Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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west, interj.

west, interj.,
'links': ruffende alss ein ackermann hot, west, hot ge, und dergleichen Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 21. zu ²wist, interj. teil 14, 2, sp. 806.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 614, Z. 57.

west, m.

west, m.,
die himmelsrichtung, die gegend gegen sonnenuntergang; der wind aus dieser richtung. da sich die bezeichnungen der vier himmelsrichtungen im dt. weitgehend parallel entwickelt haben (vgl. H. Wehrle d. dt. namen d. himmelsrichtungen und winde in: zs. f. dt. wortf. 7, 61—135; 221—240; 8, 333—352), kann der artikel west (wie auch die übrigen artikel der wortsippe) in groszen teilen der anlage des artikels süd (teil 10, 4, sp. 918 f.) folgen.
A.
herkunft, verbreitung, form.
1)
rein formal ist west zunächst ein germ. adverb der himmelsrichtung mit der bedeutung 'nach westen' (s. u.), aus dem einzelsprachlich substantive und adjektive erwachsen sind. ags. west adv. 'nach, im westen', adj. (nur im superlativ bezeugt); mengl. west subst.; afries. west n.; mnl. west adv. 'im, nach, von westen', adj., n.; die verbreitung im dt. s. unten; im anord. begegnet vest- nur in zss.; mschwed. väst adv. und ndän. vest adv., subst. sind wohl nd. ursprungs. das seit dem 12. jh. belegte frz. ouest ist aus dem ags. entlehnt.eine ältere, auf Jacob Grimm dt. mythol. ²268 anm. zurückgehende ansicht stellt west zur idg. wurzel u̯es- (aind. vasati 'verweilt, wohnt, übernachtet', ahd. wesan), während eine jüngere, ausführlich von Brugmann idg. forschg. 13, 157 f. begründete these die idg. wurzel au- (au̯e?), u̯ē͏̆- (aind. avás 'herab', erweitert avás-tād 'unten, westlich von') zugrunde legt. beiden deutungen gemeinsam ist, dasz sie vom sonnenstand ausgehen; west ist also die himmelsrichtung, in der die sonne 'verweilt, übernachtet' oder auf der sie 'herabsinkt'. allgemein anerkannt wird der zusammenhang mit lat. vesper (woraus cymr. gosper und vielleicht auch air. fescor entlehnt sind), gr. ἕσπερος, ἑσπέρα 'abend', während lit. vãkaras und aslav. večerъ auf *u̯eqᵘ̯eros oder *u̯ekeros weisen. die ältere auffassung vertrat zuletzt Kisch in: zs. f. mundartf. 13 (1937) 81, der jüngeren schlieszen sich die etym. wbb. an; siehe besonders Pokorny idg. etym. wb. 73 und Walde-Hofmann lat. etym. wb. 2, 770 (mit literatur).
2)
germ. *west(a) wird wie die gleichfalls mit vorgerm. t-suffix gebildeten adverbien got. hvaþ 'wohin', as., ags. forþ, mhd. fort ursprünglich wohl richtungsadverb 'nach westen' gewesen sein, also gleichbedeutend mit dem zweisilbigen * westar (s. wester, adj.), während *westan(a) (s. westen) die ortsherkunft 'von westen' bezeichnete. ein adverb der ortsruhe fehlte ursprünglich (weil die himmelsrichtungen vor allem für die bezeichnung der winde gebraucht wurden; vom wind kann man wohl sagen, woher er kommt und wohin er weht, aber nicht, wo er sich befindet), so dasz ags., mnl. west 'im westen' (ebenso wie westen, wester 'im westen') als neuerungen zu deuten sind, die eintraten, nachdem die alten bedeutungen der endungen verblaszt waren.
