Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wetterleuchten, wetterleuchten, vb.(meist substantivisches, n.)

wetterleuchten, vb.(meist substantivisches n.),
'blitzen'; seit dem 18. jh. allgemein 'blitzen ohne donner'. junge bildung, die schriftsprachlich und z. t. auch mundartlich an die stelle verschiedener älterer zusammensetzungen getreten ist (s. u.). wetterleuchten ist als umdeutung des vorwiegend alem. wetterleich, -leichen aufzufassen; sein aufkommen fällt in die zeit vom 15. bis 17. jh. und ist vermutlich durch ableitungen von leuchten gefördert worden, die z. t. schon vorher im norddt. sprachgebiet als prägnante bezeichnungen für 'blitz' gebräuchlich waren, vgl. dine erlugtinge lugteden der werlt (illuxerunt coruscationes tuae orbi terrae ... contremuit terra) (14. jh.) westf. ps., psalm 76, 19 Rooth; ähnl. Wegel. ps. ebda, Hell.; de blixem unde de luchtinge (fulgura coruscationem) Kölner bibel (um 1478) ps. 143, 6; s. a. Schiller-Lübben 2, 744 u. vgl. weiterhin mnl. wederlicht (13. jh.), -lichten, -lucht Verwijs-Verdam 9, 1937/38/40. die umdeutung von wetterleich, -leichen ging vom verbum aus, das besonders in der präsensform es wetterleicht als entrundete form von -leuchten aufgefaszt werden konnte, vgl.: wenns gleich bisweilen im hause donnert und wetterleicht. (antw.:) ja wenns beym wetterleichten geblieben wäre (um 1700) J. Hübner christ-comoedia 4 lit.-denkm. es wetterleucht statt -leuchtet bei Luther 47, 549 W.; Mathesius hist. Christi 2 (1571) 115ᵇ; Weise überfl. ged. 241 ndr.; Duez all.-fr.-lat. (1664) 671. lexikalisch hält sich wetterleich, m., noch längere zeit neben wetterleuchten, vb., s. Emmel V ling. (1592) D 6ᵃ; Stoer all.-fr.-lat. (1663) 603; Dentzler (1697) 2, 350. in den (meist obd.) wbb. des 16. jhs. überwiegen noch wetterleich, -leichen (s. d.), literarisch herrscht aber schon wetterleuchten vor. übergangsformen sind wetterleuch (s. bei -leich) und -leucht, m., -leuchte, f. (s. d.); wetterleychten bei Paracelsus opera (1616) 2, 101 Huser; Henisch t. spr. (1616) 421. anstelle der geläufigen unpers. fügung es wetterleuchtet vereinzelt auch das wetter leuchtet, vgl. blicken als daz weder luchte ader bliczt (15. jh., md.) Diefenbach gl. 153ᶜ; weils wetter leuchtet Arnim d. Günderode (1840) 1, 3; mundartl. det weder lüchtet Schambach Göttingen 290. statt des üblichen part. prät. gewetterleuchtet vereinzelt es habe ... wettergeleuchtet Arndt schr. (1845) 3, 506. — frühe lexikalische nachweise: coruscare wetterluchten (15. jh.) Diefenbach a. a. o.; erschinen, luchten oder wetterluchten Melber voc. pred. (1482) F 8ᵇ; fulgurare wetterleuchten Calepinus XI ling. (1598) 595ᵃ; Hulsius dict. (1605) 1, 113ᵇ; coruscatio das wetterleuchten Corvinus fons. lat. (1623) 207. — in den md. und nd. mundarten ist das wort weithin durch einflusz der hd. umgangssprache heimisch geworden; mundartformen sind u. a. verzeichnet bei Schmidt-Petersen nordfries. 160; Woeste westfäl. 318 (doch s. wetterleichen); Leithäuser Barmen 169; Leihener Cronenberg 132; Martin Waldeck 283; Dahlberg Dorste 2, 92; Flemes Kalenberg 378; Mensing schlesw.-holst. 5, 562; Hönig Köln 200; Heinzerling-Reuter Siegerland 319; Tonnar-Evers Eupen 228; Müller-Fraureuth sächs. volksw. 36; Knothe Nordböhmen 541; Lenz Handschuhsheim 77. diese zeugnisse stehen jedoch neben einer älteren schicht von ähnlichen mundartwörtern. dazu gehört wetterleich(en), das auszer im nordgerm., mnl. und alem. nach ausweis einzelner nd. reliktgebiete früher auch in weiteren teilen des dt. sprachgebietes gebräuchlich war, vgl. sp. 743. in den küstengebieten begegnet neben werlüchten auch werleien Doornkaat Koolman ostfries. 3, 541, leien (westl. küstengeb.) Mensing schlesw.-holst. 3, 448, das sich zu mnl. laeyen, nl. laaien 'flammen, lohen' stellt und mit diesen auf afries. *lāyia zurückführt, s. Franck -v. Wijk 365 (zu ahd. loug 'lohe', vgl. got. lauhatjan 'blitzen', lauhmuni 'blitz'). aus dem niedersächsischen mundartgebiet sind noch formen bezeugt, die zu einer schwundstufigen form der gleichen wurzel (vgl. as. logna 'lohe'; mnd. lochenen flammare Schiller-Lübben 2, 711) gehören: weerlocken Strodtmann Osnabrück (1756) 281; weerlocken brem.-ns. wb. 5 (1771) 216; wäerloggn Westermann Baden b. Bremen 88; wäerlocken Frederking Hahlen 167.
