Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wetterhahn, m.

wetterhahn, m.,
windfahne in gestalt eines hahnes; hahn als wetterprophet. das wort ist in mhd. und frühnhd. glossaren häufig bezeugt: cheruca wetirhano (12. jh.) ahd. gl. 3, 217, 33; weterhano, wetirhano (13. jh.) ebda 3, 164, 46 St.-S. (sämtl. im kapitel 'de partibus navium'). weiterhin s. v. carchesium Diefenbach gl. 100ᵃ; ceruchus, ebda 115ᵇ; nov. gl. 86ᵇ; ocuus, gl. 393ᵇ; petasum, ebda 432ᵃ; sorica, ebda 543ᵃ; ventilabrum, ebda 610ᶜ; ventilogium, ebda 611ᵃ; aruspex, nov. gl. 36 (sämtl. 14.—16. jh.); triton (18. jh.) ebda 372; triton wetterhan auff der kirchen M. Mylius nomencl. (1572) H 6ᵇ.
1)
'ein auf hohen gebäuden, an einer gerade aufwärts gestellten eisernen stangen gerichtetes blech in gestalt eines hahns oder fähnleins, an dessen ... bewegung man sehen kan, wo der wind herkömmt' compend. u. nutzb. haush.-lex. (1728) 1030. der brauch, wetterhähne auf kirchtürme zu setzen, ist seit dem 10. jh. nachweisbar, s. Otte archäol. wb. (1883) 267; sie dienten hier 'als symbol nicht nur der wachsamkeit in beobachtung der kanonischen stunden, da man sich vor erfindung der uhren mit dem beginn des frühgottesdienstes nach dem schrei des hahnes zu richten pflegte, sondern auch als verkündiger des lichtes, d. h. der lehre Christi, vor allem aber als mahnung an die verleugnung Petri und als symbol des treuen christen ..., der fest am kreuz haltend (denn die drehstange des hahnes trug stets ein kreuz), seine stimme stets muthig gegen die feinde Christi dreht, denselben nie den rücken kehrt' Müller-Mothes archäol. wb. (1877) 985ᵃ.
a)
im eigentlichen sinne: haus zum wedirhanen (Mainz 1316) bei E. Grohne hausnamen u. hauszeichen (1912) 59; auff beede ecken desz gibels will ich wetterhän oder tachfähnlein stecken lassen Martin parlement (1637) 178; als hertzog Barminius 1573 gestorben, waren ... alle vergüldete knöpffe und wetterhäne in einer nacht gantz schwartz worden Chr. Weise polit. redner (1679) 586; der windthurm ... hat einen triton getragen, der sich wie ein wetterhahn drehete allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25/36 (1771) 1561; das kirchendach versank nach und nach in grauen schatten, das licht klomm an dem türmchen hinauf, bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen wetterhahne funkelte G. Keller ges. w. (1889) 1, 34; der wetterhahn auf dem thurm hat unaufhörlich mit den flügeln geschlagen Immermann w. 1, 21 Hempel; heute ward der kupferschmied dringend gerufen, auf dem kirchturm drehe sich der wetterhahn nicht mehr Steguweit stelldichein d. schelme (1937) 25.
b)
die beweglichkeit des wetterhahns bietet anlasz zu vergleichen:
und wen mich daz eyn stormer wint ontweyet,
so bin ich sam eyn weterhæn,
daz hin und her mit allen wint sich dreyet
(14. jh.) bruder Hans 2944 Minzloff;
wie der wetterhahn auff der kirchen sich mit dem windt wendt, also herren gunst, frawen lieb S. Franck sprichw. (1541) 2, 179ᵇ;
felt so ohrplötzlich hinderrück.
wie eine wasserblas im regen,
und wie wetterhan sich drehen
Rollenhagen froschmeuseler (1595) E 7ᵇ;
ihr seyt vnbeständiger als ein wetterhan Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, L 1ᵇ; in leichtsinnig ... wird durch die beyfügung leicht genennet ein solcher, der gesinnet leicht und flüchtig wie der wind wehet und der wetterhahn gehet Schottel haubtspr. (1663) 76. ungewöhnlich: Rosaura feierte eben im teatro nuovo als Psyche ihren triumph und wirbelte auf der spitze des niedlichsten fuszes wie ein wetterhahn im kreise Gaudy s. w. (1844) 14, 100. in übertragenem gebrauch: gezwungene auszlegung, die man bey dem hals herbei ziecht, wo hin man sie haben will ... disz ist der kirchen vortheyligst schlüssel, dan darmit macht sie ausz der schrifft ein wetterhan, der mit allen winden umbgehet Fischart binenkorb (1588) 73ᵃ. vor allem in der sprache des 16.—18. jhs. führt die auffällig unstete drehbewegung zur häufigen übertragung auf verhalten und charakter des menschen; wetterhan, unbeständiger mensch un homme inconstant et variable Hulsius-Ravellus t.-it.-frz. (1616) 407ᵃ: der ist wol ein tor der sich will richten nach so getanen wetterhanen die gleissnerin seind winterteil d. heiligen leben (1471) 214ᵇ; ich befürchte aber, dasz leider unter uns viel wetterhanen, falsche brüder und der gleichen unkraut seyn werden (1539) Luther 47, 777 W.; darumb solche gesellen ... temporarij genannt werden, das ist wetterhanen, die den mantel nach dem winde keren Gigas postilla (1595) 1, 71ᵇ; ein jeder ketzer ist ein vnbestendig quicksilber, wetterhan vnd wendehalsz Petri d. Teutschen weiszh. (1605) B 7ᵇ;
wer durch tumult auffsteigt, wird plötzlich unterliegen,
ein leichter wetterhan verändert für und für
und hasst den wechsel selbst. verkehrt er etwas hier,
so bricht er dort es ein und kan durch thöricht irren,
nichts als sinn, kirch und stat und ständ und reich verwirren
