Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

weste, f.

weste, f.,
ein (meist ärmelloses) kleidungsstück. vgl. ndl. vest n.; engl., dän. vest; schwed. väst. aus frz. veste (it. vesta, veste, lat. vestis Bloch-v. Wartburg dict. etym. de la langue franç. [1950] 639) am ende des 17. jhs. ins dt. entlehnt und zufrühest im teutsch-frz. modengeist 1689 (s. unter 1 a) belegt. am beginn des 18. jhs. auch noch in frz. schreibung: weste oder veste Ludwig t.-engl. (1716) 2460. — in westmd. maa. ist das wort wie im ndl. vielfach neutrum (nach wams): wesd n. Crecelius Oberhessen 909; Follmann Lothringen 539; vereinzelt auch m. Heinzerling-Reuter Siegerland 322. — der sg. flektiert gewöhnlich stark; vereinzelt steht ein sw. dat. sg.: mit einer westen Neukirch ged. (1744) 163, dessen endung mundartlich auch in den nom. dringt: west'n f. Ruckert Unterfranken 196. die übliche kompositionsfuge -en- fehlt nur vereinzelt: westknopf Hippel lebensläufe (1778) 1, 283; westkragen B. Goltz ein jugendleben (1852) 1, 106. der plur. flektiert gewöhnlich sw., nur mundartlich gelegentlich stark: wee̜sz, pl. wee̜ste Hönig Köln 201; wess, n., pl. wester Rovenhagen Aachen 162. gegenüber dem älteren frz. pourpoint, dem dt. wams (vgl. teil 13, sp. 1459 f.), kommt im Frankreich Ludwigs XIV. als neue herrenmode der knielange rock auf, unter dem ein fast ebenso langes, aus dem wams entstandenes kleidungsstück, la veste, getragen wird. mit der modischen neuerung übernimmt Deutschland am ende des 17. jhs. auch das wort. in Kramers it.-t. wb. von 1676 ist weste noch nicht verzeichnet, während es in der neubearbeitung von 1693 erscheint: vesta, veste eine weste id est ein schön camisol unter dem rock Kramer it.-t. (1693) 1245ᶜ. mit der entwicklung der herrenmode vom rock zum frack wird die lange schoszweste (vgl. das kompositum westenschosz) im laufe des 18. jhs. immer mehr verkürzt, bis sie am ende des jhs. die im wesentlichen noch heute gültige form bis zur taille und (meist) ohne ärmel erreicht hat (zum sachl. vgl. M. v. Boehn die mode. menschen u. moden im 17. jh. ³94; 122; ders., menschen u. moden im 18. jh. ³195 f.). dieses kleidungsstück erhält im frz. die neue bezeichnung gilet (frz. veste wird als 'jacke, rock mit kurzen schöszen' bewahrt), während das dt. dafür den alten namen weste beibehält. nach Kretschmer wortgeogr. 574 setzt sich gilet (s. teil 4, 1, 4, sp. 7502) aber auch im dt. in Österreich und vereinzelt in Süddeutschland durch. vgl. auch schilē schweiz. id. 8, 574. als bezeichnung des modischen herrenkleidungsstückes dringt weste in die maa. ein (heute nach dem zeugnis der mundartwbb. weit verbreitet) und verdrängt dort die älteren heimischen ausdrücke für ähnliche entsprechende stücke der bäuerlichen tracht, wobei dem bezeichnungswandel wohl meist der sachwandel vorausgeht. solche zurückweichenden bezeichnungen sind z. b.: brustfleck teil 2, sp. 448; Schmeller-Fr. bair. 1, 368; Fischer schwäb. 1, 1479; brustlappe(n) teil 2, sp. 450; rhein. wb. 1, 1056; brustlatz teil 2, sp. 450; Ochs badisch 1, 350; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 161; brusttuch teil 2, sp. 451; schweiz. id. 12, 314; Bertram mittl. Vorderpfalz 172 (mit karte); Mensing schlesw.-holst. 1, 453; futterhemd teil 4, 1, 1, sp. 1081 (vgl. Sackmann unter 1 a); leibchen teil 6, sp. 591 (vgl.: 'dagegen das ehemalige wamms in den obern classen die weste, camisol und in andern fällen ein leibchen genannt wird' Adelung 5 [1786] 57); rhein. wb. 5, 329; leiblein Fischer schwäb. 