3)
die einsilbige form ist als adverb noch im as. erhalten (wohl durch zufall nur in zwischenhimmelsrichtungen): northuuest (circium versus 'nach nordwesten', 11. jh.) zs. f. dt. wortf. 1, 72; (a circio 'im nordwesten', 11. jh.) ebda; suthuuest (ab africo 'im südwesten', 11. jh.) ebda. zum fortleben des adverbs in der nd. seemannssprache s. B 1 c. das ahd., ebenso das mhd. bieten nur west-zusammensetzungen (s. B 4). erst in einer md. rhein. hs. vom anfang des 15. jhs. (s. mhd. minnereden unter B 1 a) erscheint wieder die einsilbige form in verbindung mit präposition. ebenso wie westen (s. d.) ist das ursprüngliche richtungsadverb west in solchen verbindungen zum subst. im sinne von B 1, 2 umgedeutet worden. dagegen ist das im 15. jh. als windbezeichnung erscheinende west (B 3) eine verkürzung aus westwind (s. d.). für das substantiv ist westen in allen bedeutungen die ältere form.
4)
die wortsippe insgesamt (west, westen, wester adj. einschl. der komposita) istebenso wie die übrigen germ. bezeichnungen der himmelsrichtungenim mhd. nach und nach zurückgegangen, so dasz sie am ende des 15. jhs. im obd. und md. nahezu erloschen ist. als ersatz tritt die bezeichnung der tageszeit abend (teil 1, sp. 23) oder die des sonnenstandes niedergang (s. d. unter 2 a, b teil 7, sp. 759) oder untergang (s. d. unter B I 2 teil 11, 3 sp. 1559) ein. das nd. dagegen, gestützt durch die seemannssprache, an der die bezeichnungen der himmelsrichtungen und winde einen festen rückhalt haben, bewahrt das alte wort. deutlich zeigen die bibelübersetzungen diesen sachverhalt: während Mentel 1466 neben untergang (z. b. genesis 13, 14; Daniel 8, 4) noch altes von westen (z. b. genesis 12, 8; Matth. 8, 11) druckt, setzt Zainer 1475 dafür in allen fällen untergang, niedergang. Luther verwendet stets abend (unsere wortsippe ist in der bibelübersetzung nur durch einmaliges westwind exodus 10, 19 vertreten), ebenso die Züricher bibel (1531), und Dietenberger (1534) gebraucht nebeneinander abend und niedergang, Eck (1537) nebeneinander niedergang und occident (aber: westwind apostelgesch. 27, 12). demgegenüber halten die vorlutherischen nd. bibeln (Köln 1478, Lübeck 1494, Halberstadt 1522) streng an westen fest, und Bugenhagen (Lübeck 1533) ersetzt Luthers abend konsequent durch westen. in der ersten hälfte des 16. jhs. fehlt west und seine wortsippe (ausgenommen als erster kompositionsteil bei eigennamen und windbezeichnungen) im hd. fast vollständig. wo es vorkommt (Aventin s. westen 1 a), steht gelehrte tradition dahinter. seit der zweiten hälfte des 16. jhs. dringt es dann vom nd. her wieder ins hd. ein, bes. gefördert durch hd. schreibende schriftsteller aus dem nd. raum. die hochsprache verfügt so bis weit ins 18. jh. hinein über mehrere gleichberechtigte ausdrucksmittel. vgl. das nebeneinander von: westen Abr. a S. Clara kramerladen 3 (1719) 294; niedergang ebda 2 (1710) 22; occident ebda 433. (s. auch Grimmelshausen sowie die synonymenangaben der wörterbücher unter B 1 a). bezeichnend für die beschränkte verbreitung von west(en) noch im anfang des 18. jhs. ist Speranders meinung: 'occident, niedergang der sonnen, abend, untergang, ist eine von denen 4 welt-gegenden, welche gegen abend oder gegen dem untergang der sonnen gelegen und von den schiffern westen genennet wird' a-la-mode sprach (1728) 414. im laufe des 18. jhs. setzt sich west(en) dann in der hochsprache endgültig durch; daneben behauptet abend das feld, vom sprachgebrauch der Luther- bibel begünstigt und daher vornehmlich 'in edler sprache' verwendet, wie Weygand synonymen (1852) 3, 1121 bemerkt. in der mundart ist west(en) dem obd. nach aussage der mundartenwbb. im allg. fremd geblieben (vgl. z. b. Schmeller-Fr. bair. 2, 1043; Fischer schwäb. 6, 727; Schatz-F. Tirol 702); überhaupt neigen die obd. und md. maa. dazu, himmelsrichtungen nach örtlichkeiten der betreffenden gegend zu bezeichnen (vgl. Fischer schwäb. 1, 12; siebenb.-sächs. wb. 1, 10ᵇ; hessen-nass. volkswb. 2, 176), soweit nicht abend (z. b. Beck obere Markgräfler ma. 170) oder niedergang (z. b. Schmid Entlebuch 48) gebraucht werden. hingegen verzeichnen die nd. mundartenwbb. west(en) regelmäszig. Frederking Hahlen 172 kennt daneben abend als veraltet.zur bezeichnung der himmelsrichtungen durch windnamen s. westenwind, westerluft.
