Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

weswegen, adv.

weswegen, adv.,
'aus welchem grunde'; wie weshalb(en) sp. 601 ff. entstanden aus der verbindung der präposition wegen mit dem vorangestellten gen. des pronomens was; s. auch deswegen teil 2, sp. 1035. seit dem 16. jh. nachweisbar, zunächst in der vollen form von wes wegen (s. wegen teil 13, sp. 3091 ff.), wofür sich seit dem 17. jh. einfaches weswegen durchsetzt. daneben behauptet sich vorübergehend wessentwegen (zur form vgl. Moser frühnhd. gramm. 1, § 130, 5 c α sowie dessentwegen teil 2, sp. 1030): mehrfach bei Grimmelshausen Simpl. 231; continuatio 105; 107; Springinsfeld 16 Scholte (im wechsel mit vorherrschendem weszwegen; einmal wessenwegen Courasche 154); (1678) Weise überfl. gedanken 92 ndr. (neben weszwegen 29: rhythmisch bedingter wechsel der formen); Steinbach dt. wb. (1734) 2, 956 (neben weszwegen); von Adelung 5 (1786) 189 und Heynatz antibarb. 2 (1797) 631 verworfen. soweit wessentwegen in der gegenwartssprache noch lebendig ist, wird es im gegensatz zu dem fast völlig auf kausalen gebrauch ('warum') festgelegten weswegen als beziehungsandeutendes adverb verwendet ('in hinblick auf wen', kaum auf sachen bezogen), s. dazu Paul dt. gramm. 4, 43. ein derentwegen entsprechendes fem. fehlt. — westwegen, das Lohenstein Arminius (1689) 1, 774ᵇ; 1, 1385ᵇ; 2, 27ᵇ gebraucht, steht wie die gleichfalls nur bei ihm begegnenden formen destwegen (2, 37ᵇ) und desthalben teil 2, sp. 1030 unter ostmd. einflusz; s. etwa vogtländ. waesdhalm Gerbet § 285, 4; westhalb Schröer ungr. bergland 36. — zur verwendung des wortes vgl. das unter weshalb sp. 601 f. gesagte sowie Behaghel deshalb-weshalb, in: PBB 60, 414—426.
1)
als interrogativum; 'welchen umstandes wegen, aus welchem grunde'.
a)
im hauptsatz: der künig Dauid ... tröst sich selbs vnd sprach: von wesz wegen wolt ich weinen (um das tote kind)? Keisersberg irrig schaf (1514) 85ᶜ;
(Jesus zu den juden, die ihn suchen:)
fürwar sag ich euch: das bin ich.
von wesswegen suecht ihr mich?
(16. jh.) altdt. passionsspiele aus Tirol 382 Wackernell;
(studiosus:) wir Meiszner haben keine nation. weszwegen fragt ihr? — (Amandus:) wir wolten uns gerne bey dem herrn angegeben haben, weil wir gleichsfals Meiszner sind Schoch com. v. studentenleben (1657) E 7ᵃ;
ach meine Marilis, was hab ich denn gethan?
weszwegen sihst du mich mit solchen augen an?
(1678) Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 29 ndr.;
warum schlieszt ein liebesroman mit der trauung, und weswegen ist ein ihm angehängter supplement-band ... abgeschmackt? (1798) Kant w. 10, 251 Hart.;
weib und kinder! welch entsetzen! o weswegen kam ich später
als der räuber an, der mörder? wehe dir, verruchter thäter!
(1826) Platen ges. w. (1839) 270;
warum betet
der priester? warum quält sich der geschäftsmann?
weswegen schlägt der könig seine schlachten ...?
(1828) Grabbe s. w. 2, 96 Blumenth.;
weszwegen sind wir, ob auch grämlich sonst,
stets aufgeräumt beim holden maskenspiel,
selbst wenn die rolle strenge mienen heischt?
Greif ged. ⁵397;
weswegen haben sie denn gesessen (im gefängnis)? fragte ich Klemperer l. t. i. (1947) 301. elliptisch: er besann sich; nur keinen wutausbruch! weswegen auch? Dehmel ges. w. (1906) 7, 115.
b)
im nebensatz: das es weder graf Wolf oder auch die witfraw merken konte, von weswegen der turnier angesehen Zimmer. chron. (²1881) 1, 177 Barack; nun wuszte desz ritters knecht noch nicht, von wesz wegen der ritter eine solche harte vnd schwere klag führete buch d. liebe (1587) 257ᶜ; wenn ihr aber wissen soltet, was die ursache wäre, dasz ich flugs habe reden lernen, und weswegen ich so frühzeitig bin auf die welt gekommen (1696) Reuter Schelmuffsky 9 ndr. mit ersparung der aus dem zusammenhang zu ergänzenden satzglieder (s. auch Heynatz antibarb. 2 [1797] 631):
denn feinde sind's, geschaffen uns zum leide,
wenn sie uns tödten, wissen sie weswegen
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 14;
er fand sie (die hyacinthe) nicht,
und wissen sie, weswegen? —
weil gepflückt sie war
(1829) Platen ges. w. (1839) 282.
c)
fügungen des typus die ursache (der grund), weswegen ... (s. dazu weshalb I 3, sp. 603): aus der nemlichen ursache, weswegen ich ehstens meinen besten hut dem trödler verkaufen werde (1772) Lichtenberg br. 1, 29 L.-Sch.; der grund, weszwegen man sie schön fand (1781) Wieland s. w. 19 (1796) 49; meint man wohl, dasz es einer anderen ursache zuzuschreiben sei, weswegen man es (das moralische gesetz) gern zu unserer vertraulichen neigung herabwürdigen möchte ...? (1788) Kant 5, 77 akad.; obschon die musiker keinen grund dafür angeben können, weswegen sie diese neuerung nicht annehmen wollen sprachspiegel 15 (1959) 75 (s. u. 2 b β).
