Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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weste, f.

weste, f.,
ein (meist ärmelloses) kleidungsstück. vgl. ndl. vest n.; engl., dän. vest; schwed. väst. aus frz. veste (it. vesta, veste, lat. vestis Bloch-v. Wartburg dict. etym. de la langue franç. [1950] 639) am ende des 17. jhs. ins dt. entlehnt und zufrühest im teutsch-frz. modengeist 1689 (s. unter 1 a) belegt. am beginn des 18. jhs. auch noch in frz. schreibung: weste oder veste Ludwig t.-engl. (1716) 2460. — in westmd. maa. ist das wort wie im ndl. vielfach neutrum (nach wams): wesd n. Crecelius Oberhessen 909; Follmann Lothringen 539; vereinzelt auch m. Heinzerling-Reuter Siegerland 322. — der sg. flektiert gewöhnlich stark; vereinzelt steht ein sw. dat. sg.: mit einer westen Neukirch ged. (1744) 163, dessen endung mundartlich auch in den nom. dringt: west'n f. Ruckert Unterfranken 196. die übliche kompositionsfuge -en- fehlt nur vereinzelt: westknopf Hippel lebensläufe (1778) 1, 283; westkragen B. Goltz ein jugendleben (1852) 1, 106. der plur. flektiert gewöhnlich sw., nur mundartlich gelegentlich stark: wee̜sz, pl. wee̜ste Hönig Köln 201; wess, n., pl. wester Rovenhagen Aachen 162. gegenüber dem älteren frz. pourpoint, dem dt. wams (vgl. teil 13, sp. 1459 f.), kommt im Frankreich Ludwigs XIV. als neue herrenmode der knielange rock auf, unter dem ein fast ebenso langes, aus dem wams entstandenes kleidungsstück, la veste, getragen wird. mit der modischen neuerung übernimmt Deutschland am ende des 17. jhs. auch das wort. in Kramers it.-t. wb. von 1676 ist weste noch nicht verzeichnet, während es in der neubearbeitung von 1693 erscheint: vesta, veste eine weste id est ein schön camisol unter dem rock Kramer it.-t. (1693) 1245ᶜ. mit der entwicklung der herrenmode vom rock zum frack wird die lange schoszweste (vgl. das kompositum westenschosz) im laufe des 18. jhs. immer mehr verkürzt, bis sie am ende des jhs. die im wesentlichen noch heute gültige form bis zur taille und (meist) ohne ärmel erreicht hat (zum sachl. vgl. M. v. Boehn die mode. menschen u. moden im 17. jh. ³94; 122; ders., menschen u. moden im 18. jh. ³195 f.). dieses kleidungsstück erhält im frz. die neue bezeichnung gilet (frz. veste wird als 'jacke, rock mit kurzen schöszen' bewahrt), während das dt. dafür den alten namen weste beibehält. nach Kretschmer wortgeogr. 574 setzt sich gilet (s. teil 4, 1, 4, sp. 7502) aber auch im dt. in Österreich und vereinzelt in Süddeutschland durch. vgl. auch schilē schweiz. id. 8, 574. als bezeichnung des modischen herrenkleidungsstückes dringt weste in die maa. ein (heute nach dem zeugnis der mundartwbb. weit verbreitet) und verdrängt dort die älteren heimischen ausdrücke für ähnliche entsprechende stücke der bäuerlichen tracht, wobei dem bezeichnungswandel wohl meist der sachwandel vorausgeht. solche zurückweichenden bezeichnungen sind z. b.: brustfleck teil 2, sp. 448; Schmeller-Fr. bair. 1, 368; Fischer schwäb. 1, 1479; brustlappe(n) teil 2, sp. 450; rhein. wb. 1, 1056; brustlatz teil 2, sp. 450; Ochs badisch 1, 350; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 161; brusttuch teil 2, sp. 451; schweiz. id. 12, 314; Bertram mittl. Vorderpfalz 172 (mit karte); Mensing schlesw.-holst. 1, 453; futterhemd teil 4, 1, 1, sp. 1081 (vgl. Sackmann unter 1 a); leibchen teil 6, sp. 591 (vgl.: 'dagegen das ehemalige wamms in den obern classen die weste, camisol und in andern fällen ein leibchen genannt wird' Adelung 5 [1786] 57); rhein. wb. 5, 329; leiblein Fischer schwäb. 4, 1117; Braun Egerland 1, 127 (mit karte 2, 74); Schatz-F. Tirol 701. dazu kommt als fremdwort aus dem ital.-frz.: camisol teil 2, sp. 603; Frings a. d. wortgeogr. d. Rhein- u. Niederlande 198 in: beitr. z. germ. sprachwiss. festschr. f. O. Behaghel (1924). teils bezeichnen die genannten synonyma wie weste (oft neben diesem) das moderne kleidungsstück, teils schimmern unter der mehrnamigkeit sachunterschiede hervor, so in orten Hessens, wo leibchen oder leibstück 'die weste der tracht', weste aber das moderne kleidungsstück ist, hessennass. volkswb. 2, 87; 90.
