Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wesentlich

wesentlich,
älter wesenlich, wes(e)lich, adj., zu wesen, n. (in dessen bedeutungen I C 'essentia, substantia', I A 'aufenthalt, wohnstätte', I B 2 'guter zustand' und II B 'eigentliche natur eines dinges'); nebenher offenbar auch unmittelbar zum verbum wesen 'esse' gebildet, namentlich in den formen ahd. uuesentliho und mhd. weslich, weselich (s. u.). das wort kommt ahd.-mhd. nur in religiösen texten, hauptsächlich der mystik, vor und scheint gemeinsprachlich ungeläufig zu sein; erst im laufe des 15. jhs. setzt der allgemeine gebrauch ein.formen: ahd. uuesentliho, vuesantliho ahd. gl. 2, 286, 20; 295, 52 St.-S.; der dental ist also nicht prinzipiell sekundär (vgl. H. Paul dt. gramm. 1, 127), sondern zunächst dem partizip entlehnt; später mag er auch durch die gerundialformen des subst. wesen (wesendes, wesende, s. d.) gestützt worden sein, doch findet sich wesentlich im mhd. nur vereinzelt (z. b. Seuse 262, 25 Bihlm.), vielmehr herrschen die formen wesenlich (meister Eckhart reden d. untersch. 11 Died.; Tauler 8, 26 Vetter [oft]; wesinlich parad. anime intell. 119, 7 Strauch) und weslich (Seuse 174, 18 Bihlm. [oft]; weselich Tauler 155, 20 Vetter; wesilicher parad. anime intell. 34, 35 Strauch). weslich hält sich bis zum ersten drittel des 16. jhs., danach kommt es kaum noch vor (ganz vereinzelt noch Harsdörffer frauenz.-gesprechssp. [1641] 7, 214). sonst steht im 16. jh. anfangs häufigeres wesenlich neben zunehmendem wesentlich, das sich um 1600 allgemein durchsetzt. diese abschlieszende entwicklung folgt der tendenz, nach n am schlusz unbetonter silben sekundäres t eintreten zu lassen (wie in eigentlich, ordentlich, namentlich, s. H. Paul a. a. o.). — von wesentlich zu trennen ist ein lexikalisch und mundartlich belegtes adj. unbekannter herkunft, das manchen seiner verwendungen nahesteht (vgl. u. 6 d) und mundartlich wohl z. t. mit ihm zusammengefallen ist (s. u. Stalder): weszlich kurtzweilig, drole, de ioyeuse humeur Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 406ᵇ (daneben wesentlich essentiel); ähnlich Duez dict. (1664) 671ᵃ; wäselich aufgeweckt, lebhaft, munter, ausrichtsam, artig, freundlich Schmeller-Fr. bayer. wb. 2, 1019 (hier zu wäsz 'scharf' gestellt und mit ahd. huaslihho 'efficaciter' verglichen); wäselich artig, nett, lieblich, munter, leichten frohsinnes (daneben, wohl zu wesentlich, 'rechtschaffen, tüchtig' [s. u. 6 d]:) es hat wäselich ('stark') geregnet, eine weselige ('tüchtige') ohrfeige Stalder Schweiz 2, 436; vgl. ferner weselig Seiler Basel 314; Alemannia 15 (1887) 227; weslich Vilmar Kurhessen 450; weselich Crecelius oberhess. 908; wäselich Kehrein Nassau 439; wäslich Schmidt Westerwald 322; auch (schweiz.): Mary ist weselich Gaal d. nord. gäste (1819) 58; 218.
1)
'essentiell, substantiell' (zu wesen, n., I C); auch übergehend in 'wahrhaft, richtig' u. ä.
a)
schon seit dem ahd.: essentialiter uuesentliho (10. bis 11. jh.) ahd. gl. 2, 286, 20 St.-S.; substantialiter vuesantliho (10.—11. jh.) ebda 295, 52; essentialis, substantialis wesenlich, dasz ein wesen hat ... essentialiter, substantialiter wesentlich, nach dem wesen Alberus dict. (1540) Kk 1ᵃ; wesentlich Diefenbach gl. 561ᶜ s. v. substantiabiliter; wesendlich substantialis, essentialis Stieler stammb. (1691) 172.
