Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wetterfahne, f.

wetterfahne, f.,
'das instrument, das auf die häuser und thürme gesetzt wird, um anzuzeigen, woher der wind kömmt' allg. haush.-lex. (1749) 3, 720. seit dem 15. jh. bezeugt, aber literatursprachlich erst seit dem ausgehenden 18. jh. häufig begegnend; vertilogium wetterfan, werfan (15./16. jh.) Diefenbach gl. 611ᵃ; cerucus wetterfann (1502) nov. gl. 86ᵃ. das wort bezeichnet oft den wetterhahn (s. d.), aber auch andere fahnenähnliche gebilde:
welchs, auff das mans basz koͤnt versagen,
so es die hund verschlifen spat,
hat man an der Roͤmer gaͤns statt, ...
aufgstelt ein vnsterblichen hanen,
zu oͤberst für ein wetterfanen
Fischart s. dicht. 3, 387 Kurz;
zu Cleversulzbach im Unterland
hundert und dreizehn jahr ich stand
auf dem kirchturm, ein guter hahn,
als ein zierat und wetterfahn
Mörike ges. schr. (1905) 1, 157;
ich weisz nicht, wann die goldnen hähne auf kirchthürmen eingeführt wurden, blosze wetterfahnen sollten sie ursprünglich kaum sein J. Grimm dt. mythol. (1876) 2, 558; merkwürdig war die wetterfahne auf der giebelspitze, welche einen Sankt Georg vorstellte W. Raabe s. w. I 3, 137. in bildhaftem ausdruck: ich bette mich mit wenigem, denn kaum habe ich meine wetterfahnen aus dem gesichte verlohren (habe mein haus selten verlassen) Bode Montaigne (1793) 6, 30. charakteristisch ist das geräusch der vom winde bewegten wetterfahne:
wenn auf schneebedektem thurme
um die wette mit dem sturme,
jede wetterfahne heult:
dann mag ball und maskerade
immerhin die welt erfreun
Goekingk ged. (1780) 1, 63;
der sturm heulte furchtbar über gräber, und die wetterfahne auf dem thurme kreischte jammervoll Holtei erz. schr. (1861) 26, 7; die wetterfahnen auf den giebeln knarrten und knirschten, die ehrsamen bürgersleute schlossen fürsichtig ihre laden W. Raabe s. w. I 2, 311;
der nordwind rüttelt sie, die wetterfahnen klirren
Freiligrath ges. dicht. (1870) 1, 107;
der herbststurm fuhr wild um die mauern des thurmes, er drehte die wetterfahne am schlosse, dasz sie ächzte G. Freytag ges. w. 11 (1887) 237. auffällig ist auch ihre bewegung im winde: gegen mittag krochen breite haufwolken herauf, die hängenden wetterfahnen zuckten nervös und züngelten in allen ecken der windrose herum Kürnberger nov. 1 (1861) 233. vergleiche knüpfen besonders an das willkürlich erscheinende hin- und herpendeln der wetterfahne an: (die heilige schrift) lest sich hin und her als eine wetter oder wintfane drehen, ... lencken, deuten unnd beugen Wittich widderlegung (1555) J 4ᵃ;
die ehr ist wie ein thurn, der neid die wetterfahn,
wanns auff die spitze kümmt, so geht das wenden an
Logau sämtl. sinnged. 255 lit. ver.;
wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab, wie eine wetterfahne bei streitendem winde Arnim s. w. (1853) 15, 196; denn daraus würde entstehen, dass der gemeine mann und zum gemeinen mann gehören wir alle, einen glauben hätte, der sich nach dem winde drehte, wie eine wetterfahne Bode Montaigne (1793) 4, 35. übertragen, von menschen ohne charakterfestigkeit und beständige überzeugung, vgl. una banderuola eine wind- oder wetterfahne, ... met. ein unbeständiger mensch Kramer it.-t. (1676) 202; Campe 5 (1811) 692; Pansner schimpfwb. (1839) 77: die wetterfahnen verlassen sich auf ihr berühmtes talent der vielseitigkeit in der bewegung; sie fürchten nicht die ärgsten stürme, da sie immer verstanden, sich nach jedem luftzug zu drehen H. Heine s. w. 6, 368 Elster; diese männer aber waren ... immer noch mehr werth, als eine ... legion wetterfahnen, deren erwerbsphilosophie sich nach dem winde dreht Schopenhauer w. 4, 137 Gr.; einen notorisch zaghaften und zu der gattung der politischen wetterfahnen zählenden mann Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 206; und welcher gute kopf will sein lebelang zu dem gesindel gehören, das die wetterfahne aller meinungen ist? Heinse s. w. 4, 290 Sch. doch auch ohne negative wertung: ich bin so ein alte wetterfahne, die schon lange im sturme des lebens steht Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 96. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 722, Z. 31.

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werksatz wettermäszig
Zitationshilfe
„wetterfahne“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wetterfahne>.

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