5)
im sinne von B 1, 2 erscheint west wie im mnl. so auch im mnd. als neutr., bes. in der seemannssprache (belege in: zs. f. dt. wortf. 7, 89; 101), ferner in fries. maa.: wāst n. Schmidt-Petersen nordfries. 158ᵃ. gelegentliches fem. in hd. seemännischen texten: um die west Martens Spitzbergen (1675) 13 ist der nd. seemannssprache entlehnt (vgl.: de wind weiht ut de west Mensing schlesw.-holst. 5, 902) und geht dort wohl auf verkürzung aus kompositen wie westsîde zurück. sonst ist im hd. nur masc. belegt. für west im sinne von B 3 gilt allein masc.vocaldehnung, vielleicht in analogie zu ôst, begegnet vereinzelt im nd.: zephyrus weest (1420 nd.) Diefenbach gl. 635ᵃ und in fries. maa.: wēst Möller Sylt 299. andere fälle mit dehnung vor st im nd. verzeichnet Sarauw nd. forschungen 1, 136. — die flexion, üblich nur in der bedeutung B 3, ist stark: gen. sg. west(e)s; dat. sg., nom., acc. pl. weste (belege s. unten).
B.
bedeutung und gebrauch.
1)
abstrakt: die himmelsrichtung gegen sonnenuntergang.
a)
in allgemeiner verwendung als annähernde richtungsbezeichnung: occidens west ubi sol occidit vel vndergeit (15. jh. md.) Diefenbach gl. 391ᶜ; nidergang oder west Emmel nomencl. quadriling. (1592) 26; west, nidergang m., occident, occidente Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 407ᵃ; west m., abend Rädlein t.-it.-frz. (1711) 1050ᵇ; west oder westen (der), der abend oder niedergang west, the west, the occident Ludwig t.-engl. (1716) 2459. im textzusammenhang durchweg in fügungen mit präposition:
van oest, norden, west und züden
quamen so vyl guͦder luden
mhd. minnereden II 26, 191 Thiele;
(regen ist zu erwarten) wann zu zeiten mit der sonnen nidergang eyn regenbogen sich gegen west erzeyget Sebiz feldbau (1580) 43; dasz wir ... der eine von ost, der ander aber von west in ein umbzäuntes feld eintretten solten Grimmelshausen Simpl. 229 Scholte (daneben: gegen nidergang und mittag ebda 439);
immer, immer nach west! dort musz die küste sich zeigen,
liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem (Columbus') verstand
Schiller 11, 46 G.;
in west und südwest erheben sich die waldreichen hochufer des muldenthales Schubert reise i. d. morgenland (1838) 1, 5. in neuerer sprache nur noch in verbindung mit ost üblich: von ost und west kamen daher nun reiche und junge freier angezogen Eichendorff s. w. (1864) 2, 44; herr Kortüm bewegte mit groszem schwung seinen arm von west nach ost Kluge Kortüm (1938) 102, ausgenommen bei der bezeichnung der windrichtung: das wasser war durch tagelange stürme aus west in die nordöstliche Ostsee gedrückt worden O. Kolp d. nordöstl. heide Mecklenburgs (1957) 47. sonst durch westen ersetzt.