1)
als herrenkleidungsstück. zu seiner entwicklung s. d. einleitung.
a)
im eigentlichen sinne. frühe literarische belege: will ein junger gesell heute zu tage bey einen frauenzimmer attresse haben, so musz er mit ... frantzösischen hütigen, westen, galanten strümpffen etc. angestochen kommen teutsch-französ. moden-geist (1689) 11; die andere (fragte), ob das silber auff meiner weste gut wäre (1695) Chr. Reuter ehrl. frau 28 ndr.;
er träget einen rock mit litzen,
und eine weste mit viel spitzen
Warnecke poet. versuch (1704) 130;
jetzund averst, da en futterhemd nich meer futterhemd, sündern eene weste heet (1698/1718) Sackmann plattdt. pred. (1865) 23 Voigts. schon früh tragen die husaren kurze westen: sie (die husaren) sind gantz anders gekleidet als andere trouppen. sie haben ein pourpoint oder art von einer weste, die ihnen bisz an dem gürtel geht Fleming vollk. soldat (1726) 113. sonst sind aber noch bis weit ins 18. jh. hinein lange westen mit schöszen üblich, vgl. dazu das kompositum schooszweste Th. Mügge Afraja (1862) 1, 226. jedoch erst später, als diese machart nicht mehr das gewöhnliche ist, weisen die belege besonders auf länge und schösze hin: wilst du sein bild (des herzogs von Würtemberg), so stell dir ... einen braunen kurzen rock, schwefelgelbe weste, so lang, dasz man die schwarzatlaszne beinkleider, über die graue strümpfe nach alter mode gewickelt waren, kaum sah, denn weste und strümpfe stieszen zusammen ... vor (1781) Caroline br. 1, 307 Waitz; (er hatte) eine ganz lange scharlachne weste, und einen altmodischen blauen rock mit einem kleinen zopf Athenäum 2 (1799) 321; seine lange weste mit breiten schöszen W. Hauff s. w. (1890) 2, 66. vgl. dazu Adelungs beschreibung: 'die weste ... ein kurzes kleidungsstück des männlichen geschlechtes, welches den leib bedeckt, noch nicht bis an die knie reicht, und bey einer vollständigen kleidung zunächst unter dem rocke getragen wird' wb. 5 (1786) 189. ähnlich ist es mit den ärmeln (vgl. das kompositum westenärmel), die in neuerer zeit meist fehlen: eine weste mit ärmeln une veste à manches Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1040ᵇ;
sie (die nymphen) lieszen, um dem costume getreu zu seyn, ohne band
ihr langes haar die weiszen schultern umfliegen
und schnitten, die arme blosz zu kriegen,
die ärmel der (von dienern entliehenen) westen weg
Wieland s. w. 15 (1855) 224;
man sieht oftmals einen ehrbaren bürger, der ... in einer bloszen weste mit ärmeln gravitätisch über die strasze geht J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 310; wenn er ... excerpte aus reisebeschreibungen machte, ... so schrieb er wie ein becker oder metzgerknecht, in einer weste ohne ermel, mit dem hemd über die ellenbogen aufgestreift Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 371. auf eine reich ausgestattete weste wird lange zeit groszer wert gelegt: ich habe lange zeit um niemanden anders, als diesem (dem frauenzimmer) angenehm zu seyn ... mit gold verbrämte westen, ein lockichtes haar ... und nach gelegenheit auch rothe absätze getragen Schwabe belust. (1741) 1, 424; der gräfin kleiner mohr, der ihm (Wilhelm) eine artig gestickte weste überbrachte Göthe I 52, 124 W.; (seine attribute) bestanden in einer vergoldeten brille ... in einer langen goldenen uhrkette, welche eine geblümte weste überkreuzte G. Keller ges. w. (1889) 5, 65. daher der ausdruck reiche weste (s. auch unter b):
