Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

westlich, westlicht, adj. und adv.

westlich(t), adj. und adv.,
das seit dem 15. jh. in mnd. seemännischen quellen (s. seebuch unter 1 a) bezeugte wort tritt in der mitte des 17. jhs. in hd. seemannssprachlichen texten auf (s. Olearius unter 1 a, 4 a); in der hochsprache faszt es jedoch erst im 18. jh. festen fusz. frühes lexikalisches westlick occidentalis gemma gemm. (Köln 1512) P 1ᵃ scheint vom mnl. her beeinfluszt. vgl. westelijc occidentalis v. d. Schueren teuth. 496 Verdam; durchlaufende lexikalische bezeugung setzt erst in der 2. hälfte des 17. jhs. ein: westlich Widerhold nouv. dict. (1669) 416ᵃ; westlicht et westhaft adj. et adv. Stieler stammb. (1691) 2466; westlich, westlicht, westwärts, adv., verso ponente Kramer t.-ital. 2 (1702) 1337ᶜ. als ähnliche bildung geht vereinzeltes mhd. westiklich (14./15. jh.) historienbibel 624 Merzd. voraus. s. auch westerlich.
1)
als reine richtungsbestimmung entsprechend west B 1 a, westen 1 a.
a)
vom wind 'von westen kommend': hebbe gy enen uthsal unde enen westeliken wind, so settet bet dat de stroem ingaet seebuch B XIV 1 Koppmann; daselbst legten wir uns vor ancker und blieben bisz den 13. gegen abend, da der wind westlich wurde Olearius verm. moscowit. u. persian. reisebeschr. (1663) 7; ein westlicher wind Ludwig t.-engl. (1716) 2460; die westlichen winde Adelung 5 (1786) 190. mundartlich: wés(t)əlk win westwind Siebs Helgoland 302.
b)
von örtlichkeiten 'gegen, im westen liegend': westliche oerter loca ad occasum sita Stieler stammb. (1691) 2466; ehe noch die sonne ihr haupt in die westlichen fluten getaucht hat Zachariae poet. schr. (1763) 1, 338; (er entdeckte) einen beträchtlichen theil der westlichen küste von Neu-Seeland J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 17; ihre festen wohnsitze unterschieden sich nicht von den dächern, die wir auf den westlicheren inseln gesehen Chamisso w. (1874) 3, 180; die westlichen provinzen Deutschlands br. von u. an Herwegh (1896) 267; an der westlichen wand zunächst dem ausbau Storm s. w. (1900) 5, 92; in der kleinen Galleria Vittoria im stillen westlichen teile der stadt Werfel geschw. v. Neapel (1931) 477; Simone arbeitete jetzt an der mauer im westlichen winkel des gartens Feuchtwanger Simone (1950) 194; die sonne war im untergehen, und über dem grauen westlichen himmel verlief ein roter strich Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 54; (das verbreitungsgebiet eines wortes, das) im luzernischen Wiggertal seinen westlichsten punkt erreicht zs. f. mundartforschung 25 (1957) 126. insbesondere von ländern, städten u. ä., deren gegen westen gelegenen teil bezeichnend: Lappland wird ... in das ostliche und westliche getheilet qu. v. 1675 in: zs. f. dt. wortf. 7, 122; wachtthürme ..., wie sie im westlichen Palästina noch heute bestehen Ritter erdkde (1822) teil 15, 867; die stiefelanprobe vollzog sich in einem der erstklassigsten schuhläden im westlichen Berlin A.-H. Lehmann Raubautz will auch leben (1938) 12. selten von völkern: die östlichen und westlichen Deutschen Arndt s. w. (1892) 1, 215.
c)
von bewegungs- und richtungsbezeichnungen 'nach westen gerichtet': wir steuerten einen sehr westlichen curs Chamisso w. (1836) 1, 67; die westliche fortsetzung des canals Bismarck ged. u. erinn. (1911) 2, 48; in westlicher richtung ebda.