b)
in spezieller wissenschaftlicher, bes. auch nautischer verwendung als exakte richtungsbezeichnung: 'west ... bedeutet den punckt an dem horizont, wo die sonne untergehet, wenn tag und nacht gleich ist' Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 8, 2324; Röding wb. d. marine 2 (1796) 898; Africa ligt zwischen des Nili vnnd Herculischen seülen, aber dem himmel nach kompt sie vnder den mittag vnnd stracks volgendts vnder den winterlichen nidergang, das ist westsud, bisz zum gleichtägigen nidergang, den man west nennet, darunder sie kompt bey den seülen Herculis Xylander Polybius (1578) 137.
c)
in der nd. seemannssprache hat sich ein besonderer gebrauch von west, ebenso westen (s. d. unter 1 c) als absolutem richtungswort herausgebildet, dessen ursprüngliche syntaktische funktion als adverb undeutlich werden kann. der kompasz und die striche seiner windrose haben eine solche erstarrte, von der sprache der technik bevorzugte ausdrucksweise begünstigt, die auch in hd. texten seemännischen inhalts erscheint. sie dient zur bezeichnung des kurses: de sal buten de Seynis segelen mer west denne norden, dat is dat beste koers seebuch B X 19 Koppmann. der lage von küstenpunkten und -strecken: west van Worckem qu. v. 1571 in: zs. f. dt. wortf. 7, 95; im westen vor Wissmar ist ein hohes land und west vor denselben lande siehet man zweene sandberge Manson, seebuch (Lübeck 1701) 52; west vun dat huus Mensing schlesw.-holst. 5, 605; Möön ist ein groszes hohes land und strecket sich ost und west qu. v. 1717 in: zs. f. dt. wortf. 7, 97, der richtung, aus der der wind kommt:
(die seeleute) gheuen sik suluen guden trost
unde spreken is de wint ost
unde vns en teghen, he mach vil drade
werden west na godes gnade
meister Stephan schachbuch 2836 Schlüter;
er meinet, dasz der wind west sey qu. v. 1715 in: zs. f. dt. wortf. 7, 99; de wind ist (steit) west Doornkaat Koolman ostfries. 3, 544. ebenso vom treibeis: im april und mai bricht das eis in dasigen gegenden, und kommt in grosser menge zum theil ost von Nova Zembla, zum theil und am meisten west, von der ost-seite Grönlands her Cranz hist. v. Grönland (1770) 1, 44. die bei der unterteilung der windrose entstehenden zwischenhimmelsrichtungen werden vom seemann meist durch komposita bezeichnet (s. zs. f. dt. wortf. 7, 228 f.; vgl. die as. belege unter A 3 sowie westnordwest, westsüdwest). bei der 32-teiligen windrose werden die von den grundhimmelsrichtungen um 11 1⁄4 grad abweichenden richtungen durch präpositionale verbindungen benannt: de Eider vnd Hilgelandt liggen van ander ost tho norden vnd west tho süden 2 klene kenningen (ca. 24 seemeilen) qu. v. 1571 in: zs. f. dt. wortf. 7, 97; indem ... der wind aus n(ord) zu w(est) noch zimlich starck Olearius verm. moscowit. vnd persian. reisebeschr. (1663) 400; west-zu nord mesocoro, west-zu sud hipafrico Kramer t.-ital. 2 (1702) 1337ᶜ; der kapitän befahl dem mann ... süd zu west zu halten Gerstäcker reisen um d. welt 1, 83 Bauer.
2)
konkreter: das, was gegen sonnenuntergang liegt.
a)
der himmel gegen westen:
so entfernt ist vom strahlenden ost der röthliche west nicht,
wie du entfernest von uns die sünd und die folgen der sünde
Lavater poesieen (1781) 1, 166;
nach einigen fernen blitzen und donnern ... heiterte der west sich wieder auf Göthe III 9, 77 W. noch stärker zu B 1 a hinüberspielend:
aber die sonne war untergegangen fern im west
E. M. Arndt w. (1892) 6, 222;
jetzt aber hebt vom schloss, da sichs im west will röthen,
die spieluhr schmachtend an, ein menuet zu flöten
Eichendorff s. w. (1864) 1, 693.