α)
wesen habend, wesenhaft (so namentlich von gott, dem in theologischer auffassung allein oder primär wesen zukommt): man sol haben ein wesenlich got, der ferr ist ob den gedencken des menschen und aller creatür (vor 1298) meister Eckhart reden d. unterscheidung 11 Died.; es gepüre sich (nach Plato) ... kaynem ding, das anfang und ende hatt, zuzulegen, das es ain wesen habe, sonder (er) helt allayn fuͤr ain weysslich ding, das allwegen vnuerwandelt vnnd vnueraͤndert bleybt, alsz di ewigen püldtnusz im hymmel Schwartzenberg teutsch Cicero (1535) 51ᵇ;
auff die erden bist du kommen.
da du wesentlicher gott
unsre menschheit angenommen
Angelus Silesius heilige seelenlust 163 ndr.;
dasz ... in abwesenheit einer wesentlichen gottheit alle ... tempel irrdisch sind Lohenstein Arminius (1689) 1, 8ᵃ; dasz sie (die prophetische weissagung) die zukunft des wesentlichen gottgesendeten aussprach Schleiermacher s. w. (1834) I 4, 122. vom menschen (vgl. auch 7 a β): ich heiss den einen weslichen menschen, der ... die tugent erstriten hat, daz sú im ... beliplich sind worden als der schin der sunnen in ir ist beliplich; so heiss ich unweslich, dem daz lieht der tugent in entlenter, unsteter, unvolkomenr wise lúhtet, als der schin in dem mane tut Seuse 174, 18 Bihlm.;
mensch werde wesentlich: denn wann die welt vergeht,
so fält der zufall weg; dasz wesen dasz besteht
Angelus Silesius cherub. wandersmann 43 ndr.
β)
sonst in verschiedenen auffassungen (entsprechenden gebrauch in jüngerer sprache s. unter 7 b); das wesen (essentia) ausmachend: wan lib und sel, daz sú von ire unwússentheit heissent zuͦval, sind zwai weslichú stuke, dú dem menschen wesen gebent und im nút in zuͦvallicher wise bi sint Seuse 162, 22 Bihlm. im wesen begründet: das die seele sey ein weszenliche form des menschen leybs Luther 8, 276 W.; dass auch in etlichen edelgesteinen solche wesentliche eygenschafft vnnd heimliche krafft seyen, wie die physici vnd naturkündiger lehren Nigrinus von zäuberern (1592) 110; welches ... von eusserlichen, vnd nicht innerlichen, weslichen eigenschaften herrühret Harsdörffer frauenz.-gesprechsp. (1641) 7, 214. dem wesen nach, im hinblick auf die essentielle beschaffenheit: die vernünfftig seel, die in ir selbs wesentlich unteilsam ist Keisersberg irrig schaf (1514) 10ᵃ; dann kein cörper kan durch einen cörper gehen, aber wol ein geist durch einen cörper, alles aber, was wesentlich einander penetrirt, das verwandelt auch einander J. J. Becher psychosophie (³1707) 151.
γ)
terminologisch (wohl etwa 'zum wesen eines stoffes gehörig'): im metall ist zweyerley schwefel, eins kan abgesondert werden, das ander nicht ...; der wesentliche sulphur ist eine reine wirckung der luft vnd desz fewers Ruland lex. alch. (1612) 456; bey dem kapitel von wesentlichen salzen erklärt derselbe (verf.) ..., dasz es keine unwesentlichen salze gebe allg. dt. bibl. (1765) 109, 473; aetherea olea ätherische oder wesentliche öle, sind unter allen ölen die flüchtigsten und entzündlichsten, und lösen sich sämmtlich im höchstrektifizirten weingeist auf Blancard, arzneiwb. (1788) 1, 43ᵇ; in der chymie sind wesentliche salze, wesentliche öhle, welche den geschmack, geruch u. s. f. der körper behalten, woraus sie gezogen worden Adelung versuch e. wb. 5 (1786) 189.
b)
wahrhaft, eigentlich, echt (mit bezug auf das essentielle sein einer sache und nicht allein auf das, was sie faktisch darstellt): (lasz fahren, was) dich hindert an dem woren weselichen gebette Tauler pred. 155, 20 Vetter; von der wesenlichen unnd erbsund sampt yhren fruchten Luther 10, 2, 412 W.; die erbsünde ... thut alle sünde vnnd ist die wesentliche sünde theatrum diab. (1569) 176ᵇ; der tod nach vielen schreckenbildern uns eine wesentliche ruhe ... beursachet Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 32. dazu wohl auch: als wahres, wesendliches vnd vnmittelbares glied des reichs (1695) bei Haltaus gl. (1758) 2087; jedoch würde sie auf allen fall ... das ampt einer wesentlichen stadthalterin ... bekleiden Lohenstein Arminius (1689) 1, 616ᵃ; von jedem edlen stamme hat das haupt am reichstage eine erbliche und wesentliche stimme Haller Alfred (1773) 161; vgl. noch den term. techn. wesenliche güter 'güter mit grund und boden, im gegensatze zu bloszen wohnhäusern und herbergen' österr. weist. 1, 253; 428.