4, 1117; Braun Egerland 1, 127 (mit karte 2, 74); Schatz-F. Tirol 701. dazu kommt als fremdwort aus dem ital.-frz.: camisol teil 2, sp. 603; Frings a. d. wortgeogr. d. Rhein- u. Niederlande 198 in: beitr. z. germ. sprachwiss. festschr. f. O. Behaghel (1924). teils bezeichnen die genannten synonyma wie weste (oft neben diesem) das moderne kleidungsstück, teils schimmern unter der mehrnamigkeit sachunterschiede hervor, so in orten Hessens, wo leibchen oder leibstück 'die weste der tracht', weste aber das moderne kleidungsstück ist, hessennass. volkswb. 2, 87; 90.
1)
als herrenkleidungsstück. zu seiner entwicklung s. d. einleitung.
a)
im eigentlichen sinne. frühe literarische belege: will ein junger gesell heute zu tage bey einen frauenzimmer attresse haben, so musz er mit ... frantzösischen hütigen, westen, galanten strümpffen etc. angestochen kommen teutsch-französ. moden-geist (1689) 11; die andere (fragte), ob das silber auff meiner weste gut wäre (1695) Chr. Reuter ehrl. frau 28 ndr.;
er träget einen rock mit litzen,
und eine weste mit viel spitzen
Warnecke poet. versuch (1704) 130;
jetzund averst, da en futterhemd nich meer futterhemd, sündern eene weste heet (1698/1718) Sackmann plattdt. pred. (1865) 23 Voigts. schon früh tragen die husaren kurze westen: sie (die husaren) sind gantz anders gekleidet als andere trouppen. sie haben ein pourpoint oder art von einer weste, die ihnen bisz an dem gürtel geht Fleming vollk. soldat (1726) 113. sonst sind aber noch bis weit ins 18. jh. hinein lange westen mit schöszen üblich, vgl. dazu das kompositum schooszweste Th. Mügge Afraja (1862) 1, 226. jedoch erst später, als diese machart nicht mehr das gewöhnliche ist, weisen die belege besonders auf länge und schösze hin: wilst du sein bild (des herzogs von Würtemberg), so stell dir ... einen braunen kurzen rock, schwefelgelbe weste, so lang, dasz man die schwarzatlaszne beinkleider, über die graue strümpfe nach alter mode gewickelt waren, kaum sah, denn weste und strümpfe stieszen zusammen ... vor (1781) Caroline br. 1, 307 Waitz; (er hatte) eine ganz lange scharlachne weste, und einen altmodischen blauen rock mit einem kleinen zopf Athenäum 2 (1799) 321; seine lange weste mit breiten schöszen W. Hauff s. w. (1890) 2, 66. vgl. dazu Adelungs beschreibung: 'die weste ... ein kurzes kleidungsstück des männlichen geschlechtes, welches den leib bedeckt, noch nicht bis an die knie reicht, und bey einer vollständigen kleidung zunächst unter dem rocke getragen wird' wb. 5 (1786) 189. ähnlich ist es mit den ärmeln (vgl. das kompositum westenärmel), die in neuerer zeit meist fehlen: eine weste mit ärmeln une veste à manches Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1040ᵇ;
sie (die nymphen) lieszen, um dem costume getreu zu seyn, ohne band
ihr langes haar die weiszen schultern umfliegen
und schnitten, die arme blosz zu kriegen,
die ärmel der (von dienern entliehenen) westen weg
Wieland s. w. 15 (1855) 224;
man sieht oftmals einen ehrbaren bürger, der ... in einer bloszen weste mit ärmeln gravitätisch über die strasze geht J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 310; wenn er ... excerpte aus reisebeschreibungen machte, ... so schrieb er wie ein becker oder metzgerknecht, in einer weste ohne ermel, mit dem hemd über die ellenbogen aufgestreift Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 371. auf eine reich ausgestattete weste wird lange zeit groszer wert gelegt: ich habe lange zeit um niemanden anders, als diesem (dem frauenzimmer) angenehm zu seyn ... mit gold verbrämte westen, ein lockichtes haar ... und nach gelegenheit auch rothe absätze getragen Schwabe belust. (1741) 1, 424; der gräfin kleiner mohr, der ihm (Wilhelm) eine artig gestickte weste überbrachte Göthe I 52, 124 W.; (seine attribute) bestanden in einer vergoldeten brille ... in einer langen goldenen uhrkette, welche eine geblümte weste überkreuzte G. Keller ges. w. (1889) 5, 65. daher der ausdruck reiche weste (s. auch unter b):