b)
die gegend gegen westen, meist land und leute im westen. heute nur noch in verbindung mit ost üblich, sonst durch westen ersetzt. mit bezug auf ein bestimmtes geographisches gebiet sind für west z. t. auch die verwendungen von westen 2 b β möglich; sie werden hier jedoch nicht vom allgemeinen gebrauch gesondert:
güter, die dem west und norden sind bekant
Simon Dach 560 lit. ver.;
ja der erste deutsche grosse kayser Carl, den ost und west angebetet, (ist) der uhranheber der deutschen tichterkunst gewesen Lohenstein Arminius (1689) 1, d 2ᵃ;
sie fahren stracks, wie wilde drachen,
durch süd und nord, durch ost und west
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 81;
der ost wird in west, der west in ost bewundert Schiller 1, 156 G.; nur das geschrei nach gold, gold! hallt von beiden seiten im west und ost (von Afrika) auf gleiche weise ... wieder Ritter erdkde (1822) teil 1, 379; auf hohem fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der ost, hinter mir der west Bettine d. Günderode (1840) 1, 25; die idee vom ausgleich zwischen west und ost ist jetzt tiefer und stärker in der welt Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 380; die wiederherstellung der quadriga (auf d. Brandenburger Tor) ist jederzeit technisch möglich. die durchführung ist lediglich eine frage der verständigung zwischen ost und west Neues Deutschland (25. 9. 1956) 6.
3)
der wind aus sonnenuntergang, der westwind: zephirus west (15. jh. md.) Diefenbach gl. 611ᵇ (s. v. ventus); von den vier ecken der welt wähen die vier gewaltigste wind, von auffgang der ostwind, von nidergang der west Sebiz feldbau (1580) 6 (vgl. westwind ebda);
was ist dess lebens lauff?
...
es ist ein lotterasch, den nort und west zerstaubt
Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 37;
drei der schiffe zerschmettert der west an heimlichen klippen
Schiller 1, 123 G.
im 17., stärker noch im 18. und beginnenden 19. jh. entfaltet sich das wortzum festen bestandteil der natur- und liebesdichtung geworden und meist mit beiwörtern wie sanft, lau, verliebt u. a. geschmücktzu modischer blüte und gilt unter verblassen der ursprünglich festgelegten windrichtung vielfach für jeden linden, lauen wind, den man sich oft personifiziert denkt. vgl. zephyr 1 teil 15, sp. 643. in alltäglicher sprache wird das unverkürzte westwind (s. d.) gebraucht: west et westen, der ... generatim de quovis vento: in specie tamen dicitur de zephyro sive favonio, qui ab occidente spirat. west quoque est omnis aura lenis, grata et placida Stieler stammb. (1691) 2465; der west der wind, welcher aus abend kommt, doch nur in der dichterischen schreibart, für das vollständige westwind Adelung 5 (1786) 189; der sanffte west Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 396;
schreibt nur in sand und staub der frauen fehler ein,
die ein verliebter hauch, ein linder west verstreichet
Lohenstein Ibr. Sultan u. a. ged. (Agrippina) 42;
der angenehme west, so durch die fluren bliesz,
bliesz ambra in die lufft
Neukirch anfangsgründe z. t. poesie (1724) 800;
mit lieblichem wehen athmen die weste
Klopstock oden 2, 4 Muncker-P.;
gaukelnd tanzte
um sie der west
Hölty ged. 4 Halm;
aber vollen blüthenregen
schüttelt schon der laue west
Göthe I 3, 79 W.;
die blume neigt sich bey des westes kusz
Schiller 11, 209 G.;
sanft bewegt vom weste walle,
wie dein friedlich herz, die saat
Hölderlin ges. dichtung 1, 141 Litzmann;
doch wie in bunter fülle
hier deine beete stehn!
und mit den blumendüften
die weste mich umwehn
Uhland ged. 1, 23 E. Schmidt-H.;
und weste umsäuseln sie lau und klar,
und rosen umdüften sie wunderbar
Hebbel w. 7, 67 Werner;
ein milder west Storm s. w. (1900) 8, 155; mochte ein leicht verspielter west ... schaum über die wellen der meerenge tupfen Tralow d. eunuch (1957) 7.
