Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

werwolf, m.

werwolf, m.,
mythologische bezeichnung für einen menschen, der auch in wolfsgestalt auftreten kann, mannwolf (wer 'mann, mensch', s. wergeld). das wort ist im ahd. lediglich als eigenname bezeugt (Weriuuolf, s. zs. f. dt. altert. 12, 252) und in späterer zeit dann bei Burchard v. Worms und Berthold v. Regensburg (werwolf, s. u.) als gattungsbezeichnung nachweisbar. mhd. dichter haben werwolf offenbar nicht verwendet; erst seit dem 15. jh. erscheint das wort häufiger, teilweise in volksetymologischer umdeutung: bärwolf (so z. b. bei Luther; vgl. teil 1, 1146, beerwolf teil 1, 1244). german. parallelen finden sich im ae. wer(e)wulf, im mnd. warwulf, im mndl.-ndl. weerwolf; dem entspricht im anord. vargulfr (˂ vargr 'wolf' + ulfr 'wolf'), dän. varulv, schwed. varulf. mittellat. gerulphus, normann. garwalf und frz. loup garou sind entlehnungen aus dem germanischen (frz. ˂ fränk. *wariwulf, s. Bloch-Wartburg 357). — der glaube, dasz menschen wolfsgestalt annehmen können, ist unter den idg. volksstämmen besonders bei den Griechen (λυκάνθρωπος), Römern (versipellis), Slawen (russ. оборотень, aslaw. vlukodlaku; lett. wilkats, poln. wilkołak) und Germanen verbreitet gewesen und hat sich vereinzelt bis in die neuzeit erhalten (s. Frischbier pr. 2, 465, Mensing schlesw.-holst. 5, 598 sowie Bächtold-Stäubli hdwb. d. dt. aberglaubens 10, 396 und Jacob Grimm mythol. ⁴2, 915 ff.). — der sage nach geschah die verwandlung mit hilfe eines wolfshemdes (bzw. -gürtels) oder auch durch einen zauberring. wurde das zeitweilig abgestreifte wolfshemd (bzw. der -gürtel) verbrannt oder der wolf verletzt, so nahm der mensch wieder seine natürliche gestalt an. verwundbar war der werwolf meist nur durch erbsilber. diese werwolf-vorstellungen sind in zeit und raum sehr verschieden, s. Mogk in: reallex. d. germ. altertumskde. 4 (1918/19) 511 f.; so werden bei den Slawen dem werwolf vampireigenschaften zugesprochen, während sich besonders in Deutschland der werwolfglaube unter dem einflusz des mittelalterlichen hexenglaubens weiter verbreitete und mit diesem in der neuzeit zurückging, zumal die wölfe in West- und Mitteleuropa ausstarben.
1)
in wolfsgestalt auftretender mensch: ... id est dum aliquis homo nascitur, et tunc valeant illum designare ad hoc quod velint, ut quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod vulgaris stultitia werwolf vocat, aut in aliam aliquam figuram Burchard v. Worms (vor 1024) bei J. Grimm dt. mythol. ⁴3, 409; wie ein solcher verwandelter wehrwolff mit eim pfeil oder flitschen inn hinderen sei geschossen worden, vnnd darüber zu bett sich legen muͤssen: allda man jhm, als er widerumb zu menschlicher gestallt gekommen, den pfeil mit gewalt hat herausz gezogen ... ein solcher menschenwolff oder wolffmensch ... Fischart Bodin, de magorum daemonomania (1586) 332; eine histori von einem vermeinten beerwolff oder weerwolff erzehlet Georgius Sabinus: man hält es, spricht er, allhier in Preussen darfür, dasz etliche menschen zu wölffen sollen werden Widmann Faust 277 lit. ver.;
ich schosz einmal eine katz' am zaun,
der Anne, der hex', ihre schwarze liebe katz';
da kamen des nachts sieben wehrwölf' zu mir,
waren sieben, sieben weiber vom dorf.
ich kannte sie all', ich kannte sie wohl,
die Anne, die Ursel ...
...
sie heulten im kreise mich an.