sein haar ist schön gerollt und sein geschmack der beste:
denn ach! was ist der mensch wohl ohne reiche weste?
Cronegk schr. (1761) 2, 25.
die mode erfindet die verschiedensten farben für die weste: hat Telemach etwa als ein prinz eine goldstückene weste angehabt? Gottsched crit. hist. (1732) 8, 685; (Mignon) trat zu ihm (Wilhelm) und sagte: deine weste ist blau, du liebst das blau, ich will deine farbe tragen Göthe I 51, 240 W.; den ... bauernburschen mit der rothen weste Arnim s. w. (1853) 7, 29; herr Amrain, ein ansehnlicher mann, der ... mächtige stücke seidenzeug zu seinen breiten, schönen westen brauchte, himmelblaue, kirschrote und groszartig gewürfelte G. Keller ges. w. (1889) 4, 160, insbesondere die weisze weste (zur übertragung s. unter b): die männer (in einem orte bei Heidelberg) tragen blaue röcke und mit gewirkten blumen gezierte weisze westen Göthe I 34, 1, 267 W.; zum ersten male trug ich wieder einen frack ..., eine weisze weste und einen hohen, steifen halskragen W. Raabe s. w. I 3, 374.
b)
im übertragenen sinne. als reich verziertes und daher auffallendstes kleidungsstück gelegentlich von dessen träger (vgl. unter a: reiche weste Cronegk): aber ich habe vor den groszen perücken, vor den sammtröcken, vor den reichen westen, nie weiter als bis an die thüre des vorsaals kommen können Gellert s. w. (1784) 4, 147;
ein mann, der fest sich überzeugte,
dasz seines weibes treues herz
kein stutzer, keine weste beugte
bei Schönaich ästhetik 501 Köster.
die vorstellung, dasz eine weisze brustbekleidung kennzeichen eines reinen gewissens ist, ist schon alt. vgl.: (dasz sie ruszig aussehen) wird ihnen (den schmieden) aber zu grössern ruhm gesagt, da sie stets bey der russigen arbeit doch einen weissen brustfleck oder weisses gewissen haben können Abr. a S. Clara etw. f. alle 2 (1711) 10. weisze weste (vgl. die belege unter a sowie weisz B 3 b teil 14, 1, 1, sp. 1192) im sinne von 'reines gewissen, saubere handlungsweise (besonders im politischen leben)' ist jedoch erst seit dem ende des 19. jhs. bekannt. nach seinen erinnerungen hat Bismarck die wendung schon 1866 gebraucht (vgl. Büchmann geflügelte worte ²⁷574): ich fragte Moltke, ob er unser unternehmen bei Preszburg für gefährlich oder für unbedenklich halte. bis jetzt hätten wir keinen flecken auf der weiszen weste ged. u. erinn. (1911) 2, 60; (der polizeipräsident), der gewisz keine weisze weste hat Neues Deutschland (31. 1. 1954) 8. ebenso wird reine weste gebraucht: (er ist) wohl der einzige ... minister, der vor dem land mit völlig reiner weste steht Mackensen br. u. aufzeichn. (1938) 331; wenn wir flitzen, dann tun wir das mit reiner weste, aber nicht als spitzbuben Putlitz unterwegs nach Deutschland (1956) 259. die gleiche vorstellung liegt folgenden wendungen zugrunde: (gewisse elemente,) die die sauberkeit ihrer weste immerhin noch ein wenig zu beweisen haben werden Ernst Wiechert kleine passion (1929) 258; (er brauchte) nicht erst zu beweisen, dasz er ... reine hände und keinen fleck auf der weste habe H. Mann d. untertan (1949) 359.
