulum; ir. feiss und foss (aus *vesti- und *vosso-) 'bleiben, rasten, ruhe'. Fick⁴ 1, 133. 317. 552. 2, 277.
2)
die verschiedenen formen der ältern german. dialecte stellt zusammen und erklärt Streitberg urgerm. gramm. s. 316—318. zusammenfassend läszt sich sagen, dasz von der alten wurzel es-, zu der nur theilweise bhû- ergänzend hinzutritt, nur noch präs., und zwar ind. und opt., gebildet werden, während für das prät. (und den inf.) überall wesan eintritt und für den imper. eine eigene alte form ganz zu fehlen scheint. doch gehen auch im ind. präs. die formen so mannigfach auseinander, dasz sie der ableitung und erklärung grosze schwierigkeiten bieten. allen dialekten gemeinsam ist nur die 3. sing. ist bez. is, deren originalität Streitberg wol mit unrecht beanstandet.
a)
den ostgerm. sprachen gemeinsam ist das vollständige fehlen der wurzel bhû-. die 1. 2. plur. (und der got. dual) zeigen dieselben endungen wie sonst das perf., aber im got. und nord. verschiedenen stamm. die nord. formen sieht Streitberg als die lautgesetzlichen an. im einzelnen lautet das got. paradigma: ind. im, is, ist — siju, sijuts — sijum, sijuþ, sind, — opt. sijau, sijais, sijai — sijaiwa, sijaits — sijaima, sijaiþ, sijaina (dazu inf. wisan, part. wisands, prät. was, opt. wesjau), altnord. em, est, es (später er, ert, er) — erom, erođ, ero; — opt. sjá (sé), sér, sé — sém (sjóm), séđ, sé (daneben opt. vesa, später vera, imp. ves, ver, inf. vesa, vera, part. vesandi, verandi; prät. vas, var, opt. vǽra, inf. vó̜ro, part. vesit, verit).
b)
dem westgerm. eigenthümlich ist die verwendung der wurzel bhû- neben es-. im ags. liegen infolgendessen im ind. und opt. präs. zwei vollständig ausgebildete paradigmata neben einander: eom (eam, am), eart, is — plur. sint, sindun und earun (aron) — opt. síe, sí, pl. síen, sín; daneben: béom (später béo), bist, biđ — pl. béođ, béođ — opt. bio, béo, pl. bíon, béon (zu dieser wurzel auch inf. bíon, part. bíonde, imp. bío, bíođ, bez. béon u. s. w.). übrigens nimmt Sievers ags. gramm.³ § 427 (nach Joh. Schmidt s. Streitberg s. 317) für die mit ear-anlautenden formen eine besondere wurzel er-, or- an, sodasz drei stämme neben einander liegen würden. für die von es- bez er- nicht gebildeten formen tritt auch hier wie überall wesan ein (part. wesende, imp. wes, prät. wæs, opt. wǽre).
c)
die german. sprachen des continents verwenden übereinstimmend es- für die 3. sing. und pl. des ind. und den opt. präs. bhû- für die 1. 2. sing. (und im ahd. die 1. 2. pl.) ind., wes- für das übrige. die paradigmen sind: altfries. bim, bin, bem, ben (2. sing.?), is, pl. send; opt. se; imp. wese, weset, inf. wesa; prät. was, pl. weron, -en, opt. were, part. ewesen, wesen. — alts. bium, bist (bis), ist (is), pl. sind, sindun; opt. sî, sîs, sî, pl. sîn; imp. wis (wes), wesađ, inf. wesan; prät. was, wârun, opt. wâri. — ahd. bim, bist, ist, pl. birum, birut, sint; opt. sî, sîs(t), sî, pl. sîn, sît, sîn; imp. wis, weset, inf. wesan, part. wesanti; prät. was, pl. wârum. die mit b anlautenden formen wären nach Streitberg wegen des durchgehenden i (nur alts. bium) nicht lautgesetzlich entwickelte formen von indogerm. *bhevô, sondern mischbildungen, indem vor die formen der wurzel es- ein b vorgetreten wäre. doch begreift man nicht recht, woher dieses b stammen soll, wenn echte formen von der wurzel bhû- gar nicht vorhanden waren.
3)
im folgenden soll die entwicklung der einzelnen formen im deutschen durch die verschiedenen zeiträume verfolgt werden. vgl. dazu fürs altnd. Gallee alts. gr. § 321. Cosijn de oudnederl. psalmen (Harlem 1873) und die glossare zu den textausgaben; fürs mnd. Lübben mnd. gr. § 60 und die glossare zu hill. cruz. vruwenl. Theoph. dodes danz u. d. seebuch; fürs mnl. besonders Franck mnl. gr. § 169 und das glossar zum Reinaert; fürs ahd. Braune ahd. gr. § 378 f. Graff 1, 481 ff. 1053 ff. 3, 14 ff. und die glossare zu Isid. Tat. Otfr. Will. (über den Leidener Will. s. Paul-Braune beitr. 22, 518 f.); für das mhd. Weinhold mhd. gramm. § 363 f. alem. gr. § 353. bair. gr. 296 und die wörterbücher und wortregister zu den ausgaben (deutsche chron., deutsche städtechron., Oswald v. Wolkenstein, Alsf. passionssp. u. a.); für das nhd. unter anderm Kehrein gr. 1, § 385, Franke schriftspr. Luthers s. 212. Shumway die abl. verb. bei H. Sachs s. 142—45. Drechsler Wencel Scherffer s. 53. Clajus gramm. s. 114—116 Weidling, vgl. s. ⅩⅩⅩⅠ. Schottel 551—3. Stieler 170. Steinbach 2, 586. 981. Frisch 1, 97ᵇ f. 2, 266ᵇ. Gottsched 302 f. Adelung. Campe.der gesammte formenschatz der lebenden deutschen mundarten kann hier nicht verzeichnet werden; die vertretungen von bin, bist, ist, (wir, sie) sind, sei (imp.), war, waren, wäre wird man in zukunft am besten in Wenckers sprachatlas übersehen (noch nicht bearbeitet). doch sind die wichtigsten unterschiede auch im folgenden berücksichtigt auf grund der idiotiken und zeitschriften (Frommanns mundarten, Baierns mundarten), vgl. insbesondere über das schweizer.-alem. Hunziker 240. Tobler 420ᵇ. Seiler 268. Frommann 3, 207, 20. 4, 325; schwäb. 2, 112. 407, 11. Baierns mundarten 1, 306; bair.-österr. Schm. 2, 202. Schöpf 667. Lexer 231. Schröer 206ᵃ. 289ᵃ. cimbr. wb. 224ᵇ; fränk.-hess. Kehrein 1, 374. Gangler 414. Frommann 2, 407, 11. 3, 231, 10 (henneb.), 4, 281, 19 (siebenb.); thür. Regel 115. Schultze 11. Liesenberg 77; obersächsisch Albrecht 53 f. Göpfert 86. Pasch 79; schles. Weinhold d. d. dialectforschung (Wien 1853) 128 f. nd. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424ᵃ. Danneil 192ᵇ. Mi 79ᵇ. Stürenburg 321ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ. Schambach 192ᵃ. Woeste 237ᵃ. Frommann 4, 132, 79 (ostfries.). 3, 260, 18 (märk. Süderland); fries. Th. Siebs zur gesch. der engl.-fries. sprache 1 (Halle 1889).
a)
die 1. sing. lautet im ostgerm. got. im, altnord. em, entsprechend ags. eom mit auffälliger brechung, woneben béom, béo. sonst im westgerman. nur diese wurzel, aber mit verschiedenem wurzelvocal. diphthong zeigt auszer dem ags. nur das alts. bium, biun, bion. alle andern dialecte haben dafür den kurzen vocal i, so altfries. bim, bin, bem, ben; altnfr. bim, bin; ebenso ahd. das m von bim ist erhalten im ahd. Isidor, wechselt mit n bei Tat., ist ganz geschwunden bei Otfrid. dagegen hat es sich merkwürdig lange gehalten in dem nordwestlichen gebiete. während in den altnfr. psalmen bin bereits überwiegt (2 bim : 7 bin), ist im Leidener Williram das umgekehrte der fall (s. beitr. 22, 518; die bin stammen wol aus der vorlage), und ebenso ist im mnl. bem die gewöhnlichste form (daneben bim, ben, bin). im mhd. steht bin (besonders bair. auch pin geschrieben) im allgemeinen fest; thür.-hess. dafür vereinzelt ben und selbst bem, s. Weinhold mhd. gramm. § 381. wenn die niederrhein. Marienlieder aus dem ende des 12. jh. (s. zeitschr. für d. alterth. 10, 1 ff.) dafür häufig bon schreiben, so gleich in der ersten zeile:
ich bon de lof der reinester vrowen,
so zeigt sich hierin nur die durchgehende neigung dieses denkmals, i in o oder u zu verdumpfen, s. a. a. o. s. 134. auch mnd. steht ben, bun (d. h. wol bün) neben bin. in den neuern mundarten ist bin ebenfalls die gewöhnliche form, daneben als lautliche spielformen bi-n, bî, bi ̃ (oberd., zum theil auch fränk.), ferner in einzelnen mitteld. mundarten ben (nordthür. Schultze 11, ungar. Schröer 206ᵃ, vgl. schwäb. be ̃ Frommann 2, 112) und bän (4, 281, 19, siebenb.); schles. bin, bîn, bei ältern autorenund bê. Weinhold 128; niederd. vielfach bün. — wichtiger ist eine erscheinung, die sich in verschiedenen getrennten gebieten findet, nämlich die ersetzung des anlauts b durch s in anlehnung an die pluralformen; sie begegnet schon mnd. in dem dialektischen sem, neund. besonders ostfriesisch, s. Frommann 3, 41, 20 (ik sün in Jever), doch scheint die form hier im rückgange, denn Stürenburg 321ᵇ kennt schon bünn und sünn neben einander, nach Frommann hört man abwechselnd ik sün, bün und bin und nach ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ wären die letzteren formen sogar die gewöhnlichen. vgl. noch nd. korrespondenzbl. 16, 77. ein zweites gebiet ist das märkisch-süderländ. (Westfalen), hier sagt manoder sin Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18, iek sin 4, 273, 154, ebenso bergisch ech sin 5, 141, 38; entsprechend im mittelfränk., luxemb. ech sen Gangler 414, nassauisch ich sein, sinn, sin Kehrein 1, 374. auch in der Zipser sprache (ungar.) ist ich sei bezeugt, s. Schröer 206ᵃ. als mundartliche form vereinzelt in die litteratur eingedrungen: und da seyn ich weggeloffen, und seyn hieher kommen. Simpl. 1, 33, 8 Kurz.ganz vereinzelt werden präsensformen von wesen gebildet: so wese ick wol wat. Richey 338 (über mhd. ich wise, er wiset s. mhd. wb. 3, 765ᵇ. Lexer handwb. 3, 799ᵃ).
b)
2. sing. got. is, altnord. es, est (später er, ert), ags. eart und bist. im deutschen überall bis, später bist, infolge falscher abtrennung der form bistu aus bis-thu. doch ist zu bemerken, dasz bist im ahd. schon in den ältesten quellen sein t hat, während sonst die 2. sing. noch auf -s ausgeht; daher nimmt Braune ahd. gramm. § 379, anm. 1 für bist beeinflussung durch die präteritopräsentia (weist, muost u. s. w.) an. doch findet sich bis auch noch später, besonders im mitteldeutschen, s. Weinhold mhd. gramm. s. 382, auch im bair. bis gegen 1300, s. bair. gramm. § 298. mhd. wb. 1, 127ᵇ. von alten denkmälern hat allerdings nur der Tatian bis neben gewöhnlichem bist. herrschend ist bis in den altnfr. psalmen; auch mnl. ist bes die normalform, daneben best und (besonders brab.-holl.) bist. mnd. gewöhnlich bist, daneben bis, bust, biust. kaum lassen sich hierher ziehen schreibungen, wie:
[on] anfang, mittl und on end
bisdu herr, dein gnad mir send,
in der Augsb. chron. des Burkard Zink (d. städtechr. 5, 66, 21), während bei Liliencron d. hist. volksl. 1, nr. 50 dafür bistu erscheint. sonst steht bist im hochd. fest. von den lebenden mundarten haben die alemann.-schwäb. biṡt, bisch, die mitteldeutschen vielfach best (schles. Weinhold s. 128, bäst nordthür. Schultze 11, siebenb. Frommann 4, 281, 19, luxemb. sogar bas Gangler 414), vereinzelt bîst (Regel 115: bîst oder best, dagegen bezeugt Drechsler für das schles. ausdrücklich bīst gegenüber īst, s. c), nd. vielfach büst, märk.-süderl. auch büss (Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18).
c)
in der 3. sing. haben alle germanischen sprachen die altindogerm. form als ist erhalten (nur ags. daneben biđ), doch ist das t in den meisten früh abgefallen. ist haben durchgehends das got. und ahd. (mit dem altnfr.), is das runische (altnord. es, später er), ags. und altfr. das altsächs. hat überwiegend is (ist besonders im Cott. des Hel.), noch entschi-dener das mnd. mnl. nur es und is (is auch im Leidener Williram). im mitteldeutschen findet sich is schon früh, namentlich seit dem 12. jahrh. massenhaft, s. Lexer handwb. 2, 927. Weinhold mhd. gramm. § 364, seltner im bair., s. bair. gr. § 296. bei H. Sachs wird neben ist auch is, isz, vereinzelt isch geschrieben, s. Shumway s. 142 f. mundartlich hat sich ist heute nur im oberd. erhalten, und zwar unverändert nur in den bair.-östr. alpenmundarten (bezeugt bei Schöpf 667. cimbr. wb. 224ᵇ, ob allgemeiner?), das alemannischschwäb. hat durchweg išt, isch. in den andern mundarten nur is oder es (schles. mit auffälliger dehnung îs, ês, eis Weinhold s. 128, nordthür. und siebenb. äss, vgl. unter a und b, luxemb. enas Gangler 414): nd. is, es nur im märkischen.
d)
am mannigfaltigsten und verwickeltsten ist die geschichte der pluralformen, besonders im hochd. hier werden die 1. und 2. pers. anfangs von bi- gebildet: birum, birut, formen, die in andern dialecten keine entsprechungen haben, vgl. zur erklärung 2, c; doch sterben diese formen in frühmhd. zeit aus und werden durch die optativformen sîn, sît verdrängt. da auch in der 3. plur. die optativform sîn eindringt, so fallen die 1. und 3. pers. allmählich zusammen, und nun wird auch die alte form der 3. pers. für die erste verwendet. so werden gegen ende des mittelalters für beide personen ohne unterschied sowol sein wie sind wie endlich auch die zwitterbildung aus beiden seind gebraucht, von denen schlieszlich sind gesiegt hat. ein unterschied beider personen hat sich nur in wenigen mundarten erhalten. ganz aufgegeben ist, wie überall die 1. 2. plur. im engl., fries. und nd., wo die alte dritte für alle 3 personen gilt, vgl. i (über die ostgermanischen formen s. 2, a).
e)
im ahd. herrschen in der 1. 2. plur. die b-formen uneingeschränkt. die 1. lautet zu ältest birum, birun; die unrechtmäszige erweiterung birumês herrscht bei Tatian, und steht ganz vereinzelt bei Otfrid, sonst einmal piramês; spätahd. biran, birn, bin. die 2. pl. ist birut, spät biret, birt, alem. birent, birnt, bint, s. Braune ahd. gramm. § 379, anm. 1. diese formen sind im ältern mhd. noch recht üblich und finden sich im 13. jh. noch im reime, am häufigsten im bair. - österr. gebiete, während die letzten spuren ins 14. jahrh. fallen und schon im 12. die neuen bildungen daneben stehen. sie lauten: 1. pl. biren, birn, pirn (: schrirn, diern), alem. vereinzelt bin, bei enklise bir(e), pir wir; 2. pl. birt, pirt (: wirt), alem. bint, pint (: kint), s. Weinhold mhd. gr. § 382. bair. gr. § 298, alem. gr. § 353 (s. 352). zahlreiche belege im mhd. wb. 1, 127ᵇ f. und Lexer hdwb. 1, 277, z. b.:
des pir wir alle geheiligôt.
Ezzos gesang 17, 6;
ir bint etewaʒ hie vertvelit.
memento mori 17, 4;
diu eine (welt ist die), dâ wir inne birin,
diu andir ist geistin.
Annolied 27;
cumint mine vil libiu kint,
ich bin uwir vadir, ir bint
di ich irlosit han von der helle not.
fundgruben 2, 137, 1;
daʒ was dem wirte ungemach,
und wolde wâfen hân geschrirn.
'nû sihstû wol daʒ wirʒ birn'
sprach der ungetriuwe man.
Erec 4051;
bevindet man, daʒ ir eʒ bint (: erwint).
Ulr. v. Türheim Tristan 2301;
sô sprach sie zuo der diern:
'mit dir wir gesûmet biern'.
Seifr. Helbling 1, 1188;
er sprach zuo dem wirt:
nû saget an, wie birt
ir ze disen sachen komen?
Ottokar reimchr. 11382.
f)
1. plur.
α)
die gewöhnliche form ist im mhd. wir sîn; ihr entspricht das bair.-österr., auch im nhd. früher sehr verbreitete seyn, wie es noch Schottel, Stieler und Steinbach als alleinige form kennen. belege aus der litteratur: (wir seyn in einer obersächs. urk. von 1397 s. Franke § 64) dan weyl wir alle gleich priester sein, musz sich niemant selb erfur thun. Luther an den christl. adel s. 8 neudr.; wenn wir durch den glauben gerecht worden sein. Just. Jonas bei Luther 6, 396ᵇ; wenn wir new geborn sein, so fahen wir an das gesetz zu halten. 403ᵃ;
wenn wir in höchsten nöten sein
und wissen nicht wo aus noch ein.
Wackernagel kirchenl. 4, nr. 6, 1 (vgl. 1337, 1);
dasz wir jhm auff ein band gewesen seyn bedacht.
Fleming 51.
β)
zweisilbige formen sîgen, sîen, wie sie im conj. allmählich herrschend geworden sind, begegnen in älterer zeit besonders alemannisch, s. Weinhold alem. gr. s. 351 oben: sehent, wier sigen komen her ze Jerusalem. Grieshaber pred. 2, 59; wann wir sien ketzer gewesen. d. städtechron. 4, 97, 6 (Augsb. chron. von 1368—1406); darumb sien wir all uber ain chomen mit der merern volg. 129, 25 (und öfter, s. das glossar). dem entspricht im ältern nhd. wir seien: doch seien wir oft bei ainander geseszen die gantzen nacht. 5, 129, 31 (Augsb. chron. des B. Zink, selbstbiogr. vom j. 1456); sehent wir seyen noch nit als zaghafft als dise. Keisersberg has im pfeffer Cc 1ᵃ; wir seyen darinn vast betrogen das wir eüch nit mer eer haben erboten. Pontus h 3ᵇ; neben seint:
(der edelmann.) zum waidwerck seint wir auch gewidet,
jagen pern, hirsch, rech und hasen.
das wirt dir auch nit zw gelassen.
des seyen wir weit ueber dich.
H. Sachs fastn. sp. 2, 32 neudruck.
γ)
wenn das pronomen nachfolgt, so pflegt im mhd. das n abzufallen, also sî wir, auch sie wir:
dâ sint heiden manichvalt,
mit den sie wir vorladen.
livländ. reimchron. 323 (ebenso 1878. 4702. 9302).
bair.-österr. sey wir, so bei Oswald v. Wolkenstein (s. glossar s. 423), Suchenwirt (22, 36); ebenso noch im ältern nhd.: sey wir nit all von einem vater und von einer muͦter. Pontus h 1ᵃ; was lobs sey wir verdienen ausz der plaichait des vasten. Albr. v. Eyb spiegel d. sitten 62ᵃ. sey und sein neben einander:
ach Venus, wie sey wir so kranck, ...
ach wie sein wir so hart gebunden!
H. Sachs fastn. sp. 1, 19 neudruck.
δ)
mundartlich wird altes sîn zu sin, sinn gekürzt:
der reis sin mer undvorzeit.
Alsfeld. passionssp. 1094;
herre, mer sinn zu der gesangk (zu dir gesandt).
844;
wir sin auch in der vierten bibelübersetzung, s. Kehrein, und noch bei H. Sachs:
nun walt sein gott, wir gehn dahin.
herr gott inn deiner handt wir sin.
2, 1, 13ᵇ;
auff das wir jetzund und forthin
vor seinem todtschlag sicher sin.
3, 8ᵈ.
ε)
für die heute übliche form sind gibt Weinhold alem. gr. s. 351 oben als ältesten beleg:
ê sint wir dort ze stade komen.
troj. krieg 21468,
wo sint allerdings nur von 3 pap. handschriften des 15. jahrh. gewährleistet wird (s. anmerk. s. 213), also wol durch sîn zu ersetzen ist, sonst erst im 14. jahrh., s. Weinhold mhd. gramm. s. 384. besser ist sint für das 13. jahrh. im mitteld. bezeugt, s. ebenda, doch bieten dieselben quellen daneben sîn. so ist bei Heinr. v. Krolewiz (aus Meiszen, 'vaterunser' gedichtet 1252—5) die gewöhnliche form wir sint, auch im reime, z. b.:
er hât sân bewêrt mê,
daʒ wir gebruͦder alle sint;
wende wir sîn gar sîn eines kint ..
daʒ er unser vater sî
unde wir alle sîne kint.
sint wir von im geborn sint.
180—190;
daneben allerdings häufig wir sîn, mit enklise sî wir. hier ist der gebrauch von sint um so merkwürdiger, als die 3. plur. immer sie sîn, nie sie sint lautet, s. das glossar s. 204. weitere belege:
wir sint mit manchen landen belegen.
livländ. reimchron. 1357
(nur hier, sonst wir sin, vgl. sie wir unter γ);
Pilatus, du weist mir sint heiden.
Alsfeld. passionssp. 3852 (ferner 6344, sonst sin, sinn, s. δ);
von Adam untz uf dise zit do wir inne sint. d. städtechron. 8, 239, 2; wir sint hie ertzgraber disz iomertals. Keisersberg bilg. 86ᶜ; hierher auch: ich weis nicht, ob ich oder jr am rechten sind. Luther 8, 32ᵇ.
ζ)
für sind im schwäbischen zuweilen send: des wir sicher hernach zu grossem schaden kumen send. d. städtechroniken 2, 371, 9; des alle unser voreltern und wir als from erbar leut von menigclichen alwegen vertragen gewest und bisher unangesunnen send bliben. 5, 412, 20.
η)
endlich die mischform seind, die namentlich im bairischen seit dem 15. jahrh. nachzuweisen ist, s. Weinhold bair. gramm. s. 298 und g. so in einem handschreiben der stadt Nürnberg von 1444: wann wir nu in gantzem getrawen und zuversicht seind. d. städtechr. 2, 73, 19. ferner: wür seindt in change (auf falscher fährte). Baierns mundarten 1, 138, 36 (bair. schausp. vom j. 1701).
θ)
auch hierfür vereinzelt zweisilbige aussprache:
wir syend doch in glicher sipp.
Hermann v. Sachsenheim mörin 1017.
g)
die 3. plur. lautet ursprünglich in allen german. sprachen sind (aus indogerm. sentí); nur das altn. hat dafür ero eintreten lassen, worin Streitberg s. 318 eine alte nebenform urg. *ezunđi (indogerm. *esṇti, griech. ἔασι) sieht. mit diesem ero wird man am ehesten die form earun zusammenstellen, die im ags. neben sind (und béođ) steht und im spätern engl. als are alleinherrschend geworden ist. zu sind findet sich in allen alten westgerm. dialecten eine nebenform mit angehängten -un, -on, also mit derselben dem perf. eigenthümlichen endung, die sonst die pluralformen von sein aufweisen (got. sijum, sijuþ, altn. erom, eroþ, ero, ahd. birum, birut); so im ags. sindun, -on (selten syndun, -on, sendun, -on), alts. sindun, -on, sundon (altnfr. nur sint), ahd. nur in der Isidor - übersetzung sindun (sint nur einmal in den Monseer bruchst., neben sintun, vgl. bair. gramm. s. 298) und im Weiszenburger catechismus sintun. für die weitere entwickelung kommt diese bildung nicht in betracht. doch ist sind im deutschen auch später nicht in uneingeschränktem gebrauche geblieben, obwol zu allen zeiten üblich und am ende siegreich. namentlich kommt später die verwendung der optativform sîn, sein für den singular und im anschlusz daran die mischform seind auf. die folge ist das zusammenfallen der 3. mit der 1. plur., vgl. d. f. von den ältern hier benutzten nhd. grammatiken und lexiken kennt nur Schottel einen unterschied, indem er für die 1. seyn verlangt, für die 3. synd, oder seyn zuläszt. die andern geben für beide nur eine gemeinsame form, und zwar Clajus sind (sein), vgl. s. xxxi des neudrucks, Stieler seyn, Steinbach seyen, seyn, Gottsched sind ('nicht seyn'). noch ist zu beachten, dasz gewöhnlich mehrere formen sich in derselben quelle neben einander finden, so in Ottokars reimchronik nach Seemüllers glossar gewöhnlich sint, daneben sîn (7 stellen). bei Suchenwirt wird sint, sind und seint geschrieben, doch verwirft Koberstein letztere form, weil nie im reime; dagegen häufig sein als ind. im reime. Sigm. Meisterlin (chron. von Nürnberg 1488, s. d. städtechr. 3, glossar), hat sind, seint, send, sent. vgl. auch: wie die sünden auff die menschen kommen seind, so sy zuͦ gerechtigkait sind geporn .. also sein auch die menschnn ausz widerwärtignn elementen erschaffen. Albr. v. Eyb spieg. d. sitten 1ᵃ. Luther gebraucht in der 1. 3. plur. bis 1523 seint und sein (nach Franck s. 212, doch gehört nach s. 59 seind den 'nachdrückern' an und ist nur sind echt lutherisch). für H. Sachs belegt Shumway s. 143 (für 1. und 3. plur.) 4 mal sint, 3 mal seint, 2 mal sein, dazu je einmal sent, send und sin (: kelnerin), vgl. auch unten die belege. bei Wencel Scherffer sein, auch seindt, s. Drechsler s. 53; ebenso bei Hohberg 3. Elisabeth Charlotte schreibt in demselben briefe (vom 17. febr. 1704, s. sammlung 2, s. 340): wasz albere possen seindt doch dasz, dasz man zu Franckfort soubçoneus ist über wasz jhr mir schreibt? und gleich darauf: da doch so viel leütte zu Franckfort sein. und so vielfach. die Breslauer kanzlei gebraucht nach Arndt s. 90 vorherrschend sint (sind), selten (zu anfang, also ausgang des 14. jahrh.) sent, nur im 15. jahrh. seint. — im einzelnen sind auszer sind folgende formen bezeugt:
α)
nur lautliche variante zu sind ist send, das sich namentlich im oberdeutschen des 15. und 16. jahrh. findet, s. Weinhold alem. gramm. s. 351. bair. gramm. s. 298, wo zahlreiche beispiele beigebracht sind: dieselbigen all werden genant die erbrigkait, darumb daz sy und ir fordern selig lang in groszen eren und stand und rechten her send komen. d. städtechr. 4 (Augsburg), 149, 14 (15. jahrh., in demselben bande auch seind und sien, s. unten); da send so vil fürsten, herren, stette, bischöff (zum Constanzer concil gekommen). 5, 66, 10 (so noch oft, s. das glossar; vereinzelt auch seind; unmittelbar neben sind: inseln, die send zwischen Venedig und Rodis, die wonbar sind. 110, 15 f.); desz send die Fenediger gantz traurig worden. 23, 445, 14 (vgl. das glossar); darumb 2 schwestern die gantz nacht bei ir gewesen send. 25, 15, 9 (und sehr oft, s. das glossar, anfang des 16. jh.); das [sie] sunt dester vleissiger sent. Tucher baumeisterb. 62, 6 Lexer ('ausnahmsweise'); die ubrigen 28 [[undefined:poundsign]] send herausz beliben. haushaltb. 17 Loose (und öfter, auch sein); uns sent die brief zuͦkomen. Schade sat. und pasqu. 2, 97, 5; aber um die drit stund send zuͦm Luther komen seine junger. 109, 10;
daz sint duͤ vier element,
von den alluͤ ding send
geordnet und geschaffen.
Laszberg lieders. 3, 127, 18;
von got trestu der eren breis
für alle remisch kaiser werd,
die gewesen send auf diser erd.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 126, 152;
des send etlich beliben frum.
151, 63 (daneben seind, v. 265);
des mir die leut all zeugen send.
H. Sachs fastn. sp. 1, 43 neudruck (auch 1, 8, s. unten);
sein schmaichel wort sent nur ein deckel
verporgner schalckheit.
2, 17;
kumbt herein! lieb gest mir das sendt.
5, 4;
der gleich mir auch genumen sent
all meine ros, schaff, sew und rinder.
6, 61;
wenn ich nur erfahren köndt,
von wem sie hinglegt worden sendt.
Ayrer 57, 25;
seitdem in der litteratur erloschen, aber mundartlich noch lebendig, siehe k.
β)
ebenso zu beurtheilen ist das niederrheinische sont, sunt, so in den zeitschr. f. d. alterth. 10, 1 ff. herausgegebenen Marienliedern (vgl. s. 134):
dat de, de got is eweliche,
sich also einiget bit unser menscheit,
dat si ein sont al ane gescheit.
55, 4;
dit sunt die wnder die engeine sinne
nie envernamen van aneginne.
27;
ale engele die sont in deme sesteme chore.
59, 15;
neben:
uuie sint dine ougen alsus bespuen.
25, 34.
γ)
dagegen beruht auf wirklicher formübertragung mhd. sîn, bair. und nhd. sein. — sîn tritt im mhd. zuerst auf mitteldeutschem gebiete auf und zwar ziemlich früh, s. Weinhold s. 383 f., z. b.:
ich hân zwei wênige kindelîn,
die ein jâr gelegin sîn.
Rother 3165;
in den heiligen namen drîn,
die drîvalt ein einich got sîn.
evang. Nicod. 640;
sint sunne und mâne iren schîn,
die des gestirnes vürsten sîn,
understunt vorliesen.
Heinr. v. Freiberg Trist. 244;
wir sîn diu armen schefelîn,
diu in die werlt geworfen sîn.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 4142;
der Dûtschen sal ouch nicht genesen
die mit uns sîn zu Kûrlant.
livl. reimchr. 5613;
die Sitter (Zittauer) sein von kluger list.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 191, 17.
vergl. auch zeitschr. für d. alterthum 7, 551 und Franke s. 59. es hängt dies damit zusammen, dasz auch in der 1. 2. plur. sîn, sît im mitteldeutschen zuerst aufgekommen sind, sowie dasz hier die 3. plur. auch sonst früh ihr t verloren hat und dadurch mit der 1. plur. gleichformig geworden ist. im alemannischen und bair. findet sich sin, sein seit dem 15. jahrh., s. besonders bair. gr. s. 299, so bei Osw. v. Wolkenstein (s. das glossar), ferner z. b.: item Michel von Ehenheim und Ludwig Haller, seind hauptleute, die sein auszgetzogen von hinnen an sant Johanns obent Baptiste. d. städtechron. 2, 297, 9 f. (Nürnberger quelle von 1450, hat sonst sint); der uberwant die Tüschen und lüt, sin geheiszen Valwen. 8, 28, 31 (Closeners chron. von Straszburg 1362, sonst sint, z. b. 32, 7); daz ire kamern mer vol mit guͦtem confecte ... sein dann mit pettpüchern. Steinhöwel decam. 419, 23 Keller;
alle die hie vorsampt sin!
vornemmet wol die redde minn.
Alsfeld. passionssp. 3;
dri zungen das vorstehen,
die vor dem crucz hengehen,
Krichs, Juddes und Latin:
den drien die schrifft kunt sin.
5737 (sint nur in den zusätzen, v. 7605);
ebenso nhd. sehr verbreitet, ohne dasz sich eine locale begrenzung angeben liesze, in neuerer zeit natürlich nur in mundartlich gefärbter schreibweise: alle fürkeuf sein gänzlich verboten. tirol. weisth. 1, 107, 8; die 8 [[undefined:poundsign]], die mir deszhalb ausz der loszungstuben gegeben sein. Tucher haushaltb. 142 (vgl.α); von e. l. szein mir .. ij schreyben zcukommen. brief d. sächs. kurf. vom j. 1525 bei Frank s. 59; je mehr sie zürnen, toll, und unsinnig wider mich sein, je weniger neme ich michs an. Luther 6, 346ᵃ; ist fleischlich gesinnet sein wider gott, so sein warlich die besten gute werck unrein und sünde. 388ᵃ (Just. Jonas); denn es mus je ein schatz und edles pfand sein, dadurch die sünde aller welt bezalt sein. 390ᵃ (ebenda kurz vorher: so sind allzeit diese drey stück .. bey einander); aber ir Lutherischen nembt solche sprüch nit zuͤ herzen .., wann sie sein wider euch. H. Sachs dial. 3, 7; ei, der bapst und die seinen sein nit schuldig gottes geboten gehorsam zuͦ sein. 4, 6; ich glaub, dasz vilmehr die pfaffen ... seelworger und seelschürger .. sein gewesen. Kirchhof wendunm. 1, 561 Österley (1, 2, 112); erstes buch desz alten Pommer - landes, darinnen beschrieben wird, .. was darausz für vornehme züge in andere provincien .. vorgenommen seyn. Micrälius (titelbl.); die augen seyn spiegel des hertzes, und schildwächter des leibes. Butschky Pathmos s. 280; wir leben .. in einem lande, wo die künste wegen vieler herrschafften zertheilet sind .. wir leben auch zugleich zu einer zeit, da die Deutschen fast nicht mehr Deutsche seyn. Hoffmannswaldau ged. 1, vorr. a 6ᵃ; ach, mein goldenster herr seelsorger, sie seyn sehr gütig, dasz dieselben von einer kleinigkeit ein solch wesens machen. d. erzähler des 18. jahrh. s. 106, 23 Fürst; sie sein ja so ein arger fliegentöter wie der römische kaiser Domitianus. Anzengruber³ 1, 146; kranke sein oft wunderlich und ihnen musz man halt nachgeben. 235;
ihre brüstlein und die sind hart
recht als sie weren geschnitzet,
sie sein sich von hocher art.
bergr. s. 34, 11 neudr.;
mancher narr der ist also thümm,
maint etlich leüt dj sen frumm.
ain weiser hält sich baider seyt,
halb holtz halb horn das schies weyt.
dj selben frumm gehaissen sein,
als sawerprunn ist guͦter wein.
wann nimant sich vermessen soll,
zedienen zwaien herren wol,
dj an ainander wider sind,
als man im evangeli findt.
Schwartzenberg Cic. 128ᶜ f.;
zu welchem end', erzehl' ich seine proben hier,
da sie euch wol, so wol bekand doch seyn, als mir?
D. v. d. Werder Ariost 11, 5, 4;
durch dich die waffen nun seyn keiner ehren werth.
26, 4;
ach wie viel herren wol, und ritter seyn auff erden.
27, 1;
komm, komm, und lob den schöpffer dein,
weil andre vöglein schlaffen seyn.
Simpl. 1, 28, 7 Kurz;
der kräuter stille kräffte
seyn euch gantz offenbahr.
Fleming ged. 62 (auf derselben seite sind im reime);
wandl' ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,
alle meine gedanken bei meinem feinsliebchen sein.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 101.
selten auch zweisilbig seien: so ist die zeit, so von anfang der welt, bis auff der apostel zeit, eben als wol ein selige zeit wesen, als die jetzige zeit ist. dann es seyen die lieben patriarchen, so an die verheissung gottes von Christo ... geglaubt, eben so wol selig worden, als man zu unser zeit durch den glauben ... kan selig werden. Gretter erklär. der ep. Pauli an die Römer (1566) 784.
δ)
lautliche entstellungen aus sîn sind die (in mundarten weit verbreitete, in der schriftsprache seltene) kürzung sinn, z. b.:
wann mich bedünckt in meinen sinnen,
es sinn bey sieben pfundt darinnen.
H. Sachs fastn. sp. 4, 52 neudruck,
sowie die noch weitergehende schwächung zu sen: auff das jar (1503) auff den 15. tag october kamen gelabhafftig brieff von Fenedig gen Augspurg, wie dasz bei 23 schiff kommen sen von Kallekutt gen Lyssiban und hand pracht bei finf und dreissig zentner allerlai spetzerei. d. städtechron. 23, 445, 12 (Augsburger chron.); so die furleit nit wezalt sein, der xiij geste ich nit; dann als vil sy gefurt haben, sen sy als wezalt. Chmel urk. Max. 302 (vom jahre 1508); sy sen, ob got will, jtzt baide beyainander in den ewigen fraiden. Schwartzenberg 149ᵃ;
zuͦ dir sen all mein sinn gestalt.
145ᵃ.
ε)
die contaminationsbildung seind (aus sind und sein) begegnet zuerst bei oberdeutschen autoren des 15. jahrh. und ist in der nhd. schriftsprache des 16.—17. jahrh. überaus häufig; dann ist sie wieder aufgegeben und findet sich später höchstens noch vereinzelt in bewuszt alterthümelnder redeweise. vgl. Weinhold alem. gramm. s. 351. bair. gramm. 298. sehr häufig stehen andre formen daneben, vgl. oben g (einleitung) und f, η. belege: und truͦgen in (den toten kaiser) enhalb der prugg zuͦ unser frawen, da die crutzer seind. d. städtechron. 4, 62, 1 (Augsburger chron. von 1368 bis 1406); ir seind bei 200 raisiger darinn. 5, 258, 5; darinnen sie bisher ruͦbigclichen gewesen und noch seint. 25, 61, 35; am zechenten seint die Haimbinger berechtigt, mit irem vich ... die waid zu besuechen. tirol. weisth. 2, 61, 25; wellicher thail dan der anlaitung nicht nach käm, der soll aussrichten und bezahlen alle die schäden, so daryber gangen seint auf den tag. 4, 173, 41 (vom j. 1473); hochfart und neyd seind gewonlich bey ainander. Keisersberg v. d. 7 schaiden cc 5ᵃ; das seind drey fält und gestalt dreyer tugent, und sint nit tugent. 5ᵇ); ists offenbar gnug, das die schlussel nit allein sanct Petro, sondern der gantzen gemein geben seint. Luther an den christl. adel s. 13 neudruck; seynd das nit vordrieszliche teuffelische fundle? 23; denn es seind allein blosse wort, und vergeblich geschwetz. Just. Jonas bei Luther 6, 427ᵃ (weiter unten: denn meine missethat sind uber mein heubt gangen, wie ein schwere last sind sie mir zu schwer worden); seint sie aber sündigen. H. Sachs dialoge 2, 26 Köhler; die umbgelegne clösterle, die gleichwol iezundt diser zeit mertails auch verschluckt und hindurch seindt. Zimmerische chron.² 3, 601, 6 Barack;
sie han getan ir besten fleisz,
wie wol si seind geschlagen.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 115, 21 (vom jahre 1462);
si seind nicht wert, dasz sie ein schwert
mer nemen in ir hende.
22 (dagegen:
und welche da gestorben sind : kind.
25);
doch seind die zwen nit genesen.
2, nr. 151, 265 (vgl. α);
und wa zwai herzenlieb bei ainander seind,
die zwai sollent sich basz besinnen.
Uhland volksl.² s. 41 (16, 6);
ach ihr wenglein die haben zwey grübelein,
die seind darein.
bergreihen s. 67, 6 neudr.;
die welschen hüt ich meyn ...
seind hie zu land nicht viel.
84, 20;
für ertzhuren seind sie zu achten.
Ambras. liederb. 229, 10;
in dem, als durch die flucht die christen meist entronnen,
ward dieser hertzog selbst gefangen von dem feind,
drob seine zelten auch verlassen blieben seind.
Dietr. v. d. Werder Ariost 1, 9, 8;
ja, seelig, seelig seind dreymahl
die, so auff diesen felsen bawen.
Weckherlin ged. 7 (ps. 2, 15);
ach herr! mein leib und glieder seind
nunmehr .. so schwach, dasz meine freind
mehr, dan mich trösten, trawren;
hingegen meine feind seind frölich.
19 (6, 7);
er kömmt, er kömmt, ein könig,
dem warlich alle feind
auf erden viel zu wenig
zum widerstande seind.
P. Gerhardt nr. 10, 72 Gödeke;
und wolte wolte gott, es were nur der feind,
den ich noch nie gescheut! so musz allein ich klagen,
dasz ich an diese soll, die meine kinder seynd.
P. Fleming 117;
in absichtlich archaisierender rede wieder eingeführt:
die knecht geflohen seynd.
Tieck ged. 2, 110;
die liebsten kumpan seynd das mir.
Oct. s. 110.
ζ)
zweisilbiges sîent:
sechs edler fürstin claur und fin
die siend all zuo ir behafft.
Herm. v. Sachsenheim mörin 2413.
ebenso nhd. seyhent: es kann nit sein, dasz cisternen gewesen seyhent. Seb. Münster bei Kehrein 1, 280 (oder conj.?).
η)
folgende form ist wol nichts als ein druckfehler:
die selben oden, falschen zungen
von Babilonia sidt entsprungen.
Murner schelmenz. vorr. 54 (in der 2. vorr. dafür sindt).
h)
in der 2. plur. steht an stelle des ältern birut, birt, birnt u. s. w. (s. e) im mhd. gewöhnlich sît, so schon im Leidener Williram durchweg siit. dafür ganz vereinzelt zweisilbige formen:
wes ûwer wille kegen mir gert,
des siet ir von mir gewert.
livl. reimchron. 408;
(als imperativ:)
ir Sameiten siet gemeit.
4685 (wol einsilbig zu lesen);
ire sihet in Hiesus plicht
und siehet eme underthain.
Alsf. passionssp. 3837 f.,
neben gewöhnlichem sit 456. 7343. 7904, sijt 7343 und sogar sint (s. unten):
ach ir snoden Judenkint,
wie gar hesszigk ir alle sint
Hiesu dem gerechten!
3969.
bairisch - österr. früh zu seit, seid entwickelt, und so im nhd. durchweg; daneben mundartlich mit enklitischem (meist pleonastischem) pronomen seitz, seyts, seyz, seicz, so im 'ring' Heinrich Wittenweilers, s. Weinhold bair. gramm. § 296;
her Hafenschlek, ir seicz ein chnecht,
der wider got und widers recht
wüsten wil die häiligen e.
18ᶜ, 20;
darumb, her Straub, ir seitz ein man,
der der erczney so vil chan.
26, 38;
herr, ir seyts der äyn,
der uber uns gesaczet ist.
41ᶜ, 43:
im alemannischen, wo die 2. plur. überhaupt die endung -nt angenommen hat, ist seit dem 13. jahrh. die gewöhnliche form ir sind, die auch noch dem nhd. des 16. jahrh. geläufig ist, vgl. Weinhold mhd. gramm. s. 383, alem. gramm. s. 351 (sint neben sît im reime) und mhd. wb. 2, 2, 293ᵇ: umb daz ir dez landfridz gemant worden sind. d. städtechron. 4, 189, 2 (schreiben von 1393); nu sind ir heilig und müeszet also sterben in dem glauben. 5, 91, 2; dasz jr mit guͦten schwencken und kurtzweiligen bossen zuͤ yeder zeit .. gefaszt sind. rollwagenb. 4, 4 Kurz; kömpt här zuͦ mir, alle die jr müyselig unnd beladen sind. 10, 12;
hüetent iuwer ôren,
oder ir sint tôren.
Walther v. d. Vogelweide 87, 26 (handschr. C);
Schanteclêr klagte sîniu kint,
er sprach: 'künec, wir wiʒʒen daʒ ir sint
unser rehte rihtære'.
Reinhart 1858 (vgl. Grimms anmerk.);
wann ir sind aller manheit voll,
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 130, 7;
jungfrauw! ir sint edele,
ir sint ein weidelich wip.
Uhland volksl.² 62 (36, 7);
nu geht von stat, ihr lieben kindt,
weil ihr zusam vertrauet sind,
so legt euch nu an eure ru!
Ackermann s. 46 Holstein (Tobias v. 1034).
für sint wird vereinzelt sient und send geschrieben: lieber freunt, ir send heut am morgen ausz meinem hausz geritten und hapt zu morgen hie geszen, wie ir aber umbgeritten oder wa ir gewesen sind, das weisz ich nit. d. städtechron. 5, 108, 3—5; von dez wegen wann ir ain vicari und gelid dez richs syent. 341, 25;
herr marschalk, syend ir berait?
Herm. v. Sachsenheim mörin 1515;
als imperativ:
darumb so syend hüt gelich
und helffent sterben disen man.
1446.
im ältern nhd. auch seind: fraw, gend ir eüch inn der sünd, darumb jr dann zuͦ dem todt gefüret worden seind, nit schuldig? Galmy (1540) 124ᵇ; ebenso als imperativ: fraw seind getröst, es sol eüch .. wol ergon. 125ᵃ. nicht ganz sicher ist die person in folgender stelle: lasst mir den mann ungeheyet (ungeschoren); ich weisz nicht, ob er oder ihr die gröste narren seind. Simpl. 2, 199, 30 Kurz. vereinzelt wirft dies sînt, seind, nach alemannischer weise, sein t ab, sodasz die form als sîn, sein erscheint:
daʒ ir ze helfe sîn gesant
Troiæren ûf der Kriechen schaden.
troj. krieg 32574.
i)
die mundarten gehen in der gestaltung der pluralformen stark auseinander. nach Weinhold alem. gramm. s. 351 wären in den heutigen alemannischen dialecten die personen des plur. völlig gleich, und zwar in der Schweiz sind (send) und sî ̃, in Schwaben sind, im Elsasz sinn. die idiotiken u. s. w. kennen solche einheitliche formen nur theilweise, so Hunziker 240 (mr, dr, si sind), Tobler 420ᵇ (sönd oder send), Frommann 2, 112 (schwäb. sint, daneben simmer). andere unterscheiden dagegen die personen, so Seiler 268ᵃ (si, sitt, si und sinn), Frommann 3, 207, 20 (sinn, sint, sint); 4, 325 (mundart der Walser: mr šind, er säid, šie šind), 4, 17ᵇ (Schmidts idiot. Bern.: syt estis et este, aber sy, sunt), vgl. noch 6, 130, 3 (śenn sind); 5, 115, 17 (elsäss. simmer). — das bair.-österr. gebiet ist durch die eigenthümliche form der 2. plur. mit enklitischem pronomen es seits (vgl. h) gekennzeichnet; die 1. und 3. person werden in der regel zusammengeworfen. im einzelnen werden folgende formen aufgeführt: bair. mier, si seind, sánd, sán', hánd, hán'; es seits, sáts, heits, háts. Schm. 2, 202; im 'Donau-Lechwinkel' mir sein, es saeds, si sein. Baierns mundarten 1, 306; tirol. mier, sie sein, senn, send, henn, hend; es seits. Schöpf 667; sand in Baiern, Salzburg, Österreich, Obersteier, auch sând, z. b. um Passau. Weinhold bair. gramm. s. 299, nürnberg. senn, s. 298; für die 3. pers. werden ferner angeführt send, sönd. Hartmann-Abele volksschausp. s. 598, sãi Frommann 3, 331, niederösterr. san 6, 253, ii; für die beiden ersten kärnt. seimar (sind wir), seits. 5, 254, 52. 56. im cimbr. ist der unterschied der personen erhalten: bir sain, ir sait, seü seint. cimbr. wb. 224ᵃ. eigenthümlich sind die formen mit anlautendem h, die sich besonders in den böhmischen mundarten finden, vgl. Baierns mundarten 1, 364, 11 (mie hán, hánd im bair. wald). 437 (sann satts bez. han hatts sind seid, letztere überall in Westböhmen, auszer am rande, doch daneben auch miar, si senn. ebenda, vgl. s. 420). Frommann 5, 410, 10 (südböhm. sats, hats ihr seid). Weinhold bair. gramm. § 190. — in den mitteldeutschen mundarten besteht überall eine gemeinsame form für die 1. 3. plur., diesz ist für viele dialecte zusammengestellt Baierns mundarten 1, 288, danach obersächs.-erzgeb. mer, si sein, nordvogtl. sai, ostfränk. sin (Würzburg), san, sá ̃n, sen, vereinzelt sei ̃, südvogtländ. sen. vgl. auch Frommann 1, 122 f. (fränk. thür. sie sein, senn). sonst werden verzeichnet fränk. henneb. senn, säit Frommann 2, 407, 11. 5, 266, 1. 270, 10 (semme sind wir); nassauisch sein (sinn, sin) Kehrein 1, 374; luxemb. sen, sit Gangler 414; schles. sein, sên, senn, 2. pers. seid Weinhold s. 128, siebenbürg.-sächs. seng ̃, seg ̃d Frommann 4, 281, 19; thür. säin, säid Regel 115; nordthür. sin, siit Schultze 11, sint, sît Liesenberg 77; altenb. sin, sid Pasch 79, leipzigerisch sinn (vornehmer sein), seid (sidd) Albrecht 53 f.; erzgeb. sein, seid Göpfert 86; schles. sein (sên, senn), seid Weinhold dialectforsch. 128. — das nd. zeigt wie das fries. und engl. durchweg zusammenfall aller 3 personen des plurals. diese gemeinsame form lautet gewöhnlich sint, auch sünt, sunt (bei enklise sin, sün, sun wi, ji, mundartlich schon in ältern quellen binnen, binen und binnen, s. Schiller-Lübben 5, 695ᵇ). nur das westfäl. kennt daneben auch sîd, s. Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18 (märk. Süderland), vgl. 4, 272, 99. 101 (märk. siffi, sinfi sind wir); und ein theil der nördlichen mundarten hat dem sing. eine form bünt nachgebildet, so in Südschleswig, s. nd. korrespondenzbl. 10, 18 (dagegen in Angeln sind, vgl. auch 16, 77) und aer (jetzt seltenere) nebenform in Ostfriesland, s. Stürenburg 321ᵇ (bind und sünd). ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ. Frommann 4, 132, 79. formen der fries. mundarten verzeichnet Siebs s. 151.
k)
geringere abweichungen bietet der conjunctiv.
α)
zunächst ist zu erwähnen, dasz im mhd. neben dem gewöhnlichen conj.u. s. w. formen von wesen stehen ohne jeden sinnesunterschied, vgl.:
daʒ dû sîn vriunt wesest guͦt
unde im niht sis gehaʒ.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 3347 f.
weitere belege s. mhd. wb. 2, 765ᵇ. Lexer hdwb. 3, 799ᵃ. häufiger ist wese mnd. und mnl. neben gewöhnlichem sî.
β)
die gewöhnliche form des conj. ist im mhd. sî sîs(t) sî sîn sît sîn. daneben finden sich besonders im alemannischen zweisilbige formen, theils sîe sîen u. s. w. geschrieben, theils mit dem spiranten j als übergangslaut sîge sîgest sîge sîgen sîgent sîgen(t). obwol diese formen erst aus späteren quellen bezeugt sind, will Weinhold alem. gramm. s. 351 in ihnen die alterthümlichsten sehen, indessen trotz der übereinstimmung mit dem got. sijau, sijais u. s. w. mit unrecht. die indogermanische flexion des opt. zeigte nämlich einen wechsel zwischen sing. und plur. siḗm (bez. syḗm) siḗs siḗt — sīmés sīté siént. dieser ist indessen vielfach zu gunsten des ī der pluralformen beseitigt, so im classischen lat. und so jedenfalls auch im urgermanischen. die so entstandenen formen mit durchgängigem î sind im ahd. ausnahmslos und auch mhd. in der regel erhalten (ebenso mnd. mnl.). wo dann zweisilbige formen mit modusvocal nach dem i auftreten, beruhen diese sowol im got. wie im hochd. auf übergang in die thematische flexion. die belege beginnen mit dem 12. jahrh., so mehrfach im Rheinauer Paulus, s. Kraus ged. des 12. jahrh., ferner mhd. wb. 2, 2, 293ᵇ f.:
nu bit hich die chnabin drie,
daʒ si mir helvinde sien.
Rheinauer Paulus 24;
'nu horet alle', sprachen sie,
'swie [wie?] eʒ umb die rede sie'.
pass. 37, 49 Köpke;
ein stein heiʒt elitropîe.
nû hœrent wie dem sîe.
Volmar steinb. 446;
des sie mîn sêle ûwer pfant.
livl. reimchr. 552 (u. öfter);
was in min frow gezigen hab,
das syen als herdauchte mear.
Herm. v. Sachsenheim mörin 1773 (vgl. die anmerk. zu v. 265);
danach sind die formen des sing., obwol zuweilen mit ye geschrieben, einsilbig zu lesen, während die für ind. und conj. gleichlautenden pluralformen auch zweisilbigkeit zulassen:
und gebent wis ret,
wer dies boten syen,
und doch nit under dryen.
d. spiegel, bei Altswert 185, 32;
want du nimmest dich an, du sijest got.
Alsf. pass. 4308 (sijhest 3517, siest 849, siestu 7900);
Ys sijhe der lieb adder leit.
3424 (ebenso 875. 4465. 7860, sihe 7585, sie 6558, sij 112. 2161);
nu horet alle und vornemmet mich,
er sijhet alt, jung, arm adder rich.
2 (sijt 618);
der doit macht alle dingk glich.
sie sijhen arm adder rich.
2196;
got vater in der ewigkeit,
gelobt sigist in der gotheit.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 144, v. 2;
Isaac sprach: 'go her zuͤ mir, das ich dich betaste, ob du Esau sigest'. d. städtechron. 8, 254, 21 (Königshofen); darumb wil ich, daʒ ir bi mir sigent. 305, 11; was er übels geredt hab, daʒ sîe in ainem zorn geschehen und sîe im laid. tirol. weisth. 3, 344, 17 f. (quelle vom j. 1427). die 4. bibelübersetzung hat neben einander syhe, sijen, sien und sey, s. Kehrein 1, s. 279 f.
γ)
diese formen setzen sich auch im ältesten nhd. noch eine zeitlang fort. namentlich sind sie üblich bei Keisersberg, z. b.: du syest von natur wie tugenthafft du wöllest .., du sigst dar zuͦ wie vernünfftig du wöllest, .. disz alles macht dich got nit angenem. bilg. 86ᵇ f.; nitt dasz ich gott deszhalb dester nützer syge. patern. F 5ᶜ; gedenck am ersten von dir selbs, ob du sygest in todtsünden oder nitt. P 2ᶜ; was im durch das gebet zuͦ suͦchen, heischen oder zuͤ begeren syge. D 4ᵈ; darumb so verlyhe uns, dz wir teilhafftig sygent des brots. R 5ᵃ; so wir erkennen und glauben, solliche vorgesagte ding von im, das sy in im sygent. F 5ᵇ. ferner im Terenz v. 1499: ob ich sunst ich wöll? ya, wenn du by disem ritter bist, das du von im syest, und mich tag und nacht lieb habst, myn begerest, das din traum von mir sy, myn wartest, myn gedenckest, mich hoffest, das din wollust ab mir sy, das du gantz by mir syest. 41ᵇ f. und noch in Wickrams rollwagenb.: wie darffst dus reden, dasz ich dir schuldig sye? 21, 14 Kurz; gebt uns ein schwuͦr, der da nit zuͦ klein, auch nit zuͦ grosz sye. 90, 20; so der gantz kirchhoff gewycht syge. 136, 24. ferner: dasz er ein tütscher fürst oder graff, und ein glid des richs sige. Tschudi 1, 2ᵃ; die besser und die gerechter urteil sige. 2, 543ᵇ; als Lucern und Zug für jr rechte herrschafft ... durch si selbs vorbehalten und uszbedingt sige. ebenda.
δ)
vereinzelt auch im ältern nhd. einsilbige formen ohne diphthongierung, besonders im alemannischen: es ist dir besser du sigst by erbern frummen lüten .. dann das du allein siest. Keisersberg bilg. 57ᵈ; ich glaub, etlich sie haben gemaint, der leubhaftig deufel si vorhanden. Zimmerische chronik² 2, 577, 18 Barack;
was es sig für ein gsind
die selben galgenkind.
Uhland volksl.² 280 (142, 2);
das er reyn sig von sünden gar.
Brant narrenschiff 29, 32;
(der papst) wil darfür gehalten werden,
dass er sig ein gott uf der erden,
darumb treit er der kronen dri,
dass er über all herren si
und sig ein statthalter Jesu Christ,
der uf dem esel geritten ist.
Manuel s. 107 Bächtold (von papsts u. Christi gegens. 91—96).
ε)
die gewöhnliche nhd. schriftsprache gebraucht durchweg formen mit diphthong, doch stehen einsilbige und zweisilbige von anfang an neben einander. da nun letztere zum theil vom heutigen sprachgebrauche anerkannt, zum theil dagegen aufgegeben sind, und da auszerdem in den pluralformen sich vereinzelt noch weitergehende abweichungen infolge von vermischung mit dem indicativ finden, so empfiehlt es sich die einzelnen personen gesondert zu betrachten. vorangestellt seien die angaben der wichtigsten grammatiken und wörterbücher: Clajus: sey-seiest-seyseien-seiet-seien; Schottel: sey - seyst - sey - seyn oder sindseyd-sind oder seyn; Frisch: sey-seyst-sey-seyen-seyet-seyen; Gottsched: ich sey, nicht seye- du seyst, nicht seyest- er sey, nicht seye- wir seyn, nicht seyen- ihr seyd- sie seyn, nicht seyen; ebenso Adelung, dagegen Campe, dem heutigen sprachgebrauche entsprechend: sei - seist, seiest-sei-sein, seienseid-sein, seien. durchgängig wird die einsilbige form bevorzugt, wenn das pronomen nachfolgt.
ζ)
in der 1. 3. sing. ist die form seie, seye von der grammatik niemals aufgenommen, von Gottsched 302 sogar ausdrücklich bekämpft (s.ε, in der anmerk. erwähnt er abweisend eine sonderbare unterscheidung, wonach seye in verneinenden, sey in bejahenden sätzen seine stelle habe). ebenso ist sie heute ganz auszer gebrauch gekommen. trotzdem findet sie sich in der litteratur nicht selten, und zwar bis in unser jahrhundert hinein: und das seie von alter recht. tirol. weisth. 1, 145, 13 (handschr. von 1565); drittens ist beschlossen worden, das ainer, am welichem ort das seie, vor der albfart ninderst merer treiben oder aufkern solle. 64, 28 (vom jahre 1677); dasselbe auch anderem billich vorzuziehen seye. eselkönig s. 223 (kurz vorher: vorzuziehen sey); auf wasz weisz er durchkommen seye. Baierns mundarten 1, 138, 3 (bair. schausp. von 1701); damit er zu seiner zeit .. zur cron undt regierung des reichs vechig seye. 205, 28; er habe gehört wie unwürdig man an seinem schwager bundbrüchig geworden seie. Göthe Götz von Berlichingen 4 (Weim. ausgabe 8, 127, ausgabe von 1773, sey in der ausgabe letzter hand 8, 123; 42, 160 steht dafür wäre); das wetter will nicht leiden dasz die probe im garten seye. briefe 6, 2;
seegen, fried', einigkeit seye das band,
dasz da verknüpffe sinn, hertzen und hand.
Scherffer ged. 150;
fest seye verknüpfet das ehliche band,
mit lieber einschlagung der fürstlichen hand!
167 (vgl. Drechsler s. 53);
er kennt sich selbst nicht mehr, meint, alles seye schein.
Haller ged.¹⁰ 59;
als seie nichts geschehen,
so musz ich völlig meinen.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 260.
η)
in der 2. sing. ist die zweisilbige form verhältnismäszig selten, z. b.:
mit kleinen kosten leer ich dich,
wie dich solt richten in dem stich,
das auch gefast seigest hierin,
so etwan must schlucken den wein.
Wickgram kunst zu trinken (1537) 3, H 3ᵃ.
von den grammatikern hat sie nur Clajus recipiert. ganz feststehend ist die form seist bei nachfolgendem du, so in den sehr gewöhnlichen formeln zu anfang von kirchenliedern, wie:
gelobet seystu Jesu Christ!
Wackernagel kirchenl. 3, 9 (Luther);
gegrüszet seyst du, gott mein heil.
P. Gerhardt s. 46 Gödeke,
der weitaus häufigsten verwendung dieser form überhaupt.
θ)
in derüberhaupt seltenen — 2. plur. ist die einsilbige form noch entschiedener herrschend (seiet nur bei Clajus, s.ε). auf der alemannischen mundart beruht folgende form: ich hab euch nur gefragt, ob jr ein huͦr seyen? Wickram rollwagenb. 20, 6 Kurz (vgl. 2: fraw, sind jr nit auch ein huͦr?).
ι)
in der gewöhnlich gleichlautenden 1. 3. plur. wird dagegen eher die zweisilbige form bevorzugt: er denkt, wir seien nicht zu hause und ähnl.; wenn sy das podagra oder czipperlein haben, so geben sy zuͦ versten es seyen ander kranckheit. Steinhöwel decam. 419, 31 Keller. in der ältern sprache dafür seigen geschrieben:
dann darumb auch die Francken führten
jnen selber zu sondern zierden
die gilgen, dadurch zubezeugen,
dasz ein recht freyfranck volck si seigen.
Fischart dicht. 3, 348, 58 Kurz.
dagegen: wye dy mal und wirtschaft sein zu halten. Albr. v. Eyb elich weib a 2ᵃ. doch ist zu beachten, dasz diese eigentlichste verwendung des conj. präs. immer mehr aus der gewöhnlichen sprache schwindet und dafür der conj. prät. oder der ind. eintritt. in der aufforderung aber, wo der gebrauch des conj. noch ganz lebendig und überaus häufig ist, wendet man wegen des nachfolgenden pronomens auch hier fast durchweg die kürzere form sein an: sein wir gerecht! sein sie mir nicht böse u. s. w.
κ)
in der ältern sprache finden sich zuweilen abweichende formen, so zunächst das aus dem ind. eingedrungene sind, von Schottel neben seyn (für die 1. und 3. pers.) zugelassen; hiermit wird zu verstehen gegeben, dasz doch alle leuthe in der welt, sie sind auch wer sie wollen, das zeitliche leben lieb haben. Olearius Lokmanns fab. 113ᵇ (14). — so auch die mischform seind, von Adelung für die 3. plur. als oberdeutsch verzeichnet, doch früher auch in der 1. üblich: die widersacher aber, die reden davon, als seind wir nicht Christi reben, sondern Moisi. Just. Jonas bei Luther 6, 427ᵃ. — dagegen beruht die im ältern alemann. belegte form seyent wol auf der dort üblichen vermischung der 2. und 3. plur.: item Gregorius ... sagt dz seine werck oder würckungen, seyent unser underwysung. Keisersberg paternoster E 3ᵇ.
λ)
formen der lebenden mundarten: schweiz. seig, seigišt, seig, seige und sîg, sigist, sîg(i), sigi, -it, -it s. Hunziker 240. Seiler 268ᵃ. Frommann 3, 207, 20. 4, 17ᵇ. 5, 406, 1. 6, 408, 25; schwäb. sei, seist, sei, seiet oder seie. 2, 112; bair. sey Schm. 2, 202; cimbr. sai er, saibar, sain seu. cimbr. wb. 224ᵇ; niederbair. y sä Baierns mundarten 1, 229, 127; westböhm. sa s. 437; luxemb. ech séw, du séws, é séw, mir séwen, dir séwt, se séwen. Gangler 414. in vielen mundarten, namentlich den meisten mitteldeutschen, ist der conj. ganz auszer gebrauch. die nd. bilden ihn noch zum theil von wesen, so ik wese brem. wb. 5, 240, wääs Stürenburg 321ᵇ, vgl. auch Adelung. daneben indessenSchambach 192ᵃ. Frommann 3, 260, 11 (märk. Süderland). jene weise scheint der küste, diese dem binnenlande anzugehören.
l)
der imperativ hat keine alte von der wurzel es oder bheu gebildete form. im got. wird er durch den optativ ersetzt, vgl. Grimm gramm. 4, 83, in den andern sprachen von wesan gebildet: altn. ves, ver, ags. wes (daneben bío, béo), altfries. wese, alts. ahd. wis, anfr. wes, mnd. wese, mnl. wes; mhd. wis, daneben in den nördlichen mundarten auch wes, wese:
alsô wes mîn zunge und mîn munt.
Rolandslied 1512 (55, 5);
wes willekome, lîbeʒ wîp.
Eilhart v. Oberge Tristan 3031;
du wis (handschr. wese) niht alsô gæhe.
Virginal 978, 8.
α)
für dieses kommt früh eine neubildung bis auf, die jedenfalls entstellung von wis in anlehnung an die 2. sing. ind. bis(t) ist. sie findet sich am frühesten und häufigsten im alem., hier sogar schon ganz vereinzelt in ahd. zeit: a dibilibus arcearis fona lamem pis kiduungan. ahd. gloss. 1, 425, 44 (Rb). seit dem 13. jahrh. ist sie oberd. und mitteld. in allgemeinem gebrauche (neben wis). vgl. Weinhold mhd. gramm.² s. 382. alem. gramm. s. 352. bair. gramm. s. 300. mhd. wb. 1, 128ᵃ. Schm. 2, 291 f. dem mnd. ist sie fremd geblieben, wol aber findet sich bes im spätern mnl. ich stelle zunächst einige mhd. belege zusammen:
gelobt bis, hôhiu Trinitât,
Vater, Sun, Geist,   gelobt bis al der gnâden rât,
diu dû durch uns vil arme   ie begienge od noch durch uns begast.
Reinmar v. Zweter 231, 1—3 Roethe,
bis dêmüet und erbarme dich.
Marner 1, 37;
Colne, danke aller eren gode,
bis underdain sime gebode.
Gotfr. Hagen 2652;
bis diemüetic unde kiusch.
Ottokar reimchr. 700;
Bethlehem bis frô!
49467;
bis mit den freydenreichen fro.
Suchenwirt 38, 25;
sô bis verswigen gerlîch.