2)
entsprechend west B 2 a; westen 2 a in dichterischer sprache 'am westhimmel stehend, vom westhimmel kommend': seitwärts ahmt das mondlicht hinter westlichem gewölk den niedergang des sonnenjünglings ... nach Hölderlin ges. dichtung 2, 179 Litzmann; wolkenbilder schwebten, hell vom westlichen stral, in deiner wallenden klarheit Matthisson schr. (1825) 1, 39.
3)
entsprechend westen 2 b β auf ein geographisch mehr oder weniger fest bestimmtes gebiet bezogen.
a)
in verbindungen mit raumbegriffen noch stärker richtungsbestimmend, z. t. jedoch schon mit einer nuance von b. auf den westen Deutschlands bezogen (vgl. westdeutsch 1): dasz er ... nach einem der westlichen kreise versetzt wurde M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 5; er war ... als referendar und assessor im westlichen kohlenrevier angestellt gewesen Polenz Grabenhäger (1898) 2, 164. in verbindungen wie westliches land, westliches reich, westliche welt bezogen auf das weströmische reich (vgl. weströmisch unter west B 4): indem Rom ... bis zum untergang des westlichen reichs der mittelpunkt desselben blieb Savigny beruf unserer zeit (1814) 38. auf das abendland:
doch seit ich zurück bin (aus d. orient), im westlichen land,
zu meiner beruhigung find ich und fand
zu hunderten orientalen
Göthe I 3, 245 W.;
schon Karls (d. Groszen) ahnen hatten die westliche welt vor dem ersten eindrange der heiden beschützt Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 233. auf Westeuropa (vgl. westeuropäisch unter west B 4, westländisch 2): und Deutschland ward die hauptniederlage zwischen dem norden und den süd- und westlichen ländern M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 110. auf Amerika: sie werden den schönen friedensstern, der in Franklin leuchtete, bis auf den augenblick, da er in der westlichen welt untergeht, segnen Herder 17, 17 S. auf die staatengruppe mit bürgerlicher gesellschaftsordnung: (unterschiede) zwischen der östlichen und westlichen welt Neues Deutschland (3. 11. 1957) 4. vorwiegend richtungsbestimmend auch in verbindung mit (räumlich gebundenen) kollektiven personenbegriffen. bezogen auf das abendland: die westlichen nationen bekamen eine neue, überlegene stellung Ranke s. w. (1867) 1, 155; den groszen zusammenhang des europäischen culturlebens versteht man erst richtig, wenn man das erstgeborene der westlichen völker in seinem hause (Italien) gesehen hat (1867) Treitschke br. 3, 160 Cornicelius. auf Westeuropa, bes. Frankreich: diese gewohnheit war in Smyrna eben so unschuldig als es der gebrauch bey unsern westlichen nachbarinnen ist, mannspersonen bey der toilette um sich zu haben Wieland Agathon (1766) 1, 135; ich kehre nach dieser ausschweifung über die schrift unserer westlichen nachbarn ... wieder zu der deutschen sprache ... zurück Adelung lehrgang (1782) 2, 647; wir wollen einen aperitif nehmen, wie unsere westlichen nachbarn das nennen Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 223.