2)
sachlich von 1 abweichend als 'jacke' in maa. des dt.-frz. grenzgebietes wohl im anschlusz an die moderne bedeutung von frz. veste: west m., jacke, kittel Martin-Lienhart elsäss. 2, 876; west n., kurzes oberkleid, jacke Follmann Lothringen 539. in ähnlichem sinne auch in maa. Hessen-Nassaus, in denen die moderne weste brustfleck, brustlappe heiszt: weste n., gestrickte jacke Kehrein Nassau 443; weste f., 'ermelweste, so namentlich bei den churhessischen truppen; auch die gestrickte jacke' Vilmar-Pfister Kurhessen 334.
3)
als frauenkleidungsstück.
a)
im eigentlichen sinne (s. auch westchen): ein junges mädchen in einer langen weiszen weste, mit einem gürtel um die mitte (eine junge Türkin) Chandler reisen in Klein-Asien (1776) 16; es gibt viele frauen, die eine besondere vorliebe für kleine westen haben, und sie sind tatsächlich die ergänzung zu rock und bluse und auszerdem modern prakt. mode (1951) 12, 5.
b)
in übertragenem sinne mundartl. in Berlin und im ostmd. 'busen der frau': derbe, stramme weste Brendicke Berliner wortschatz 193; se hōd n hibsche weste Rother schles. sprichw. 358; die hat aber enne weste! Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660.
4)
bei tieren bildlich von färbungen der haut oder des gefieders, die einer bunten weste ähneln: eine graublaue spechtmeise mit kurzem schwänzchen und zimtbrauner weste J. Lauff kärrekiek 1 (1902) 90; eine dicke meise mit gelber, schwarz eingefaszter weste H. Löns d. zweckmäszige Meyer (1911) 46; im mai leistete sich der stichling eine rote weste ebda 61.
5)
in (meist mundartlichen) redewendungen. eine weisze, reine weste haben s. unter 1 b. — das is hose wie weste einerlei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660 (vgl. jacke wie hose). im gleichen sinne: das is eene weste Albrecht Leipzig 236. — dos is ne alte weste das ist eine alte geschichte, keine neuigkeit mehr, ein alter brauch Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660; ebenso Rother schles. sprichw. 138; Ruckert Unterfranken 196. — den haͦb i auf der westen er ist mir widerlich, verhaszt Jacob Wien 219. — immer feste uf de weste vorwärts Brendicke Berliner wortschatz 193ᵃ. — unter die weste gucken 'ins herz sehen': ich kann nicht jedem unter die weste gucken H. Rein finale Berlin [1947] 399. — sich jmdn. vor die weste knöpfen (vgl. vorknöpfen teil 12, 2, sp. 1234) 'jmdn. zurechtweisen': das ist ja ein ganz gefährlicher bursche! ... und morgen ... werde ich ihn mir mal vor die weste knöpfen Seeliger d. weiszen Indianer (1918) 105.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 622, Z. 5.

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werksatz wettermäszig
Zitationshilfe
„weste“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weste>.

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