Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wesenheit, f.

wesenheit, f.,
eine zu verschiedenen bedeutungen des subst. wesen gebildete ableitung (am verbreitetsten in den bedeutungen 4 und 5; letztere namentlich in jüngster zeit zunehmend); mhd. auch wesentheit (s. u. meister Eckhart und Seuse unter 1 a), zum part. präs. des verbums oder zu den gerundialformen des nomens.
1)
substantia, essentia (wie wesen I C): substantia ein wesenheyt gemma gemm. (1508) B 1ᵃ; essentia wäsenheit Calepinus XI ling. (1598) 495ᵇ; vsia wäsenheit ebda 1573ᵃ; wesenheit, das wesen eines dinges, ist der inbegriff der wesentlichkeiten, d. h. der wesentlichen merkmale oder stücke eines ganzen Krünitz öcon. encycl. 238 (1856) 437.
a)
allgemein (von gott, der menschlichen seele und von dingen überhaupt): dar umbe swebet der geist in einekeit âne lieht unde dunsterheit. âne lieht, daz ist nâch der ungruntlîcher wesentheit meister Eckhart 520, 2 Pf.; (wenn der mensch) etwas gebresten uͤbet nah dem ussern, waz kan im daz geschaden, eht dú wesentheit dez menschen glich stat ane alles wider nemen? Seuse dt. schr. 162 Bihlm.; got hat wol aus demselben nichding die creatur beschaffen, aber der creatur wesenhait nit auf nichding sonder auf sein gotlich wesen gesetzt vnd gepawt Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 139 Reithm.; ist doch Christi leib jetzt in ternario sancto (verstehe in der reinen heiligen wesenheit) und isset der speise des paradeises J. Böhme s. w. 3, 315 Schiebler; die wesenheit der seel kan kein tyrann zerstören Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 48; die warheit aber ist die sach, oder wesenheit der sachen selbst, derentwegen so wenig, als die sach veränderlich. weil nun gott der ursprung aller sachen ist, so ist er auch der ursprung aller wahrheit, nemlich die warheit selbst J. J. Becher psychosophie (³1707) 51; dasz das leben eben durch seine flüchtigkeit uns mahne, nur gottes wesenheit, gebote und worte für ewig bestehend zu halten Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 41; gott vater, gott sohn und gott heiliger geist — dreifach in den personen und eins in der wesenheit El. Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 287.
b)
in spezielleren auffassungen.
α)
substanz als stofflichkeit, leiblichkeit oder essenz im chemisch-alchimistischen sinne: die teufel ..., welche ... ein grimmig feuerquell ohne wesenheit sind, denn sie haben keinen leib J. Böhme s. w. 4, 118 Schiebler; darum dasz er (der mensch) den geist verliesz und ging mit seinem geist in die wesenheit, hat die wesenheit ihn gefangen und in tod geschlossen ebda 6, 172; alle gewaltsamkeiten des offenen feuers wäre in dergleichen mineralischen ausarbeitungen kein nütze, wann seine ausziehung der innersten wesenheit nicht durch eine gelinde digestion vor sich ... geschehe Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 149.
β)
das wesen von etwas in einem volleren sinne, den gesamten gehalt an eigenart vergegenwärtigend:
euch dreien g'nügt ein auge, g'nügt ein zahn,
da ging' es wohl auch mythologisch an
in zwei die wesenheit der drei zu fassen
Göthe I 15, 154 W.;
den staat als den inbegriff und die wesenheit alles anzustrebenden und menschlich erreichbaren aufzustellen Grillparzer s. w. 14, 115 Sauer; die seele unsers helden, jedes grosze und neue schnell in seiner höchsten wesenheit fassend, huldiget so dem ersten anblicke des broadway Kürnberger d. Amerika-müde (1855) 12.
γ)
der metaphysische seinsgrund in moderner auffassung: so kann sie (die materie) wohl nicht bloss als ein attribut, das die unendliche wesenheit ausdrückt, ... betrachtet werden Schelling w. (1856) I 2, 359; ich glaube es (das metaphysische empfinden) aber auch bei allen den philosophen ... wiederzufinden, die der wesenheit nachstrebten, nicht einer theorie, einem system, d. h. menschenmache (1886) Hildebrand gedanken über gott (1910) 227; die finsternis sei die wesenheit und das licht nur ein akzidens der finsternis Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 2, 444.
2)
beschaffenheit, art (wie wesen I D); wesenheit beschaffenheit eines dinges H. Braun dt. orthogr. gramm. wb. (1793) 304ᵃ: nemlich ist es von rechter wesenheite peinlicher frage, dasz rechtmässige anzeigunge vorhergehen M. Beüther v. Carlstat praxis rer. criminalium (1565) 95ᵃ; also ist natürlich erklärt mit der kürtze, was die erhebung vnd vrsach dess silbergeists vnd leib ist, mit seiner zusammengesetzter natur vnnd wesenheit Paracelsus opera 1, 929ᴮ Huser.stoffliche beschaffenheit (wie wesen I D 2): (es ist) vnmüglich, das ausz wasser wein werde, die doch in jhrer feuchten vnd fliessenden substantz vnnd wesenheit einander sehr ehnlich Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 41; wann aber die haar wegen ihrer zarten wesenheit verwürret und verwicklet werden Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 648.