b)
unter zurücktreten des richtungsbestimmenden charakters mehr das für ein bestimmtes gebiet (entsprechend westen 2 b β) typische, artgemäsze, besondere wiedergebend. in diesem sinne auf die verschiedenartigsten objekte, bes. auf solche aus kulturellem bereich angewandt. bezogen auf das abendland: über das betragen des westlichen dichters aber ... dürfen wir einige betrachtungen anstellen. nach dem beispiele mancher östlichen vorgänger hält er sich entfernt vom sultan Göthe I 7, 145 W.; die westliche gewohnheit (1816) ebda IV 27, 266; die Jungtürken sind echte und gelehrige schüler der westlichen humanität Bierbaum ges. w. (1912) 7, 219; (ein bericht) über den einflusz westlicher wissenschaft und technologie auf Japan und China (im 19., 20. jh.), der überdies die grundlegenden gesellschaftlichen wandlungen auf grund westlicher einflüsse würdigt dt. literaturztg. 77 (1956) 333ᵃ. auf Westeuropa: die westliche, um nicht zu sagen, französische, literatur Göthe I 33, 193 W.; nach westlichem muster entwickelt sich das (deutsche) ritterthum Scherer litteraturgesch. (1894) 66; als ... im ersten weltkrieg die Deutschen ... auf die westliche zivilisation herabsahen Klemperer l. t. i. (1949) 80. auf Amerika: hülfsmittel einer eignen westlichen cultur Herder 13, 315 S. auf den (geographischen) westen Deutschlands: alle sprachen sie, bald in süddeutscher oder westlicher, bald in nord- oder ostdeutscher tönung, ein und dieselbe lti (lingua tertii imperii) Klemperer l. t. i. (1949) 258. auf die staatengruppe mit bürgerlicher gesellschaftsordnung: manche westlichen schriftsteller sonntag (27. 5. 1956) 5ᶜ; nach dem erfolgreichen start des zweiten sowjetischen erdsatelliten ... zweifelt in kreisen westlicher wissenschaftler niemand mehr an der sowjetischen voraussage BZ am abend (5. 11. 1957) 2ᵉ; die kommentare westlicher zeitungen Berliner ztg. (6. 6. 1956) 3ᵉ; die belastungsprobe, der heute die westliche allianz ausgesetzt ist neue Zürcher ztg. (20. 4. 1959) 1.
4)
als adverb.
a)
im sinne von 1. — 'von westen': weil der wind uns westlich lieff, musten wir stracks selbigen abend anckern Iversen oriental. reisebeschr. (1696) 146 Olearius. — 'im westen': so gy juw nicht ostlicker noch westlicker findt, alsz juw gegiste lengete qu. v. 1693 in: zs. f. dt. wortf. 7, 103; Portugall liegt in Europa am westlichsten Abbt verm. w. (1768) 2, 2, 1; westlich blauet forst an forst in angenehmer färbung Stifter s. w. 1 (1904) 217; in dem weiten tunesischen golf, den westlich cap Farina, östlich cap Bon begrenzen Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 28. — 'nach westen': item wen gy X offte XI vadem krigen, so ghat alltomit wat westlick qu. v. 1571 in: zs. f. dt. wortf. 7, 102; westlich, westwärts oder gegen westen segeln Ludwig t.-engl. (1716) 2460; wir nahmen unsern cours westlich Chamisso w. (1836) 6, 24; später richteten sich ihre wanderungen westlich illustr. völkerkde (1910) 227 Buschan.der bezugsort, von dem aus die richtung bestimmt wird, wird meist mit der präposition von angeschlossen: offt de compassen ostlick offt westlick vant norden wiken qu. v. 1693 in: zs. f. dt. wortf. 7, 103; ohngefehr 1500 deutsche meilen westlich von China Lichtenberg nachlass (1899) 11; der freiherr von Eschenbach, der westlich und südlich von Zürich viele herrlichkeit besasz G. Keller ges. w. (1889) 6, 77; sie haben den zugang der grotte westlich von Lourdes unverzüglich dem publikum zu öffnen Werfel Bernadette (1948) 365. daneben mit bloszem genitiv: die alten niederdeutschen stämme wohnen westlich der Elbe Tromnau lehrb. d. schulgeographie 2, 3 (1909) 25.
b)
im sinne von 2. 'am westhimmel': die sonne war schon westlich Stieler stammb. (1691) 2466;
östlich stand der morgenstern,
westlich senkte sich der wagen
Freiligrath ges. dicht. (1870) 3, 199.
c)
im sinne von 3 b. — 'auf abendländische weise':
grosz mérite ist es jetzo, nach Saadis art zu girren,
doch mir scheints egal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren
H. Heine s. w. 3, 123 Elster.
'bürgerlich': westlich angehaucht Frankfurter allg. zeitung 89 (1956) 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 645, Z. 42.

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Zitationshilfe
„westlicht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/westlicht>.

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