c)
vereinzelt in unterschiedlichen auffassungen 'richtig, vollständig': Galen zeugt, daz das wasser den glidern kein wesenlich krefftig feuchtung gebe S. Franck sprüchw. (1541) 1, 136ᵃ; wo aber in dieser zeit desz sechsten monats ... solt ein kind geborn werden, das ... musz ... sterben, denn das kind ist noch nicht gäntzlich, wesentlich vnd vollkommen auszgewachsen Ruoff heb.-buch (1580) 43; du (Thomas) wolst (wolltest) nicht glauben bisz du mich begriffen hettest wesentlich Ringwaldt evangelia (1581) Q 4ᵃ.
2)
real, wirklich, tatsächlich, auch gegenständlich, leibhaftig u. ä., vgl.: re wesenlich, realis weselicher, realiter weselich (variloquus vom ende des 15. jhs.) Diefenbach gl. 486ᵃ; wesen res, materia; realis wesenlich Alberus dict. (1540) Ji 4ᵃ; iconicus gantz wäsenlich abgemalt, eigentlich vnnd gleych als läblich abcontrafehet Frisius dict. (1556) 642ᵃ: di creaturin sezin sich schussin si (d. menschen) und got nicht wesinlich, sunder mit urin bildin parad. anime intell. 119, 7 Strauch; so aber der lerer nit bas leren mag, dann so er die ding, die er sagt, zu oug des lerenden wesentlich zögt Terenz (1499) 9ᵃ; denn die sieben ochsen bedeuten nicht sieben iar, sondern sie sind selbs wesentlich und warhafftig die sieben iar Luther 26, 278 W.; nicht ... metaphoricè, ... sondern wesenlich Paracelsus opera 1, 286ᴬ Huser; lasset euch nicht ... zu lebendigen vnd wesentlichen heyligen machen Mathesius leychpred. (1568) 3, 36ᵃ; aber sonst ist in jedem geformten wesentlichen vnd bestendigen ding ... dreyerley schwefel Thurneysser magna alchymia (1583) 3; esse, das ist sein und wesentlich bestehen F. Rhot Jesus Sirach (1587) 1, 11ᵇ; küssete er dieses bild ..., gleich als wenn er ... den schatten in die wesentliche Adelgunde verwandeln ... könte Lohenstein Arminius (1689) 2, 1356ᵇ; er faszte den pelz an, da er denn fand, dasz es ein wesentliches zeug war, so er in der hand hielte, widrigenfalls hätte ers vor eine verblendung des teuffels gehalten qu. v. j. 1718 in: zs. f. dt. wortf. 3 (1902) 261; und das sind die ersten wesentlichen märischen brüder gewesen, die zu uns gekommen sind Zinzendorf rede am kirchweihfeste (1745) in: zs. f. brüdergesch. 3, 214;
es warfen schatten
zu nacht mehr schrecken in die seele Richards,
als wesentlich zehntausend krieger könnten
Shakespeare 9 (1810) 201.
speziell im sinne der transsubstantiationslehre: im brot und wein sey der leib und das blut des herrn Christi wahrhaftig, wesentlich, natürlich (1531) bei Luther tischr. 2, 414 W.;
in Christi leib wir wein vnd brodt
gantz wesentlich verkehren
Spee trutznachtigall (1649) 333;
eben so ... gelangen wir in, mit und unter dem brod zum genusz des wesentlichen leibes Christi. unter dem wesentlichen leibe aber versteht er (d. autor des besproch. werkes) den wirklich existirenden leib allg. dt. bibl. (1765) 2, 1, 104.