Gryphius trauersp. 441 lit. ver.;
der iudex soll auch seyn vir constans ... kein vertumnus, wetterhahn und wenneheyke, der den mantel nach dem winde henge J. Döpler theatrum poenarum (1693) 203; so kam ein vagirender mönch Barlaamus dahin, der ein rechter wetterhan war, und bald wider die Lateiner, bald wieder die Griechen schriebe G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 399ᵇ;
diesz ist des stutzers bild! er ist ein wetterhahn;
denn diesen dreht der wind; und jenen wendt der wahn
anmuth. gelehrsamk. 2, 693 Gottsched.
an die benennung des menschen als wetterhahn schlieszen sich weitere vergleiche und übertragungen an:
du, o hertz-gebieterin (die liebe),
kanst uns ändern die gedancken,
dasz wir von gefastem sinn
als die wetterhane wancken
Simon Dach 775 Öst.;
du wetterhahn der welt, du fallbret unsers lebens,
du gauckelspiel der zeit, gelucke, gute nacht!
Lohenstein Arminius (1689) 1, 556;
die bücher und die exempel, die er liest, sind die winde, nach welchen sich der wetterhahn seiner gedanken richtet Lessing 1, 297 L.-M.; rechne nur auf die dauerhafte freundschaft derer, die nicht von unedeln ... leidenschaften beherrscht, noch wie ein wetterhahn, von launen und grillen hin- und hergetrieben werden Knigge umgang m. menschen (1796) 2, 134; wenn die seele gedacht ... hat, so kömmt die willkühr (eine art von wetterhahn in der seele) und drehet sich ohne wirkende kraft hin und her Gerstenberg recensionen 173 lit.-denkm. als schelte verzeichnet bei Pansner schimpfwb. 77ᵇ; vgl. auch:
blieb lang (vor dem mönch) bestehn vnd sahe jn an,
sprach: was bist vor ein wetterhan?
du stehst noch haussen vor der pfort,
vnd gibst gereyt solch hoͤnisch wort?
Burkard Waldis Esopus 2, 167 Kurz;
o was ist es für ein elend, ein zornigen mann haben! ihr tummbshiern, ihr wetter-haan, ihr tiger-bruet ... was nutzen schöpfft ihr ausz euern ungezahmten zorn Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 44.
2)
in hinsicht auf die wettervorhersage in unterschiedlicher anwendung; von hähnen: wenn die hanen zu nacht weyter dann ir gewonheit ist kraͤyend, bedeütend sy ein enderung desz wätters: darumb nennend die unseren den ein wätterhanen Heuszlin vogelb. (1557) 78ᵇ; die jenige hahnen aber, welche ausser diesen auch zu anderen zeiten ... kraͤhen, werden wetterhahnen genennet Gockelius d. eierlegende hahn (1697) 3. in weiterer übertragung auch von menschen: aber mein gewisser wetterhan ist der landvogt Hans Metzsch, welcher bisher eine gantz nüchterne geyrsnase gehabt auff die pestilentz, vnd wo sie funff ellen vnter der erden were, wurde er sie wol riechen Luther br. 7, 207 W.; niman kan gewisser das wetter, den schnee, hagel vnd die plazregen erschmecken vnd vorsagen, als meine capaunenfüsige wetterhanen (von wetterpropheten) Fischart w. 3, 93 Hauffen; die menschliche wetterhahnen von dem calenderschreibergeschlecht haben nicht unrecht, wenn sie den winter unfreundlich nennen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 481. im bilde (vgl. 1): secht auch sein (Luthers) buch der visitirung, ... mit welchem was er zuͦm letsten macht, dasz foͤrder vmbstoͤst, vnnd sich probirt, ainen falschen wetterhan auff dem thurn sein J. Nas eins u. hundert (1567) 3, 146ᵃ. von bergen: diese höhe (des Fichtelberges) verursachet, dasz er ... selten ohne nebel und wolcken, und daher ein rechter wetterhahn des gantzen obergebirges oder calender, daraus man gut oder böse wetter muthmasset Schwann Oberertzgeb. (1699) 37; sonst wird der Zobtenberg auch der schlesische wetterhan genant (1720) in: zs. f. dt. phil. 20, 494. wetterankündigung ist auch das benennungsmotiv für einen namen des sauerklees, 'weil sich die blätter desselben bei regen und gewitter, wie auch bei kühler luft zusammenziehen' Campe 5 (1811) 693: disz kraut (sauerklee) sey ein rechter wetterhan, dann wan ungewitter vorhanden, richtet das kräutlein seine blätter über sich Hohberg georg. cur. (1682) 1, 553; Nemnich polygl.-lex. (1793) 644.
3)
gaunersprachl. für 'hut'; in diesem sinne schon 1510 im 'liber vagatorum' (hd. u. nd. fassung), s. S. A. Wolf wb. d. rotw., nr. 6220:
ein vnbliblich gschlecht sind stabulern (bettler),
sie strichen alle land vszgern ...
vbern glentz (feld), vnd hand den wetterhan
Gengenbach 347 Goedeke; 370;
stabuler ... han den wetterhan vnd gewetzten windfang voll doull (1623) Fischart groszmutter, in: kloster 8, 583 Scheible; und (man) stülpte (in der verrufenen gasse) nicht den hut, sondern den wetterhahn auf den kopf (1861) W. Raabe s. w. I 4, 76; feldsprachlich hiesz der hut wetterhahn Horn soldatenspr. (1899) 67.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 730, Z. 62.

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Zitationshilfe
„wetterhahn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wetterhahn>.

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