Oswald v. Wolkenstein 51, 1, 19;
du saligs kind, nu pis mein wirt!
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 128, 368;
Maria maget keusch und rein, ...
bis den frumen fursten mit hilf bereit.
191, 218;
gott bis im gnedig. d. städtechron. 5, 163, 23 (vgl. das glossar). — auch derselbe autor gebraucht verschiedene formen neben einander, so wird bei Suchenwirt wis, bis (biʒ) und pis geschrieben, s. Koberstein 3, 38. die 'Wenzelbibel' hat bis, s. Jellinek 90.
β)
in spätmhd. zeit wird dann zum infin. sîn und zum conj. ein neuer imp.gebildet, s. Weinhold mhd. gramm.² s. 384. alem. gramm. s. 351 (die stelle aus Orendel lautet: nun sig lidig, und steht in der handschrift von 1477, s. die ausg. von Berger vers 1509). diese bildung ist im mhd. noch sehr selten und scheintim gegensatze zu bis — vom norden einzudringen. im mnd. und mnl. ist sie ganz gewöhnlich.
γ)
im nhd. stehen die beiden formen sei und bis von vorn herein gleichberechtigt neben einander: (imp.) sey vel bis du, sis vel es. Clajus 114, 25 neudruck; ebenso geben Schottel und Stieler: bisz oder sey. dagegen sagt Frisch 2, 266ᵇ nur sey, kennt bisz nur aus der litteratur, s. 1, 97ᶜ. ebenso steht für Gottsched 303 sey du fest. Luther hat (nach Franke) bisz bis 1530; für H. Sachs belegt Shumway 144 nur sey, für Scherffer Drechsler 53 seie und bisz, in den von Kehrein gr. 1, § 385 beigebrachten belegen überwiegt bis, bisz weitaus; beides neben einander haben darunter Keisersberg, Albr. v. Eyb, Wicel und H. Sachs. belege für bis(z): o Pamphile bisz gegrüsset. Terent. (1499) 16ᵇ; eya du freündt gots, bisz vest unnd nym an dich die waffen Christi. Keisersberg granatapfel F 1ᵇ (aber: nun sy got wilkum du diener gotz. bilg. 68ᵈ); bisz mässig mit essen und trincken. Albr. v. Eyb spieg. der sitten 38ᵃ; sprich, man sol vater und mutter ehren, aber thue es nicht, bis jnen ungehorsam. Luther 2, 44ᵇ; bisz keusch, danck gott. Luther und Emser streitschr. 2, 115 neudruck; ferner rollwagenb. 76, 21. 103, 4 Kurz (s. unten); ach herr, bis mir gnedig. Zimmerische chron.² 1, 166, 19 Barack; lieber vater, bisz mir gnädig, vergib mir meine schuld. Neander menschensp. (1631) F 5ᵃ; bis, wer du warest. Logau 2, 61, 45 (überschrift);
gedenck an deines ordens ayd,
und bisz gehorsam, arm und keüsch.
Schwartzenberg Cic. 139ᵇ;
nun komm herein, bisz wilkumb mir.
H. Sachs 2, 2, 19ᵈ;
der könig sprach, bis willkom gast.
froschm. D 2ᵇ;
bisz willkommen, bisz wîllkommen,
hochgelobte königin.
Fleming 433;
christ bisz nur nicht verzagt, mit wachen fasten bethen
kanstu das gantze heer der teuffel unterthreten.
Scheffler cherub. wandersm. s. 169 neudr. (6, 207);
o! bis mir denn willkommen heute,
bis willkomm schöner held (sonne)!
Claudius 3, 10;
komm, bisz mein liebchen, bisz mein weib!
Bürger 120ᵃ (als lesart, wol absichtlich archaisierend).
δ)
heute ist bis noch in den Schweizer mundarten lebendig, s. Hunziker 240. Tobler 420ᵇ. Seiler 268ᵃ (bisch). Frommann 3, 207, 20. 4, 325; auch sonst vereinzelt bis, so in Altenburg Pasch 79, in Leipzig bis so gut, bis nich so dumm, in Köln bess, in den Sudeten bĭs und bīs. Albrecht 54, schles. bis, bes Weinhold s. 128, in Siebenbürgen bäs Frommann 4, 281, 19. aus bis ist in einigen gegenden bi geworden, so im Donau-Lechwinkel bi (daneben umschrieben das fei ̃ biš) Baierns mundarten 1, 306; im bair. wald bi štád (sei still). 64. 70; im Erzgebirge bî, aber in den städten bis. Göpfert 86. — andre mundarten haben sei, so schwäb. Frommann 2, 112; cimbr. sai du cimbr. wb. 224ᵇ; thür. säi, daneben mit angehängtem k (wie auch sonst bei imperativen) säik Regel 115, nordthür. sik Liesenberg 77. — von den nd. haben die küstenmundarten das alte wes, wese erhalten, s. brem. wb. 5, 240. Richey 338 (wese frahm). Stürenburg 321ᵇ (wääs, wess). ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ (wêse, wäse, wês, wä̂s, wes). dagegen herrscht im binnenlande sî, vielleicht beeinfluszt durch die nhd. schriftsprache, s. Schambach 192ᵃ. Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18 (märk. Süderland: sy, auch biis). beides neben einander verzeichnen Dähnert 424ᵃ. Danneil 192ᵃ.
m)
der plur. imp. wird ursprünglich ebenfalls von wesan gebildet: altn. vesiđ, ags. wesađ, altfries. weset, alts. wesađ, -at, ahd. uueset. daneben kommt in der mittleren zeit sît auf, also dieselbe form, die sich auch für die 2. plur. ind. und conj. festgesetzt hat (s. h und k, θ), welche personen ja gewöhnlich zusammenfallen. ganz vereinzelt bereits im ahd.: niomannen ni bliuuêt noh harm ni tuot inti sît giuago (contenti estote) iuuarâ lîbnarâ. Tat. 13, 18. später allgemein üblich: so mnd. sît, weset; mnl. sijt, weset, weest. im mhd. scheint sich weset im bair. am besten gehalten zu haben, s. Weinhold bair. gr. s. 300. mhd. wb. 3, 765ᵇ. Lexer handwb. 3, 799. Grimm gr. 4, 84. sonst ist sît das übliche. für dieses begegnen dieselben nebenformen wie im ind., vgl. unter h. namentlich findet sich das alemann. sînt, sind im 15.—16. jahrh. sehr häufig, vgl. alem. gr. s. 351: sint noch hüte starkes gemuͤtes und fehtent unerschrokenliche umbe unserre stette ere. d. städtechron. 8, 82, 16 (Closener);
lieben kint,
sint vrœlich vrô engegen der lieben sumerzît!
minnes. 1, 108ᵃ Hagen;
woluf mit richem schalle
und sind all frisch und geil!
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 120, 1;
da beruͦft si iren dienern allen;
si sprach: 'sind züchtig, und gend guͦt beschaid!'
2, 179, 175;
nun farent hin und sind guͦt khnab.
H. v. Rüte faszn. B 4;
so sind fürbass still in der nacht;
was wyters gen wöll, hand guͦt acht.
Jos. Murer belagerung von Babylon (1560) 3. act.
sonst herrscht im nhd. durchgehends seid (alle wörterbücher verzeichnen seyd). von west finden sich keine spuren mehr. mundartliche lautgebungen: syt Frommann 4, 17ᵇ (idiot. Bern.), sitt Seiler 268ᵃ, säid Regel 115, sît Liesenb. 77, seid Göpfert 86, sĭd Pasch 79. im nd. richtet sich der plur. nach dem sing.: an der küste weset brem. wb. 5, 240. Dähnert 424ᵃ. Stürenburg 321ᵇ (wääst, wesst), im binnenlande sît Schambach 192ᵃ (sîd) Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18 (syd, sid, sind).
n,
α)
ebenso steht im inf. neben dem alten wesan die neubildung sîn, doch tritt letztere hier schon früher auf als im imp. sie begegnet nämlich schon bei Isidor, ist bei Otfrid ebenso häufig als wesan und überwiegt bei Notker, s. Braune ahd. gramm. § 378, anm. 2. mhd., mnd. und mnl. stehen überall sîn und wesen gleichberechtigt neben einander, und zwar in denselben quellen. so steht z. b. in der livländ. reimchron. sîn im reime 195. 605. 747 u. ö., wesen 553. 1021 u. öfter (s. das glossar unter wesen). für Eckhart sucht Kramm, zeitschr. f. d. phil. 16, 36 ff. einen bedeutungsunterschied zwischen beiden nachzuweisen. im allgemeinen kann davon schwerlich die rede sein, abgesehen von den fällen, wo wesen das (regelmäszig durchflectierte) vollverbum ist.
β)
für sîn mitteld. (thür.-ostfränk.) sî mit abfall des -n, sehr häufig im reime, s. Lexer handwb. 2, 928. Weinhold mhd. gr. s. 384 (auch im 'welschen gast' reimt sîn auf bî, frî u. s. w., s. bair. gr. s. 299). — bair.-österr. natürlich sein. — im spätern mhd. finden sich zuweilen formen mit unorganischem end-e: mit dem wil got niht allaine sine in dirre welte. er wil och bi im sîn in dem himel. Grieshaber pred. 2, 2;
Peter lieber bruder mine,
ich wel dine geferte sine.
Alsf. passionssp. 7687 (vgl. 7784);
min edel luͤt wend mir nit gehorsam sine
und schafent dem lande pine.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 130, 3, 11.
γ)
der inf. nimmt im mhd. häufig, ohne veränderung der bedeutung, nur aus gründen der syntax, ein ge- vor sich, so gewöhnlich, wenn er von hilfszeitwörtern abhängig ist. in diesem falle findet sich auch im nhd. noch häufig gesein, s. theil 4, 1, 4024 f., so z. b.: was tugend mag es gesein nit wein trincken, so wir ausz zorn truncken werden? Albr. v. Eyb spiegel der sitten 42ᵃ (und so gewöhnlich);
die weils dann ja nicht anders kan
gesein, und müszet schlechts daran.
Paul Rebhun Susanna 1, 240;
ach wie mögt grösser freud gesein.
H. Sachs 2, 3, 96ᵈ;
darumb jhr kriegsleut kans gesein,
stellt doch die gottes lestrung ein.
Ringwaldt lauter. warh. 91;
wie aber solches mag gesein,
befehlt dem starcken held allein.
207;
wenn aber das nicht kan gesein,
so schlegt er wie ein vater drein.
262.
δ)
sonst durchweg sein. wesen ist im nhd. als inf. ganz aufgegeben, dagegen erhalten als selbständiges substantiv, s. das.hervorzuheben ist noch die im 18. jahrh. herrschende gewohnheit, das verbum als seyn von der pronominalform sein zu scheiden, vgl. Grimm gramm. 1, 524. die schreibung mit ey geht durch alle formen, die überhaupt den diphthong haben (pl., ind., conj., imp., inf., part.), sie herrscht in den wörterbüchern von Schottel (551 ff.) bis Adelung, s. noch Stieler 170 f. Steinbach 2, 586. Frisch 2, 266ᵇ f., besonders 267ᵃ. auch Göthe hat noch 1826 für die ausgabe seiner werke seyn u. s. w. vorgeschrieben, s. Weim. ausgabe 1, s. xxii.
ε)
ein flectierter inf. begegnet schon bei Notker als ze sînne Braune a. a. o., mhd. ze sîne, s. Lexer handwb. 2, 928, z. b.:
alsô dâhte ich iemer frô ze sîne.
minnes. frühl. 145, 6.
daneben auch ze sind, -e, eine form, die noch im ältern nhd. begegnet (besonders alem.): donoch sprach got zu der frowen: dorumb daz du begertest gotte glich zuͦ sinde und höher sin denne ich dich hette beschaffen. d. städtechron. 8, 237, 32; guͦt ist uns hie zesind. 4. bibelübersetzung (1470—3). Marc. 9, 4 bei Kehrein gr. 1, s. 280; da wöllend wir, dasz er den gwalt der kilchen gottes fürständig zesinde haben sölle. Tschudi 1, 24ᵇ.
ζ)
auch die lebenden hd. mundarten zeigen durchgängig entsprechungen des alten sîn: schweiz.Hunziker 240. Seiler 268ᵃ, seh, sih Tobler 420ᵇ, sîn (zi sîn) Frommann 3, 207, 20, sî ̃ 4, 325; schwäb. sãi (flect. sãid) 2, 112; bair.-österr. seĩ Schm. 2, 202. Weinhold bair. gr. s. 299 (oberösterr. san, sonst saiñ) Schöpf 667. Lexer 231, daneben mit anorganischer weiterbildung seinen ebenda, ebenso cimbr. sain, sainan. cimbr. wb. 224ᵇ, ungar. sain (sôe ̃) Schröer 206ᵃ. 289ᵃ, oberpfälz. und westböhm. sa ̃ Baierns mundarten 1, 437; fränk.-henneb. gesei, sei, sen Frommann 2, 407, 11; luxemb. sen Gangler 414; siebenb. seng ̃ Frommann 4, 281, 19; thür. säi Regel 115, sinn Jecht 104ᵇ, sîn Liesenberg 77; obersächs. sinn Albrecht 54, sein Göpfert 86, preusz. sein und sind Frischbier 2, 337ᵃ, auch berlin. sind. — die nd. idiotiken führen meist wesen und sîn neben einander auf, so Dähnert 424ᵃ. 547 (siin üblicher). Danneil 192ᵇ. Mi 79ᵇ (wesen häufig für sin 106ᵇ). ten Doornkaat Koolman 2, 184ᵃ (sîn selten). 543ᵇ; nur wesen kennen die ältern Nordseemundarten, s. Richey 338. brem. wb. 5, 240 (dazu sien 6, 305). Stürenburg 321ᵇ (sien als hülfsverb unbekannt 246ᵃ), nur sîn das binnenland, s. Schambach 192ᵃ. Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 11.
o)
im part. ist die alte form besser erhalten, got. wisands, altn. vesende, ags. wesende, ahd. uuesanti, -di. ebenso mnd. wesende, wesen; dagegen stehen mnl. sijnde und wesende neben einander, ebenso im mhd., z. b.: ich sage dir dc fürwar, dc du hinte mit mir wirst sînde in dem paradise. Grieshaber pred. 2, 149;
wand si Schoysiâne
der tôten meide muoter zôch
kint wesnde.
Parz. 805, 8.
im alem. ist sînde seit dem 13. jahrh. nachzuweisen, vgl. Weinhold alem. gr. s. 351; dagegen verzeichnet die bair. gr. nur wesende. auch das älteste nhd. kennt noch wesend, ens, subsistens. Clajus s. 116, 24 ndr., besonders im bair. - österr. gebiete: die ausser lants und gerichts wesende salzkeufl und fuehrleit. tirol. weisth, 1, 33, 22 (hschr. des 17. und 18. jahrh.). die Breslauer kanzlei verwendet bis 1560 nur wesende, s. Arndt s. 90. stets hat sich wesend erhalten in den sehr gewöhnlichen zusammensetzungen ab-, anwesend, s. das. beim einfachen verb. dagegen ist die regelmäszige form der nhd. schriftsprache seiend, so ausdrücklich angegeben von Schottel 553 (seynd) und Stieler 170 (seyend). es ist indessen eine auffällige thatsache, dasz der gebrauch dieses part. im nhd. für gewöhnlich gemieden wird, in schroffem gegensatze zu dem sehr beliebten holl. zijnde (vgl. Schottel 553), engl. being. Gottsched 303 giebt an ein wesender, bemerkt indessen dazu: 'dieses einfache mittelwort ist nun zwar nicht im gebrauche: allein, in der zusammensetzung saget man oft ein abwesender, ein anwesender. es geschieht nämlich im deutschen vielmals, dasz zusammengesetzte wörter gewöhnlich sind, wovon die einfachen das glück nicht gehabt haben, beliebt zu werden'. er scheint mithin seiend gar nicht zu kennen. wirklich dürften sich für dieses in mustergiltigem deutsch wenig belege finden: versäume nicht bald möglichst die folge meiner briefe zu senden; die noch hier seienden gehen über die hälfte von 1820. Göthe an Zelter 478. — die idiotiken verzeichnen ein part. präs. überhaupt nicht (schweizerisch 'sînd, sîndo oder síjond?' Frommann 3, 207, 20).
p)
im prät. tritt überall im germ. das verbum wesen ein, das die gewöhnliche flexion der starken verben aufweist. die abweichungen und verschiebungen beschränken sich hier auf die auch sonst bekannten ausgleichserscheinungen. so ist in der 1. 3. sing. die alte form vas im altn. frühzeitig durch die analogiebildung var verdrängt worden. dagegen hat sich was im westgerm. durchgängig erhalten (mhd. was eʒ vereinzelt zu weiʒ contrahiert):
dô weiʒ dir irgangen,
alsô der wîssage sprach.
Diemer ged. 297, 18;
nur im nhd. ist war durchgedrungen. ganz vereinzelte spuren dieses war begegnen schon im 15. jahrh., s. Weinhold alem. gr. s. 353. bair. gr. s. 300:
an irem tochterlin,
duͤ ware schon und minneclich.
Laszberg lieders. 3, 260, 241.
doch ist was im 16. jahrh. noch weitaus überwiegend. die Breslauer kanzlei hat bis 1560 stets was, s. Arndt s. 90. besonders gut scheint sich dieses bei den alemann. autoren des 16. jahrh., wie Manuel zu halten. die bair. wie Aventin, H. Sachs verwenden meist beides neben einander, vgl. Weinhold a. a. o. und Shumway s. 144. dieser belegte für H. Sachs was 2 mal, dazu wase 2 mal, dagegen war 3 mal und 1 mal ware. beide bildungen halten sich demnach die wage. eher hat sich war im mitteldeutschen durchgesetzt. Luther verwendet nach Franke 212 was nur bis 1523, später war. Clajus s. 114, 14 ndr. giebt an: ich war, du warst, er war, bemerkt aber dazu: pro war usurpatur aliquando was. andere belege für was aus dem 16. jahrh.: Herodes Ascolonita was gar wol dran mit dem keiszer Julio. Keisersberg postill. (1522) 3, 13ᵇ; sie was zuͦfrü dar kumen. Pauli schimpf s. 298 Österley (nr. 520); das was ein newe unerhörte welt. Franck weltb. (1542) 221ᵃ; under andren mins vatters säligen schwestren, was eini, die hatt kein man. Thom. Platter 9 Boos;
Daniel was gantz jung der jar.
Schwartzenberg Cic. 110ᵇ.
die belege bei Kehrein gr. 1, § 385 enthalten nar ein war: der keyser Augustus sagt zu einem, der yhm nach aller masse seines leibes .. ehnlich und gleich war. Agricola sprw. 159. — seit dem 17. jahrh. steht war fest. wenn was vereinzelt bei neueren dichtern wieder auftaucht, so liegt bewuszt archaisierende redeweise vor:
(Jesus) sah etwas blinken auf der strasz,
das ein zerbrochen hufeisen was.
Göthe 13, 119;
frag' meinen vater, den schäfer,
ob er ein könig was,
frag' meine mutter, die schäfrin,
ob sie auf dem throne sasz!
Uhland ged. (1864) 228.
eine unform, im streben nach alterthümlichkeit nach falscher analogie (zu den daneben stehenden thät und hätt) gebildet, ist wär:
er hätt' ein auge treu und klug,
und wär auch liebevoll genug.
Göthe 13, 125 (Hans Sachsens poet. send.).
die heutigen mundarten zeigen ebenfalls r - formen, soweit nicht (wie im bair.) die form überhaupt auszer gebrauch gekommen ist: schweiz. wâr Frommann 3, 207, 20, aber was noch in der Saaner mundart, s. 6, 407. bair. war, als prät. ungebräuchlich, aber zuweilen als präs. verwendet, s. Schmeller 2, 1021; dafür cimbr. ich war cimbr. wörterb. 224ᵇ, ungar. wor Schröer 206ᵃ, bàa 289ᵃ. Frommann 6, 250, 3; fränk.-henneb. woër (encl. wor) 3, 231, 10; siebenbürg. wôr, daneben aber auch waͦs. 4, 281; luxemb. ech wor Gangler 414; thür. woir Regel 115; wâr Liesenberg; erzgeb. wôr Göpfert 86; schles. woar, wuar, wôr Weinhold 128. — im nd. ist was meist bis heute erhalten, s. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424ᵃ. Schambach 192ᵃ. Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18. doppelformen (infolge des eindringens der conj.-form) zeigen nur einige dialekte auf nicht ursprünglich nd. boden, s. Danneil 192ᵇ (waor, wêr, was). Mi 79ᵇ (wir u. was). Stürenburg 321ᵇ (wass oder weer). ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ (was, wêr). die im einzelnen stark auseinandergehenden formen des fries., die indessen alle auf was (pl. wêren) zurückführen, verzeichnet Siebs s. 72 f.
q)
die 2. sing., ostgerm. wast, lautet westgerm. ursprünglich wâri und so noch ahd. alts., entsprechend mhd. wære. in mittlerer zeit nimmt diese form gewöhnlich die sonst übliche endung der 2. sing. an, daher mnd. werest, mnl. waers. eine gröszere mannigfaltigkeit zeigen die hd. formen der übergangszeit vom mhd. zum nhd.
α)
formen mit -st vereinzelt schon früh:
sô wêrest dû mînir êren
willich immir mêre.
Rother 4486 Bahder.
sonst erst wieder im 15. jh.: wie ist die beschehen? du warest vorschnel zuͦ allen guͦten dingen. Keisersberg pred. 35ᶜ;
o her, du warest recht und gericht.
Mone schausp. 2, s. 202, 53.
nhd. durchgängig warest, warst.
β)
älter scheint im oberd. eine form mit angehängtem d oder t zu sein, die wol von enklitischem du ausgeht, vgl.:
ê werd ein tier, nû bist ein man.
Wigal. 121, 33;
wa werd du hin? daʒ sag mir.
Altswert 106, 27 nach der handschr. B; A Wer, C Wert);
dem sünder wert du alle tag bereit.
Mone schausp. 1, 288, 53,
sodann aber auch bei vorangestelltem pronomen gebraucht wird: wie du inen vor wert eyn guͦt exempel. Keisersberg bilg. 159ᵈ;
du werd alda in chewscher tzuht
so lang, du hohgelobte fruht,
bis daʒ dein muͦm den sun gewan.
Suchenwirt 41, 297;
Josep dem alten dem waʒ lait,
do er sach, daʒ du werd groʒ.
321;
du wert fru hie und komest spat.
Altswert 48, 4;
dafür mit eindringen des a:
sag, wa wartu hin?
Laszberg lieders. 3, 8, 142.
andrerseits mit ausfall des r du wet:
waʒ der duͦchman mit dir verlan hat,
als du am nechsten bij im wet.
Mone schausp. 2, s. 398, 77.
weitere belege s. Weinhold alem. gramm. s. 352 f. Lexer handwb. 8, 799 und bei Wackernell zu Hugo von Montfort 4, 95 (s. 202), der die übergangsstufen wære-wært-wærst-warst annimmt.
γ)
wie das s der 1. 3. sing. gewöhnlich durch ausgleichung zu r geworden ist, so ist im 15. jahrh. zuweilen umgekehrt das s von was in die 2. person (und den plural, s. r) eingedrungen. so findet sich in der Wenzelsbibel einmal wo wastu? s. Jellinek s. 90. ferner: so du .. anfahest dich basz gehaben dann du vor wasest. Keisersberg sieben schwerter aa 2ᵃ; do du jung wast, do warestu vor den leüten lustig. seelenp. 200ᵇ; du wast vor so behuͦt. 222ᶜ; do du noch in der welt wast. bilg. 156ᵇ;
vor der dû sâst,
ir herr dû wâst.
Osw. v. Wolkenstein 102, 3, 9;
ân ruͦ und rast
ellend dû bâst,
umbgeben in der veinde schranck.
107, 2, 24;
möglich wäre es auch, diese form auf wârst zurückzuführen, und mit formen aus lebenden mundarten, wie ungar. bàäst Schröer 289ᵃ. Frommann 6, 250, 3 zusammenzustellen.selten ist zweisilbiges wasest: Petre, die weil du iung wasest, so gurtest du dich. Keisersberg pred. 106ᵇ.
δ)
aus heutigen mundarten werden sonst angeführt: schweiz. wärist Frommann 3, 207, 20, wérišt 4, 325; schwäb. wäršt 2, 112; fränkisch - henneb. woršt 3, 331, 10; thür. warrscht Regel 115, wârscht Liesenberg 77; erzgeb. woršt Göpfert 86; nd. werest brem. wörterb. 5, 240, wirst und wast Mi 79ᵇ, westfälisch wærs Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18.
r)
der plur. hat im allgemeinen im deutschen die alte form unverändert bewahrt: ahd. alts. wârun (-ut), mhd. wâren (-et), mnl. waren, mnd. waren und gewöhnlicher mit umlaut weren, altfries. weron, -en. auch im nhd. stehen von anfang an die formen waren-waret-wart-waren fest.
α)
zu erwähnen ist die im 15.—16. jahrh. nicht seltene nebenform wasen, deren s aus der 1. 3. sing. stammt (vergl. q), s. Weinhold alem. gr. s. 353. Lexer hdwb. 3, 799: (Maecenas) bestrit die Sicambros, Niderlender, und bawet wider die Trierischen, die gewaltig wasen, die stat Agrippinam. d. städtechronik 3, 37, 3 (Meisterlins chron. von Nürnberg 1488); und wasen auch unser burger zwen bei in. 5, 4, 5 (Burkard Zink, Augsb. chron.); und als sie bei ainander wasen und mochten sich nit geainen. 33, 18; in dem jar, als man zalt 1463 jar, in dem monat mai, wasen so vil ratzen oder krautwürm auf den peumen. 292, 26 (und sehr oft, neben waren, s. das gloss.);
sie wasen im geræchte.
heldenb. 52, 20 Keller;
Jörg Staufer und der Kneisser wasen vornen dran.
Uhland volksl.² 376 (181, 20);
zwen engel die wasen wolgeton.
662 (323, 3);
lang ich dich nit gesehen hab,
seyt wir am nächsten wasen vol,
was weins wir öszten waistu wol.
Schwartzenberg Cic. 144ᵈ;
all myn gedangken wasen schwer.
150ᶜ;
zwen herolt da bestellet wasen.
H. Sachs 1, 173ᵇ;
wie auff ein zeit gar sehr viel hasen
inn einer schönen gegend wasen.
490ᵃ;
nach dem sie jm abschneiden wasen
beide ohren und auch die nasen.
2, 2, 95ᵇ;
dasz wir anbhieltn kein drocken fasen,
darzu auch offt so hungrig wasen.
5, 339ᵇ (fastn. sp. 3, 16).
sogar wassen wird geschrieben:
allda zwen fromer burger sassen,
die mit freundschafft verbunden wassen.
5, 311ᶜ;
zwen gfatern neben einander sassen,
welche auch paid kauffmender wassen.
fab. u. schw. nr. 148, 4 neudruck.
doch überwiegt auch bei H. Sachs wir, sie waren, war wir, ir wart, s. Shumway s. 144. seltner ist die 2. plur. wast, so im volksmärchen:
es ist ein band von meinem herzen,
das da lag in groszen schmerzen,
als ihr in dem brunnen saszt,
als ihr eine fretsche (frosch) wast.
Grimm märchen 4.
β)
vereinzelt finden sich vocalische abweichungen, so woren schon 1290 in Wittelsbacher urkunden, s. Weinhold bair. gramm. s. 301; ferner:
da dy kristen halb über wurn,
ererst dy Turken an sy furn.
Mich. Beheim ged. 5, 844;
eʒ waʒ ain ungefugeʒ her,
ir worn wol zwölff an einen.
6, 136 (neben waren 6, 70 u. sonst);
wir wurend iuer figend e.
Mone schausp. des mittelalters 1, 159, 41.
γ)
im ältern alem. begegnet nicht selten eine contrahierte form (wir) wân, s. Weinhold alem. gramm. s. 353. mhd. wb. 3, 765ᵇ. Lexer handwb. 3, 799:
daʒ wân alse guote man.
minnes. 1, 107ᵇ, 15 Hagen;
valsch geziugen stalt er dar,
die des schâfes vigent wân.
(wie sölt daʒ reht dâ vürgân!)
Boner 7, 19;
den was der brutloff lait,
wann sy Metzen gespilen waͤn,
die muosten vor ze kilchen gan.
Laszberg liedersaal 3, 407, 315.
δ)
bair. zuweilen mit anlautendem b, so baren schon in den 1363 vollendeten Trienter statuten, s. Weinhold bair. gramm. 301.
ε)
in den heutigen mundarten gehen die r-formen durch; nur im Berner oberlande ist wasen noch lebendig, s. Frommann 6, 407. sonst schweiz. wäri, -it, -it Frommann 3, 207, 20, wéren 4, 325; cimbr. bir boarn cimbr. wb. 224ᵇ; fränk.-henneb. worn, -t, -n Frommann 3, 231, 10, ebenso erzgeb. Göpfert 86; thür. warren-woirt, warrt-warren Regel 115, wârn, wârt Liesenberg 77; schles. woarn, wuarn, wôrn, worrn Weinhold 128; nd. wi weren. brem. wb. 5, 240. Dähnert 424ᵃ, wæren (wöären) Woeste 237ᵃ. Frommann 3, 260, 18, wö͏̂ren Schambach 192ᵃ, wiren Mi 79ᵃ. eine eigenthümliche entwicklung zeigen nur die ungarischen mundarten: bie banden, ie bàet, se(i) banden. Schröer 289ᵃ. Frommann 6, 250, 3.
s)
der conj. zeigt keine abweichungen, auszer den schwankungen der la tfärbung und schreibweise und der behandlung des umlauts: ahd. alts. wâri, mhd. wære, wofür oberd. überwiegend wâre (s. Weinhold alem. gr. s. 353. bair. gr. 301), ebenso niederl., mitteld. und nd. in der regel wêre. die verschiedenheiten der schreibung in älterer zeit veranschaulichen folgende beispiele: we it darom weire, dat ste da it ste. d. städtechron. 13, 183, 7; ain mann- oder weibsperson, so in der gemain gebirtig oder sonsten hausend ware. tirol. weisth. 2, 90, 41 (handschr. v. 1691); welcher dar under weer unter in allen. 4, 93, 7; item, wêr auch, das ain lediger oder ain ausser man ain unzucht in der stat begieng. 350, 4 (vom jahre 1485); ob iemant wider solliche öffnung vorgeschriben weiter mehr oder minder gefreiet wöhr oder gerechtigkait hätte. 1, 185, 7 (abschr. v. 1711). — nhd. durchweg wäre bez. were, wär, wer. mundartliche formen: schweiz. i wär Hunziker 240. Seiler 268ᵃ, wēr(d) Tobler 420ᵇ, wær (wärist, plur. wäri, -it, -it). Frommann 3, 207, 20, wêr (wérišt, wéren). 4, 325; im Berner oberlande mit ausstoszung des r: wæ, wæsch, pl. wæn (wæ ̃) wæt, im Wallisoder wêi, s. Weinhold alem. gramm. 353; schwäb. wär (wäršt, wäre, -t). 2, 112; bair. wâr, wa' Weinhold bair. gramm. s. 301. Lexer 231; cimbr. ich bear, bor, bür, böar (plur. bar bürden). cimbr. wb. 224ᵇ; henneb. wêär, wéar, encl. wér (plur. wérn, wért). Frommann 2, 407, 11; thür. wö͏̂r, häufiger wêr. Regel 115. Liesenberg 77; schles. waer, wâr (in älteren quellen wiere, weir) Weinhold s. 125; nd. were wær, wör.
t)
das part. perf., got. wisans, altn. verit, zeigt im westgerm. gewöhnlich nicht den zu erwartenden grammatischen wechsel, sondern behält das s des inf. bei; doch scheint es den älteren dialekten überhaupt zu fehlen (ags. alts. ahd.). später finden sich neben gewesen, das bis heute die herrschende form geblieben ist, abweichungen nach 2 seiten; einerseits übergang in die schwache flexion: gewest, andrerseits eine neubildung gesîn, die sich ebenso an den jüngern infinitiv sîn anlehnt, wie gewesen an wesen. das verhältnis der einzelnen sprachen und dialecte zu diesen formen ist folgendes: altfries. stets ewesen, wesen. mnl. gleich häufig ghewesen und ghesijn, doch ist ersteres im älteren fläm. bevorzugt; die heute herrschende form gheweest ist dem älteren fläm. fremd, aber im brabant. und holl. häufig, s. Franck mnl. gr. § 169 (noch jetzt holl. gewezen in attributivem gebrauche: een gewezen burgemeester). mnd. gewesen und gewest, so auch heute, doch mit überwiegen des letzteren: wesen Richey 338. brem. wb. 5, 240; west Danneil 192ᵇ. Mi 79ᵇ, weest Dähnert 424ᵈ, ewest Schambach 192ᵃ; beides neben einander im ostfries.: wesst (wäsen) Stürenburg 321ᵇ, wesen, wäsen, west ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ, und westfäl.: wesen, west Woeste 237ᵃ, wiäsen (wiäst) Frommann 3, 260, 18. — mhd. gewesen seit dem 12. jahrh., herrscht im bair. und mitteld.; gesîn ist besonders dem alem. eigen und hier seit dem 12. jahrh. die gewöhnlichste form, findet sich indessen seit dem 13. jahrh. auch im mitteld. nicht selten; gewest tritt zunächst im 13. jahrh. im mitteld. auf, im 14. jahrh. auch oberd. üblich; mitteld. schreibweisen sind geweisen, geweist, bair. gebes(s)en, geben, s. Weinhold mhd. gramm. s. 384 f. alem. gramm. s. 351—3. bair. gramm. s. 301. mhd. wb. 2, 2, 294ᵃ. 3, 765ᵇ f. die Wenzelsbibel hat gewesen und gewest, s. Jellinek s. 90; die Augsburger chronik ebenso, s. d. städtechron. 5, gloss.; die Nürnberger gewesen, gewest, auch gebesen, gebest, seltener gesein, s. ebenda bd. 2. 3. die verschiedenen formen oft unmittelbar nebeneinander: item der Preüsz mainter, er sey ein furman gewesen. 2, 80, 16; Heintz Wintter .. der Albrecht von Wallenfels voyt ist gewest, .. ist ein sneider gewest. 19 f.; item von sant Kathrein tag bisz an daz ent diecz kriegs ist mangel gewest an waitz; item mangel ist gewesen an gelt u. it. mangel ist gewesen an gersten u. s. w. 334, 15 f. selten ist die dreisilbige form geweset:
die von kindes beine
sînt lûtter unde reine
hie geweset al ir leben.
Heinr. v. Krolewiz vaterunser 1704.
schon mhd. finden sich auch im oberd. die heute verbreiteten zusammengezogenen formen gewen, geben:
es waren ze ainer zitt
zwuͦ gefatruͦ on nit
gewen manig jar.
Laszberg lieders. 1, 83, 3.
u)
im nhd. bestehen dieselben formen neben einander fort, bis allmählich gewesen von der schriftsprache allein anerkannt wird.
α)
gewesen ist stets üblich, auch bei autoren, die daneben andre formen gebrauchen; so bei Manuel neben gesin, bei Luther (z. b. 4, 492ᵇ. br. 2, 306, s. u.) und S. Franck neben gewest, bei H. Sachs neben gewest und gesein, vgl. unten:
Adam, dut unser pfarrer lessen,
ist unser aller vatter gwesen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 29, 82 neudruck.
die wörterbücher und grammatiken lehren zu allen zeiten gewesen, so schon Clajus 116, 25 neudr., Gottsched 303 mit ausdrücklicher ablehnung von gewest.
β)
lautliche varianten zu gewesen sind gebesen, gewessen, gewösen, gewesend: so etlich zeit nicht pei lant gebesen sein. tirol. weisth. 4, 559, 6; und wan di vierzehen tag aus seind gebesen, so sullen si wider haim ziehen. 690, 17; alsdann mag nicht dest weniger die gemain von inen und wider wen si gewösen zum rechten vertröstung nemen. 3, 85, 33; mit rat vil frummer erber lüt, die darpei un damit in irens rat gewesend sind. 340, 10; wann es (das gespenst) sich dann sehen lasen, so ist es ein lange, weise form gewessen. Zimm. chron.² 4, 83, 10 Barack;
er (der pelz) ist mir lieber gewessen laider,
den sünst all andre meine klaider.
H. Sachs fastn. sp. 6, 133, 369 neudruck;
damals zwen brüder gewessen sendt,
Remus und Romulus genendt.
Ayrer 17, 15 Keller.
ganz selten sind formen mit abgeworfenem -ge: so ist die zeit, so von anfang der welt, bis auff der apostel zeit, eben als wol ein selige zeit wesen, als die jetzige zeit ist. Gretter erkl. der ep. Pauli an d. Römer (1566) 784.
γ)
gesin steht zuweilen im ältern alem.: nemend war, welcher gehorsam dieser man gesien ist, das er nit schonet seines eingebornen suͦnes. Keisersb. seelenpar. 18ᵃ; will ich by dem meister gsin bin und der geissen gehütten han. Thom. Platter s. 11 Boos; und ist sy by 16 jaren alt gesin. Villinger chron. s. 151 (gleich darauf: und ist sy ungefar by 16 jaren alt gesein); (sie) was darvor uf sanct Jörgentag 16 jar alt gsin. 152; wiewol die von Uberlingen lieber der sach entprosten gsin wärind. Tschudi 2, 543ᵃ;
all die in Murten sind gesin,
die hand grosz ere geleget in.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 142, 5;
und so künstlich wieder erneuert:
erzählt das eben fix und treu,
als wär er selbst gesyn dabei.
Göthe 13, 128 ('Hans Sachsens poet. sendung').
δ)
häufiger und allgemeiner verbreitet ist die diphthongierte form gesein; sie ist u. a. die gewöhnliche bei Keisersberg und Paracelsus: ich byn nackendt gesein, do habend ir mich geklaydet. Keisersberg pred. (1510) 111ᶜ; also ist Maria gesein vollkommen in aller ersamkeit. schiff der penit. 53ᵈ (dagegen: von dieszem schmertzen lesen wir, das er sey gewesen in vil hayligen vätteren. 21ᵃ); wir lesen das heilige frawen seint neidig gesein. narrensch. 130ᵃ; die habent die heiligen stet gesuͦcht, und seint nitt narren gesein. 133ᶜ; als er (Christus) auf erden gangen ist, da ist sein ampt nicht anders gsein, dann uns erlösen vom teufel, der erden und der hellen. Paracelsus (1589) 1, 253; (sie) sagen sie haben den teuffel ausztrieben, so es nuhr ein tobigkeit geseyn ist. (1616) 1, 533 A; als ein exempel im alten testament ist gesein. 2, 246 C;
es thet kain mensch nach dir nie fregen,
die weil und ich pin ausen gsein.
H. Sachs fastn. sp. 6, 59, 189 neudruck;
doch ist sie dir gsein lieb und werd.
Wickram irr. reit. bilger 4ᵇ;
ich glaub dir wol du seiest gesein
da man sich alle tag sauff voll wein.
ein christenl. zug wider d. Türcken c 2ᵃ;
wann ich schon schwarz bin,
schuld ist nicht mein allein;
schuld hat mein mutter gehabt,
weil sie mich nicht gewaschen hat,
da ich noch klein,
da ich wunderwinzig bin gesein.
wunderhorn 2, 603 Boxberger.
ε)
sehr verbreitet, vorwiegend, jedoch nicht ausschlieszlich bei mitteldeutschen autoren, und hier in mundartlich gefärbter rede bis in unser jahrhundert, ist gewest. Luther gebraucht es zu allen zeiten, s. Franke s. 212; bei H. Sachs belegt es Shumway 145 dreimal (neben 2 gewesen und 1 gesein); auch bei Scherffer scheint es nach Drechsler s. 53 die regelmäszige form zu sein. belege: ein feszlen Neckerwein .. ist umb 28 masz leer gewest. Tucher haushaltb. 29 Loose; so seyn zween Berlinger do gewest, do hab ich nit zween williger gesehen, und ich glaub noch nit, dasz herr Paulus von Absberg gewust hab, dasz ich in der stuben gewest sey. Götz v. Berl. 59; das ist mein und meines bruders seel. besoldung gewest. 60 (ebenda weiter unten: da wir vielmahls etwan wol bey 20. oder 30. meil wegs mit dabey gewesen); ich halt in für ein christlichen lerer, welcher .. seint der apostel zeit nie gewest ist. H. Sachs dial. 17, 25 Köhler; die andern sagen er hab des keysers schwester gehabt und der keyser sei sein schwager nit sein schweher gewest. Seb. Franck Germ. chron. (1538) 97; ein armer bawrsman .., der auch all sin tag kain kriegsman oder kain schütz gewest. Zimm. chron.² 1, 401, 4 Barack; ich bin sehr schellig auf dich gewest, aber es ist vorüber. Schweinichen 1, 346; wer ists gewest? die knechtsfrau selber ists gewest. Ludwig 2, 68 (u. öfter);
wo bin ich nicht gewest?
Scherffer ged. 311;
schimpff aber ist nicht ernst; und desz Saturnus fest
ist einmal nur desz jahrs, zu Rom im brauch gewest.
Logau 1, 25, 84;
wie kalt du mich umbarmst, wird dir dein hertze sagen,
wie dir ein löffel lust umb nichts nicht feil gewest (: nest).
Lohenstein rosen 28;
als er noch zu Misen
schiff-hauptmann sey gewest.
Epicharis 3, 58 (s. 51);
was hilfts den fürst der Macedonen,
dasz er altäre baut auf thronen,
und lebend noch ein gott gewest.
Haller ged.¹⁰ 17 (lesart der ersten 3 aufl., später geändert);
was unser geist gewest (ebenso, später: sonst war), eh ihn ein leib bekleidet.
60, e.
in attributivem gebrauche, flectiert: bei des Yphofers, gewestin pflegers zu Auras, zeiten. tirol. weisth. 4, 593, 2; gedachter tapferer theologus Joh. Valentinus Andreae, gewester Würtembergischer praelat. Spener pietismus (1710) 31; der sonst gewest gewohnliche wochenliche vichmarckt. Salzb. taid. 240, 19 (handschr. v. 1758); schles. dafür gewast: wenn ihrer noch dreyzehn wern gewast. Gryphius gelibte dornr. 1 (werke 340, 29 Palm).
ζ)
es ist schon unter α bemerkt, dasz viele autoren gleichzeitig mehrere formen gebrauchen, oft unmittelbar hinter einander, vgl. auszer den schon angeführten beispielen: des alles doch kein eigentliche verzeichnus vorhanden gewest ist. darumb hab ich mit hilf Conrad Gürtlers, .. der dann ein schaffer und anschicker ob der stat pewen .. gewesen ist, .. die hernach geschriben stuck auf gezeichent. Tucher baumeisterb. 17, 11. 14 Lexer; darnach die arbeit gewesen ist .. die jar, die ich pisher paumeister gewest pin. 40, 29. 31; weil sie aber ganz unvermögend gewesen, ist mit ihnen auch nicht zu schlieszen gewest. Schweinichen 3, 125; dasz er mir gerne an die haut geweszt wäre .. aber ein anderer sagte mir beyseits, er wäre in seiner jugend ein mänsch gewesen. Philand. 2, 270.
η)
die heutigen mundarten weisen folgende formen auf: alem. gsîn, gsî ̃ (in der Schweiz gsi Hunziker 240. Seiler 268ᵃ, gsih, gseh Tobler 420ᵇ, gisîn, gisino Frommann 3, 207, 20, gsê 4, 325), elsäss. gsinn, oberschwäb. gsî(n), gsein, gsai ̃, niederschwäb. (gwäss), gwä. Weinhold alem. gr. s. 351—3. Schm. 2, 202. Frommann 2, 112; bair. gwes Baierns mundarten 1, 306, auch gwen, oberpfälz. gwesten, s. Weinhold bair. gr. s. 301, nach demselben gilt in Österreich in der herrensprache gewesen, in der bürgersprache gwest, in der bauernsprache gwenn, gwönn; grosze mannigfaltigkeit herrscht im tirol.-kärnt.: gewäsen, gwösn, gwödn, gwedn, (gwest), giwen, gwä', s. Schöpf 667. Lexer 231. die mitteld. mundarten reflectieren durchweg gwest: fränk.-henneb. gewâst Frommann 2, 407, 11; siebenbürg. gewiest. 4, 281, 19; nassauisch gewest (selten gewese). Kehrein 1, 374; luxemb. gewiescht Gangler 414; thüring. gewâCombiningRingAbove;st Regel 115, jewast Liesenb. 77; altenb. gewast Pasch 79; leipz. gewest Albr. 54; erzgeb. kwâst, kwâsn Göpfert 86; schles. gewest, gewâst Weinhold 129. auch nd. meist west Danneil 192ᵇ. Mi 79ᵇ; weest Dähnert 424ᵃ, ewest Schambach 192ᵃ; doch daneben wesen brem. wb. 5, 240. Richey 338. beides neben einander im ostfries.: wesst (wäsen) Stürenburg 321ᵇ, wesen, wäsen, west ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ, und im westfäl. wesen, west Woeste 237ᵃ, wiäsen (wiäst) Frommann 3, 260, 18.
v)
über die bildung des umschriebenen prät. s. unten.
II.
bedeutung.
1)
die verschiedenen verbalstämme, die die idg. sprachen für 'sein' verwenden, haben alle ursprünglich eine sinnlich concrete bedeutung gehabt, die erst allmählich und im laufe einer langen entwicklung zu diesem allgemeinsten und farblosesten aller verbalbegriffe abgeblaszt ist. dieser procesz ist natürlich nicht bei allen gleich früh eingetreten und gleich weit vorgeschritten. am frühesten und vollständigsten ist er bei es- durchgedrungen. hier zeigen alle idg. sprachen schon in den ältesten uns bekannten zeiten die in frage stehende abschwächung des sinnes und nur einige stammverwandte substantiva lassen eine ursprüngliche bedeutung 'atmen, leben' vermuten, s.I, 1, a. die zweite wurzel bheu- läszt die sinnliche bedeutung 'wachsen' im gr. noch deutlich erkennen. indem sie ihres anschauungsgehalts entkleidet wird, ergiebt sie die abstracte verwendung 'entstehen, werden'. diese ist im lat. erhalten und im skr. wenigstens noch oft erkennbar, während bhavati zugleich auch die functionen von asti (auch als hülfsverb.) theilt. vgl. noch das specifisch indische vartate.) im germ. wie im balt.-slav. ist der inchoative sinn von bheu- vollständig erloschen; es dient hauptsächlich, um die fehlenden formen des stark defectiv gewordenen es- zu ersetzen (wie es ja auch im lat. den perfectstamm desselben vertritt) und ist mit ihm zu einem paradigma verschmolzen. dieselbe rolle wie bheu- im lateinischen, spielt ves- im germanischen: es liefert das perf. zu den beiden andern wurzeln, von denen nur noch präsensformen erhalten sind, wird aber daneben, besonders im präsens, als selbständiges vollverb. verwendet. als solches heiszt es 'verweilen an einem orte, wohnen, bleiben'. es hat also im gegensatz zu bheu- ausgesprochen durative bedeutung. doch ist diese scheidung bald verwischt, indem einerseits wesan nicht nur die perfectformen, sondern auch einige fehlende formen des präsensstammesimper., inf. und part.für die erst später neubildungen von sî- geschaffen wurden, ersetzen muszte (s. I, 3, l. m. n. o), und selbst in den andern formen gelegentlich neben den älteren bildungen verwendet wurde (I, 3, a am ende. k, α), anderseits die vollere bedeutung von wesen immer mehr dem sprachbewusztsein entschwand. wo im mhd., wie im inf., sîn und wesen neben einander stehen, ist der zu erwartende bedeutungsunterschied, entsprechend dem zwischen ser und estar im span. und port., nicht mehr deutlich zu erkennen (n). im nhd. sind alle formen von wesen, neben denen formen der anderen wurzeln bestehen, aufgegeben, nur der substantivierte infinitiv wesen ist als selbständiges, ganz vom verbum losgelöstes wort erhalten und zeigt noch eine merklich concretere bedeutung als das ebenfalls als substantiv verwendete sein (s. dass.). man pflegt bei den gebrauchsweisen von sein drei hauptgruppen zu unterscheiden: sein als vollverb (d. h. für sich allein das prädicat bildend), als copula (verbindung zwischen dem subject und demnicht verbalenprädicat), und als hülfsverb (zur bildung der umschriebenen conjugationsformen). über den unterschied der beiden ersteren und den logischen wert von sein überhaupt vgl.: sein ist offenber kein reales prädicat, d. i. ein begriff von irgend etwas, was zu dem begriffe eines dinges hinzukommen könne. es ist blos die position eines dinges oder gewisser bestimmungen an sich selbst. im logischen gebrauche ist es lediglich die copula eines urtheils. der satz: gott ist allmächtig, enthält zwei begriffe, die ihre objecte haben: gott und allmacht; das wörtchen ist, ist nicht noch ein prädicat oben ein, sondern nur das, was das prädicat beziehungsweise aufs subject setzt. nehme ich nun das subject (gott) mit allen seinen prädicaten (worunter auch die allmacht gehört) zusammen und sage: gott ist, oder: es ist ein gott, so setze ich kein neues prädicat zum begriffe von gott, sondern nur das subject an sich selbst mit allen seinen prädicaten, und zwar den gegenstand in beziehung auf meinen begriff. Kant 2, 461. die meisten sprachen haben die möglichkeit verschiedener ausdrucksweisen für diese verwendungen, indem sie theils verschiedene stämme verwenden (so hat, um ein beispiel zu nennen, das türk. für den begriff 'vorhanden sein' den stamm war, also war ym 'ich bin da', während für die blosze copula im, ym u. s. w. allein eintritt, der oben erwähnte unterschied zwischen ser und estar gehört dagegen nicht hierher), theils die copula für gewöhnlich unausgedrückt lassen (so viele idg. und wol die meisten nicht-idg. sprachen); ein hülfsverbum, das ja nur für fehlende oder aufgegebene zeit- und modalformen einen ersatz sehaffen soll, benötigen formenreichere sprachen ohnehin nicht. im deutschen fehlen alle diese mittel: das erste ist verloren, da die verschiedenen stämme zu einem verbum verwachsen sind; und die auslassung der copula sein ist auf gewisse fälle eingeschränkt und bewirkt keinen bedeutungsunterschied. ein gewisser ersatz ist in der neuern sprache gefunden, indem für das vollverb gern verstärkende zusammensetzungen (da, vorhanden sein) eintreten. übrigens läszt sich eine strenge scheidung der genannten gruppen kaum durchführen und ist auch in den sprachen, die die fähigkeit der unterscheidung haben, in der regel nicht erreicht. auch im folgenden ist nur versucht, die einzelnen gebrauchsweisen von sein, unter zugrundelegung jener haupteintheilung, in eine übersichtliche und zusammenhängende reihenfolge zu ordnen, die ungefähr der stufenweisen entwicklung der bedeutung entspricht.
2)
sein als selbständiges vollverb.
a)
schlechthin, um die existenz eines dinges zu behaupten: die dinge, so anietzo sind, res, quae in praesentia existunt. Steinbach 2, 981; die vernunft ist nicht ein ding, das da sei und bestehe, sondern sie ist thun, lauteres, reines thun. Fichte sittenl. 63;
aber weil ihr denn seyd, ihr immer offenen gräber;
nehmet zum wenigsten doch, nehmet auf einmal uns auf!
Klopstock 2, 118;
Tancredens heldenliebe zu Chlorinden, ...
Sophroniens groszheit und Olindens noth,
es sind nicht schatten, die der wahn erzeugte,
ich weisz es, sie sind ewig, denn sie sind.
Göthe 9, 146 (Tasso 2, 1).
mit besonderer emphase von dingen, deren existenz zweifeln unterliegt:
was kein ohr vernahm, was die augen nicht sahn,
es ist dennoch, das schöne, das wahre!
Schiller 11, 321;
der zweifel, der mir schwarz oft nachgestrebet,
ob güte sei? durch sie ward er erhellt:
der mensch ist gut, ich weisz es, denn sie lebet.
Grillparzer⁵ 1, 229.
so besonders von gott: denn wer zu gott komen wil, der mus gleuben, das er sey. Ebr. 11, 6; wer aber nicht die unsterbligkeit der seelen glaubte, glaube auch nicht, dasz ein gott wäre. Lohenstein Armin. 2, 540ᵇ;
und ein gott ist, ein heiliger wille lebt,
wie auch der menschliche wanke.
Schiller 11, 259.
als eigenname gottes in volksetymologischer ausdeutung des hebr. namens הוֶהְיָ: gott sprach zu Mose, ich werde sein der ich sein werde. und sprach, also soltu zu den kindern Israel sagen, ich werds sein, der hat mich zu euch gesand. 3 Mos. 3, 14, dafür in der bibel von 1483: der do ist, der hat mich gesandt zu euch. 32ᵃ. — in diesem emphatischen gebrauche auch heute noch lebendig (und im substantivierten infinitiv); ebenso in der redewendung etwas musz sein:
mein schatz is e reiter, e reiter musz sein.
Erk-Böhme liederhort 2, s. 792.
zumeist mit abstractem subj.:
ja, ja, processe müssen seyn!
gesetzt, sie wären nicht auf erden,
wie könnt alsdann das mein und dein
bestimmet und entschieden werden?
Gellert 1, 40 (fab. u. erz. 1, 18);
dichter lieben nicht zu schweigen,
wollen sich der menge zeigen.
lob und tadel musz ja seyn!
Göthe 1, 12.
im allgemeinen jedoch sagt man in der umgangssprache lieber da sein, existieren oder es giebt.
b)
mit negation, zunächst mit derselben emphase: wenn ihr aber sagt: gott ist nicht, so ist weder die allmacht, noch irgend ein anderes seiner prädicate gegeben .. und es zeigt sich in diesem gedanken nicht der mindeste widerspruch. Kant 2, 458. — häufig ist die hypothetische verbindung wenn das und das nicht (gewesen) wäre: wenn die künste nicht wären. Steinbach 2, 981;
und wern die altn muͤeterlein nicht,
ich (der bettelmönch) würt noch ubler ausgericht!
H. Sachs fastn. sp. 2, 6, 163 neudr.;
und wær der wurfel niht gewesen,
ir wære lutzel genesen.
Ottokar reimchr. 60863;
wäre er nicht mehr gewesen,
wär' auch mir mein grab gebettet.
Tieck 1, 324.
in der ältern sprache kann dabei die negation ausgelassen werden: wenn man kind houwt, so musz es dann die ruten küssen, und sprechen: lieben rut, trute rut, werestu, ich thet nymer gut. Keisersberg bilg. 68ᵈ (ebenso 74ᵇ).
c)
zeitlich bestimmt, von der gegenwart: was nicht ist, kann noch werden. Simrock sprichw. 9479; jene blühende zeit ist dahin ... sie ist nicht mehr, diese goldne zeit. Herder 1, 1 Suphan. in ganz demselben sinne mit emphatischer betonung der zeitform:
weh, die glückliche stadt ist gewesen, die fröhliche!
Klopstock 2, 165.
so auch im part. gewesen, was nicht mehr ist: die verdammten seelen aber sind mit so viel angst und schmertzen überschüttet, dasz sie der gewesenen dinge gerne vergessen. Lohenstein Armin. 1, 170ᵃ. sprichwörtlich: für's gewesene giebt der jude nichts. — vgl. auch die wendung: und auch ohne das würden mir bei meiner innern verfassung alle solche vorübergehende meinungen so gut als gar nicht gewesen seyn. Göthe 19, 301;
'da ist's vorbei!' was ist daran zu lesen?
es ist so gut als wär es nicht gewesen,
und treibt sich doch im kreis als wenn es wäre.
41, 322.
d)
bei lebenden wesen steht sein eben im sinne von 'leben' (vergl. die poetischen paraphrasen im 2. gesange von Paludan-Müllers Adam Homo, übers. von Emma Klingenfeld 1, s. 38 f.:
'sieh hier den vogel!' sprach sie zu dem kinde,
das jenem nachsah in das luft'ge blau,
'wie schön er singt, und wie er so geschwinde
in's nestchen fliegt, dort auf der grünen au!
sieh, wie er sucht, dasz er ein würmchen finde
für seine jungen, winzig klein und grau.
ja, singen, fliegen über flur und hain
in's traute nest — das heiszt der vogel 'sein' u. s. w.').
häufig mit bezug auf die zeitliche dauer des lebens: êr thanne Abraham uuâri, êr bim ih. Tatian 131, 25 (Joh. 8, 58); und in dem enthalte süllen wir als ledic gân, als dô wir niht enwâren und als diu gotheit ledic gêt in ir nihtsînde. Eckhart 533, 14;
dô niht lenger wesen solt
ir bruoder herzog Friderich.
Ottokar reimchron. 2320;
ein halber blick, ein laut aus ihrem munde
gebietet mir, zu seyn und zu vergehen.
Schiller don Carlos 1, 5;
schlug erst die stunde, wo auf erden
dein holdes bildnisz sich verlor,
dann wirst du niemals wieder werden,
sowie du niemals warst zuvor.
Storm ged. 96.
daher er ist gewesen vom toten (vgl. c), luxemburgisch en as gewiescht, il a vécu Gangler 414, nd. de is dor west Dähnert 547ᵇ. in der ältern sprache häufig ensein, niht ensein, gestorben sein, auch für sterben (also in einem sonst bei sein nicht üblichen inchoativem sinne), s. Schm. 1, 91: swenne er en ist (Augsb. stadtb. von 1276); so diu frouwe en ist (Schwabensp. § 100); an des stat, der niht en ist; die weil ich lebe ... swenne aber ich enpin; nach meinem tode also, swenne ich nicht enepin; ob unser aintweders nicht enwär, des gott nicht enwell u. andere belege s. ebenda; wer auch under uns oder unsern nachkommen furbas nit sol sein. quelle s. ebenda 2, 202; dan die pensioner vermeinten, wen Zwinglin nit mer weri, so wurden den Züricher lichtlich zbereden sin, das sy ouch frantzösisch wurdent. Th. Platter s. 45 Boos.daher im schweizer. auch geradezu für 'sein leben erhalten': sy, vivere, sustentari Schmidts idiot. Bernense bei Frommann 4, 17ᵇ; er kann seyn (leben, sich durchbringen). Stalder 2, 369, er mag damit gseh Tobler 420ᵇ.
3)
häufig dient sein nicht, um die existenz eines dinges schlechthin auszusagen, sondern innerhalb gewisser, ausgesprochener oder aus dem zusammenhange sich ergebender einschränkungen. hier pflegen wir jetzt meistens es giebt zu gebrauchen.
a)
so von einzeldingen oder unterarten einer gattung:
dannini lisit man, daʒ zuâ werilte sîn.
Annol. 26;
er heisst Jhesus Christ,
der herr Zebaoth,
und ist kein ander gott.
Luther 8, 364ᵇ.
so auch mit partitivem genitiv: und was vil reicher juden under in. d. städtechron. 5, 163, 2; was sunst der leute ist. G. Wicel evang. Luth. G 2; weiteres s. unter 21, c. d. ferner in den häufigen wendungen wie: was mag doch fründtlichers unnd sannfters seyn? Maaler 372ᵇ (zu scheiden von 20, e); es kan kein gelehrter mann seyn, homo doctior fieri non potest. Steinbach 2, 981;
dein herzchen so süsz und so falsch und so klein,
es kann nirgend was süszres und falscheres seyn.
H. Heine lyr. interm. 21.
b)
gern wird die nähere bestimmung und restriction durch einen relativsatz gegeben. das grammatische subject wird dabei gewöhnlich durch ein unbestimmtes pronomen, zahlwort oder substantiv ausgedrückt: aber es seind vil menschen die sich lassen beduncken wie es swär sey in tugenden zuͦ leben. Albrecht v. Eyb spiegel der sitten 3ᵇ; aber so sind leyder vil die dise ding nit myst dunckt syn. Keisersberg bilg. 46ᶜ; dein leichnam wird ein speise sein allem gevögel des himels, und allem thier auff erden, und niemand wird sein der sie scheucht. 5 Mos. 28, 26; es kan kein guter poet seyn, der nicht seine raptûs hat. Corvinus fons lat. 509ᵃ;
waer iemen, die teghen u woude steken.
Reinaert 5086;
ist eine, die so lieben mund,
liebrunde wänglein hat?
Göthe 1, 19.
auch mit bestimmter zahl: drey sind die da zeugen auff erden, der geist und das wasser, und das blut, und die drey sind beysamen. 1 Joh. 5, 7, oder es tritt ein partitiver genitiv ein (vergl. e):
der hilgen sint gewest gans vele,
den de tyrannen nemen dat lîf, men de sele
en konden es en genemen nenerlei wîs.
dodes danz 104 Bäthcke;
war ists dasz ihrer wol vorher gewesen sind,
die aller meinungen verschlugen in den wind.
Opitz 4, 347.
in der ältern sprache kann auch ein subjectsausdruck neben dem relativsatze ganz fehlen: es sindt, die sich der armuͦt schemen. S. Franck sprichw. 1, 38ᵇ. doch treten dann meistens präpositionale wendungen partitiven inhalts oder ortsbestimmungen (vgl. d) hinzu:
ist ther in iro lante   iʒ alles wis nintstante.
Otfrid 1, 1, 119;
man sagit, daʒ dar in halvin (am Ararat) noch sîn
die dir Diutischin sprechin.
Annolied 315.
neben dem subjectsausdruck:
kein unter jhnen ist, die jemals um dich war,
die heimlich nicht gedächt, o wären wir ein paar!
Logau 1, 191.
c)
für den relativsatz können gelegentlich andre satzformen eintreten, z. b.:
nist wiht, suntar werde,   in thiu iʒ got wolle.
Otfrid 1, 5, 63;
kuning nist in worolti,   ni sî imo thiononti.
48.
bei der starken neigung der ältern deutschen sprache zur parataxe und zum anakoluth begegnet sogar unabhängiger satz: es wer mancher gewesen er het dich schentlich sterben machen. Steinhöwel decam. 99, 17 (2, 6). ähnliches ist in der heutigen sprache des volkes gar nicht ungewöhnlich.
d)
ferner sein neben ortsbestimmungen. hier liegt natürlich der übergang zum reinen prädicatsverhältnis nahe. doch ist ein fühlbarer unterschied, auch in der bedeutung von sein, zwischen der wendung: der kaiser ist — befindet sich (zur zeit) — im auslande, und: in Deutschland ist (giebt es, besteht, herrscht) ein kaiser, — ein unterschied, der sich ja für gewöhnlich schon in der wortstellung ausprägt (vgl. unten 10). hier handelt es sich um die letztgenannte art:
in sînes selbes brusti   ist herza filu festi.
Otfrid ad Ludow. 15;
ein burg ist thâr in lante.
1, 11, 23;
her zoigit uns hînidine,
wilich lebin sî in himile.
Annolied 784:
auff erd ist nicht seins gleichen.
Luther 8, 364ᵇ;
Heintz Düppel spricht.
lieber thu mich noch eins bescheiden:
sindt wir zwo seel im fegfewr allein?
herr Ulrich spricht.
ja wol, du arme seel, nein, nein.
es sindt etlich tausendt seel hinnen.
H. Sachs 3, 3, 62ᵇ;
in der stat sint vil dawsent man.
fastn. sp. 1, 158, 341 neudruck;
zu der gelährten zunfft, bey welchen künste sind.
Fleming 62;
in der handt ist kein hor, und ist nye keins do gesin, züh und rupff mir hor do usz. Keisersberg post. 3, 67ᵃ; es sol kein hure sein unter den töchtern Israel, und kein hurer unter den sönen Israel. 5 Mos. 23, 17; nicht dasz ich mich damit entschüldige, als sey nichts menschlichs an mir. Luther br. 2, 306; es seind auch etwa vil andere stätt diser gegne gewesen. Franck weltb. 72ᵇ; dasz dem wesen nach nur eine eintzige seele in der welt wäre, und nichts minder die steine, kräuter und thiere, als den menschen begeisterte. Lohenstein Armin. 1, 664ᵇ; wo wirkung in der natur ist, musz wirkende kraft seyn. Herder 4, 84, 32 f. Kühnemann (ideen 3, 2); es mögen viel medien in der schöpfung seyn, von denen wir nicht das mindeste wissen. 85, 19. so auch: doch das zwisschen euch und jr raum sey bey zwey tausent ellen. Jes. 3, 4; worauf die wirthin antwortete, dasz in der ganzen schenke keinen fusz breit platz mehr sei. Tieck don Quixote⁵¹ 1, 395 (5, 1). — ebenso mit abstracten: so sol frid und liebe sein in der ee, sunst ist weder glück noch heil da. Pauli schimpf u. ernst s. 98 Österley;
über allen gipfeln
ist ruh'.
Göthe 1, 109.
e)
neben ortsangaben nimmt sein zuweilen besondere nuancierungen an, z. b. reichen, sich erstrecken: seine herrschafft wird sein von einem meer bis ans ander, und vom wasser bis an der welt ende. Sach. 9, 10. — enthalten sein: denn im menschen seind alle thieren art, dolen, egersten und dergleichen. Paracelsus (1590) 9, 17. — geschrieben stehen:
thoh scrib ih hiar nu zi êrist,   sô in êvangeliôn iʒ ist.
Otfrid 1, 3, 47.
f)
mit zeitangaben: in dem jar was der herbst nasz und windig und wasen vil meus in allen landen. d. städtechron. 5, 29, 19; anno 1450 war ein gros sterben zu Dantzk. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 72; im augst ist der dritt seet (saatzeit) und der best für rhetig. Columella 112ᵇ.
g)
hierher gehört die sehr beliebte formel es war (einmal) als anfang einer erzählung: wann es grosz cisma und irrigkait in der christenhait was und hett lang zeit gewert. es wasen drei bebst. d. städtechron. 5, 61, 14 f.; es war ein man, mit namen Tobias. Tob. 1, 1; es war einmal ein wunderlicher spielmann. Grimm märchen s. 34 (nr. 8); es war einmal ein kind, und sein' mutter war krank. Göthe 8, 18;
es war ein alter könig,
sein herz war schwer, sein haupt war grau.