...
da nannt' ich sie alle bei namen laut:
...
da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich
und liefen und heulten davon
Göthe I 1, 156 W.;
das weib ist ja ein wärwolf ... so zwischen eilf und zwölf verwandelt sie sich Alexis die hosen (1846) 2, 1, 194; '... was mir geträumt hat! ... ich hatte mich in einen wolf verwandelt und wollte den kleinen Peter fressen; ich trabte auf allen vieren ...' ... 'pfui! die tante ist ein werwolf gewesen!' Storm s. w. (1920) 2, 139;
der werwolf
ein werwolf eines nachts entwich
von weib und kind und sich begab
an eines dorfschullehrers grab
und bat ihn: bitte, beuge mich!
...
'der werwolf' — sprach der gute mann,
'des weswolfs, genitiv sodann,
dem wemwolf, dativ, wie man's nennt,
den wenwolf — damit hat's ein end'
Chr. Morgenstern galgenlieder (1928) 66.
dem volksglauben nach können sich besonders hexen und zauberer in werwölfe verwandeln: es gehet ein geschrei in diesen landen von weerwoͤlffen (wie mans nennet) oder von zauberern, welche sich mit einem besonderen zauberguͤrtel ... in wolffsgestalt verendern koͤnnen C. Ulenbergius antwort auff J. Bady vermeinte warnung (1592) Nn 2ᵃ; Goehausen ... erzehlet von einem zauberer, der sich zum weer-wolff machen koͤnnen J. Döpler theatrum poenarum (1693) 351; wie einige statuiren, dasz ... sich die zauberer vermittelst des teuffels huͤlffe in so genannte weer-woͤlffe verwandeln koͤnten; welches ich aber fuͤr blendwerck halte H. v. Fleming teutscher jäger (1719) 108;
welche hexe, geübt durch salb' und räuchwerk
...
oft auch saaten hinweglockt, oft als wehrwolf
hämmel raubt
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 110;
'könig katze' (so nannte sich der sultan von Bornu) ..., der für einen groszen zauberer galt, und sich gleich einem wehrwolf in eine katze verwandeln konnte Ritter erdk. teil 18 (²1858) 517. manchmal wird werwolf neben hexen und kobolden genannt und geradezu im sinne von 'scheusal, gespenst, unhold' gebraucht: als wenn alle ... weerwolffen, kobbolde ... von Adams samen herkommen sollen Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 335; man gehe nur in eine gesellschaft von soldaten und jaͤgern, ... so kommen die hexen, gespenster und genug andere wehrwoͤlfe Stahl gewehrger. jäger (1762) 259;
sie, die volkreich heil'ge stadt
ist zur wüstenei geworden,
wo waldteufel, werwolf, schakal
ihr verruchtes wesen treiben
Heine s. w. 1, 447 E.;
werwölfe gehen durch sie (die geschichte), unterirdische und umgänger E. Wiechert d. kl. passion (1929) 99.
2)
wolf in menschengestalt; mensch, der sich wie ein wolf gebärdet.
a)
als abschätzige bezeichnung; für einen gierigen oder auch gefräszigen menschen: dann der werwolf und röuber, pfleger Uolrich ... hette uns zuͦ groszerem schaden bracht ... diser pfleger ist under sinen andern unmäszlichen anfechtungen und begirden ain gar grosz kirchenröuber gsin (189) ... was scharpfen klauwen die gaistlichen wölf tragind (193) J. v. Watt dt. histor. schr. 2, 167 G.; ... damit der leser solcher jesuwitischen beerwolffen heulen und fuͤrnemen erkennen lerne J. Zanger v. neuen orden d. Jesuwider (1562) C 7ᵇ;
doch leb' ich (der einsiedler) noch am end' vom jahr,
wo mancher wärwolf ist schon todt
aus ängsten vor der hungersnoth
Göthe I 16, 78 W.;
mundartlich: dǟ fresst wē ᵉ wēᵃrwolf oder: sī net sōᵉ wēᵃrwolf isz nicht so gierig Heinzerling-Reuter Siegerland 321; werwolf (rhein.) nimmersatt Kehrein Nassau 1, 443; für einen grausamen, grauenhaften menschen: qui occidunt homines per detractionem, nunc comedunt illum, nunc illum, nunc religiosum, nunc ... isti sunt werwolf. minus peccares et minus dominum offenderes, si in parasceue integrum bovem vel ovem comederes vel devorares Berthold v. Regensburg sermo 172 Schönbach;
mein herr, ich bin ein prinz vom berge Libanon.