sein haar ist schön gerollt und sein geschmack der beste:
denn ach! was ist der mensch wohl ohne reiche weste?
Cronegk schr. (1761) 2, 25.
die mode erfindet die verschiedensten farben für die weste: hat Telemach etwa als ein prinz eine goldstückene weste angehabt? Gottsched crit. hist. (1732) 8, 685; (Mignon) trat zu ihm (Wilhelm) und sagte: deine weste ist blau, du liebst das blau, ich will deine farbe tragen Göthe I 51, 240 W.; den ... bauernburschen mit der rothen weste Arnim s. w. (1853) 7, 29; herr Amrain, ein ansehnlicher mann, der ... mächtige stücke seidenzeug zu seinen breiten, schönen westen brauchte, himmelblaue, kirschrote und groszartig gewürfelte G. Keller ges. w. (1889) 4, 160, insbesondere die weisze weste (zur übertragung s. unter b): die männer (in einem orte bei Heidelberg) tragen blaue röcke und mit gewirkten blumen gezierte weisze westen Göthe I 34, 1, 267 W.; zum ersten male trug ich wieder einen frack ..., eine weisze weste und einen hohen, steifen halskragen W. Raabe s. w. I 3, 374.
b)
im übertragenen sinne. als reich verziertes und daher auffallendstes kleidungsstück gelegentlich von dessen träger (vgl. unter a: reiche weste Cronegk): aber ich habe vor den groszen perücken, vor den sammtröcken, vor den reichen westen, nie weiter als bis an die thüre des vorsaals kommen können Gellert s. w. (1784) 4, 147;
ein mann, der fest sich überzeugte,
dasz seines weibes treues herz
kein stutzer, keine weste beugte
bei Schönaich ästhetik 501 Köster.
die vorstellung, dasz eine weisze brustbekleidung kennzeichen eines reinen gewissens ist, ist schon alt. vgl.: (dasz sie ruszig aussehen) wird ihnen (den schmieden) aber zu grössern ruhm gesagt, da sie stets bey der russigen arbeit doch einen weissen brustfleck oder weisses gewissen haben können Abr. a S. Clara etw. f. alle 2 (1711) 10. weisze weste (vgl. die belege unter a sowie weisz B 3 b teil 14, 1, 1, sp. 1192) im sinne von 'reines gewissen, saubere handlungsweise (besonders im politischen leben)' ist jedoch erst seit dem ende des 19. jhs. bekannt. nach seinen erinnerungen hat Bismarck die wendung schon 1866 gebraucht (vgl. Büchmann geflügelte worte ²⁷574): ich fragte Moltke, ob er unser unternehmen bei Preszburg für gefährlich oder für unbedenklich halte. bis jetzt hätten wir keinen flecken auf der weiszen weste ged. u. erinn. (1911) 2, 60; (der polizeipräsident), der gewisz keine weisze weste hat Neues Deutschland (31. 1. 1954) 8. ebenso wird reine weste gebraucht: (er ist) wohl der einzige ... minister, der vor dem land mit völlig reiner weste steht Mackensen br. u. aufzeichn. (1938) 331; wenn wir flitzen, dann tun wir das mit reiner weste, aber nicht als spitzbuben Putlitz unterwegs nach Deutschland (1956) 259. die gleiche vorstellung liegt folgenden wendungen zugrunde: (gewisse elemente,) die die sauberkeit ihrer weste immerhin noch ein wenig zu beweisen haben werden Ernst Wiechert kleine passion (1929) 258; (er brauchte) nicht erst zu beweisen, dasz er ... reine hände und keinen fleck auf der weste habe H. Mann d. untertan (1949) 359.