3)
'wohnhaft, seszhaft', auch 'persönlich' (sc. anwesend, gegenwärtig); zu wesen, n., I A 'aufenthalt, wohnstätte'.
a)
zufrühest in den wendungen wesen(t)lich sitzen, sich setzen, auch sein (mit ortsangabe) 'ansässig sein, sich wohnhaft niederlassen' (vgl. gleichbed. mit wesen unter wesen, n., I A 5 b α): ein caplan sull wessenlich zu Velturns sizen (1404) bei Hintner beitr. z. dt. wb. 55; ein yeglicher priester sol in dem husslin undan an dem spital gelegen wesenlich sein (1445) stadtb. v. Augsburg 271 M.; nachdem sich vil personen ... understeen in der nehe umb diese stat auff dem lande in dorfern und weilern wesenlich nyderzusetzen und ire hantwerck ze arbeiten und ze üben (15. jh.) Nürnberger polizeiordn. 170 Baader; hof oder guet, darauf er (der gerichtsmann) wesenlich sizt oder haust (1567) österr. weist. 5, 771; (ein fremder) so nit in diser gemain wissentlich seie (18. jh.) ebda 140.
b)
daneben auch in freierer verbindung: wo ain nachpaur an sanct Georgen abent mit aigne röch wesenleich begriffen wirt, der soll auch steurn mit andern nachpaurn (1474) österr. weist. 3, 299; das weder der key. maiest. cammerrichter, noch einicher beisitzer ... einiche parthey ... bey jnen im hausz wesenlich oder in der kost haben noch halten d. keys. maiest. cammergerichtsordn. (1555) 20ᵃ; ein weib ist schuldig, ihren verwiesenen ehemann ... ausserhalb landes mit wesentlicher wohnung zufolgen J. Döpler theatrum poenarum (1693) 857.
c)
dazu der term. techn. wesentliches hoflager 'residenz': sein wir bedacht, vns dieser tagk aus vnserm wesentlichem hoflager ... zu erheben ... (und) die visitation antzufahen Albrecht v. Preuszen (1542) in: Luther br. 10, 221 W.; wie wir in vnser wesentlich ... hofflager gen Torgau komen (1545) kurf. Johann Friedrich ebda 11, 162 W.; das solcher ort fast mitten in unserm lande und an unserem wehsentlichen hoffelager ganz nahe gelegen were (1562) ständeakten Joachims II. 2, 221 Friedensburg.
d)
seltener in allgemeineren auffassungen.
α)
'gegenwärtig, anwesend': und alle di guten gedanken, di ein mensche ie gedâchte ..., dise blîben alle weselîch in der sêle dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 106, 2 Pf.; im heiligen guten wesen, als im reiche des himmels, da die göttliche kraft wesentlich ist J. Böhme s. w. 5, 586 Schiebler.
β)
'persönlich', 'in leibhaftiger gegenwart': dann in derselben (kirche) sind alle frommen christen, die erst by gott wesenlich versammlet werdend nach disem zyt Zwingli dt. schr. (1828) 1, 200; alszdann hat er seine botschafften wesenlich zu den Gothen ... gesandt, und die selbigen in Italiam berufft H. Gholtz lebendige bilder (1557) Q 2ᵇ;
dasz er nach dieser trüben zeit
in deiner schönen ewigkeit
dich (gott) wesentlich kan schauen
Liscov bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 4, 138ᵇ.
γ)
vereinzelt 'bleibend, ständig': als dann viel reisige und fuszknecht seyn, die ... mit dinsten verpflicht, darin sie sich wesentlich doch nit halten abschiedt d. reichsztags zu Augspurg (1555) 13ᵃ. entsprechend wohl auch: das wir ... an den ... vfern der Sale zu verhinderunge des wassers ... nichts wessenlichs bauen ... wollen (1511) bei Haltaus gl. (1758) 2087.
4)
ganz sporadisch in älterer sprache wohl auch 'existent' (zu wesen I B 1 'existenz, dasein'); vgl. enter wesenlich (variloquus v. ende d. 15. jhs.) Diefenbach gl. 203ᵃ: ein ding, daz noh werden sol ald gewesen ist, daz ist iez nit in weslicher gegenwúrtikeit Seuse dt. schr. 176, 14 Bihlm.; vff das die meynen wesentlich sein, will ich mich selbs hyngeben zu tod M. Risch paraphrasis Erasmi (1524) Bb 3ᵇ; daz got weder den tod gemacht hab noch sich erfrey in verlierung der lebentigen, sonder all creatur beschaffe, daz sy wesenlich seinn Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 213 Reithm.hierher vielleicht auch im frühen ripuar. na weselichen dingen 'nach den bestehenden verhältnissen, den umständen nach': die molen, die neit vergolden en sint, die salman gelden na weselichen dingen van gemeinre cost inde van dere vͦrboren inde van den renten, die van den muͦlen kuͦmint (Köln 1262) corp. d. altdt. originalurk. 1, 96, 29 Fr. Wilhelm.