ich hatte mich dem dienst der schönsten aller schönen
drey jahre sonder minnelohn
verdingt, bevor sie sich so viele treu' zu krönen
erbitten liesz: und wie ich nun als bräutigam
ihr eben itzt den gürtel lösen wollte,
da kam der wehrwolf (der riese Angulaffer), nahm sie untern arm und trollte
vor meinen augen weg mit meinem holden lamm
Wieland ges. schr. I 13, 41 akad.;
'... eine ganz süperbe mécanique, solches fallbeil.' — gott, gott! unter welche währwölfe war ich gerathen! Gaudy s. w. (1844) 18, 76;
Derovalin: ihr möget gott betrügen, frau Isolde,
doch ich und ihr, wir wollen vor einander
ehrlich wie feinde sein
Isolde: du bist ein werwolf
E. Hardt Tantris der narr (1909) 28;
für einen haustyrannen, mürrischen menschen:
warum ich euch hierhergebracht, ihr wiszt's.
der alte werwolf aber schöpft verdacht;
ich hört' ihn sagen, zieh' die tochter fort,
woll' er mit ihr euch senden weit ins land
Grillparzer s. w. 8, 53 Sauer;
gar höflich schleichest du (der werber) zu zeiten
zu diesem wehrwolf in das haus
und kramst die neu'sten neuigkeiten
vom krieg und vom theater aus.
vergeblich suchst du einzuschläfern
den Argus durch der rede flusz —
feindselig bleibt den jüngern schäfern
der asinus domesticus (der vater des mädchens)
Gaudy s. w. (1844) 1, 112;
also doch weg! nun, so brauch' ich mir von dem alten wärwolf auch nichts gefallen zu lassen, wenn er mein schwiegervater ist! Hebbel w. 2, 28 Werner; ... dasz sie (Karoline) in Agnesens gatten einen mürrischen, ungefälligen, plumpen, nur auf ökonomischen ertrag gerichteten landjunker zu sehen fürchtete! sie kam in der heimlichen erwartung, wider solchen 'wehrwolf' mit ihrer freundin ein bündnisz einzugehen Holtei erz. schr. (1861) 2, 131.
b)
vereinzelt als bezeichnung für einen mann, der mit der wildheit eines wolfes kämpft: der korsische werwolf (Napoleon) auf Elba qu. a. d. j. 1927; unser hauptmann, der heiszt Wulf, und ein richtiger wolf ist es auch, denn wo er zubeiszt, da gibt es dreiunddreiszig löcher. dennso bin ich der meinung, dasz wir uns die wehrwölfe nennen und zum zeichen, wo wir der niedertracht gewehrt haben, drei beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die quer. und davon soll keiner was wissen, als wir dreimal elfe, so sich nennen die wölfe Löns wehrwolf (1916) 94; hieran anknüpfend für eine geplante widerstandsbewegung der nationalsozialisten am ende des 2. weltkrieges: radio-sendungen ..., die von einer auf den namen 'werwolf' getauften freiheitsbewegung zu melden wissen: einem verbande rasender knaben Th. Mann Faustus (1948) 759.
3)
zuweilen scheint umdeutung vorzuliegen zu 'wolf, der menschen anfällt' und allgemeiner 'wolf, bestie, reiszendes tier': in dem selven jair quam ein rasen werwolf intgain Bunne zo Berchen ... ind der leste minsche der gebissen wart, der greif den rasen wolf ... dat ein ander man quam geloufen mit eime bielen ind sloich den rasenden wolf doit (15. jh. Köln) städtechron. 13, 190; seint also werwoͤlff die in die doͤrffen lauffen vnnd kind vnnd menschen essen. als man etvan daruon sagt das sie also mit verhengtem zoum die menschen schedigen vnd heisen berwoͤlff oder werwoͤlff Keisersberg emeis (1516) 41ᵃ (doch ist Keisersberg die alte vorstellung 'mannwolf' auch bekannt geworden: da was ein man der kam inn die fantasei, das er der selb wolff wer ebda 42ᵃ); sieh da, herr hinterwäldler (förster), wir hörten es schon an dem spektakel, dasz sie gekommen seien! was macht werwolf und bär, und uhu und kauz hinter den bergen? W. Raabe s. w. II 2, 88 Klemm.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 504, Z. 12.

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Zitationshilfe
„werwolf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/werwolf>.

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