4)
zusammensetzungen mit west- werden in ahd. zeit vor allem zu eigennamen gebildet (die jedoch z. t. noch den appellativen nahe stehen): Westfalun (8. jh.), Westfrisia (11. jh.), Westheim (8. jh.), Westhoven (8. jh.), Westhus (8. jh.), Westhornon (11. jh.), Westnederi (10. jh.) u. a. bei Förstemann-Jell. altdt. namenb. ³2, 2, 1280 f. reines appellativum ist vereinzeltes: occidentem westhalba (8./9. jh.; 1. Mose 13, 14) ahd. gl. 1, 285, 53 St.-S. hinzu kommen bezeichnungen der windrose, in denen west- unter verblassen der ursprünglichen bedeutung des adverbs (vgl. dieselbe erscheinung bei wester- s. wester adj. 2) die ortsherkunft bezeichnet: westnordroni(wint) (9. jh.; s. westnord 1), westsudan (12. jh.), westsundroni(wint) (9. jh.; s. westsüd 1) sowie die as. glosse des 11. jhs. westwind (s. d.). in ahd. und mhd. zeit werden die zusammensetzungen zu appellativen fast ausschlieszlich mit wester- (s. wester adj. 2), die zu windbezeichnungen auch mit westen- (s. westen 4) gebildet. während so west- ahd.-mhd. auf eigennamen beschränkt bleibt (vgl. z. b. ze Westhvs [Überlingen 1284] corp. d. altdt. originalurk. 2, 70 Wilhelm-N.), greift diese bildung bei der wiederaufnahme der wortsippe im hd. in der mitte des 16. jhs. auf die appellativa über (s. westland, westreich; allein westwind ist schon seit dem 15. jh. bezeugt) und setzt sich in der 2. hälfte des 17. jhs. gegenüber konkurrierendem westen- durch, bis sie im 18. jh. zur einzigen in der hochsprache lebendigen kompositionsform geworden ist. da die entwicklung beim simplex in umgekehrter richtung verläuft, stellen seit dem 18. jh. die west-bildungen in der hochsprache die normale kompositionsform zu westen dar. dagegen leben die wester-, seltener die westen-bildungen in den mundarten, bes. den seemännischen, noch fort. die west-komposita zerfallen nach dem sinngehalt des ersten wortteils in folgende gruppen:
a)
zu west B 1 a, westen 1 a; diese, die hauptmasse der zss. umfassende gruppe schwillt im 19. jh. stark an. dazu gilt sinngemäsz das zu süd- (s. süd 4 a teil 10, 4, sp. 924 f.) gesagte. gegenstände, insbesondere gebäude und ihre teile, räume, personen(gruppen), funktionen, handlungen werden als nach westen gerichtet, sich nach westen bewegend, m westen liegend, wohnend bestimmt: westabhang, -arm eines flusses), -armee, -ausgang, -bahn, -berg, -bewegung, -chor, -eck (1671), -ecke, -ende (18. jh.), -fahrer 1 (1676), -fahrt, -fassade, -flügel, -front (18. jh.), -gebiet, -gegend (18. jh.), -gestade, -giebel, -grenze, -halbe, -hälfte, -himmel, -kante (1652), -krümmung, -küste (18. jh), -land (1562), -macht, -mark 1, -meer (18. jh.), -rand 1, -reich (1533), -richtung, -see 2 (18. jh.), -seite (1605), -sektor, -sonne, -spitze (1681), -staat, -strömung, -teil (1696), -tor (1709), -volk, -wall (1671), -wand, -welt (18. jh.), -werk (s. diese an alphab. st.). dagegen sind winde, überhaupt alle witterungserscheinungen als von westen kommend aufzufassen: westbrise (Hoyer-Kreuter technol. wb. [1902] 1, 846), -luft (1717), -sturm (17. jh.), -wetter, -wind (11. jh.) (s. diese an alphab. st.). herauszuheben sind innerhalb dieser gruppe die west-bildungen zu eigennamen, dieals typ schon seit ahd. zeit sprachüblichebenso wie die appellativa erst im 19. jh. eine fülle von zss., bes. mit länder- und völkernamen sowie deren adjektiven, hervorbringen: West-Afrika (Ritter erdkde [1822] teil 1, 445), -amerikanisch, -Asiate, -Berlin, -Berliner, -deutsch (s. d.), -Deutschland (s. d.), -Europa (Ranke s. w. [1867] 14, 5), -Europäer, -europäisch (Fontane ges. w. [1905] I 1, 160), -falen (s. o.), -fale (s. Lexer 3, 804), -fäling (s. d.), -fälinger (s. d.), -fälisch (s. d.), -Flandern (Schiller 7, 213 G.), -fränkisch, -Friese ([1349 Lübeck] städtechron. 19, 98; Maaler teutsch spr. [1561] 490), -Germane (Scherer kl. schr. [1893] 1, 139), -Gote (Steinbach dt. wb. [1734] 1, 623), -gotisch, -Indianer (s. d.), -Indien (s. d.), -Indier (s. d.), -indisch (s. d.), -Preuszen, -römisch (Savigny v. beruf uns. zeit [1814] 51), -sächsisch 'angelsächsisch' (Ranke s. w. [1867] 14, 23). hierzu auch das zum eigennamen gewordene Westsee 1 'Nordsee' (s. d.).