5)
'in gutem zustand befindlich' (vgl. unter wesen, n., I B 2 die wendung in wesen halten 'instand-, in gutem zustand halten').
a)
gewöhnlich von gebäuden, liegenschaften usw., in wendungen wie (baulich und) wesentlich halten, in wesentlichem bau halten (vgl. umgekehrt in baulichem wesen halten unter wesen, n., I B 2 b β): sie (die witwe) schol es (das erbe) die weil verdienen und wesenlich halten mit wagen und pflug zu dorf und zu veld, als erbs recht ist (1438) weist. 6, 112; soll man ... die gemelte capellen in wesentlichem baw mit decken, fenstern und andern halten (1496) urkundenb. d. st. Breslau 2, 397; die pfarrhöff und widembgüter, ob die wesenlich unnd in gutem paw erhalten werden bair. lanndtsordn. 42ᵇ; neue schupfen zu machen und sowol mit der tachung als anderer notdurft zu unterhalten, zu versechen, zu versorgen, peulich und wesentlich zu halten (1616) österr. weist. 3, 41.
b)
ähnlich in allgemeiner verwendung: als der leichnam des menschen mag nit geregiert werden on das gemut, also mag auch ain statt on gesatz und gewonhayt nit wesenlich beleiben Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) Q 6ᵃ; wo hohe potentaten ... allein die jenige, welche von sondern tugenden oder thaten dazu gewürdiget, adels geniessen lassen, wird der adel in hohem wesentlichen stand nicht ohne nutz erhalten werden Moscherosch gesichte (1650) 2, 420. auch: das er widerumb in wesentlicher gesundtheit, nach seinem schweren gefengnisz, zu seinem fromen christlichen gemahel und jungen herrschafft komen W. Krausz v. Guntzenhausen chron. (1555) L 3ᵃ.
6)
'rechtschaffen, ordentlich, tüchtig'.
a)
sicherlich an das vorige anknüpfend sich wesentlich halten 'sich ordentlich, rechtschaffen verhalten': das sich ein iderman nach sinem stande wesenlich und ordenlich hilde (1470) urkundenb. d. st. Freiburg 1, 265; und seitmals sie (eine als hexe geltende frau) etwas wesenlicher und unargweniger, dann hievor beschehen, sich hielte, do ward auch das alt geschrai und der verdacht dester ehe vergessen und veraltet Zimmer. chron. (²1881) 3, 1 Barack; man sihet (auf reisen) guts vnd bösz ... item wie man sich in friedens vnd kriegszeiten wesentlich halten soll Schweigger reyszbeschr. (1619) b 2ᵇ. — ferner: dieweil aber zimlicher und wesenlicher ist daz sölichs geschehe mit wissen und willen des richters d. st. Worms reformation (1513) 6ᵃ.
b)
entsprechend attributiv 'rechtschaffen, ordentlich, tüchtig': zu bestellen ein tapfern, geschickten, weselichen man ..., der zu raten, zu reden, und auch im feld, ob es not wurd, wissent und verstendig wer (1481) urkundenb. d. st. Heilbronn 2, 261; das war der obgenannt graff Burkhart von Lützelstain, ain wesenlicher, verstendiger graff Zimmer. chron. (1881) 1, 47 Barack; von christlichen, erbarn vnd wesentlichen eltern geborn vnd christlich vnd wol erzogen kirchenordn. f. Braunschweig (1569) 362; ein gar gelehrten vnd wäsenlichen mann Stumpf Schweizerchron. (1606) 324ᵃ; erlebte alte verständige männer und etliche junge wesentliche leute qu. v. j. 1693 bei Bauer-Collitz Waldeck 181. — auch: ein ... wesenlich rind (1590) bei Fischer schwäb. 6, 727.
c)
wesentlicher enthalt 'ordentlicher unterhalt': zu seinem wesentlichen enthalt sol er haben ... hundert gülden (1522) bei Clemen flugschr. 3, 114; zu seinem wesentlichen enthalt sol er haben die pfar sant Jodoci zu Glesan ebda 374; wesentliche besoldung, vnterhalt vnd andere nothwendige ausgaben für die ministros (1560) bei Haltaus gl. (1758) 2087.