H. Heine 1, 215 Elster.
4)
denen reihen sich andre wendungen an, in denen die bedeutung von sein sich je nach dem hinzutretenden subjecte verschieden modificiert.
a)
von ereignissen, eintreten: und er wird ein könig sein uber das haus Jacob ewiglich, und seines königreichs wird kein ende sein. Luc. 1, 33;
sînes lîbes ende
wær dâ fürnames niht gewesen.
Wigal. 62, 34;
fragen sich einander ängstlich leise:
ob noch nicht vollendung sey?
Schiller 1, 285;
in der schlacht, die bald wird sein.
Tieck 1, 337.
von handlungen:
wan dâ was maneger hande spil
und rîterlîcher fröude vil.
Wigalois 249, 33;
vil grôʒer tanz dar ûffe (auf dem sal) was
von rîtern und von frouwen.
38.
so auch:
ditz was (geschah) dem hûse sô nâhen.
140, 29.
b)
den zuletzt besprochenen wendungen schlieszt sich eine häufige fügung mit dem inf. (oder einem verbalabstractum) an, die eine nachdrücklichere umschreibung des verbum finitum bildet, wie z. b.: da war (gab es) kein entrinnen, niemand entrann oder konnte entrinnen: ein geringes herkommen war für die dichter der alten komödie eine unerschöpfliche quelle von spöttereyen. wehe dem berühmten manne, dem sie von dieser seite etwas vorrücken konnten! da war kein verschonen. Lessing 6, 293;
mein bleiben ist nicht mehr allhier.
G. Schwab lied eines abziehenden burschen.
(so auch mundartlich, westf. da es kein seggen van; nê, der es kain ûtkuemen med em. Woeste 237ᵃ. nd. korrespondenzbl. 16, 21. 36.)
c)
üblicher ist: meines bleibens ist hier nicht mehr, wie denn überhaupt in dieserfast immer negativenverbindung der subjectsgenitiv sehr beliebt ist (vgl. 36, a, α): meines lebens ist nit me, ich muͦsz an das gericht. Pauli schimpf u. ernst 94 Österley; aber es half nichts, da war kains rettens noch bleibens nit. Aventin chron. 1, 390, 2; unter des hube sich der wind, unnd wurden die flammen von aussen in die stadt getrieben, unnd fiengen daher die häuser anzubrennen, das kains rettens war. Schütz beschreib. der lande Preuszen 122ᵃ;
des nachts gleichfals bei mir, dær on rast klage,
kains schweigens îst.
Melissus ps. H 7ᵇ.
in positiven sätzen steht ein ähnlicher genitiv nur in partitivem verhältnis neben einem subjectsausdruck, so z. b.: das weitbeschreite, zarterzogenes fräwlin .. podagra, davon heutigs tags so viel geschreyes ist. Fischart podagr. trostb. C 2ᵇ.
d)
die bedeutung 'geschehen', oder, insofern es sich um menschliche handlungen dreht, 'gethan werden', tritt besonders deutlich zu tage in der sehr gewöhnlichen wendung es musz sein: wenn es seyn musz, quum res tempusque poscit. Steinbach 2, 981;
nû gunnet mirs, wan eʒ muoʒ wesen.
d. arm. Heinrich 628 (vgl. Wig. 38, 7);
daʒ dinc muoʒ etswenne sîn.
Lanz. 4360;
sie sprâchen: 'nicht zû spâte
wir suln ein houbet kiesen ...
iʒ mûʒ doch zû jungest sîn'.
livl. reimchr. 747;
das wild läufft ihm (Esau) alles nach als wenns müszte seyn. Weise comöd. pr. 9. — ähnlich wenn es sein soll, d. h. wenn es bestimmt, verhängt ist: wenn ein ding sein soll, so hilft nichts dafür. Simrock sprichw. 9476 (dafür auch mit prädicativem so, ohne nuance des sinnes, s. 22, m, α. man sagt also ohne unterschied es sollte sein und es sollte so sein). — das soll sein auch als versprechen, 'das will ich thun':
soudic u lieghen, lieve heer,
dat soude mi misvoeghen seer.
dat ensel, oft god wil, nimmer wesen.
Reinaert 6391;
ja sicherlich, das sail sinn.
Alsf. passionssp. 827;
Herodes edeler herre minn,
was ir begeret, das sal sinn.
893.
in demselben sinne das sei, vgl. Grimm gr. 4, s. 948 (zu 137):
Henricze sprach: daz sey, daz sey!
we, wie schier dicz was geschehen!
Heinr. Wittenweiler d. ring 23ᵈ, 35;
'laszt uns fallen oder siegen!'
alle rufen: 'wohl es sey!'
Erlach volksl. 4, 190;
ja, überzeugt mich; überführt mich, sei's!
Tieck 1, 54;
nun gut, es sey.
183.
ähnlich auch sei's drum (vgl. 5, c):
priester. da läuft ein späszchen auch mit unter.
bauer. so mag's drum sein, doch laszt uns meiden
verschimpfen und ein ehrabschneiden.
100.
vgl. auch 13, c und:
morgen lâʒe ic(h)ʒ wesen.
exod. 138, 19 Diemer.
seltner mit können, mögen:
und wär's mein bruder und mein leiblich kind,
es kann nicht sein.
Schiller Tell 1, 1.
in der Schweiz sagt man zu einem verspäteten: het's no möge g'si? Seiler 268ᵇ. — wie mag das sein (zugehen, kommen)? mit leichtem übergang in die bedeutung 22, m, θ; mit ausführendem satze:
'druhtîn', quad er,   'wio mag sîn ...
thaʒ thih henti mîne   zi doufene birine'.
Otfrid 1, 25, 5.
e)
das hinzutreten von genauern zeitbestimmungen verwischt die grenze gegen 25, i, α: meine erste begegnung mit ihm war im winter 1834/35 auf einem hofballe gewesen. Bismarck ged. u. erinner. 1, 38;
daʒ sal sîn in curtin stundin,
sô bistû disin hêirrin willicumin.
Annolíed 743.
ganz prädicativ ist:
ditz was wol umbe mitte naht.
Wigalois 143, 10.
f)
hier seien einige mundartliche ausdrücke angeschlossen, die der behandelten verwendung nahe stehen; so nd. wat was denn davon? was wurde daraus? Schambach 192ᵃ; nicht rein dialectisch, sondern überhaupt der volkssprache eigen, ist: das is (kommt daher), weil's regnet. Albrecht 211ᵇ.
5)
eine reihe andrer ausdrucksweisen gruppiert sich um die bedeutung 'zutreffen, der fall sein'.
a)
mit substantiv; vielfach mit einer gewissen emphase in wechselnder nuancierung. es gibt, es ist möglich:
Iphig. und wie beleidigte der könig sie?
Pyl. mit schwerer that, die, wenn entschuldigung
des mordes wäre, sie entschuldigte.
Göthe 9, 41 (Iphig. 2, 2).
ähnlich auch: wenn so ein narre selber nicht weisz was er haben will, so ist kein mittel wieder das unglücke. Weise com prob. 157. singulärer ist folgende wendung, an der besonders der gebrauch des bestimmten artikels auffällt:
so wird nur disz geschrieben
ohn einigen beweisz; der grund will gar nicht sein,
dann was der eine sagt das stösst der ander ein.
Opitz 4, 371.
b)
hierher gehören besonders kurze, subjectlose wendungen. selten ist der blosze indicativ es ist (der fall, wahr), wofür zumeist es ist so: sî iuuar uuort: ist ist, nist nist (est est, non non). Tatian 30, 5. so jetzt noch in der Schweiz: es ist oder es ist net (wahr). Schmeller 2, 202; das seine gnad sollte ein fremdes volk ins land gebracht haben, das wäre nicht; dasz ein fürst nicht mehr macht sollte haben, dann ein edelmann im lehen, wäre nicht. s. ebenda; vgl. auch:
unhöfsch ist er,
swer des giht, unde sîn sî niht.
Ulrich v. Liechtenstein 272, 11.
vgl. auch: (ich) zeigt im den handell von mund an .. do sagt er: 'potz, ist nuͦr das!' Th. Platter s. 48 Boos. allgemein üblich ist dagegen das kann sein, ist möglich; kann nicht sein: auf meine antwort, ich hätte einen brief des prinzen Karl an den könig abzugeben, sagte der posten, mich mit misztrauischen blicken betrachtend, das könne nicht seyn; der prinz befinde sich eben beim könige. Bismarck gedanken u. erinnerungen 1, 24;
es kann nicht sein, ich sag' es ist nicht so.
Tieck 1, 54.
ebenso Keisersberg seelenp. 17ᵈ, s. 35, c. fragend:
o schlingel! bärenhäuter! kann das seyn,
kann's in der welt noch solchen tölpel geben?
Tieck 1, 209.
mit abhängigem inhaltssatz, jetzt veraltet: es mag nit seyn dasz ein anderer ein so vollkommen werck mache. Maaler 372ᵃ;
im fall man glaubt dasz gott das thun der welt regiret ...
so kan es wol nicht sein, dasz diese grosse schar ...
dasz heer so in die zahl der frommen christen kommen,
ein unwarhafftigs buch soll haben angenommen.
Opitz 4, 346.
air. kà ̃ sá ̃, kà ̃ sá ̃ nét á'. Schm. 2, 202; schweiz. 's wirt nitt si! als ausdruck der verwunderung. Seiler 268ᵇ. kann sein, mag sein in die rede eingeschoben, ähnlich wie frz. peut-être, engl. maybe u. s. w.:
von tausend und mag sein dreyhundert jahren ab
hat stets von hand auff hand gewandelt Assurs stab.
Opitz 4, 296.
vgl. auch: das ding solte nicht seyn. Weise com. pr. 122. — diese und die folgenden wendungen sind von denen unter 4, d wol zu scheiden. dort handelt es sich um etwas, was man thun will oder soll, hier ist die frage nach einer thatsache, dort liegt ein imperativ, hier ein indicativ zu grunde.
c)
ähnlich der conjunctiv es sei, hier nicht im sinne der erlaubnis oder des entschlusses, sondern des hypothetischen zugeständnisses einer thatsache:
nu sî daʒ dâ sî.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 10461;
sei's! — ich opfre meinen göttern —
opfert ihr — wie lang? — den götzen!
Grillparzer⁵ 2, 74;
sei's! man musz nicht gleich verzweifeln.
7, 125 (der traum ein leben 1, 3, ende).
dafür auch sei('s) drum (vgl. 4, d):
Hinz. wer hat dir, Kunz, das aufgebunden?
ein pfaffe war's, der Berthold heiszt.
Kunz. sey drum! so ward mir doch nichts aufgebunden.
Lessing 1, 21.
d)
ferner doppeltgesetzt es sei - es sei, auch es sei - oder, um zwischen zwei möglichkeiten die wahl zu lassen: wil er aber dem herrn ein danckopffer von kleinem vieh thun, es sey ein scheps oder schaf, so sols on wandel sein. 3 Mos. 3, 6; auch die unglückliche Minna hätte sich endlich überreden lassen, das unglück ihres freundes durch sich, es sey zu vermehren oder zu lindern. Lessing 1, 594 (Minna 5, 9);
es sei, dasz du noch lebst, es sey, dasz durch die wunden
die tapfre seele schon des todes weg gefunden.
J. E. Schlegel 1, 372.
e)
die formel es ist, dasz begegnet in der gewöhnlichen aussageform gar nicht, vereinzelt als frage, wol nach französischem muster: ists, dasz einst götter vom himmel niederstiegen, und unsern vätern dies land anwiesen? ists, dasz sie uns eine religion gegeben und unsre verfassung selbst eingeweiht haben? Herder 17, 314 Suphan. überaus beliebt ist dagegen in der älteren sprache ist('s), dasz als einleitung eines bedingungssatzes:
und ist daʒ sî betrouc ir wân,
zwâre, daʒn wirt mir niemer leit.
Iwein 6674;
ist daʒ ein minne dandern suochen sol,
sô wirt si vil dicke ellende
mit gedanken als ich bin.
Walther v. d. Vogelweide 44, 14;
ic sal maken Reinaert so confuus,
ist dat ic coninc heet Lioen!
Reinaert 3749;
ist dasz das weib leichtlich zürnet .. hie sol nun der mann liebe erzeigen. Egenolff sprichw. 205ᵇ; ist es, dasz ich (meine fürsten unngerochen) von hinnen scheyde, so wird ich eyn bösz ende erlangen. Fierrabras G 3ᵃ. so jetzt noch bair.: is's, dás's schö ̃ bleibt, so fàr i, is's net, so gê-n-i. Schm. 2, 202. dafür mit dem conj.: wer daz ieman da wider deite oder da wider tuͦn wolte. d. städtechron. 9, 934, 4;
wær aber daʒ her Philippe
sich trôste dheiner sippe
des kunigs oder ander fursten.
Ottokar reimchron. 5459,
ende waert ooc, dat hi anders ware,
so enwaer hi niet van ons gheslacht.
Reinaert 7598.
mhd. auch mit dem conj. präs.:
sî daʒ mir sô wol geschehe.
Stricker d. bloch 140 (dagegen 426: ist daʒ).
dafür jetzt sei es, dasz (vgl. d), auch concessiv:
sei's, dasz dein thun des pöbels wahn verletze,
für deinesgleichen gibt's keine gesetze!
Grillparzer⁵ 2, 88.
im älteren nhd. wird gern ein prädicatives sache zugesetzt, s. das. 6, c, th. 8, 1599. so schon: und wêriʒ sâche daʒ got ubbir uns geböde oder ubbir unsir eyns daʒ got vorhalde nach sŷme lobe so solden wir odir unsir ygliches besundern sîn sêlen heil bedenken. Niederweseler urk. v. 1380.
f)
hiermit ist enge verwandt die excipierende redewendung es sei oder wäre denn dasz = wenn nicht, auszer wenn: man hat zwar auff den neulichsten reisen solches nicht vernommen, es wäre denn, dasz man wegen Magnus Henningsen stillgestandenem schiffe solches vermuhten wollte. Olearius pers. reisebeschr. 89ᵃ;
so wohnt den neigungen auch keine freyheit bey,
es sey dann dasz der will' auff ihrer seiten sey.
Opitz 4, 366.
auch hier kann sach(e) hinzutreten (vgl. a. a. o. 1599 f.):
ich halt dich vor ein bulr kurtzumb;
sey denn sach, das du dich purgierst,
der zicht von mir nicht ledig wirst.
H. Sachs fastn. sp. 3, 138, 65 neudruck.
die wendungen es sei denn, es wäre denn auch ohne folgenden satz s. 30, h.bei allen diesen verbindungen ist eigentlich eine negation zu ergänzen, die ursprünglich obligat ist, aber schon im mhd. sehr gewöhnlich fortbleibt; das jetzt unentbehrliche denn dagegen ist hier noch durchaus entbehrlich und wird nur zuweilen gesetzt:
ist daʒ got mich wil bewarn,
sô wil ich ûch irwerben,
iʒ ensie den daʒ ich sterben.
livl. reimchron. 3668.
die reihenfolge dieser verschiedenen stufen ist also folgende: eʒ ensî (denne) — eʒ sî (denne) — es sei denne. aus der kurzen form ne wære ist allmählich unsere partikel nur (älter neur) erwachsen, s. th. 7, 998 f., sowie mhd. wb. 3, 767 f. Lexer handwb. 3, 800. ebenso das nl. maar aus neware.
g)
eine abweichende bedeutung hat es ist in folgender nicht sehr gewöhnlichen verbindung: was ich dir neulich von der mahlerey sagte, gilt gewisz auch von der dichtkunst; es ist nur (kommt nur darauf an?), dasz man das vortreffliche erkenne, und es auszusprechen wage, und das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Göthe 16, 21.
h)
hieran schlieszt sich die redensart es ist, als ob (wenn), es scheint, sieht so aus: aber wenn es zum lateinischen kömmt, so ist es mir immer, als wenn mir was fehlte. Weise com. pr. 304; es ist, als ob unsre staatsmänner wie die bäume in den baumschulen zu voller wurzelbildung der versetzung bedürften. Bismarck ged. u. erinn. 1, 5;
es ist, als wollt' die alte nacht
das alte meer ersäufen.
H. Heine heimk. 10.
mit dativ der person, mir ist, scheint, dünkt: es ist mir wohl, als wenn ich den pfeil gehabt hätte. Weise com. pr. 179;
mir ist, als müszt' ich mich an diese (die blitze) hangen,
als sollten sie mich nach sich ziehn.
Göckingk 3, 73;
mir ist, als will sich leib und seele trennen.
Tieck 1, 81;
ihr ist, als ob aus der tiefe ...
der liebste buhle sie riefe.
Geibel 2, 157.
sehr gern tritt für den satz mit als ob indirecte oder directe rede ein:
es war dem fräulein sie höre den blauen bart erzählen.
Wieland 4, 246 (Amadis 10, 36);
man langet an, man steigt
vom pferd, und gleich im ersten entgegengehen,
ist beiden, sie hätten einander schon irgendwo gesehen.
5, 56 (13, 28);
ist mir doch, ich müszte dich schon kennen!
Göthe 1, 218;
mir ist, ich kenne dich, doch bist du fremd.
Tieck 1, 18.
schweiz. 's isch mer, i möcht öppis ässe. Seiler 268ᵇ; 's ist-mr, i g'séje (ich sehe u. s. w.). Hunziker 240. — ungewöhnlicher sind sätze mit dasz oder wie:
owê! sô was mir rehte, wie
ich wære in dem pardîse.
Wigalois 246, 32;
ohne satz:
ˢi seit im an ein ende gar
wie ir in dem troume was gesîn.
Lanz. 4307.
im älteren nhd. auch sich (bez. ihm) sein lassen, sich bedünken lassen, einbilden: do mit ich mich mit künfftiger hoffnung hette mögen frowen und mier lassen sin, als ob ich schon ietz ein andre dochter hette. Th. Platter s. 108 Boos; wie jener Paduaner, der jhm sein liesz, er het so ein grosz nasz, das sie nit zur stuben hinausz gieng. Fischart podagr. trostb. B 8ᵇ. in mundartlicher rede geht sein vollständig in die bedeutung 'scheinen, dünken' über und wird auch ohne folgenden satz verwendet, so schweiz. 's hep-mer (doch) wölle sí, ich habe es vermutet; 's isch-mer g'si wie fór, es hat mir geahnt. Seiler 268ᵇ. vgl. auch nd. lat di dat wat sin, denk einmal. Schütze 4, 104.
6,
a)
auf der grenze zwischen der ersten und zweiten hauptbedeutung liegen wendungen, in denen sein mit einem substantiv zum ausdruck eines unpersönlichen verbalbegriffes dient. z. b. es ist anschein = es scheint: da so vieler anschein ist, dasz die seetaufe der linie die landtaufe überlebe. J. Paul freiheitbüchl. 121. ferner: wie im land der bruch ist, das vast alle wiber wäben, wie ouch näien können. Th. Platter s. 5 Boos. würde man dafür sagen: wie im land brauch (oder bräuchlich) ist, so wäre der übergang zum prädicatsverhältnis vollzogen, vergl.: ich entschuldigte mich, vermeint es weri so lantz bruch. 17. — ähnlich, nur durch den obligaten artikel anders nuanciert, ist die wendung die rede ist von etwas: von den übelwollenden .. kann hier nicht die rede seyn. Tieck 1, xliv.
b)
hierher gehören ferner die ausdrücke der zeit und des wetters, wie es ist wind (= es windet, weht), es ist nacht (also die fälle, in denen die romanischen sprachen gewöhnlich facere einsetzen). während die wendungen in dieser form nicht erkennen lassen, ob nacht, wind als subject oder prädicat anzusehen sind, wird die erstere auffassung notwendig, wenn der artikel oder ein attribut hinzutritt, z. b.:
fern hallt musik; doch hier ist stille nacht.
Storm ged. 28;
es war um mich die allerstillste nacht.
Tieck 1, 195,
die zweite, wenn für die betr. substantiva entsprechende adjective eintreten, so z. b. es ist windig, heisz. dasz das sprachgefühl selbst in den zuerst genannten fällen schwankt, zeigt sich darin, dasz gern ein es hinzutritt auch wo es zur stütze des verbs nicht erforderlich ist, z. b. wenn das substantiv vor dem verb steht, und zwar schon ahd.: mih gilimphit uuirkan sînu uuerc .., unz iʒ tag ist. Tat. 132, 3; wen es ungewitter was, so sungen wier schier die gantzen nacht reponsoria. Th. Platter s. 22 Boos;
eʒ wære æber oder snê.
Parz. 120, 5;
disiu (burg) lac sô nâhen bî
dem sêwe, daʒ er rehte für
der frouwen kemenâten tür
sluoc, als eʒ wint was.
Wigalois 137, 19;
ê eʒ miter tac mohte wesen.
Lanz. 3312;
schon ist es tiefe nacht.
Tieck 1, 205;
nacht ist's und stürme sausen für und für.
Platen 32ᵇ.
oder im nachsatze:
so lang du lebest, ist es tag.
Storm ged. 127.
hier ist unverkennbar, dasz die sprache tag, wind u. s. w. als prädicat empfindet, doch könnte man ohne sinnesunterschied auch sagen: wenn wind war, wo wind offenbar subject wäre, so z. b.: do gsach ich zum dorff zuͦ, do was schier nacht by den hüszren, fieng ich an nidtzich (hinunter) gan, aber es war glich gar nacht. Th. Platter s. 10 Boos;
wenn winter ist, wollen wir's wieder lesen.
Tieck 1, 205.
immerhin bevorzugt die sprache deutlich jene erstere ausdrucksweise. auch sie unterscheidet sich von der rein prädicativen fügung noch insoweit, als statt des es nicht ein bestimmtes subject eintreten kann. man sagt also es war wind genau wie es war heisz, aber nicht das wetter, die luft war wind. — sprichwörtlich: es ist noch nicht aller tage abend. Tieck 1, 50.
c)
ähnlich das häufige es ist zeit: sprachen sy, es weri noch nit zyt. Th. Platter s. 17 Boos; ich hette gären gestudiert, dan ich kond verstan, das zyt war. 35; wenns zeit ist, so wird es fertig. Weise com. prob. 140. hier ist das es wol ursprünglich ein genitiv, vgl.:
ir frouwen, sîn ist zît, daʒ wir
gên ze kemenâten.
Wigalois 143, 21.
hier ist zeit deutlich subject ('der zeitpunkt zu etwas ist da, ist gekommen'), doch ist das gefühl dafür in der heutigen sprache nicht mehr lebendig, und man sagt es ist zeit ganz wie es ist an der zeit. — noch sei erwähnt, dasz die ältere sprache für es ist zeit (für mich) sehr gewöhnlich sagt: ich habe zeit, das heute stets den entgegengesetzten sinn hat (es ist noch nicht eilig, ich kann noch warten), während umgekehrt zuweilen auches ist zeit im letzteren sinne, also für das heutige es hat zeit, gesagt wird: wenn ich zu walde marchire, so werffe ich die verdrieszlichkeit bey der hausz-thüre von mir, damit hab ich ein freyes hertze, und es ist zeit mit den sorgen, bisz ich wieder komme. Weise com. pr. 28. wie man sieht, liegt hier der unterschied weniger in der fügung, als in der doppelbedeutung von zeit (1. zeitpunkt zu etwas, καιρός; 2. zeitdauer, weile), s. daselbst.
d)
hieran schlieszen sich wendungen, die den zeitabstand zweier ereignisse angeben: es ist heute gerade ein jahr;
wan eʒ ist vil manic tac,
daʒ ich dâ wesen nie pflac.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 17936;
fünf tage sinds nun, seit er uns beyde auf seinem schosz hielt und weinte. Geszner bei Adelung 4, 452; dasz auch hier ursprünglich ein subjectsverhältnis vorliegt (vergl. frz. il y a un an), zeigt die ältere sprache häufig durch den zusatz eines genitiv (im sinne des ablativs):
dô was des wol ein halbeʒ jâr
daʒ der gast was komen dar.
Wigalois 31, 29;
des tages wâren sîn zwei jâr
daʒ sîn wîp was genesen.
35, 34.
die neuere sprache gebraucht diese wendung nicht mehr, setzt aber gern ein her hinzu: es ist ein jahr her. der sinn ist in beiden fällen deutlich: 'von da an (des) bis jetzt (her) besteht ein zwischenraum von einem jahre'; vgl.:
aber zwischen thun und sagen
ist immer etwas zeit.
Tieck 1, 287.
die annäherung an das prädicatsverhältnis zeigt sich in der neuern sprache darin, dasz man daneben ganz analoge wendungen mit ordinalzahlen verwendet, vgl.:
so ist es heut ein ganzes jâr,
dasz ich mein lieb verloren hab.
unmittelbar darauf:
so ist es doch heut der neunte tag
dasz man im ein jungfreulein gab.
Uhland volksl.² 202 (116, 9. 10).
e)
ganz denselben übergang zeigt die verbindung mir ist not. sie verlangt im mhd. durchaus den genitiv, besagt also: 'für mich besteht (ich habe) ein bedürfnis nach etwas', so:
des wære ouch noch der werlde nôt!
Wigalois 59, 14.
für den genitiv ganz vereinzelt auch von:
sich hinder dich, wie nôt dir von dem reinen schepfer ist.
Marner xiv, 25.
im nhd. ist der genitiv durch den nominativ ersetzt, vermutlich ausgehend von dem häufigen es, das nach dem zusammenfall von ʒ und s für beide casus galt, und so der sinn herausgekommen 'eine sache ist mir bedürfnis', wo dann not ganz gleich steht mit dem adj. nötig: das mag nit gesein, darumb ist es ouch nit not. Keisersberg seelenpar. 18ᵃ.
f)
hieran reihen sich andre unpersönliche fügungen ähnlicher art, wie z. b. mir ist zorn (zorn als subject, vgl. 13), daneben in prädicativer fügung etwas ist mir zorn: da was dem künig gar zoren und leid und sprach: o wee! liebe tochter war zu bist du geboren. heiligenleb. (1472) 14ᵇ; das was dem keiser zorn und hiesz in auf ein rost legen. 34ᵃ;
ther geist ther blâsit stillo,   thara imo ist muatwillo.
Otfrid 2, 12, 41.
über dir sei trotz s. 13, c.
g)
wie vollständig solche verbindungen von ist mit einem substantiv als ein verbalbegriff betrachtet werden, zeigt sich am deutlichsten daran, dasz in den ältesten dialekten (got. ahd.) bei manchen statt des dat. der acc. steht, den doch weder das substantiv noch ist für sich regieren kann. so got. mik ist kara, karist oder auch blosz kara; ahd. mih ist wuntar (also ganz wie mich wundert, nhd. dafür auch mich nimmt wunder), mih ist niot (alts. mit dat. was im niud), furiwizzi, ôt (dagegen mir ist zorn, anado u. a.), s. Grimm gramm. 4, 241—244. 251 f. 703 f. so z. b.: tih nedarf nehein uuunder sîn ube uuir in disemo ureisigen lîbe arbeite lîdên. Notker 1, 20, 21 Piper (Boeth. 1, 9); târmite uuas in (Nero) fureuuizze allere iro lido. 109, 1 (2, 43);
wuntar was thia menigî   avur thara ingegini,
thaʒ zunga sîn was stummu.
Otfrid 1, 9, 27;
er zeinta, thes sie was ouh ôth ('was sie leicht ausführen konnten'),   sînes lîchamen tôd.
4, 19, 35;
thes thih mag wesan wola niot.
5, 6, 14.
zu beachten ist indessen, dasz auch das einfache wesan in einigen fällen den acc. nach sich haben kann, so: thô quad iro ther heilant: uuaʒ ist thih thes inti mih (quid tibi et mihi est), uuîb? Tal. 45, 2. — ähnliche unpersönliche redeweisen mit adjectiven s. 20, n.
7)
in andrer weise wird eine verbindung zwischen den beiden hauptgebrauchsweisen von sein hergestellt durch wendungen wie es soll ein könig sein. diese steht grammatisch ganz gleich mit es ist ein gott (2, a), unterscheidet sich aber dem sinne nach davon insofern, als die frage nicht ist, ob die betreffende person überhaupt vorhanden ist oder nicht, sondern ob ihr die würde eines königs zukommt, dem grammatischen subjectsausdruck also eigentlich ein prädicatsverhältnis zu grunde liegt, das man streng logisch ausdrücken würde: 'es soll einer (irgend jemand) könig sein' (oder aber 'es soll ein königthum sein'): und sol ein könig sein, der wol regieren wird. Jerem. 23, 5. diese unterscheidung, hier bedeutungslos, dem sprachbewusztsein kaum gegenwärtig und scheinbar spitzfindig, wird deutlicher in fällen, wie: so soltu dich auffmachen .. und zu dem richter, der zur zeit sein wird, komen. 5 Mos. 17, 9, besonders aber in dem häufigen gebrauche des part. perf., ein gewesener bürgermeister (nl. een gewezen burgemeester), d. h. nicht ein bürgermeister, der gewesen, d. h. tot ist (2, d), sondern jemand, der bürgermeister war und es jetzt nicht mehr ist. vgl. auch:
stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Göthe 1, 239.
so, obwol weniger üblich und gut, seinsollend, ein seinsollender witz, eine redensart, die ein witz sein soll, u. ähnl.: es wäre denn, dasz man unter der physiognomik die abgeschmackte, seynsollende kunst, die speciellen und individuellen schicksale des menschen aus seinem gesichte zu prophezeyen, verstehen wollte. Lavater v. d. physiogn. (1772) 22.
8)
an den schlusz der ersten hauptgruppe stelle ich einige mehr isolierte und zum theil stärker abweichende gebrauchsweisen von sein als selbständigem verb.
a)
die häufige wendung was ist dir? stellt sich einerseits zu 6, e. f, anderseits zu 13. doch hat sein hier einen emphatischeren, prägnanteren sinn, wofür ebensogern was fehlt dir?, mhd. waʒ wirret dir? beispiele: graf. was ist dir? nichte. ahi! marquise. was hast du? Göthe 14, 202; endlich fühlte er an ihr eine art zucken .. was ist dir Mignon? rief er aus, was ist dir? 18, 228; was ist dir nur in diesen tagen, mein lieber Clemens? Tieck 1, 171;
waʒ dem wîbe wære,
welt ir daʒ selbe mære
hœren, daʒ wil ich iu sagen.
Wigalois 166, 10,
(der könig) begunde weinen sêre.
er vrâgete waʒ im wêre.
Albr. v. Halberstadt 24, 279.
die bedeutung 'widerfahren, zu leide geschehen (sein)' findet sich im mhd. auch auszerhalb dieser verbindung:
daʒ siʒ lâʒen niht enkunde   sine müese bî der stunde
rechen alleʒ daʒ ir was.
klage 117;
er vant die rehten hirzwurz,
diu im half daʒ er genas
sô daʒ im arges niht enwas.
Parz. 643, 30.
auffallend ist folgende stelle:
was hat man von dem dichten? hum!
vielleicht das bischen ehre:
gekannt zu seyn vom publikum? —
ich dachte, was mir wäre!
Gökingk 3, 22
(man erwartet: was mir das wäre).
b)
wieder anders es ist mir um etwas, mir ist daran gelegen. die fügung ist mhd. noch nicht bezeugt, wol aber mnd., s. Schiller-Lübben 5, 696ᵃ; were eme wat umme de dre ryke, so scholde he to en komen. Lüb. chron. 2, 79, s. ebenda;
gy joden, wêr ju icht darumme,
dat ik my mit juwer ê beklumme
unde myner kristenheit versoke?
Theoph. 438.
nhd.: es ist uns nur darum, wenn wir die freyer nicht nehmen, wie wir sie kriegen, so bleiben wir darnach sitzen. Weise comöd. pr. 297; fressen und sauffen wolte ich wol lernen: es ist mir nur um das erbarthun. 345;
was ists den Britten mehr umb eines königs haubt?
A. Gryphius 358;
es ist mir nur um den schönen schein.
Schiller Wallenst. lager 3;
anders nuanciert:
es ist jhm ümb (es kostet ihn) ein st, so fleuget Eolus.
P. Fleming 5;
es ist mir nur um uns (ich beklage nur uns).
Opitz bei Adelung 4, 450.
so noch mundartlich in der Schweiz: es ist mir drum, ich fühle lust dazu. Stalder 2, 369; 's ist mr nüt drum. Hunziker 240. sonst sagt man dafür im ersterwähnten sinne gern es ist mir um etwas zu thun:
laszt ihm mit eins den plunder ganz im stiche,
um den es ihm zu thun.
Lessing 2, 558 (2, 9);
es ist mir blosz um das geld zu thun. Adelung 4, 450. nach diesem auch (in familiärer rede) mir ist nicht wie musik, ich habe jetzt keinen gefallen an der musik.
c)
sehr selten ist sein im sinne von 'wert sein, gelten': widrigenfahls (solle) das kalb verfahlen oder so vill erlögt werden als das kalb gewest. steir. teid. 375, 15. — vgl. dazu das mundartliche (nd.) wat mutt d'r vör wäsen? was kostet es? Stürenburg 321ᵇ. auch im nhd.:
herr, sprach der gute bauer,
was soll für seine mühe seyn.
Gellert bei Adelung 4, 453.
d)
sein, 'schuldig sein', so besonders mnd.: item noch is he my up nie 1 l [[undefined:poundsign]]. quelle bei Schiller-Lübben 5, 695ᵇ; myn ghelt, dat he my is. umme de 10 mark, di ik ju bin. 696ᵃ;
byn ik er der pennynge twe,
se schreyget balde: waffen! na
also umme de marcke tene.
Rummeldeus v. 16,
s. niederd. jahrbuch 3, 68, woselbst in der anmerkung weitere beispiele.aber auch oberdeutsch: wolten sie aber arbeiten weinholz und bintholz, so sein sie dem vorster von ainem fueder acht pfennig und von ainem fueder fünf pfennig. steir. teid. 108, 22. mit inf.: umb solichs so sind uns die tütscherren alle jar uff st. Kathrinen tag haben ain vigili. artikelb. der marner in Ulm im 15. jahrh. bei Schmid 490; vgl. dazu 34, a.diese wendungen sind wol nur durch ellipse von schuldig oder einem gleichbedeutenden worte zu verstehen.
e)
endlich einige ganz singuläre ausdrücke in nd. mundarten: see düürt d'r woll wäsen, sie tritt sehr entschieden und dreist auf, weisz sich geltend zu machen. Stürenburg 321ᵇ. — ik kann dat nich wesen, nicht thun, nicht vertragen, ausstehen. Strodtmann 284.
9)
eine eigenthümliche bedeutungsentwicklung zeigt in vielen fällen die häufige verbindung sein lassen (auszerdem auch im gewöhnlichen sinne, s. z. b. 5, h), vgl.lassen B, II, theil 6, 229 ff., besonders 238 ff.
a)
zunächst etwas geschehen lassen, damit einverstanden sein (selten, jetzt ganz ungebräuchlich):
'ob ich mich selbe erlœsen kan,
dar umbe lâʒet mich genesen'.
'daʒ lâʒe ich gerne wesen',
sprach der arzât wider in.
Stricker Amis 2420 Lambel.
daher denn auch, etwas auf sich beruhen lassen, nicht beachten, sich darum nicht kümmern: laͮnd Rengnolden usz bietten sinn und land uns sin volck angriffen. Haimonskinder 152, 19 Bachm.ähnlich noch:
was hilft euch schönheit, junges blut?
das ist wohl alles schön und gut,
allein man läszt's auch alles seyn,
man lobt euch halb mit erbarmen.
Göthe 12, 143.
b)
so auch lasz sein als ausdruck eines zugeständnisses, mag sein, immerhin, wenn auch: darümb soll eyn wiser bilger nit not haben, noch dem gunst der welt, losz sin, dz jr schon nit mit eynander uneynsz werden. Keisersberg bilg. 193ᵇ;
lasz seyn, dasz meiner forderungen eine
unbillig und vermessen war, muszt du
mir darum auch die billigen versagen?
Schiller don Karlos 5, 1.
c)
in diesen redeweisen überwiegt offenbar der begriff des lassens, und zwar nach der negativen seite: nicht (hindernd) eingreifen. daher ergiebt sich dann leicht die fügung einen sein lassen, ihn gewähren, in ruhe, zufrieden lassen, nicht belästigen, sich fern halten: Gergis, làsz, Bayard sinn! wann du wyrst mit mir gnuog zeschaffen haben. Haimonsk. 135, 27 Bachm.; so musz nu gewiszlich der Alstädtische geist, der unsern geist nicht will seyn lassen, etwas höhers tragen. Luther br. 2, 546;
lies oft im buch der bücher und lasz die menschen sein!
Just. Kerner ged. (1847) 255.
so besonders bäufig in der umgangssprache und mundartlich: preusz. lassen sie mich sein! (sagt das mädchen zu dem zudringlichen); du lässt mir sind! Frischbier 2, 337ᵃ; nd. lat em sin! Schütze 4, 104.
d)
daher denn auch die gewöhnlichste bedeutung 'etwas unterlassen, nicht thun', also gleichbedeutend mit bleiben lassen: etwas seyn lassen, missum aliquid facere. Steinb. 2, 982; sy la missum facere, relinquere, cessare. Frommann 4, 17ᵇ. die vorstellung ist eigentlich, 'etwas so lassen, wie es bisher war (also ungethan)'. das object ist gewöhnlich ein substantivierter infinitiv:
harto wegen wir es scîn,   thaʒ er iʒ ni liaʒ in zît sîn.
Otfrid 2, 6, 32;
geselle, lâ dîn grasen sîn!
Wigalois 138, 24;
sun, sich ent dîn ungemach,
von diu lâ dîn sorgen wesen.
Lamprecht v. Regensburg Franc. leben 4730;
ir etzliche bloden alse swin
unde leissen doch neit ir veichten sin.
Hagen boich v. Colne 1041 (d. städtechr. 12, 51);
des wurden sô gar hœne
der Karlot und die sîn,
daʒ si ir vehten lieʒen sîn
und hüeben lîht eîn tanzen an.
Ottokar reimchron. 682;
lasz, Magdalena, din weinen sinn.
Alsfeld. passionssp. 2210;
ich sage, lasz die thränen seyn!
Göthe 12, 198;
man musz es eben seyn lassen, es geht doch nicht. 7, 135 (geschwist.); und gefährlich ist's doch immer, da läszt man's lieber seyn. 8, 175 (Egm. 1); Jetter. hätten wir ihn nur zum regenten! .. Soest. das läszt der könig wohl seyn. den platz besetzt er immer mit den seinigen. 207 (2); so häufig in der volkssprache lasz das sein (ganz gleichbedeutend mit lasz das). nd. lat dat sin! Schütze 4, 104. laat dat wesen. Dähnert 547ᵇ. mhd. kann der abhängige infinitiv seinerseits ein object regieren:
nu lâʒ dîn strâfen sîn
Hiltebrant den lieben meister mîn!
Laurin D 819.
ganz vereinzelt und nur in poetischer redeweise findet sich der genitiv nach sein lassen: lasz des danks nur seyn. Klinger theater 3, 154.
e)
ahd. auch im sinne von 'verlassen' (räumlich):
fuar er thô in thia worolt în,   liaʒ thaʒ wuastweldi sîn.
Otfrid 1, 23, 9.
f)
besondere bedeutungen zeigen negative ausdrücke im bair. dialekt: sich nix um einen sei ̃ lassen, sich nicht um ihn kümmern:
daͦ schau her! daͦ îs dă saͦk und daͦ is 'slô und daͦ schliafst ei ̃
und laͦszt dăr um ăn wolfen gaͦr nix mehr sei ̃!
Hartmann-Abele volksschausp. s. 288, 166.
laͦ dă nöd sei ̃! verliere den mut nicht:
mei ̃, bauă, mei ̃!
laͦ dă nà ̃ nöd sei ̃!
244, 319;
nà ̃, Hàns, laͦ dă nöd sei ̃!
dös deandl werd's nô bittă reu ̃!
228, 236.
vergl. das glossar.
10)
den gewöhnlichen verwendungen der 'copula' sein mögen wenige spezielle fälle vorangestellt werden, in denen noch eine stärkere, sinnlichere bedeutung durchbricht. zunächst sein mit ortsbestimmungen, ganz dem ursprünglichen sinne der wurzel ves- gemäsz.
a)
mit adverbien, die ein verweilen, ruhen an einem orte ausdrücken: thâr ich bim, thara ni mugut ir quemen. Tat. 129, 4; und wo sind alle seine wunder, die uns unser veter erzeleten? richt. 6, 13; wo ich bin, da sol mein diener auch sein. Joh. 12, 26; aber Jerusalem habe ich erwelet, das mein name daselbs sey. 2 chron. 6, 6; es wasen aber ander frum und weis leut auch hie. d. städtechron. 5, 113, 31; Rebecca. last mir alsobald meinen Jacob herkommen. Dum. er soll gleich hier seyn. Weise com. pr. 127;
'herre, herre', sprâchen sie,
in dîme schirme sî wir hie.
pass. 210, 67 Köpke;
wo du, engel, bist, ist lieb' und güte.
Göthe 1, 79;
hier ist Ceres, hier ist Bacchus gabe.
244;
er ist bei mir,
will nirgend anders sein.
Storm ged. 57.
so auch drinnen, drauszen sein u. anderes:
lieb und mynn, seidt ir dynn,
so gebt mir ratt und ler.
Cl. Hätzlerin 2, 11, 18;
und ob noch einer hinnen wehr,
der auch meinr ertzeney beger.
H. Sachs fastn. sp. 2, 58, 273 neudruck.
bei einem inn sein, wohnen: nun fuer der Geir zuͦ und nam ain schuester zu im, der was sein hauswirt und was bei im inn. d. städtechron. 5, 71, 17. — neben partikeln, wie (nicht) länger, immer u. a. ergiebt sich die bedeutung 'bleiben':
dû bist besloʒʒen
in mînem herzen:
verlorn ist daʒ slüʒʒelîn:
dû muost immer drinne sîn.
minnes. frühl. 3, 6.
beachte auch den charakteristischen unterschied der betonung zwischen seid ihr dá? er ist nicht dá einerseits und hier (da) bín ich, da séid ihr (ja) andrerseits, so z. b.: sihe, da seid jr kinder Israel alle. richter 20, 7;
da seid ihr ja, ich wollte bei euch wechseln.
Tieck 1, 199;
da bin ich schon.
286.
vergl. ferner d.
b)
mit präpositionalen ausdrücken: an eim ort seyn, adesse in aliquo loco. Maaler 371ᵈ; und sein name wird an jren stirnen sein. offenb. Joh. 22, 4; freier:
der artzt ausz Syrien (Lucas) war stets ihm (Paulus) an der hand.
Opitz 4, 343. —
wird der taw auff dem fell allein sein, und auff der gantzen erden trocken, so wil ich mercken, das du Israel erlösen wirst. richt. 6, 37. im bilde: deine hand wird deinen feinden auff dem halse sein. 1 Mos. 49, 8. — fater unser, thû thar bist in himile. Tatian 34, 6; kum uuine mîn, gê uuir anne den akker! uuesen alle uuîla in den dorfon! Williram 126, 2; alse nu Adam und Eva in dem paradyse worent, do zougete in got manige hande krüter und boume. d. städtechr. 8, 235, 28; darumb sol mein bogen in den wolcken sein, das ich jn ansehe. 1 Mos. 9, 16;
die zeit vergeht; längst bin ich in der fremde.
Storm ged. 137;
freier: rede zu jm und lege mein wort in seinen mundt und ich wird in deinem mund und in seinem mundt sein. bibel von 1483 32ᵃ (2 Mos. 4, 15. Luther: und ich wil mit deinem und seinem munde sein); dieweyl mir die seel im leyb ist, als lang ich laͤben wirdt. Maaler 369ᵃ; machet kein getümel, denn seine seele ist in jm. apostelgesch. 20, 10; wie kündten wir einen solchen man finden, in dem der geist gottes sey? 1 Mos. 41, 37; reden, wie es mier im hertzen was. Th. Platter s. 63 Boos;
es ist nicht drauszen, da sucht es der thor,
es ist in dir, du bringst es ewig hervor.
Schiller 11, 321. —
unter dach und fach sein u. ähnl.; den winter under dem tach seyn, agere hyemem sub tectis. Maaler 371ᵈ. —
dû salt wesen vor der tur.
livl. reimchron. 1299;
herr doctor, vor meim hausz ich was.
H. Sachs fastn. sp. 2, 44, 176 neudr.
so auch: alles was dem priester fur augen sein mag. 3 Mos. 13, 12. vorhanden sein s. d. — das man sehen mus, der rechte gott sey zu Zion. ps. 84, 8. formelhaft:
er zeucht also darvon, schwartz uberall bekleidet ...
und reitet ungeschewt hin unter seine feind',
die umb Paris umbher so starck zu felde seindt.
Dietr. v. d. Werder Ariost 9, 2, 8;
wollt ein pastetlein ihr, ...
so sol es auf befehl alszbald zur stelle seyn.
Scherffer ged. 492.
so auch in bezug auf personen: wer sind die leute, die bey dir sind? 4 Mos. 22, 9; sagt, ich wäre schon bey meiner tochter. Gotter 3, 54;
ich wil selbe bie ûch wesen.
livl. reimchr. 553;
er ist bey uns wol auff dem plan
mit seinem geist und gaben.
Luther 8, 364ᵇ.
vor: so hebe nun an und segene das haus deines knechts, das es ewiglich fur dir sey. 2 Sam. 7, 29;
vergönn', dasz ich mag stehend vor dir sein.
Tieck 1, 218.
gleichbedeutend mit diesen präpositionalen wendungen sind die verbindungen des verbs mit den entsprechenden betonten adverbien (die sog. trennbaren zusammensetzungen), z. b. einem beisein = bei einem sein, s. unten 24.
c)
hält sich jemand nicht vorübergehend an einem orte auf, sondern hat er daselbst seinen dauernden wohnsitz bez. seine heimat, so drückt man dies aus durch zusätze wie irgendwo daheim, zu hause sein: daheimen oder beym hausz seyn, adesse domi Maaler 371ᵈ; wir wandern durch so viel städte, dasz wir selber nicht wissen wo wir daheim seyn. Weise com. pr. 279;
wo du mir bist, bin ich zu haus.
Storm ged. 127.
mhd. dafür mit hûse:
sie sâʒen ûf und riten hin ...
gein Litan, dâ Tinas
ir rechter vriunt mît hûse was.
Heinr. v. Freiberg Trist. 5014.
vgl. auch inn sein unter a.
d)
besondere beachtung verdienen zwei ausdrücke, die, obwol ursprünglich und theilweise noch jetzt rein local, allmählich in den meisten fällen diesen sinn eingebüszt haben und zum bloszen ausdrucke des seins im vollen emphatischen sinne (s. 2 ff.) geworden sind. sie machen also in historischer zeit dieselbe entwicklung durch wie das verbum wesan in vorhistorischer und dienen daher dieser zur verdeutlichung. es sind da sein, örtlich s. a, dann einfach im sinne von existere (2, a), s. daselbst (theil 2, 650 ff.), zuweilen auch in abweichender bedeutung:
dô die boten erfunden,
daʒ diu wârheit was dâ (sich herausgestellt hatte).
Ottokar reimchron. 32678.
ferner vorhanden sein, vgl. daselbst, im ältern nhd. noch örtlich (ganz in der nähe, dicht vor einem): do was mier gar angst, den ich forcht der bär wäri vorhanden. Th. Platter s. 11 Boos. so später nicht mehr gebräuchlich, doch klingt die beziehung auf räumliches noch durch in folgender stelle: weil nun ohne äuszerliche verknüpfungen, lagen und relationen kein ort statt findet, so ist es wohl möglich, dasz ein ding wirklich existire, aber doch nirgends in der ganzen welt vorhanden sei ('keine räumliche relation gegen andre habe'). Kant 8, 23. die heutige bedeutung schon bei Tucher baumeisterb. 17, 11, s. unter 1, 3, u, ζ; abstracter: die kräffte werden bey ihm vorhanden seyn. Weise comöd. pr. 196; doch ob ein kluger rath vorhanden ist, das werden sie am besten bedencken. 128.
11)
aber sein steht nicht nur, der eigentlichen bedeutung gemäsz, auf die frage wo?, sondern auch auf die fragen woher? und wohin?, schlieszt also hier den begriff einer (vollendeten) bewegung in sich. hier dürfte in den meisten fällen die ellipse eines verbs der bewegung im part. perf. (gegangen, gekommen u. a.) anzunehmen sein.
a)
wovon sein im sinne der räumlichen entfernung, nicht gerade häufig und jetzt kaum ohne zusatz üblich. von einem menschen oder orte fort, entfernt sein: (ich) auch selbs wissen musz, wie es thun mag von weib und kindlin, auch von der nahrung zu seyn. Luther briefe 4, 567; in einem wilden wald, in welchem ich die meiste zeit, seit ich von meinem knän war, zubracht. Simpl. 1, 180, 28 Kurz.mit angabe der distanz: zwo tagreisz vom läger seyn, abesse bidui a castris. Maaler 372ᶜ; vor zwo stunden bin ich noch eine meile von hier gewesen. Weise com. pr. 288. — ähnlich freier: wenn die ersten zwelf diu an dem raut beliben sint ain jar ratgeben sint bis ze der liehtmisse, die sullen denn auch von dem raut sin und sullen in dryn ganczen jaren an chainen raut auch nit mer chomen. d. städtechron. 4, 130, 24; vergl.: oba uuer inan Christ biiâchi, ûʒ fon theru samanungu uuâri. Tatian 132, 13 (extra synagogam fieret); da man den armen Uli ... henkte, sagte er: es ist ihm wohl gut, das er ab der noth ist. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1, 348.
b)
häufiger in dem sinne 'woher stammen, von wo ausgegangen sein'. mit adverbien: wo ist er her? unde est? quae est patria ejus? cujus est? Frisch 2, 267ᵃ;
quad, inan irknâtin untar in,   'joh wiʒut wola, wanana ih bin'.
Otfrid 3, 16, 62;
das ist ein wunderlich ding, das jr nicht wisset, von wannen er sey. Joh. 9, 30; sprach der Fugger zuͦ mier: 'wannen bist du?' Th. Platter s. 21 Boos; aber darff ich fragen, wo ihr her seyd? Weise com. pr. 279; aus der zeit .. ist mir .. kaum der chef einer ansehnlichen mission preuszischer abstammung erinnerlich. ausländische namen standen höher im kurse: Brassier, Perponcher, Savigny, Oriola. man setzte bei ihnen gröszere geläufigkeit im französischen voraus, und sie waren 'weiter her'. Bismarck ged. u. erinner. 1, 5. diese hier characterisierte denkweise beherrscht unsre sprache überhaupt, wie denn die wendung er oder das ist nicht weit her noch immer ein beliebter ausdruck der geringschätzung ist.
c)
so zunächst, von einem orte herkommen, stammen, gebürtig sein: uuas ther Philippus fon Bethsaidu. Tatian 17, 1; in disem jar da lies der kardinal an die thuͦmbropstei über die thür schreiben seinen tittelum und darzuͦ Matheus Lang von Wellenburg, wiewol er noch sein fordern nicht von Wellenburg send. d. städtechron. 25, 83, 13;
mich duncket, du sijhest von Galilee.
Alsf. passionssp. 3517;
der du von dem himmel bist.
Göthe 1, 109.
daher auch zeitlich: ich bin noch aus der alten (bestimmter z. b. der hannoverschen) zeit und dergl. besonders in einigen sprichwörtlichen redensarten: denn wir sind von gestern her und wissen nichts. Hiob 8, 9. mundartlich (nd.) hei is fon 'n dummen êrgisteren.
d)
sodann, von jemandem stammen (als nachkomme), herrühren, ausgegangen, gemacht sein: so jemand wil des willen thun, der wird innen werden, ob diese lere von gott sey. Joh. 7, 17;
nintheiʒit mir iʒ muat mîn,   ni ther fon gote sculi sîn,
es alleswio ni thenkit,   ther sulîh werk wirkit.
Otfrid 3, 20, 149;
da aber aus eigenem beruf
gott der herr allerlei thier' erschuf,
dasz auch sogar das wüste schwein,
kröten und schlangen vom herren seyn.
Göthe 2, 200.
e)
hiermit berührt sich von etwas sein zur angabe des stoffes: darumm heiszt er mein sun, er lebt und ich leb, und er ist von meinem bluͦt und fleisch. Keisersberg evang. 14ᵇ; wenn eine seele dem herrn ein speisopffer thun wil, so sol es von semelmelh sein. 3 Mos. 2, 1;
alleʒ ir gewant
was von rôtem golde.
Nibel. 72, 3;
wiss, daz du von ertreich pist,
ze ertreich wirst in chläiner frist.
Heinr. Wittenweiler ring 26ᶜ, 5
sein bart ist nicht von flachse,
er ist von feuersglut.
Rückert (1882) 1, 109 (Barbarossa).
12)
sein mit ortsbezeichnungen auf die frage wohin? hier ist die ellipse eines verbalausdrucks besonders deutlich: man sagt wo warst du hin (gegangen) genau wie wo willst du hin (gehen)? vgl. Grimm gramm. 4, 136 f.
a)
zunächst eigentlich, mit adverbien:
wâ wære du hin?
Wigalois 143, 12;
du wære hin ûʒ ûf den plân.
Parz. 118, 20;
dô wære er gerne hin wider.
Stricker Karl 5316;
wie sy nun all uffhi waren, wolt ich ouch do nohin. Th. Platter s. 8 Boos; der vollmond, eine reiche flur beleuchtend, war schon herauf. Göthe 23, 9; hernach ist er gleich fort. 57, 197. nieder sein, zu bett sein: (ich) gieng zuͦ des Myconii husz, der was schon nider. Th. Platter s. 47 Boos; so auch übertragen: wie weit sind wir? (beim lesen); wollte sie (die logik) sagen: leitet aus dem, was das wesen eures begriffs ausmacht, die hinreichend dadurch bestimmten synthetischen prädicate ... ab; so sind wir eben so weit, wie vorher. Kant 3, 384.
b)
besonders in die augen fallend ist die notwendigkeit einer solchen ergänzung, wenn statt des ortsadverbs ein ausdruck (gewöhnlich acc.) des weges eintritt, so besonders ahd. mhd.:
ther scaz ist sînes sindes (ist fort).
Otfrid 5, 19, 60;
der wirt ist sîne strâʒe ...
in twanc dar ûf urliuges nôt,
daʒ er den wec niht mohte sparn.
troj. krieg 21988;
nû was ouch an der wîle
der pfalzgrâf Ludwic
den gerihten stîc
unde wolt hinz Eger sîn.
Ottokar reimchr. 39309.
c)
der ausdruck hin, dahin sein, der den ort, wohin etwas ist, ganz unbestimmt läszt, also nur ausdrückt, dasz es von dem früheren orte fort ist, kommt daher mit einer leichten verflüchtigung zu der allgemeinen bedeutung: nicht mehr 'da' sein, von lebenden wesen, gestorben sein (vgl. dahin 9, theil 2, 691 f.; hin 6, theil 4, 2, 1376):
sie ist dahin, die maienlieder tönte,
die sängerin.
Hölty 56 Halm;
so auch:
so sterb' ich denn, so, so!
nun todt ich bin,
der leib ist hin,
die seel' speist himmelsbrot.
Shakesp. sommernachtstraum 5, 1.
dafür ähnliche wendungen: als nun diser feind und anplatzer des reichs auch hinunder war. Franck chron. der Teutschen 42ᵇ; wenn sie hinweg ist, werden wir erst wissen, wie viel wir verloren haben. Tieck 1, 88;
ich fürcht', es ist von hinnen
sein groszer geist!
358;
dein auge brach, die welt ward immer trüber; ...
dein kind schrie auf, und dann warst du hinüber.
Storm ged. 45.
milder: suchtest du den Götz? der ist lang' hin. Göthe 8, 162 (Götz von Berl. 5). von der zeit, verflossen, vorüber sein: der uuinter ist hina, der regan ist vure. Williram 39, 1; jene blühende zeit ist dahin. Herder s. 2, c;
eʒ ist hiute hin ein tac
den ich wol immer haʒʒen mac.
Iwein 7439;
die zeit ist hin.
Storm ged. 33.
auch sonst von allem möglichen, z. b.: tero satyra nû eines micheles teiles kesagetero, uuanda novem librorum zuei hina sint. Notker 1, 846, 14 Piper (Mart. Cap. 2, 48). von empfindungen: so ist er gech zornigk und der zornn ist im balde hin. versehung eines menschen 55ᵃ;
der zorn ist minhalp dâ hin.
Iwein 8093;
her Tristan und her Gâwân, ...
ob die nît under in
hêten, der was gar dâ hin.
Heinr. v. Freiberg Tristan 1858;
allgemein: was hin ist, das ist hin. wer weisz was vor ein schöner sonnenschein auf das ungewitter folgen wird. Weise com. pr. 221. — ähnlich im nhd. fort, weg sein, nur noch etwas sinnlicher:
weg ist alles, was du liebtest,
weg warum du dich betrübtest,
weg dein fleisz und deine ruh'.
Göthe 1, 77;
der schnee ist fort.
232.
namentlich in vulgärer redeweise, z. b. nd. sprichwörtlich tröste got, wat wæge is; in Hildesheim gottlow, dat du (der furz) wêge bist! segt bûmesters sîn' (sohn). Höfer wie das volk spricht 1312. — ferner vorbei, vorüber sein (zeitlich):
da ist's vorbei!
Göthe 41, 322 (s. 2, c);
die tage sind gezählt, vorüber bald
ist alles, was das leben einst versüszt.
Storm ged. 181.
d)
mit präpositionen: er freuet sich, dasz der vater wieder hinaus auf das land, an seine arbeit ist. Lessing 7, 437 (dramat. 98); Görge ist auf's feld, und Röse zu ihm. Göthe 14, 265; Lotte fragte nach seiner tochter: es hiesz, sie sey mit herrn Schmidt auf die wiese hinaus zu den arbeitern. 16, 43. — was macht ihr gemahl? postmeisterin. weisz gott. er ist in die weite welt. 10, 138 (Stella 1); sie haben die gewohnheit, wenn ihre männer auf's fischen in's meer sind, sich an's ufer zu setzen. 27, 132; wir waren ungefähr funfzig schritte in den dampf hinein, als er so stark wurde dasz ich kaum meine schuhe sehen konnte. 28, 22;
er ist schon lang' mit einem fremden schiffe
in alle welt, und lebt vielleicht nicht mehr.
10, 215 (Claudine 1);
jetzt ist er hinaus in die weite welt,
hat keinen abschied genommen.
Scheffel trompeter 241.
so auch: also rühmte sich Pythagoras: seine seele wäre anfänglich in einen pfauen gewest, hernach in Euphorbus, von dar in Homerus .. gefahren. Lohenstein Arm. 1, 667ᵃ;
nû wol ûf, stolziu magedîn! der meie ist in diu lant.
Neidhart v. Reuental 18, 9;
anders wære ir beider hende ein ander in daʒ hâr.
39, 25.
mein vater war ein kaufmann, ist nach Amerika, ist todt. Göthe 10, 136 (Stella 1); ist Lerse nach Georgen? 8, 162 (Götz v. Berl. 5); wir vermutheten, dasz er nach Deutschland sey. 20, 282; und ihnen soll ich sagen, er sey nach Mirmolo. 57, 197. — über: inindiu uuas Phoebus ioh hina uber dia luft. (interea tractus aereos iam Phoebus exierat.) Notker 1, 722, 22 Piper (Mart. Cap. 1, 23). so besonders in der häufigen verbindung er ist über alle berge, weit fort, nicht mehr sichtbar und erreichbar: denn sie fürchten sich, und weren lieber uber alle berg gewesen. Luther 4, 492ᵇ. —vor:
dô wæren die dâr inne   vil gerne für den sal.
Nib. 1910, 3;
wären wir nur erst den berg vorbei!
Göthe 12, 244. —
zu: ich weri gären zum bischoff gsin, was aber vergäben. Th. Platter s. 85 Boos; er ist zum bischof um lebewohl zu sagen. Göthe 8, 63 (Götz 2); habe ich es euch nicht gesagt, dasz sie das haus verschlossen und zu eurer base ins weisze nonnenkloster ist? Brentano 7, 110;
ich was niwan zuo dem sê.
Wigalois 143, 18.
e)
daneben nimmt sein auch den begriff der noch dauernden, unvollendeten bewegung an, steht also nicht für 'gegangen, gekommen sein', sondern geradezu für 'gehen, kommen, fahren' u. s. w., vorwiegend, doch nicht immer, mit bezug auf die zukunft. so schon mnd. in der schiffersprache: by norden den sunde dar licht en goet confers, de nortwart wesen wil .. unde alse gy den sunt gepasset sint, wil gy wesen to Ghalwyn, so mote gy gan oestnortost. seebuch 6, 7; de oestwart wesen wil, de dar insegelen wyl, de mot by den osthuke insegelen. 5, 12; so gaet dan nortnortost bet up de Banck, wille gy oestwart wesen. 14, 2. nhd. vereinzelt (ostdeutsch?) her sein: ich streke ihnen ein summchen vor. sie sind her, und kaufen alle mögliche restchen seidenzeug. Hermes Soph. reise 6, 559. abgeblaszt, wie 'wohlan': seyd vielmehr her, hertzliebster gemahl, und rechet auff eine stunde so vieler jahr verwegenheit. Opitz Argenis 1, 527. mit präpositionen:
in quam thô in githâhti,   thaʒ man imo iʒ brâhti,
unz se ôdo wârun zi theru burg   koufen iro nôtthurft.
Otfrid 2, 14, 100;
si heten sehs kindelîn:
deste spâter muosen si sîn
nâch ir gewerfte ûf den sê.
Wigalois 137, 30;
hi seide, hi wilde te Romen sijn
ende van daen over meer.
Reinaert 3636;
mein mann wird bald
nach hause seyn
vom feld.
Göthe 2, 181.
zuweilen wird diese perfective ausdrucksweise angewendet, um die schnelligkeit einer bewegung wirkungsvoll auszudrücken. sie vollzieht sich gleichsam so rasch und plötzlich, dasz sie schon vollendet ist, wenn man sie wahrnimmt: er eilt an's fenster dem kutscher befehle zu geben; aber hinter ihm weg ist sie, wie der blitz zur stube hinaus, die treppe hinab in dem (l. den) wagen. Göthe 17, 389.
f)
so namentlich in gewissen festgeprägten redewendungen. im älteren nhd. an einen (zuweilen einem) sein, ihn angreifen: Morgant, der wol gsächen hat, wie Olliffier gfallen was, sprach, er wett in rächen, und wott an Maffredon sin (frz. aller sur). Morgant 71, 38 Bachmann; dardurch Rengnold vast zornig ward und wott an Ollifier geweszt sin (courir sur O.). 125, 29; hindennach wüst Titus selber vor grosem zorn usz dem bet, und wolt an dem ritter sein. Pauli schimpf u. ernst 221 Österley; ähnlich und noch jetzt üblich: aber er kam stracksfusz mit fäusten auff mich zu, und brummte etliche zornige wort, die, weil ich meines wissens keine hörner nie gehabt, nit verstehen, doch darausz soviel abnemen konte, dasz er mir gerne an die haut geweszt wäre. Philand. 1, 270.
g)
auch in der heutigen umgangssprache ganz üblich ist die wendung hinter einem her sein, ihm eilig nachfolgen, ihn verfolgen: massen sie auch einen von den gefangenen bauren bereits in den backofen steckten, und mit feuer hinter ihm her waren. Simpl. 1, 22, 4 Kurz; ähnlich, mit nach:
mit sîner grôʒen stangen
wær er gerne nâch der heiden her.
Wolfram v. Eschenbach Willeh. 227, 11.
adverbial: Görgen sah ich gehen; ist Röse nach? Göthe 14, 262 (bürgergen. 6).
h)
dieselben wendungen auch in übertragenem sinne, so schon mnd. darna wesen, sich um etwas mühe geben: unde begherde, dat de rad dar na were, dat em syn schip myt den guderen wedder worde. Lüb. chron. 2, 152 bei Schiller-Lübben 5, 696ᵃ. so besonders in der heutigen umgangssprache hinter etwas her, nach (auf) etwas aus sein: er ist gefährlich hinter dem gelde her, aufs verdienen aus u. ähnl.; ausseyn auf etwas, nicht in guter bedeutung, hoc ejus scopus est; darauf ist er aus, hoc est quod petit; ausseyn, nach etw. id. Frisch 2, 266ᶜ.
i)
manchmal geht der begriff der äuszern ortsbewegung in einen andern über, so z. b. in folgender stelle, wo man zur vervollständigung ein part. gewachsen ergänzen müszte:
und nun sind die gewächse (kinder)
fast all' uns übern kopf.
Göthe 1, 127.
so besonders zu etwas sein, in einen zustand gelangt sein u. ähnl.:
die an disem gelouben sint
und hehaltent kristen ê,
die sint ze gnâden iemer mê.
Wigalois 209, 20;
sie (die gestorbenen) sind vom sehen nun zum schaun!
Gökingk 3, 212.
ferner, zu etwas geworden sein:
so seyd ihr götterbilder auch zu staub!
Göthe 9, 39 (Iphig. 2, 2);
du bist der liebe schon zum raube
und bist dir kaum des worts bewuszt.
Storm ged. 29.
13)
eine weitere gruppe für sich bilden die ausdrücke für ein besitz- oder eigenthumsverhältnis. hier verwendet die deutsche sprache den genitiv und den dativ. ich stelle letzteren voran.
a)
den zuerst behandelten verwendungen steht am nächsten die reine subjects-construction mir ist etwas, es ist für mich da, vorhanden = ich habe etwas, vgl. Grimm gramm. 4, 703. diese nicht gerade häufige fügung entspricht genau der lat. mihi est und ist wol dadurch beeinfluszt, vgl. die ahd. übersetzungen: in thie burg Galilee̜, thero namo ist (cui nomen) Nazareth. Tat. 6, 1; thero uuas suester (huic erat soror) namen Maria. 63, 2. im nhd. ist sie eine lieblingswendung Grillparzers:
ist dir der stoff erst, der sie nährt,
fällt glut vom himmel auf den herd,
und lodert ohne rast.
