Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wespennest, n.

wespennest, n.
1)
die behausung eines wespenvolks.
a)
das nest als bau. schon ahd. bezeugt: vvefsinnest caleptra (12. jh.) ahd. gl. 4, 168, 22 St.-S. (vgl.caletra, caloetra, calestra, calestir [unerklärt] ubi uespe̜ nascuntur u. ä. corp. gl. lat. 4, 213, 29; 5, 274, 51; 595, 26 u. ö.). wespen oder websen nest vesparium, vespetum voc. incip. teut. (Straszb. ca. 1495) C 3ᵇ; also ist Gabriel ... mit listen uf ain wefzennest gehaiszen worden zu sitzen Zimmer. chron. ²2, 296 Barack; gegen zahnschmerzen wird der rauch von ... wespennestern ... gerühmt allg. dt. bibl. (1765) 6, 2, 181; schon im vorigen jahrhundert erzeugte dr. Schäffer aus pappelwolle, wespennestern, stroh und dergl. papier hdwb. d. staatswiss. (1898) 6, 12. in vergleichen: (der schleier war durchlöchert) alz ein websennest Heinrich d. Teichner ged. 359, 37 Niewöhner; ich griff deswegen in seine taschen, die leider, gleich wespennestern und fuchsbauen, ausser dem eingang nach unten einen ausgang hatten Jean Paul w. 5, 118 Hempel; die frucht sieht aus wie ein wespennest und enthält etwa 30 bohnen, jede in einem besonderen fach Oken allg. naturgesch. 3 (1841) 460.
b)
das im nest lebende wespenvolk, hinter dem die vorstellung des baus zurücktritt. in vergleichen:
so bricht der tolle schwarm mit schwerdt und feuer losz,
wie wenn ein wespen-nest den angebrachten stosz
durch schnellen ausfall rächt
Günther ged. (1735) 389;
ch ... beuge mich in den staub, freilich nicht vor dem urtheil böser, mich wie ein aufgeregtes wespennest umsummender menschen, aber vor dem bilde meiner selbst Pestalozzi s. schr. (1819) 5, 236. bildlich von einer schar gefährlicher gegner: wer sich irgend ein mahl in der nothwendigkeit befunden hat, ein wespennest (schlechter literaten) ausschwefeln zu müssen Lichtenberg verm. schr. (1800) 4, 286; zudem ist der Telegraph ein organ von allerhand ultraliberalen ansichten ..., verbanne ich die daraus, so bekomme ich ein wespennest litterarischer feinde auf den hals, alle frühern mitarbeiter (1840) Levin Schücking in: A. v. Droste-Hülshoff br. 8; ähnlich von einem literarischen werk: diese allgemeine nichtigkeit, parteisucht fürs äuszerst mittelmäszige, diese augendienerey, diese katzenbuckelgebärden, diese leerheit und lahmheit in der nur wenige gute producte sich verlieren, hat an einem solchen wespenneste wie die fragmente sind, einen fürchterlichen gegner (1798) Göthe IV 13, 226 W.
c)
in ein wespennest stechen (vgl. stechen 1 l α teil 10, 2, 1, sp. 1239), (in) ein wespennest stören (vgl. stören 1 c und 1 d teil 10, 3, sp. 386 f.), so dasz die tiere zornig über den angreifer herfallen. die dem lat. irritare crabrones entsprechende redewendung scheint Dasypodius und Frisius noch unbekannt: irritare crabrones die erzürnen, die schaden mögen Dasypodius dict. lat.-germ. (1536) 42ᶜ; einen schlaafenden hund erwecken, einen vnrüwigen menschen reitzen Frisius dict. (1556) 340ᵇ. unserer redewendung nahe kommt schon: in ein hurnussen näst stächen, das ist, ein vnrüwigen menschen reitzen crabrones irritare Maaler teutsch spraach (1561) 233ᶜ, bis sie dann bei Mathesius und Heerbrand (s. u.) in der heutigen form erscheint. zunächst 'eine nicht zu duldende, aber von vielen geübte und vertretene sache tatkräftig angreifen': es ist ein miszliches unternehmen in das wespennest der marktschreyer zu stöhren. man bekehret weder diese herren, noch die legion ihrer schwachköpfigen anhänger und ziehet sich feintschaft und verfolgung zu allg. dt. bibl. 97 (1790) 400; ich ... fühle mut, ja rechte, innige lust, in dies wespennest zu stechen, und wenn ich unterginge Alexis d. falsche Woldemar (1842) 2, 436. dann, auch schon in den frühen belegen, 'sich durch eine (kritische) äuszerung etc. heftige feinde zuziehen', 'eine sache aufrühren, die unangenehme folgen hat':