d)
in abgewandelter auffassung begegnet das wort auch sonst in den verschiedensten zusammenhängen; wohl an 'rechtschaffen' anknüpfend: dweil der frid das best, auch das wunsamest weszenlichest ding, dargegen der krieg daz jämerlichest, lasterlichest ist Varnbüler dulce bellum inexperti (1519) D 2ᵃ. überhaupt in anerkennendem sinne: dise affen ... (wurden angesehen) als menschen, die so hurtig vnd wesentlich weren Heyden Plinius (1565) 279; nun hatten die ... hauptleuth ... jhren zeug zu rosz und fusz lustig geordnet, damit machten sie ein lust- und schauspiel mit den zeugen auff das wesentlichste Haarer bawrenkrieg (1625) 79; von gebeüw ein so wäsenlicher fläck, dass er ... einer statt wol möchte verglichen werden Stumpf Schweizerchron. (1606) 524ᵇ. spezieller 'zierlich, kunstvoll': composite et apte dicere ordenlich, wäsenlich, geschicklich oder eigenlich reden Frisius dict. (1556) 272ᵇ; concinne uestitus wäsenlich butzet, eigenlich, feyn, zierlich, hüpschlich ebda 279ᵃ; stamina sollicitat docto pollice sy schlecht artlich vnd wäsenlich ding auff der harpffen ebda 1221ᵃ. etwa 'manierlich': morder vnd rouber, die tötent die lüt fraiszlich mit grimmen wüten: aber die artzt wesenlich mit hupschen züchten vnd mit hochzytlichem gebreng Steinhöwel de claris mul. 336 lit. ver.; solche ... flüss ... haben ... jren lauff so wäsenlich vnd artig fur einander in ... das ... meer Stumpf Schweizerchron. (1606) 141ᵃ. steigernd (wie rechtschaffen, ordentlich, tüchtig): eine empfindliche wesentliche kälte Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 623. ähnlich: dann laszt man dasselbige (d. unkraut) vberhand nemmen, so zeucht es an sich vnd benimpt die aller beste wesentliche feuchte des erdrichs hinweg Sebiz feldbau (1579) 542.
7)
'voller wesensgehalt, zum wesen gehörig, hauptsächlich, wichtig, erheblich, nennenswert'; in diesem bedeutungskreis, der in den gewichtigeren verwendungen an wesen II B ('innere natur einer sache'), auch I C 2 ('essentia') und I C 3 ('substantialität') anknüpft, andererseits aber in blosze gradangabe ('erheblich') übergeht, ist das wort in moderner sprache allein gebräuchlich.
a)
'voller wesensgehalt, substantiell, bedeutsam'.
α)
im 18. und frühen 19. jh. namentlich von ideellen gütern (nahestehende ältere verwendungen s. unter 1 b): ich kenne kein wesentlicheres glück als die freundschaft (1750) Klopstock in: br. von u. an Klopstock 64 Lappenberg; ich wünsche meinem besten freunde das wesentliche vergnügen, dass er, wie ich es genossen, mit ... einem Klopstock unter einem dache wohne Rabener s. schr. (1777) 6, 130;
die kranken labt er; die nackten
kleidet er. aber er gab noch wesentlichere gaben,
treuen rath dem kränkeren geist wie der leib es seyn kann
Klopstock Messias (1780) 301;
wenn sie (die sprache), an wesentlichen bezeichnungen reich, ihren bildern todte flickworte nicht zwischenschieben darf: wie vester wird dann ihr gang Herder 27, 169 S.; vater, mutter, bruder, bräutigam erschienen ihr so wesentliche beziehungen zwischen gott und dem menschen Brentano ges. schr. (1852) 4, 294.
β)
erst in neuester zeit häufiger von menschen (vgl. aber 1 a α): sie sind ein wesentlicher mensch G. Keller ges. w. (1889) 3, 169; wenn ich auf dem lande und bei wesentlicheren menschen hätte aufwachsen dürfen (1904) Rilke br. 158 inselverl.; jedenfalls lebte er und war wesentlich in seinem erleben, unzerstreut und gut ebda 197;
dann steht das wort mir auf: mensch, werde wesentlich!
Stadler d. aufbruch (1914) 12.