⁵1, 208;
weiland Alexander dem groszen
war unter des hauses genossen
ein arzt von hoher kunst.
2, 217;
sind uns nicht waffen und kraft und arme?
5, 36 (Argon. 1);
noch ist mir meines vaters helm und schwert,
und tod dräut jedem, der sich widersetzt!
7, 80 (des meeres u. der liebe wellen 4).
b)
weniger fremd, doch kaum in der umgangssprache anwendbar ist die fügung, wenn eine locale bestimmung hinzutritt, so häufig bei Göthe (deutlich unter einflusz der antike):
gutes mädchen, mir hat die mutter nicht leinwand alleine
auf den wagen gegeben, damit ich den nackten bekleide,
sondern sie fügte dazu noch speis' und manches getränke,
und es ist mir genug davon im kasten des wagens.
40, 247 (Herm. u. Dor. 2);
wahrlich, dem ist kein herz im ehernen busen, der jetzo
nicht die noth der menschen, der umgetriebnen empfindet;
dem ist kein sinn in dem haupte, der nicht um sein eigenes wohl sich
und um des vaterlands wohl in diesen tagen bekümmert.
267 (4);
wäre mir jetzt nur geld in der tasche, so solltet ihr's haben.
299 (6).
ferner:
wollt ihr wieder
zurückekehren hier in diese stadt,
so sei euch, herzog, nach mir dieser thron.
Tieck 1, 238.
vgl. auch:
wo du mir bist, bin ich zu haus.
Storm ged. 127.
c)
sonst besonders abstracter: im ganzen war ihm das glück, als genosse einer, nach der höchsten bildung strebenden zeit, das würdige zu kennen und zu nutzen. Göthe 35, 345. so häufig in der sprache der bibelübersetzung: einerley gesetz sey dem einheimischen, und dem frembdlingen der unter euch wonet. 2 Mos. 12, 49; und dem herrn sol ein name und ewiges zeichen sein, das nicht ausgerottet werde. Jes. 55, 13. — so auch von der bedeutung 4, d ausgehend: ehre sey gott in der höhe, und friede auff erden, und den menschen ein wolgefallen. Luc. 2, 14;
iu scal sîn fon gote heil,   nales forahta nihein.
Otfrid 1, 12, 8.
wie man hier leicht ein part. gethan, erwiesen oder ähnl. hinzudenkt, so verlangt der ausdruck dir sei trotz die ergänzung von geboten:
sei seinem genosz ain truz.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 173, 24;
ich hab gut macht, und sey euch trutz
zu berathschlagen gmeinen nutz.
H. Sachs 2, 1, 29ᵃ.
weitere abstracte ausdrücke, wie mir ist not, zorn u. and. s. 6, eg. ähnlich noch:
darumb, Maria, raine maidt,
sol dir nit sein als grosses laydt.
tirol. passionssp. s. 149, 2355.
d)
andrerseits steht sein mit dativ in prädicativer fügung, um einen genannten oder bekannten gegenstand einem bestimmten eigenthümer zuzuweisen. die redeweise ist häufig belegt in der älteren litteratur, später in poetischer rede und in oberdeutschen mundarten, z. b. schweiz.: 's isch im vatter. Seiler 268ᵇ. die gewöhnliche umgangssprache sagt dafür gehören. beispiele: item wer dem andern sein holz abschlecht ân urlaub, der ist dem das holz ist als oft für ainen stamb V [[undefined:poundsign]] X D. verfallen. steir. teid. 31, 12; der man sprach, wem ist das ander kind das da lauft. Pauli schimpf u. ernst 101 Österley; o, was wirt der morgen sagen, dem der wagen ist, wenn er ihn suchet und nicht findet? Kirchhof wendunm. 1, 225 Österley (1, 186); vogel sind das deine hembden? Mummel-Märten. wem werden sie sonst seyn? graf Ehrenfried 109; jezt ist er ihnen! jezt Milady nehmen sie ihn hin! Schiller 3, 467 (kab. u. l. 4, 7);
ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! ...
ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen.
Göthe 9, 149 (Tasso 2, 2);
dir allein
ist und wird mein leben seyn.
11, 9 (Jer. u. Bät.);
all' dies gebiet, von dem zu jenem strich, ...
beherrsche du: dir und Albaniens stamm
sey dies auf ewig.
Shakesp. könig Lear 1, 1;
ach gott, was ist das haus so klein!
wem mag das elende winzige häuschen sein?
Grimm märchen s. 203
(dafür oben:
wem gehört die schöne grüne wiese?
sie gehört dem könig Drosselbart).
s. auch 14, g. mit auslassung von sein (s. 39, a): wem soll das, was ich in meiner hand habe? Musäus volksm. 3, 77 Hempel.
e)
abstracter, mit leichter verschiebung des sinnes, zufallen, zu theil werden:
und müsztest du im kampf auch enden,
so wird's ein anderer vollenden,
und dem der lorbeer sein.
H. v. Kleist an Franz I,
wo allerdings die handschr. dein liest, s. die ausg. v. Zolling 1, s. 44. — zustehen, zukommen:
dem schicksal ist es, nicht den göttern,
zu schenken das leben und zu nehmen.
Göthe 33, 251.
so auch:
wenn's die schüler breit verkünd'gen,
nach es ahmen in geduld,
ihnen ist, nicht uns die schuld.
Grillparzer⁵ 1, 155.
f)
andere, weiter abliegende bedeutungen von sein mit dativ s. 8, a. b. hier sei auch die wol nur dem lat. nachgebildete phrase was ist mir und dir erwähnt: ir sün Sarie, was ist es mir und euch? laszt jn das er fluch! bibel v. 1483 150ᵃ (2 Sam. 16, 10: quid mihi et vobis est? Luther: was hab ich mit euch zu schaffen?). — im ahd. steht hier neben dem dat. auch der acc., s. Grimm gramm. 4, 702 f.: uuaʒ ist uns inti thir, Heilant? Tat. 53, 6 (quid nobis et tibi, Jhesu?); uuaʒ ist thih thes inti mih, uuîb (quid tibi et mihi est mulier)? 45, 2. dagegen im got. der dativ: hwa mis jah þus, Jesu? Luc. 8, 28.
14,
a)
häufiger und dem geiste der deutschen sprache gemäszer ist im allgemeinen in allen diesen fällen der genitiv, vgl. dazu Grimm gramm. 4, 652—4. 961. doch findet er sich nur ganz vereinzelt, und auch hier vielleicht anders zu verstehen, in der 13, a entsprechenden construction: ein beygürtel sey unser aller. 4. bibelübers. spr. 1, 14 bei Kehrein 1, s. 280 (Luther: es sol unser aller ein beutel sein).
b)
sonst fügt er stets zu einem genannten subject ein prädicat hinzu, entsprechend also der fügung 13, d. so besonders und sehr gewöhnlich im mhd. und älteren nhd.:
ther loʒ, ther rihtit unsih al,   welîches sin wesan scal.
Otfrid 4, 28, 12;
wes sint die bürge   und daʒ hêrlîche lant?
Nibel. 372, 4;
sus erbet er, dô er genas,
daʒ ê des forehtieres was.
Lanz. 1248;
Jhesus zuch usz die kleider din!
die sollen disser ritter sin.
Alsf. passionssp. 5591;
nu hebe an, geselle min,
wes der rock solle sinn.
5699;
item es ist ein gesatz, das der baum des ist, in das ertereich da er gewurtzlet hat, nit des, in des gartten er sich hencket. Keisersberg narrensch. 45ᵇ; das die schuͦler derfften gens und enten, ouch andre essige spysz rouben und detten man eim nütz drum, wen man dem entrunne, dessen ein ding gsin weri. Platter s. 16 Boos; der schiffman lachet und des der win was. 43; auff das du innen werdest, das die erde des herrn sey. 2 Mos. 9, 29.
c)
auch heute ist die ausdrucksweise in gehobener rede noch üblich, dagegen kaum mehr in der umgangssprache. am ehesten würde man noch fragesätze, wie wessen ist dies buch? gebrauchen, doch ist auch hier die sonst herrschende ausdrucksweise mit gehören (wem gehört das buch?) beliebter. beides neben einander: disen verstant es auch hat mit gemainem markt Fronleüten deme das lantgericht vom Hakbächl nach der landstrassen bis zum Donnerstein zuegehört; der purkfrit aber ist daselbst obbeschribner massen allein der herrschaft Pfannberg. steir. teid. 337, 29;
wie man genieszt der sonne goldnes licht,
das niemands ist und allen doch gehört.
Grillparzer⁴ 7, 66 (weh dem der lügt! 3).
die hier versuchte unterscheidung hat im sprachgefühl keinen grund.
d)
für den gen. der personalpronomina tritt dasdamit im stamme ja identischepossessivpronomen ein: zuͦ letst wil ich das din gemüt myn sy, wann ich bin das din. Terent. (1499) 42ᵃ; alles was seine mutter am ersten bricht, ist mein. 2 Mos. 34, 19;
dirre kleine hunt ist mîn.
Wigalois 61, 20;
die geliebte müllerin ist mein!
W. Müller ged. 1, 28.
diese verbindung ist (im gegensatze zum gen. poss.) auch heute noch durchaus geläufig und in uneingeschränktem gebrauche. in der umgangssprache, und besonders mundartlich wird das possessiv gern um ein unorganisches -e (der schwachen flexion?) am ende verlängert: das ist meine u. ä. s. die belege aus Weise unter i. r, und Eichendorff unter m.eine eigenthümlichkeit der niedern umgangssprache und mundartlichen redeweise, die zuweilen auch in die litteratur eingedrungen ist, ist die vermischung der beiden gleichbedeutenden ausdrucksweisen dieses ding ist mein und gehört mir, derart, dasz nun gehören mit dem possessivpron. verbunden wird: es gehört mein, s.gehören 4, e (th. 4, 1, 2508 f.), z. b.:
nun hab' ich mein sach auf nichts gestellt, ...
und mein gehört die ganze welt.
Göthe 1, 147.
e)
die gleichartigkeit des possessivpron. mit dem unter b behandelten gen. erhellt besonders deutlich, wenn beide unmittelbar neben einander stehen: was wir künfftig haben sollen, das ist der eltern, und ist nicht unser. Weise com. prob. 295;
das rosz ist des königs, der reiter ist mein.
Erk-Böhme liederh. 2, s. 792.
so auch in mîn selbes, unser aller u. dergl. s. a und l.
f)
ebenso kann das possessiv aber auch mit dem dativ zusammengestellt werden: der alte .. zeigte ihm in einem keller drei kasten voll gold. 'davon', sprach er, 'ist ein theil den armen, der andere dem könig, der dritte dein'. Grimm märchen²² s. 19 (nr. 4);
was ich in that und wahrheit bin, ist dein
und meinem armen land!
Schiller 13, 121 (Macb. 4, 6).
vergl. ferner h.
g)
bei ihr ist in der regel nicht bestimmt zu entscheiden, ob der dativ des persönlichen, oder das possessive pron. vorliegt: also ist die grosze welt beschlossen, das nichts von ihr hinaus gang, sondern in ihr bleib, das ihr ist. Paracelsus (1589) 1, 190; — man darf das letztere annehmen, wenn ein gen. oder ein anderes possessiv daneben steht:
die schuld ist ihr (der seele) und nicht des leibes welcher rufft.
Opitz 4, 372;
ich bin jetz jhr, und sie ist mein.
Weckherlin ged. 339.
h)
als verstärkung kann in beiden fällen eigen hinzutreten, ohne den sinn oder die construction zu ändern: asni inti ther nist hirti, thes thiu scâf eiganiu ni sint. Tat. 133, 11; der löner des die schaff nit sind eygen. 4. bibelübers. Joh. 10, 12 bei Kehrein gr. 3, § 178;
sus sêrdy uns, eft wij ju eigen syn.
Theoph. 573;
wolt eur herr mich zu eigen han,
so zeiget eurem herren an,
verleiht mir gott das leben mein,
so musz er selbst mein eigen sein.
Ayrer 1005, 8 Keller.
vgl. dazu:
mein eige soll sie sein,
kein'm andre mehr als mein.
Erk-Böhme liederh. 2, nr. 558, 3.
zur erklärung dieses dativs ist zu verweisen auf die verbindungen des dativs mit dem possessivpronomen, die in vielen deutschen mundarten (z. b. österr., nd. u. s. w.) an stelle des genitivs getreten sind (dem vater sein rock = des vaters rock). — daher auch die ganz ungewöhnliche zusammenstellung:
du sollt kein stück
von meinen ziegen nehmen.
sie sind mir mein!
Göthe 33, 255.
i)
zuweilen zeigen sich besonderheiten der bedeutung. so sagt man ein ding ist jemandes auch, wenn dieser noch nicht im besitze ist, aber gegründeten anspruch darauf hat, also 'es kommt ihm zu, gebührt ihm': da sprach Jesus zu jr: darumb gebt dem keiser die ding, die da sind des keisers und gott die ding, die da sind gots. bibel v. 1483 480ᵇ (Matth. 22, 21); ähnlich:
daʒ lop ist der guoten wîbe al eine.
Ulrich v. Liechtenstein 417, 13.
vgl. auch die stellen unter f. ferner: wenn er (Esau) einen hirsch siehet, der ist seine (ist ihm verfallen, es ist so gut, als wenn er ihn schon hätte). Weise com. pr. 9. — folgende wendung ist wol nur dem lateinischen nachgebildet: etwas vor der zeit thun, ist (sache) unweiser leute. Wicel bei Kehrein gr. 3 § 178.
k)
in verschiedenem sinne sagt man von einem menschen, dasz er jemandes (eigen) sei, zunächst in bezug auf den herrn, im strengsten sinne vom sklaven oder 'leibeigenen':
dem wolde ik geven myn lyf to kope,
so dat ik syn eigen were,
ik wolde syn knecht syn, hei myn here.
Theoph. 462.
so auch: die juden wasen der stat. d. städtechron. 5, 13, 8. vom dienstmann, vasallen:
swer ie sô grôʒe nôt erleit
durch frouwen, dem erteile ich, daʒ
er si habe mit flîʒe baʒ
dan einer, der dâ heime lît
unz man im eine frouwen gît
der eigen er wol möhte sîn.
Wigalois 243, 29.
vom unterthanen: die meines herren sind. steir. teid. 49, 2; item was von freileiten under dem gotzhaus sind geborn, die sol ain jeder brobst und amptmann versprechen des ersten daz seu des egenanten gotzhaus sein. 269, 5. allgemein zum ausdruck der abhängigkeit, so in höflicher rede:
hêrre, ich selbe und al mîn habe ...
ist iwer, sult ir hie genesn.
wes möht ich pillîcher wesn?
Parz. 564, 22.
so zuweilen zusammengestellt: wer oder wes der wär. steir. teid. 65, 41;
vornehmlich eine — grille, wenn ihr wollt,
ist ihr sehr werth. es sey ihr tempelherr
kein irdischer und keines irdischen.
Lessing 2, 197 (Nathan 1, 1).
l)
daher sagt man zur bezeichnung der unabhängigkeit und freiheit sein (selbst) sein, vgl. auch Eckhart unter o: dy (Elsässer) gebrauchen sich keyserlicher recht, seind gern yr selbs, freigäbig (besser nach einer andern ausgabe: freyliebig), die nit tyrannei leiden mögen, auch deren nit gwont, sunderlich die stätt, deren vil jr selbs seind. Franck weltb. 63ᵇ;
ich han gedicht im rate
bi den zwei und driszig jaren
dasz uns wol mag widerfaren,
dasz wir unser selbes sin
('dasz wir die städtische autonomie erringen'). Liliencron hist. volksl. 1, nr. 40, 79, vgl. v. 304. 498;
wie wann die nachtigal, vom keficht auszgerissen,
hin in die lüfften kömpt, und an den kalten flüssen
mit singen lustig ist, umb dasz sie losz und frey
von ihrer dienstbarkeit, und nun ihr selber sey.
Opitz 1, 128;
dir aber liebet nicht das unbefreyte freyen,
und deiner selbst zu seyn, wilstu dich nicht verzeihen.
Logau 1, 191;
abgeblaszter:
vorbei der tag! nun laszt mich unverstellt
genieszen dieser stunde vollen frieden!
nun sind wir unser; von der frechen welt
hat endlich uns die heilige nacht geschieden.
Storm ged. 56.
m)
als eine art lehensverhältnis (k) wird im mittelalter auch der minnedienst aufgefaszt:
sie ist über mînen lîp
frouwe und al des herzen mîn,
sie vil wunderwerdeʒ wîp:
nû wes sold ich ie gerner sîn?
Ulrich v. Liechtenstein 58, 22.
aber auch sonst, und in einem volleren und tieferen sinne, als ausdruck der liebe: mein freund ist mein, und ich bin sein. hohel. 2, 16;
dû bist mîn, ich bin dîn.
minnes. frühl. 3, 1;
sie aber war inn liebesbrunst
gegen jhm also hart verwundt,
dasz sie täglich zu aller stundt
nur kurtzumb wolt sein eygen sein.
Ayrer 871, 12 Keller;
unmäszig liebt' ich sie, ganz war ich ihr.
Göthe 7, 302 (Tancr. 4, 2);
und die nachtigallen schlagen's:
sie ist deine, sie ist dein!
Eichendorff² 1, 501.
letztere wendung ganz gleichbedeutend mit 'sie liebt dich'. vgl. auch die stellen aus Weckherlin u. W. Müller unter g bez. d.
n)
die wendung bezeichnet ferner das verhältnis der ehefrau zum gatten: in thero urrestî uuelîches iro ist thiu quena? allê habêtun sie sia. Tat. 127, 2; ich kann nicht beten: lasz mir sie! und doch kommt sie mir oft als die meine vor. ich kann nicht beten: gib mir sie! denn sie ist eines andern. Göthe 16, 133;
ich bin nicht grausam. frei nur will ich leben;
blosz keines andern will ich sein.
Schiller 13, 384 (Turandot 2, 4).
selten umgekehrt: du bist lang dein selbst und frey gewesen. nu bystu deines weybes. Albr. v. Eybe ob ainem manne sei zu nemen etc. 8ᵃ. von weibern in anderm sinne:
weiber, die die brüste blössen, sind von oben aller leute,
das was unten bleibt den männern (mancher zweiffelt) zu der beute.
Logau 3, 158, 21.
o)
ferner sind menschen und dinge (eigenthum) gottes: darumb, wir leben oder sterben, so sind wir des herrn. Röm. 14, 8; als der löwe diese vom bären berichtete geschichte vernommen, sprach er: .. wir sind fürwahr gottes. Dieterici streit zwischen mensch u. thier (1858) 58;
gottes ist der orient!
gottes ist der occident!
Göthe 5, 8.
vgl.: dô ich stuont in mîner êrsten ursache, dô enhâte ich keinen got und was ich mîn selbes. Eckhart 281, 21. — in prägnantem sinne von dem, was gott geweiht wird: alles was seine mutter am ersten bricht, ist mein. 2 Mos. 34, 19;
wanta was iʒ thegankind,   thes wîbes êrista kind,
... iʒ was gotes suntar.
Otfrid 1, 14, 22;
ein volk hast du vom fall erlöst, o Mars! ...
und willst dafür die jugend eines jahrs:
nimm sie! sie ist dir heilig, sie ist dein.
Uhland ged. 381.
so auch von einem mädchen, das sich dem tode geweiht hat: Lysandra. rette sie! dein ist die braut! Hermione. der götter bin ich! Klinger 2, 143.
p)
entsprechend des teufels sein, zunächst im vollen sinne von einem, der sich ihm verschrieben hat:
de breif sal also wesen,
al dei en sein efte lesen,
den salstu bekennen unde gein ...,
dat Theophilus des duvels sy.
Theoph. 614;
dusse breif bedudet so vele,
dat myn lyf und ôk myn sele
des duvels ewich wesen sol!
770.
daher dann in verwünschungen und beteuerungen: oder ich sey des teuffels, wa ich nicht meh dann sechs monat einmal freye tafel daselbst hielt. Garg. 242ᵇ; bisz endlich der kerl hoch und teuer schwur .., er wolte desz teuffels seyn, wann er etwas ferners thun .. wolte. Simpl. schriften 3, 347, 4 Kurz; aun, jetz bischtus tuiffels, desz tuiffels. 8;
doktor, sind sie des teufels?
H. Heine 1, 177 Elster (Nordsee 1, 10);
bist du des teufels, Ratcliff?
ich sehe nichts.
2, 329.
allmählich ganz verblaszt und formelhaft geworden, wie verflucht, verdammt: das wäre des teufels! und ähnl. dafür euphemistisch: 'das wäre des guckgucks!' rief der müller. Grimm märchen s. 264 (nr. 61). auch des hunds sein? (vgl. hund 12, theil 4, 2, 1916): ein läre tasch, und schneiderzech, ist hunds. Garg. 49ᵇ.
q)
ähnlich des todes sein, dem tode verfallen sein, sterben müssen:
dô dâhte Hagne   'du muost des tôdes wesen.
dich envride der tievel,   dune kanst niht genesen'.
Nibel. 1988, 1;
sin kunst vil manegen valte
der .. des tôdes muoste wesen
von der swerte krefte.
Biterolf 142;
bey welchem er funden wird unter deinen knechten, der sey des tods. 1 Mos. 44, 9. als beteuerung: ich will des todes sein, wenn wir nicht bey jedem tritt auf ein paar tausend gespenster, drachen und stachelschweine stoszen. Wieland 11, 129 (don Sylvio 1, 2, 4); wenn ich dich nur über einem gedanken an meine geliebte ertappe, so bist du des todes! 196 (1, 3, 4); gnädiger herr, antwortete Pedrillo, ich will gleich des todes seyn, wenn ich weisz was ich sagen soll. 355 (1, 4, 6). — vereinzelt auch von jemand, der einem mörder als beute verfällt: da legte ich mich hinter die sträucher, und wenn er kommen wäre, so hätte er müssen meine seyn. Weise comöd. pr. 178.
r)
ein possessivverhältnis liegt wol auch in folgender freiern verwendung zu grunde: sprache zu ir Lucretia (Tarquinius?): du must meins willen sein oder ich wil dein man töten. Albr. v. Eybe ob ainem manne sei zu nemen etc. 14ᵇ; mit dem nötet Tarquinius Lucreciam und thet ir gewalt daz sie seines willen sein must. ebenda. (dafür jetzt einem zu willen sein, s. 25, n, δ.)
s)
ungewisz ist, ob man auch das mhd. sîn mit gen. 'betreffen' hierher ziehen darf (vgl. dazu 25, r, ζ), z. b.:
ich bin noch ungeveiget,
swaʒ des næhsten jâres ist.
Ottokar reimchron. 5767.
15)
die 'copula' sein dient dazu, ein nicht verbales prädicat einem subjecte beizufügen. dieses prädicat kann zunächst ein substantiv sein. die gewöhnliche bedeutung dieser construction ist, ein einzelwesen in eine classe von dingen einzureihen: mein vater ist (ein) kaufmann. es sind zunächst zwei fälle zu unterscheiden.
a)
das prädicat ist nicht determiniert; hier hat die sprache zwei ausdrucksweisen.
α)
in dem vollen angegebenen sinne hat das substantiv meistens den unbestimmten artikel: ein kriegsmann seyn und dem krieg nach gon, militiam colere. Maaler 371ᵈ; sey ein frembdling in diesem lande, und ich wil mit dir sein. 1 Mos. 26, 3; die Wurster waren ein wildes seeräubervolk. Allmers marschenbuch 227;
darnâch gan ich im harte wol,
daʒ er ein mûrære wese.
Stricker Amis 1969;
daʒ er ein gut geselle si
gewest.
Ludwigs kreuzfahrt 2631;
bis ain ursprunk guͦter sach.
Suchenwirt 38, 289;
dasz ihr ein mann von treu und ehre seyd.
Shakesp. Hamlet 2, 2;
ist denn lieben ein verbrechen?
lied von 1810, s. Büchmann¹² 171.
es macht keinen unterschied, ob ein adjectiv oder genitiv hinzutritt. veraltet ist jedoch die stellung:
ihr wäret der miliz ein schänder.
Tieck 1, 191.
β)
ein besonderer fall ist es, wenn ein eigenname als gattungsbegriff gebraucht wird, gewöhnlich in wendungen, wie: er ist ein zweiter Schiller u. dgl. (entsprechend determiniert: Tschechow ist der russische Maupassant), auch: er ist an körperkraft ein (wahrer) Hercules, vgl. dazu 17, a. so z. b.:
wie mancher auf der geige fiedelt,
meint er, er habe sich angesiedelt ...
und glaubt auf seiner violin
ein andrer, dritter Orpheus zu syn.
Göthe 4, 359.
vgl. auch:
mich duncket wol an diner complex,
das du nit syest der dultig Job.
Herm. v. Sachsenheim mörin v. 265
γ)
mit der negation verschmilzt ein gewöhnlich zu kein:
ich bin kein teuffel ausz der hel,
sonder bin gleych wie du ein seel.
H, Sachs 3, 2, 62ᵇ;
ich lasz nicht die kindlein, wie Pharao,
ersäufen im Nilstromwasser;
ich bin auch kein Herodestyrann,
kein kinderabschlachtenlasser.
H. Heine 2, 208 Elster (die audienz);
ich bin kein froher, freud'ger buhle.
Herwegh ged. eines lebend.¹⁰ 8.
so in festen redewendungen, wie:
das, dummer junge, ist kein spasz, ein krieg
hat mehr wohl zu bedeuten.
Tieck 1, 239.
b)
die zweite weise ist das substantiv ohne artikel. über den unterschied beider hat die syntax zu handeln.
α)
selbstverständlich fehlt der artikel immer beim plural: seintemmal der mehrertheil diser seelen, welche die todten beschwerer vermeinen durch opffer herfür zu ziehen, nichts anders dann teuffel seind. Fischart Bodin 93ᵇ;
ihr menschenkinder,
geht, seid und bleibet sünder.
P. Gerhardt nr. 6, 10 Gödeke.
gewöhnlich ferner bei abstracten:
ist diesz schon tollheit, hat es doch methode.
Shakesp. Hamlet 2, 2.
ferner bei angaben der lebensstellung: er ist kaufmann, soldat u. ähnl., vgl. sy öpis, vitae institutum amplecti. Schmidts idiot. Bern. bei Frommann 4, 17ᵇ; burgermeister seyn, das burgermeister ampt verwalten oder versaͤhen, consulem gerere. Maaler 371ᵈ.
β)
mit adjectiv: massen denn die edlen psalmen .. und .. das buch Hiob poetische werke seyn. Hofmannswaldau übersetzungen (1704) vorr. a 2ᵇ;
du wis nicht valsch getzeuge
gen frawen noch gen mannen.
Suchenwirt 39, 156;
o wohl dem hochbeglückten haus,
wo das ist kleine gabe!
Göthe 1, 179.
γ)
im allgemeinen kann man sagen, dasz die nominale natur des substantivs weniger hervortritt, wenn der artikel fehlt. daher ist dies der fall besonders in formelhaften verbindungen, wo sein mit dem subst. zu einem begriffe zusammenschmilzt und meistens auch durch ein verbum ersetzt werden könnte, z. b. herr sein = herrschen, regieren, vgl. Grimm gramm. 4, 409: auff das alle königreiche auff erden erfaren, das du herr seiest alleine. Jes. 37, 20;
welich sun daz holtz gepiegen mag,
der schol herre wesen
über lewt und über lant.
Suchenwirt 34, 48;
ferner: der gott Abraham, und der gott Nahor, und der gott jrer veter sey richter (richte, entscheide) zwischen uns. 1 Mos. 31, 53;
ist zwîvel herzen nâchgebûr.
Parz. 1, 1.
oft erscheint ein solches substantiv ganz gleichwertig mit einem adjectiv, z. b.:
mein frommer könig. vor dir knie ich nieder,
weil das einmal gebräuchlich ist und mode.
Tieck 1, 245.
δ)
wie innig diese verbindung ist, zeigt sich besonders darin, dasz zuweilen dabei die übereinstimmung des substantivs mit dem subject in der zahlform vernachlässigt wird, z. b.:
maint ir nicht, in der stat vil mender
hetten langst nach dem pachen gschnapt,
wen sie nur zewgen hetten ghapt,
das sie wern herr in irem haus?
H. Sachs fastn. sp. 1, 149 neudr.;
dagegen:
last nur die groben pawren faren,
weil sie nicht hern in hewsern waren!
159.
ε)
ferner, dasz an stelle des adjectivs manchmal ein adverb hinzutritt (vgl. unter f):
er sei recht meinster, der mich eff,
und ich in nit hinwider treff.
fastn. sp. 791, 31.
c)
die determination erfolgt gewöhnlich durch einen genitiv oder einen gleichwertigen präpositionalen ausdruck. steht dieser nach dem subst., so erhält dieses in der regel den bestimmten artikel: sie ist der inhalt, die seele meiner gedichte. Schiller parasit 1, 1. doch kann dieser fehlen in verbindungen von der unter b, γ angegebenen art: Alexander der grosze war könig von Macedonien;
so must jr an uns legen händt,
als die an dem krieg ursach send.
Ayrer 104, 9 Keller;
seid ihr der herr von dieser schenke?
Tieck 1, 190.
steht der genitiv voran, so musz nach deutscher syntax der artikel fehlen: und die himel sind deiner hende werck. ps. 102, 26; ir (von ihnen) send ain tail des kaisers diener gewesen und hand im gedient. d. städtechron. 5, 115, 30; wann jr seidt auch eines küniges sune. Pontus b 3ᵇ;
sin würdige muͦter Marien,
die künsche fürbitterin,
sant Fridli und sant Hilarien
sind der Glarnern nothelfer gsin.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 36, 23;
Rom glaubt: sie sey gewest nur Cæsars kurtzweilspiel.
Lohenstein Cleop. s. 26 (1, 913).
die ältere sprache setzt jedoch vereinzelt auch in diesem falle den artikel:
er ist deins volcks Israels
der preis, ehr, frewd und wonne.
Luther 8, 359ᵃ.
d)
dem genitiv gleichwertig ist auch das possessivpronomen: also dasz ich dein gott sey. 1 Mos. 17, 7; denn auff dich harren wir, sey jr arm früe, dazu unser heil zur zeit des trübsals. Jes. 33, 2; dasz die von Lucern und Zug sich bekennind, dasz die fürsten von Oesterrich jr rechte herrschafft sige. Tschudi 2, 543ᵇ;
gros macht und viel list
sein grawsam rüstung ist.
Luther 8, 364ᵇ.
mit emphase:
es ist mein kind, es bleibt mein kind.
Göthe 1, 204.
das possessiv bezeichnet gewöhnlich ein bleibendes verhältnis, daneben auch ein vorübergehendes, auf einen einzelnen fall eingeschränktes, z. b.: willst du heute abend mein gast sein? so: węs myn wert, ik sy dyn gast. Tunnicius 1045. etwas ungewöhnlicher dagegen ist heute diese ausdrucksweise mit einem nomen agentis, so z. b. wenn es heiszt:
nû müeʒt ir mîn rihtære sîn.
Iwein 1954;
Johannes liebe nebe minn,
min teuffer saltu hude sinn.
Alsf. passionssp. 511,
für: du sollst mich heute taufen. zwar sagen auch wir: du bist mein retter = du hast mich (einmal) gerettet, doch spielt dabei immer der gedanke an das durch die rettung gestiftete dauernde dankbarkeitsverhältnis herein.als besonderheit des mittelalterlichen sprachgebrauches sei noch erwähnt, dasz in der rechtssprache mîn diep nicht, wie jetzt, 'der dieb, der mich bestohlen hat' bedeutet, sondern auch 'den ich für einen dieb halte, erkläre, der mir für diebstahl haftet', vgl. Burdach Reinmar der alte s. 141 f.: den he des bereden wil, dat he sîn morder sîn dîf sîn rovere sîn woldenêre sî, unde den he in der hanthaften dât begrepen hât. richtsteig 37, 1; so auch dichterisch:
er muoʒ sîn iemer sîn mîn diep.
Walther v. d. Vogelweide 112, 1;
vgl. auch:
swer daʒ guot niht geben wil
durch den der im gît sô vil,
der ist sîn diep.
d. welsche gast 11755, u. d. folg.
etwas ähnliches kennt noch das nhd. bei narr, z. b.: meinst du, dasz ich lust habe dein narr zu sein (mich von dir zum narren halten zu lassen)? u. dergl.: bey mir wäre es kein unterscheid, ob mich einer einen bärenheuter hiesse, oder ob er mich ihr gnaden titulirte, wenn ich einmahl wie das andere solte sein narre seyn. Weise comöd. pr. 253.
e)
als substantiv können natürlich auch in dieser stellung andere wortclassen behandelt werden, zunächst adjectiva. diese bekommen meist durch die substantivierung einen bestimmteren, nachdrücklicheren oder prägnanteren sinn, wozu ja schon der gebrauch des artikels beiträgt. vgl. z. b.: ich bin der schuldige (derjenigeder eine —, der in diesem falle die schuld trägt) mit: ich bin schuldig. so auch, wenn ein mädchen zu einem burschen sagt: ach, geh, du bist (mir) ein schlimmer! hier würde das einfache schlimm den sinn nicht deutlich hervortreten lassen (vgl. 20, c. d). den gleichen wert hat es, wenn zum adjectiv ein substantiv allgemeiner bedeutung hinzutritt, wie mensch, mann, ding, sache, z. b. er ist ein braver mann; es ist ein gut ding (= etwas gutes):
es ist ein wundervolles ding, dasz selbst
der alte mann so kühn geworden.
Tieck 1, 360.
letzteres in der älteren sprache auch ohne artikel: aber einen stand draus zu machen, der besser sey, weder der gemein christenstand, das ist verkehret ding. Luther 5, 131ᵇ. — seltener werden natürlich andere wortarten substantivisch gebraucht:
ouch was sîn wille der frouwen jâ.
Wigalois 242, 9.
vgl.: denn alle gottes verheissung sind ja in jm, und sind amen in jm. 2 Cor. 1, 20.
f)
umgekehrt nähert sich das substantiv manchmal der function eines adjectivs, so namentlich in manchen formelhaften, festen verbindungen, vgl. schon b, γ—ε. solche sind besonders schuld, noth sein: denn ich acht und hoffe, es soll nicht mehr noth seyn. Luther br. 2, 582;
ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel böses
mir zugefügt, durch tapfre gegenwehr
schuld war, dasz mir die seestadt widerstanden.
Schiller 12, 217 (Wallensteins tod 1, 5).
als adjectiv empfinden wir im allgemeinen auch: das ist schade, negiert das ist nicht schade, doch auch mit leiser nuance das ist kein schade. in anderer, heute nicht mehr üblicher verwendung in folgender stelle:
er sölt in laszen ein,
er wolte eszen und trinken,
kein schad wolt er im sein.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 125, 2, 8.
besonders deutlich ist die adjectivierung in folgenden wendungen (vergl. 16, d):
mich dunket des, ir sît ze kint.
Wigalois 89, 40;
swîget! ir sît gar ze kint.
Ulrich v. Liechtenstein 41, 25;
weg, du traum! so gold du bist.
Göthe 1, 86.
vgl. noch:
o ihre majestät sind zu sehr grübler.
Tieck 1, 414.
16)
das prädicat steht gewöhnlich im nominativ; unter gewissen umständen kann dafür indessen der genitiv und der accusativ eintreten.
a)
der in 15 zu grunde gelegte unterschied des nicht determinierten prädicats läszt sich so erklären, dasz im letzteren falle das subject und das prädicat den gleichen umfang haben, im ersteren das prädicat den gröszeren. sage ich: Wilhelm I. war der erste kaiser des neuen reiches, so bezeichnen beide satztheile nur eine und dieselbe person; sage ich dagegen: Wilhelm I. war nun kaiser, so trifft das prädicat auszerdem noch auf viele subjecte zu; Wilhelm I. war nur ein kaiser neben anderen. diesen unterschied giebt die sprache im allgemeinen durch zusetzung des bestimmten und des unbestimmten artikels wieder, doch nicht consequent und unzweideutig: gott ist ein herr aller dinge besagt nicht, dasz man auszer ihm noch andere herren aller dinge kennt; der verunglückte war der sohn eines reichen kaufmanns braucht nicht auszudrücken, dasz er der einzige sohn war. in vielen fällen versagt auszerdem das mittel ganz, so im falle 15, d. die wendung er ist mein freund läszt es ganz unklar, ob er der einzige dieser art oder einer von vielen ist. will ich ersteres unzweideutig ausdrücken, so musz ich sagen: mein einziger freund, wenn letzteres: ein freund von mir oder einer meiner freunde. hier erscheint also das verhältnis als ein partitives. diese ausdrucksweise wendet die ältere sprache in viel weiterem umfange an, und zwar setzt die den einfachen partitiven genitiv ohne einen übergeordneten zusatz wie einer, — eine construction, die die heutige sprache, zumal die umgangssprache in diesem allgemeinen gebrauche nicht mehr kennt (dafür ich bin einer der —, oder gewöhnlicher ich gehöre zu den —). vgl. Grimm gr. 4, 652—4. gern bei substantivierten adjectiven: wan ich mag an dem letsten drü wort sprechen mit dem David (peccavi) ich hab gesündet, so bin ich der behaltenen. Pauli schimpf u. ernst 189 Österley; es sind der sauren. Klopstock 12, 221;
ni bin ih thero manno,   the ir eiscôt nû sô gerno.
Otfrid 1, 27, 33;
sô quam ein Daries man ...
unde dranc mit liste,
dâ er Alexandrum wiste,
in allen dem gebêre,
als er der sîner wêre.
Lamprecht Alex. 2737.
noch heute lebendig sind ausdrücke wie das ist nicht meines amtes (gehört nicht dazu, fällt nicht in dessen sphäre); ich kann von der möglichkeit oder unausführbarkeit der zwecke .. gar wohl abstrahiren .. um nur auf das zu sehen, was meines thuns ist. Kant 7, 359; glauben sie nicht, dasz ich sie genirt hätte. das ist meines thuns nie, so wenig als mich geniren lassen. Merck briefsamml. 1, 506; es nein! das ist meines thuns nicht. Tieck 1, 186; ich bin kein jäger, es ist nicht meines amtes zu beizen und zu jagen. 187.
b)
gleichbedeutend mit dem genitiv ist die präposition von, die auch heute noch in diesem sinne üblich ist: also soltu allen stedten thun, die seer ferne von dir ligen, und nicht hie von den stedten sind dieser völcker. 5 Mos. 20, 15;
doch seyd ihr auch von den geübten.
Göthe 1, 213;
die erde bildet blasen, wie das wasser,
und diese mögen davon seyn!
Shakesp. Macb. 1, 5.
c)
hieran schlieszen sich wendungen, wie die folgenden: Pontus erwölet allzeyt die besten. und darumb yegklicher begeret von der selben zale zuͦ sein. Pontus e 5ᵃ; es freute ihn, als er hörte, das fräulein sei unpasz und werde deszhalb nicht von der gesellschaft seyn. Immermann Münchhausen 2, 61. so häufig in der umgangssprache: wollen sie auch von der partie (mit dabei) sein? u. ä.auch in solchen fällen kann die ältere sprache den genitiv setzen:
ni bin ih thera fuara (Jesu).
Otfrid 4, 18, 17;
der süllen allweg zwei burgermaister und vier von dem clainen rat sin und sehs von der gemain die dez grozzen ratz sien. d. städtechron. 4, 159, 24. dieser gen. steht sogar als apposition, ganz gleichwertig einem nom.: antwort an herrn Johann Jacob Bodmer, professor, und des grossen raths zu Zürich. Haller ged.¹⁰ 186 (überschr.).
d)
ein partitives verhältnis drückt die sprache auch in folgender redeweise aus, wo eigentlich die vorstellung eines (intensitäts-) grades zu grunde liegt: ich bin dazu (nicht) manns genug, d. h. in genügend hohem grade mann, bez. mannhaft, tüchtig, stark (vgl. 15, f). so: aber was daran verschuldet, ist nit mein, sondern Eccii schuld, wilcher einer sach sich unterwunden, der er nit manns gnug gewesen. Luther br. 1, 512.
e)
ein gen. part. ist ursprünglich auch der gen., der als object in negativen sätzen steht. diese syntaktische eigenthümlichkeit scheint von haus aus allen idg. sprachen zu eignen und ist in manchen (wie z. b. dem russ.) bis heute consequent gewahrt; im germanischen ist sie schon von anfang an nicht streng innegehalten, doch finden sich beispiele eines solchen objectgenitivs noch im nhd. des 16. jahrh.: nein, nein, dasz ist meines pferds nicht lange (ich behalte es nicht lange). wil es die nacht zum tag fressen, wer geb mir fuͦter gnug! Kirchhof wendunm. 1, 224 Österley (1, 185). so mit pronominen: neyn ich genädige fraw, so sprach Polidas, ich byn sein nit. Pontus b 3ᵇ; und er beduncket mich ein wenig lenger sein dann Pontus. er ist jm auch ettwas geleich aber er ist sein nicht. e 1ᵇ.
f)
anderer art ist der gen. part. neben zahlwörtern, s. 21, c.
g)
das object steht im accusativ. diese erscheinung verliert etwas von ihrer sonderbarkeit, wenn man bedenkt, dasz auch z. b. das arab. das prädicat zu kâna 'sein, existieren', und gleichbedeutenden verben in den acc. setzt, während wiederum die baltisch-slavischen sprachen bei 'sein' (und ebenso bei 'werden, machen zu etwas') das prädicat, wenn es eine vorübergehende eigenschaft oder zustand bezeichnet, in den instrum. setzen und das finnische zu gleichen zwecken einen besonderen casus (den 'essiv') ausgebildet hat. augenscheinlich bekommt sein in solchem falle mehr die geltung eines (transitiven) vollverbs, vgl. wendungen wie den führer machen, abgeben, vorstellen, den narren spielen, heucheln. übrigens ist die construction im deutschen auf die mundartliche redeweise eingeschränkt, und findet sich nicht überall gleichmäszig; am meisten im nd. und in der Schweiz. belege aus der litteratur: es sey ein lehm, schwilm, oder schwartzen acker. Martin Grosser anleytung zu der landtwirtschafft (1590) bei Frommann 4, 185; ihr würdet einen gutten prediger sein, liebe Amelisse! Elisab. Charlotte 2, 340 (vom 17. febr. 1704); er habe auch über die Schweiz gespottet und sei 'einen unverschamten mansch'. Vischer auch einer 1, 6. ebenso beim pronom.: aber wenn ich dich wäre. J. Gotthelf Hans Joggeli (1894) 39. im letzteren falle ist der acc. ja auch in vielen andern sprachen üblich, besonders in den romanischen und in vielen germ. (engl. dän.) wenigstens in der umgangssprache. dagegen im deutschen weniger verbreitet als beim subst., z. b. nicht im nd.
h)
wenn dagegen ein solcher satz von lassen abhängig wird und in den acc. cum inf. tritt, so verlangt die strenge logik in übereinstimmung mit dem subject auch das prädicat im accus.: und las jn ewiglich deinen knecht sein. 5 Mos. 15, 17; laszt mein herz euren wegweiser seyn. Klinger theat. 4, 213; laszt's mich nur erst'n wirten da sein; so husten mer af dö wirtin! Anzengruber³ 4, 104;
dô sprach aber Hagene   'lât mich den schuldigen sîn'.
Nib. 1071, 4 (var.: der schuldige);
daʒ er in den kempfen lieʒe sîn.
Lanz. 5211;
o meister, liebster meister mein,
lasz du mich deinen gesellen sein!
Uhland ged. (1864) 332.
doch findet sich daneben auch der nom. und zwar schon mhd.:
und lâʒ mich sîn dîn dienestman.
Parz. 715, 29;
er lâʒe de naht ein tac sîn.
Iwein 2136.
mit andern verben entsprechend:
er bat in sîn sîn wartman.
Lanz. 3739, vgl. Hahns anmerk.;
wande er wêrlîchen weste
in wesen der aller beste.
pass. 170, 60 Hahn.
ebenso nhd.: wenn ein erdensohn diesen mächtigen zauber lösen soll, so laszt mich dieser glückliche sterbliche sein! Musäus volksm. 3, 29 Hempel.Grimm gramm. 4, 590 bezeichnet diese losere construction als fehlerhaft, Paul mhd. gr.² § 300, anm. 2, als selten, ohne jedoch gegenbeispiele zu geben; man könnte fragen, ob sie nicht doch dem geist der deutschen syntax angemessener ist und jene andere logisch untadligere nicht etwa nur durch künstliche schulmeistereinach lat. vorbildeuns aufgezwungen ist. die zwanglose umgangssprache bevorzugt jetzt jedenfalls den nom. andrerseits wirkt ihr in neueren mundarten die unter g geschilderte neigung entgegen.ist das prädicat nicht ein masc. sing., so fallen nom. und acc. ohnehin zusammen: das du unser missethat und sünden gnedig seiest, und lassest uns dein erbe sein. 2 Mos. 34, 9; sondern heiliget den herrn Zebaoth, den lasset ewer furcht und schrecken sein. Jes. 8, 13.
17)
ferner sind einige besonderheiten der bedeutung, die von der unter 15 zu grunde gelegten abweichen, zu erwähnen.
a)
sein dient zur identification des subjects. das prädicat antwortet auf die frage wer bist du? und enthält einen eigennamen oder sonst eine individualbezeichnung: de weerd .. sechte to om: wat bistu? do seyde de def: ik ben de duvele. Lübben mnd. gr. s. 197; ich Davus bin nit Edippus fürwar. Terent. (1499) 14ᵃ; Jesus .. fraget seine jünger, und sprach, wer sagen die leute, das des menschen son sey? sie sprachen, etliche sagen, du seiest Johannes der teuffer, die andern du seiest Elias .. er sprach zu jnen, wer saget denn jr, das ich sey? Matth. 16, 13—15;
dasz du uns sagest wer du bist,
abe du siest der herre Crist,
der uns ist gelaubet (verheiszen) in der ee.
Alsfeld. passionssp. 848 f.
dies ist gewissermaszen ein specialfall des determinierten prädicats, vergl.:
hie dicz gut zu mercken ist,
dasz hie (er) sijhe der ware Crist.
875.
wenn das prädicat ein name ist, berührt sich sein mit heiszen, vgl.:
wer da betredden wirt in dissem kreisz,
er sij Heincz adder Concz adder wie er heisz.
112.
b)
das einfachste und vollkommenste identitätsverhältnis enthalten sätze von der form: ich bin ich selbst. das gegentheil würde den schärfsten logischen widerspruch enthalten und findet sich daher nur im irrealen bedingungssatze:
wären
sie nicht sie selbst, ich würde eilen, sie
von ein'gen dingen zu belehren.
Schiller don Carlos 4, 3.
doch sagt man auch: er ist nicht mehr er selbst, um eine starke wesensänderung auszudrücken: so aber der mann thut, was die frau will, so ist er unsinnig, dann er ist sein selbst nimmen (nicht mehr) und entlehnet vernunft. Paracelsus (1590) 9, 20; Kleonissa sah den Agathon, und — hörte in diesem augenblick auf Kleonissa zu seyn! Wieland 3, 104 (Agathon 12, 4).
c)
man sagt ähnlich bei gattungsnamen, z. b. mensch ist mensch, d. h. ein mensch ist wie der andere, um die durchgängige übereinstimmung und einheitlichkeit des typus zu betonen, der gegenüber die individuellen abweichungen als belanglos erscheinen:
zwar kind ist kind und spiel ist spiel.
Göthe 12, 141.
aber auch:
die liebe, die nicht wunder ist, ist keine.
Tieck 1, 307.
mit dativ:
stand ist mir stand und einerlei,
ich bin von vorurtheilen frei.
1, 343.
d)
darauf beruhen wendungen mit lassen, die den sinn haben 'sich um etwas nicht bekümmern':
du läszt den ganzen tag die herde herde seyn.
Rost bei Adelung 4, 453.
'es auf sich beruhen lassen', häufig um ein gesprächsthema abzubrechen: Wilhelmine. es (das 'dessein') ist aus einer vignette über Hallers ode auf seine Mariane. Zierau. ei so lassen sie Haller Haller seyn. Lenz 1, 139. manchmal nähert sich die wendung dem einfachen etwas sein lassen (s. 9):
wilt du mir folgen, bleyb daheim
und lasz das tantzen tantzen seyn
und lern darfür fleyssig hauszhalten.
Wickram loszb. 45ᵇ.
andrerseits auch: freilich auf die jagd ziehen mit schönen falken, auf guten feisten maulthieren bergauf und bergunter, und land, land sein lassen (keinen unterschied machen, sich um die ungleichmäszigkeiten des terrains nicht kümmern?) — das kann ich auch. Eichendorff 6, 457 (graf Lucanor 14).
e)
ganz ähnlichen sinn hat die wendung ein ding etwas anderes sein lassen, nämlich den unterschied zwischen beiden vernachlässigen, beiseite setzen, meist in typischen redensarten zum ausdruck der nachsicht, gleichgiltigkeit, des verzichts auf eigene meinungs- oder willensäuszerung: das die medici macht haben, sich zu lieb den krancken inn allerley leut zu verändern, wie ein hofmann, der ruben laszt biren sein. Fischart podagr. trostb. B 8ᵇ. so heute besonders üblich fünf gerade sein lassen:
ich drück' ein auge zu, lasz fünfe grad sein.
Tieck 1, 417
(vgl. zur verdeutlichung Shakesp. der widerspenst. zähm. 4, 5). daher andrerseits: ich wil auch etwan das wort für ein gedancken nemen, wiewol ich weisz, das der gedanck kein wort ist. Keisersberg evang. 14ᵃ.
f)
sein hat ferner seine stelle in definitionen: ein dreieck ist eine von drei seiten eingeschlossene figur; vernunft ist das vermögen, welches die principien der erkenntnisz a priori an die hand gibt. Kant 2, 53. sein ist hier nachdrücklicher als im falle der bloszen copula und steht daher hier auch in den sprachen (wie lat. russ.), die letztere für gewöhnlich unausgedrückt lassen. im deutschen tritt dafür gern heiszen ein: analytische urtheile (die bejahenden) sind also diejenigen, in welchen die verknüpfung des prädicats mit dem subject durch identität, diejenigen aber, in denen diese verknüpfung ohne identität gedacht wird, sollen synthetische urtheile heiszen. Kant 2, 42. (zu den 'analytischen' urtheilen würden also besonders die hier in frage stehenden gehören.) natürlich brauchen weder subject noch prädicat gerade substantive zu sein; besonders häufig sind auch infinitive und im prädicat relativsätze: ein sun sein ist, da ein lebendigs von eim lebendigen, und ist seinerlei. Keisersberg evang. 14ᶜ; seeräuber sind diejenigen, welche auf der see frembden eigenthums sich mit gewalt bemächtigen u. s. w. staatslex.³ 13, 297.
g)
hierauf beruht die häufige redeweise nicht wissen, was etwas ist, z. b.: er weisz gar nicht (noch nicht einmal), was arbeiten ist (heiszt); sie besagt nicht, dem wortsinne gemäsz, er kennt nicht die definition, hat keine theoretische kenntnis, sondern vielmehr, er hat keine praktische erfahrung und übung darin: an unsern armen orte wissen wir nicht, was befehlen ist. Weise comöd. pr. 246;
nicht gewuszt
ward von mir ärmsten, was sei liebe, sehnen,
und frech verlacht' ich seufzer, liebesthränen.
Tieck 1, 305.
h)
ähnlich klingen auch ausrufe, wie: was ist doch der mensch, das leben! u. s. w., die in wirklichkeit nicht ein was, sondern ein wie, eine modalbestimmung oder wertschätzung (wie elend, wie wunderlich, wie nichtig ..) ausdrücken sollen:
was ist die welt, was sind die menschen dann,
wenn sie mich hat so arg betrügen können?
Tieck 1, 55.
so besonders volksthümlich, z. b.: ach, du mein gott, was doch das leben is und sein thut?! Anzengruber³ 4, 338.
18)
auch der sinn, in welchem das subject mit dem prädicat gleichgesetzt wird, erleidet abänderungen.
a)
am schärfsten und nachdrücklichsten tritt die gleichsetzung beider heraus, wenn sein in gegensatz zu scheinen, vorstellen gesetzt wird (vgl. scheinen 4, d, theil 8, 2449): etwas zu seyn, und etwas vorzustellen ist zwar nicht einerley, aber der unterscheid von beiden fällt nicht immer so leicht in die sinne. Hamann 4, 296; das gute tief herein, das böse heraus zu treiben — schlechter scheinen als man wirklich ist, besser wirklich seyn als man scheint; diesz halte ich für pflicht und kunst. 6, 339; es ist allerdings betrübt, nicht zu wissen, was man selbst ist, und beynahe lächerlich, gerade das gegentheil von dem, was man will und meynt, zu seyn. 7, 65; wenn der edelmann durch die darstellung seiner person alles gibt, so gibt der bürger durch seine persönlichkeit nichts und soll nichts geben. jener darf und soll scheinen; dieser soll nur seyn, und was er scheinen will, ist lächerlich und abgeschmackt. Göthe 19, 153;
o mein monarch, ich darf es dir nicht sagen,
wie nicht jedwedes ding ist, wie es scheint ...
dies führt uns auf den sichern schlusz, dasz oftmals
was laster scheint, es nicht im innern ist.
Tieck 1, 76;
geh hin und sei der sklav des scheins, der schatten
des Syriers. Judah will sein.
Ludwig 3, 327;
denn nicht gerecht nur scheinen will er, sondern sein.
Droysen Aischylos³ s. 344 (sieben v. 561).
sprichwörtlich: sei, was du scheinen willst. mehr sein als scheinen. Simrock sprw. 9473 f. so auch besonders im substantivierten inf., s.sein, n.
b)
doch nähert sich sein hinwiederum dem begriffe des scheinens, wenn es bedeutet 'anerkannt werden, gelten als etwas': welcher gott nu mit fewr antworten wird, der sey gott. 1 kön. 18, 24;
reiszt die fahnen und die kreuze
nieder! ... Machmud einzig
sei der gröszte, stärkste gott!
Tieck 1, 375. —
ob ihr gleich ein heiliger mann seyn wolt, so weisz ich doch, herr Esau gienge mit der princessin lieber zu bette als mit euch. Weise comöd. pr. 63. diese verbindung etwas sein wollen bedeutet also hier und so gewöhnlich 'sich für etwas halten', wobei die nebenvorstellung, dasz man es nicht wirklich ist, immer sehr nahe liegt und besonders in redeweisen der niedern umgangssprache (wie: und das will nun ein gebildeter mann sein!) zu tage tritt; seltener ist der sinn 'sichmit absichtlicher lügefür etwas ausgeben, was man mit bewusztsein nicht ist'. vergl. auch 22, m, ε. 38, d, α. β.
c)
ein vergleich wird meistens mit wie gegeben: ich wil Israel wie ein thaw sein. Hos. 14, 6; seine augen sind wie taubenaugen an den wasserbechen .. seine beine sind wie marmelseulen, gegründet auff gülden füssen. hohel. 5, 12—15; der menschliche verstand ist wie die grosze weltseele .. belebend, ja selbst neuorganisirend dringt sie aus allen in alle körper. Herder 17, 212 Suphan (human. br. 42);
ich bin wie trunken, wie im himmel, wie
ein nachtwandler, der auf des thurmes zinne
erwacht und über sich die sterne sieht.
Tieck 1, 62.
andrer art ist die im mhd. überaus verbreitete redeweise si ist mir sam der lîp, ich liebe sie wie mich selbst, vgl. Paul-Braune beitr. 2, 385:
Faustinjânus nam ain wîp,
diu was im sam der lîp.
kaiserchron. 1224.
vollere und seltenere wendungen: denn gleich wie der regen und schnee vom himmel fellet, .. also sol das wort, so aus meinem munde gehet, auch sein. Jes. 55, 11; ihr (der satyra) vornehmstes aber und gleichsam als die seele ist, die harte verweisung der laster und anmahnung zue der tugend. Opitz poeterey s. 23 neudr. vgl. auch 22, m, δ.
d)
dafür tritt indessen in poetischer rede ebenso oft die directe gleichsetzung mit auslassung des wie ein: denn du bist mein fels und meine burg. ps. 31, 4; sehet euch fur, fur den falschen propheten, die in schafskleidern zu euch komen, jnwendig aber sind sie reissende wolfe. Matth. 7, 15;
ein feste burg ist unser gott,
ein gute wehr und waffen.
Luther 8, 364ᵇ;
's ist mir ein königreich.
Göthe 1, 20;
ihr seid mein leitstern, mein orakel.
Tieck 1, 62;
sei du in meinem leben
der liebevolle mond!
Storm ged. 42;
ein schwaches stäbchen ist die liebe,
das deiner jugend rebe trägt,
das wachsend bald der baum des lebens
mit seinen ästen selbst zerschlägt.
63;
ich bin die rose auf der au,
die still in düften leuchtet;
doch du, o liebe, bist der thau,
der nährend sie befeuchtet.
Geibel 1, 36;
ich bin der sturm, der fährt dem norden zu,
du bist die mondbeglänzte meeresruh —
wie stimmt ein solches ich zu solchem du!
2, 31.
die gleichwertigkeit beider ausdrucksweisen zeigt besonders folgende stelle:
mein herz ist, wie die dunkle nacht,
wenn alle wipfel rauschen,
da steigt der mond in voller pracht
aus wolken sacht,
und sieh der wald verstummt in tiefem lauschen.
der mond, der lichte mond bist du
u. s. w.
so auch bei der auslegung von träumen, sein = bedeuten: Joseph sprach zu jm, das ist seine deutung. drey reben, sind drey tage. 1 Mos. 40, 12; die sieben schöne küe, sind sieben jar, und die sieben gute ehern, sind auch die sieben jar. 41, 26.
e)
häufig dient sein, um den zweck, gebrauch, die bedeutung eines gegenstandes für jemand anzugeben, meist mit hinzutretendem dativ, einem wozu dienen u. ähnl.: wie du inen vor wert eyn guͦt exempel. Keisersberg, s. I, 3, q, β; das es sey den kindern Israel ein gedechtnis fur dem herrn. 2 Mos. 30, 16; dis ole sol mir eine heilige salbe sein bey ewren nachkomen. 31; das diese steine den kindern Israel ein ewig gedechtnis seien. Jos. 4, 7: und das sol dir das zeichen sein, das ich dich gesand habe. 2 Mos. 3, 12; denn wie Jonas ein zeichen war den Niniviten, also wird des menschen son sein diesem geschlecht. Luc. 11, 30. so auch ferner: das wird dir fur dem herrn deinem gott eine gerechtigkeit sein (als solche angerechnet werden). 5 Mos. 24, 13. ohne dativ: so wird er eine heiligung sein. Jes. 8, 14. — mit bildlichem ausdruck, vergl. d: sey mir ein starcker fels und eine burg, das du mir helffest. ps. 31, 3;
die liebe, die .. der ganzen welt vergiszt,
und sich in ihres abgotts arme
die welt, der himmel ist.
Gotter 1, 45;
seid euch die welt einander selbst und achtet
nicht eines wunsches werth das übrige!
H. v. Kleist die beiden tauben.
f)
dafür auch zu etwas sein: thaʒ sî iu zi zeichane (et hoc vobis signum). Tat. 6, 2; wenn jr frölich seid, an ewren festen .., solt jr mit den drometen blasen uber ewr brandopffer und danckopffer, das es sey euch zum gedechtnis fur ewrem gott. 4 Mos. 10, 10; an meiner willkür hängt mein gehen und mein kommen, und dir bin ich zu nichts! Göthe 8, 278 (Egm. 5).
g)
ein abstractum nimmt neben sein häufig eine mehr dingliche bedeutung an, das ist mein wunsch, das was ich wünsche, der gegenstand meines wunsches u. ähnl.:
die einbildung führt mir gar mannigfaltig
gefechte vor, nur dieses war mein wunsch.
Tieck 1, 261;
setzt mir meinen güldnen gott ...
hier im zelte nahe zu mir,
dasz er sei meine betrachtung.
298;
du weiszt, nur jagd, fels, wald war meine lust.
305.
auch von personen, du bist meine lust, freude, mein trost u. a. in andern verbindungen auch ohne possessivpronomen:
du bist die ruh, du bist der frieden.
Rückert (1882) 1, 368 (liebesfr. 1, 3);
du bist die ruh, der friede mild,
die sehnsucht du, und was sie stillt.
5, 318.
hierher gehört auch: ein wunder seyn, so man sich etwas ab verwunderet, miraculo esse. Maaler 371ᵈ; der wält spott seyn, also das yederman das maul mit eim wäschet, proverb. abire in ora hominum. ebenda.doch ist dieser so geläufige bedeutungswechsel nicht auf die prädicative verwendung beschränkt und gehört somit der semasiologie an.
19)
der genitiv eines substantivs steht als prädicat zur bezeichnung einer eigenschaft, der art und weise u. ä., als sogen. genitivus qualitatis. belege s. bei Grimm gramm. 4, 652—4. dieser genitiv ist in der neuern sprache nicht mehr in so unbeschränktem gebrauche wie früher, doch immer noch sehr häufig.
a)
sehr beliebt sind so gebildete allgemeine ausdrücke mit art und synonymen wörtern: ich weisz auch wohl, dasz meine schriften allesampt der art gewest sind, dasz sie zuerst angesehen gewest, als seyen sie aus dem teufel. Luther br. 2, 306;
welher hant der harnasch sî.
Wigalois 157, 24;
nû bistû zweier slahte.
Wackernagel leseb. 1², 567, 11;
manche der kürzern so gebildeten ausdrücke sind ganz zu einem worte verschmolzen, so besonders derart (davon derartig) und die wendungen mit -lei (aller-, einer-, vielerlei u. a.) und -hand, s. das.ferner: und seind die articl disz inhalts. tirol. weisth. 1, 36, 34.
b)
zunächst in bezug auf äuszere eigenschaften, aussehen, farbe, masz und dergl.: und Joseph war schönes bildes und zierliches angesichts. bibel v. 1483 24ᵃ (1 Mos. 39, 6; Luther: schön und hübsch von angesicht); wann das pfert, so vor anhar gaͮt, gsicht Bayarden glich, wenn es der farwb were. Haim. 82, 16 Bachmann; nun der berg Thaurus ist einer unsäglichen länge. Franck weltb. 140ᵇ; wurde des herrn angesicht, das ohnediesz einer bräunlichen farbe war, so sichtlich verdunkelt. Göthe 16, 44;
diu frouwe an rehter zît genas
eins suns, der zweier varwe was.
Parz. 57, 16.
von menschen mit angaben über bestimmte körpertheile, wo wir für gewöhnlich haben anwenden, z. b.: Lya was rinnender augen und Rachel zierlichs antlütz! 4. bibelübers. 1 Mos. 29, 17, bei Kehrein gr. 3, § 178. vgl. auch: wenn man .. gesunden, starken leibes ist. Klinger 12, 85.
c)
in bezug auf andre mehr äuszere verhältnisse, stand, alter und andres: ere deinen vater und dein muter, das du seist langes lebens auf der erd. bib. v. 1483 42ᵇ (Luther: auff das du lang lebest im lande. 2 Mos. 20, 12); du siest wes stands du wöllest. Keisersberg bilger 153ᵃ; und wie schlechtz harkummens ich bin gsin. Th. Platter s. 110 Boos;
ich merck, du bist fast meines bluts
und gleichst mir fast in allen sachen.
H. Sachs 2, 2, 44ᶜ.
d)
in bezug auf sittliche qualitäten, handlungsweise u. a.: der aufrichtigkeit bin ich wol, is mihi candor inest. Corvinus fons lat. 649ᵇ; gelobet sei gott in den höhen und friede auf erden den menschen die do sind gutes willens. bib. v. 1483 495ᵇ (Luc. 2, 14); er was aber ayns guͦten laümbdens und ains unschuldigen lebens nach dem urtail der menschnn. Keisersberg trostsp. gg 6ᵇ; allso das ein fauler mensch, beladen mit unordenlicher traurigkeyt würt da für gehalten, dz er sey ernsthaftiger schwerer sitten, oder sittmäszig. zuͤm vj. läwikeit, scheinet sein bescheidenheit, es ist denn, so ein mensch ist eines läwen geistes. seelenpar. vorr. 3ᵃ; vgl. auch 18, a unter I, 3, u, γ; ain frau die eerlicher weisen und gebärden ist, die ist sicher als ob sy in ainem schlosz wär. schiff der penit. 30ᵇ; dise aber seind solcher bescheidenheit nicht. Egenolff sprichw. 167ᵇ;
da wil ich mit dir conversiren,
ob dw auch seyest meins gemüez,
herzens, willens, sel und geplüez.
H. Sachs fastn. sp. 2, 13, 49 f. neudr.;
reines herzens war er, reiner sitte.
Hölty 62 Halm.
so auch: das ansehn und die gewalt derselben (der fürsten) zur unterdrückung der brüder anwenden, die einer andern observanz sind, als der, die man so gern zum wesen der sache machen mögte. Lessing 10, 296.
e)
mit bezug auf das denken: guter vernunfft seyn. Corvinus fons lat. 649ᵃ;
cleinero githanko   so ist ther selbo Franko.
Otfrid ad Ludow. 17.
eines glaubens sein:
alle, die daʒ bescheinent,
daʒ si dich mit triwen meinent
und kristenlîches gelouben sîn.