heb keinen zanck vnd hader an,
mit dem der viel wort machen kan.
auff das du nicht ins wespen oder hörnissennest stechest Mathesius Syrach (1586) 1, 48ᵃ; mir nit unbewuszt, dass ich hier in ein wefzennest steche J. Heerbrand bei Fischer schwäb. 6, 531; steche in kein wespennest, mache dir und ertichte dir nicht mit gewalt feind Dannhawer catech.-milch (1657) 2, 183; in ein wespennest stören crabrones irritare Stieler stammb. (1691) 1341;
verbiete wer was alle wollten,
der hat ins wespennest gestört
Göthe I 15, 1, 12 W.;
dennoch ahndet mir, dasz ich ein wespennest stören werde Bürger s. w. 334ᵃ Bohtz; denn wer gegen diese nicht zu duldende preszfreiheit auftrete, der steche in ein wespennest (1832) Pückler briefw. u. tageb. 7, 440; da hatte ich denn in ein schön wespennest gestört W. Raabe s. w. I 4, 470. im gleichen sinne auch in verbindung mit andern verben: nach diesem kehrt sich der censor zu dem groszhertzogthumb Florentz, unnd verweiset jhme ernstlich, dasz es mit seiner galeren nichts thete, als nur in ein wefftzennest stupffen F. Boccalini polit. probierstein (1616) 109;
greif nicht leicht in ein wespennest,
doch, wenn du greifst, so stehe fest
M. Claudius s. w. (1775) 7, 164;
ach hätt ich doch nicht in dies wespennest geschlagen Bettine d. Günderode (1840) 1, 239; do hesch inne wäspinäst g'längt bist übel angefahren Seiler Basel 311; i ̃'s wéss·nnést strigln durch unvorsichtige reden ein zerwürfnisz veranlassen Schmeller-Fr. bair. 2, 830.
2)
verschiedene arten von gebäck. in dieser bedeutung vorwiegend im bair.-österr. bezeugt: gogelhopf est laganum testaceum in orbem crustatum, alias wespennest Stieler stammb. (1691) 857; vielleicht hat ihn gelust nach einem bayerischen gogel-hof? oder hat er ihm mucken gemacht wegen eines bayerischen wepsen-nest? Abr. a S. Clara etw. f. alle 2 (1711) 293; butter- und andere wespennester (mit ausführlicher beschreibung der zubereitung) Hohberg georg. cur. 3 (1715) kochb. 96ᵇ; nun langt jeder wallfahrter nach seiner bierflasche, oder weinflasche, nach krapfen und wespennestern (kuchen mit kleinen rosinen) Nicolai beschr. einer reise durch Deutschl. u. d. Schweiz 2 (1783) beilage 35; 'wegen der ähnlichkeit der gestalt wird auch ein gebackenes von mehl, eyern, milch und butter, ein wespennest genannt' Adelung wb. 5 (1786) 189; cartoffel gibt er (der Baier) lieber seinen schweinen, und zieht knötel, dampfnudel, wespennester, bauchstecherl und fette mehlspeise vor K. J. Weber Deutschland (1826) 1, 468. die mundartenwbb. beschreiben die zubereitungsweise verschieden: wöps'nnöst eine gattung kuchen, worein rosinen und weinbeeren gleich den wespen in einem nest gebacken sind Castelli Österr. unter d. Enns 267; wespennest eine art mehlspeise mit johannisbeeren Zaupser baier. u. oberpfälz. (1789) 88; wefz(g)ennest weissbrot, innen mit zwetschgen, honig u. ä. ausgefüllt; anders: hohes küchlein (von dampfnudelart) mit weinbeeren ausgefüllt Fischer schwäb. 6, 532.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 611, Z. 20.

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Zitationshilfe
„wespennest“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wespennest>.

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