2)
sachlich von 1 abweichend als 'jacke' in maa. des dt.-frz. grenzgebietes wohl im anschlusz an die moderne bedeutung von frz. veste: west m., jacke, kittel Martin-Lienhart elsäss. 2, 876; west n., kurzes oberkleid, jacke Follmann Lothringen 539. in ähnlichem sinne auch in maa. Hessen-Nassaus, in denen die moderne weste brustfleck, brustlappe heiszt: weste n., gestrickte jacke Kehrein Nassau 443; weste f., 'ermelweste, so namentlich bei den churhessischen truppen; auch die gestrickte jacke' Vilmar-Pfister Kurhessen 334.
3)
als frauenkleidungsstück.
a)
im eigentlichen sinne (s. auch westchen): ein junges mädchen in einer langen weiszen weste, mit einem gürtel um die mitte (eine junge Türkin) Chandler reisen in Klein-Asien (1776) 16; es gibt viele frauen, die eine besondere vorliebe für kleine westen haben, und sie sind tatsächlich die ergänzung zu rock und bluse und auszerdem modern prakt. mode (1951) 12, 5.
b)
in übertragenem sinne mundartl. in Berlin und im ostmd. 'busen der frau': derbe, stramme weste Brendicke Berliner wortschatz 193; se hōd n hibsche weste Rother schles. sprichw. 358; die hat aber enne weste! Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660.
4)
bei tieren bildlich von färbungen der haut oder des gefieders, die einer bunten weste ähneln: eine graublaue spechtmeise mit kurzem schwänzchen und zimtbrauner weste J. Lauff kärrekiek 1 (1902) 90; eine dicke meise mit gelber, schwarz eingefaszter weste H. Löns d. zweckmäszige Meyer (1911) 46; im mai leistete sich der stichling eine rote weste ebda 61.
5)
in (meist mundartlichen) redewendungen. eine weisze, reine weste haben s. unter 1 b. — das is hose wie weste einerlei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660 (vgl.jacke wie hose). im gleichen sinne: das is eene weste Albrecht Leipzig 236. — dos is ne alte weste das ist eine alte geschichte, keine neuigkeit mehr, ein alter brauch Müller-Fraureuth obersächs. 2, 660; ebenso Rother schles. sprichw. 138; Ruckert Unterfranken 196. — den haͦb i auf der westen er ist mir widerlich, verhaszt Jacob Wien 219. — immer feste uf de weste vorwärts Brendicke Berliner wortschatz 193ᵃ. — unter die weste gucken 'ins herz sehen': ich kann nicht jedem unter die weste gucken H. Rein finale Berlin [1947] 399. — sich jmdn. vor die weste knöpfen (vgl. vorknöpfen teil 12, 2, sp. 1234) 'jmdn. zurechtweisen': das ist ja ein ganz gefährlicher bursche! ... und morgen ... werde ich ihn mir mal vor die weste knöpfen Seeliger d. weiszen Indianer (1918) 105.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 622, Z. 5.

wester, adj.