Ottokar reimchron. 48325;
wer hohen platonischen glaubens ist, könnte diese gedanken, abglanz, abschattung, einwirkung aus der geisterwelt nennen. Klinger 12, 104; die ganze nation ist eines poetischen aberglaubens. Göthe 46, 312. — heute besonders verbreitet einer meinung sein: eins andern sinn unnd meinung seyn, sententiae cuiuspiam accedere. Maaler 372ᵃ; nit der meinung seyn zuͦ fliehen. 372ᵇ; ich bin ouch der meinung alle zyt gsin, man sölle Baszler fürdren. Th. Platter s. 98 Boos; Zarmar sey kein schüler des Dicearchus und Epicurus, welche gläubten, dasz die seelen mit dem leibe vergehen, sondern vielmehr der meinung, ... dasz der tod nur eine veränderung, aber keine verderbung der seelen sey. Lohenstein Arm. 1, 695ᵇ; ich bin des herrn seiner meynung. Weise comöd. pr. 192; ich bin woll ewerer meinung. Elisab. Charlotte 2, 340; ich bin deiner meinung, sagte Hippias. Wieland 1, 245 (Agathon 4, 6). ebenso:
bist du der überzeugung,
dasz nur die reinste liebe aus mir spricht.
Tieck 1, 76.
f)
mit bezeichnungen des gemütszustandes, der stimmung; so als ausdruck freudiger, gehobener stimmung mhd. gewöhnlich:
junger man, wis hôhes muotes
dur diu reinen wol gemuoten wîp.
Walther v. d. Vogelweide 91, 17,
wie hôhes muotes ist ein man,
der sich zuo herzeclîchem liebe   ir schœnem lîbe hât geleit.
Ulrich v. Singenberg 229, 11 Wackernagel;
dâvon bis hôhes muotes.
Ottokar reimchr. 62681.
nhd. dafür: guts muths seyn, esse bono animo. Corvinus fons lat. 649ᵃ; bysz guͦts muͦts. Terent. 39ᵃ;
nim hin das heubet, mutter minn,
und losz uns guddes muddes sinn!
Alsfeld. passionssp. 1031;
sind jr guͦts muͦts und frisch.
H. v. Rüte faszn. B 4.
sehr gern auch in demselben sinne: lieber, bleib uber nacht, und las dein hertz guter ding sein. richt. 19, 6; liebe, bisz guͦter ding; kumm, losz uns leichtsinnig sein. Wickram rollwagenb. 76, 21 Kurz; bezal recht die ürtin für mich und noch eine, das wir noch ein mal guͦter ding seien. Pauli schimpf 182 Österley;
ihr leichter sinn, stets froh und guter ding'.
Wieland Oberon 6, 52.
ähnliche ausdrücke:
ich möchte wohl nur einmal noch
recht frohes muthes sein.
Uhland ged. (1864) 9;
und ist seines gutz miltt, das er hingibt, das in hernach gereüet, und ist künes mutzs. versehung eines menschen (Nürnberg 1489) 55ᵃ; das wollt eu. gn. in aller treuer freundschaft aufnehmen, und guter zuversicht seyn, dasz Christus auch seiner feinde herr ist. Luther br. 2, 306. so besonders auch guter hoffnung sein: ich wil .. dasz du guter hoffnung seyst; und wil nicht .. dasz du verzagest. Comenius sprachenth. 13; ich bin beydes bester hoffnung, und hab ein gut hertz darzu. Corvinus fons lat. 649ᵃ; gewöhnlich in einem speciellen sinne, s.hoffnung 2, d, theil 4, 2, 1675. — seltener sind ausdrücke, die das gegentheil besagen, böses, übles, trüben muthes sein oder dergl., dafür:
denn wenn ich noch so unmuths bin,
ergötz' ich mich an phantasien.
Göthe in Wagners archiv s. 41.
ferner:
und die zerbrochnes herzens seind,
die sollen wieder lachen.
P. Gerhardt s. 214, 59 Gödeke.
auch:
ich pin im holdes muettes.
tirol. passionssp. s. 11, 161;
dz thuͤt wir sind nit eyns gemüts. Keisersberg bilger 193ᵇ.
g)
während in allen vorstehenden fällen zu dem genitiv ein attribut (adjectiv, pronomen) tritt (auch unmuths sein unter h bildet nur scheinbar eine ausnahme, da hier die vorsilbe un- an stelle eines solchen attributs steht), fehlt ein solches in gewissen festgeprägten verbindungen, so besonders willens sein: darumb was er willens gen Parysz zureiten. Agricola sprw. 673 (dafür auch in willen, s. u. q). — dafür, besonders früher, vorhabens sein: sintemal ich euch nicht eine newe ungereimte meinung vorhabens bin einzureden. Fischart podagr. trostb. C 2ᵇ; so jemand auff dem wasser nacher Oesterreich zu reisen vorhabens ist. Abraham a S. Clara Judas 1, 35. auch sinns sein: do ich ietz sins was usz dem land zuͦ ziechen. Th. Platter 66 Boos (und oft). so noch nd. ik weer sinnens, der meinung, entschlossen das zu thun. Schütze 4, 104.
h)
veraltet sind ausdrücke wie vieler, wahrhafter worte sein und ähnl.: das ist die ursach, das die weisen so weniger red seindt. S. Franck sprw. 1, 146ᵃ; wird er (der böse) einen hören, der gutes gesprächs ist, und freundliche reden führet, wird er sich lassen verlauten: er hat kein hertz! Olearius Barthrouherri 108ᵃ (5, 3);
und bis da pey
worhaffter wort manikvalt.
Suchenwirt 38, 39,
und die getrewes rates sind
mit weisshait an gevêre.
69;
auch: allhier kompt der prediger einer ... und ob er nicht sächsischer sprachen ganz seyn wird, hoffe ich doch, er solle wohl zu vernehmen seyn, weil euch zu Braunschweig oberländischer sprachen prediger angenehm sind. Luther br. 4, 209.
i)
hohen werthes sein u. dergl. (auch dafür jetzt von): ein mann von dem geschlecht der geitzigen, nahm ein steinlein von der strasse, in meynung, dasz es eines grossen werths wäre. Olearius pers. baumg. 52ᵇ (4, 5);
daʒ ich iu niht gesagen kan
wie hôhes werdes was sîn lîp.
Wigalois 252, 4.
ähnlich auch in den jetzt ungebräuchlichen wendungen: doch ists der wahrheit, dasz er durch schwachheit seines häupts etliche zeit hat mussen versäumen. Luther br. 5, 542; es ist nicht der notwendigkeit, dasz ihr den verlauff des krieges wisset. Opitz Arg. 1, 515; es ist nicht der wichtigkeit. A. Gryphius 608. Adelung 4, 449 verzeichnet als oberdeutsch: es ist der nothdurft, notwendig; es ist unserer schuldigkeit.
k)
schon in den behandelten fällen drückte der genitiv nicht immer ein wirkliches eigenschaftsverhältnis aus und konnte zuweilen durch haben ersetzt werden; in der älteren sprache dient er aber zuweilen geradezu als ausdruck eines besitzverhältnisses (gewissermaszen in umkehrung des unter 14 behandelten gebrauchs), so z. b.: Livius lib. ix. zeüget, dz etwa disz landt eins grossen vermögens gewesen ist, also, dz sy auch den Römern getröwet haben, Rom zubekriegen. S. Franck weltb. 72ᵇ;
eʒ ist sô hôher mâge   der marcgrâvinne lîp.
Nibel. 1616, 2;
doch sey wir gantzes daches,
wol bewart von waʒʒers not.
Suchenwirt 22, 36.
(auch hier ist ein attribut beim genitiv obligatorisch.)
l)
vereinzelt werden noch andre beziehungen durch einen ähnlichen genitiv ausgedrückt, so z. b. eines weges sein: di gotlosen haben das schwärd gezükket, uͦnt yren bogen gespannet, den elenden uͦnt armen zuͦ fellen, uͦnt di zuͦ schlachten so des rechten wegs seint. Melissus ps. Q 1ᵃ; niemand war des weges. nur ein alter fuchs stand lauernd auf einem rain. Scheffel Ekkeh. s. 111. vgl. dazu 12, b.zur umschreibung eines verbs: wir sind des erbietens. Adelung 4, 449 (als oberd.).
m)
folgende genitive sind vielleicht eher partitiv zu fassen: weil nun unser dienst und ampt mehr grunds, auch mer von nöten ist dem gantzen reich dann der münch. Franck weltb. 109ᵇ. — nd. (westf.) sô anmakens es et mi nitt, so viel lust zum anmachen habe ich nicht. Woeste 237ᵇ.
n)
der qualitätsgenitiv hat im allgemeinen den wert eines adjectivs (s. 20). er kann daher damit ohne weiteres zusammengestellt werden, vgl. z. b.: meine frau .. war hartnäckigt, eigensinnig, und eines leichtfertigen lasterhafftigen maules. Olearius rosenth. 38ᵃ (2, 27). — ein bildlicher ausdruck für dieses verhältnis ist die biblische redeweise: darbey man abnemmen mag, welches geysts kinder sy gewesen seind. Franck weltb. 109ᵇ. — zum zweck gröszerer emphase oder feierlichkeit treten zuweilen für sein inhaltvollere wörter ein, besonders leben: (ich) lebe der guten zuversicht, durch das in meinem büchlein verborgene manna mehr seelen beiderley geschlechts zu erobern u. s. w. Hamann 4, 176.
o)
einen dativus qualitatis scheint nur Otfrid zu kennen, s. Grimm gramm. 4, 714. Erdmann syntax der spr. Otfrids II, § 266, z. b.:
thaʒ si after themo guate   sint rôʒagemo muate.
5, 6, 50;
sus missemo muate   sint ubile joh guate.
25, 80.
p)
später kommt neben dem gen. in den gleichen verbindungen die präp. von auf, die im nhd. immer beliebter wird: dann wiewol er von guten schwencken war, so hatte er doch zucht, tugend und ehre sehr lieb. Alberus Esop. 14ᵇ; ich dachte wahrlich nicht daran, dasz du von ähnlicher meinung seyn könntest. Göthe 16, 61; der besuch des kaisers Wilhelm in Konstanz am 12. d. hatte für beide theile eine besondere bedeutung ... muszte es für die alte, einst so berühmte seestadt ... von hohem interesse sein, in ihren mauern wieder einen deutschen kaiser zu sehen ... Frankfurter journ. vom 16. sept. 1871, 1. beil. 1ᵇ;
die drî künege wâren ...
von vil hôhem ellen.
Nibel. 8, 1;
welch guot wîp wære von den siten,
die ir ze vlîʒe begundet biten,
diu iht versagen kunde
eim alsô süeʒen munde?
Iwein 7897;
ihre brüstlein und die sind hart
recht als sie weren geschnitzet,
sie sein sich von hocher art.
bergreihen s. 34, 11 neudruck (15, 3);
der dichter .. soll von der güte seyn,
und mir sein trauerspiel auf eine stunde schicken.
Gellert 1, 30;
nicht, dasz ich eben damit
behaupten wollte, die liebe der schönen Schatulliösen
sey von der empfindsamen art gewesen.
Wieland 5, 52 (Amad. 13, 22);
was sollen wir sagen zum heutigen tag? ...
er ist nun einmal von besonderem schlag.
Göthe 1, 160.
so auch von nöten sein, nötig: ich wolt gären schriben und wär von nötten. Th. Platter 47 Boos.
q)
ähnlich sagt man für willens sein (g): in willen: es ist ain groszes tail der künsten so der mensch in willen ist zuͦ lernen, wie loblich ist dann .. so der mensch in willen ist guts zuͦ tuͦn. Albr. v. Eyb spieg. d. sitten 3ᵇ. so auch: als nun der fürst von Oesterrich, und auch die eidgnossen, in disem gutten willen waren. Dieb. Schilling burg. kr. 108. eine vermischung beider constructionen ist: wiewol er in willens war, Rom zu uberfallen. Aventin 133ᵃ bei Kehrein 3, § 178 (dafür in der ausgabe von Lexer: wiewol er im willen het. chron. 1, 561, 6). — doch dient in weniger zur bildung von qualitätsausdrücken als zur umschreibung von verbalbegriffen (in willen sein = wollen), s. 25, i, β, so auch:
wær aber daʒ her Philippe
sich trôste dheiner sippe
des kunigs oder ander fursten,
sô daʒ er wær in den getursten ..
Ottokar reimchron. 5462.
entsprechende negative wendungen werden (im älteren nhd.) zuweilen mit ohne gebildet: darumb wisse unnd bis des on czweifel. Steinhöwel decam. 253, 33 Keller (4, 1); herr sprach Pontus. wer das redet will er mir das on laugen sein, so byn ich bereyt zesagen, das er mich felschlich hat angelogen. Pontus f 3ᵇ.
r)
endlich wird in gehobener rede eine eigenschaft auch durch den nominativ eines substantivs (anstatt des genitivs oder einer wendung mit von, in) gegeben, besonders biblisch: und seine ruge wird ehre sein. Jos. 11, 10; die wege des herrn sind eitel güte und warheit. ps. 25, 10; die werck seiner hende sind warheit und recht. 111, 7; die wort die ich rede, die sind geist und sind leben. Joh. 6, 63;
ihr blick ist sittsamkeit, unschuld ihr ton.
Tieck 1, 54.
kühner und selten bei persönlichem subject: das eine mädchen ist schärfe des blicks und der that. J. Paul Lev. 3, 53; Fleck war mächtig, genialisch und kühn; die später auftretende Unzelmann in jeder rolle geist und leben, die wahrste rührung oder der graziöseste muthwille. Tieck 1, s. xiv.leichter bei zusatz von ganz:
ich bin ganz zufriedenheit,
wenn ich dich voll heiterkeit
auf mich lächeln sehe.
Weisze bei Adelung 4, 449.
dafür auch:
und das heer war eine furcht nur.
Tieck 1, 384.
selten auch von äuszeren, vorübergehenden zuständen: die wilde göttin (das meer) .. war aufruhr und stürmte. Heinse Ardingh. 1, 20.
s)
weniger charakteristisch sind stoffangaben wie dieser tisch ist holz, nuszbaumholz anstatt von holz oder hölzern, so auch: deine kleider sind eitel myrrhen, aloes und kezia. ps. 45, 9. vgl. auch das häufige ich bin ganz ohr, auge, u. ähnl.:
wann war ich nicht ganz ohr, so oft es dir
gefiel von deinen glaubenshelden mich
zu unterhalten?
Lessing 2, 262 (Nathan 3, 1);
ganz auge bin ich und den ganzen tag
könnt' ich die kreatur ansehn.
Tieck 1, 357.
20)
die einfachste und häufigste form für aussagen dieses inhalts ist das adjectiv.
a)
im positiv: allein seyn, agere secretum. Maaler 371ᵈ; barmhertzig seyn, misericordiam adhibere. ebenda; kranck seyn, affici aegritudine. 372ᵇ; wünderbarlich sind deine wercke. ps. 139, 14;
weest ontfermich!
Reinaert 4777;
so di lewte fröleich sein,
mit chost und auch mit guͦtem wein.
Suchenwirt 18, 353;
saylich sey, der mir es gelaubt!
H. Wittenweiler ring 51ᵈ, 3;
nimmant kan sich vor mer vorbergen, ...
hie sij jungk adder alt.
Alsf. passionssp. 2161;
selig sey tag und stunde,
darinne das götlich wort
dir widderümb ist kunde.
bergr. s. 52 neudr. (26, 8);
bisz witzig gaistlichs guͦttes kind,
der teüffel will dich machen plind.
Schwartzenberg 140ᶜ;
seit jr denn stumm, dasz jr nit wölt,
was recht ist?
H. Sachs 5, 1, 47ᶜ;
er (gott) ist ja fromm und bleibet fromm.
P. Gerhardt s. 16, 41 Gödeke;
denn wär die geschichte der wunder Jehovah's
zweifelhaft; so wär die erzählung von Jupiters thaten
mehr als zweifelhaft!
Klopstock 5, 178 (Mess. 13, 284);
freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll seyn.
Göthe 8, 231 (Egm. 3);
schenke mir
jetzt einen menschen! du — du bist allein.
Schiller don Carlos 3, 5;
seid einig — einig — einig!
Tell 4, 2.
b)
das prädicative adj. hat im got. und nord. die gewöhnliche starke flexion. im deutschen entsprechen dieser zwei verschiedene bildungen, die sog. unflectierte, die ursprünglich die alten substantivischen endungen bewahrte, sie aber dann durch wirkung der auslautsgesetze verlor und daher endungslos erscheint, und die eigentlich starke mit den pronominalen endungen (ahd. -êr, -(i)u, -aʒ). das prädicat kann im ahd. beide formen haben, s. Grimm gramm. 4, 478 f.; im mhd. ist bereits die unflectierte form überwiegend, die starke ausnahme und fast nur beim masc. sing. bezeugt, s. 492—4, z. b.:
er aʒ ir, daʒ er sater was.
d. wolf u. d. hunt 1420;
oder ir sult mir immer sîn gehaʒʒe.
Lohengr. 1366 Rückert (vgl. die anm.).
nhd. ist die flexionslose form alleinherrschend. die starke endung des masc. -er hält sich bei einigen wörtern, besonders voller (das auch im mhd. besonders häufig flectiert erscheint), wird aber nicht mehr verstanden und daher auch auf die andern geschlechter und den plur. angewendet:
die welt ist voller widerspruch.
Göthe 1, 11.
auszerdem besonders halber, bei H. Sachs auch stiller, nasser, s. Grimm gramm. 4, 498 f.; selten bei andern wörtern.eigenthümlich ist, dasz in der übergangszeit vom mhd. zum nhd. das präd. adj. zuweilen dieanscheinend schwacheendung -en annimmt:
si sitzen nu alse weren si stomen.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 63, 612;
do warends nit also fromen,
das in ist ein grosze schand.
2, nr. 147, 17.
sogar im sing., vergl.:
ich mein er si der Endcrist jungen.
138, 27.
in der ersten stelle könnte man in stomen vielleicht den plur des schwachen subst. sehen, und ähnlich wol sicher in folgender:
buhler sind gemeinlich blinden, wer jhm selbst buhlt der ist blinder;
denn der buhler buhlt dem buhler, buhlt und wird gebuhlt nicht minder.
Logau 2, 37, 36.
(hier ist blinder grosz geschrieben, doch scheint der zusammenhang den comparativ zu verlangen.) — der gehobenen rede eigenthümlich ist die voranstellung des adjectivs auszerhalb des satzgefüges:
krank, ich bin es fürwahr.
Göthe 1, 323.
c)
das adj. kann determiniert werden durch den bestimmten artikel, so z. b. er ist der rechte, ihr seid mir die rechten, s. theil 8, 396 (f, α);
er will bedächtig scheinen,
und doch ist er der lose,
so gut als wie der grosze.
Göthe 1, 43;
ich erster bin der weisz' und auch der schön'.
164.
von hier ist der übergang zu substantivischer verwendung leicht, vergl. 15, e.
d)
eine redeweise, die erst in neuerer zeit aufgekommen ist und unter den begriff 'papierner stil' fällt, ist die setzung des unbestimmten artikels zum nicht determinierten adjectiv, z. b.: dann wäre der kampf am 18. und 19. mindestens ein überflüssiger und zweckloser gewesen. Bismarck ged. u. erinn. 1, 35. besser mit substantivierung:
sonst seid ihr gewisz ein todter.
Tieck 1, 282.
im neutr. gewöhnlich (et)was gutes:
dasz es was hübsches sey,
einen freund su küssen.
Göthe 1, 151.
e)
das adj. steht im comparativ: ist unsz auch lieber gewest, dann gold und silber. Götz von Berlichingen 60;
was kann schöner sein,
was kann mehr erfreun,
als ein abend in dem lenzen.
Böhme volksth. lieder nr. 215 (vgl. 3, a).
hier ist determination noch häufiger, z. b.: er ist der ältere (von beiden brüdern). mhd. auch mit schwächerem sinne:
swer mir nû verwîʒet daʒ ich niht enhân,
gelebe ich iemer daʒ ich wol berâten gân,
der muoʒ ouch mir der bœser sîn.
minnes. frühl. 22, 35.
f)
immer musz der superlativ den bestimmten artikel haben: der aller forderst unnd fürnemst in einer sach seyn, agere primas partes in re aliqua. Maaler 371ᵈ; das Christus solt leiden, und der erste sein aus der aufferstehung von den todten. ap. gesch. 26, 23; der do der auszrichtigest und basz stechend was under jn allen. Pontus i 1ᵃ. — oder es tritt die adverbiale form (am besten) ein, s. unten 22, g.
g)
häufig verlangt oder gestattet das adjectiv eine ergänzung, so
α)
durch einen genitiv: man ist ja hier seines lebens nicht sicher u. dergl.;
meinst, dein fraw sey der ehr nit frumb?
H. Sachs fastn. sp. 2, 51, 64 neudruck,
ein dienst ist wohl des andern werth.
Göthe 12, 157.
β)
besonders häufig mit dem dativ: einem lieb seyn, einsi gunst haben. Maaler 371ᵈ; ach herr gott bis in gnedig. d. städtechron. 5, 183, 5; gott sey mir sünder gnedig. Luc. 18, 13; o vergessen sie und sein sie mir nicht böse! Freytag verlorene handschr. 1, 311;
daʒ sie genædic wellen wesen
dem armen tihtære.
Lamprecht v. Regensburg Franc. leben 91;
got vater in der ewicheit,
wis mit deiner hilf bereit
den iungen fursten unvertzeit.
Suchenwirt 27, 106;
wer dir widersêʒʒig sey.
38, 37;
gehorsam bisz dem höchsten haypt.
Schwartzenberg 154ᵃ;
sey mir gnedig, gott.
H. Sachs 5, 1, 47ᵃ;
damit ihr seht, dasz ich eurer pein
will förderlich und dienstlich seyn.
Göthe 12, 136;
lasz das, mein kind! du fühlst, ich bin dir gut.
179;
ich bin dem mädchen sehr gewogen.
50.
loser ist die verbindung bei dem sogenannten dativus ethicus:
die schmerzen sind mir nicht gering.
1, 189.
γ)
manche adjective können auch einen acc. regieren, z. b.: der kerl ist keinen schusz pulver wert; ich bin das ewige herumrennen müde oder satt (auch satt und müde) u. a. vergl. k.
δ)
häufig durch präpositionen: diese salbe, arznei ist gut für die augen, für brandwunden, für oder gegen das fieber u. anderes; er ist gut zum krankenpfleger, ebenso mhd.:
si lieʒen an im schînen,
daʒ er in liep ze herren was.
Wigalois 222, 5.
h)
besonders enge verbindet sich ein adj. mit einem infinitiv (mit zu): das ist leicht zu sagen u. ähnl., s. Grimm gramm. 4, 61. 109 f.: guͦt seyn zuͦ ässen und zuͦ trincken, esui potuique esse. Maaler 372ᵃ; das es was guͦt zuͦ essen. 1 Mos. 3, 6 in der 4. bibelübersetzung, s. Kehrein gr. 3, § 36, 1; der ander kam, und schenckt im ein sugferlin, ein spanferlin, das guͦt zuͦbraten was. Pauli schimpf u. ernst 93 Österley; dise kunst, die licht zuͦ thuͦn ist, hab ich etzwe manchen gelert. Th. Platter 70 Boos; dieses sind kunstwässer .., deren eygenschafften auch ihrer natürlichen ursachen sonder zweiffel nicht mangeln, wiewohl sie bey einem leichter zuergründen sind als bey dem andern. Opitz 1, 289; dasz etzliche theile der christlichen lehre schwer zu glauben sind. 4, 372, anm.die fügung findet sich auch schon ahd. und mhd., ist aber hier lockrer und gestattet eine freiere stellung:
lang ist iʒ zi saganne
Otfrid 2, 9, 73
vil manic recke tumber   des tages hete muot
daʒ er an ze sehene   den frouwen wære guot.
Nibel. 276, 2;
swaʒ in dem herzen alle zît
versigelt unde versloʒʒen lît,
deist müelîch ze verberne.
Tristan 17823;
sô sint ouch andere vrouwen
ze sehene mir unmære.
minnes. 2, 64ᵇ Ragen;
so auch noch nhd.:
leicht ist dieses nicht zu wagen.
Tieck 1, 337.
das adj. kann sogar als attribut zu einem subst. treten:
er sprach: 'owê, Minne, ..
dû bist ze sprechen ein lindeʒ wort'.
Wigal. 207, 39.
über die berührungen mit andern constructionen vergl. 29, c. 33, l, α. 35, g.
i)
häufig treten vor das adjectiv die gradadverbien so und zu: greiffs weiszlich an, bisz nicht zubehend. bisz nicht zu gach. bedenck dich recht. Agricola sprichw. 87;
nû bin ich niht sô wîse.
Ottokar reimchron. 666;
ihr burger seit nit so abscheuch.
H. Sachs 2, 1, 12ᵇ;
verzeiht, mein edler herr, wenn ich zu dreist bin.
Tieck 1, 184.
diese haben gewöhnlich eine ergänzende bestimmung: zu mit für (das ist zu gut für mich) oder einem infinitiv mit um zu (das ist zu arg, um es ungestraft hingehen zu lassen); so in gewöhnlicher vergleichung mit wie, sonst auch mit dem infinitiv: sei so gut, mir deinen regenschirm zu leihen;
o sey doch so gut,
mit schweisz und mit blut
die krone zu leimen!
Göthe 12, 125;
o segne gott dich, allerliebster Florens,
dasz du uns allen und der christenheit
willst so gefällig sein ihn umzubringen.
Tieck 1, 267;
hier zieht die umgangssprache die lose parataxe vor: willst du so gut seyn und mich ohne unterbrechung reden lassen? Wieland 11, 191 (don Sylvio 1, 3, 4);
drum seid so gütig nur und schweigt.
Tieck 1, 340.
vgl Gellert 1, 30 unter 19, p. in ähnlichem sinne auch mit genug. ich war hart genug, ihm das gedicht vorzulesen, welches für die stimmung der truppen auf dem befohlenen rückzuge aus Berlin historisch bezeichnend ist. Bismarck ged. u. erinner. 1, 38. — auch so gut als, fast: das ist so gut wie gewisz u. ä.; ich were als vill als todt gsin. Th. Platter 64 Boos; anders:
es ist so gut als wär' es nicht gewesen.
Göthe 41, 322. s. 2, c.
k)
vielfach verschmilzt ein adjectiv mit sein vollständig zu einem verbalbegriffe, z. b. wohnhaft sein wohnen, behülflich sein helfen, geständig sein (seine schuld) eingestehen, eingedenk sein an etwas denken, sich erinnern, vgl. daselbst: einsi eyngedenck seyn unnd seinen nit vergessen. Maaler 372ᵃ; einem unbehilfflich seyn, einen nit schirmen, abesse alicui. ebenda; persönlich zugegen seyn, coram adesse. Corvinus fons latin. 649ᵇ; wen ich priester wurde sölte ich sinen ingedenk syn. Th. Platter s. 9 Boos;
sind die des himmels lauff durchsuchen nicht gestendig
ein weiser frommer mann mach' ihm die sternen bändig?
Opitz 4, 372;
alsz dasz der gottesdienst hasst eusserlichen schein,
und in dem hertzen wil mit andacht wohnhafft sein.
ebenda;
das jedern menschen sich der mensch auch soll erbarmen,
und also viel er mag behülfflich sein den armen.
ebenda;
dasz ich gedenk des schwures sei,
hast du in die hand mich gebissen.
H. Heine lyr. interm. 52.
diese adj. sind als attribute entweder gar nicht oder doch sehr selten in gebrauch.andre adj. zeigen in dieser verwendung besondere bedeutungen, die sie in attributivem gebrauche nicht haben. so sagt man: er ist mir hundert thaler schuldig (= er schuldet mir u. s. w.), aber nicht: der mir schuldige (höchstens verschuldete) mann. beleg: antwortet der Ypocras: 'du bist mir schuldig'. yener herwider: 'du sparst die warheit; ich bin dir nichts schuldig'. Wickram rollwagenb. 21, 15 f. Kurz. ebenso: die uhr ist sechzig mark wert (gilt, kostet), dagegen attributiv nur übertragen: werter freund! u. ähnl.mehrfache besonderheiten zeigt auch gut sein (vgl. daselbst), so einem gut (geneigt, gewogen) sein, s. g, β (das gegentheil böse); für etwas gut sein, von heilmitteln, s. g, δ; anders von menschen, für etwas einstehen, bürgen: Rol. aber wir kennen die leute nicht: herr kirchschreiber wolt ihr gut davor seyn, dasz sie uns anstehen? (sie fangen alle an zu schreyen: ja ja es musz jemand gut davor seyn). Weise com. pr. 266. — auch sonst enthalten viele adj. im prädicativen gebrauche besondere bedeutungen, s. z. b. schwer I, 3, theil 9, 2551 ff.; zu 3, e: dahin mich auch vielmals mein eigen verpflicht gewissen getrieben, doch (bin ich) schwer dazu gewesen. Luther briefe 1, 387.
l)
in solchen redeweisen berührt sich das adjectiv manchmal mit substantivischer fügung (vergl. 15, f), so kann man sagen: dieses ist nichts nütze, oder auch kein nütze: mein weib zeicht mich, ich sei kein nütz. Wickram rollwagenbuch 15, 10 Kurz; ach die bücher sind uns nichts nütze. Weise comöd. pr. 231;
daʒ die schilte goltvar
für stiche wâren dehein guot.
Wigalois 171, 38.
m)
sein von verben abhängig, besonders nach lassen, etwas wahr sein lassen, zugestehen, anerkennen:
der heiden volck so doch die christen pflegt zu hassen,
als wie man lesen kan, musz solches war sein lassen.
Opitz 4, 345.
in besonderm sinne es gut sein lassen, es abgethan sein lassen, sich damit zufrieden geben u. ähnl.:
ey, das ist in eim zoren gschehen.
sie hat es nicht also gemeint ...
mein Martsch, lasz es also guͦt sein.
H. Sachs fastn. sp. 2, 103, 283 neudruck;
lasz nur gut
seyn! — einmal bleiben wir doch alle weg!
Lessing 2, 306 (Nathan 4, 3).
nach scheinen: du scheinst nicht sehr heiter zu sein. eigenthümlich ist dafür folgende construction: der mangel der verschwiegenheit .. ist nur eine unart des weiblichen pöbels; und der männliche pöbel macht in dieser hinsicht so wenig eine ausnahme, dasz er für schwatzhafter zu seyn scheinet. Hippel 6, 191.
n)
häufig sind unpersönliche ausdrücke mit adjectiven: es ist heisz, dunkel, es ist gut so u. ähnl.: dann es was zu allerzeit kottig überall in der stat. d. städtechron. 5, 146, 22;
wirklich ist es allerliebst
auf der lieben erde.
Göthe 1, 134;
da unten aber ist's fürchterlich.
Schiller 11, 223;
im leuchtenden teppichgemache,
da ist es so duftig und warm.
H. Heine lyr. interm. 58.
mit dativ, das ist mir lieb u. ähnl.: mir ist gester heisz gsin uff der straasz, han trunken. Th. Platter s. 72 Boos;
zo Vrechen up dat huis wurden si geleit,
it were in leif of leit.
d. sädtechron. 12, 53, v. 1101.
diese wendungen berühren sich nahe mit adverbialen verbindungen, s. 22, l.
o)
zu den adjectiven gehören eigentlich auch die zahlwörter, doch werden sie häufiger als substantive construiert, s. 21. dasselbe gilt von den unbestimmten zahlbegriffen, wie viel, wenig, genug, s. 21, d. als adjective häufig mit ergänzung im dativ: sol man schaf und rinder schlachten, das jnen gnug sey? 4 Mos. 11, 22; (die Deutschen sind) ein unüberwindtlich und sighafft volck, .. dem auch kein abentheür und muͦtwil zuvil ist, das alle spil wagt. Franck weltb. 42ᵇ; und ist im mehr denn zuͦviel gewesen, dasz er sich bey seinem eigen wagen so guͦter ding gemacht. Kirchhof wendunm. 1, 226 Österley (1, 186); ich sage dir dasz ich wachte, und das soll dir genug seyn. Wieland 11, 191 (don Sylvio 1, 3, 4);
ist's euch nicht genug, ...
dasz ihr früh mich in das grab gebracht?
Göthe 1, 248.
oder mit für:
und würfe man mich auch in pech und schwefel,
so wär das nicht zu viel für meinen frevel.
Tieck 1, 355.
genug sein gern in unpersönlicher fügung mit an: es ist genuͦg an dem, das eines noch der vernunfft unentsetzet blibt. Keisersberg seelenparad. 18ᵃ; lasz deiner schadenfreude an meinem anblicke genug sein. Tieck 1, 86. auch mit persönlichem subject: ich bekenne zwar meine unwürdigkeit, dasz ich viel zu wenig bin, einer so galanten person auffzuwarten. Weise comöd. pr. 235;
bleibe, Lidamas, im zelte,
jene sind genug dem dienste.
Tieck 1, 320.
so auch (veraltet) einer pflicht genug sein, genügen: damit ich solcher begierd und pflicht muge gnug seyn. Luther briefe 1, 387. vgl. auch 26, f.
p)
besondere arten von adjectiven sind ferner die participien, s. 31—33.
21)
als einen specialfall des adjectivs kann man auch das zahlwort betrachten.
a)
kaum als solches anzusehen ist ein(s) sein: ich und der vater sind eines. Joh. 10, 30; dafür bestimmter: darumb, wird ein man seinen vater und seine mutter verlassen, und an seinem weibe hangen, und sie werden sein ein fleisch. 1 Mos. 2, 24 (vgl. zwei seelen und ein leib unter seele II, 12, h, theil 9, 2886). heute nicht üblich, dagegen ganz gewöhnlich eins sein = einig, einträchtig sein. von abstracten:
beglückt vor allen sind die könige,
wenn ihr gemüth mit ihrem stande eins ist.
Tieck 1, 238.
b)
mit bestimmten zahlen, wo für sein heute gern betragen eintritt: alle seelen die mit Jacob in Egypten kamen .. sind alle zusamen sechs und sechzig seelen. und die kinder Joseph die in Egypten geboren sind, waren zwo seelen, also das alle seelen des hauses Jacob, die in Egypten kamen, waren siebenzig. 1 Mos. 46, 26 f.; das alle, die ins lager Juda gehören, seien an der summa, hundert und sechs und achzig tausent, und vier hundert. 4 Mos. 2, 9;
und sieh! wir waren drey,
und vier' und fünf' und sechse.
Göthe 1, 127.
c)
hierfür läszt die sprache gern ein partitivverhältnis eintreten, indem das subject in den genitiv tritt und das zahlwort nun zum grammatischen subject wird. also, anstatt sie sind fünf, seine begleiter waren (betrugen) zwanzig sagt man lieber: ihrer sind fünf, seiner begleiter waren zwanzig, wendungen, die grammatisch sich an 3, a anlehnen: do waren unser fünff. Th. Platter 19 Boos; ihr herren verzehlt euch nicht, unser seyn zwey. Weise comöd. pr. 87;
die heil'gen drey könig' sind kommen allhier,
es sind ihrer drey und sind nicht ihrer vier.
Göthe 1, 164.
während jetzt gewöhnlich das prädicat dabei im plur. steht, setzt es die ältere sprache (mhd. u. s. w.) in der regel in den sing., in übereinstimmung mit dem als substantiv empfundenen zahlworte, das subject ist:
hundrit tûsunt was dere
und zwênzich tûsint dar zô.
Lamprecht Alex. 3183 Kinzel;
vierzic was der frouwen.
Wigalois 206, 34:
Tyris heet die derde riviere,
die vierde Eufrates, dus esser viere.
Maerlant Alex. 7, 872.
freier und kühner ist die wendung:
und wære ir ieglîches drî (an stelle von jedem drei da),
die mir dâ wartent mit den spern,
ich trûwe si alle wol gewern.
Ulrich v. Liechtenstein 244, 6.
in der neuern sprache, besonders im täglichen verkehre, werden diese redeweisen bei substantiven ganz umgangen (dafür: es waren vierzig frauen da u. s. w.). bei persönlichen fürwörtern sind sie üblicher, doch tritt gewöhnlich der genitiv zum prädicat, also wir waren unser viere (beliebter als unser waren vier).
d)
ebenso werden die unbestimmten zahlbegriffe, wie wenig, viel, genug u. ähnl. (vgl. 20, o) behandelt. auch hier hat die ältere sprache das prädicat gewöhnlich im sing.:
ir ist sô vil, die des nu pflegent,
daʒ si daʒ guote z' übele wegent.
Tristan 29.
ebenso im ältern nhd. (16. jh.): erwelet jr einen farren, und macht am ersten, denn ewr ist viel. 1 kön. 18, 25; solt ich sie zelen, so würde jr mehr sein denn des sands. ps. 139, 18. daneben (und so jetzt immer) im plural: mich bedunkt, der professoren sygen vill zvil, den iren sind offt schier mer den studenten. Th. Platter 97 Boos; da handlung nur ein theil des gedichtes seyn sollte, so sind der lyrischen ergüsse viele. Tieck 1, s. xl;
keim gleisner thu mehr trauen,
wie viel ihr imer sind!
bergr. s. 52, 9 neudruck.
so schon mhd. in der ganz zu 20, o gehörigen wendung:
wer sie sach, dem wârn ir genûc.
livländ. reimchron. 7575;
dirre gebe ist mir ze vil.
Wigalois 158, 17.
kühner ist der gen. in folgender stelle:
heb dich darvon, dein ist zu viel!
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 119, 6.
e)
ungenaue angaben werden durch zusätze wie ungefähr, etwa, annähernd, beiläufig oder durch präpositionen bezeichnet. von diesen drücken unter, meist auch an, gegen ein weniger, über (ob) ein mehr aus, um läszt nach beiden seiten spielraum. an und um haben gewöhnlich den artikel nach sich (an die tausend). für über in der ältern sprache gern ob: und ist ze wissen, dasz alle juden hie wasen ob 300. d. städtechron. 5, 163, 1;
die summ der toten ist offenbar,
sein ob sechs hundert sag ich euch fürwar.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 92 A, 14.
22)
für das adjectiv kann in vielen fällen ein adverb eintreten.
a)
in der ältern sprache in weitem umfange, z. b. ahd.:
lango, liebo druhtîn mîn,   lâʒ imo thie dagâ sîn.
Otfrid ad Ludow. 35,
vgl. Erdmanns anmerk., die die übrigen fälle aus Otfrid zusammenstellt.mhd. ist das adverb besonders beliebt an stelle der adj. auf -lich, und zwar erscheint es hier in der doppelten form des eigentlichen adv. auf -lîche und (noch häufiger) des adverbial verwendeten dat. plur. auf -lîchen, s. Lachmanns anmerk. zu Nib. 1792, und Grimm gramm. 4, 926:
daʒ ir vil werlîchen sît.
Nib. 1792, 4;
sehen wie trûreclîche eʒ was.
Tristan 2005.
derartige ausdrücke reichen bis ins nhd. hinein: das uns allen erlich, und der vereynung .. trostlichen sye. Schilling burg. krieg 130; das ist also das dritt umb des willen die ware armuͦt gott loblichen ist. Keisersberg seelenpar. 34ᵈ; einer trug disz, der ander ienes hinausz, und was iedem am besten füglichen was. Kirchhof wendunm. 1, 223 Österley (1, 183); und waren dabei ganz guter dinge und fröhlichen. Schweinichen 2, 95; worzu das erstere fette bier im brauen .. denen kindern einzuflössen gar dienlichen ist. Ettner hebamme 872.
b)
besonders beliebt ist ferner das adverb in ausdrücken der zeit und der räumlichen entfernung, wie spät, früh, nahe, ferne sein, vgl. Grimm gramm. 4, 924—6. beispiele: mittiu iʒ spâto uuas thes selben tages. Tatian 230, 1;
nû was eʒ ouch alsô spâte.
Iwein 6542;
wært ir iht fruo?
Parz. 166, 7;
wand eʒ ist leider nû sô spât,
daʒ mich fliuhet wîser rât.
Ottokar reimchr. 667;
daʒ hûs was im sô nâhen
daʒ si dar abe sâhen
den gast gewâfent rîten.
Wigalois 54, 24;
mir was vil ofte nâhen der tôt.
Ulrich v. Liechtenstein 547, 4;
die veinde warent nahent.
Heinr. Wittenweiler ring 51ᵈ, 26.
c)
im nhd. konnte sich diese construction schon deswegen nicht halten, weil das adv. überhaupt eine eigne form verloren hat und mit dem adj. zusammengefallen ist. sie ist nur da noch erkennbar, wo ein wort nur in adverbialem gebrauche vorkommt oder wo adj. und adv. sich in der bedeutung differenziert haben. was die zuletzt genannten redeweisen betrifft, so sind die adverbien spat und fruh in der schriftsprache ausgestorben. beleg aus der ältern litteratur: ich wolt gären schriben .., aber es ist spatt. Th. Platter s. 47 Boos. in mundarten sind sie vielfach noch lebendig, doch kaum deutlich als adv. empfunden, z. b.: bi önk recht z'tuad frua gwest. Schöpf 667. es ist indessen zu beachten, dasz auch das adj. früh, spät bei persönlichem subject nicht mehr üblich ist, da das heutige sprachgefühl anstatt sein einen volleren verbalbegriff verlangt (früh auf sein, aufstehen, aufbrechen, spät kommen, ankommen und ähnl.). doch hat sein einen ähnlich prägnanten sinn in den noch heute üblichen wendungen rechts bez. links sein (mit der rechten hand zugreifen, arbeiten u. dergl.): er kund auch zu bayden seitten fechten, dann er lincks und rechts was, zuͦ der rechten hand eben als wol als zuͦ der lincken. Keisersb. 7 schwerter aa 5ᶜ.
d)
dagegen sind nahe und ferne noch heute im gebrauch:
ich bin bei dir, du seyst auch noch so ferne,
du bist mir nah!
Göthe 1, 65.
vorzüglich in gewissen wendungen unter dem einflusse der sprache Luthers, so besonders einem zu nahe sein (oder treten): sünde der zungen, dadurch man dem nehesten mag schaden thun, oder zu nahe sein. 4, 404ᵇ; o das war dem edlen geblüt und stam Israel zu nahe. 8, 50ᵇ; wie ich zu hitzig und zu scharf gewesen, doch nit vermeinet, der h. ro. kirchen damit zu nahe seyn. br. 1, 208. — ferne sein: verr von land seyn, verr in weyten landen seyn, longe gentium abesse. Maaler 372ᵇ; deine gerichte sind ferne von jm. ps. 10, 5; aber du herr sey nicht ferne, meine stercke eile mir zu helffen. 22, 20. namentlich das sei ferne von mir, das werde ich gewisz und bestimmt nicht thun: das sey ferne von dir, das du das thust. 1 Mos. 18, 25. in diesem falle ist fern selten: das las der herr fern von mir sein, das ich das thu. 2 Sam. 23, 17. natürlich soll nicht gesagt sein, dasz man ferne noch deutlich als adverb empfinden würde; bei nahe ist dies schon dadurch ausgeschlossen, dasz dies im nicht-attributiven gebrauche die einzige form ist. auch weit in diesem sinne ist wol als adverb zu fassen, wie es sich dem attributiven gebrauche entzieht. häufig freier: nit weyt vom tod seyn, dem tod nach seyn, abesse propius a morte. Maaler 372ᵇ; weyt vom zanck unnd hader seyn, sich inn zancken unnd haderen nit lassen finden. ebenda; weyt von der warheit seyn. 372ᶜ.
e)
sonst steht das adverb als prädicat besonders in fällen, wo ein adjectiv daneben nicht vorhanden ist, z. b.: alle mühe war umsonst; 's ischt olls umsüscht gwöd'n. Schöpf 667; beschützt ihn gott nicht, so wird menschliche klugheit vergebens seyn. Weise comöd. pr. 196. — links, rechts sein, s. oben c.
f)
als adverbia kann man auch einige ganz zu einem begriffe zusammengewachsene präpositionale ausdrücke rechnen, wie besonders zusammen sein:
nur spät war erst das bündel zusammen.
Göthe 40, 245 (Herm. u. Dor. 2).
hier kann man auch ellipse eines part. (gebracht, gepackt) annehmen. auch von menschen:
wie wir nun zusammen sind,
sind zusammen viele.
Göthe 1, 136.
mhd. dafür:
wir müeʒen immer sament wesen.
Hartmann v. Aue 1. büchl. 1032.
das gegentheil, mit einem auseinander sein, sich mit ihm überworfen haben: sage sie doch einfach ja, dann ist sie mit dem säufer kurzer hand auseinander. Bismarck ged. u. erinn. 1, 7. — landschaftlich auch z. b. zuwider, abgeneigt, sein: es seie nit weniger, dasz ime solches dorfpuech vor einen jar vertraut, und er verhoff, es were sowohl und billich zu Staben im gotshaus, als zu Tablant versorgt und zu behalten, iedoch sî er dasselbig herzugeben nit zuwider. tirol. weisth. 3, 325, 6. einem feindlich sein:
doch sind die Türken alle dir zuwider
und lechzen schon nach deinem bald'gen tode.
Tieck 1, 245.
g)
nötig ist dagegen heute die adverbiale ausdrucksweise beim prädicativen superlativ, sofern nichtwas gleich gut und üblich istder bestimmte artikel gesetzt wird (s. 20 f.): solche leute seyn ihm am liebsten. Weise comöd. pr. 290; grosze seelen sind am geschicktesten einander gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wieland 3, 105 (Agath. 12, 4);
und wenn er drauff maind sten am festen
und sey zu hof am aller besten.
H. Sachs 1, 518ᵃ.
h)
als adverb erhalten hat sich wol neben dem (heute auch adverbial gebrauchten) gut. so mhd. daʒ ist wol, verhält sich wol, ist in der ordnung, bene est, z. b.:
hœrt iht dinges mê dar zuo,
daʒ ist wol, daʒ man daʒ tuo.
Vridanc 95, 11.
heute dafür durchweg das ist gut. beides neben einander: mag man sie verkaufen, das sî wol und guet. tirol. weisth. 4, 224, 15. bei ellipse des verbs dagegen neben gut! auch wol!, wenn auch seltner und mehr im sinne des zugeständnisses einer thatsache.dazu der superlativ: die sach aller best ist, es sei dann dz der vater etwas anders sagt. Terent. (1499) 34ᵇ.
i)
so auch von personen ich bin wol, befinde mich wol (also durchaus verschieden von ich bin gut): wohl seyn, wohl auf seyn, bene valere. Frisch 2, 266ᵇ; ich bin seit etlichen tagen nicht gar zu wohl gewesen. Rabener bei Adelung 4, 451. das gegentheil gewöhnlich unwol sein. der comparativ lautet gewöhnlich besser: er ist schon wieder besser (auf der besserung, von einem, der krank oder unwol war), seltner und weniger gut woler. doch ist auch das einfache besser sein nicht sehr üblich (weil nicht deutlich): du magst versprechen, nicht aus deiner terminey zu gehen, und wirst immer besser seyn als hier. Göthe 8, 125 (Götz v. Berl. 4; das übliche wäre: besser dran sein). im superlativ: ich denke, auf meiner kammer wird er am besten sein, da widerfährt ihm gewisz kein leid. Tieck 1, 188. — wol an etwas, an einem sein, s. 25, b, δ. wol auf sein, s. 24, c.sonst werden zuweilen ortsadverbien ähnlich gebraucht (in übertragenem sinne), hoch sein, obenauf sein, eine hervorragende stelle einnehmen, in guter lage sein und ähnl.: der herr aber wird allein hoch sein zu der zeit. Jes. 2, 11 (oder als adj. gemeint?).
k)
gebräuchlicher sind unpersönliche ausdrucksweisen mit dem dativ der person: mir ist wol, ich befinde mich wol, mir geht es gut:
in was wol und niht ze wê.
Parz. 203, 11;
dir ist nû wol: ê was dir wê.
Wigalois 121, 30;
der minne gruobe, der minne hol,
dâr inne in vor was sô wol.
Heinrich v. Freiberg Tristan 3326;
wie wohl ist mir, o freund der seele,
wenn ich in deiner liebe ruh.
kirchenlied von W. Chr. Deszler
ach, wie wohl wär' mir daheime!
Tieck 1, 255;
mir ist so wohl, so weh!
Göthe 1, 20.
so auch: ihr werdet tanzen. wohl seys euch. br. 2, 64. — in der ältern sprache auch mir ist wol mit etwas: so war jm nicht wol damit wie dem bapst und cardinelen, die nur freud und lust haben, die leute mit jren fabeln zu nerren und effen. Luther 8, 279ᵃ; mir ist nit wohl mit der anderen sunde, der ich wohl weisz, wie ich auch einen balken in meinem auge habe. br. 1, 507; also wasz auch ein setzer, der ein grosser vexator und jm seer wol mit guͦten schwencken war. rollwagenb. 38, 12 Kurz (nach dem gloss.: 'der gut damit versehen war', vielleicht richtiger 'der ein groszer freund davon war, sie gern erzählte oder anstellte');
dâ uns noch mit ir mære
sô rehte wol wesen sol.
Iwein 57;
und im dô zu Tintajôl
was mit Isôten alsô wol.
Heinr. v. Freiberg Tristan 6460.
im comparativ: jetzt ist mir wieder besser;
dem freunde sollt's nicht viel besser seyn.
Göthe 1, 146;
bald wird mir dann besser sein.
Tieck 1, 304.
ironisch: es ist einem diebe nirgents besser als am galgen. Hennenberger preusz. landt. 79.
l)
ähnlich mit anderen adverbien, wie mir ist weh (s. unter k): es ist mir übel, male se habere. Frisch 2, 266ᵇ; so dir so wee ist, und nit weist wo du bliben solt. Keisersberg post. 3, 67ᵃ; ach frau mutter, wie wird mir so bange seyn! Weise comöd. pr. 204;
dem Berner was sô leide, ...
daʒ im ûʒ beiden ougen
daʒ bluot ran.
rabenschlacht 904;
dem schäfer ist gar so weh.
Göthe 1, 95;
mir ist ganz flau
um lung' und leber.
Tieck 1, 259.
auch in den steigerungsgraden: in diser nodt was mier aller ängstest, das ich die grossen giren (geier) forcht, die under mier in den lüfften flugen. Th. Platter s. 9 Boos;
wie kund iu in der werlte   immer samfter wesen?
Nibel. 1407, 1;
was mir lîhte leide, dô was ime noch leider.
Walther v. d. Vogelweide 32, 21;
ich sagiu, daʒ im dâ von
deste wirs muose sîn.
Wigalois 109, 27.
daneben auch mit dem adj.:
Karriôʒ dem was unwert,
daʒ er die jost hêt gewert
âne vallen wider in.
171, 19.
vielfach läszt die form nicht erkennen, ob ein adj. oder adv. vorliegt, so schon mhd. bei gâch, wo wol eher letzteres anzunehmen ist:
der rîter begunde kêren
sîner juncfrouwen nâch.
der was von im harte gâch.
60, 1.
ebenso im ältern nhd.: findet sichs denn, dasz sie ja nicht zu ihm will, so soll uns nicht so jach nach ihr seyn. Luther br. 3, 385. in ähnlicher fügung auch lieb (jetzt veraltet): mir ist wohl so lieb zur vereinigung, wie ich weiter mit ihm zu Koburg geredt hab. 4, 219. auch hier als adv. zu fassen nach ausweis des ahd.: sament tîen lâʒ unsih uuesen, ze dîen dir liêbo sî. Notker 2, 451, 5 Piper (ps. 105, 5); hiêr maht tu gehôren, uuîo man sol suadere ze demo uns leido ist, unde den uuir fone diu skihên. 1, 123, 14 (Boeth, 2, 51).
m)
häufig findet sich sein mit den allgemeinen correlativen qualitätsadverbien so, wie u. a.
α)
demonstrativ so: es sey also, ainsi soit il. Hulsius 296ᵃ;
er iʒ wolta,   iʒ ouh sô wesan scolta.
Otfrid 1, 25, 10;
sô selbo druhtîn gibôt,   sô scal iʒ wesan thuruh nôt.
5, 20, 47;
die rede sîn nicht alsô.
Alsf. passionssp. 5048;
es sey so: Jacob soll von uns verbannet und verflucht seyn. Weise comöd. pr. 189; ja es soll bald so seyn. 239. häufig in der wendung:
da bind't er's an, als müszt es nur so seyn.
Tieck 1, 207.
β)
von menschen, wobei so ein 'solch, so beschaffen' vertritt:
o edles herz, ja daran kenn ich dich,
so warst du stets.
Tieck 1, 403.
in der ältern sprache istzuweilen ersatz eines bestimmten prädicats:
ir heiʒet allaʒ thaʒ jâr   mih druhtîn inti meistar;
rehto sprechet ir thâr,   ih bin ouh sô, thaʒ ist wâr.
Otfrid 4, 11, 46.
heute würde man dafür sagen: ich bin es auch. dagegen so sehr beliebt in ausdrücken des vorwurfs oder der mahnung, wie sei doch nicht so u. ähnl.:
grausamer Eridon! wie kannst du nur so seyn?
Göthe 7, 23 (laune des verl. 5);
die'ndle mei ̃ mei ̃,
muost nit gàr a sou sein,
wènn de gàr a sou pist,
is mei ̃ heargean umsüst.
Lexer 231.
bestimmter kann für sein auch beschaffen sein eintreten; in der ältern sprache gethan sein: die christenheit aber ist also gethan, dasz sich ein jglicher des andern not annimpt. Luther 4, 70ᵃ.
γ)
mit andern adverbien: und wenn er schon soliches warneme und meinet jm sey also, so ist es dennocht anders. Keisersberg seelenp. 169ᵇ. der umgangssprache gehört an die idiomatische redensart es ist so so (so lala, so lila), einigermaszen, leidlich, so ziemlich, nicht besonders. dafür im ältern nhd.: er ist also hyn. disz wort ist weitleufftig, und mag gebraucht werden zu allen den dingen, damit wir umb gehen. von menschen, ist er reich, gelert, from, weise? ..: er ist also hyn. es bedeutet aber also vil, als, es ist ettwas, aber nicht gar, es ist bey dingen 'es muͦsz sich leiden, es ist masze u. s. w. Agricola sprichw. 509. nd. (um Hildesheim): ichtens oder hallwege (d. h. halfwege, halbwegs) sein, 'es ist nicht ganz schlecht, es geht an'. nd. korrespondenzbl. 10, 42.
δ)
wie im vergleich (vgl. 18, c): da meinestu, ich werde sein gleich wie du. ps. 50, 21;
wir sindt zwar all drey nit vast bider,
es ist der wirt gleych wie die gest,
es sint die vögel wie das nest.
H. Sachs fastn. sp. 2, 151 neudruck.
ε)
mit dativ der person (dativus ethicus): da sprach der bischof: mir ist einer als der ander (d. h. für mich, in meinen augen, nach meiner schätzung). heiligenleb. (1472) 2ᶜ;
im (dem tode) ist der arm recht sam der reich.
Heinr. Wittenweiler ring 26ᶜ, 12.
hier nähert sich sein der bedeutung 'gelten, gerechnet werden', vergl. 18, b.
ζ)
die bestimmung durch einen relativsatz (mit wie, als) gegeben: wenn es seyn wird, wie wir wollen. Steinbach 2, 981;
kunic Kuonrât sprach: 'herr, ich bin,
swie ir gebietet unde welt.
Ottokar reimchr. 2982;
warlich, der stosz
war wie ihn nur ein ritter führen konnte.
Tieck 1, 267.
sein steht im relativsatze:
mainaide prief, mainaide wort
han ich von im nie hoͤrn lesen,
als leicht ist maniger vor gebesen.
Suchenwirt 3, 60;
du stiegst herunter wie du bist.
Göthe 1, 185 (der fischer);
in freierer fügung: wie die meisten menschen sind. Steinbach 2, 981; aber der general, wie der euch nun ist, blieb mit dem knaben allein bey der schönen blendenden Isabelle. Klinger theater 4, 121. — sein in beiden sätzen: wir müssen sein, wie wir nun einmal sind! Eiselein 566;
ich bin nun wie ich bin;
so nimm mich nun hin!
Göthe 1, 36;
o wäre, wie es heute war, auch morgen.
Tieck 1, 393;
ich bin nicht, wie die menschen oft wohl sind.
Grillparzer⁵ 8, 67 (⁴ 7, 66).
so auch unpersönlich:
sie sey
nun eure tochter, oder sey es nicht!
sey christinn, oder jüdinn, oder keines!
gleich viel! gleich viel! ...
sey, wie's sey!
Lessing 2, 340 (Nathan 5, 5).
vergl. 27, c.
η)
relativsätze mit anderen conjunctionen, besonders mit darnach (wofür jetzt üblicher je nachdem): den hauptleutten und kriegsleutten, danach die personen send, darnach schenckt man. d. städtechron. 25, 409, 5; item es soll auch der marktrichter aufsechen, das dasz brodt rechte grösz und schwer habe nach dem und dasz getrait jederzeit sein wurte und kauf hat. steir. teid. 83, 6.
θ)
wie fragend: wie ist mir denn? ich habe ihnen doch gesagt, dasz sie herr vater gesucht hat? Lessing 1, 262, vgl. 23, a.
n)
da zu sein derartige qualitätsbestimmungen treten können, redet man auch von verschiedenen arten zu sein: er soll sich aufopfern, seine zeit, seine gesinnungen, seine art zu seyn. Göthe 17, 7; es gehört auch diesz zu deiner art zu seyn. 20; ich bin ihm nun kein fremder mehr, von dessen art zu seyn und von dessen laune er etwa nicht gewisz wäre. 20, 284; von Ochsenstein .. war bei seiner eingezogenen art zu seyn, während seines lebens nicht merkwürdig geworden. 24, 117.
23)
in manchen fällen sind neben den besprochenen wendungen auch unpersönliche ausdrucksweisen in gebrauch, wo dann das logische subj. entweder in den dativ tritt oder von den präpositionen mit oder um abhängig wird.
a)
ganz gleichbedeutend mit das ist so sagt man dem ist so, besonders in kurzen allgemeinen sätzen (dem sei nun, wie ihm wolle; wie dem auch sein mag u. ähnl.), vgl. Grimm gramm. 4, 705 f.: es sey dem also, esto. Corvinus fons lat. 649ᵃ;
'sô sul wir gerne strîten'   sprâchens, 'und ist im sô'.
Ortnit 359, 4 (vgl. die anm.);
wâ hât der wurm iuch genomen
oder wie sint ir her bekomen?
gern wiste ich wie dem wære.
Virginal 153, 6;
ob dem also sei, so fragt herr richter, in offne schrann. steir. teid. 65, 6; mein weib zeicht mich, ich sey kein nütz; wie wer jm, so ichs mit meiner magt versuͦchte. rollwagenb. 15, 10 Kurz; da sagt er: 'ist dem also?' Th. Platter s. 42 Boos; herr doctor, wie ist im, das ier nit frölich sind wie vormall? 72; dem sey nun, wie ihm wolle. Wieland 1, 358 (Agath. 6, 4); dem sey indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners u. s. w. 3, 25 (11, 2); wie dem auch seyn mochte. 6, 340 (d. gold. spieg. 1, 11); doch dem mag seyn, wie sie wollen; diess wenigstens geben alle .. zu. 10, 98 (grazien 5); o, dem sey nun, wie ihm wolle! Lessing 1, 300 (d. j. gelehrte 3, 16);
nun,
sey wie ihm sey!
2, 306 (Nathan 4, 3);
dem sey nun, wie ihm will, die keusche infantin erwacht
auf einem bette von schilf und wasserlinsen.
Wieland 4, 92 (Amadis 4, 13);
habe nichts dagegen, dasz ihm so sey;
aber dasz mich's erfreut,
das müszt' ich lügen.
Göthe 4, 355;
es sey nun wie ihm sey! uns ist die schlacht gewonnen.
41, 288 (Faust II, 4).
im mhd. finden sich auch sehr oft bestimmte ausdrücke, substantiva, in dieser fügung verwendet, in der bedeutung 'etwas ist so beschaffen, es verhält sich so damit':
und wære der arzenîe alsô
daʒ man sî veile vunde.
der a. Heinrich 216;
dô was dem sper niht alsus.
Parz. 482, 11;
'wie ist disem mære?' 'im ist alsô'.
Trist. 12495;
sît der rede ist alsô.
Wigalois 70, 20;
in einer grôʒen wilde
ein schœne gezelt was ûf geslagen.
wie dem wære, daʒ wil ich iu sagen.
eʒ was hôch, sinwel unde wît.
87, 37;
si sageten im diu mære,
wie der rede wære.
Lanz. 8336;
wie man der hôchzît beginne
oder wie dem ende wære,
daʒ ist mir sô unmære.
Ottokar reimchr. 9340;
er tet im kunt und seit
der ebnung wârheit,
wie der solde wesen.
36034;
sô muge wir enphinden
und erkennen dâbî,
wie sîner meinunge sî.
85646;
sô merkent wie der sachen sî,
von mîner juncvrouwen.
Virginal 26, 9;
dem rehte ist also. Augsb. stadtb. bei Schm. 2, 202. alle diese wendungen sind im nhd. nicht mehr gebräuchlich.in anderm sinne von personen: wie ist dir? d. h. wie geht es dir, wie befindest du dich?:
sine ruohte wi im wære,   want si vil sanfte lac.
Nibel. 589, 5;
nû sprechet wie dâ wære
dem guoten sündære.
Greg. 2605 Paul.
die antwort auf solche fragen geben die wendungen unter 22, k. l. so auch nhd. noch ganz gewöhnlich, s. 22, m, θ. selten mit zugesetztem es:
drum frag' ich dich nach dem,
der einer frag' unwürdig ist, dem mann
der schlauen, scharfen zunge, wie ist's ihm?
(τί νῦν κυρεῖ Soph. Phil. 440).
Stolberg 14, 277.
b)
für diese letztgenannte redeweise würde man in der umgangssprache lieber sagen wie ist (steht) es mit ihm: sagt, wie ist es mit Egmont? Göthe 8, 269 (Egm. 5). entsprechend:
nicht immer war es mit uns so
jammervoll, als ihr uns heut auf diesen wegen erblicktet.
40, 245 (Herm. u. Dor. 2).
gleichwertig ist die frage:
du trautes kind, was ist mit dir?
Bürger 13ᵇ.
dafür auch: wat wolts meet deesem kerl sin? hey hett den tüfel in liff. Simpl. 1, 159, 24 Kurz (2, 13); mit dem jungen ist es etwas wunderliches. was groszes wird zeitlebens nicht aus ihm. Tieck 1, 174;
es ist mit ihm ein recht bedenklich ding.
214.
weiter ab liegt die wendung: um's himmels willen! rief Wilhelm, .. was ist das mit dem grafen? Göthe 20, 22. — ähnliche redewendungen in bezug auf sachen: wie war es mit dem ballet? .. ich fürchte, es ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte. 18, 16;
zwar ist's mit der gedanken-fabrik
wie mit einem weber-meisterstück.
12, 95;
es ist wahr, mit dem freyen ist zu langer kauff. es heist darnach, hast du mich genommen, so mustu mich behalten. Weise comöd. pr. 221 (kaum unterschieden von: das freien ist langer kauf, vgl. d). — nach Adelung 4, 452 wären solche wendungen der anständigen schreibart fremd.
c)
entsprechend mit um: aber wie war's um den landfrieden? Göthe 8, 32 (Götz v. Berl. 1; dagegen im Gottfr. v. Berl.: aber wie war's mit dem landfrieden? 42, 39);
we it darom weire, dat ste da it ste.
d. städtechron. 13, 183, 7;
vergl. auch: denn er hette es nicht dürffen schreiben, wenn er nicht wüsste, wie es umb den menschen gethan were. Luther 4, 199ᵃ.
d)
so besonders in der sehr verbreiteten umschreibung es ist etwas schönes (eine schöne sache) um die gesundheit u. ähnl. (für: die gesundheit ist etwas schönes; selten mit in ähnlicher verwendung, s. b zu ende): wahr ists, dasz ich gesagt habe, es sey gut ding umb beichten. Luther br. 2, 419; es ist ein unleidenlichs ding umb glück. S. Franck bei Kehrein gr. 3, § 296, 8; es ist auch ein gefressig und hungerig ding um diese hüner. Coler hausb. (1640) 382; weiter so ists um die tauben ein sehr fruchtbar ding. 386; ja das ist wahr, es ist ein edel kleinod um einen gesunden leib. Weise comöd. pr. 285; es ist was schönes und erbauliches um die sinnbilder und sittensprüche, die man hier auf den öfen antrifft. Göthe 16, 203. — es ist schade um etwas, s.schade 7, b, β, theil 8, 1977:
es wär' ja schade um die art.
Tieck 1, 190.
24)
mit präpositionaladverbien bildet sein die sog. trennbaren zusammensetzungen. sie sind meist unter dem ersten theile behandelt. im allgemeinen sind sie in der neuern sprache weniger verbreitet als in der ältern. sie haben theils gleichformige präp. neben sich (s. b. e. h. k, α. l. o), die im nhd. durchgehends bevorzugt werden (also mhd. einem bî wesen = nhd. bei einem sein), theils ist bei ihnen ein verbalbegriff (meist der bewegung, im part. perf.) zu ergänzen (s. besonders a. c. d. f. i. m. n. q).
a)
absein, s. theil 1, 115, mhd. und im ältern nhd. (bei Luther) sehr häufig, gewöhnlich mit dem sinne 'vorbei, abgeschafft, weggeschafft, nicht (mehr) vorhanden sein, fehlen': seyn, an den præpositionen in der composition, musz mit einer ellipsi erklärt werden, das ist, dasz man ein verbum darunter verstehet das dabey stehen kan, die weise und andre umstände auszudrücken, als: ab seyn, vom ort, nicht da seyn, abesse, desiderari. es ist weit davon ab, (abgesondert, abgelegen etc.), longe distat, magnum intervallum est. er ist ab (nemlich abgeschafft, abgesetzt, abgedanckt etc.). Frisch 2, 266ᶜ;
sint der kirchin von der wîgin
nî ab was druckindiʒ leit
noch duldende gerechtikeit.
Nic. v. Jeroschin 2264;
swaʒ er mit sîner martel habe
erliten daʒ sî nu alleʒ abe,
daʒ werde niemer geklagt.