3)
substantialität, realität (wie wesenhaftigkeit 2; zu wesen I C 3 mit einflusz von I B 'existenz'), vgl. wesenheit, f., essenza, entità, essentialità, sostanza, realtà, it. essistenza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1336ᵇ; wesenheit oder wesentlichkeit eines dinges desselben seyn oder wesen, the essentiality, essence, reality or substance of a thing, its real existence Ludwig t.-engl. (1716) 2459:
die schrifft ist schrifft sonst nichts. mein trost ist wesenheit
und dasz gott in mir spricht dasz wort der ewigkeit
Angelus Silesius cherub. wandersmann 52 ndr.;
jetzt überzeugt uns das auge von der wesenheit jener lieblichen träume (bildl. darstellung von genien) Herder 17, 348 S.; diesem schattenbilde, diesem leeren schalle (ehre u. ruhm) nachzujagen, welches weder wesenheit noch die geringste haltbarkeit hat Bode Montaigne (1793) 2, 261; sie (Carl August) haben ... sich vorzüge zu erwerben gewuszt, welche über alle andern erhaben sind, ja von geburt und glück, als von folien, nicht wesenheit, sondern nur einen lebhafteren glanz gewinnen (1815) Göthe IV 25, 276 W.; wir sehen die meisten die unsterblichkeit, welches sagen will, die metaphysische wesenheit derselben (der seele) behaupten Schopenhauer 2, 315 Gr.; allein indem er die materie definirte als die blosze möglichkeit, alles das zu werden, was die form aus ihr mache, fiel letzterer allein wahre wesenheit zu Lange gesch. d. materialism. (1866) 110; doch war er stets weit entfernt, seinen hirngespinnsten wesenheit zuzutrauen M. Reich ausgew. w. (1894) 142. so auch in gegenüberstellung mit schein und schatten (vgl. wesen I C 3 b):
entwarfst du deine gestalten,
wo in Elysium sich schatten und wesenheit mischt?
Herder 23, 290 S.;
er will nicht wesenheit, schein will der thorentrosz
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 298.
hypostasiert: da der statthalter ... mit dem ... zeigbaren scepter und schwerdt ... eine grosse persönliche wesenheit gewesen, die durch keinen noch so herrlichen schatten vertreten werden konnte E. M. Arndt schr. (1845) 4, 204.
4)
natur, wesensart, eigenheit.
a)
zu wesen II B ('innerste natur einer sache'), vgl. die wesenheit ein ... nur im oberdeutschen gangbares wort ... die wesenheit einer sache ihr wesen Adelung vers. e. wb. 5 (1786) 188: und da selbige (die 'erd') nur ein wort und eine sylbe, zugleich aber drey darzu vereinigte buchstaben hat, so zeuget sie von ihres urhebers dreyeiniger wesenheit Lindenborn Diogenes (1742) 1, 19; ein mehr bestimmter begriff von ihrer (der freimaurerei) wesenheit Lessing 13, 341 L.-M.; nachdem nun die wesenheit der violin erklärt worden Mozart versuch e. violinschule (1770) 10;
strahlt der karfunkelstein ...
der, wie es seiner wesenheit entspricht,
die ... grotte füllt mit hellem licht
Gries Bojardos verl. Roland (1835) 4, 229;
wir (in der stadt) haben von der dem winter als winter eigenthümlichen wesenheit nichts, als die kälte Stifter s. w. 7 (1916) 308. wesenheit der dinge (wie wesen der dinge 'natura rerum' unter wesen II B 3 d): ob es gleich in der wesenheit der dinge liegt Chamisso w. (1836) 1, 32; seit den ältesten zeiten hatten die Chinesen acht verschiedene arten von klängen als in der gesamten wesenheit der dinge bestehend angenommen Musiol katech. d. musikgesch. (1888) 39. auch (vgl. dem wesen nach unter wesen II B 3 b): was kräfte seyn, habe ich nie erforschen wollen, da ich ja meine eigne kräfte, in deren besitz ich mich fühle, ihrer wesenheit nach, nicht kenne Herder 18, 342 S.
b)
zu wesen II C (naturell) und II D (innerste natur eines menschen): wenn sie sonst glauben, dass sich unsre sämmtlichen wesenheiten in einander fügen (1798) Caroline br. 1, 221 Waitz; darum ist es gut, dasz der jüngling auf die wanderschaft geht, um auszerhalb der heimat in eigener wesenheit mit voller lebenskür aufzutreten Jahn w. (1884) 2, 409; (er hat) die etwas monotone wesenheit unserer frühlingsdichter am tiefsten in sich aufgenommen Gutzkow ges. w. (1872) 7, 384; (der pferdeknecht) mit seiner breiten, schlaftrunkenen wesenheit Rosegger schr. (1895) I 5, 25; hat die deutsche kunst (der gotik) ... nur in neben- und unterströmungen ihre volkliche wesenheit ganz herauszustellen vermocht Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 13.
c)
spezieller 'wesenszug, eigenheit': (ich) finde eine ihrer (Pücklers) wesenheiten darin, alles wirkliche, daseiende zu verbrauchen, aus der ächten welt in die geistige zu schaffen (1835) H. Laube bei Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 10; wenn das mädchen einige wesenheiten deiner seele geerbt hat, so wird die zerstükte erziehung ... doch auch den schaden nicht bringen, den sie sonst zur folge hätte (1866) Stifter briefw. 5 (1928) 195; heutige menschen, im zeitalter der photographie, abgetrieben von den früher selbstverständlichen wesenheiten jeder kunst, könnten sie (gestalten Riemenschneiders) verkrüppelt finden Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 203.