2)
als relativum.
a)
in kausalem gebrauch ('aus welchem grunde'). weswegen bezieht sich auf den gesamtinhalt des vorausgehenden satzes (in gleicher verwendung bei Göthe deswegen, s. teil 2, sp. 1035): (über Pommern herrschten ehedem Suevus u. Vandalus,) weszwegen wir Pommeren beydes vnter die Suevos vnd vnter die Wandalier vorzeiten gerechnet sind Micraelius altes Pommerland (1639) 2, 129; (er prophezeite,) dasz ich seinen (Oliviers) todt ... rächen, und seinen mörder wieder umbbringen würde, weszwegen mich Olivier folgender zeit hoch hielte (1669) Grimmelshausen Simpl. 165 Scholte; ei! wieviel höher sollen wir es denn achten, mit gott, dem könig aller königen, bekandt zu werden und in seine kindschafft zu kommen? weszwegen könig David sagte: wol dem, herr, den du erwehlest und zu dir lässest J. M. Dilherr hl. sonn- u. festtagsarbeit (²1674) 255ᵇ; (gefangene,) welche Anhalt ... nicht austauschen wolte; westwegen die Deutschen durch eigene auffreibung den tod für der dienstbarkeit erkiesten Lohenstein Arminius (1689) 1, 774ᵇ; kaiser (wird geschrieben mit ai, weil hergeleitet) von καισαρ, weswegen keyser und kayser falsch sind Gottsched dt. sprachkunst (1748) 26; der sohn dieses ritters übertraf an schönheit alle übrigen edlen des landes, weswegen er auch von jedermann geliebt ... wurde (1799) Tieck schr. (1828) 4, 199; meine heftige leidenschaft ... erlaubte sich manche gehässige ungezogenheit ...; weszwegen ich mich auch mit den gliedern jenes kreises zu zeiten überwarf (1822) Göthe I 33, 193 W.; ein solches übergehen der charakteristischen umstände der erzählung ... läszt sich ... bei Johannes nicht leicht annehmen, weswegen es gerathener scheint, eine verschiedenheit der thatsache zuzugeben Tholuck comm. z. d. evangelio Johannis (1827) 97; denn es waren diejenigen mitglieder guter häuser, welche ihr leben lang zu hause blieben, deren verwandte und genossen aber in aller welt saszen, weswegen sie selbst die welt sattsam zu kennen glaubten G. Keller ges. w. (1889) 5, 20; sinn für die fragwürdige seite einer angelegenheit und kritischer witz sind immer berlinische grundeigenschaften gewesen (weswegen ich es denn bis heute nie habe begreifen können, wie der nazismus in Berlin aufzukommen vermochte) Klemperer l. t. i. (1947) 95; die larve zerstört die inneren blütenteile, ... so dasz die blüten ... wie verbrannt aussehen, weswegen der käfer auch 'brenner' genannt wird Brehm tierleben 1 (1956) 398 Rammner.
b)
zur bezeichnung einer allgemeinen beziehung (s. weshalb II 2).
α)
gerichtet auf den gesamtinhalt des vorausgehenden satzes; 'in hinblick worauf, welchen umstandes wegen': (die munition) gosse ich gleichsam wider von neuem umb, ... weszwegen und anderer wissenschafften mehr mich dann theils vor einen zauberer ... hielten (1669) Grimmelshausen Simpl. 454 Scholte.
β)
enthält der vorausgehende satz das neutrum eines pronomens oder substantivierten adjektivs, so kann sich weshalb auf diese einzelwörter beziehen; eine scharfe scheidung gegenüber 2 a und 2 b α ist nicht möglich: bey unsern neuen organisationen ist mir ... manches mühsame und verwickelte zugefallen, weswegen ich vor pfingsten ... nicht von der stelle kann (1816) Göthe IV 26, 314 W.; sie solle doch gehörig nachdenken, ob etwas auf dem gewissen ihres mannes läge, weswegen er keine ruhe im grabe finden könnte Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 3, 328.
γ)
bezogen auf ein substantiv; dafür jetzt dessent-, derentwegen, während weswegen in dieser verwendung ebensowenig hochsprachlich ist wie relatives was in bezug auf ein substantiv (s. sp. 136 f.): (gegenstand eines kom. heldengedichtes:) ein aufgerichtetes pult, weswegen die zwietracht in die trompete stöszt Dusch verm. schr. (1758) 114; (Hölty) gehörte zu den wenigen edlen, deren gesang andre reize hat, als solche, weswegen wir einige unsrer dichter zugleich bewundern und verachten Voss musenalmanach v. j. 1777, inhalt; aber ich musz ein schweres bekenntnisz aussprechen, weswegen meine seele oft thränen weint (1814) Arndt schr. (1845) 2, 69; die gelüsten, weswegen wir jetzt ein zuchthaus ... haben Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 64.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 655, Z. 53.

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Zitationshilfe
„weswegen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/weswegen>.

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