Heinr. v. Neustadt von gotes zuokunft 7856;
wiewol .. solch alt osterfest unlengest ab ist, so sind doch die psalm und schrifft, so davon reden und singen, nicht gantz tod oder umb sonst. Luther 5, 204ᵃ; das sein bund mit dem volck bleiben sol, und nicht absein, noch auffhören. 206ᵇ; denn dis alles sind nicht sonderliche und andere wesen ausser gott, sondern das einige göttliche wesen selbs, ja es mag auch kein engel noch mensch von sich selbs, als vielen reden, umb solcher eigenschafft willen, da sie doch nicht das wesen selbs sind, sondern bey, und ab sein mögen. 8, 30ᵇ; weil nu die tyranney des bapsts ab ist. 347ᵃ; wo nu die güter ab wären, dörfte man solchs bannes nit. br. 2, 386. auch von etwas frei, einer sache überhoben sein: wünscht mir nichts, dessen jr selbs gern ab weren. Fischart podagr. trostb. C 1ᵇ. — mundartlich (schweiz.) einem etwas abseyn, verweigern. Stalder 2, 369.
b)
an sein, vgl. theil 1, 459. so schon ahd.:
ther gotes geist, ther mo anawas,   ther gihiaʒ imo thaʒ.
Otfrid 1, 15, 5;
ebenso mhd.:
sunder ob etslîch genas,
dem dî snellekeit was an,
daʒ er in dî burg intran.
Nic. v. Jeroschin 26056.
nhd. zunächst rein örtlich: unter den vögeln ist die see- oder schild-amsel sehr dumm .. wenn auch welche heraus kommen (aus dem 'strauche' beim vogelheerde), sind sie doch wohl wieder an, und fallen nochmals ein. Döbel 2, 216ᵃ. häufig bei einem wol an sein (wie sonst wol angeschrieben), hoch in gunst stehen, besonders schweiz. Stalder 2, 369: so brüllt es ihr ins gesicht, wie manch gut zeugnis es habe, wie es allenthalben wohl angewesen, es allen habe treffen können. Gotthelf Uli d. pächter s. 168 Vetter. ebenda auch: es ist ihm so an, in seiner natur; es ist mir heut nichts an, ich habe keine lust dazu. Stalder a. a. o.
c)
auf sein, s. theil 1, 735, von der sonne:
tot dat die son hooch op was.
Reinaert 6880;
vom menschen: früh aufseyn, surgere multo mane, matutinum esse. Frisch 2, 266ᶜ; lang aufseyn, bey der nacht, tardius cubitum ire. ebenda. besonders aufbrechen, aufstehen oder aufgestanden sein, sich erheben (mit waffen), im anzuge sein, z. b.: aufseyn wider einen. der Türk ist auf, Turci in armis sunt Frisch 2, 266ᶜ;
swem nach êre stât der sin,
der sî ouf, ich var dâ hin.
Heinr. v. Neustadt Apoll. 19420;
darumb spricht gott, ich mus auff sein,
die armen sind verstöret.
Luther 8, 364ᵃ;
do was man allenthalben zu Dachspach und zu der Newenstat und anderswo auf und eilten den unsern nach. d. städtechron. 2, 225, 12; sie waren auff zuͦ ross und wagen. Pontus 28; l gr. einem bothen von Gotha nach Molhawszen geschicktt umb erforschunge willen ab der hertzogk von Luneburg auff sein wolt. Tenneb. amtsrechn. v. 1533 bei Dief.-Wülcker 852; so soll jedermann im gericht auf sein .. mit seiner wehr und harnisch. steir. teid. 427, 3; was man von aines gemainen nucz wegen ainer gemainen nachberschaft aufgepeut, weeg, steeg, prucken oder ander notturft zu machen, so soll ein jeder man ... auf und berait sein, solches helfen zu machen. 431, 13. sehr häufig ist wohl aufseyn (jetzt gewöhnlich in wohlauf sein zerlegt), bene valere, integra esse valetudine. Frisch 2, 266ᶜ; dagegen selten: übel aufseyn, male se habere. ebenda.
d)
aus sein, s. theil 1, 968 ff., ausgegangen, fort sein: allein es wurde ainer durch gottes gwalt oder der in seines herrn geschäft auss wär verhindert. steir. teid. 338, 12; von lichtern, ausgelöscht sein: wenn im sehlosse die lichter alle aus sind. Göthe 15, 50 (d. aufger. 4, 1). — häufiger vorbei, zu ende sein: do ist es usz, und gilt usz. Keisersberg post. 3, 67ᶜ; demnach, mus denn auch gewis sein, das Mose gesetz mus aus sein und auffgehaben worden sein. Luther 5, 130ᵃ; aus ist der bal paré — aber der teufel geht erst an. J. Paul mumien 3, 18;
dô der fride ouʒ was.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 3641;
alles ist aus, vorüber.
Klopstock Mess. 16, 149;
der tag war aus.
Storm ged. 132.
freier: aber nicht sage ich solchs, das gottes wort darumb aus sey. Röm. 9, 6. dafür gewöhnlicher es ist aus mit etwas: mit meiner hoffnung ist es aus. Frisch 2, 266ᶜ. so auch: es ist aus mit mir, perii, interii, de spe decidi. ebenda; da es denn endlich mit ihm aus (er tot) war, s. unter seelzügen, spalte 58. dafür es ist usz umb dich, s. unter 33, k. — auf etwas aus sein, s. 12, h.
e)
bei sein, s. theil 1, 1392, im mhd. häufig, z. b.:
al dîniu tougen
diu sint âne lougen
ir ougen, ir ôren al spehende bî.
Ulrich v. Liechtenstein 135, 18;
mit schimpfe was sie dem tôren bî.
Heinr. v. Freiberg Trist. 5339;
mir ist iedoch diu wîsheit bî.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2828.
seltener nhd., s. z. b. Luther 8, 30ᵇ unter a. vgl. auch:
din sorgen un din leven
is allens um un bi (in nächster nähe).
Storm ged. 60.
dagegen sehr gewöhnlich als substantiv das beisein, zugegensein, gegenwart.
f)
bevor sein, nicht häufig: mein arms unterthänigs gebet ist e. kurf. g. allzeit bevor. Luther br. 1, 237. (ahd. bifora wesan. Otfr. 1, 22, 40.)
g)
durch sein, vgl.durch B, 3, theil 2, 1577.
h)
mit sein, vgl. theil 6, 2324. 2366, in verschiedenem sinne: mitgehen, mit dabei sein, mitthun; einem mitsein, mhd. persönlich, einem zugethan sein:
wan sie gemeine wâren
Îsôten der clâren
künigîn mit triuwen mite.
Heinrich v. Freiberg Tristan 5633.
nhd. nur mit unpersönlichem subject: das ist mir nicht mit, paszt, gefällt mir nicht.
i)
nach sein, zurückgeblieben, übrig sein, hinter jemand zurück sein, s. theil 7, 123.
k)
loser ist die verbindung bei ohne sein, vergl.ohne I, theil 7, 1210 ff.
α)
einer sache ohne sein, im mhd. überaus häufig, ebenso noch nhd. im 16. jahrh., später aufgegeben, z. b.: haben sie yhren kindern wollen helffen, das sie gutte tage möchten haben und solcher unlust on sein. Luther 14, 39, 20 Weim. ausg.
β)
dagegen ist sehr verbreitet, besonders in familiärer rede, nicht ohne sein, nicht ohne grund, nicht zu leugnen sein u. s. w., s. a. a. o. 1, c: es ist zwar nicht ohne, ... dasz erstlich die sitten in schulen nicht zum besten ausgeübet werden. Schoch stud. leb. A 6ᵇ. jetzt häufig in dem sinne 'nicht gering, sehr bedeutend, nicht so übel sein'.
l)
über sein, besonders mhd., einer sache überhoben, damit verschont sein:
möht ichs mit ihte über wesen,
ich wolt die maget lân genesen.
Heinrich v. Neustadt Apollon. 15488;
daʒ er niht hete des brôtes,
dâ mite er des tôtes
êwiclîche mohte uber sîn.
Heinrich v. Krolewiz 2916;
wes du gern uber werst von mir.
Joh. v. Morsheim spieg. des reg. C 3.
jetzt nur in der umgangssprache für übrig sein.
m)
um sein, von der zeit oder ereignissen, vergangen, vorüber sein: bevor noch das erste jahr um war. Wieland 38, 270; wie die capitulation um war, adieu, herr hauptmann, macht' ich, und ging nach hause. Göthe 9, 11. — dieser weg ist um, ist ein umweg.
n)
unter sein, selten, mhd. für unterstellt, unterthan sein:
die sal mit dienste ir underwesen.
pass. 33, 8 Hahn.
nhd. zuweilen von der sonne, untergegangen sein (wofür gewöhnlich hinunter):
der sonne licht ist unter,
herabsteigt ein verhängniszvoller abend.
Schiller Wallensteins tod 4, 8.
o)
vor sein in verschiedenem sinne; im mhd. und ältern nhd. zumeist vorgesetzt sein, vorstehen, verwalten, regieren und ähnl., mit dativ: dô sprach der houbitman Accacius und der herzoge Helyades zu den nûntûsinden den si vore wâren. d. myst. 1, 138, 1; item Linhart Mendel und Peter Motter hab wir gefertigt an die Swobach, das sie der lantschaft vor sein und haubtleut sein. d. städtechron. 2, 85, 33; wan er nun alt und kranck worden were und dem reich nit notturfftiglich vorgesein möcht. 3, 288, 35; ward in gegeben .. Ott Herdegen .. zu hauptleuten und in vor zu sein. 410, 1; und zu wasserlei ambt ain jeder beruefen und dargestellt worden, der soll an aidesz stat angeloben, dasz er dem selben treulehist wolle vor sein und auszwarten. steir. teid. 26, 29; schützen: ruofet in ane vil inneclîchen ..., daʒ er in wege und vor sî. spec. eccles. 125 Kelle. mnd. für etwas sorgen oder es verhüten: se beghereden, dat se darvor weren, dat de stat Lubek umbeswaret bleve. Lüb. chron. 2, 154; aldus was de rad darvor, dat id nicht en schach. 2, 155, s. Schiller-Lübben 5, 696ᵇ (ähnlich noch nhd., künstlich archaisierend und doppelt auffällig wegen des passivs: nachdem auch dieser sache vorgewesen war. Klopstock gel. rep. 288). aber auch in ganz anderm sinne: lange weren se des vore, se volgeden ime iedoch mide. d. chron. 2, 260, 21 f. (at illi, licet dubii, secuntur tamen, s. Eike v. Repgow zeitb. s. 578 Maszm.). — nhd. vorgehen, vor sich gehen, im gange sein: wer sich von den vorseyenden geschäften des landtages, oder von der republik üherhaupt unterreden will. Klopstock gel. rep. 199; einem unserer .. bekannten machte man die bemerkung, dasz er ein buch, das er in einer vorseyenden auction im katalog angestrichen, schon dreymal besitze. Göthe 46, 193 (jetzt veraltet). — vorschweben, als ahnung, so mundartlich es ist mir vorgewesen. Schmid 490.
p)
wider sein, nhd. nur bis ins 16. jahrh., stets mit dativ, widerstehen (können):
sîner sterke was niht wider.
Wigalois 130, 27.
hinderlich sein, bedrohen, von sachen:
mihil ungiwitiri   was in harto widari.
Otfrid 3, 8, 10.
gewöhnlich von personen, einem feindlich oder hinderlich sein: unter den fursten, die dem evangelio wider sind. Luther br. 2, 547; ähnlich: so kann er je reichlich bewähren, dasz e. k. f. g. mir allzeit wider gewesen ist in solchem harten schreiben, oft mir auch lassen wehren. 305. mhd. mit gen der sache, einen woran hindern oder schädigen:
welt ir der juncfrouwen mîn
gnâden und rehtes wider sîn.
Wigalois 75, 37.
widerwillen erregen: und die weil wir den klux hand, so schmackend uns hymelsche ding nit, und sind uns wider. Keisersberg bilg. 57ᶜ. hierfür jetzt durchweg zuwider sein, das früher auch vereinzelt in dem andern sinne vorkommt: zu diesem handel hatten die Behmen erstlich einen obersten Zischa genant, der solch gros glück hette wider alle potentaten und fürsten, die jhme zu wider waren, unnd so grosse victorien erlangete. Schütz beschr. der lande Preuszen 122ᵃ.
q)
zu sein, zugemacht, geschlossen, verschlossen sein: das fenster ist zu; zuseyn, clausum esse, als eine thür. als eine wunde, sanatum esse. Frisch 2, 267ᵃ, wendungen, die meist der umgangssprache angehören; auch übertragen:
die geisterwelt ist nicht verschlossen,
dein sinn ist zu, dein herz ist todt!
Göthe 12, 32.
25)
viel häufiger ist die verbindung von sein mit präpositionen. auch hier kann nur eine kurze übersicht gegeben werden (mit verweisen auf das bereits behandelte) und ist das nähere unter den letzteren nachzusehen. reiche zusammenstellungen aus den ältern mundarten bei Grimm gramm. 4, 814—6.
a)
ab, s. 11, a.
b)
an mit dativ.
α)
räumlich, s. 10, b. freier: an eines statt seyn in einem spil, partes aliquas, sive aliquem gerere. Maaler 371ᵈ;
die wârn ouch an der wache
die naht mit ungemache.
Willehalm 71, 23;
wie ich so an eim sorglichen dienst weri. Th. Platter 10 Boos. an etwas theil nehmen: der babst Leo was daran sampt allen römischen fürsten. Morgant 341, 17 Bachmann. womit beschäftigt, in einer thätigkeit begriffen sein: es sich begabe eines tages sie an irer klage was. Steinhöwel decam. 91, 32 Keller (2, 6). manchmal einem qualitätsgenitiv nahe stehend (vgl. 19, 9):
die an disem gelouben sint
und behaltent kristen ê.
Wigalois 209, 18.
in manchen fällen sagt die ältere sprache an, wo wir jetzt in vorziehen. — an zur bildung des superlativadverbs, vgl. 22, g.
β)
an einem sein, auf seiner seite:
daʒ er in dâ mit lônte
und der Walhe schônte,
die noch an dem Priuzen wâren.
Ottokar reimchron. 813;
man seit, die dienstman weren
an im durch die vorhte.
daʒ er si niht entworhte.
5500.
im ältern nhd. häufig im sinne von angreifen, s. 12 f. beides ist seit dem 16. jahrh. aufgegeben, doch finden sich ähnliche redeweisen noch mundartlich in der Schweiz: sy a n'eim, lacessere aliquem, urgere. Schmidts dict. Bern. s. Frommann 4, 17ᵇ, an einem seyn, in ihn dringen. Stalder 2, 369. (an n'emm seh) Tobler 420ᵃ, er ist an-em, ersucht ihn dringend. Hunziker 240. vgl. ferner ε.
γ)
mit sächlichem subject, so mhd.:
mîne dinc die muͤʒen alle an gote sîn (gott anheimgestellt sein).
Silvester 286.
nhd. die reihe ist an mir, es ist an mir (doch auch ich bin an der reihe), c'est mon tour. es ist an mir (nemlich die ordnung), ordo me tangit. Frisch 2, 266ᶜ;
sie kehrt sich um, und spricht sie nicht, so ist's an mir.
Göthe 11, 243.
ähnlich was an mir ist, soviel ich dazu thun kann: so viel an mir ist, quod mearum partium est. Steinbach 2, 982; was an euch ist ruhe zu erhalten, leute, das thut. Göthe 8, 206 (Egm. 2).
δ)
im ältern nhd. wol an etwas sein, sich gut verhalten in bezug darauf, sich gut dazu stellen (?): denn ich hab, gott lob, etliche viel städte erfahren, da der rath nicht wohl am wort und schulen gewest. Luther br. 4, 119; an einem: so bin ich zuvor wohl an ihm, als der unter mir aufgewachsen und mir bekannt, dasz ers werth sey. 522. einem zugethan sein: die pfaffen aber waren nit all woll an mier, wie woll sy mier ouch guͦtz datten. Th. Platter s. 63 Boos.jetzt nur wol (übel u. ähnl.) dran sein, in guter lage, guten verhältnissen sein, es gut haben: er ist übel daran gewesen, male cum eo agebatur. Steinbach 2, 982; ich bin übel dran. Göthe 8, 191 (Egm. 1);
so sind wir scheinfrei denn nach manchen jahren
nur enger dran als wir am anfang waren.
3, 102;
hört, lieben kinder, ihr seid glücklich dran,
dasz ihr noch einen vater habt.
Tieck 1, 177;
so auch:
betrübt euch nicht, ihr guten seelen!
denn wer nicht fehlt, weisz wohl wenn andre fehlen;
allein wer fehlt der ist erst recht daran,
er weisz nun deutlich wie sie wohlgethan.
Göthe 5, 130.
mit einem wol dran sein, gut stehen: Herodes Ascalonita, was gar wol dran mit dem keiszer Julio. Keisersberg postill. 3, 13ᵇ. ebenso bey einem wohl daran seyn, multum apud aliquem valere. Steinbach 2, 982; vgl. auch: ich weisz nicht, wie ich mit ihm daran bin. ebenda. — du bist recht daran, rem divinasti, rem acu tetigisti. wenn ich anders recht daran bin, ni fallor; ihr seyd unrecht daran, erras. Frisch 2, 266ᶜ; verkehrt dran sein, verkehrt handeln: thun demnach diejenigen gar übel und sind gantz verkehrt daran, die da geschwind .. mit gott murren. Simpl. 1, 46 Keller. beide wendungen sind jetzt weniger üblich.so noch: Lila hat ihrem kammermädchen .. unter dem siegel der gröszten verschwiegenheit versichert, dasz sie wohl wisse woran sie sey: es sey ihr offenbaret worden, ihr Sternthal sey nicht todt. Göthe 11, 55 (Lila 1).
ε)
daran sein in der ältern sprache auch häufig in anderm sinne (vgl.β), wonach streben:
Nicolaus der gute man
mit stêtem herzen was dâran,
daʒ er zû Cristo wolde.
pass. 18, 18 Köpke.
wofür sorgen: ich bitt auch, meine lieben bruder, wollt daran seyn, dasz kein aufruhr durch uns erregt .. werde. Luther br. 2, 223; damit ew. gn. daran seyn künnten, dasz nicht aus sollichem feinen mandat durch böse verkehrer und deuter die sache ärger werde. 374. worauf dringen: daran seyn, aliquid urgere. Steinbach 2, 982; Ganellon was teglichen drann (sollicitoit), daz man gen Sant Johans Port rytte. Morg. 298, 33 Bachmann. dafür stimmen: wen dem also, so wirden ich nit dran sin, das man wider sy zieche. Th. Platter 42 Boos.
ζ)
unpersönlich, es ist an dem, ist dicht daran, ist soweit gekommen, etwas steht nahe bevor: es ist an dem, ita nunc res agitur. Steinbach 2, 982; es ist noch nicht an dem, dasz etc., res nondum eo pervenit, ut. Frisch 2, 266ᶜ; es ist jetzt an dem das wir sie, wo müglich, gantz abschaffen wöllen. Philand. 1, 28. in der ältern sprache auch mit bestimmtem subject (? oder es zu ergänzen?): da der teufel ... mit seinen winden und meers wellen zu dem schifflin einstürmet und schluge, das es schier nicht mehr zu sehen, und jtzt an dem war, das es solte untersincken. Luther 8, 288ᵃ. in anderm sinne: denn ich hoffe, es sey mein herz je an dem, dasz ich ... ein lust und gefallen allzeit an e. k. f. g. für allen fürsten und oberkeiten gehabt. br. 2, 138.
η)
es ist an dem bedeutet jetzt auch 'es verhält sich so, es ist wahr oder begründet'; ähnlich schon mhd.:
dô sprach der künec, des man im jehen
lange hôrte, deist an im.
Biterolf 5169.
vergl. Grimm gramm. 4, 964 (zu 860). jetzt auch in ähnlichem sinne es ist was dran: Soest. .. und das bewies er euch alles aus der bibel. Jetter. da mag doch auch was dran seyn. ich sagt's immer selbst. Göthe 8, 177 (Egmont 1). vergl.: es ist nichts an dieser zeitung, falsa sunt quae narrantur. Frisch 2, 266ᶜ. ferner an einem menschen ist was, er hat wert und bedeutung: ich versichere sie, herr v. Schleunes, an hrn. Emanuel ist 'was! J. Paul Hesp. 1, 76. daran ist nicht viel, es ist nicht viel wert: es ist nichts daran, parum carnis in hoc osse est. Frisch 2, 266ᶜ;
an mir und meinem leben
ist nichts auf dieser erd;
das Christus mir gegeben,
das ist der liebe wert.
P. Gerhardt s. 229 Gödeke;
schaff' du ihr gleich ein neu geschmeid!
am ersten war ja so (so wie so, ohnehin) nicht viel.
Göthe 12, 146.
so auch was ist (gewöhnlicher liegt) daran? was hat es für wert: suchtest du den Götz? der ist lang' hin. sie haben mich nach und nach verstümmelt, meine hand, meine freiheit, güter und guten namen. mein kopf, was ist an dem? Göthe 8, 162 (Götz von Berl. 5); wenn ihr das leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? 215 (Egmont 2).
θ)
ganz veraltet ist die wendung nicht anders dran sein, nicht zu vermeiden, zu umgehen sein: als ich nun der mechtigen statt Temixtitam zuͦnähet, und der künig sahe, dz es nit anderst dran was ... ergab er sich güttigklich dareyn. Franck weltb. 230ᵇ. ähnlich mhd.:
nû was anders niht daran,
die herren giengen an ein sprâch.
Ottokar reimchron. 5842;
dô was ot anders niht daran,
meniclich sich bereit
zuo der arbeit.
32899 (u. oft, s. das glossar).
ι)
an mit accus. s. 12, d. f.bei ungefähren zahlangaben s. 21, d.
c)
auf,
α)
mit dativ s. 10, b. ferner: auf der wacht seyn unnd sy wol versähen, vigilias obire. auff einsi seyten seyn unnd einem sein sach guͦt machen, ab aliquo esse. Maaler 371ᵈ. zu erwähnen sind noch einige sehr gewöhnliche redensarten, so auf den beinen sein (vgl. bein B, 4, theil 1, 1383):
wol zwen tag warn sy auff den painn.
Beheim ged. 5, 401.
im bilde: inzwischen ist das verdrüszliche gerücht nun einmal in Deutschland auf den beinen und im laufe und schwerlich einzufangen. J. Paul komet 1, xv. auf dem sprunge sein: ihr sucht .. nach einer höchsten philosophie .. und seid immer auf dem sprunge sie zu finden. Schleiermacher über die rel. 46. — ferner auf gutem wege sein und ähnl.: geht geht ihr mägdel, die alten herren sind auff guten wege. Weise com. pr. 245; ich hatte das gefühl, dasz der könig auf dem richtigen wege sei. Bismarck ged. u. erinner. 1, 17.
β)
mit acc., s. 12, d. e.
d)
aus, z. b. aus einander sein, s. 22, f. gewöhnlich aus einem lande sein:
so würde zu der kost
kein gast (er seye dann aus lszland) haben lust.
Scherffer ged. 492.
eigenthümlich ist: Hahn. der herr verzeihe mir, er wird gewisz ein doctor seyn. Zieg. oder wo er gar aus der schwartzen kunst ist, so müssen wir sprechen glück zu unsers gleichen. Weise com. pr. 279. auszer, s. r, α. örtlich: aussert der gfaar seyn, sicher seyn, a periculo abesse. Maaler 371ᵈ.
e)
bei,
α)
bei einem sein, s. 10, b.mit sächlichem, sogar abstractem subject, z. b.: aber meine warheit und gnade sol bey jm sein. ps. 89, 25. — beisammen sein s. 22, f.
β)
bei etwas sein, nämlich zugegen, vielfach mit dem nebenbegriff des helfens und mitthuns: bisz gegenwürtig mit dem engel Sant Gabriell in seiner hochwirdigenn potschaft zu Maria .. darnach bisz bey seiner löblichen purdt mit Joseph. Keisersberg granatapfel F 1ᵈ; wider min conscientz zuͦ der abgöttery helffen, darby sin. Th. Platter s. 63 Boos; nun weisz ich in wahrheit kein Berlinger, der auf den tag bey der schlacht ist gewest. Götz v. Berl. 59; doch weil ich den befehl einer liebreichen frau mutter nicht verschmähen darff, so will ich hoffen, gott wird mit seiner wunderthätigen hand dabey seyn. Weise com. pr. 131. so besonders topp! ich bin dabei! (ich nehme daran theil, thue mit):
das geht ja hoch her. bin auch dabey.
Schiller Wallensteins lager 8.
γ)
in einigen verbindungen hat bei den sinn 'im besitze von etwas sein', so bei gelde sein:
und wär' ich bei geld,
so wär' ich bei sinnen.
Göthe 12, 122;
die jungen leute sind nicht recht bei gelde.
Tieck 1, 202.
freier, in bezug auf eigenschaften, zustände u. a., so schon mhd.:
doch möht ich harte wol genesen,
ob ich bî ruowe solte wesen.
Parz. 522, 6.
nhd. meistens in festgeprägten redensarten, so bei leben (lebendig) sein: er ist genant, ist er anders noch pey leben, got wöls, Arigetto Capecz. Steinhöwel decam. 98, 26 Keller (2, 6); so ich noch by läben weri. Th. Platter s. 11 Boos (jetzt häufiger am leben sein). ferner bei sinnen sein, s. oben; so schon mhd.:
nu jeht, wie solt ich armeʒ wîp ...
alsolher nôt bî sinne sîn?
Parz. 616, 29;
mensch, du bist wol nicht recht bei sinnen oder gewöhnlicher bei troste! bei (klarem) verstande, bei (vollem) bewusztsein sein u. a. m.
δ)
für den letzten ausdruck auch gern bei sich (selber) sein: bey jm selbs seyn, apud se esse. Maaler 371ᵈ; er ist bey sich selbst, mentis compos est. Steinbach 2, 982; darumb du tuͦ dz du by dir selbs syest. Terent. (1499) 20ᵃ; kum bin ich by mir also myn gemüt bewegt ist von forcht, hoffnung, wunderbarlicher fröd. 34ᵇ;
da ist der dumme Hans
ganz wie verzückt und gar nicht bei sich selber.
Tieck 1, 211.
nicht recht klug sein: erfarung ist alles, sagen die weisen, und wer wider die erfarung redet, oder disputiret, der ist nicht wol bey sich selber. Mathesius Sar. 62ᵃ. — vgl. noch: weil er das fleisch antregt, mus er schmertzen haben, und weil seine seele noch bey jm ist, mus er leide tragen. Hiob 14, 22.
f)
für.
α)
für einen (bestimmt) sein: die freude ist vornehmlich für die menschen und die menschen für die freude. Adelung;
dîe (blume und biene) müssen wohl beide
für einander seyn.
Göthe 1, 28;
für wen ist dieses weisze kleid?
H. Heine traumbild. 2.
so auch:
die krümlein aber waren für ein huhn.
Rückert ged. 151.
sprichwörtlich: das ist für die katz, taugt nichts (vgl.katze 2, g, theil 5, 285).
β)
von personen, für einen sein, auf seiner seite, helfend und schützend: fur einen seyn, pro aliquo esse. Maaler 372ᵃ;
ist gott für mich, so trete
gleich alles wider mich.
P. Gerhardt s. 229 Gödeke.
jemandes meinung theilen, sich für einen oder auch etwas entscheiden: frl. Anna. sind sie nun für Rjäbinin oder für Djedoff? Johannes. jedenfalls bist du jetzt mehr für's lesen als für's malen. Hauptmann einsame menschen 39. — in anderm sinne für sich sein, allein: vor sich seyn, secum vivere Steinbach 2, 982.
γ)
für etwas sein, dafür sorgen, meist mit folgendem negativem satze: will ein weib darfür sein, das sie jhr man nit schlage. Keisersberg kunk. evang. G 1; es wolle ein ehrbar rath zusagung thun, und dafür seyn, dass nicht euern widersachern gelegenheit gegeben werde mit ubelreden von euch. Luther briefe 3, 471. man könnte hier auch übersetzen: 'etwas verhüten', indem man die nachfolgende negation hinzunimmt, und diesen sinn hat für etwas sein auch dann, wenn eine solche negation nicht folgt. (für hat also hier denselben doppelsinn wie in den phrasen: dieses mittel ist gut für die gesundheit, für die augen — pround andrerseits: gut für die schwindsucht = gegen die schwindsucht, s. auch 20, g, δ.) beispiele: da sey gott für, das were uns nicht gut, das wir von gottes wort und gottes gesetz abfielen. 1 Macc. 2, 21; denn wo du solchs nachlessest, so du kündest dafür sein, oder durch die finger sihest, als gienge dichs nicht an, bistu eben so wol schüldig, als der theter selbs. Luther 4, 400ᵇ; das er jm für schaden was (sich vor schaden hütete). Pauli schimpf 520; Weislingen. .. ich sehe euch wieder! (ab). Adelheid. mich wieder? wir wollen dafür seyn. Margareta, wenn er kommt, weis' ihn ab. Göthe 8, 67 (Götz von Berl. 2). — vgl. auch vor, unter s.
g)
gegen, vgl. wider: du bist immer gegen mich gewesen; das ist gegen alles recht; ich bin entschieden gegen diesen vorschlag u. ähnl.lockerer ist die verbindung bei vergleichen: aber was ist diess gegen jene unbeschreibliche süszigkeit, womit die grazie sich in die herzen hinein schmeichelt. Wieland 10, 93 (grazien 5). — nur gegen (nicht wider) wird gesagt bei ungenauen zahlangaben, s. 21, d.
h)
hinter, örtlich: sein haus ist (gewöhnlich liegt) hinter jenem hügel. — hinter einem oder etwas her sein s. 12, g. h.
i)
in.
α)
mit dem dativ, zunächst räumlich, s. 10, b. ebenso zeitlich: als er der von Schwartzenberg jm sechs und dreyssigsten jare seines alters was. Schwartzenberg Cic. 149ᵃ. — ungewöhnlich ist der ausdruck einem im herzen sein (cordi esse?): hab ich .. nit anders erfunden .. dann dass e. f. g. ihm aufs beste in seinem herzen, und ihm der kurfurst von Sachsen ein lieber furst ist. Luther briefe 1, 77.
β)
vielfach freier, in einem zustande, einer lage sein: in den höchsten eeren seyn, hoch unnd eerlich gehalten werden. Maaler 372ᵃ; in einer grossen beschwerd oder verwirt seyn, difficultate affici. ebenda; in gefaar seyn sein guͦt lob zuͦverlieren. 372ᵃ; in gleychem stadt unnd waͤsen oder ansaͤhen seyn, agere ex aequo. ebenda; nymest du ein weib so bist du alzeyt in sorgen und angsten, in stetem krig mit dem weybe, mit der schwiger ... in verdechtikeyt mit anderen mennernn, und in ungewisheit der kinder. Albrecht v. Eybe ob eim manne sey zu nemen ein weib 1ᵃ; dan du, wie ouch sy manchmall von mier gehört habend, in was grosser armuͦt von muͤtter lyb an, demnach in wie vill grosser gferden ich offt bin gsin mins lybs und läbens. Th. Platter s. 3 Boos; in acht tagen sollen sie alle mit einander in einem solchen stande seyn, dasz sie unser bürger-recht nicht verlangen werden. Weise comöd. pr. 273;
ire lieben junger mine,
ire solt im ganczen fridde sine.
Alsfeld. passionssp. 7869;
ist jr gar vil inn disem fall.
Schwartzenberg Cic. 157ᵃ;
bist du wohl in süszem schlummer?
Tieck 1, 309.
so sehr gewöhnlich im stande (fähig) sein, etwas zu thun, s. daselbst. — in leben sein (vgl. e, γ): das wiszte ich zuͦ betzuͦgen mit ettlichen, die noch in läben sind. Th. Platter 45 Boos. in der ältern sprache auch im wesen sein, mächtig sein, blühen: was ich von besondern alten geschlechtern anzaigens find, die auf diese zeit sind in wesen gesein in der stat. d. städtechron. 3, 95, 17; da waren in wesen die Gwelfen und die Gibellin. 102, 14. von seelenzuständen u. ähnl.: in dem die weyle sy in sölchen gedancken was. Steinhöwel decam. 92, 26 Keller (2, 6);
mîn dohter ist mit sêru   in unwizzin zi wâru.
Otfrid 3, 10, 11;
dô sach der clâre Anfortas,
daʒ sîn geselle in pinen was.
Parz. 811, 18;
strenger ritter, wenn sie denn sendt
beide in solchen frewden süssen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 8 neudruck;
in liebe ist gewiszlich das gespenst.
Tieck 1, 265.
sehr gern dient in mit dem inf. oder einem verbalabstractum zur umschreibung eines verbs, so schon in den meisten vorstehenden beispielen: in der arbeit seyn, in opere esse. Maaler 372ᵃ; in zweyfel seyn, adduci in dubium. ebenda; in einem radtschlag seyn, von einem ding radtschlagen, cadere in deliberationem. ebenda; in förchten seyn, im förchten, in metu esse. 371ᵃ; ich musz gestehen und kan es nicht in abrede seyn. Simplic. 1, 14, 19 Kurz;
noch rade ich, Colne, bis in hoiden
vur den, de dich wolden intgoiden.
Hagen boich von Colne v. 5962 (d. städtechr. 12, 291).
s. auch 19, q.zuweilen in passivem sinne: in eim bösen argwon oder bösen geschrey und lümbden seyn, suspicione vel infamia aspergi, adduci in suspicionem. Maaler 371ᵃ; bey einem in grosser achtung seyn, magni apud aliquem esse. 371ᵈ.
γ)
ebenso von dingen: im brauch seyn, in usu esse. Maaler 372ᵃ; der anzug ist in arbeit, es wird daran gearbeitet. activisch: ein gewitter ist im anzuge u. a.ferner das ist nicht in meiner macht u. ähnl.: es ist nit in deiner verstendtnisz, daz vor nit gesein vor in einem (l. deinem?) sinn. Keisersberg evangel. (1517) 14ᵃ; sein fester grundsatz, dem er allezeit getreu blieb, war: dasz es in unsrer gewalt sey, in allen umständen glücklich zu seyn. Wieland 3, 22 (Agath. 11, 2);
mac daʒ in iuwern hulden sîn.
Wigalois 67, 26.
δ)
häufig sind feste verbindungen, wie im werke sein, sich vorbereiten, bevorstehen: im werck seyn, esse in opere. Corvinus fons lat. 649ᵃ; Kleonissa hatte bereits die hälfte ihrer künste erschöpft, eh' er nur gewahr wurde, dasz ein anschlag gegen ihn im werke sey. Wieland 3, 109 (Agath. 12, 4). früher auch 'in übung, gebräuchlich sein': so das kind lebendig bleibet, wie es jtzt bey uns bereits im werck ist, sollen gevattern gebeten werden. Luther 8, 45ᵇ. — bei Luther auch im schlecht (im klaren?) sein: dasz in der zeddel bedacht wird, wie den widdersachern ihr argument zu verlegen sey, .. das ist droben durch das angezeichte mittel im schlecht, weil wir kaiserlichen rechten nicht wollen hierin folgen. briefe 3, 261.
ε)
in mit acc. s. 12, d.
k)
mit.
α)
mit einem sein, zunächst räumlich, mit ihm zusammen, in seiner gesellschaft:
sô lâʒ mih, druhtîn mîn,   mit drûton thînên iamêr sîn!
Otfrid 1, 2, 40;
thaʒ ih iamêr, druhtîn mîn,   mit themo droste megi sîn, ..
fon êwon unz in êwon   mit thên sâligon sêlon.
55—58;
ich sol mit im vil gerne sîn.
Erec 1356;
nû bin ich ie mit iu gewesn.
Iwein 1951.
nhd. dafür gewöhnlich bei.
β)
jetzt bedeutet mit einem sein, auf seiner seite, mit ihm im bunde sein, es mit ihm halten, zu ihm stehen, vgl. sy mit eim, valere. Schmidts idiot. Bern. Frommann 4, 17ᵇ: wer nicht mit mir ist, der ist wider mich. Matth. 12, 30 (Luc. 11, 23);
und wenn ich jhr drumb redet ein,
meint sie, ich were nicht mit jhr,
und ward deszhalb ungünstig mir.
Ayrer 871, 14 Keller.
so besonders von gott: und Saul sprach zu David, gehe hin, der herr sey mit dir. 1 Sam. 17, 38;
wer gott nicht mit uns diese zeit,
wir hetten must verzagen.
Luther 8, 365ᵃ.
gott sei mit uns (gewöhnlicher gottseibeiuns, als éin wort) als euphemistische bezeichnung des teufels, vgl.:
ein wunderbares feienschlosz,
bei dem wohl sonder zweifel,
der es gebaut, viel schweis vergosz,
gott sey mit uns, der teufel.
Hölty 25 Halm.
so auch: ich wil mit deinem mund sein, und dich lernen, was du sagen solt. 2 Mos. 4, 12; die gnade unsers herrn Jhesu Christi sey mit euch. Röm. 16, 20.
γ)
aufs ahd. und mhd. beschränkt sind die dort sehr gewöhnlichen redeweisen mit gnade, freude, minne u. s. w. sein:
gisibbon filu liebe,   thie wârun hiar in lîbe
mit minnon filu zeizên.
Otfrid 5, 20, 45;
sît ir mit fride gerne.
Biterolf 5035.
von handlungen und veranstaltungen:
swie Gahmuret wær ouch mit klage.
Parz. 81, 4;
nû was mit hôchzîten
ir herre der künec Artûs.
Iwein 3064.
mit hûse sîn s. 10, c.
δ)
sehr gewöhnlich sind unpersönliche redeweisen, s. 22, k. 23, b. 24, d.
l)
nach, s. 12, d. e. g. h.selten nach 'gemäsz, entsprechend':
daʒ lâʒ nâh mînen râte wesen.
Lamprecht Alex. 4259 Kinzel.
m)
ob etwas sein, dafür sorge tragen, bei Luther: e. k. f. g. wollen gegen röm. kais. majest. mich aufs unterthänigst verbitten, .. als ein weltlich heupt der heiligen christenheit darob seyn, dasz mein widerwärtigen .. abstellen. briefe 1, 549; das gerücht ist bey uns erschollen, als sollten etliche unter euch sich unterstehen, darob zu seyn, dass die Behmen wiederumb zum schädlichen stuel der römischen tyranney fallen sollen. 2, 225; mit gleicher sorgfältigkeit ist er (der papst) auch darob, dasz weltliche könige und fürsten aufs alleruneinigste unternander seyen und bleiben. 226; e. f. g. wollten gedachte prediger ihr lassen gnädiglich befohlen seyn, und mit ernst drob seyn, dasz sie ein wenig besser gehalten werden. 4, 317. — bei zahlenangaben s. 21, d.
n)
ohne: warumb lessestu uns fur dir sterben, darumb, das wir on geld sind? 1 Mos. 47, 15. — abstract: on laster seyn, eins lasters unschuldig seyn, abesse a crimine. Maaler 372ᵈ; gottes wege sind on wandel. 2 Sam. 22, 31. ohne zweifel sein u. a., s. 19, q. solche ausdrücke sind ganz einem adjectiv (tadellos u. ä.) gleichwertig, vgl.: darumb seid klug, wie die schlangen, und on falsch, wie die tauben. Matth. 10, 16;
ich bin
erblos und ohne kinder, die mich liebten.
Tieck 1, 244.
stärkeren sinn hat sein in der verbindung nicht ohne etwas sein (oder leben) können, es nicht entbehren können:
ich kann nicht ohne harnisch, schwerdt, helm sein.
261.
schwäbisch dron seyn (etwas entbehren) können. Schmid 490.
o)
über.
α)
räumlich mit dem dativ: meine kammer ist gerade über der küche u. a.
β)
häufiger mit dem acc. s. 12, d; nicht nur neben ausdrücken der bewegung, sondern auch im sinne 'sich erstrecken über etwas', so bildlich: sihe, so wird die hand des herrn sein, uber dein vieh auff dem felde, uber pferde, uber esel, uber kamel, uber ochsen, uber schafe, mit einer fast schweren pestilentz. 2 Mos. 9, 3; und wie viel nach dieser regel umher gehen, uber die sey friede und barmhertzigkeit, und uber den Israel gottes. Gal. 6, 16.
γ)
ferner etwas ist über meine macht, geht über mein können hinaus, ist mir zu schwer:
ubar mîno mahtî   sô ist al thaʒ gidrahti.
Otfrid ad Ludow. 11;
über bei zahlen, s. 21, d.
δ)
so auch über etwas, besser als etwas, sein: noch so ist dz brot über natürlich substantz, dan es ist über alles das, das es nit ist, und die es nit seind. Keisersberg patern. R 4ᵇ f.; aber über alle ist gesein, die keyserin und künigin der himmel Maria. narrensch. 131ᶜ; ferner:
ein frischer helden-muth ist über alle schätze,
ist über allen neid (erhaben).
Fleming 109;
o nein, es (das pferd) ist mir über allen werth.
Tieck 1, 355.
über einen sein, stärker oder geschickter als er, wofür jetzt in der umgangssprache einem über sein: dan ich hatt by den geissen woll lärnen werffen, das kein hirt mins alters über mich was. Th. Platter 16 Boos. schweiz. auch: sy über öppis, valde appetere aliquid. es ist ihm nüt über chrut, prae ceteris. cibis delectatur herbis. Frommann 4, 17ᵇ (gewöhnlicher mir geht nichts darüber).
p)
um, besonders in unpersönlichen redensarten, s. 4, d. 5, c. 8, b. 23, c. d. 33, k. eigenthümlich ist schweiz. ich kann drum seyn, es entbehren. Stalder 2, 369.
q)
unter einem sein, ihm untergeben: donoch sprach got zu der frowen: darumb .. soltu genidert werden und under des mannes gewalt sin. d. städtechron. 8, 237, 33. — niedriger, geringer im range:
ein solcher monden-sohn, ist weit noch unter dir,
du stehst jhm oben an, und gehst jhm billich für.
Logau 1, 191.
unter, weniger als, bei zahlen- und altersangaben, s. 21, d.
r)
von.
α)
als ausdruck der entfernung, s. 11, a.hierher gehört auch von sich sein, ohne bewusztsein, ohnmächtig:
sie ist von sich! gott!
Lessing 2, 351 (Nathan 5, 7).
dagegen bezeichnet auszer sich sein einen hohen, das bewusztsein störenden grad von erregung:
du bist ganz auszer dir. was hat's gegeben.
Tieck 1, 211.
beide sind entgegengesetzt dem bei sich sein, s. e, δ. natürlich liegt ihnen allen die vorstellung einer räumlichen entfernung der seele von oder aus dem körper zu grunde.
β)
selten ist von als ausdruck der verschiedenheit: wenn ew. wohlehrwürden mir bei guter gelegenheit zu erklären die güte hätten, wie das recht und das rechte recht von einander wären, würden ew. wohlehrwürden ihrem diener ein groszes licht anzünden. Hippel 4, 205.
γ)
von bezeichnet die herkunft, abstammung, den ursprung, s. 11, c. d; den stoff, s. 11, e.
δ)
von an stelle eines gen. qualitatis, s. 19, p.
ε)
von im sinne eines partitivverhältnisses, wozu gehören, s. 16, b. c.
ζ)
ähnlich sind freiere wendungen der ältern sprache, z. b.:
zo Collene enmaich man neit enbinnen
der dinge hei engein beginnen,
it si van schelden of van slaine.
G. Hagen boich v. Colne 1412 (d. städtechr. 12, 62; im glossar erklärt 'betreffen').
s)
vor, räumlich, vor der thür sein, vor augen, vor einem (coram eo) sein, s. 10, b; vorhanden sein s. 10, d. — vor etwas sein, es verhüten, verhindern, s.für unter f, γ: vorseyn, dasz etwas nicht fort oder durch kan, impedimento esse, obstare. da sey gott vor! Frisch 2, 267ᵃ; ich weysz nit, wie ich darvor mag sin ăn üwer hilf. Morgant 200, 17 Bachmann; es beschint sich wol, das Machmet schon ze alt ist und all sin macht verloren hat, das er nüt hat mögen darvor sin, das Ruolland und Ollifier ... nüt inn Franckrich kemmend. 254, 30; wer aber, da got vor sei, das ainer der in der freiung gesessen ist, das er ainen umbprecht oder erslüg. steir. teid. 27, 23; ich sahe die gefahr, darein ich mich begeben wolte, vor augen; noch kunte ich nicht davor sein. Philand. 2, 29; massen mir gleich hernach meine schöne pferde durch zauberey hinfielen. und zwar, was hätte davor seyn sollen? ich lebte gottlos wie ein Epicurer, und befahl das meine niemal in gottes schutz. Simpl. 2, 30, 1 Kurz. so auch:
dô sagete man mir,   ub ich si (meine träume) zalte dir,
daʒ dâ vore nieht ne wâre (so wäre es sicher,)   du ne sagetest mir suaʒ dâ ûʒ geskâhe.
fundgr. 2, 59, 40 (gen.).
einem wovor sein, woran verhindern oder wovor bewahren (gleichsam hindernd vor ihn hin, ihm in den weg treten): do Rengnold gsach, daz der platz gewunen was, do reyt er in pallast, daz im niemman darvor was. Morgant 95, 5; und Ruolland beleyb inn der gfäncknuss, der ward altag besechen von Roszmunda, die was im wol darvor, daz im nütz gebrast. 150, 33; keyser, du soltest mich billich lieb haben, wann ich wyl dir vor grosser arbeyt sin. 224, 6; damit und er im vor nachred were. 337, 7. (vorbei als postposition, s. 12, d.)
t)
wider, vergl.gegen (g) und mit (k, β), auch zuwider (22, f).
α)
wider einen sein, feindlich: so wird die hand des herrn wider euch und wider ewr veter sein. 1 Sam. 12, 15; in der ältern sprache mit dativ:
ir quedet, thaʒ thiu wort mîn   widar druhtîne sîn.
Otfrid 3, 22, 57.
β)
wider etwas sein, mit persönlichem subject, repugnare, adversari. Steinbach 2, 982. von sachen, ihm entgegengesetzt, davon verschieden: sich zuͦ wie widereinander seint gesein die .ij. procession. Keisersberg narrensch. 84ᵇ. ihm zuwiderlaufend, nicht ihm gemäsz:
daʒ was ab dô wider dem site.
Wigalois 63, 20.
u)
zu. α) räumlich, sich wo befinden, s. 10, b. β) wohin (gegangen, gelangt) sein u. ähnl., s. 12, d. e. so auch: der tag war zu ende, dies exerat. Steinbach 2, 982.
γ)
wozu gelangt, geworden sein, s. 12, i.so auch zu gaste sein, als gast, in der eigenschaft eines gastes: da ich in dem hause meines liebchens zu gaste war. Keller 2, 38.
δ)
wozu dienen, s. 18, f, vgl. 20, g, δ. so auch allgemeiner: was ist zu ihrem befehle? Adelung 4, 450;
und was er braucht, das soll zu seinen diensten seyn.
Gellert 1, 227;
sogleich will ich zu euern diensten sein.
Tieck 1, 357.
einem zu willen sein, vgl. 14, r:
gibt es hier im hause solche dirnen,
die dem fremden gleich zu willen sind?
Göthe 1, 248.
auch:
vater, nicht gerne verschenk' ich die abgetragene leinwand;
denn sie ist zu manchem gebrauch.
40, 234 (Herm. u. Dor. 1).
ε)
sehr häufig sind redeweisen wie es ist zum lachen (so beschaffen, dasz man darüber lachen musz), es ist rein zum verrücktwerden u. ähnl.: wenn ich den schaden verschmerzt habe, ist es mehr zum lachen. Tieck 1, 188.
ζ)
andre, weniger bestimmte gebrauchsweisen: mir ist schlecht zu mute (zu sinne), ich fühle mich schlecht. mhd. auch:
dem kunic was des ze muot,
daʒ er si verderben wolt.
Ottokar reimchr. 10603.
auffallend ist die mundartliche redeweise: Jockel Dreyeck. .. wos hot a mich mit meeme hunde ze näcken? Greger Kornblume. sisz ze ins (es ist bei uns), wie z' euch; saht, eure leute hetten auch wul unsen hahn künn zufride lussen. Gryphius Dornrose 57, 3 Palm (vgl. s. 34).
v)
zwischen, z. b.: was wir beide geschworen haben im namen des herrn, und gesagt, der herr sey zwisschen mir und dir, zwisschen meinem samen und deinem samen, das bleibe ewiglich. 1 Sam. 20, 42.
26)
es bleiben noch die fälle zu besprechen, wo das prädicat ein pronomen ist. sie haben die eigenthümlichkeit, dasz das sprachgefühl hier im allgemeinen schwankt, was als subject und was als prädicat aufgefaszt werden soll. die vorherrschende neigung (beim fragepronomen der zwang), das pronomen an die spitze zu stellen, läszt dieses leicht als subject erscheinen, auch wo es nicht auf den träger, sondern auf den inhalt der aussage hinweist; andrerseits wird das verb (in bezug auf numerus und person) stets nach dem substantiv construiert.
a)
mit dem persönlichen pronomen: wenn ich du wäre, so würde ich ganz anders verfahren. an besonderheiten ist zu erwähnen, α) dasz das mhd. auch in diesem falle ein pleonastischesvorangehen läszt, s. 27, b; β) dasz die mundarten (aber nicht die nd.!) hier zum theil den acc. setzen, s. 16, g zu ende.vgl. im übrigen 28, d.
b)
die possessivpronomina unterscheiden sich syntactisch nicht vom gewöhnlichen adj.:
dû bist min, ich bin dîn.
minnes. frühl. 3, 1;
und es ruft aus den tiefen:
lieb knabe, bist mein!
Schiller Tell 1, 1;
diesz ist unser! so lasz uns sagen und so es behaupten!
Göthe 40, 337 (Herm. u. Dor. 9).
in poetischer emphase sogar im comparativ:
du bist mein; und nun ist das meine meiner als jemals.
ebenda.
mit dem artikel:
sie sind die mein'gen, und ich bin ihr vater!
Tieck 1, 45;
auch wir sind wieder, so wie sonst, die deinen!
394.
weiteres s. 14, d ff.
c)
mit dem hinweisenden fürwort, so streng logisch: die kinder aber von Seir des Horiten, der im lande wonete, sind diese. 1 Mos. 36, 20. viel üblicher, zumal in zwangloser rede, ist dagegen die stellung: das sind die fürsten der Horiten, kinder des Seir im lande Edom. 21; das sind die fürsten in Edom. 43. — zu den demonstrativen gehört auch derselbe: es ist fraglich, ob auf dem kürzeren und rascheren wege des märzsieges von 1848 die wirkung der geschichtlichen ereignisse auf die Deutschen dieselbe gewesen sein würde, wie die heut vorhandene. Bismarck ged. u. erinner. 1, 43.
d)
mit fragepronomen.
α)
deutlich prädicativ: wer bist du? s. 17, a. während diese frage die identification zum zweck hat und die antwort gewöhnlich mit dem namen erfolgt, fragt was bist du? nach stand, beruf, lebensstellung; die antwort ist: ich bin arzt, (ein) kaufmann u. dergl.mit dativ der beziehung:
nû sehet waʒ si einander sîn.
Wigalois 252, 17.
einen ähnlichen sinn hat wer in redeweisen wie: du weiszt nicht (du vergiszt oder verkennst ganz), wer du bist, du überhebst dich:
ir wiʒʒt niht selben. wer ir seit.
ir seit ein übermechtig man.
Suchenwirt 22, 114.
β)
wer ist häufig prädicat, wenn das subject durch einen satz gebildet wird, vgl. 30, a:
wer ist jene, die auf grüner haide
sitzt in mitte von zwölf edeln herren?
Herder 25, 452 Suphan;
wer ists, der wild
und fürchterlich siegreich brüllt?
Fr. Müller 2, 319 (der rasende Geldar).
γ)
was ist das? verlangt die erklärung, begriffsbestimmung, deutung eines dinges: so du fragest ... was da sey gelahrt (geschickt) seyn, so habe zur antwort. Comenius sprachenthür 2; 'nun weiszt du was gruseln ist?' 'nein', antwortete er, 'woher sollt ichs wissen?' Grimm märchen 15. — oft in anderm sinne, s. 17, g. h.häufig auch was soll das sein (heiszen, bedeuten)? quid hoc est rei? Steinbach 2, 982, als ausdruck des tadels oder unwillens:
was soll das seyn? wart! ihr bezahlt es theuer!
Göthe 12, 116.
δ)
andre fügungen mit prädicativem was: wenn die priester keiner seele den himmel oder die hölle aufzuschlüssen hätten, was wäre es anders, als dasz sie mit dem sterblichen leibe verschwinden müste? Lohenstein Armin. 2, 540ᵇ; und was ist es denn nun, ob wir zuletzt reime hören oder keine. Lessing 7, 71 (dramat. 1, 15).
ε)
wer, was als subject:
wer soll braut seyn?
eule soll braut seyn.
Herder 25, 183 Suphan;
was ist des Deutschen vaterland?
ists Preuszenland, ists Schwabenland?
Arndt ged. 233;
wer ist ein mann? wer beten kann.
240;
wer will des stromes hüter sein?
Max Schneckenburger.
wie nahe sich beide fälle berühren, zeigt die folgende stelle:
ohne liebe,
was ist menschenleben?
unter aller sonne, was ist süszes
ohne dich, o liebe?
Herder 26, 165 Suphan,
wo man kaum umhin kann, im ersten satze was als prädicat zu nehmen ('welchen wert hat das menschenleben?' s. 17, h), im zweiten als subject ('was giebt es an süszem?' s. 3, a).
e)
das prädicat ist ein relativpronomen, sein steht also im relativsatze:
was alles ich wär',
das gönnt' ich dir sehr.
Göthe 1, 36;
was auch der rath der götter mit dir sey.
9, 15 (Iphig. 1, 3).
etwas anderes ist es natürlich, wenn der ganze relativsatz selbst das prädicat bildet: disz sint die den mantel der lieb halber uff gott gezogen haben. Keisersberg bilg. 46ᵇ;
dat is de den hemel zo der erden
geschoif unde leis gewerden.
Hagen boich v. Colne 212 (d. städtechr. 12, 28);
doktor. nîcht wahr, herr amtmann, man ist was man bleibt?
amtmann. man ist wie man's treibt.
Göthe 13, 37;
der eine (sohn) ging auf immer mir verloren,
der andre ist es, welcher dich gerettet.
Tieck 1, 404.
s. ferner 30, a. b. doch fällt nicht selten beides zusammen: es sey welches es sey; so trag' ich im geringsten keine beliebung zu solchen schulpossen. Schoch stud.-leben A 7ᵃ;
sey's auch, was es sey.
wenn du es mir gebietest, ich gehorche.
Schiller don Karlos 4, 5.
vergl. dazu die belege unter 22, m, ζ. hieraus verkürzt ist die construction:
jn nider wirf, ær sei wi boͤs.
Melissus ps. F 4ᵃ (17, 13);
es ist kains volkes zuͤng, ...
sei' an wi fremdem ort u. s. w.
G 6ᵃ (19, 4).
f)
zu den pronominen pflegt man auch wörter wie alles, nichts u. dergl. zu rechnen. auch sie können natürlich als prädicat stehen:
nu lâ
die rede: wan diu ist enwiht.
Wigalois 52, 36;
und als sie da erwachte,
da war es lauter nichts.
Erlach volksl. 4, 125;
o mein kaiser,
wie bin ich nichts, bis ihr mich so gewürdigt.
Tieck 1, 290.
häufig: ist dies alles? das ist noch lange nicht alles u. ähnl. verstärkt alles in allem: wir musten das nachsehen haben, und der zukünfftige könig solte alles in allen seyn. Weise com. pr. 163; jetzo seyn wir alles in allen, was wir sprechen, das musz gelten auff erden. 253. — mit dativ, das ist mir nichts, gilt mir nichts, hat für mich keinen wert: die erfüllung meiner wünsche war mir nichts. Tieck 1, 244.
27)
hieran reihen sich fälle, wo das (logische) prädicat aus dem zusammenhange zu ergänzen ist und im satze durch ein formwort (als grammatisches prädicat) ersetzt wird. diesen dienst versieht
a)
in der regel es:
da hüpftet ihr geschwind ans ende
und wurdet glücklich; seyd's.
Gotter 1, 44.
auch das: ich habe so lang selbst geredet, dasz es zeit ist, unsern freund — ich hoffe, das sei er trotz alledem — ganz zu worte kommen zu lassen. Vischer auch einer 1, 125. — es bez. das vertritt also sowol ein substantivisches wie ein adjectivisches prädicat; die (im englischen übliche) einsetzung von so wid rstrebt dem deutschen sprachgefühle (vergl. 22, m, β). eine schweizerische eigenthümlichkeit scheint es zu sein, dasz es nur ein nicht determiniertes prädicat vertritt: bist du en drisger? i bi's, de bis-es (dagegen î bi's antwortet auf wer is-es?, s. 28, d). aber: bist du de tokter? i bi-n-e, de bist-e u. s. w. Hunziker 240.
b)
hier sei erwähnt die vorausnahme des ausgedrückten prädicats durch eʒ, die im mhd. ungemein häufig ist.steht dabei sehr oft unmittelbar vor jenem:
ich bin eʒ Îwein.
Iwein 2611;
sô bin ichʒ doch der man
der iu baʒ heiles gan.
minnes. frühl. 49, 26;
daʒ ichʒ doch der bitende bin.
173, 23;
sô bistuʒ diu fröide mîn.
176, 12;
sô bist duʒ ir aller êre.
Walther v. d. Vogelweide 15, 8;
her Otte, ich binʒ der sun, ir sît der bœste man, ..
her künec, sît irʒ der beste.
26, 30. 32.
sogar:
ich wunschet, daʒ ichʒ dû solde sîn.
Ulrich v. Liechtenstein 50, 12.
vgl. Grimm gramm. 4, 222. so noch im 15. jahrh.:
mein her stalmeister sprach: 'ich bins der man,
mit got wil ich dich wol bestan'.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 171, 169 (vom jahre 1489).
noch auffälliger ist dies pleonastische es in fällen wie den folgenden:
es was ein frisch freier reutersman.
der Epple von Geilingen ist ers genant.
1, nr. 28, 1 (vom jahre 1381);
maister Paul ist ers genannt.
106, 4 (vom j. 1457).
man kann zweifeln, ob sie überhaupt hierher zu ziehen sind.
c)
durch partikeln wird das prädicat vertreten in vergleichen, so
α)
nach comparativen durch denn, dann, jetzt in der regel als: aber sich anders füget denn ir wille was. Steinhöwel decam. 91, 21 Keller (2, 6); das jr grösser und stercker völcker einnemet denn jr seid. 5 Mos. 11, 23;
und im himmel ist kein geist verklärter,
als die seele Röschens ist.
Hölty 59 Halm.
β)
nach positiven wie, seltner als: hältst du ihn für eben so klug wie sein bruder ist (oder wie seinen bruder); ich hätte ihn nicht für so eitel gehalten, wie er hiernach zu sein scheint u. ähnl.so auch ohne die demonstrativpartikel: ein kerl, wie du bist, kommt überall durch u. a.;
nichts solches ist zu finden
bey leuten, wie wir seyn.
Fleming 51.
vgl. 22, m, ζ. als besonders in der formel als da sind zur einführung von beispielen: so dir gott gibt die groszen gütter, als da sind die heiligen sacrament. Keisersberg seelenp. 34ᵈ.
28)
pronomina als subject sind theilweise schon unter 26 behandelt. anlasz zu bemerkungen bieten besonders die wendungen mit demonstrativen.
a)
sehr häufig sind demonstrativa als subject: das die sey das weib, das der herr meines herrn son bescheret hat. 1 Mos. 24, 44. hierbei ist zweierlei in syntaktischer beziehung bewerkenswert.
α)
das demonstrativpronomen hat in der regel die form des neutr. sing., ohne rücksicht auf geschlecht und zahl des wortes, das es vertritt: wer ist jener herr dort drüben? das ist mein vater. sogar, wenn das nomen unmittelbar vorhergeht, und nur pleonastisch durch das pron. aufgenommen wird, steht dieses bei sein gern im neutrum:
der tod, das ist die kühle nacht.
H. Heine heimkehr 87;
die leutnants und die fähnderichs,
das sind die klügsten leute.
66.
β)
dagegen richtet sich die copula in der zahlform stets nach dem prädicat ohne rücksicht auf das pronominale subject: wer sind jene damen? das sind meine schwestern;
ende binnen ...
stonden letteren in gheamelghiert ..,
dat waren drie hebreeusche namen.
Reinaert 5327;
o weib, närrisch anschleg das send.
H. Sachs 2, 1, 32ᵈ;
das sind die namen der kinder Ismael. 1 Mos. 25, 13. so auch: dann dis alles sind nicht sonderliche und andere wesen ausser gott, sondern das einige göttliche wesen selbs. Luther 8, 30ᵇ.
b)
das ist dient zunächst zur bestimmung, erklärung, identification eines gegenstandes. was für ein thier ist das? das ist ein pferd; wann ein kind hette ein nusz yn der hand und du fragtest es was ist ein nusz, so thet es gleich die hand uff unnd sprech, das ist ein nusz. Keisersberg narrenschiff 155ᵈ. hierbei liegt der logische accent auf pferd. verschieden davon ist eine sehr gewöhnliche redeweise, die sich davon in der schrift gar nicht, in der mündlichen rede durch starke betonung des das unterscheidet, und den wert eines bewundernden oder preisenden ausrufes hat: dás ist ein pferd! d. h. das ist ein ausgezeichnetes, vorzügliches, ganz besonderes pferd! beispiele:
das war ein handel! ei, das ist ein vogel!
wie wird sich über den mein vater freuen!
Tieck 1, 186;
das ist ein pferd, mein vater! das heiszt reiten!
207;
bei gott; das war ein stosz!
267;
nicht wahr? das ist ein pferd? es giebt so keines
als diesen Pontifer!
356.
so auch: ey ey das müssen köpffe seyn, da so viel nein gehet. Weise comöd. pr. 231. dafür in der umgangssprache: das ist aber ein pferd! nein, ist das ein pferd! das heiszt ein pferd! auch in tadelndem sinne, doch hat dann meist das prädicat den accent: das ist aber ein wétter heute! (nämlich ein garstiges wetter). das ist hier eine wirtschaft! u. ähnl. folgende stellen unterscheiden sich kaum von der gewöhnlichen aussage:
das ist ein lärm mit pauken und trompeten, ...
man kann sein eigen wort davor nicht hören.
Tieck 1, 239;
das ist ein flöten und geigen,
trompeten schmettern darein.
H. Heine lyr. interm. 20;
das ist ein brausen und heulen,
herbstnacht und regen und wind.
57.
c)
es weist ebenfalls zunächst auf einen genannten, aus dem zusammenhange erkennbaren oder irgendwie vorhandenen gegenstand hin: es sind des herrn gebot. 1 Cor. 14, 37; es sind leute von grossen ausführungen, aber sie sitzen in einem einsamen winckel. Olearius baumg. 40ᵃ (3, 2); wir brauchen groszen raum, es sind sechs jüngere geschwister, und es ist ein groszes gut. Freytag handschr. 1, 54;
wer reitet so spät durch nacht und wind?
es ist der vater mit seinem kind.
Göthe 1, 183;
was ist weiszes dort am grünen walde?
ist es schnee wohl oder sind es schwäne?
wär' es schnee, er wäre weggeschmolzen;
wären's schwäne, wären weggeflogen.
ist kein schnee nicht, es sind keine schwäne,
's ist der glanz der zelten Asan Aga.
2, 51;
so schau' ich was im grase in bewegung.
und wie ich näher reit, ist es ein affe.
Tieck 1, 119.
d)
an stelle eines substantivs kann auch ein personalpronomen als prädicat stehen: wer hat dieses glas zerbrochen? das war ich. während hier die romanischen und die meisten andern germanischen sprachen ganz logisch das demonstrativ als subject setzen und die copula danach construieren (wobei dann das präd. 'ich' u. s. w. vielfach in den acc. tritt, s. 16, g: c'est moi; it is I oder me), richtet sich diese im deutschen nach dem persönlichen fürwort, das nun äuszerlich als subject erscheint: das bin ich oder ich bin es, du bist es, wir sind es. von den ausdrucksweisen, wo ich wirklich subject und es prädicat ist (s. 27, a), unterscheiden sich diese meistens durch die betonung: bist du arzt, mein freund, glücklich? ich bín's. — wer ist da? ích bin es. (schweiz. î bi's, du bis-es. Hunziker 240.) beispiele:
ich dacht, es klopften zwen narren daus,
so seit irs.
H. Sachs fastn. sp. 1, 146, 17 neudruck;
das mag wohl ich, die nelke, seyn.
Göthe 1, 191;
Faust. es klopft? herein! wer will mich wieder plagen?
Mephist. ich bin's.
12, 79.
dagegen bekommt das verb den accent, wenn man jemand nicht sicher erkennt, und nun fragt: bíst du's (wirklich)?, d. h. bist du der, für den ich dich halte?eine redeweise, die also eigentlich zu 27, a zu stellen wäre. die antwort ist ich bín's:
auf dem felsen beim flusz ...
seh' ich etwas!
ist sie das?
Göthe 1, 89;
wer kommt denn da? — ha! bist du's? bist du's nicht?
Tieck 1, 291;
ja, du bist es, ich erkenne
die gestalt nun ohne zweifel.
329;
wie anders sind die menschen geworden! in einer minute sagt er zweimal: sie sinds, und zweimal: sie sinds nicht. Ludwig 1, 170;
ein fenster klang, und in die nacht hinaus
rief eine stimme: 'bist du's?' — 'ja, ich bin's!'