wester, adj.,
westlich. zugrunde liegt ein germ. adverb der himmelsrichtung mit der grundbedeutung 'nach westen', aus dem einzelsprachlich substantiva erwachsen sind. die adjektiva sind frühe ableitungen vom adverb. anord. vestr adv. 'im, nach westen', n., vestri adj.; schwed. väster adv., subst.; dän. vester adv., subst.; afries. wester adv. 'nach westen'; as. westar ds.; mnd. wester(t) ds.; mnl. wester adj.; ahd. westar, westert 'nach westen', westar, adj.; mhd. wester(et), adv. 'nach, im, von westen', wester, adj.zur herkunft s.west A 1. — das germ. adv. *westar, zum adv. *west(a) mit r-suffix gebildet, ebenso die nur im dt. begegnende erweiterte bildung westerot, wester(e)t (worin Henzen dt. wortbildung² 233 wohl kaum mit recht eine verkürzung aus westwert sieht), bezeichnet wie west ursprünglich die ortsrichtung 'nach westen'. asächs.:
skrêd uuester dag,
sunne te sedle
Heliand 4501 Behaghel;
usque obitum vvestar (11. jh.) ahd. gl. 2, 589, 21 St.-S. ahd.:
dat sagetun mi   seolidante
westar ubar wentilseo   dat inan wic furnam
Hildebrandslied 43;
ter uuas keuualtig uber alle dîe liute, die diu sunna uberskînet, ôstenân chomentiu unde uuestert in sedel gândiu (hic tamen regebat sceptro populos, quos videt phoebus, veniens ab extremo ortu, condens radios sub undas) Notker 1, 109 Piper. mhd.:
(gott zu Jakob:)
du wirdest gebreitet
osteret und westeret,
nordane und sundana
wirt iz uol diner chinde
genesis 2496 Dollmayr;
er (Holofernes) reit uerri hini westir
durch duv gotis lastir
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 120 Diemer.
mnd.: darnach toech he westert hen vnde her qu. a. d. 16. jh. bei Schiller-Lübben 5, 699. jedoch schon frühmhd. (wie im anord.) auch als adverb der ortsruhe 'im westen' gebraucht:
ein mere ist giliberot (geronnen)
in demo wentilmere westerot
denkm. dt. poesie u. prosa ³1, 94 Müllenh.-Sch.;
daz al die hœsten Sarrazîn
ze sînem gebote müesten sîn,
norden, sûden, ôsten, wester
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 283, 13 Leitzmann;
des vuͦmfzehnden tages so sol buͦrnen allez daz ertriche ostert vnd westert. dar nach so kuͦmbt der iuͦngeste tach (14. jh.) dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 61 Leyser. als adverb der ortsherkunft 'von westen' nur vereinzelt gebraucht:
nu bir uuir geuorderet   sunderet
unde norderet   osteret unde westeret
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 363 Diemer;
westert ein segel wint
traip si hin gein Asya
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 442 Regel.
in verbindungen mit präpositionen kann das adverb in die nähe substantivischen gebrauchs rücken, ohne ihn jedoch im gegensatz zu west und westen voll zu erreichen: wande noh uon ostent noh uone westert (neque ab oriente neque ab occidente) Windberger psalmen 74, 6 Graff. vgl.: weder uon ostorte uueder uon westerote Trierer psalmen; noch uon ostert noh uon westert (ps. 74, 7; 12. jh. südbair.) cod. pal. Vindob. 2682. 120 Törnquist; so uil so da scheidet ostert uon westert (quantum distat ortus ab occidente; ps. 102, 12) ebda 165; der (himmel) ist also geschafen, daz er iemer loufet von ostert hin in westert Lucidarius 5 Heidlauf;
(Afrika reicht) von ôstert, als der Indus gât,
biz westert — nâch der buoche sage —
durch den strich, dâ ze mittemtage
der sunnen hitze zaller zît
die heizesten hitze gît
Rudolf v. Ems weltchronik 1317 in: zs. f. dt. phil. 13, 196.
