Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wertung, f.

wertung, f.,
ableitung von werten (s. dort), die nach vereinzeltem auftreten in ahd. glossen (werthunga celebritas 1, 199, 21 St.-S.) und gelegentlichen sonderanwendungen im älteren nhd. (1) im sinne von '(wert-)schätzung' (2) und 'einschätzung, beurteilung (des wertes), würdigung' (3) üblich geworden ist.
1)
sonderanwendungen, insbesondere des älteren dt.
a)
'der in den münzstätten von der obrigkeit von zeit zu zeit bestimmte werth des gelds, oder aller umgelaufenen einheimischen und fremden münzsorten, nach welchem bey ihnen alle zahlungen geschehen und contracte geschlossen werden mussten' (Westenrieder gloss. [1816] 664): die werdung sol aber geschetzt sein, nach der zit darin die bezalung geschehen sol Freiburger stadtrechte (1520) 33ᵇ; das letzt vergangen jar ist zu Constantinopel und im gantzen tuͤrckischen reich uberausz hoch gesteigert die werdung des golds J. v. Brüssel beschr. aller keiserthumb (1602) Bb 1ᵃ; bei der gesetzlichen wertung des aureus gleich 25 denaren (erscheint) das silbergeld ... überwertet hdwb. d. staatsw. (²1898) 5, 918. vereinzelt neben werdirung und währung gebucht: werdirung, wehrtung, contr. wehrung, f., valutamento, cimento, pruova delle monete, it. valuta, danari ò monete di valuta in genere ed in specie Kramer t.-ital. 2 (1702) 1286.
b)
geldliche einschätzung einer sache: doch würdigte er (der Bayer) mit geld alle dinge des lebens ... jegliche gattung boshafter verletzungen des menschlichen leibes hatte gesetzlich bestimmte werthung an geld Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 29, 105; dem viehzins war schon frühe eine bestimmende werthung nach schillingen und pfenningen beigefügt worden Jacob Grimm rechtsalterth. ⁴ 1, 529.
c)
'verwertung': die bei den schieszübungen verbrauchten geschosse werden gesucht, um das material zu verwerten ... die wertung der verschossenen artilleriemunition ... kann an unternehmer verpachtet werden Alten hdb. f. heer u. flotte (1909) 4, 178.
2)
'(wert-)schätzung' (zu werten 1 a): diese erhöhte wertung der form (die im 13. jh. eintrat) ist aber nicht denkbar ohne ein neues verhältnis zur anschaubaren welt Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 211; gab es denn etwas anderes für einen knaben meines alters als eine frühe, zarte, unbewuszte ritterlichkeit gegen frauen und eine ebenso frühe, zarte, unbewuszte wertung zwischen männern? Binding erlebtes leben (1928) 59.
3)
'einschätzung, beurteilung (des wertes)' oder auch 'würdigung einer grösze' (vgl. werten 1 b sowie bewertung): 'souverain tailleur d'ymages', dieser titel, den die meister des mittelalters einander in neidloser ernster wertung gaben, kam ihm (Rodin) zu Rilke ges. w. (1927) 4, 322; alle sittlichen verfehlungen blieben in der wertung weit dahinter (hinter den verfehlungen gegen glauben und gehorsam) zurück K. Brandi reformation (1927) 26; seit dem zusammenbruch des deutschen idealismus hat man ja auch frühere dichtung nicht mehr neu gewertet, sondern die alten wertungen gedankenlos weitergeschleppt P. Ernst d. zusammenbruch d. dt. idealismus (1931) 37; die auffassung der ethischen wirklichkeit ... ist immer, auch für das naivste bewusztsein, schon durchsetzt von wertungen, von gefühlsmäsziger stellungnahme Nic. Hartmann ethik (²1935) 104; Thode, der als erster die Nürnberger malerschule würdigte, war von der leidenschaftlichen sprache des Tucher-meisters innerlichst getroffen, seine wertung hat recht behalten W. Pinder d. kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 253; oft mit genitivus obiectivus: nicht faulheit predigt der apostel, sondern die unendlich höhere werthung der arbeit als des besitzes W. H. Riehl deutsche arbeit (1861) 196; die grundlegung der systematischen philosophie ist selbstbesinnung, d. h. analysis des inneren lebenszusammenhangs, welcher in dem erkennen des wirklichen, der werthung des lebens und der ideale ... lebt (1896) Dilthey briefw. m. Graf Yorck (1923) 220; selbst wenn der gedanke der 'vereinigung' heute noch von allen freudig getragen würde, hielte ich ihn für ein viel zu äuszerliches einteilungsprinzip, um auf ihn eine künstlerische wertung der einzelnen schaffenden aufzubauen (13. 1. 1902) Rilke br. 1899 —1902 (1931) 156; daher wurde von ihnen (den verfassern der bisherigen handbücher) in den mittelpunkt der darstellung gerückt, was für das erkennen und das bestimmen von münzen vor allem dienlich ist oder mit der numismatischen wertung der stücke zusammenhängt Luschin v. Ebengreuth münzk. (1904) 5 (vorr.); die wertung und würdigung der gegenstände im gotteshaus schwankt und wankt beständig Burte Wiltfeber (1912) 114; wie ja überhaupt das gericht bei der wertung ärztlicher gutachten ... durch keine vorschrift gebunden ist strafordn. a. d. j. 1937; diese tatsache (der entlehnung einzelner partien) ist für die künstlerische wertung des weihnachtsoratoriums weder zu über- noch zu unterschätzen Schweitzer Bach (1948) 675. in anschlusz an verbale fügungen (z. b. etwas als bauschöpfung werten, s. werten 1 c) begegnen auch vereinzelte anwendungen wie: allerdings haben die pfahlbauten diese wertung als nordische bauschöpfungen nicht von anfang an erfahren qu. a. d. j. 1937. zuweilen wird wertung ausdrücklich als 'werterkenntnis' von werturteil 'sprachlicher ausdruck einer werterkenntnis' unterschieden: wird nun eine wertung (werterkenntnis), d. h. die logische tatsache, dasz ichbewusztsein ein objekt als wertvoll klarhabe ... durch aussprechen eines satzes ...: 'dies ist wertvoll' zum ausdruck gebracht, dann haben wir ein werturteil vor uns Heyde wert (1926) 156. hierzu wertungsgrund, m.: andrerseits wehrt sie (die persönlichkeit) das über ihr gelegene allgemeine als werthungsgrund ab G. Simmel einl. i. d. moralwissensch. (1911) 1, 207. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 496, Z. 50.

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Zitationshilfe
„wertung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wertung>.

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