Storm ged. 137.
vgl. auch 30, a.
e)
während bei substantivischem prädicat es (oder das, s. a, α) jeden subjectsbegriff vertreten kann, darf es, wenn das prädicat ein eigenschafts- oder umstandsausdruck ist (nicht auf was, sondern auf wie, wo, wann u. s. w. ist das? antwortet), nur für ein neutr. sing. eintreten; man sagt also: wer ist die dame dort? sie oder es (das) ist frau N. N., aber notwendig: welche farbe hat diese blume? sie (nicht es) ist blau. sehr häufig dagegen bezeichnet es ein ganz allgemeines, unbestimmtes subject, so wenn ich sage: es ist gut, du kannst gehen. in andern fällen wird überhaupt kein subjectsbegriff gedacht. so z. b. bedeutet es ist kalt nicht, dasz irgend etwas, z. b. das wetter, die luft kalt ist, sondern soll nur die thatsache des kaltseins an sich aussagen, steht also ganz gleich mit dem sog. unpersönlichen verb es friert. ein solcher satz enthält also logisch nur ein prädicat. in substantivischen redeweisen, wie es ist nacht, kann man auch dieses substantiv als subject auffassen; das es wäre nur die stütze, die das vorangestellte prädicat im deutschen verlangt. die sprache selbst schwankt hier, zieht jedoch in den meisten fällen die erstere prädicative fassung vor, s. 6, ad. über das blosze sein in unpersönlicher verwendung s. 5.
f)
dagegen ist es deutlich nur grammatisches hülfswort in fällen wie: es sind leute, die das nicht wissen; es war einmal ein mann u. dergl., s. 3, b. d. g. hier sollte es demnach nur stehen, wo das verb dem subject vorangeht (auszer bei fragestellung), dagegen: keiner ist, der dies nicht wüszte u. ähnl. doch dringt zuweilen es auch in diese fügung ein:
und wären's ratten noch so viele,
und wären wiesel mit im spiele.
Göthe 1, 200;
und keiner ist's, der sich nicht merke.
Tieck 1, 15.
es bekundet sich hier eine scheu der neuern sprache, sein allein ohne eine stütze als prädicat zu setzen.
g)
es als vorbereitung eines infinitivs oder eines satzes als subject s. 29, b. d. 30, c. e.
29,
a)
der infinitiv findet sich selten als prädicat, und nur etwa in sätzen, wie: so tollkühn zu handeln, das wäre gott versuchen, doch sagt man gewöhnlicher: das hiesze. mit dativ (vgl. zur bedeutung 18, b. 22, m, ε): dem himmel ist beten wollen, auch beten. Lessing 2, 135 (Em. Gal. 2, 6). mit als verknüpft, s. Göthe unter 30, f. an stelle des inf. kann hier als allgemeiner ausdruck des verbalbegriffs auch das part. perf. stehen: das wäre ja gerade den idealismus angekündigt. Kant 3, 392. vgl. 33, m.
b)
sehr häufig ist dagegen der inf. als subject, s. 4, b. 17, g. 26, d, γ. ferner mit nominalem prädicat: god ist unsis her wisan. Luc. 9, 33; guͦt ist mir anhangen got. 4. bibelübersetzung ps. 73, 28, s. Kehrein gr. 3, s. 17; ainander verachten, haimlich übel reden ... ist nur ein lang hergeprachter brauch, nichts auf êr, nichts auf glauben noch trauen halten ist die höchst geschicklichait, weishait, gaistlichait. Aventin chron. 2, 45, 24—27; eines bischoffs ampt sey, gottes wort lehren, und nicht kriegen. Zincgref apophthegm. 1, 3;
eʒ ist gar unmügelich
bî viure sitzen einem man.
Barl. u. Jos. 111, 40;
glauben, dasz man schön sey,
dächt' ich, ist erlaubt.
Göthe 1, 32;
verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut.
228.
sprichwörtlich: reden ist silber, schweigen ist gold. — das nachgestellte subject wird gern durch es vorbereitet: was es mier beschwärlich wider min conscientz zuͦ der abgöttery helffen, darby sin und nit fry alle zyt dorfen reden. Th. Platter 63 Boos;
leicht ist's folgen dem wagen,
den Fortuna führt.
Göthe 2, 65.
doch bevorzugt die deutsche sprache in den meisten fällen immer entschiedener den inf. mit zu, vgl. d. und Grimm gramm. 4, 102.
c)
dabei liebt es die sprache, ein prädicatsadj. zum subject zu ziehen, und anstatt es ist gut hier (zu) wohnen, zu sagen: hier ist gut wohnen, wo dann gut wohnen zusammen das subject bildet (ein gutes wohnen ist hier vorhanden oder möglich, also zu 4, b): hie ist gut seyn. gelehrten ist gut predigen. in diesem lande war damahls übel reiten. Adelung; vir war, esz was guot da sin! Ehingen 19; meister, hie ist gut sein. Luc. 9, 33; secht bey solchen herrlein ist gut wohnen. Garg. 49ᵇ; da ist nicht gut seyn. Göthe 8, 93; es ist hier gar vergnüglich seyn, wenn man sich nur ein klein wenig einrichten könnte. 28, 69; häufig in sprichwörtlichen redensarten:
mit groszen herrn ist nicht gut kirschen essen,
so sagt man, sprechen ist mit ihnen schwerer.
Tieck 1, 291.
nd. gegen 'n backâwen (backofen) is slicht anhôjânen. nd. korrespondenzbl. 16, 36, vgl. 21. — hier wird selten ein es hinzugesetzt: denn es um i. f. g. nicht gut sein war, wenn i. f. g. hummeln hatten. Schweinichen 1, 114. eine art mischconstruction ist folgende:
sie schaut nach mir,
fragt mich, ob ich auch fühle,
wie gut es weilen ist in dieser kühle.
Vischer auch einer 2, 415.
d)
sonst steht der inf. gewöhnlich mit zu. manchmal beides dicht neben einander, so in der sog. 4. bibelübersetzung: guͦt ist bekennen dem herren und o höchster zeloben din namen. ps. 92, 2; es ist nit guͦt einen schaden zuthuͦn dem gerechten. spr. 17, 26, s. Kehrein gr. 3, § 36, 1; besser ist gestraffet zu werden von dem weysen denn betrogen werden von der liebkosung der toren. pred. 7, 6, s. ebenda s. 17; die frauen mit wollust zuͦ begeren und von ir begert werden ist mit sünden. Albr. v. Eybe spiegel der sitten 22ᵃ;
ist es besser, ruhig bleiben?
klammernd fest sich anzuhangen?
ist es besser, sich zu treiben?
Göthe 1, 74.
weitere beispiele: von der liebe verner zu schreiben ist nit mein fürnemen und mein meinung gewest. Albr. v. Eybe ob eim manne sey zu nemen etc. 11ᵃ. durch es vorbereitet: wie es swär sey in tugenden zuͦ leben. Albr. v. Eybe spiegel der sitten 3ᵇ;
wie nöthig war's euch wenig zu enthüllen!
Göthe 1, 5;
zu lieblich ist's, ein wort zu brechen.
70;
mir ist
es leicht, in kleidern auszustopfen löcher.
Tieck 1, 354.
e)
als besonderheit sei erwähnt, dasz nicht selten der inf. mit sein als umschreibung des verbum finitum steht und in die construction dieses letzteren eintritt:
immer war nach dir mein sehnen.
Tieck 1, 21.
vgl. auch:
steht auf, berühmte fürstin, neben mir
ist euer sitz.
237 f.,
wo ebenfalls neben mir zu sitz und nicht zu ist zu construieren ist.auffallend ist die verbindung: und sein riechen wird sein in der furcht des herrn. Jes. 11, 3.
30)
endlich können sowol subject wie prädicat durch sätze vertreten werden. diese werden meistens, doch nicht notwendig, durch es, das aufgenommen bez. vorbereitet. es kommen relativsätze und inhaltssätze in betracht.
a)
ein relativsatz als subject: das mus ein grosser herr sein, der sie gemacht hat. spr. Sal. 43, 5; ist das präd. ein persönliches pron., so tritt die unter 28, d besprochene verschiebung der construction ein: hab ich gnade fur dir funden, so mach mir ein zeichen, das du es seiest der mit mir redet. richt. 6, 17;
bin ich's noch, den du bei so viel lichtern
an dem spîeltisch hältst?
Göthe 1, 79.
s. auch 26, d, β.
b)
häufig dient die fügung nur der rhetorischen emphase. der relativsatz erscheint dann in der regel als logisches prädicat. so besonders im mhd.:
der iu mære saget, daʒ bin ich.
Walther v. d. Vogelweide 56, 15;
unser herre sî der dich ner.
Erec 3188;
ich bin der niht wol vliehen kan.
Lanz. 4344;
ich bin der si meinet
mit triuwen.
Marner IV, 34 Strauch (vgl. die anm.).
auch hier gern mit pleonastischem eʒ:
unde wiʒʒet daʒ: ich binʒ der,
des freude an ir genâden stât
und der ir ie gedienet hât
und der ir immer dienen wil.
Ulrich v. Liechtenstein 332, 32.
zahlreiche parallelen zu dieser ausdrucksweise bringt Wilmanns zu den angegebenen Walther-stellen. nach Wackernagel altfranz. lieder und leiche s. 198 wäre sie dem franz. nachgebildet (vgl. z. b.: je suis cil qui plus a de torment). — ähnlich auch nhd.: wir seind, die des volcks sorg tragen. Franck weltb. 109ᵇ;
nur der tod ist, was uns trennt.
Tieck 1, 371.
so häufig in der umgangssprache: aber wer nicht kam, das war N. N. und ähnl.;
wer dann nicht kommt, glaubt, das bin ich.
Tieck 1, 345.
s. auch 17, f, ende.
c)
auch andre satztheile können durch es ist umschrieben werden zum zweck stärkerer hervorhebung, z. b. das object:
das ist es eben, was ich sage.
Tieck 1, 342;
du bist's, dem ruhm und ehre gebühret;
und ruhm und ehre bring ich dir.
Gellert 2, 95.
ebenso andre bestimmungen. alle diese umschreibungen sind z. b. im franz. viel häufiger als im deutschen, denn sie sind dort bei der gebundenen wortstellung notwendig zur hervorhebung, während im deutschen vielfach voranstellung und betonung beim sprechen ausreicht. auch verfahren beide sprachen nicht gleichmäszig. nur beim subj. und directen obj. treten in gleicher weise relativsätze ein. dagegen beim indirecten object und bei allen umstandsbezeichnungen wird im franz. dieser ausdruck unverändert zu c'est gesetzt, und der nebensatz durch das indifferente que (dasz) eingeleitet, es wird also c'est — que in den unveränderten einfachen satz eingeschoben, um die voranstellung des betreffenden theiles zu ermöglichen. im deutschen dagegen wird ein regelmäsziges hypothetisches satzgefüge hergestellt, indem dieser satztheil, soweit substantiv, in den nominativ tritt, und die beziehung im satze an dem relativpronomen (bez. der relativconjunction) zum ausdruck gebracht wird. vgl. z. b. es war dein bruder, dem ich das buch übergab (c'est à ton frère, que j'ai donné le livre); dieser ort ist es (besser dies ist der ort), wo jene berühmte schlacht geschlagen wurde; dies ist der grund, weswegen er nicht kam (c'est à cette cause, que ..):
dies ist der tag, an dem die christenschaaren
durch tod und blut bekräft'gen ihren heiland.
Tieck 1, 363.
jedoch werden manche bestimmungen, besonders zeitangaben, ebenso wie adverbia, auch unverändert in den hauptsatz herübergenommen, doch wird auch dann der nebensatz an stelle des farblosen dasz (franz. que) mit der durch den sinn geforderten conjunction eingeleitet: es war eben im herbste, da ich ihn sahe. Adelung 4, 452; es war den elften may nach der schlacht, als ich da stand. Klinger theater 3, 272;
dort war es, wo wir uns zuerst umschlangen.
Tieck 1, 395.
doch ist in einigen fällen auch im deutschen dasz notwendig, z. b.:
Gelimar sprach: auf ewig! was wähnest du anders? auf ewig
ist es, dasz wir uns trennen!
Klopstock Mess. 16, 145.
doch klingen solche umschreibungen immer etwas undeutsch und werden besser gemieden.
d)
umschreibungen des subjects, wobei dieses selbst in einen durch was eingeführten relativsatz tritt, sind besonders der umgangssprache eigen: was ein rechter junge ist, der thut so etwas nicht u. ähnl. doch auch bei Luther: denn was viehhirten sind, das ist den Egyptern ein grewel. 1 Mos. 46, 34; wenn eine sach fur gericht dir zu schwer sein wird .. und was zenckische sachen sind in deinen thoren. 5 Mos. 17, 8. mundartlich auch in freierer fügung: was de kinger sinn, was die kinder anbetrifft. Jecht 104ᵇ.
e)
mit dasz eingeleitete inhaltssätze stehen häufig als subject: aber dennoch im grund ist die wahrheit, dasz wir solchen zusatz mit gott und gewissen mogen fallen lassen. Luther briefe 4, 372;
sprach, sein und auch der Rhömer syt
wer, das sy laster brauchten nit.
Schwartzenberg Cic. 113ᵇ.
häufiger mit vorangehendem es: daher ist es fein und recht, und noch jtzt löblich, das man die stet, da die Christen ligen, in ehren helt. Luther 6, 76ᵃ.
f)
selten und fast anakoluthisch mit andern conjunctionen: so ain man ansihet ain frauen, ist nit verpoten. Albr. v. Eybe spiegel der sitten 22ᵃ. vgl. auch:
mir ist es, denk' ich nur an dich,
als in den mond zu sehn.
Göthe 1, 110.
g)
dagegen ist es bei der ausgesprochenen vorliebe der deutschen sprache für nebenordnung weder selten noch auffällig, dasz für solche nebensätze eine unabhängige satzform (directe oder indirecte rede) eintritt. im druck wird dies am besten durch ein vorgesetztes colon angedeutet. so z. b.: Augustus meynung war, die weil sie eynander ehnlich weren, so musten sie von einem vatter sein. Agricola sprichw. 159;
besser ist wir bleiben bey leben.
H. Sachs 2, 1, 12ᵇ,
tages arbeit! abends gäste!
saure wochen! frohe feste!
sey dein künftig zauberwort.
Göthe 1, 199.
oder es kann auch ein theil eines satzes, aus der construction gelöst, aufgegriffen werden: du Belloy war ein junger mensch, der sich auf die rechte legen wollte, oder sollte. sollte, wird es wohl mehr gewesen seyn. Lessing 7, 83. in diesen fällen wird die fügung im druck gewöhnlich dadurch verdeutlicht, dasz man die betreffenden sätze oder satztheile in anführungszeichen setzt.
h)
mit diesen letzteren ausdrucksweisen berührt es sich, wenn ein bestimmter verbalbegriff in der wiederholung durch sein ersetzt wird, und nun die construction desselben bestimmt: ists aber aus gnaden, so ists nicht aus verdienst der werck, sonst würde gnade nicht gnade sein. ists aber aus verdienst der werck, so ist die gnade nichts. Röm. 11, 6; wenn ich jemahls vergessen habe, dasz sie meine mutter war, so war es in diesem augenblicke. Dusch bei Adelung 4, 452; was ich etwa über auswärtige politik dachte, .. war im sinne der freiheitskriege. Bismarck ged. u. erinn. 1, 2;
und wenn ich stottre, wenn ich lamentire,
ist's alles meinem könige zu ehren.
Tieck 1, 362;
bin ich zu retten, ist's allein durch ihn.
Schiller 12, 427 (M. Stuart 1, 6).
ferner häufig bei der unter 5, f angeführten ausdrucksweise, z. b.: sie sehen niemand an, es sey dann mit einem sturischen oder übermüthigen auge. Olearius pers. rosenth. 88ᵇ (7, 20);
sît ... der werde Gurnamanz
... im vrâgen widerriet,
eʒ enwære bescheidenlîche.
Parz. 188, 19.
s. auch 5, d und 29, e.
31)
sein in verbindung mit den nominalformen des verbs, zur umschreibung von tempus- oder modalformen und ähnlich (sein als 'hülfsverb'). — zunächst mit dem part. präs.
a)
mit dem part. präs. verbindet sich das präs. und prät. von sein zur umschreibung des präs. und imperf. mit dem begriff des dauernden, continuierlichen. diese fügung scheint bereits der ursprache anzugehören; sie findet sich im altind. (s. Speyer ved.- u. sanskr.-synt. § 203. 205) und gr., seltner im lat. am meisten verbreitet, aber nicht gleichmäszig, ist sie in den germ. sprachen, s. Grimm gr. 4, 4—6. 125. 942. Weinhold mhd. gr.² s. 465 f. in den ostgerm. sprachen findet sie sich nur vereinzelt. auch im nd. ist sie nicht häufig geworden, obwol sich im mnd. einige beispiele finden:
dar scholen ze myner warende syn
unde liden nener hande pyn.
Redentiner ostersp. 673 Schröder;
ik bidde juw, dat gy willen twiden my
ener bede, der ick biddende sy.
quelle bei Schiller-Lübben 5, 696ᵃ.
etwas üblicher scheint sie im mnl. zu sein, s. Stoett proeve eener beknopte mnl. syntaxe § 414. am meisten und uneingeschränktesten ist sie indessen im engl. in übung, sowol in älterer wie in neuerer zeit (die sog. 'progressive form'): he is just coming; it is raining now; it has been raining all night; I was writing a letter, when my friend came u. a.
b)
im hd. ist sie in älterer zeit (ahd. und mhd.) weit verbreitet, s. Grimm a. a. o. und mhd. wb. 1, 128ᵃ. beispiele: tagâ uuas her lêrenti (erat docens) in themo temple. Tat. 140, 2;
sô wârun se unzan eltî   thaʒ lîb leitendi.
Otfrid 1, 4, 10;
nû bit ich den hêrrin
den gûtin Daniêlin,
daʒ er mir sie weginde
undi dû mir sies vergebinde
die sundi mînes lîbes.
Rheinauer Paulus 73—77;
daʒ er im bitende wese
der sêle heiles hin ze gote.
der arm. Heinrich 25;
vor dem, der uns dâ schirmend ist.
Wigalois 209, 8;
ich wil iu immer dienend sîn.
Ulrich v. Liechtenstein 4, 3;
vriunt, dû solt mir sagende sin.
291, 4;
si muosten schaden dulden,
die dâ werbende sîn
ûf und zetal bî dem Rîn.
Ottokar reimchr. 39730.
c)
später tritt für das part. meist der inf. ein, s. u. 34, c. d. doch finden sich auch im 15. jahrh. noch häufige belege für jenes (vgl. Kehrein gr. 3, § 7): wenn wir ain gemein von der stat notdurft wegen haben wellen oder bedürffent seyn. d. städtechron. 15, s. 267; so wir nachvolgen der natur, sein wir alltzeit begerende der tugenden. Albr. v. Eybe spiegel der sitten 3ᵇ; so du aber vastende bist, was hilfft dich das die därme läre seind. 44ᵃ; (so) der verdacht (suspectus), mit dem vergifften, inn uneynigkeyt gewest, oder aber vonn seinem todt, vortheyls oder nutz wartend wer. Carolina cap. 37; do erinnert sich der star seines herrn sprichwort und schreit immer: hüt dich vor böser gesellschaft. da war (für ward?) der vogeler lachend und liesz ihn beim leben. Coler hausb. (1640) 479;
und das sie nieszend solten sein.
Reuaus 213 (Wagners arch. 1, 23);
Murat kaiser der Turken
seim swager dez wal gunnend waz.
Beheim hist. ged. 5, 88;
zu bringen was das (l. das was?) wirckt zu dem was leidend ist.
Opitz 4, 368.
später nur, wenn das part. den wert eines adj. hat: er ist zugleich bitter und hassend, die person des gegners verfolgend. Tieck 1, s. xiii, oder in archaisierender rede (bez. als poetische licenz, im reime):
frisch, muntre jugend! die du gerne schlagend
mit herzenslust bist zu gefahren ziehend.
247;
schon ist der tag absteigend.
382.
besonders lange hält sich vermutend sein, vgl. th. 12, 900: ich .. bin auch nichts anders vermuthend gewesen, als dasz ich meine seele durch einen schmertzlichen ausgang würde aus dem leibe schicken müssen. Weise kl. leute 170; über die brust lege ich ihr ein pflaster von wahlrath, absonderlich wann ich vermuthend bin, dasz die milch etwan möchte geronnen ... seyn. Ettner hebamme 761. so noch jetzt in der umgangssprache, doch gewöhnlich mit abfall des d, auch mundartlich, z. b. nd. dat was ek mek nich formauen. — das erstere beispiel (aus Weise) belegt zugleich die im engl. so gewöhnliche verbindung eines solchen part. mit einer zusammengesetzten zeitform auch fürs deutsche.
d)
im engl. kann dieses part. auch passive bedeutung haben: a ship is building, ein schiff wird gebaut; an operation is performing u. ähnl. im deutschen scheint ähnliches nur bei wissen vorzukommen: wissend sein, bekannt, bewuszt sein:
weil ihm wol wissend war,
er köndte dieses nicht bekennen ohn gefahr.
Opitz 4, 348;
damit, was dich ergetze,
mir kund und wissend sei!
P. Gerhardt nr. 10, 8 Gödeke.
dafür wissen: ist dir etwas von der liebe wissen, so Reinhart zu der jungfrawen Rosamunde tragen thut, so zeyg mirs an. buch der liebe 243ᶜ.
32)
mit dem part. perf. verbindet sich sein in doppeltem sinne, nämlich einerseits zum ausdruck des passivs, andrerseits zur umschreibung der vergangenheit des activs. letzteres kann naturgemäsz nur bei intransitiven verben stattfinden. der unterschied liegt natürlich in der doppelten function des part., das sowol activen wie passiven sinn hat. wir stellen den letztgenannten fall (activ) voran.
a)
die umschreibung des prät. mit sein hat mit der entsprechenden passivbildung grosze ähnlichkeit. formell ist sie damit vollkommen identisch, wenigstens in den ältern sprachstadien; im nhd. besteht insofern ein unterschied, als zum passiv häufig worden hinzutritt bez. hinzugefügt werden kann (wenn auch nicht ohne sinnesnuance), zum activen perf. nicht, vgl. Grimm gramm. 4, 20. 156 f. und fälle, wie:
nû was dâ gestanden vil.
Willehalm 231, 28;
als nû lebt diu kristenheit,
sô mac der zehende niht genesen,
diu buoch enwellen gelogen wesen.
Vridanc 26, 19;
die mailust ist begonnen.
Tieck 1, 6.
b)
die bildung des prät. mit sein ist im got. noch nicht bekannt, findet sich aber sonst in allen germ. sprachen. im ahd. scheint sie zuerst bei Tatian und im Musp. belegt zu sein, siehe Grimm gramm. 4, 150: after thiu thô argangana uuârun ahtu tagâ. Tat. 7, 1;
diu marha ist farprunnan.
Musp. 61;
thaʒ in was queman herasun   ther gotes einigo sun.
Otfrid 2, 3, 26;
selben Kristes stiuru   joh sînera ginâdu
bin nû zi thiu gifierit,   zi stade hiar gimierit;
bin nû mînes wortes   gikêrit heimortes.
5, 25, 1—3.
über das mhd. s. Paul mhd. gramm.² § 290, der zugleich die abweichungen vom nhd. zusammenstellt. über das nhd. Kehrein gramm. 3, § 47. Blatz nhd. gramm.³ 1, s. 560—7. über die sprache Luthers speciell Franke s. 215 f. zum ganzen Grimm gramm. 4, 155—167. — die flexion, die das part. im ahd. neben uuesan annimmt (s. das beispiel im Tat.), die übrigens nur im pl. hervortritt, ist im mhd. bereits vollständig aufgegeben, also noch früher und consequenter als sonst beim prädicatsadj.
c)
das mit sein (bez. haben) umschriebene prät. unterscheidet sich vom einfachen ganz ebenso wie in den romanischen sprachen. das letztere ist das gewöhnliche tempus der erzählung (also = ved. imperf., gr. aorist, lat. perf. historicum, frz. passé défini) und der zustandsschilderung (gr. lat. rom. imperf.), die zusammengesetzte form dagegen bezeichnet einmal die abgeschlossene handlung in bezug auf ihr resultat oder den dadurch erreichten zustand (das eigentliche perf., z. b. hast du dieses buch gelesen? d. h. kennst du es?; ich habe ihm verziehen, ich bin ihm nicht mehr böse, u. a.), sodann die soeben geschehene, gleichsam noch in die gegenwart hineinragende (er ist soeben angekommen; dies der ursprüngliche sinn des idg. aorists), oder die aus ihrem zusammenhange losgelöste, als vereinzeltes factum berichtete handlung (ich bin zweimal in der Schweiz gewesen). weitere ausdehnung hat die umschriebene form in den oberdeutschen mundarten gewonnen, wo die einfache form des ind. ganz aufgegeben ist. mit dem prät. von sein wird das sogen. plusquamperfectum gebildet. vergl. Grimm gramm. 4, 157 f. da die umschriebene form zuweilen rein präsentische bedeutung annimmt (z. b. gelegen sein im nhd. ganz dasselbe wieliegen, von örtlichkeiten), so wird zuweilen, um ein deutliches perf. zu bilden, sogar die zusammengesetzte form von sein noch einmal zu einem part. gesetzt:
die pflantze, die ein mehlthau stracks versängt,
musz niemals recht beklieben seyn gewest.
Lohenstein Agrippina 4, 420 (s. 73).
so werden in der volkssprache auch zuweilen doppelplusquamperf. gebildet, wie: alle meine unruhe war schon vergangen gewesen, als ich von neuem erschreckt wurde. Blatz 1, 561.
d)
noch ist zu erwähnen, dasz von sein in dieser verwendung das präs. und prät. im ind. und conj. sowie der inf. in uneingeschränktem gebrauche sind; dagegen kommt das part. in lebendiger rede kaum jemals vor; auch der imperativ ist streng genommen ausgeschlossen; doch findet er sich vereinzelt, so:
in die ecke,
besen! besen!
seyd's gewesen.
Göthe 1, 241 (der zauberlehrling).
oder in fällen wie:
tuont alsus und sît genesen.
Iwein 1253,
wo sît allerdings auch als ind. (in futurischem sinne) gefaszt werden kann, s. Grimm gramm. 4, 158.
e)
das nebeneinander von sein und haben im prät. der intransitiven verben findet sich in ganz derselben weise in allen germ. und rom. sprachen, natürlich mit zahlreichen abweichungen im einzelnen. in den germ. sprachen zeigen die meisten ein entschiedenes überwiegen von haben, namentlich die nördlicheren, vgl. die zusammenstellungen aus den ältern quellen bei Grimm gramm. 4, 150—3. am ausgedehntesten ist der gebrauch von sein im deutschen, und auch hier wieder in den südlichen mundarten mehr als in den nördlichen. auch in der nhd. schriftsprache zeigt sich dieser unterschied, indem norddeutsche autoren in manchen fällen (z. b. bei stehen) haben, süddeutsche sein bevorzugen. der wesentlich hd. charakter derselben hat dann die weitere folge, dasz in solchen fällen meistens sein für feiner gilt und daher in schriftlichem gebrauche auch von leuten gesagt wird, die in der zwanglosen sprache des täglichen lebens haben anwenden würden.
f)
im allgemeinen kann man sagen, dasz haben mehr den nachdruck auf die thätigkeit, sein mehr auf den dadurch erreichten zustand legt. letzteres steht daher besonders bei verben, die das anfangen (oder auch das aufhören) einer thätigkeit ausdrücken, so bei den zusammensetzungen mit ent-, er-, ver-: der mond ist aufgegangen, erschienen ist der herrlich' tag, erloschen (verblichen, verglommen) ist der letzte tagesschein, es ist ein ros' entsprungen, Christ ist erstanden u. a. dagegen steht haben fast bei allen unpersönlichen verben, s. Grimm gramm. 4, 249 f. welche verben im einzelnen haben, welche sein annehmen, kann hier nicht ausführlich dargelegt werden, vergl. dazu die reichen zusammenstellungen bei haben IV, th. 4, 2, 70—75 und Grimm gramm. 4, 160—166, sowie die einzelnen wörter.
g)
während die meisten wörter entweder mit haben oder mit sein verbunden werden, nehmen manche beide an, mit verschiedenem sinne. die unterscheidung beruht gewöhnlich auf der unter f gegebenen regel. so sagt man mhd. ich hân gelegen, geseʒʒen, gestanden, geswigen in dem sinne 'ich bin (eine zeitlang) in diesem zustande gewesen', dagegen nehmen dieselben verben in incohativem sinne bin, wobei die bedeutung vielfach dem präsens nahe kommt; z. b. ich bin gelegen, ich habe mich gelegt, liege also jetzt; vgl. z. b.:
so ist mir alsô wol ze muote
als der bi vrowen hât gelegen.
minnes. frühl. 152, 4;
dagegen:
dâ hieʒ sî in sitzen an.
und dô er was geseʒʒen,
sî sprach 'welt ir iht eʒʒen?'
Iwein 1217.
ebenso ich bin geswigen, verstummt, ich schweige. diese im mhd. häufige ausdrucksweise reicht noch in das ältere nhd. hinein, ist dagegen später aufgegeben; vgl. schweigen I, 20, th. 9, 2431:
geswigen sint die nahtegal.
minnes. frühl. 37, 32;
swen wunder, daʒ ich sî geswigen.
Ulrich v. Singenberg 42, 1 Wackernagel;
geschwigen seind uns die vogelein.
bergreihen s. 92, 10 neudruck.
bei den andern ist der unterschied dadurch gestört, dasz im norddeutschen die incohative bedeutung von liegen, sitzen, stehen u. ähnl. überhaupt nicht üblich ist, im süddeutschen dagegen und vielfach überhaupt in gehobener rede sein auch in den fällen eintritt, wo man nach obiger regel haben erwarten sollte: do gestanden syen die füsz der priester. 4. bibelübers. Jos. 4, 3 bei Kehrein gramm. 1, s. 279; darob sien wir gesezzen manig zeit her und bedahten, wie wir von schulden kömen. d. städtechron. 4, 158, 20; Vespasianus .. der zerstörte Jherusalem, die was gestanden 1080 jor. 8, 27, 22; also send die von Nierenberg lang hie gelegen. 25, 129, 12 (Augsburger quelle von 1520); die 3 gefangen send zuͦ Waltstein gelegen, da sie aus send komen. 186, 8; also ein ganczes iare vergangen was, das die czwen in sölicher trübsale und gefencknüsz gestandenn waren. Steinhöwel decam. 97, 32 Keller (2. 6); do waren min bäsin und mins meisters gar alte frow die gantzen nacht an knüwen gelägen. Th. Platter 11 Boos; noch bey lebzeiten des letzten herzogs Sachsen-Römhildischer linie ist ein lust- oder trinkort hier gestanden, von welchem nichts mehr übrig ist. Uz s. 335 Sauer;
Friburg, du bist ein kerne, ...
man hat dich alzit gerne,
als lang du gestanden bist.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 137, 6;
fest waren wir an sie gehangen.
Göthe 1, 49.
doch auch haben bei nieder- und mitteldeutschen autoren: der vogel sitzt mir mein tage nicht wieder so gut, als er mir gesessen hat. Weise comöd. prob. 179. — anders ist der unterschied bei träumen, mhd. troumen, s. das., sowie Grimm gramm. 4, 250. — ohne unterschied der bedeutung sagt man mhd. ich bin und ich hân gevarn:
er hat nicht recht gefaren,
wann er ist meineid.
Liliencron hist. volksl. 35, 2;
er ist an ir gefaren als ein wicht.
179, 208;
were Hanibal noch dem gesige des strites gein Rome gefarn, er hette Rome gar zerstöret. d. städtechron. 8, 325, 23. jetzt wird das intransitive fahren mit sein, das transitive mit haben construiert: ich bin nach Dresden gefahren; der fährmann hat mich über den flusz gefahren. — ein unterschied wird in der heutigen sprache besonders bei den verben der bewegung gemacht, indem haben auf die ausübung der handlung, sein auf das ziel geht (vgl. Adelung 4, 453): ich habe heute morgen eine halbe stunde lang geschwommen; der junge hat den ganzen weg ununterbrochen gelaufen (wo allerdings auch bin bez. ist durchaus üblich ist), dagegen stets: ich bin über den flusz geschwommen, nach haus gelaufen. beispiele: darin ist ain alter, herlicher man mit ainem langen, growen bart in einem sessel gesessen, und seind vil kleiner kneblen uf der wisen und umb ine geloffen. Zimm. chron. 3, 14, 22 f.; doch nichts desterminder seind die andern churfürsten und fursten ... stetts auf das rhathaus geritten. d. städtechron. 25, 387, 32.
h)
beispielsweise mögen einige weiteren abweichungen vom heutigen sprachgebrauche zusammengestellt werden.
α)
im mhd. steht bin bei gevallen u. ähnl.:
ich wæn daʒ alleʒ sîn gesanc ...
sî got niht sô wol gevallen
sô im daʒ ein muoʒ missevallen.
d. welsche gast 11221 (vgl. die anm.);
wan diu künegîn was ein schœne maget.
si müeste wol sîn behaget
eim man der halbtôt wære.
Lanz. 5532;
dagegen hân bei volgen:
wan ich im lange her gevolget hân.
minnes. frühl. 81, 36;
sîn bei unpers. verben u. ähnl., z. b.:
daʒ netze ist nû versmâhet.
Vridanc 152, 18;
daʒ im der sprâche zerunnen was.
Wigalois 80, 40.
β)
nhd. sein für gewöhnliches haben, z. b.: freilich von jenen eigentlichen verführerkünsten braucht' ich, und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, dasz sie auch dergleichen siegreich widerstanden wäre. Bräker der arme mann im Tockenb. 59 Reclam; holder himmel Joniens! so war ich nie an dir gehangen. Hölderlin 2, 67 Köstlin;
wär man in helfleich pestanden pei.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 39, 89
es ist si aber übel gerüwen
am selben abend spat.
2, nr. 203, 3;
der artzt ausz Syrien ... ist mit ihm umbgetretten
in Asi und Europ!
Opitz 4, 343;
ach ja meîn täglich bier ist köstlich auszgejohren.
Weisze comöd. pr. 350.
γ)
umgekehrt haben für allgemein übliches sein: nun hatt sein treu unnd sein stätigkeyt von jm gewichen. Pontus d 3ᵇ; das dunkelbraune auge scheint kaum gealtert zu haben. Auerbach dorfgesch. 3, 134; bei den rein preuszischen civil-diplomaten, welche der wirkung militärischer disciplin garnicht oder unzureichend unterlegen hatten, habe ich in der regel eine zu starke neigung zur kritik .. gefunden. Bismarck ged. u. erinn. 1, 3;
aber im hat daran mislungen.
Liliencron hist. volksl. 2, nr. 163, 37;
inen hat gar wol gelungen.
206 B, 9;
s. auch Opitz 4, 296 unter 5, b.
δ)
weiter als das hd. geht das nd. in der vorliebe für haben, vergl. z. b.:
hedden öme de hiligen nicht hold gewesen,
nouwe hedde he genesen,
he hedde wol bleven in dem neste.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 101, 17.
so auch in neueren mundarten: westf. wen se bliewen hedden; dat piard hadde laupen, mecklenb. dat pîrd harr lopen; harst du man dôr blêwen. s. nd. korrespondenzbl. 16, 22. 36.
i)
besondere beachtung verdient endlich das umschriebene prät. von sein selbst, vgl. darüber Grimm gramm. 4, 160—162.
α)
hier steht der gebrauch von haben, wie in fast allen rom., so auch in den meisten germ. sprachen (nord. engl. fries.) fest. von jenen macht nur das ital., von diesen das deutsche eine ausnahme. in den ältesten sprachstufen (got. ags. alts. ahd.) ist die umschreibung überhaupt nicht bezeugt.
β)
im mnl. herrscht ich hebbe gheweest, ghesijn, ghewesen, z. b.:
van hem dien ic so groten vrient
van herten altoos heb ghesijn.
Reinaert 4437.
im jetzigen holl. dagegen ik ben geweest.
γ)
im mnd. haben viele quellen beides neben einander, so die Lübecker chron. (ik was geweset, aber he hadde ghevanghen weset) s. Schiller-Lübben 5, 695ᵇ; ebenso hat des dodes danz sowol ik hebbe wie ik bin gewest, s. das gloss. v. Baethcke. in andern quellen steht hebbe: alle schicht unde unwillen, de de twischen den herren gewest hadde. Leibnitz Brunsv. illustr. 3, 188;
in êner stat hadde gewesen
wônhaftich ên beschêden man.
van sunte Marinen 24;
de sô lange hadde sêk gewesen.
van deme holte des hill. cruzes 500.
δ)
auch neund. mundarten haben theilweise hebben erhalten, so in Mecklenburg auf dem lande ik hewwe vêle jôr in Mälen-Eixen west, s. nd. korrespondenzbl. s. 16, 36, die meisten indessen sagen ikk bin weest. Dähnert 424ᵃ; wor sün jy wesen? Richey 338; hai es bî mi west. Woeste 237ᵃ. beides neben einander im ostfries. ten Doornkaat Koolman 3, 543ᵇ (nach Stürenburg 321ᵇ ist ikk hebb' wesst allgemeiner im gebrauche als ikk bünn oder sünn wesst); im südhann. mit sîn, selten mit hebben, s. Schambach 192ᵇ.
ε)
im mhd. herrscht ich bin gewesen, gesîn, doch findet sich ich hân gesîn u. s. w. häufig genug in mitteldeutschen mundarten, s. die belege bei Weinhold mhd. gramm.² s. 385 f. mhd. wb. 3, 765ᵇ f. Lexer handwb. 3, 799. nur ganz vereinzelt reichen spuren davon bis ins nhd.: darumb hatt nie kein heylge szo küne gewest, das er von ym selb sagete, das seyne weiszheit .. vor ym nichts sey. Luther 1, 220, 9 Weim. ausg. (sieb. buszps. von 1517).
k)
nicht zu erkennen ist es, welches hilfsverb gemeint sei, wenn dieses ausgelassen ist, da diese auslassung bei haben und bei sein gleich beliebt ist, s. unter 39, a, γ. — unsicher kann man auch sein, wenn zu mehreren participien das hilfsverb nur einmal gesetzt ist. hier gestattet die ältere sprache deutlich die ergänzung von haben aus vorhergehendem sein, z. b.: do waren min bäsin .. die gantzen nacht an knüwen gelägen, gott gebätten, das er mich behütten welte. Th. Platter 11 Boos; bin ich einest in ein groszen keszel mit heiszer milch, die ob dem feur war, gfallen und mich dermoszen verbrandt u. s. w. 12. die neuere sprache hat diese freiheit nicht und gestattet einmalige setzung des hilfsverbs nur, wenn in beiden fällen dasselbe zu stehen hätte: als sie aber etliche meilen von Grünland ab, und in der geraumen see frey gelassen worden, sind sie geschwinde in die see gesprungen, und nach norden zugeschwummen. Olearius pers. reisebeschr. 84ᵃ; ein bauer .. sei vom teufel gepackt und hoch an das gewölbe geschleudert worden; der leib sei herabgefallen, die arme seele aber droben festgeklebt. P. Heyse novellen 15, 197.
l)
die bildung mit sein hat naturgemäsz nur bei intransitiven verben statt, da sie bei transitiven für das passiv verwendet wird. in einigen fällen indessen kommt sie auch hier in activem sinne vor.
α)
wenn im mhd. tuon ein andres verb vertritt, so übernimmt es, wie die rection, so auch die bildungsweise desselben:
er wânde, im solde gelingen,
als im ofte ê was getân.
Wigalois 54, 30.
nhd. würde man in solchen fällen lieber geschehen verwenden.
β)
eine reihe von part. perf. transitiver verben begegnet in activem sinne, doch meist in rein adjectivischem gebrauche, s. Grimm gramm. 4, 70 f. sie können auch die negation un- annehmen: ich bin heute noch ungegessen (habe noch nichts gegessen) u. ähnl. in weiterem umfange finden sich derartige redeweisen im mhd.:
dâ von muoʒ ich dur nôt sîn ungesungen.
minnes. frühl. 84, 5;
wie kunde er ungefrâget sîn
dâ von dirre mære.
Biterolf 1186;
so noch: ich möcht auch leiden das ich ungepredigt wer, wan ich hab vernügernt. Keisersberg evang. 13ᶜ. zu beachten ist, dasz die bedeutung manchmal rein präsentisch ist; so auch bei intransitiven verben, wie mhd. geriten sîn für unser beritten, meist in den verbindungen wol, baʒ geriten, s. Grimm a. a. o. das ebenfalls schon mhd. vorkommende beholfen unterscheidet sich von den vorgenannten dadurch, dasz es attributiv nicht begegnet und den rein verbalen charakter bewahrt hat. es steht also ganz im sinne eines part. präs.: do empfingen die kürfürsten ire lehen von ime und swuͦrent ime zuͦ beholfen sinde als eim romeschen künige. d. städtechron. 8, 42, 1;
wen si jm gern beholfen wären,
so macht erʒ ze uneren,
daʒ si jm ettwaʒ werffent jn.
Laszberg liedersaal 1, 465, 103.
dafür auch geholfen:
er sprach: 'ir purger, nuͦ lat mich ein,
ich wil euch geholfen sein!'
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 12, 100 (vom j. 1337).
s. dazu Lexer handwb. 1, 153. 156 (beholf, adj.?). vgl. noch nd. ik sin dat vergeten. Woeste 237ᵃ.
γ)
manche ursprünglich transitiven verba, wie erbeiʒen, sprengen, bei denen daʒ ros zu ergänzen ist, verlieren im sprachgefühl allmählich ihre alte bedeutung, und werden, da sie ohne ausgedrücktes object stehen, als intransitive empfunden. wie man daher mhd. sagt:
erbeiʒet von dem rosse.
Laurin 132,
so kann es auch nicht befremden, dasz man bildet:
ob er zuo den frouwen rite?
nein, er was erbeiʒet vor.
Wigalois 221, 39,
ganz wie nhd. er was abgesessen, abgestiegen.
m)
andrerseits können von haus aus intransitive verben zuweilen ein object zu sich nehmen. nicht hierher gehören natürlich accusative der zeit, z. b.:
dô gebunden wart der degen,
und eine wîle was gelegen.
Wigalois 215, 7.
auch ein acc. des weges, der entfernung ändert an der conjugationsweise nichts: denn jr seid den weg vorhin nicht gegangen. Jos. 3, 4; ich bin (oder habe, nach g) gestern 3 meilen gegangen, 100 kilometer gefahren (zu rad) und ähnl.notwendig ist dagegen die anwendung von haben, wenn ein accusativ des effects hinzutritt: das kind hat sich ein loch in den kopf gefallen, ich habe mir die füsze wund gelaufen (durchgelaufen), der offizier hat sein pferd zu schanden geritten und dergleichen.
n)
composita folgen im allgemeinen dem einfachen verbum, vgl. die belege unter g. h. doch sollten sie mit haben verbunden werden, wenn sie durch die zusammensetzung transitiv werden. die ältere sprache folgt meistens dieser regel, z. b.: swenne diu sêle alsus alliu dinc durchloufen hât. d. myst. 2, 503; das land das wir durchwandelt haben. 4 Mos. 14, 7; es hat dieser herr die historien sehr fleiszig durchgangen. Zincgref apophthegm. 1, 127;
(ich) hân erstrichen vrömdiu lant
nâch im.
Eckenliet 43, 5,
dafür in der ausgabe von Schade:
ich hab durchstrichen manich land.
39, 4;
das ir so traurig itzt thut sehen ...,
als het euch unglück übergangen.
Rebhun Susanna 1, 1, v. 6;
und so noch: nachdem er die lady vergeblich von allen seiten umgangen hat. Schiller kab. u. liebe 4, 9;
ich meint', es hab' durchstrichen
ein loser vogel den hag.
Uhland ged. 227;
wenn nun dein aug' durchlaufen hat
die blätter alle, soll es lesen
auch dieses unbeschriebne blatt.
Rückert (1882) 1, 382 (liebesfr. 1, 31).
doch setzt die neuere sprache auch hier unter einflusz des stammworts vielfach sein; so schon: da gehorchten alle fürsten und alles volck, die solchen bund eingangen waren. Jer. 34, 10; kein geschöpf bist du vorbeigegangen. Herder 4, 86, 9 Kühnemann (ideen 3, 2); er machte mir alsdann eine angenehme beschreibung von den sitten mancher länder, die er durchstrichen war. Heinse Ardingh. 1, 237; ich habe mich in diesen wenigen tagen schon viel umgesehen, bin die stadt umfahren und umgangen. Göthe 43, 23; ich idiot glaubte, als ich in Foligno angekommen war, ich sei nun den Apennin durchwandelt. Seume 2, 105 Hempel; jener andre don Quixote .., der sich hinter dem namen eines zweiten theils versteckt hat, und so die welt durchwandert ist. Tieck don Quix.⁵ 2, s. iii. wie sehr hier das sprachgefühl schwankt, zeigt am deutlichsten folgende stelle:
die felder alten ruhms bin ich durchschlichen,
Skamander's feld, die höh'n auf Gargara,
die sel'gen inseln hab' ich bang durchstrichen.
L. Schefer abschied von Griechenland, bei Stern d. dichtung 116ᵃ.
o)
als besondere art der transitiven verlangen auch die reflexiven verben im deutschen haben, im gegensatz zu den roman. sprachen. nur die ganz vom ital. eingeschlossene cimbrische mundart verwendet sain(an): sedar benne bar sainüz net gepaichtet, da che tempo non ci siamo confessati. cimbr. wb. 225ᵃ. — ferner ganz vereinzelt im nd., wenn intransitive verben reflexiv gebraucht werden, so westfäl. ik sî mi fallen für älteres ik hewwe mi fallen. Woeste 237ᵃ.
33)
sein mit dem part. prät. zur umschreibung des passivs.
a)
die ältesten idg. sprachen, das arische und das gr., drücken das passiv durch das mittel der formenbildung aus; ebenso das lat., doch bildet dieses nur noch das präsens, imperfectum und futurum auf diesem wege; für das perfectum, plusquamperfectum und futurum exactum tritt die umschreibung durch das part. perf. pass. mit esse ein. die romanischen tochtersprachen haben jene einfachen bildungen ganz eingebüszt und müssen alle zeitformen durch zusammensetzung bilden. denselben weg haben die germ. sprachen eingeschlagen. indem für das detail auf die ausführliche darlegung bei Grimm gramm. 4, 9—21 (dazu über den inf. 56 f.) verwiesen werden kann, sollen hier nur die hauptetappen der entwicklung angedeutet werden.
b,
α)
eine besondere form für das passiv (eigentlich medium) haben innerhalb des germ. nur das got. und durch neubildung die neunord. sprachen (schwed., dän.), aber schon im got. ist nur das präs. erhalten das fehlende, in den übrigen sprachen alles, wird auch hier durch zusammensetzung gebildet. und zwar bietet sich wiederum als nächste und natürlichste fügung die zusammensetzung des part. mit sein. da indesz dieses sowol zur bildung des präs. als auch des prät. (nach lat. muster), wie endlich auch zur umschreibung des activen prät. der intransitiven verben (s. 32) dient, so machte sich bald das bedürfnis eines deutlicheren, bestimmteren ausdrucks fühlbar. hierzu bot sich zunächst das hilfsverb werden: das eintreten in den durch das part. perf. angegebenen zustand ergab von selbst den begriff des präsens. nur einzelne sprachen (mnl. schwed. dän.) haben dafür bleiben eingeführt.
β)
im got. ist eine umschreibung für das präsens noch nicht in gebrauch; es genügt das einfache gibada u. s. w.; für das prät. werden neben einander im, vas und varþ gibans verwendet, ohne dasz sich ein deutlicher unterschied der bedeutung erkennen liesze.
γ)
im ältesten deutschen (ahd. alts.) kommt zu diesen 3 formen das präs. wirdu hinzu. aber auch bim wird im ahd. in der regel für das präs. verwendet (z. b. uueset kalærte, kalærit uueset. erudimini gl. s. Schm. 2, 1021). es besteht also zwischen wesan und werdan kein wesentlicher unterschied und man braucht neben einander für das präs. ist und wirdit, für das prät. was und ward gigeban (alts. is, wirthiđ — was, warth gigeƀan). ebenso noch mnl., nur dasz hier anstatt des ahd. werdan bliven verwendet wird. also: es, blijft — prät. was, bleef ghegheven.
δ)
im laufe des ahd. beginnt allmählich werden immer entschiedener für das präs. bevorzugt zu werden, während ih bim mehr im sinne des prät. verstanden wird. für dieses stehen also nun genau dieselben formen wie im got. zur verfügung. da inzwischen auch im activ durch einbürgerung der umschreibung drei ausdrucksweisen gewonnen sind, so werden beide gruppen in parallele gesetzt und der sinnesunterschied nach maszgabe der drei lat. zeitformen der vergangenheit geregelt. es ergeben sich daher folgende entsprechungen:
act. pass.
präs. ih lobôn laudo ih wirdo gelobôt laudor
imperf. ih lobôta laudabam ih ward gelobôt laudabar
perf. ih habên gelobôt laudavi ih bin gelobôt laudatus sum
plusqpf. ih habêta gelobôt ih was klobôt laudatus
laudaveram eram.
ε)
dieses schema steht (nach Grimm) schon bei Notker im allgemeinen fest; es ist seitdem im hd. geblieben und hat sich ebenso im nd. und nl. festgesetzt; ganz ähnliche verhältnisse zeigen ferner das altfries., das ags. und das altn. es kann demnach als die germ. normalform des passivs gelten.
ζ)
eine andre entwicklung hat das engl. genommen. hier hat sich allmählich sein im präs. festgesetzt, während werden überhaupt aus der passivbildung verdrängt ist. die präteritalformen werden dann durch die entsprechenden formen des hilfsverbs ausgedrückt: I am loved — I was loved — I have been loved — I had been loved. hierdurch ist eine genaue analogie zu den roman. sprachen erreicht.in derselben weise bildet auch die vom italien. umschlossene cimbrische sprachinsel das passiv mit sain(an): (er) ist gabest ganagelt afz kreuce; ist mar gabest get, mi è stato dato. cimbr. wb. 225ᵃ. sonst ist derartiges im deutschen sehr selten, z. b.: (viele) hetten mögen liden, der Zwinglin were verbrend gsin (worden). Th. Platter s. 45 Boos.
η)
einen ähnlichen weg hat das neuisl. eingeschlagen. dieses bildet das präs. und die verschiedenen vergangenheitsformen genau wie das engl. (jeg er elskađur — jeg var elskađur — jeg hef veriđ elskađur — jeg hafđi veriđ elskađur), verwendet aber verđa neben vera im futurum, welches sonst in genauer analogie zum activ vom präsens gebildet bez. durch dieses ersetzt wird: jeg verđ elskađur (so nach Grimm, richtiger nach Carpenter neuisl. gramm. § 117: jeg mun verđa oder vera elskađur).
θ)
den andern neunord. sprachen ist eigenthümlich die neubildung des medialpassivs auf -s (die im isl. noch entschiedener als reflexivform verwendet wird) und der gebrauch des hilfsverbs bleiben. das schwed. verwendet in präs. und imperf. nur die einfache form (jag älskas- jag älskades), in perf. und plusquampf. in der regel die umschreibung (jag har bez. hade blifvit älskad, selten jag har bez. hade älskats). das dän., das im letzteren falle auch das einfache være gestattet, hat in allen zeiten doppelformen: präs. jeg elskes oder bliver elsket, imperf. jeg elskedes oder blev elsket, perf. jeg er (bleven) elsket, plusquamperf. jeg var (bleven) elsket. (Grimms angaben treffen auf die heutige sprache nicht mehr zu.).
ι)
es verwenden demnach die meisten germ. sprachen zur bildung des passivs sein und werden, dafür im mnl. und dän sein und bleiben; in der art der vertheilung scheiden als besondere gruppen aus das got. (s.γ), das ahd. alts. und mnl. (s.δ), und das neuisl. (s. η). nur ein hilfsverb kennen das engl. (to be, s.ζ) und das schwed. (blifva, s. θ).
c)
im nhd. wird das perf. noch deutlicher gekennzeichnet durch zusatz von worden. es wird demnach jetzt werden durch alle zeitformen abgewandelt, gerade so wie sein im engl. und rom., blive im dän. aber ich bin geliebt und ich bin geliebt worden fallen nicht ganz zusammen, ersteres entspricht nicht überall dem franz. j'ai été aimé, sondern eben so oft einem je suis aimé, und umgekehrt kann dies im deutschen sowol mit ich bin geliebt als mit ich werde geliebt wiedergegeben werden. dies beruht darauf, dasz das part. perf. pass. vielfach den wert eines adjectivs bekommt und dann nur den begriff des verbs als dauernden zustand aussagt, ohne rücksicht auf zeitverhältnisse. es macht in diesem falle keinen unterschied aus, ob die jenen zustand hervorrufende handlung dabei fortdauert (ich bin geliebt, von ich werde geliebt nur modal leise verschieden; gebliebt also gewissermaszen part. präs. pass.), oder in der vergangenheit liegt (ich bin gekränkt, beschimpft, verbrannt), oder überhaupt als solche nicht gedacht wird (ich bin verloren bez. ein verlorner mann, wofür sowol ich werde verloren wie ich bin verloren worden absurd wäre). da hier also eigentlich ein adjectivisches prädicat vorliegt, so wird als copula in allen sprachen der gewöhnliche ausdruck für sein verwendet. es ergeben sich demnach 3 verschiedene ausdrucksweisen mit dem part. pass. (wobei von den secundären präteritalformen, die durch einsetzung von war, wurde für bin, werde gebildet werden, abgesehen wird), 1) ein actuelles präsens (handlung in der gegenwart), 2) ein actuelles präteritum (handlung in der vergangenheit) und 3) ein zeitloser zustandsausdruck (etwa als perfectum präsens zu bezeichnen), die in den hauptvertretern der behandelten sprachtypen folgende gestalt zeigen:
nhd. ich werde ge- ich bin geliebt ich bin geliebt
— worden — liebt;
mhd. ich wirde ge- ich bin (wart) ge- ich bin geminnet
— minnet — minnet;
lat. amor — amatus sum — amatus sum;
franz. je suis aimé — j'ai été aimé — je suis aimé;
engl. I am loved — I have been loved — I am loved;
dän. jeg elskes jeg er bleven
(bliver elsket) — elsket — jeg er elsket.
es fallen demnach im lat. und ältern deutsch (den meisten der unter b, ε genannten sprachen) die 2. und 3., im engl. und rom. die 1. und 3. reihe zusammen. das nhd., das alle 3 formen deutlich unterscheidet, erscheint hier als das vollkommenste.diese form mit worden ist erst zu Luthers zeit in aufnahme gekommen (s. unter werden), und, wol unter nhd. einflusz, auch im holl. durchgesetzt (ik ben bemind geworden), dagegen ist sie nicht ins nd. eingedrungen. ihr entspricht genau die dän. unterscheidung von jeg er bleven elsket und jeg er elsket. beispiele: als der weier zuͦ Stuͦttgarten nach ostren auffgefror, da fand man etlich tod leutt darin von dem armen Kontzen, die haimlich ertrenckt send worden. d. städtechron. 25, 23, 16 (Augsburger quelle von 1514); zum beweisz, dasz die ersten glaubens-regeln in poesie seyn vorgetragen worden. Hoffmannswaldau übers. (1704) vorr. a 3ᵃ.
d)
für die gewöhnliche passivbildung brauchen belege nicht gegeben zu werden; für die dritte der in c behandelten ausdrucksarten nur wenige: eins dings beredt unnd gantz versicheret seyn, persuasum habere. Maaler 372ᵃ; sind wir auch versichert (sicher), dasz herr Isaac nichts dagegen sprechen wird? Weise com. prob. 92; der ausdruck männlicher biederkeit und kraft .. war ihm versagt. Tieck 1, s. xviii;
in der stat Pistoya sase
ein witfraw, die genennet wase
Francisca.
H. Sachs fab. u. schw. 1, s. 188, 2 neudr.
so auch:
swaʒ siu gesprach, daʒ was gesworn
(so gut wie geschworen, so gewisz, als wenn es beschworen wäre). Lanz. 4048. — viele participien sind ganz zu adjectiven geworden und haben sich in der bedeutung vollständig vom verbum gelöst, wie beliebt, bekannt, besonnen, abgesehen von denen, die überhaupt kein verbum neben sich haben (bewuszt, gehörnt, gestirnt u. ähnl.); sie nehmen das adjectivische negativpräfix un- an: unbekannt, unbewuszt u. s. w. die ältere sprache setzt dieses auch zu wirklichen participien, die ihre verbale kraft und construction beibehalten (doch wol nur in diesem sinne des perf. präs.), z. b.:
belîbens was in ungedâht.
Wigalois 226, 21;
daʒ ich wil wesen unbetrogen
von der werlt unbestetichait.
Suchenwirt 22, 148.
e)
obwol für das präs. pass. seit Notker im allgemeinen die bildung mit werden feststeht (s. b, ε), so gibt es doch im mhd. und nhd. noch fälle genug, wo auch die fügung mit sein mehr oder weniger deutlich präsentischen sinn hat. in den folgenden beispielen könnte wol sein überall durch werden ersetzt werden, doch sind manche dieser ausdrucksweisen auch in der heutigen umgangssprache ganz gewöhnlich: zuͦ letst war Magnentius in die flucht geschlagen. Franck chron. der Teutschen 42ᵇ; wenn mir eine kanne vors maul kömmt, so musz sie gleich auszgesoffen seyn. Weise comöd. prob. 88; man sagt sonst: das eysen will geschmiedet seyn, wenn es warm ist. 124; Esau. ich soll mir den segen stehlen lassen .. ich soll untertreten seyn. 188; Pomp. ... also mit gunst zu sprechen, frage ich, ob mir vergönnet ist zu reden. Rol. ich frage die herren beysitzer, ist es ihm vergönnet zu reden? (sie schreyen alle miteinander, ja, ja, es ist ihm vergönnt.) 262 f. (so fast immer, obwol es sich doch erst um die ertheilung der erlaubnis handelt); wer uns in der hoffnung so schändlich betriegen will, der soll an seinem orte vielfältig betrogen seyn. 342;
darumb mustu verstoisszen sin
von den himmeln in disse helle-pin.
Alsfeld. passionssp. 7149;
da wird ihr dann, um ihrer untreu wegen,
das leben seyn genommen
(im orig.: la qual come colpevole, a morire
sarà senz' alcun dubbio condennata).
Hoffmannswaldau der getr. schäfer s. 10;
soll ich zum welken
gebrochen seyn?
Göthe 1, 27;
o sie ist werth zu seyn geliebt!
85;
in allen guten stunden ...
soll dieses lied verbunden
von uns gesungen seyn!
130;
soll spott und hohn getragen seyn,
trag' ich allein den hohn.
204.
präsentisch sind auch die häufigen redeweisen wie: musz es denn immer gebosselt seyn, wenn wir theil an einer naturerscheinung nehmen sollen? 16, 21.
f)
ähnlich in den imperativischen und optativischen ausdrücken. ein imperativ des passivs hat streng genommen keinen sinn; er steht aber sehr häufig als andrer ausdruck für eine activische aussage, besonders in feststehenden formeln wie sei gegrüszt, gelobt u. ähnl. = ich grüsze dich, lobe dich. hier ist überall sein viel beliebter als werden: sey gegrüsset lieber jüden könig. Joh. 19, 3;
er sprach: 'herre, des sît gewert'.
Wigal. 220, 24;
Maria mueter, wis gemant
der lieb, di er tzu dier het!
Suchenwirt 19, 74;
seyt all gegrüst!
H. Sachs 2, 2, 39ᵈ;
seit all gegrüsset in gemein.
3, 2, 64ᵈ (so sehr oft);
seid umschlungen millionen!
Schiller 4, 1;
sey mir gegrüszt mein berg mit dem röthlich stralenden gipfel,
sey mir sonne gegrüszt, die ihn so lieblich bescheint!
11, 83.
auch:
drum sei du
hier von meinem spiesz durchbohrt!
Tieck 1, 378.
ganz gleichwertig sind wunschformen, wie: gelobet sey, der da kompt in dem namen des herrn. Joh. 12, 13; gott aber sey gedancket, das jr knechte der sünde gewesen seid. Röm. 6, 17; nun sie seyn gebeten und setzen sich. Weise com. pr. 226; die herren seyn gebeten, und spatzieren herein. 228;
er sprach: 'meister, vürdert mich
mit disem werke in diser zît,
des ir von mir getiuwert sît.
Heinr. v. Freiberg Tristan 5984;
gelobet sistu Jhesu Crist!
Alsf. passionssp. 1612;
gott sey gelobt und gebenedeiet,
der uns selber hat gespeiset.
Luther 8, 363ᵇ;
wer anders leret, wie Paulus spricht,
vermaledeiet seie!
bergreihen s. 52, 21 neudruck;
dem leckers buben geschworen sey,
der könig soll jhn also straffen, ...
dasz ers sein tag soll nimmer than.
Ayrer 870, 27 Keller;
diesen sey ein hoch gebracht!
Göthe 1, 136;
nein! bei dieser flamme sey's geschworen.
245.
so auch: das sei gethan! u. ähnl., das soll gethan werden, das will ich thun, besonders häufig im mhd.:
er sprach: 'frowe, daʒ sî getân!
iwer bete bin ich undertân'.
Wigalois 161, 18.
g)
hieran schlieszt sich die besonders im ältern nhd. verbreitete umschreibung etwas gethan sein lassen für etwas thun: darumb laszt mir dise schöne rabelistische kunist nit mit eim kalb gepflüget sein, sondern leget sie an. Fischart podagr. trostb. C 1ᵃ; ich bitte nochmahls um desz väterlichen segens willen, sie lassen mich aus diesem verdacht gesetzet seyn. Weise comöd. prob. 68; ach er lasse mich doch gesegnet seyn. 147 (dafür gleich darauf: ach herr vater er segne mich auch!); ist in dieser that etwas von einer leiblichen schwachheit mit untergelauffen, .. ach so lasz dieses meinem frommen Jacob nicht zur sünde gereichen, sondern lasz .. alles vergessen und vergeben seyn. 154. die letzte wendung (in der form etwas vergeben und vergessen sein lassen) ist auch in der heutigen umgangssprache sehr gewöhnlich, ferner einige, neben denen ein activer ausdruck kaum vorkommt, wie dahingestellt sein lassen: ob das nützlicher und dauerhafter gewesen wäre, lasse ich dahingestellt sein. Bismarck ged. u. erinn. 1, 41. — ähnlich kann auch ein activer ausdruck mit fremdem subject durch das part. pass. mit sein umschrieben werden, z. b.: weil ich nicht wuszte, ob er in seiner eigenschaft als 'abgeordneter für Wirsitz' mit mir gesehn sein wollte. 38. — nicht hierher gehört dagegen die sehr geläufige redeweise sich etwas angelegen sein lassen, wo vielmehr angelegen sein ein actives perf. präsens darstellt: im jahr 1065 hat Christianus IV. könig zu Dennemarck ihm die grünländische fahrt wieder angelegen sein lassen. Olearius pers. reisebeschr. 83ᵇ.
h)
präsentisch sind auch einige verbindungen von sein mit einem part. pass., die an stelle eines reflexiven verbs stehen, wie bemüht sein für sich bemühen: welchergestalt die reimensart auffkommen, seyn viel von den Frantzosen und Welschen zu ergründen bemühet. Hoffmannswaldau übers. (1704) vorr. a 4ᵃ; und bezeuget die öfftere erfahrung, wie unruhig der entleibten geister um ihre gräber zu schwärmen, der gottlosen gespenster ihre wohnungen zubeunruhigen, der frommen seelen die betrübten zu trösten mehrmahls bemüht sind. Lohenstein Armin. 1, 169ᵃ. vergl. auch: wenn du auf diesen eingang viel hohes und vornehmes erwartest, so bist du wieder übel betrogen (täuschest du dich sehr). Göthe 16, 21. — veraltet ist folgende wendung: die ehrenvesten herren grafen seyn doch besessen (setzen sich, nehmen gefälligst platz). Weise comöd. prob. 327.
i)
das logische subject wird beim passiv gewöhnlich durch von, seltner durch, angefügt: dies buch ist von meinem vater eigenhändig geschrieben; die erforschung des nordpolgebiets ist in unserer zeit besonders durch (oder von) F. Nansen gefördert u. ähnl.:
durch mich sey dir von nun an nichts verwehrt.
Göthe 1, 70.
dafür kann auch, namentlich in dichterischer rede, der dativ eintreten. doch enthält diese redewendung eine stärkere betonung der activität und deckt sich ganz mit dem activen perf., das die alltagssprache hier anwenden würde. (mir ist etwas gefunden, es ist für mich da, als gefundenes, ich besitze es als solches, = ich habe es gefunden in dem eigentlichen sinne, aber verschieden von es ist von mir gefunden, worin das 'ich habe es nun' nicht zu liegen braucht.) beispiele:
schon ist mir das thal gefunden,
wo wir einst zusammen gehn.
Göthe 1, 62;
es sey nun wie ihm sey! uns ist die schlacht gewonnen.
41, 288.
auch diese wendung wird, ebenso wie ich habe, mit verben gebildet, die ein verlieren (also ein nichtmehrhaben) ausdrücken:
liebst du mich noch so hoch und hehr, ...
so ist uns beiden auch nichts mehr
verloren.
Göthe 1, 217;
verscherzt ist dem menschen des lebens frucht,
solang er die schatten zu haschen sucht.
Schiller 11, 320.
besonders beliebt und in uneingeschränkterem gebrauche ist etwas ist mir vergessen: sömlichs guͦtz läbens und freid han ich manchen by den geissen in bergen ghan, die mier vergessen sind. Th. Platter 12 Boos; weil mir der zu Einsidlen eingenommene schröcken allerdings wieder vergessen war. Simpl. 2, 27, 20 Kurz (5, 6);
swie vîl si müeje hânt erliten,
des was in nû vergeʒʒen.
Lanz. 6679;
ich weisz nicht, wo es kommen hin,
auch, was es war, ist mir vergessen.