1)
als adjektiv 'westlich' bis ins frühnhd. hinein bezeugt: uuestarun halba occasum uersus (9./10. jh.) ahd. gl. 2, 357, 3 St.-S.; unzen den brunnon, sô dâr westarûn halba Moines (Würzburg. markbeschrb.) denkm. dt. poesie u. prosa ³1, 225 Müllenh.-Sch.;
des ueldes westerez ort,
daz besaz Elisamâr
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 77 Diemer;
bi deme westeren mere
saz ein kuninc der heiz Rother
könig Rother 1 Frings-Kuhnt;
he wonde bî den western mere
(hs. B; var.: westen mere, westermere)
Heinrich v. Veldecke Eneide 5066 Behaghel;
da (Ostfranken) entzwischent und dem Rine lit
Rin vranchin ze der westirn sit
(hs. um 1300) Rudolf v. Ems weltchron. 2411 Ehrism.;
ze Western Aitingen (1333, ortsname) bei Schmeller-Fr. bair. 2, 1043;
in den liechtenden western angen (angeln),
do uns bedunckt der himel hangen
hernider gar bisz auff die erd,
doselbs werden der sunnen pferdt
auff eyner wisen auszgesetzt
Wickram w. 7, 174 lit. ver.
in neuerer zeit nur noch in der seemannssprache: von der wester udden oder western ecke, auf der süder scheeren liegt ein grund Manson, seebuch (1701) 6; die mittelste (klippe) ist niedrig, wanns hart wehet, so gehet die see darüber, die westere ist am höchsten qu. v. 1717 in: zs. f. dt. wortf. 7, 101 oder in küstenmundarten: üp wēster ech auf der westseite, westlich von etwas Möller Sylt 299; he wer ut de wester maschgegend kamen Mensing schlesw.-holst. 5, 605.
2)
zusammensetzungen. zur frage nach der formalen zugehörigkeit des ersten kompositionsteils (ob adverb oder adjektiv) s. H. Wehrle in: zs. f. dt. wortf. 8, 338. wester-komposita sind seit dem 4. jh. in eigennamen bezeugt (s. Förstemann-Jell, altdt. namenb. ²1, 1560; ³2, 2, 1285 f.), und fast ausschlieszlich in dieser wortgruppe haben sie sich bis heute erhalten. vgl. die ortsnamen: Westrich (s. d.); Westersee (s. d.); Westerwald Maaler t. spr. (1561) 490; Zimmer. chron. ²1, 273 Barack. weitere orts- und flurnamen bei Schambach Göttingen-Grubenhagen 296; Woeste-N. westfäl. 321; Mensing schlesw.-holst. 5, 605; Fischer schwäb. 6, 727. vgl. die personen- und völkernamen: Westirman (Zürich 968) Socin mhd. namenb. 215; Wester-Vresen (Lübeck 1399) städtechron. 26, 102. in appellativen ist wester- im ahd. seit dem 11. jh. bezeugt (die übergänge zu den eigennamen sind in der älteren, wie auch in der neueren zeit vielfach flieszend); bis in die mhd.-mnd. zeit hinein scheint es in kompositionsbildungen produktiv zu sein: Galli uuestirluiti (11. jh.) ahd. gl. 2, 520, 11 St.-S.; ebda 751, 45; westerlande Heinrich v. d. Türlin krone 2969 lit. ver.; westerlant Eike v. Repgow sächs. weltchron. in: monum. Germ. hist. 2, 114; ebda 225; historienbibeln 613 Merzdorf; ebda 624; westirmer (Joel 2, 20) Claus Cranc prophetenübers. 318; westermer Göttweiger Trojanerkrieg 19 791 Koppitz; ebda 24 585; westervursten (hier die könige von Frankreich u. England) Braunschw. reimchron. in: mon. Germ. hist. 2, 506; westerpfenning 'im westen geprägte münze (des münzbundes von 1240)' Fischer schwäb. 6, 729 (dort belege aus dem 14. jh.). adverbien: uuesterhalb Notker 1, 408 Piper; westerhalp Wolfram v. Eschenbach Parzival 25, 23 Leitzmann; westerhalff quelle bei Schiller-Lübben 5, 699; westerhalben Rudolf v. Ems weltchronik in: zs. f. dt. philol. 