b)
zu wesen II B in variablen auffassungen; etwa 'zum wesen gehörig, im wesen liegend, das wesen ausmachend', adverbiell 'dem wesen nach' u. ä.; der ältere gebrauch unter 1 a β (zu wesen I C 'essentia') wird in diesen verwendungen unmittelbar fortgesetzt; weit in die ältere sprache zurück reicht die verbindung wesentliches stück (s. o. Seuse unter 1 a β); vgl. auch wesentliche merkmale in der naturgeschichte, durch deren vorhandensein die species bestimmt wird Krünitz öcon. encykl. 238 (1856) 438: dieweil die beuestigung desz kriegsz, zu latein litis contestatio, ein wesentlich stück ist desz gerichtlichen prozesz houegerichtsordn. Friderichen pfalntzgr. bey Rhein (1573) 86; die beschaffenheit eines dinges ist entweder wesentlich oder zufällig Thomasius einl. z. d. vernunfftlehre (1691) 124; ein schreckbild ohne glieder, gelenk und leichnam, wesentlich dem schatten gleich Gottsched beytr. z. crit. hist. (1732) 1, 94; den wahren unterschied unter (d. i. 'zwischen') den wesentlichen stücken einer fabel, und unter den schertzhaften nebenumständen und auszierungen derselben Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 2, 48; (die vernunft) sieht aber auch die quellen der menschlichen thorheit und untugend in den wesentlichen schranken unsrer endlichen natur Schwabe belust. (1741) 2, 216; die männersucht ist doch eine recht wesentliche krankheit des frauenzimmers Lessing 3, 207 L.-M.; raum und zeit sind formen der anschauungen, sie gehn den erscheinungen vor, wie das formale dem wesentlichen Hippel lebensläufe (1778) 2, 247; (eine solche) sprache ist reich an synonymen: bei aller wesentlichen dürftigkeit hat sie den grösten unnöthigen überflusz Herder 5, 75 S.; so scheint auch das gelbe wesentlicher den blättern anzugehören, als der blaue antheil Göthe II 1, 251 W.; man hält das vorgestell mit seinen rädern für einen wesentlichen, unentbehrlichen theil des pfluges Thaer beschr. d. ackergeräthe (1803) 1, 3;
die sünd ist innerlich; und innerlich für sich
sein wollen, eben das ist sünde wesentlich
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 182;
statt dass beim wahren tragischen konflikte zwei wesentliche feinde sich einbilden, sie seien freunde O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 430. in der auffassung 'wesenseigen, eigentümlich' steht wesentlich prädikativ mit dem dat. d. person (um 1800 häufig, später hin und wieder): andre (geolog. revolutionen) scheinen der erde wesentlich zu seyn und haben sie ursprünglich selbst gebildet Herder 13, 22 S.; die bildhauerkunst wird mit recht so hoch gehalten, weil sie ... den menschen von allem, was ihm nicht wesentlich ist, entblöszt Göthe I 49, 106 W.; der ethik ist der blick auf das zukünftige wesentlich Nic. Hartmann ethik (²1935) 29.
c)
im anschlusse an a und b wird das wort sehr häufig in weniger intensivem sinne gebraucht.
α)
dem gebrauch unter a näherstehend 'bedeutsam, wichtig' (gegebenenfalls mit unbestimmtem artikel: der heiland ... hat uns anstalten in die hände kommen lassen, auf die wir nie gerathen hätten, die was wesentliches geworden sind Zinzendorf rede am kirchweihfeste (1745) in: zs. f. brüdergeschichte 3, 224; denn es ist nothwendig, und wesentlich, dasz er nichts ... von dem weisz, was man thut ihn zu erretten slg. v. schausp. (1764) 3 (probe d. zärtlichkeit) 42; in London ..., wo er einige wesentliche geschäfte gehabt hatte Bode Thomas Jones (1786) 1, 19; den schwersten stand hatte man bei der jungen gräfinn, deren gegenwart doch so wesentlich war Schiller 4, 242 G.; der einzige wesentliche dienst, den sie (die buchdruckerei) der welt geleistet hat, war ... die verbreitung der classischen autoren Europa (1803) 2, 79 Schlegel; wenn von wesentlicheren dingen die rede gewesen wäre Görres ges. br. (1858) 3, 100; geographisch wesentliche objekte Barth Kalkalpen (1874) 15; wesentliche neue details Scherer litt.-gesch. ⁷47; so steckt hinter der Kantischen dualität von sensibler und intelligibler welt in der tat eine höchst wesentliche entdeckung N. Hartmann ethik (²1935) 594; unser kommandierender general d'Elsa konnte in seinen kritiken nie etwas wesentliches sagen Renn adel im untergang (1947) 372.