b)
zu west B 1 b, westen 1 b. hierher nur westpunkt 1 (s. d.).
c)
zu west B 2 a, westen 2 a. nur wenige dichterische bildungen des 18./19. jhs.: westgestirn(e) (Kramer t.-ital. 2 [1702] 967ᵃ; Freiligrath ges. dicht. [1870] 5, 185), -gewölk (s. d.), -karmin 'abendrot' (Salis ged. [1793] 16), -rand 2 (s. d.), -wolke (s. d.).
d)
zu west B 2 b, insbesondere westen 2 b β. vereinzelte zss. zu 'abendland' bringt die sprache der wissenschaft seit dem 19. jh. hervor: westkirche (Ritter erdkde [1822] teil 2, 293). hierzu auch als kopulativ-kompositum westöstlich im Götheschen sinne. für sich steht eine bildung wie westmann 1 (s. d.) zu 'wilder westen'. dagegen erzeugen die weltkriege 1914—18 und 1939—45 im bereich des militär- und kriegswesens eine fülle von zss. zu 'westfront': westangriff (1919), -gegner, -grundsatz (1919), -kampf (1915), -kampfraum (1944), -krieg (A. Zweig eins. e. königs [1950] 316), -lage (1919), -mann 2 (s. d.), -offensive (Klemperer l. t. i. [1949] 61), -schwein, 'verdreckter soldat der westfront' (A. Zweig eins. e. königs [1950] 254). nahezu unübersehbar wird die zahl der west-komposita in der gegenwart, indem fast alle begriffe aus politik, wirtschaft und kultur auf ihre zugehörigkeit zum westlichen deutschen staat (bes. auch zum westlichen teil Berlins), zur staatengruppe mit bürgerlicher gesellschaftsordnung hin bezogen werden können: westbrot, -film 'ein in der westlichen welt gedrehter film', -geld (BZ am abend [21. 10. 1957] 2ᵈ), -handel (s. d.), -kino 'filmtheater im westlichen teil Berlins', -mark 2 (s. d.), -polizei, -presse (s. d.), -sender 'rundfunkstation in der westlichen welt', -student, -zeitung, -zigarette.
e)
zu west B 3. im 18. und beginnenden 19. jh., der blütezeit von west 'westwind', lebt in der sprache der dichtung eine reihe meist vereinzelter kompositionsbildungen: westgekose 'gekose des westwindes' (I. H. v. Wessenberg s. dicht. [1834] 2, 91), -gelispel (Mozin-B.-H. wb. d. dt. u. frz. spr. [1856] 4, 1209), -gesäusel (s. d.), -hauch (s. d.). mit partizipien sind zusammengesetzt: westgekräust 'vom westwind gekräust' (Harries Thomsons jahreszeiten [1796] 31), -geschaukelt (Lenau s. w. 145 Barthel), -umhaucht (Brinkmann ged. [1789] 1, 389). allein zu west B 3 sind genitiv- und pluralkomposita möglich: westeskusz (Strachwitz ged. [1850] 124), westewehn (W. Müller ged. 377 Hatfield).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 614, Z. 60.

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werksatz wettermäszig
Zitationshilfe
„west“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/west>.

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