13, 172; von westerwert Lancelot 1, 500 Kluge. in neuerer zeit leben wester-komposita nur noch im nd. und in der seemannssprache, unter deren einflusz sie gelegentlich auch in der hochsprache erscheinen: westerdeich Liliencron s. w. (1896) 2, 81; -horizont Vogel ostind. reisebeschr. (1716) in: zs. f. dt. wortf. 8, 351; -kammer Mensing schlesw.-holst. 5, 605; -koog Storm s. w. (1900) 7, 195; ebda 6, 199; -mole Fontane ges. w. (1905) I 4, 79; -seite (s. an alphabet. stelle); -sonne 'in den ländern, wo die sonne zu gewissen jahreszeiten nicht untergeht, wird die stunde, da es in andern ländern mitternacht ist, die nordersonne genannt, weil die sonne alsdann in norden steht: so auch ... westersonne ..., wenn sie in westen ... steht' Röding allg. wb. d. marine (1793) 2, 221; -wand Frenssen d. drei getreuen (1898) 464; J. H. Fehrs Maren (16. tsd.) 264. im gegensatz zu den oben angeführten bildungen bezeichnet wester- in den wind-zusammensetzungen die ortsherkunft (vgl.west- unter west B 4). auszer westerwind (s. d.) und westerluft (s. d.), die im gegensatz zu den vorgenannten wester-kompositen in neuerer zeit vorwiegend im alem. sprachraum bewahrt sind, sind zu vergleichen: circius nortwesterwint (12. jh.) ahd. gl 3, 405, 33 St.-S.; austroaffricus svnderwesterwint ebda 113, 42; chorus westernortwint (12. jh.) ebda 405, 32; affricus westersunderwint (12. jh.) ebda 31.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 634, Z. 58.

wester1, f., n.

¹wester, f., n.,
taufe, rückbildung aus dem kompositum westerbarn. das als simplex erst seit dem spätmhd. bezeugte wort erscheint im dt. zufrühest in dem kompositum: cathicuminus uuastiparn (810/17), uvestiparn (ende 8. jh.) ahd. gl. 1, 72, 15 St.-S.; neophitus uuestiparn (Hraban. gl.; 9. jh.) ebda 1, 216, 10 ursprünglich wohl 'kind im taufkleide', dessen erster kompositionsteil sich mit der grundbedeutung 'kleid' als t-erweiterung wie got. wasti f. und lat. vestis 'kleid' zur idg. wurzel *u̯es- 'kleiden' stellt. die zahlreichen vertretungen der wurzel in den einzelnen idg. sprachen, zu denen im germ. got. wasjan, anord. veria, ags., as., ahd. werian 'kleiden' (s.währen I teil 13, sp. 781) und mit l-suffix anord. vesl 'kleid' gehören, siehe bei Walde-Pokorny 1, 309. wegen des späten auftretens der form wester- ist die übereinstimmung mit aind., avest. vastra- n. 'kleidung', dor. Ϝέστρα 'gewand' zufällig. während das älteste kompositum die r-lose form (gegenüber der vordringenden r-form) noch bis in hss. des 15. jhs. hinein bewahrt: westebarn Pfaffe Konrad Rolandslied 3933 Wesle (aber: wester parn ebda 5268); weste barn Herbort v. Fritzlar liet von Troye 14 049 Frommann (aber: westerbarn ebda 17 530); westbarn (hs. um 1300), westebarn (hs. d. 15. jhs.) Ulrich v. Türheim Rennewart 2475 Hübner (aber: westerbarn [hss. des 14. jhs.] ebda), zeigen die jüngeren komposita, zufrühest crepundia uuesteruuat Notker 1, 766 Piper, wie auch das simplex nur die r-form.rundung des stammsilbenvokals begegnet im kompositum wösterhemd Zwingli w. 2, 1, 302 Schuler; starke öffnung im kompos. wasterleginen (Diessenhofen 