β)
von b aus abgeschwächt 'worauf es ankommt, hauptsächlich', mit den sinnvarianten 'grundsätzlich, eigentlich entscheidend, wichtig' u. ä. (gegebenenfalls mit bestimmtem artikel): ein arm oder hand, und dergleichen glieder, die nicht zur wesentlichen verfassung des sinnbilds (emblems) gehört Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1644) 1, 72; (dasz) der modus imperativus ... die wurtzel sey, ... darin die wesentlichen stammletteren bestehen, die folgendes in den derivatis und compositis ... richtig verbleiben Schottel haubtspr. (1663) 61; die lyrische poesi ist gantz den empfindungen geweyht, diese sind ihr stoff, ihr wesentlicher vorwurf Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 3, 7; diese (Sophokles, Euripides, Shakespeare) sind selten mit den wesentlichen foderungen des Aristoteles im widerspruch Lessing 10, 131 L.-M.; das wesentliche von dem unwesentlichen zu unterscheiden Adelung magazin (1783) 2, 1, 134; es käme wesentlicher darauf an, dasz das ganze harmonisch, als dasz das einzelne immer streng nach der hergebrachten schnur und regel sei Göthe gespr. (1889) 3, 238 Biederm.; der gröste vorzug aber ist die genauigkeit im wesentlichen Lichtenberg br. 2, 97 L.-Sch.; dieses buch ..., welches so ziemlich die wesentlichsten resultate geographischer forschungen ... enthalten mag Ritter erdkde (1822) 1, XII; in dem reiche aber, für das reich hat er nichts wesentliches gethan Ranke s. w. (1867) 1, 33; die wiederherstellung der von Sulla ... ihrer wesentlichen befugnisse entkleideten tribunicischen gewalt Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 4; nur mit unrecht aber würde man in der polygamie den wesentlichen gegensatz zwischen dem islam und unserer religion finden Peschel völkerkde (1874) 320; er lehnt sich an eine französische quelle an, der er in jedem wesentlichen zuge folgt Scherer litt.-gesch. ⁷167; weshalb kann ein mensch so schwer erkennen, was das wesentliche ist im leben? Friedrich Wolf zwei a. d. grenze (1948) 65.
γ)
im wesentlichen 'hauptsächlich, im groszen ganzen': (die 'zauberlaterne',) deren erscheinungen mit dem zweiten und achten versuche Newtons im wesentlichen zusammentreffen Göthe II 2, 110 W.; im wesentlichen ward Rom keineswegs eine handelsstadt wie ... Tarent Mommsen röm. gesch. 1 (1854) 189; da ich eben mein collegienheft im wesentlichen abgeschlossen habe (1866) Scherer br. an Müllenhoff 57 Leitzmann; die ... putzstube, die im wesentlichen noch die einrichtung zeigte, die ihr die ... frau pastorin ... gegeben hatte Fontane rom. u. nov. (1890) 7, 35; so blieb er doch im wesentlichen bei seiner aussage O. M. Graf unruhe (1948) 227. das gleiche wird weniger häufig durch prägnant gebrauchtes adverbielles wesentlich ausgedrückt: ein kräftiges heldenvolk ... von wesentlich gleichartiger religion Mörike ges. schr. (1905) 3, 93 Göschen; das belebende element (der alten oper ging) wesentlich von den sängern aus O. Jahn Mozart (1856) 1, 243; ihr (der brüder Grimm) leben spielte sich ... wesentlich in der hessischen heimat ab Scherer kl. schr. (1893) 1, 4; aber der freundschaftliche verkehr beschränkte sich doch wesentlich auf einige zirkel Mühsam namen u. menschen (1949) 168.
δ)
wesentlich als bezeichnung eines beträchtlichen grades, 'erheblich, nennenswert' (am frühesten und auch weiterhin häufig bei nominalen und verbalen ausdrücken der verschiedenheit): transponiret man ... dieses ... durch alle ... modos musicos, so kommen ... eine menge semitonia majora heraus, die doch alle wesentlich von einander unterschieden seynd Heinichen generalbass (1728) 98; in ihren gesetzen wird immer ein wesentlicher unterschied zwischen den alten einwohnern, und neuen colonisten gemacht M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 115; eine wesentliche verbesserung meiner umstände, die sich mir anbietet (1804) Schiller br. 7, 151 Jonas; der schlesische dialekt unterscheidet sich sehr wesentlich von jedem andern Görres ges. br. (1858) 3, 58; als wesentlich beteiligte vermittlerin der ... unheilvollen ehe Mörike ges. schr. (1905) 3, 146 Göschen; mein eindruck von institutionen und personen wurde nicht wesentlich modificirt, nachdem ich zur verwaltung übergegangen war Bismarck ged. u. erinn. 1, 27 volksausg.; sie begriff auf einmal, dasz ihre lage sich wesentlich verändert hatte H. Mann d. untertan (1949) 314.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 592, Z. 54.

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Zitationshilfe
„wesentlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wesentlich>.

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