wesenlos adj.
Fundstelle: Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 587, Z. 42
der gegensatz zu wesenhaft (s. d. 2). seit dem ende des 18. jhs. sprachüblich; vorher nur vereinzelt und ohne nachwirkung in der sprache der mhd. mystik (zu wesen I C 'essentia'): got ist sîn selbes materie unde forme ... doch sîn einveltigiu nâtûre ist von (= infolge, kraft) formen formelôs, von werdenne werdelôs, von wesenne weselôs und ist von sachen sachelôs meister Eckhart 497, 35 Pf.
1)
unsubstantiell, ohne greifbare realität, gehaltlos, scheinhaft, gegenstandslos, nichtig; wesenlos der selbständigkeit beraubt, keine wirklichkeit habend Adelung versuch e. wb. 5 (1786) 189:
da (im jenseits) täuschet unsern wunsch kein wesenloser
wahn,
da strahlt uns die natur durch bessre sinnen an
(1752) Wieland w. I 1, 301 akad.;
die worte der menschen sind nur wesenlose zeichen, der geister worte sind lebendige mächte Schiller 12, 208 G.; eine unabsehliche sandwüste, ... wo die wasserquellen, die hie und da in aussicht treten, sich immer wieder als wesenlose luftspiegelungen ausweisen Schubart br. in: Strausz w. 9, 1; die hirten Geszners hatten für mich etwas wesenloses und maskenhaftes Woltmann memoiren (1815) 1, 52; der besitz wesenloser hoher ämter unter den kaisern des verfallenden reichs Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 161; könntest du ohne blendung in die wesenlose pracht hineinblicken, du würdest da verachten, wo du itzt verehrst Tieck schr. (1828) 8, 96;
mein schatten! komm, stosz an,
du wesenloser zecher
N. Lenau s. w. 221 Barthel;
der wesenlose regenbogen Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 1, 28; (es scheint) den nicht ansässigen ... gemeindebürgern ... ein wenngleich wesenloses stimmrecht zugestanden zu haben Mommsen röm. staatsrecht (1871) 1, 391; nichts ... als die wesenlose spur eines vor jahrhunderten vorübergegangenen menschenlebens Th. Storm s. w. (1899) 1, 134; wie logik und kunstgerechtigkeit erst im wesenlosen ihre schönsten siege feiern G. Keller ges. w. (1889) 2, 265; ich hatte mich den ganzen tag über unbegreiflich arm und wesenlos gefühlt W. v. Scholz erz. (1924) 46; ihnen (den eltern) zu ehren mochte diese wesenlose zugehörigkeit zur kirche fortbestehen Winnig d. weite weg (1932) 168.
2)
von diesem allgemeinen gebrauch aus begegnet das wort in einigen charakteristischen auffassungen.
a)
als häufiges beiwort neben schein, schatten, traum und verwandten ausdrücken; wesenlose schatten Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1039ᵇ:
und hinter ihm, in wesenlosem scheine,
lag, was uns alle bändigt, das gemeine
Göthe I 16, 166 W.;
die Platonische philosophie wird ... einem ... wesenlosen ... schatten nachgehen dt. museum (1812) 1, 83 Fr. Schlegel;
was in der brust, im geiste lebt,
gilt euch für wesenlose träume
Grillparzer s. w. 2, 198 Sauer;
den wesenlosen ausgeburten seiner furcht O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 293; namen, welche als wesenlose schemen vor den ohren der schüler vorüberfliegen de Lagarde dt. schr. (1886) 241.
b)
namentlich in jüngster zeit als attribut zu ausdrücken der (nicht nur räumlichen) ferne und tiefe, etwa 'ungreifbar, gestaltlos': nun schosz es fast senkrecht wieder hinab in wesenlose tiefe Brachvogel Benoni (1881) 2, 186; erschien der blick des jungen mönchs als in geistige, uns anderen unsichtbare tiefen gewandt ... wie ins wesenlose oder allein wesentliche entrückt W. v. Scholz erz. (1924) 296; kann er die wehende bewegung der schlinggewächse sehen und das ertrinken des lichtes im wesenlosen grund (des wassers) Ernst Wiechert d. kl. passion (1929) 91; wenn sie vor sich hinblickte in eine wesenlose zukunft ders., missa sine nomine (1950) 261.
c)
in bestimmten verwendungen 'unstofflich, materielos': Johanna fand durchaus den kleinen blauen würfel nicht am waldesrand, wie sehr sie ihr auge auch anstrengte, und wie klar und fast wesenlos die herbstluft auch war Stifter s. w. 1 (1904) 308; die schmale, fast wesenlose gestalt des kindes G. Keller ges. w. (1889) 1, 235; er hielt ihr unbefangen ... die hand hin und sie legte ihre fast wesenlose blasse hand hinein, die nur durch die schwäche ein kleines gewicht erhielt ebda 7, 152.
d)
nicht ohne widerspruch zu seinem begrifflichen inhalt kann wesenlos mit dem nebensinn des schaurigen verbunden werden:
mich umsaust der tod
mit ekler, wesenloser mattigkeit
Immermann w. 15, 339 Hempel;
wenn ein gespenst so gräulichen verdachtes
plötzlich emporsteigt, grinsend, wesenlos
ebda 16, 93.
e)
in neuester zeit drückt das wort auch die impression des unwirklichen bei realen wahrnehmungen aus:
das mondlicht machte es alles unwirklich. eine beglänzte welt, aber sie war unwirklich und wesenlos
Ernst Wiechert missa sine nomine (1950) 33;
er (Diederich) vernahm ringsum ein wesenloses gewirr von lauten und wusste nicht mehr deutlich, wo er war
H. Mann d. untertan (1949) 426.
Zitationshilfe
„wesenlos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wesenlos>, abgerufen am 25.06.2019.

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