1650) schweiz. id. 3, 1200. — die mhd. belege für wester zeigen das fem., die nhd. das neutr. die oben für wester angenommene grundbedeutung 'kleid' ('taufkleid' Lexer 3, 803) ist aus den spätmhd. belegen (s. u.) kaum erkennbar, auch keiner der belege für das älteste kompositum westerbarn macht es sicher, dasz darunter ein 'kind im taufkleide' zu verstehen sei, alle sprechen nur von einem 'taufkind' oder 'täufling'. ebenso können die komposita westerhaube (s. d.), -hemd (s. d.), -hut (s. Lexer 3, 803), -kleid (s. d.), -wât (s. Lexer 3, 804; -wede Schiller-Lübben 5, 699) nur als 'taufhaube, -hemd usw.' verstanden werden, wenn sie sich z. t. auch als tautologische bildungen erklären lieszen. über westerlege 'anlegen des taufkleides' s. d. die bedeutung 'taufkleid' ist nur noch in den verbalkompositen auswestern das taufhemd ausziehen Schmid schwäb. 529; (im übertragenen sinne bei Luther tischr. 6, 332 W., s. teil 1, sp. 1017) und entwestern dass. (14.—16. jh.) Fischer schwäb. 2, 744 erkennbar. die bedeutungsentwicklung des wortes läßt sich nur so verstehen, dasz wester in einem kompositum wie westerbarn (ursprünglich 'kind im taufkleid', dann 'taufkind, täufling') zur bedeutung 'taufe' verschliffen wurde, und damit erst die reihe von 'tauf'-kompositen (s. oben) ermöglichte. aus diesen kompositen wäre das simplex wester 'taufe' rückgebildet, für das die folgenden spätmhd. belege vorliegen:
Savie, des kuniges swester,   ein vogtin in Britane,
weder touf noch wester   nie werder vruht beruͤrte sunder wane
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel 1810 Wolf;
was sî (die nebenbuhler) denn gewinnen, daz ist min ungewin.
das ist mir getân (mir vom schicksal bestimmt)
in der wester sunder wân
das ich vngenade hân
(hs. d. 14. jhs.) Neidhart lieder 137 Wiessner;
die zwo (hoffräulein der königin) jr jn der wester
wurden dar zu geben
daz si sy solten eben
baidi eren zucht vnd scham
(hs. 1433) liedersaal 1, 382 Laszberg.
gesichert ist die bedeutung 'taufe' in den spärlichen nhd. belegen: wester atto, cerimonia del battesimo, dopo-battesimale Kramer t.-ital. 2 (1702) 1337ᶜ. besonders im sinne von 'tauffest' (vgl.westerlege 2) in der redewendung: einer sehswöchnerin etwas ins wester schicken mandar qualche rinfresco alla donna di parto dopo il battesimo della di lei creatura ebda; Adelung 5 (1786) 190; 'in Nürnberg pflegen die gevatter dem täufling oder vielmehr den eltern einige tage nach der taufe eszwaaren und dergl. ins wester zu schicken' Schmeller-Fr. bair. 2, 1044.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 633, Z. 46.

wester2, m.

²wester, m.,
westwind. verkürzt aus westerwind (s. d.) wie west B 3 aus westwind. eine vereinzelte bildung: auster affricus sundrit undi uesterit (12. jh.) ahd. gl. 3, 609 anm. St.-S.; weštər m. westwind Clausz Uri 42. vgl. die zss.: der nordwester 'nordwestwind' Fontane ges. w. (1905) I 4, 79.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 634, Z. 52.

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Zitationshilfe
„wester“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wester>, abgerufen am 24.11.2020.

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