5)
zu wesen II A 'animans'; hiervon jedoch dadurch unterschieden, dasz wesenheit sich nicht auch auf reale geschöpfe, sondern ausschlieszlich auf ideelle, hypostatische existenzen bezieht, oder doch so allgemein gebraucht wird, dasz diese in die auffassung eingeschlossen sind: der seelen aber, dieser nach dem ebenbild gottes erschaffenen wesenheit ... ist man gar selten eingedenck Abr. a s. Clara Judas 3 (1692) 247; nach seiner gedankenweise konnte kein Ebräer an drei wesenheiten, vielweniger an drei scholastische personas denken, da er das wort person selbst nicht kannte und dafür angesicht sagen muszte Herder 20, 119 anm. S.; blau wird alkalisch, gelbroth sauer schmecken. alle manifestationen der wesenheiten sind verwandt Göthe II 11, 157 W.; in einem andren sinne wird das nichtseyende genommen, wenn es das gegentheil des seyenden, ... als gediegene wesenheit betrachtet, andeuten soll W. v. Humboldt ges. schr. 5, 203 akad.; ebenso fest und unbeweglich gibt es aber dinge im geiste, oder wesenheiten meinetwegen (ich habe gegen dinge nichts), die auszer der zeit sein können (1880) Hildebrand gedanken über gott (1910) 57; die schwierigsten, mannigfaltigsten wesenheiten oder wie man die begriffsdinge nennen will, gefaszt in sogenannte begriffe, das heiszt zuletzt worte, um sie handhaben zu können im geistigen verkehr (1883) ebda 150; die wesenheiten, von denen wir meinen, dasz sie empfinden oder denken ... seele und geist A. Wilms d. absolute wahrh. d. bibl. christentums (1913) 107; zahlen sind schöpferische, nicht geschaffene wesenheiten O. Spengler untergang d. abendlandes (1918) 1, 86; gott ist ... kein ding an sich, keine metaphysische wesenheit neben andern wesenheiten Karl Barth Römerbrief (1926) 52; nichts ist für die seinsweise der werte so instruktiv als die strenge analogie zu den theoretischen wesenheiten, insonderheit den mathematischen und logischen gebilden N. Hartmann ethik (²1935) 194. — auf den begriff der essenz reduziert: auch für werte ... gilt der satz: sie sind dasjenige, 'wodurch' alles an ihnen teilhabende so ist, wie es ist — nämlich wertvoll. das heiszt aber in heutiger begriffssprache: werte sind wesenheiten ebda 109.
6)
an wesentlich 'wichtig, erheblich' -angelehnt; vereinzelt: dann ist der zorn der männer (in einer versammlung) entstanden, und es ist eine wesenheit der sache nicht dargelegt worden Stifter s. w. (1932) 11, 274.
a)
etwas ist von wesenheit 'von bedeutung, wichtigkeit': eine bestimmte strecke (des gebirges) zu durchforschen und im verlaufe überhaupt nichts liegen zu lassen, was von wesenheit wäre ders., nachsommer (1955) 199; die ... zellige structur des brodes ist von wesenheit Karmarsch-Heeren techn. wb. (Prag 1876) 2, 42; noch eine ... eigentümlichkeit ... ist von wesenheit auf die entwickelung des verkehrsnetzes Alten hdb. f. heer u. fl. (1909) 3, 447.
b)
in der wesenheit 'im wesentlichen, im groszen ganzen': obwohl sein (des Pfälzers) charakter in der wesenheit manches von jenem der Franzosen hat, haszt (er) ... den nachbar Görres ges. schr. (1854) 2, 19; vorschläge, die ich nicht ganz kenne, wurden in ihrer wesenheit einstweilen angenommen J. v. Müller s. w. (1810) 9, 161.
7)
frühnhd. noch vereinzelt zu wesen I B 2 'guter zustand': (etwas) in wesenheit zupringen (Augsburg 1493) bei Fischer schwäb. 6, 726. — zu wesen I A 1 'anwesenheit, gegenwart': den ermelten hammer-schmid- und eisenwerkzeug ... sr. churfürstl. durchl. wieder einzuantworten, wie auch das hüttwerk und schmelzöfen in ihriger (d. h. der kurfürstl. beauftragten) wesenheit wieder zu überlassen und davon abzutreten (1625) Lori slg. d. baier. bergrechts 459. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 583, Z. 27.

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Zitationshilfe
„wesenheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wesenheit>.

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