Storm ged. 174.
sogar mundartlich in Ostfriesland: 't iss mi oder ikk hebb't vergäten. Stürenburg 311ᵃ.
k)
häufig sind unpersönliche passivformen, von verben, die den genitiv oder dativ regieren, besonders mhd.:
des lebens was im gar verzigen.
Wigal. 166, 40;
des was man von im verzigen.
Ottokar reimchron. 7139;
die wanden die ungefuog,
der dem kunic was gedâht.
10608.
so auch wendungen wie: aber es ist denn zu lange geharret. Luther 5, 134ᵃ;
nun, gezweifelt ist genug.
Göthe 1, 114.
besonders gebräuchlich sind einige stehenden redeweisen, wie damit ist mir nicht geholfen, gedient, kaum verschieden von das hilft (nützt) mir nicht: darumb sie täglich weynet und ir leyt klaget, doch wol erkante, mit irem weynen und klagen in nicht geholffen were. Steinhöwel decam. 95, 5 Keller (2, 6); da war der nasen schon geholffen. Fischart podagr. trostb. B 8ᵇ; dem herren wird mit solchen dienern nicht viel gedienet seyn. Weise comöd. prob. 342. ferner damit ist nichts ausgerichtet u. ähnl.:
mit unser macht ist nichts gethan,
wir sind gar bald verloren.
Luther 8, 364ᵇ.
veraltet ist es ist usz gericht ('ausgerichtet') bei Keisersberg, in doppeltem sinne, zunächst 'es ist entschieden, sicher': wenn ich mag am todbett elicieren charitatem dei .., so ist es uszgericht, so bin ich behalten postill. 3, 67ᵃ. zweitens es ist usz gericht (= es ist usz) um, ist aus, vorbei mit: wie keme ich ins himmelrych .. es ist usz gericht umb mich .. und ob es sach wer, das du bluͦt weyntest. so erbarmet sich gott nit uber dich, es ist usz umb dich. ebenda.
l)
endlich sind einige besonderheiten zu erwähnen, die sich bei der verbindung des part. mit einem adj. ergeben.
α)
in den im mhd. überaus häufigen verbindungen, wie daʒ ist guot gelesen .. ist gar nicht das part. prädicat, sondern das adj., und jenes ist prädicative bestimmung dazu (es ist gut, wenn es gelesen wird). die fügung wäre also eigentlich an 20, h anzuschlieszen gewesen. zahlreiche belege siehe bei Grimm gramm. 4, 129. 947, z. b.:
eʒ ist in sêre guot gelesen.
Tristan 172;
daʒ ist iu lîhte geseit.
6055;
Wâlweine wære ouch liep geseit,
war sîn vater wære komen.
Lanz. 3454;
dô wære in allen liep gezalt,
wie eʒ umb sîn sache möhte gestân.
3464;
dat ic bidde in dit beghin
bede den dorpren enten doren,
ofte si comen daer si horen
dese rime ende dese woort
die hem onnutte sijn ghehoort,
dat sise laten onbescaven.
Reinaert 16.
β)
schon mhd. kommt an stelle des adj. das adv. vor, sodasz nun das part. grammatisches prädicat wird, z. b.:
eʒ ist ein schedel baʒ verkorn
dann ob sîn wirt ie mêre.
rabenschlacht 419.
ebenso:
die claghe ware bet verholen.
Reinaert 255.
γ)
im nhd. ist diese construction das gewöhnliche, soweit überhaupt solche ausdrücke gebildet werden. wir sagen: das ist wol gethan, das ist leicht gesagt u. ähnl. dasz in letzterem beispiel leicht als adverb empfunden wird, zeigt das ganz parallele das ist bald gesagt (s. Grimm a. a. o.). wollen wir leicht als adj. behaupten, so sagen wir: das ist leicht zu sagen (s. unter 20, h); doch besteht hier die nuance, dasz der ausdruck das ist leicht gesagt immer auf etwas thatsächlich soeben gesagtes hinweist. nur in das ist viel gesagt scheint eine adjectivische fügung erhalten zu sein: und das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Göthe 16, 21.
δ)
aber beide constructionen geben in vielen fällen die eigentliche meinung nur unvollkommen und schief wieder. es ist weder logisch correct zu sagen: daʒ wære beʒʒer vermiten (das wäre besser, nämlich wenn es vermieden würde; es ist also thatsächlich das schlimmere), noch daʒ wære baʒ vermiten (wäre auf eine bessere weise vermieden). gemeint ist vielmehr: das zu vermeiden wäre gut, oder es wäre gut, wenn des vermieden würde, das part. gehört also zum subj. und wird hauptsächlich seinem verbalinhalte nach empfunden. diese auffassung ist in allen oben genannten fällen möglich (und wol eigentlich bezweckt), sie ist notwendig in stellen wie den folgenden:
daʒ ist alsô guot vermiten.
Iwein 4711;
mîn lîp und unser beider lant
wæren beʒʒer verbrant.
7308;
beʒʒer ist diu reise verborn
denn ob dû lîdest den tôt.
Dietr. 2778.
m)
bei intransitiven (oder neutralen) verben geht die eigentliche bedeutung des part. perf. pass. vollends verloren und kommt nur der absolute verbalbegriff in betracht, so dasz dafür ohne weiteres der inf. eintreten kann: darvon weger geschwigen ist dann geredt. Keisersberg 7 schwerter aa 5ᵈ; besser ist es ehrlich gestorben denn schentlich gelebt; viel besser ist davon geblieben. s. Grimm gramm. 4, s. 152 neudr.;
mir ist noch lieber tôt gelegen,
denn ich ze lande kêre
und weder lop, noch êre
gewinnen müge ûf mîner vart.
troj. krieg 8260;
sun, beʒʒer ist gemeʒʒen zwir
denne gar verhouwen âne sin.
Winsbeke 25;
frisch gewagt ist schon gewonnen.
Göthe 1, 61.
in diesen beispielen ist das particip also subject. es kommt aber in derselben bedeutung (als allgemeiner ausdruck des verbalbegriffs) auch als prädicat vor, vgl.: das was gebetten nach der synnlicheit, wenn die vernunfft begeret des nitt. Keisersberg seelenp. 28ᶜ; aber einen stand draus zu machen, der besser sey, weder der gemein Christen stand, das ist verkeret ding, und Christum verleugnet und verflucht. Luther 5, 131ᵇ. diese stelle ist besonders auffallend wegen des vom part. abhängigen accusativs. diese fügung ist also grundverschieden von der gewöhnlichen passivform (da ist Christus verleugnet). wir setzen jetzt zu gröszerer deutlichkeit für sein gern heiszen (das heiszt gelogen, aufgeschnitten = das heiszt lügen, aufschneiden. Grimm gr. 4, 947).
34)
für das part. präs. steht bei sein im 15.—16. jahrh. fast immer der inf., ganz ebenso wie neben werden (in der umschreibung des futurums), und jedenfalls aus dem part. entstanden durch abfall des auslautenden d, t, s. Grimm gr. 4, 92. vgl. c und folgende stelle:
wie lang wollen unwissen sein,
die solche muͦhe auffladen.
Luther 8, 364ᵇ.
doch hat möglicherweise hier etwas anderes hineingespielt.
a)
es findet sich nämlich im mhd. des 13. jahrh. zuweilen wesen mit einem infinitiv des zweckes, z. b. er was jagen, wobei ein verbum der bewegung zu ergänzen ist ('er war gegangen um zu jagen'), ebenso wie in den fügungen unter 12:
der gebôt zwein vischæren
daʒ si benamen wæren
vor tage vischen ûf den sê.
Gregor. 947 Paul;
er was schowen die ritterschaft.
Lanz. 3014;
dar zuo ist mir unkunt,
wie vil der ritter sî erslagen,
die mit dem künege wâren jagen.
6748;
er ist uns breiden alle lant.
erlösung 1254.
es ist klar, dasz diese ausdrucksweise sich manchmal sehr nahe mit jener participialconstruction berührt, und sie mag mit dazu beigetragen haben, den inf. an stelle des part. einzubürgern.
b)
der blosze inf. des zweckes kommt nhd. nicht mehr vor, wol aber manchmal der inf. mit zu: vor kurzer zeit noch wäre ein mägdlein aus ihrem dorf nebst etlichen geisen an den ort zu weiden gewesen. Grimm sagen nr. 160;
als er wieder zu fischen war,
da liesz ich einen schatz ihn finden.
Schiller Macbeth 1, 4.
so auch: was bleibst du nit ligen? bisz zuͦ rhuͦen und lege dich. rollwagenb. 103, 4 Kurz. wie leicht diese construction mit der im folgenden behandelten vermischt werden kann, lehrt folgende stelle: umb solichs so sind uns die Tütschherren alle jar uff st. Kathrinen tag haben ain vigili .. zum ersten seyn wir gan mit den parfussen umb ir kirchen in der procesz darnach ist man sy belaiten und mit jnen zu gan uff den kirchoff zu unnser lieber frowen. wyter syen wir widerumb zegan zu dem tütschen husz. artikelb. der marner in Ulm aus dem 15. jahrh. bei Schmid 490.
c)
die gewöhnliche bedeutung von sein mit dem inf. ist, ganz ebenso wie beim part., die einer dauernden handlung. der älteste beleg dafür würde sein:
nu is her dâr in Galîciâ bistên.
Annolied 86.
doch sind die belege vor 1400 nicht gerade zahlreich, siehe unten und mhd. wb. 1, 128ᵃ. sie findet sich auch mnd. seit etwa 1300: varende have, dhar se beyde geldes van wachtene syn. Bremer stat. (1303) 96; Salomon was herschen (erat regnans). 1. buch d. kön. 4, 1; als nu de greve na dem holde des dages was reysen. Münst. chron. 1, 156, s. Schiller - Lübben 5, 696ᵃ. die erste stelle zeigt noch deutlich die lautliche entstehung aus dem part. zahlreiche belege für das nhd. bei Kehrein gramm. 3, § 8. s. auch Germ. 5, 365 f.
d)
beispiele: der wolt er also warten sein. d. städtechron. 2, 381, 3; nun was der jung konig ie warten des reichs nach abgang des alten. 3, 84, 1; wann wo wir stritten wider göttlichen willen oder wider seine gebot etwas gepieten werent. 138, 28; der perg ist zaigen die niederlegung der Römischen mit der legion Martia verdorben ist. 4, 285, 24; als got dem almechtigen gefallen waz. Steinhöwel decam. 94, 24 Keller (2, 6); darumb er von genczem herczen begeren was, des sich im der alte herre zethon erpoten het. 99, 38; sölches ich stäcz in meinem herczen begern gewesen pin. 100, 16; wer vil ist leszen der würdt dester gelerter. Keisersberg pred. 77ᵇ; dieweil jnen (denen vom adel) doch solch gerichtbesitzung an jrer achtbarkeyt oder standt gantz keyn nachteyl geberen soll noch kan, sonder mer zuͦ fürderung der gerechtigkeyt, straff der boszhafften, und den selben vom adel und ämpter zuͦ ehren reychen und dienen ist. Carolina art. 1; alszdann zuͦ diser groszen sachen, welche des menschen ehr, leib, leben und guͦt belangen sein, dapffer und wol bedachter fleisz, gehorig. ebenda; und da was er (Paulus) drey tag nichts sehen, auch nit essen noch trincken. darnach geteüfft ward er wider essen. S. Franck weltb. 169ᵃ; und ist diser berg (Tabor) vier meil lang sich strecken gegem galileischen mör, aber sich enden nit ferr von der statt, da der Jordan ausz dem galileischen möhr springt. 170ᵃ;
do man die messe was gelosen,
ich chom und rief 'nu schuͦht iur hosen!'
Liliencron hist. volksl. nr. 4, 69 (vom jahre 1298);
das machten die edlen kurfürsten,
die alle zit nach ere ist dürsten.
40, 818 (1397—1400);
die sint got für uns bitten.
1390;
ab sie diner bedorfenn sin.
96, 158 (vom j. 1452);
edlir herr, seit uns begnaden.
107, 31;
durch waszer warent si swimmen.
136, 4;
weiter nach etlichen zimlichen zeiten
was könig Maximilian gen München reiten.
163, 102 (ferner 478. 775. 1013);
sie achtet nit zu keiner frist,
wie hart es in an komen ist.
Reuausz 76 (Wagners arch. s. 19);
guot edelsanc ist ie und immer gote wol gevallen.
Kolm. 76, 34;
des sint mir in allen krefften beben,
dich sehen unsern schepper in solchen noden.
Alsfeld. passionssp. 6344;
hilff den armen selen usz der pin,
die in der helle warten sin!
7040;
wer kind tragen sich thut flyssen,
dem sind sie bald in die schosz schyssen.
de fide meretric. bei Zarncke d. d. univ. 76, 4;
wie Salomon sagen ist,
als man in proverbijs lyszt.
Soltau volksl. s. 277 (vom jahre 1523);
weiszheit weit fuͦr stercke godt,
so mit unsz schirmen ist (streitet) der dodt.
Pauli schimpf 80 Österley;
so du aber das nicht bist thuͦn,
so mustu zorn, spott, schaden han.
Agricola sprichw. 673;
und was er darauff guͦttes asz,
jm gantz und gar nit schmecken was.
Schwartzenberg Cic. 112ᵇ;
Lucretie truͦg neid und hasz,
umb lob das man jr geben was.
113ᶜ;
das noch bisz heuͤt zuͦ diser frist,
kein kuͤng zuͦ Rom regirn ist.
113ᵈ;
wer lust hat zu leben hie und dort,
auch gutte tag ist begeren.
Mich. Vehe 16 Hoffmann;
sein warheyt, so die glaubet würdt,
ist als ein schildt bewaren dich,
ausz aller nott sie bald dich fürt,
des bistu erfahren zeytlich.
nechtliche forcht und teufflisch list,
die du tag und nacht fühlen bist, ...
macht sie verschwinden als den windt.
26 (s. ferner s. 17. 22. 54. 81. 90);
jr wist das ich euch bin lieb habn.
tragedi von Ileli (1548) C 6;
nun wo welt jr mich füren hin?
geht fort, euch ich nachvolgen bin.
H. Sachs 3, 1, 242ᵇ;
drum ich keins trosts mer warten bin.
Wickram irr reit. bilger 6ᵃ;
kundschafft mit dir ich begeren bin.
Ambras. liederb. 17, 1;
(die welt) mit leib und seel musz leyden sein
on unterlasz die ewig pein,
unnd mag doch nicht verbrennen.
B. Ringwaldt geistl. lieder (1598) 179.
e)
über das 16. jahrh. hinaus läszt sich diese construction nicht verfolgen, während die mit dem part. noch im 17. jahrh. bezeugt ist, s. 31, c.nur in nd. mundarten hat sie sich bis heute gehalten: ikk will di 't schwären wäsen. Stürenburg 240ᵇ; wo kannst du mi 't woll tomoden wäsen. 321ᵇ (anmoden wäsen 5ᵇ); ikk wer (mi) 't nich verwachten. 316ᵇ. anderwärts aber begegnet auch der inf. mit to (vgl. b), so: wi sind us te verwachten; ik was mi dat nitt te verwachten. Woeste 237ᵃ; dërenthalben sî de minsche nich tauplatzern. Schambach 192ᵃ (?). und zuweilen noch seltsamere fügungen, so mit dem part. perf.: dat was he sik nitt vermott. Woeste a. a. o. (vgl. 32, o), oder mit unabhängigem satz: er vâr was un hoggte holt, ihr vater war beim holzhauen, s. ebenda.
35)
hier mögen die fügungen von sein mit dem inf. mit zu sich anreihen, obwol sie kaum noch zur umschreibenden conjugation gerechnet werden können. abgesehen ist dabei von den fällen, die schon unter 34, b. e behandelt sind.
a)
der inf. mit zu vertritt im deutschen das lat. part. fut. pass. (das sogen. participium necessitatis): er ist zu loben, er musz gelobt werden, laudandus est. in dieser ausdrucksweise hat der inf. passiven sinn, 'er ist da zum gelobtwerden', vgl. Grimm gramm. 4, 60 f. (vgl. auch s. 66. 107. 113). doch würde man wol mehr dem geiste der deutschen sprache gemäsz ihn als einen inf. mit unbestimmtem subject bezeichnen, also 'er ist da zum loben, d. h. damit man (ihn) lobe'. dies tritt deutlicher zutage, wenn das subject dabei ausgedrückt wird, was, genau wie im lat., durch den dativ geschieht, vgl.:
sin solden dâ niht stân
den fremden an ze sehenne
('zum ansehen für die fremden, d. h. damit die sie ansähen'). Nib. 382, 2 f. doch ist zu bemerken, dasz das einfache mir ist etwas zu thun im deutschen nicht geläufig ist, und, wo es vorkommt, vielleicht auf lat. einflusse beruht; wir bevorzugen dafür: ich habe etwas zu thun.
b)
die besprochene fügung ist im got. noch nicht nachzuweisen; dagegen im hd. seit der ältesten zeit ganz gewöhnlich. beispiele für das ahd. giebt Grimm gr. 4, 60 f. 107; für das nhd. Kehrein gr. 3, s. 25 f. der inf. erscheint, wie überall nach ze, im ahd. und mhd. in der flectierten form (ze sezzenne), im spätern mhd. infolge der vermischung mit dem part. häufig mit dem ausgang -ende, welche form nhd. in der attributiven verwendung durchgedrungen ist, sonst nhd. mit dem gewöhnlichen ausgang -en (zu setzen).
c)
die fügung kommt natürlich zunächst von transitiven verben vor. beispiele: einem zeverweysen seyn, einem schmächlich und lasterlich anston, crimini esse alicui. Maaler 372ᵃ; mannes sun ist zi sellenne in hant manno (filius hominis tradendus est in manus hominum). Tat. 93, 1; pe diu ist nû zesagenne (nunc reor demonstrandum), uuâr diu folleglîcha sâlda gestatôt habe. Notker 1, 179, 28 Piper (Boeth. 3, 72);
daʒ si ze erbarmenne was.
Erec 5867;
so der mensch in willen ist guts zuͦ tuͦn, wie wol er das nit volfürn mag, dannoch hat er verdienen und ist zuͦ lobnn. Albr. v. Eybe spiegel der sitten 3ᵇ; ob eim manne sey zu nemen ein elichs weib oder nit. titel eines werkes von dems. (Nürnberg 1472), s. 1ᵇ; daselbs mit und andern anzeschlachen und fürzenemmen, wie die entschüttung des landes, und rettung unser aller glimpfes und ehren zu tunde sye. Schilling burg. kr. 130; unter anderem gab es da obschwebende seerechtliche interessen, wegen welcher mit den brasilianischen diplomaten rücksprache zu nehmen war. Keller 7, 111. mit negation (ist nicht zu thun, darf nicht gethan werden): darumb es ist nit zewenen. 4. bibelübers. 3 kön. 8, 27 bei Kehrein gramm. 3, s. 25; das ist aber nitt also zuͦverston, das er darumb, in der synnlicheytt, nyemer trurig werd, das mag nit gesein. Keisersberg seelenp. 17ᵈ; so beduncket mich solchs auch inn gegenwärtigem unserm vorhaben voll von nötten, bequem, und in keinen weg zu unterlassen sein. Fischart podagr. trostb. C 1ᵇ; wenn eine frau bey guter zeit grosz-mutter heissen kan, so ist die herrlichkeit auch nicht zu verachten. Weise comöd. prob. 227; es ist nicht daran zu gedencken. 225;
wo jungfraun sind, ist nichts
zu fürchten.
Tieck 1, 259.
d)
doch wird die form auch, ebenso wie im lat., und wie das passiv überhaupt, von intransitiven verben gebildet (unpersönlich): ihm ist nicht zu trauen; jetzt ist zu fliehen oder zu sterben u. ähnl., so mit dativ des subjects (vgl. a am ende): damit sie der sach eins möchten werden, ob jnen in das thurnier zuͦ reiten wer oder nit. Steinhöwel Bocc. 91. — nicht gut und nur im 15.—16. jahrh. üblich ist dagegen diese ausdrucksweise bei reflexiven verben: nun ist nüt dann sich redlich zehalten. Haimonskinder 49, 36 Bachmann; auch ist sich dis an jnen zu verwundern. das jr so viel in einem gehöffte beisamen, sich so friedlich können verhalten. Hennenberger preusz. landt. 161.
e)
der inf. mit zu bezeichnet indessen nicht nur die notwendigkeit (mit 'musz' oder 'soll' zu umschreiben), sondern ebenso oft die möglichkeit ('dies kann gethan werden'), wozu der übergang in vielen fällen sehr leicht ist. diese bedeutung begegnet vereinzelt schon im mhd.:
dâ frumte manegen tôten   des küenen Hagnen hant,
des vil ze sagene wære   her in Burgonden lant.
Nibel. 233, 4,
indessen ist sie doch erst im nhd. recht in aufnahme gekommen: invenire est, hoc est licet, es ist zu sehen, man kan finden. Corvinus fons lat. 649ᵃ; wie darvon woll zuͦ schriben weri. Th. Platter s. 45 Boos; meinst, weri er zuͦ bereden, das er zuͦ uns kemmi? 80; ich weisz nicht, ob mir wird zu helffen seyn. Weise comöd. prob. 283;
hiervon musz ein begin und wurtzel sein zu finden.
Opitz 4, 340;
Tertullian berufft sich selbst auff Paulus hand
die da noch war zu sehn.
341;
was wäre zu thun in der herbstlichen nacht?
Göthe 1, 195;
(er) lobte, was zu loben war.
202;
ja, was ist zu machen?
Tieck 1, 266.
so besonders häufig mit negationen: zu dem, dazs es mit mir nicht will zu thun seyn, solch jamer täglich mit den zinsen einzumahnen, zu haben. Luther briefe 2, 582; weil sie aber ganz unvermögend gewesen, ist mit ihnen auch nicht zu schlieszen gewest, sondern ohne frucht vergangen. Schweinichen 3, 125; ob sie schon etlicher nordländischen inseln .. gedacht, ist doch nichts gewisses und sonderliches daraus zu vernehmen. Olearius pers. reisebeschr. 82ᵇ; ja wir haben einen schlechten garten drauszen. es ist nicht viel davon zu gedenken. Weise comöd. prob. 242; aber wo mögen unsere frau schwieger mütter stecken, dasz sie nicht an zu treffen seyn? 307; wenigstens vermischt sich politiker und poet bei ihm (Aristophanes) so sehr, dasz sein poetischer glaube wohl nicht vom politischen zu sondern ist. Tieck 1, s. xii; sie suchten den könig auf, der momentan nicht zu finden war, weil er aus natürlichen gründen sich zurückgezogen hatte. Bismarck ged. u. erinner. 1, 30;
doch kompt nit mehr mit solchen mern!
dann sie seind uns zu leiden nit.
Ayrer 1005, 35 Keller;
doch wünschet mund und hertz, dasz nichtes sey zunennen,
dasz sie und euch hinfort keinmal mehr möge trennen.
Scherffer ged. 55;
ich liebe mir den müllerknecht;
an dem ist nichts zu verderben.
Göthe 1, 206;
niemals ist genug zu loben
ihre schönheit.
Tieck 1, 27.
mundartlich (nd.) dat is nig ênen to verklôren. nd. korrespondenzbl. 16, 36, vgl. 21.
f)
für sein wird manchmal stehn als hilfsverb verwendet, vgl. das., so z. b.: doch wem zu rathen steht, dem steht auch zu helffen. Weise comöd. prob. 300.
g)
über die fügungen mit einem adj. vgl. 20, h. 29, c. — es ist mir um etwas zu thun, s. 8, b.
36)
zum zweck leichterer übersicht seien hier noch einmal die wortclassen zusammengestellt, die sich mit sein verbinden. als subject kommen vor:
a)
substantiva. so im weitesten umfange, s. 3. 6, ag. 7 u. s. w. das subj. steht im nom., in gewissen fällen jedoch auch
α)
im gen., s. 21, c. d. 3, b. 4, c, vgl. auch 3, a. 9, d zu ende. seinem werte nach ist dieser genitiv immer ein partitiver. die fälle lassen sich auf zwei typen zurückführen. entweder tritt er in abhängigkeit zu einem zahlbegriffe, der, obwol dem sinne nach prädicat, nun grammatisch als subject erscheint; so 21, c. d. 3, a. b. dieser zahlbegriff kann zuweilen unausgedrückt bleiben, wie in der Opitz-stelle unter 3, b. oder aber, es steht eine negation dabei, so 4, c. hier ist zu bemerken, dasz die ältern dialekte bei sein als vollverb überhaupt in den negativen sätzen das subj. in den gen. treten lassen: ni was im barne. Luc. 1, 7; ni was im rumis in stada þamma. 2, 7, s. Grimm gramm. 4, 961 f. (zu 652. 703), — eine fügung, die wol schon idg. bestand und z. b. in den slav. sprachen sich bis heute erhalten hat. ebenso mhd. des enmac (niht) gesîn. s. Paul mhd. gr. § 257. auch bleibt sie nicht auf das selbständige sein eingeschränkt, z. b.:
dis spils enwere allet neit gedreven,
weren si eindreichtich geweist unde bleven.
Hagen boich v. Colne 1373.
wenn man hier den gen. von niht abhängig machen könnte, so trifft auch das nicht überall zu. der gen. findet sich als subj. sogar, wo gar keine verbale negation steht, sondern eine zusammensetzung mit un-:
jâ, des ist unlougen.
Wigalois 219, 25.
ein partitiv-verhältnis nach art von 16, a liegt wol in folgender stelle vor: desz gröszten leidens ist disz. Kirchhof wendunm. 1, 394 Österley.
β)
im acc. ganz vereinzelt, wol nur als sprachfehler oder druckfehler zu beurtheilen:
witzig scherzen, reitzend lachen
und manch angenehmen tand
kann die schönen siegreich machen.
Uz s. 414, 117 Sauer.
γ)
dasz in gewissen wendungen der dat. oder ein präpositionaler ausdruck einem subjects-nom. gleichwertig sein kann, ist 23 ausgeführt.
b)
pronomina, ebenfalls ohne einschränkung, s. besonders 26, d. 28, a. b. 30, d. namentlich steht es unendlich oft wirklich oder scheinbar als subj., s. 28, cg.
c)
auch adjective, adverbien und andre wortclassen können als subject stehen, zunächst im falle der substantivierung: dort ist ein ewiges einerlei, das morgen ist wie das heute u. a. ferner bei begriffsbestimmungen und ähnlichen aussagen: weisz ist die farbe des schnees; grün ist für das auge die angenehmste farbe; nah und fern sind relative begriffe. so auch sprichwörtlich:
und morgen is ok en dag.
Storm ged. 60.
ferner in fällen, wo man sich das wort in anführungszeichen denken könnte: 'gut' wäre hier zu viel gesagt, es ist nur mittelmäszig (s. 30, g). — endlich wird im mhd. das adv. lîhte nicht selten wie die allgemeinen zahl- und maszbegriffe construiert:
jâ ist des harte lîhte,   dar umbe zürnent diu wîp.
Nibel. 809, 4;
swâ nüʒʒe schelnt diu kindelîn,
dâ mac des lônes lîhte sîn.
Vridanc 127, 3
(vgl. die anm. von Lachmann und W. Grimm sowie mhd. wb. 1, 129ᵃ).
d)
der inf. (ohne und mit zu) als subj. s. 29, bd.vereinzelt dafür das part. perf., s. 33, m.
e)
endlich kann ein ganzer satz als subject stehen, und zwar entweder ein relativsatz, s. 30, a. b, oder ein inhaltssatz, s. 30, eg.
37)
die verschiedenen arten der prädicate sind schon aus der haupteintheilung erkennbar. es kommen vor:
a)
substantiva, s. besonders 15—18. sie stehen gewöhnlich im nominativ, aber auch
α)
im acc. (mundartlich); s. 16, g. β) sehr gewöhnlich im gen., und zwar im gen. partitivus, s. 16, af; im gen. qualitatis, s. 19; im gen. possessivus, s. 14. γ) im dat., s. 13. 19, o.
b)
adjectiva, s. 20. c) zahlwörter, s. 21. d) pronomina, s. 26. e) adverbien, s. 22—24. f) mit präpositionen gebildete ausdrücke, s. 25 und die verweise daselbst. g) participien, s. 31—33. h) der inf. ohne zu, s. 29, a. 34, a. ce.inf. mit zu, s. 34, b. 35. i) ein satz, s. 30, b.
38)
anhangsweise sei hier einiges über syntaktische verhältnisse zusammengestellt.
a)
rection. α) sein ist ein intransitives verb und als solches unfähig ein object zu regieren. doch giebt es fälle, wo es einen acc. bei sich hat, s. 6, g. 8, c. d. e, vgl. auch 12, b. 20, g, γ. über 19, g (h) s. 37, a, α.
β)
häufiger ist natürlich sein mit dativ. dieser steht entweder in fester verknüpfung (als 'indirectes object'), so 5, h. 6, e. f. 8, a. b. 9, f. 13. 18, e. f. 20, g, β. n. 22, k. l. m, ε. θ. oder er tritt in loserer fügung ('dativus ethicus' u. ähnl.) hinzu, s. z. b. 20, g, β. hierher gehört auch das reflexive sich, das in der übergangszeit vom mhd. zum nhd. so häufig zum prädicat tritt, ohne jeden wert für den sinn, z. b.:
der eine was sich her Vâsolt ...
der ander was her Ecke.
Eckenliet 2, 4.
s. Grimm gramm. 4, 36 f. 943. doch ist diese besonderheit ebenso wie die folgenden nicht auf sein beschränkt; ihre behandlung gehört daher der syntax an.
b)
concordanz.
α)
person. hier tritt eine abweichung ein, wenn das (logische) präd. ein persönliches fürwort ist, dadurch, dasz das verb sich dann in der person nach diesem und nicht nach dem (logischen) subject richtet, s. 28, d. 30, a.für relativsätze gilt im deutschen die regel, dasz das verb, auch wenn der satz zu einem pronomen der 1. oder 2. person gehört, in die 3. person tritt, auszer wenn das pronomen im relativsatz wiederholt wird: du, der mein freund ist, oder: du, der du mein freund bist. selten und schlecht sind ausnahmefälle, die zum lat., roman., engl. u. s. w. sprachgebrauche stimmen, z. b.:
dich herr! der grosz durch recht und güte, ...
durch seinen (!) wohlstand gröszer bist.
Haller ged.¹⁰ 206.
wenn das subject verschiedene personen enthält, so sollten die 1. und 2. in der 1. plur., die 1. oder 2. und die 3. in der 3. plur. zusammengefaszt werden; die sprache läszt indessen dies verhältnis nicht erkennen, da die 1. und 3. plur. überall zusammengefallen sind, vgl.: ob ich oder jr am rechten sind. Luther 8, 32ᵇ unter I, 3, f, ε; Simpl. 2, 199, 30 unter I, 3, h.
β)
auch in der zahlform richtet sich das verb in der regel nach dem subject. doch kennt hier die deutsche sprache mehrfache ausnahmen.
aa)
das verb tritt in den plur., wenn das subj. ein sing., aber das präd. ein plur. ist. diese fügung ist am häufigsten bei pronominalem subject, s. 28 (a, β und folg.), tritt aber auch ein, wenn das subj. ein subst. ist, z. b.:
das ander almosen zwey fündlheuser sein.
Rosenblüt spruch von Nürnberg 27, vgl. Frommann 1, 122.
bb)
wenn das grammatische subject ein bestimmter oder unbestimmter zahlausdruck ist, so setzt die ältere sprache das verb zumeist in den sing., die heutige stets in den plur., s. 21, c. d. umgekehrt hat die ältere sprache nicht selten das präd. im plural bei einem subj., das die form des sing. hat, aber eine vielheit ausdrückt, z. b.:
er saget im, daʒ dâ wæren
der besten ritter diu kraft.
Lanz. 1266.
cc)
eine jetzt sehr verbreitete, wenn auch nicht gut zu heiszende sprechweise ist es, als höflichkeitsausdruck das präd. in den plur. zu setzen bei singularischem subject, so zunächst in der anrede: sind herr professor schon in München gewesen?, wobei sind sie .. gedacht wird; dann aber, wenn wirklich von jemand gesprochen wird: sind herr professor zu hause? nein, herr professor sind noch verreist. beispiel aus der litteratur: der herr Diethelm sitzt in der herrenstube, der advokat Rothmann sind auch schon drüben und unterhalten sich mit der Fränz. Auerbach dorfgesch. 4, 6.
dd)
vereinzelt findet sich in der ältern sprache das voranstehende präd. im sing. bei pluralischem subject: es ist mangerley affen, die der teüfel gern isset. Keisersberg hell. löw. a 6ᵇ.
c)
von besonderheiten des gebrauchs der zeitformen ist zu erwähnen:
α)
dasz das präs., wie überall, häufig futurischen sinn hat, besonders im ältern deutsch, z. b.:
bald ist die schlacht gewonnen.
Tieck 1, 366.
mit besonderem nachdruck in ausdrücken wie:
ir sult iuch wern ode ir sît tôt.
Wigalois 185, 36,
d. h. es ist so gut als wenn ihr schon tot wäret, so gewisz werdet ihr sterben.
β)
ein emphatischer gebrauch des perf. ist 2, c. d besprochen.
d)
modi.
α)
conj.
aa)
er steht in vielen bereits behandelten fällen, theils zum ausdruck einer hypothetischen annahme, s. besonders 5, cf, so auch:
nacht! und so wär' es denn nacht!
nun überscheinst du des mondes
lieblichen, ladenden glanz.
Göthe 1, 66.
theils zum ausdruck eines wunsches oder zugeständnisses, s. 4, d. 13, d.
bb)
der letztern weise steht nahe der conj. in verwünschungen, beteuerungen u. ähnl., wie ich sei des todes, des teufels, wofür jetzt lieber ich will ... sein, s. 14, p. q. so auch in sätzen wie ich sei unehrlich, wenn dies nicht wahr ist, d. h. ich will für unehrlich gelten (s. 18, b), ich gebe zu, dasz ich unehrlich bin, wenn ..: solt einer ridror ausz euch machen, so wolt ich jn, oder ich sey ungerecht, zu eim mönch an mein statt machen. Garg. 251ᵇ; thu ichs, so sei ich ein schelm! Melander 2, nr. 336. hierfür in der neuern sprache immer: ich will unehrlich, ein schelm sein u. a.: denn ich will nicht ehrlich seyn, wenn ich in meinem leben einen so häszlichen wechselbalg gesehen habe. Wieland 11, 127 (don Sylvio 1, 2, 4).
cc)
ein ähnlicher conj. findet sich zuweilen in ausdrücken folgender art: schweig mein sohn. was vergangen ist, das sey vergangen (das wollen wir als vergangen und abgethan ansehen, behandeln, 'vergangen sein lassen', vergl. 20, m). Weise comöd. pr. 125.
dd)
nicht selten ist der conj. als bescheidne einkleidung einer aussage: nun das essen wäre fertig und die tuncke darzu. Weise comöd. pr. 143; da wären wir, soweit wären wir glücklich u. a.ferner: die discretion wäre nicht zu verachten. 190; das wäre nicht übel u. ähnl., wobei man leicht ergänzt: wenn es so wäre.
ee)
der conj. ist üblich in indirecter rede, in indirecten fragesätzen u. s. w. so steht er tautologisch neben dem ind.: der selbe edel meister, der si lêret, was gût oder ungût ist oder sî. theologia s. 112 Pfeiffer³ (cap. 30).
β)
der imperativ steht häufig, wo von einem eigentlichen befehl keine rede sein kann, als umschreibung eines wunsches oder einer aussage, so besonders beim passiv, s. 33, f, aber auch bei andern ausdrücken.
aa)
als wunschform besonders in begrüszungsformeln der ältern sprache, z. b.:
Tnugdale wis hæil.
Tnugd. 46, 31 Hahn;
der iuden chunic, wis hæil.
urstende 106, 17.
ebenso nd.:
deme yd wol gheyt, heft vele vrunt.
to deme sprycktmen: 'wes lange ghesunt!'
Reineke Vos 6572.
bb)
eine aussage liegt besonders der verbindung sei willkommen (= du bist mir willkommen) zu grunde: seyt mir gott willkommen. Agricola sprichw. 540;
se sprack to my: Reynke vrunt,
weset wylkomen!
Reineke Vos 5944;
bis willekom du edler gast.
Luther 8, 358ᵃ;
seyt gott willkumb, jr erbarn gest.
H. Sachs 1, 473ᵇ;
seit mir willkomm inn meinem hausz.
2, 4, 1ᵃ;
bisz mir willkommen itzt, du ende meiner klagen.
Fleming 625.
so auch sei frei, ich gebe dich frei:
willst du viel lieber frey als unsre fürstin seyn?
ja wol! bisz! bisz denn frey!
A. Gryphius 2, 237 (Cath. von Georg.).
vgl. besonders den übergang in die 1. person in folgender stelle: sey frei, Genua, und ich .. dein glücklichster bürger! Schiller Fiesko 2, 19.
e)
actionsart. sein bezeichnet gewöhnlich einen dauernden zustand oder das resultat einer handlung. in manchen fällen nimmt indessen sein den sinn eines incohativen verbs an, besonders wo es eine ortsbewegung ausdrückt, s. 12, eh, vergl. auch 24, c. 25, b. f; ferner in nicht mehr sein für 'sterben' s. 2, d, vgl. noch 4, a. f.
39)
endlich sind verkürzte sätze zu besprechen.
a)
sehr gewöhnlich wird die copula sein selbst ausgelassen; diese ellipse konnte im indogerm. und kann noch jetzt in sehr vielen sprachen immer eintreten; auch die ältern germanischen dialecte kennen zum theil noch weitergehende freiheiten. im nhd. ist sie im allgemeinen auf den fall eingeschränkt, wenn sie am ende des satzes zu stehen hätte (nebensatzstellung). vgl. Grimm gramm. 4, 131 f. Adelung 4, 448.
α)
am leichtesten werden die präsensformen (ist, sind) ergänzt:
ich staune, wie gewandt der junge ritter.
Tieck 1, 269.
etwas seltner, doch auch ganz gewöhnlich und unbedenklich das prät. (war, waren): weil dann neben so starcken verboth, auch die gefahr zur see so grosz, hat man ferner zu solcher reise schlechten muth gehabt. Olearius pers. reisebeschr. 83ᵃ; die noch auff dem schiffe frey, haben sich geschwinde davon zu ihren böthgen gemachet. 85ᵃ;
so musz feindlich den heiden alles werden,
was ihre hoffnung erst und pracht und hülfe.
Tieck 1, 375;
ein blatt aus sommerlichen tagen,
ich nahm es so im wandern mit,
auf dasz es einst mir möge sagen, ...
wie grün der wald, den ich durchschritt.
Storm ged. 18.
ebenso auch conjunctivformen: dasz umb selbige zeit Grünland noch nicht bekandt gewesen, viel weniger zum christlichen glauben gebracht worden. Olearius reisebeschr. 83ᵃ; man helt dafür, dasz es zweene engel gottes gewesen. Scherffer ged. 20;
der patriarch
versprach mir eine siedeley auf Thabor,
sobald als eine leer.
Lessing 2, 320 (Nathan 4, 7).
über den imperativ s. unten.
β)
die auslassung ist am verbreitetsten, wenn das prädicat ein adjectiv ist:
hier herrschet die vernunft von der natur geleitet,
die, was ihr nöthig, sucht; und mehrers hält für last.
Haller ged.¹⁰ s. 24;
der staatsmann, der an würden grosz,
doch ungleich gröszer an verstande,
sitzt jedem könig in dem schoosz.
Hagedorn 3, 105;
wie Boreas, wenn er die schwingen regt,
gepfropftes reis, das stablos, niederschlägt.
E. v. Kleist (1771) 1, 132;
als er erfuhr, wie viel euch Recha schuldig.
Lessing 2, 224 (Nathan 1, 6).
auch in unpersönlicher fügung: davon mir bewuszt. Luther briefe 5, 542.
γ)
ganz besonders häufig fällt sein als sogenanntes hilfsverb fort; so beim umschriebenen perf. act. (wo dann oft nicht zu entscheiden ist, ob sein oder haben zu ergänzen wäre, vgl. 32, k), s. Grimm gramm. 4, 173 f.: dann es ain fürtreffenliche guͦte ee gewesen. Schwartzenberg Cic. 149ᵃ; er widersetzte sich daher meiner geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese stunde vorübergegangen. Göthe 24, 11;
was thät der grosze mann, der auch in holtz geschwommen,
mit seinem holtze nicht?
Scherffer ged. 24;
ach, die seelen der abende,
die uns freunden entflohn, werden oft vor mir stehn.
Hölty 92 Halm.
beim passiv, z. b.:
es werde, was ob dem saphirenen bogen
im himmel beschlossen, fürst-löblich vollzogen.
Scherffer ged. 167.
neben dem infinitiv mit zu (s. 35): dahero die verdächtigen nit zu gedulten, auch sollen die nachbarn in der ganzen dorfschaft hinfiro niemanden .. einnehmen. tir. weisth. 1, 81, 3; also dasz gäntzlich zuschliessen, das die medici macht haben u. s. w. Fischart podagr. trostb. B 8ᵇ;
ihr habt mir allerdings etwas vertraut — ...
was mich verwirrt, — worauf ich gleich nicht weisz,
was mir zu thun.
Lessing 2, 295 (Nathan 3, 9).
δ)
auch bei präpositionalen ausdrücken kann sein als copula wegfallen:
wir wünschten uns schon glükk,
in dem von's jahres läng' ein so gar schmales stükk
im rest'.
Scherffer ged. 59;
wie kommt's denn also wohl, du narr,
dasz wir noch immer ganz und gar
so ohne kinder, ohne erben?
Tieck 1, 190.
ungewöhnlicher dagegen ist:
dort glimmt im grünen feur das dick-begras'te feld,
das wie in roter gluht.
Brockes 1, 85,
wo man gewöhnlich steht ergänzen würde. auch in den unter 23 behandelten fällen ist die auslassung jetzt weniger üblich: dasz jhm also, nempt mir einen jungen knaben. Garg. 144ᵃ; wie dem allen. Weise comöd. pr. 6ᵃ. ganz ungewöhnlich ist sie vollends, wenn sein eine stärkere, selbständigere bedeutung hat (in den fällen 1—14). mit recht beanstandet daher Adelung die wendung das soll dein (sein) bei Gellert.
ε)
bei gewöhnlicher satzstellung ist die auslassung der copula auf die poetische sprache beschränkt: ich seh's, Solina, es ist keiner für dich ... alle männer einem falschen instrument gleich. Klinger theater 2, 214;
unter schon verloschnen siegeln
tausend väter hingestreckt,
ach! von neuen frischen hügeln
freund an freunden überdeckt.
Göthe 3, 73;
fressendes feur seine schmachtenden blicke,
seine küsse zermalmung, gewittersturm
seine umarmung dir!
Schiller 1, 329;
schnell um ihn her der helden trieb.
346.
ζ)
ferner in lebhafter sprechweise in gewissen, kurzen ausdrücken:
der handel war gemacht; wer froh, wie ich?
Tieck 1, 209.
ebenso mhd.:
wâ nu der touf?
Wigalois 210, 2.
ferner bei kurzen gegenüberstellungen, wie: ein mann, ein wort; wie der herr, so der knecht, s. Grimm a. a. o.; ye grösser narr, ye besser pfarr. ye doller mensch, ye besser glück. S. Franck sprichw. 1, 12ᵇ; je lieber kind, je schärfer rute u. a. hier kann sein auch als vollverb fortfallen: wo wenig verstand, da grosz glück. S. Franck a. a. o.; hertz, wo gelt. 18ᵇ.
η)
sehr häufig fällt es ist weg, so dasz der ganze satz nur aus einem wort besteht: genung dasz Esau nicht könig wird. Weise comöd. pr. 174;
thöricht, auf bess'rung der thoren zu harren!
Göthe 1, 143.
besonders in ausrufen, wie: herrlich! gut! wie schön! was für ein unsinn! welch wunderbarer anblick! wunder über wunder! u. a.selten ist dagegen die auslassung von es ist in andern verbindungen: man siht an farben und fluͦg wol was für ein vogel (besser was es für ein vogel). S. Franck sprichw. 1, 21ᵃ.
θ)
auch ich bin fällt zuweilen in der höflichen umgangssprache aus:
sehr erfreut,
den braven jungen mann zu sehn!
Lessing 2, 299 (Nathan 4, 2).
ungewöhnlich ist dagegen die auslassung von bist du:
seyd ihr es, ritter? wo gewesen, dasz
ihr bey dem sultan euch nicht treffen lassen?
336 (5, 5).
ι)
der imperativ kann fortbleiben in zurufen wie: still! ruhig da! nur mutig, unbesorgt, ohne furcht! u. ähnl.:
wer furchtsam, leb in noth; nur mutig, zuck ein schwerdt.
A. Gryphius 1, 64.
κ)
stärkere verkürzung tritt in gewissen satzformen ein, so mhd. in sätzen mit wan:
wan des kraft, sô diuhte mich
im wære dâ misselungen.
Wigalois 18, 38;
niwan durch den selben degen
ir wæret benamen dâ tôt gelegen.
146, 18.
nhd. zum beispiel in redeweisen wie: so ein mann in der freundschaft, und sie ist glücklich. Auerbach dorfgesch. 4, 4; noch ein sprung, und ich bin gerettet. das nähere hat die syntax zu behandeln.
b)
besondere berücksichtigung erheischt der infinitiv. dieser kann in den ältern dialecten in weitem umfange fortbleiben, s. Grimm gramm. 4, 132—4. 947 f. im nhd. findet sie sich nur noch nach lassen, doch auch da nur in der ältern zeit, z. b.: ich wil euch nicht waisen lassen. Joh. 14, 18, oder etwa mundartlich, so schweizerisch in der verbindung: sie liessen die weiber nicht meister. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 2, 131; wenn ich euch und eure dikken frauen über sie meister gelassen hätte. 203. die gewöhnliche redeweise von heute kennt alle solchen fügungen nicht mehr; in ausdrücken wie: lasz mich in ruhe! wird kaum der mangel eines infinitivs empfunden.
c)
umgekehrt setzt die ältere sprache (15.—17. jahrh.) häufig den inf. in fällen, wo die heutige ihn vermeidet und sich mit einem nominalen prädicatsausdruck begnügt. es entstehen so nominative oder accusative cum infinitivo, die sicher nicht ohne einflusz der lat. syntax gebildet sind. über die ältern dialecte, wo derartige constructionen ebenfalls verbreitet sind, sieh Grimm gramm. 4, 114—121. hier werden nur die im nhd. belegten fälle berücksichtigt. es ist zu unterscheiden
α)
nom. cum inf., besonders bei dünken: dann ich dünckte mich damals keine saue syn. Simpl. 2, 28, 19 (5, 6);
ob es uns gleich dünckt bitter sein.
H. Sachs 2, 1, 73ᵈ;
und was jr jedem fellet ein,
das düncket jn das beste sein.
2, 5ᵇ.
weitere belege s. bei Kehrein gr. 3, s. 16. bei dünken würde man jetzt sein einfach auslassen. in andern fällen dagegen ist auch jetzt der inf. notwendig, wie er meint seiner sache sicher zu sein; hier weicht die ältere sprache nur darin ab, dasz sie zuweilen den bloszen inf. ohne zu hat, während dieses jetzt obligatorisch ist.
β)
acc. c. inf. ohne zu: so hat er sie nie gesegnet, wan er uber felt gieng, noch sie in heissen wilkumen sein, wan er wider kam. Pauli schimpf u. ernst 95 Österley. so könnte man zur not noch sagen, obwol das blosze willkommen heiszen viel gewöhnlicher ist; ganz fremd und undeutsch klingen dagegen die folgenden redeweisen: besunder er schetzet es aller best sein, daz er geheissen wirt. Keisersberg seelenp. 18ᵇ; wie dick ist da überflüssigkeit in denen dingenn, dye wir glauben wore notdurfft sein. 32ᶜ; wa wir mercken, dise arbeit wol angewendet sein. Fischart podagr. trostb. C 1ᵇ; mein knän .. schätzte billig seyn, dasz ich meiner adelichen geburt gemäsz auch adelich thun und leben sollte. Simpl. 1, 13, 21 Kurz.
γ)
häufiger, obwol nicht deutscher, ist der inf. mit zu: er hat wollen das menschlich geschlecht ewig zu sein. Albr. v. Eybe bei Kehrein gr. 3, s. 26; darausz er aber on zweyfenlich vermergkt, vorgenänts boten anzaigen, war zü sein. Schwartzenberg Cic. 149ᵃ; duͦrch dj genade des allmächtigen, wölchs wolgefallen, er also zuͦ sein, erkännt. 149ᵇ; als achte ichs nicht gar unbequem zu seyn, allhier eine digression ... zu nehmen. Olearius reisebeschreib. 82ᵃ; (er) risz die hand des kindes los aus einer andern, die der jäger nicht sah, aber eiskalt zu sein fühlte. Grimm sagen nr. 147; wann er leichtlich zu einem eydschwur zubringen ist, und ... einen eydt nichts anders vermeynet zu seyn, als eine handsqvähle, mit welcher man die täglichen laster auftrucknet. Opitz 1, 271;
jedennoch ist der grund, auff den mein sagen geht,
also dasz jederman ihn war zu sein versteht.
4, 329;
s. ferner 1, 277. 288. 4, 338. weitere belege bei Kehrein gr. 3, s. 25.
δ)
sogar, wenn der acc. mit dem subject identisch ist: dz er sich saget gerecht zesin vor got. 4. bibelübersetzung Job 32, 2 bei Kehrein a. a. o.; weil ich mich einen witwer zusein wuste. Simpl. 2, 27, 16 Kurz (5, 6). — vgl. besonders den wechsel der constructionen in folgender stelle: ein warer demütiger mensch, der schetzet sich niemans gleich sein, er schetzet sich vorab zuͦ keinem der ob jm ist .. und dartzuͦ niemans gleich, der under jm unnd minder ist weder er, sunder er schetzet und gloubt er sey under ieder man. Keisersberg seelenpar. 13ᶜ.
d)
als ellipse kann man es auch ansehen, wenn bei sein ein prädicatsbegriff zu ergänzen ist, durch dessen wegfall sein einen differenzierten, prägnanten sinn bekommt. dahin gehören
α)
zumeist participien, zumal von verben der bewegung, wie gegangen, gekommen, s. 12, ad. 24. 25 (passim); seltner gelangt, geworden, gewachsen, s. 12, i; ferner gethan, s. 4, d, erwiesen, geboten, s. 13, c, bestimmt (für) s. 25, f, α.
β)
hierher gehören auch fälle, wo sein eine räumliche oder zeitliche distanz angibt. sein für 'entfernt sein', z. b.:
wær er über tûsent mîle gesîn,
si ensæh doch niht wan sînen schîn.
Lanz. 4925.
sein für 'verflossen sein', von der zeit (es sind heute drei jahre, dasz ...), s. 6, d.
γ)
sein für 'alt sein': wie alt ist der junge? er ist gerade drei jahre. mit präpositionen: (vieh) wasz unter ainem jahr ist. steir. teid. 136, 46.
δ)
sein für 'verschieden sein', s. 25, r, β.
ε)
härter sind zwei ellipsen, die nur in beschränktem gebrauche sind, nämlich sein für 'wert sein', s. 8, c, und für 'schuldig sein', s. 8, d.
e)
ganz fällt das prädicat fort in einzelnen festen redensarten, so
α)
in dem ausruf der verwunderung das wäre! (nämlich schön, prächtig, oder auch wunderbar, merkwürdig), s. Adelung 4, 452 (12): 'dieses fällt durch die sätze deines nachbars dem Matthäus zur last'. ich. 'das wäre!' du. 'wie albern du dich stellst!' Lessing 10, 77; Schnaps. man gibt sich .. alle erdenkliche mühe .. mich für die sache der freiheit und gleichheit zu gewinnen. Märten. das wäre! Schnaps. man kennt in Paris meinen verstand — Märten. ey! ey! Schnaps. meine geschicklichkeit. Märten. curios! Göthe 14, 265 (bürgergen. 6); das wär! 42, 6 (Gottfr. v. Berl. 1).
β)
beim kinderspiel du bist, auch er ist, wer ist, nämlich an der reihe (zu fangen oder zu kriegen), s. z. b. Hunziker 240. Woeste 237ᵇ (du büss!). allgemein verbreitet.in Luxemburg auch se' mer (fertig)? Gangler 414.
γ)
in andern fällen scheint in der verschweigung ein gewisser euphemismus zu liegen, so (nur in familiärer rede): du bist aber! (nämlich sonderbar, ein schöner! oder ähnliches). du bist wohl gar (verrückt)! (nd. du bist wol gar alheil!) u. ähnl.
f)
ähnlich ist es, wenn für das präd. zu gleichem zweck ein ganz allgemeiner ausdruck eintritt, so in der bair. beteuerungsformel: i will éppes (d. h. e ̃ spitzbue, lisger u. ähnl.) sei ̃, wenns nét so is. Schm. 2, 202. — vgl. auch die häufige redensart es ist wol so eine sache, d. h. bedenklich, heikel, oder unsicher, zweifelhaft, s. z. b. Weise comöd. pr. 252.
g)
auslassung des subjects ist sehr selten und durchaus auf das pronomen beschränkt. im mhd. ist sie allgemein üblich in gewissen, von der syntax festzusetzenden fällen, s. Grimm gr. 4, 207 f. 212—5. besonders beim optativ:
niht als ich wil, sî swie dû wil.
der welsche gast 11664;
die wîle ich lebe,
sîn vrî vor mir.
Marner XI, 35 Strauch.
nhd. begegnet nur auslassung des unpersönlichen es einige male bei Lessing, z. b. 2, 340, s. 22, m, ζ. 2, 306, s. 23, a; ferner:
alles, was
von dir mir kömmt, — sey was es will — das lag
als wunsch in meiner seele.
2, 308 (Nathan 4, 3).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1899), Bd. X,I (1905), Sp. 228, Z. 59.

sein, n., der substantivierte infinitiv des verbs.

sein, n., der substantivierte infinitiv des verbs.
über die form vgl. dieses I, 3, n.
1)
die bedeutung ist eine ganz allgemeine, vergl.: aber bei gewissen worten, wie da sind recht, freiheit, das gute, das seyn (dieser nichtssagende infinitiv der kopula) u. a. m. wird dem deutschen ganz schwindlich. Schopenhauer parerga u. paral. 2, s. 203. — dabei haben sich die beiden infinitive sein und wesen, die im mhd. noch gleichbedeutend gebraucht werden, im nhd. in der regel in der weise geschieden, dasz wesen (s. das.) eine mehr substantielle bedeutung hat und auf das 'wesentliche', das notwendige und bleibende in einem dinge geht, während das sein mehr abstract die thatsache, dasz ein ding ist, oder die art, wie es ist, bezeichnet, vergl. Grimm gramm. 3, 537. so werden beide entgegengesetzt: unsere evangelisch - lutherische kirche krankt mehr am äuszern sein, als am innern wesen. Jahn 1, 213 Euler; ohne unterscheidung zusammengestellt: unser ganzes wesen und seyn ist ausstellung. Göthe 22, 163. eine grosze rolle spielt der unterschied bei den nachkantischen philosophen: das interesse der philosophie ist ..., gott von diesem mit dem wesen identischen seyn, in das vom wesen verschiedene, in das ausdrückliche, wirkliche seyn hinauszuführen ... will man dieses mit dem wesen identische seyn das nothwendige seyn nennen, so ist nichts dagegen einzuwenden. Schelling 2, 2, 32, vgl. s. 438. Hegel theilt seine 'objective logik' ein in die lehre vom seyn (werke 3) und die lehre vom wesen (4); die wahrheit des seyns ist das wesen. das seyn ist das unmittelbare ... erst indem das wissen sich aus dem unmittelbaren seyn erinnert, durch diese vermittelung findet es das wesen. — die sprache hat im zeitwort: seyn, das wesen in der vergangenen zeit: gewesen, behalten; denn das wesen ist das vergangene, aber zeitlos vergangene seyn. 4, 1 f.; reines sein: so soll auch reines seyn nichts heiszen, als das seyn überhaupt; seyn, sonst nichts, ohne alle weitere bestimmung und erfüllung. 3, 62.
2)
sein zunächst als ausdruck der bloszen existenz, so mit dem gegensatz nichtsein:
seyn oder nichtseyn, das ist hier die frage.
Shakesp. Hamlet 2, 3.
ferner dem aufhören entgegengesetzt: noch war seine krankheit nicht todesgefährlich .. wie ich abends fünf uhr zurückkam, war schon der streit der natur zwischen seyn und aufhören angefangen, und mein armer freund im hinscheiden. Forster briefw. 2, 661 (vgl. unten 4). — etwas, das nicht ist, ins sein rufen:
du rufest meine träume bald ins sein.
Chamisso 2, 15 Koch (d. Raphaels letztes gebet).
andre beziehungen: aber bestimmtheit eines reinen thun, als solchen, giebt kein seyn, sondern ein sollen. Fichte sittenl. 64; die objective beschaffenheit eines ich ist keinesweges ein seyn oder bestehen; denn dadurch würde es zu seinem entgegengesetzten, dem dinge. sein wesen ist absolute thätigkeit. 131.
3)
sein wird dem schein entgegengesetzt, vgl.sein, verb II, 18, a: (klosterbrüder) sind (jetzt) dem teüfel kein schleck, sunder teglich brot, in unreformierten klöstren, und auch in reformierten imm schein, aber nitt imm sein. Keisersberg hellisch löw a 5ᵃ;
Duplus ist ein spiegelmann; was man siht, das hat kein seyn,
siht zwar wie ein biedermann, gibet aber so nur schein.
Logau 2, 196, 2;
grüszt mir die undinen,
und bittet sie um ihrer fluthen schein.
durch weiberkünste, schwer zu kennen,
verstehen sie vom seyn den schein zu trennen,
und jeder schwört das sey das seyn.
Göthe 41, 281.
sprichwörtlich: sein ist über schein. Simrock sprichw. 9471. — ferner dem sagen: dann wie das ja und nein, also ist auch das sagen und seyn unterschieden. Simpl. 1, 30 Keller. (dem traum, s. Chamisso unter 2.) daher das wahre sein (hier vom künftigen leben):
da fing der fromme greis, mit mehr gerührtem ton
als sonst, zu reden an von diesem erdenleben
als einem traum, und vom hinüberschweben
ins wahre seyn.
Wieland 23, 141 (Oberon 9, 29).
4)
sein besonders in bezug auf lebende wesen (vgl. sein, verb., II, 2, d), dann häufig in die bedeutung 'leben' übergehend, so mhd.: ist mîn leben gotes wesen, sô muoʒ daʒ gotes sîn mîn sîn unde gotes istikeit mîn istikeit. Eckhart 204, 20 f.;
wir wêren alle tôt geslagen ...
wêr der lantgrâve nicht gewesen,
vor uns alle er sich bôt
durch unser wesen (damit wir am leben blieben) in den tôt.
Ludwigs kreuzfahrt 3672.
nhd.:
du mein künftiges seyn, wie jauchz' ich dir entgegen?
Klopstock 1, 150.
5)
dabei geht sein gewöhnlich auf die art, wie einer ist, auf seine lebens- und handlungsweise: es ist denn doch ein ander seyn (in Italien). Göthe 27, 157; ja, er faszte selbst den verwegnen gedanken, den erforschen zu wollen, dessen seyn uns so unbegreiflich, und dessen wirken uns so klar ist. Klinger 3, 6;
mein schrey-pult war das knie. solch arm seyn ist bey mir.
Fleming 113;
o dichter schweig: zum lob der kleinen myriaden,
die sich in diesen meeren baden,
und deren sein noch keines aug durchdrang,
ist todtes nichts dein feurigster gesang.
Schiller 1, 30;
so zieh'n sie (die kosacken), fremden schalles,
und ihres seins und thuns
ist nichts wie hier, und alles
ganz anders als bei uns.
Rückert (1882) 1, 64.
6)
in andern fällen nähert sich sein einer mehr concreten, substantiellen bedeutung (ähnlich wie leben oder wesen):
leichtflieszendes leben,
unseres seyns urkraft, sie unauflösbar dem tode,
folgt' ihr aus dem leichname nach.
Klopstock 4, 56 (Mess. 7, 214);
diese leidenschaft
gedacht' ich zu bekämpfen, stritt und stritt
mit meinem tiefsten seyn, zerstörte frech
mein eignes selbst.
Göthe 9, 237 (Tasso 5, 4);
dies blatt soll leben,
wenn meines seins atome längst zerstreut.
Grillparzer⁵ 2, 84;
das holde fieber, das man leben nennt,
es kehrt zurück, der dunkle born des seins
entläszt auf's neu die innern strömungen.
Hebbel (1891) 1, 88 (Genoveva 1, 2);
so auch:
dich einzig nur dachten alle gedanken,
du warst mein eigenstes, mein einzig sein.
Tieck 1, 410.
7)
so auch in einem ganz allgemeinen, umfassenden sinne, ohne dasz ein bestimmtes subject dazu gedacht wird: in deme êwigen unwandelbêren sînde dâ enist niht dan got in gote. Eckhart 377, 27;
o du erster des seyns! welchen himmlischen weg
hat geführt deinen sohn des todes labyrinth!
Klopstock 6, 256 (Mess. 20);
kein wesen kann zu nichts zerfallen,
das ew'ge regt sich fort in allen,
am seyn erhalte dich beglückt!
das seyn ist ewig, denn gesetze
bewahren die lebend'gen schätze
aus welchen sich das all geschmückt.
Göthe 22, 261;
mir schien ein schönes, reiches recht
und eine ernste pflicht das leben;
der nerv, der pulsschlag alles seins,
die seele, die die welt bewegte.
Leuthold ged.⁴ 143.
8)
sehr häufig sind zusammensetzungen mit sein.
a)
so schon mhd.: daʒ hât ein mitesîn und ein îngefloʒʒenheit mit den engeln in engelischer nâtûre. Eckhart 253, 33;
waʒ frumt di vrouwen mîn
alsô mîn wunderlich hie sîn.
Liechtenstein 338, 30.
häufiger sind indessen losere fügungen mit adverbialen bestimmungen, worin die verbale natur des infinitivs deutlicher als jetzt hervortritt:
mîn wesen was von dann unlanc.
19, 12;
den dûhte bitter unde sûre
bî sînem wîbe daʒ wesen.
Stricker bloch 3.
b)
nhd. ist die zusammensetzungsmöglichkeit bei sein unbeschränkt. so verbindet es sich mit substantiven, gewöhnlich im sinne des subjects, z. b.: wie gern hätte ich mein menschseyn drum gegeben, mit jenem sturmwinde die wolken zu zerreiszen! Göthe 16, 152. doch auch in anderm sinne, wie erdensein, sein auf der erde:
und müszt' ich drum zurück ins erden-sein.
Fouqué dram. dicht. 1, 98.
häufig und unbeschränkt verwendbar sind die losen verbindungen mit adjectiven u. ähnl., wie: ja das böseseyn kömt an uns bauern nicht. Weise comöd. pr. 120; das gefühl des erhabenen ist ein gemischtes gefühl. es ist eine zusammensetzung von wehseyn, das sich in seinem höchsten grad als ein schauer äuszert, und von frohseyn. Schiller 10, 218;
da galt geschwindseyn und entschlossenheit!
14, 406 (Tell 5, 1);
es lieget das todsein
in solcher stuten natur.
Chamisso 1, 259 Koch (Rol. ein roszkamm).
einige, wie bewusztsein, sind einheitlicher und fester verschmolzen.
c)
die ältesten, üblichsten und festesten composita sind die mit kurzen adverbien, besonders ortsausdrücken, wie dasein, beisein, hiersein, ferner zugegen-, zusammen-, beisammensein, siehe daselbst: kurz die residentin gewann bei allem, wessen ihn heute das wegsein seiner Beata beraubte. J. Paul mumien 3, 18;
die waren zweiffels frey ausz dieser zwölffen zahl
die mit Marien sohn gegangen überall
als derer beysein er am nechsten ihm erlesen.
Opitz 4, 343.
ferner besonders nichtsein, n., s. Shakespeare unter 2, und theil 7, 727 f. ähnlich:
kein sohn
des morgennimmerseyns soll diesen mund berühren.
Schiller 1, 334.
anderes:
ob in der tiefe der nacht des einsamempfundenen urseyns
dir aus dem dunkel hervor sprühet der funke des lichts.
W. v. Humboldt 1, 381.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1899), Bd. X,I (1905), Sp. 334, Z. 32.

sein, m.

sein, m.
falschheit, betrug; nur aus Brun von Schonebeck zu belegen, s. das glossar; z. b.:
wen ich wil al sunder seine
mit uch bliben immir vort.
8544;
dar in sal kunterfeit noch sein
zugemenget sin noch kluter.
12060.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1899), Bd. X,I (1905), Sp. 336, Z. 53.

sein, seiner, m., n., des ungeschlechtigen pronomens dritter person.

sein, seiner, gen. m. n. des ungeschlechtigen pronomens dritter person.
1)
die historisch berechtigte form ist sein, dessen vorstufen got. seina, ahd. mhd. sîn darstellen. sîn begegnet auch in den altndfränk. psalmen und im altnord. das alts. und das ags. mit seiner fortsetzung, dem engl., ebenso das fries. entbehren überhaupt dieser pronominalform. die neunord. sprachen, das schwed. und das dän. haben sie gleich jenen eingebüszt. die fortsetzung des altndfränk., das mndl., bietet die erweiterte form sîns (sijns Franck mndl. gramm. § 215), die sich nndl. als zîns (zijns) erhält. seltener daneben nndl. zîner (zijner). gramm. 1², 782. 4, 331. vielleicht unter einflusz des mndl. und des hd. erscheint auch in der fortsetzung des alts., dem mnd., eine erweiterte form auf s sînes, daneben die im hd. bis heute erhaltene erweiterung sîner. gramm. 4, 330, zusammengezogen sîr:
ik en kôp syr nicht!
Theoph. 468