1)
vor allem in älterer sprache wie wetterleichen im sinne von 'blitzen (mit donner)'; fulgetrum ... das wetterleuchten vibratio luminis, quae cum ipso fit tonitru, sed ante cernitur Faber thes. (1587) 344ᵃ: und wen es noch donnert und wetterleucht, so thun die juden thor und fenster auff und hoffen auff ihren messiam Luther 47, 549 W.; am sonnabend ... wetterleuchtets sehr, und kam ein groszer gewaltiger donnerschlag drauf ders., tischr. 3, 366 W.; war zu Wittenberg abendts ein grosses wetter entstanden, dasz es kisselte vnd sehr wetterleuchtet volksb. v. dr. Faust 74 ndr.; damit das wetterleuchten und dondern dem garten keynen schaden thun möge (am rande: wider den plitz) Sebiz feldbau (1580) 291; es kompt kein donnerschlag, es gehet ein wetterleuchten vorher Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Bb 8ᵇ; wie er bey abscheulichen ungestüm und wetterleuchten auff einer dreckschüte ... von Holland nach Engelland ... gefahren wäre (1696) Chr. Reuter Schelmuffsky 114 ndr.; das wetterleuchten war ohnausgesetzt, dann schlag auf schlag und diesz die ganze nacht durch (1763) L. Mozart in: br. A. W. Mozarts 4, 212 Schied. bis ins 18. jh. ist die verbindung blitz(en) und wetterleuchten sprachüblich: erinnert euch beim blitz und wetterleuchten der zukunft des menschen sohns zum jüngsten gericht Herberger Jesus Sirach (1698) 607ᵇ; ähnlich Micyllus Tacitus (1535) 210ᵃ; theatr. diab. (1569) 151ᵇ; Elisabeth Charlotte v. Orleans br. 1721 —22, 400 Holland; Wackernagel kirchenlied 5, 398; Bodmer abh. v. d. wunderbaren (1740) 387; J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 349; blick und wetterleuchten Dannhawer catech.-milch (1657) 6, 532. übertragen: meide grossen glantz vnd herrligkeit ... es pfleget von hohen herrlichen schlössern gerne sehr zu donnern vnnd zu wetterleuchten Mathesius Jesus Syrach (1586) 83ᵃ; hat dann Petrus auch also gedonnert und gewetterleuchtet wider den Cornelium, wider den armen lamen mann? Nachenmoser gaistl. gr. practica (1588) 2, 3; da hebt die blitzende zornwolcke desz gerichts an, den gerichtsverächtern unter augen zu stralen und sie mit ihrem wetterleuchten zu erschrecken Francisci weh d. ewigkeit (1686) 917; nur bitte gantz dienstlich, dasz man nicht alsofort zu schmähen, zu lästern, zu poltern, und zu wetterleuchten anfange Hahn teut. staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 1, 4, 10 vorr.; der landstand wetterleuchtet und donnert gegen alle sünden, die ihm entgehen Jean Paul w. 39, 87 Hempel. im vergleich: wir wollen über sie her wie die sündflut und auf ihre köpfe herabfeuren wie wetterleuchten Schiller 2, 98 G. weiteres s. u. 2 b. als übersetzung von αἰγίοχος:
... da freute der herliche dulder Odysseus
sich im innersten herzen des vaterlandes, das jezo
Pallas Athene ihm nannte, des wetterleuchtenden tochter
J. H. Voss Odyssee 242 Bernays;
Zeus, der wetterleuchtende gott des hohen Olympos
Stolberg ges. w. (1820) 11, 39.
2)
seit dem 18. jh. tritt im vorstellungsgehalt die blosze lichterscheinung in den vordergrund; begrifflich hat sich das wort damit von den älteren bildungen entfernt, die vorwiegend die zuckende bewegung des blitzstrahls benannten (s. o.). es bezeichnet insbesondere das entfernte blitzen ohne (unmittelbar) nachfolgenden donner (so schon im 17. jh. vereinzelt wetterleichen, s. d.; vgl. auch mhd. himelitze, m.: seh wir den himelitzen oder den plitzen ân donr Konrad v. Megenberg buch d. natur 92 Pf.). schriftsprachlich im allgemeinen von blitzen differenziert, doch mundartl. noch weithin mit diesem synonym; s. dt. wortatlas IV s. v. 'es blitzt'. Adelung stellt schriftsprachlichem blitzen ein synonymes, umgangssprachliches ('im gemeinen leben') wetterleuchten gegenüber, versuch 5 (1786) 193 (doch s. auch das folgende). die definition ist schwankend: weêrlichten wetterleuchten (blitzen, zumalen ohne donnern) Kramer nd.-hd. (1719) 509ᵇ; wenn aber die schweffelichten dünste die salpetrichten übertreffen, so ist der blitz stärcker. ja bisweilen donnert es gar nicht, ob es gleich ziemlich starck und öfters blitzet. und dieses wird eigentlich wetterleuchten oder wetterkühlen ... genennet, Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 2, 256; wetterleuchten in engerer bedeutung ... ein blitz ohne donner; auch wohl der wiederschein eines entfernten blitzes, wobey der donner wegen der groszen entfernung nicht mehr hörbar ist Adelung a. a. o. ähnlich anmuth. gelehrsamk. 9 (1759) 674 Gottsched; das wetterleuchten ist eine dem blitz ähnliche erscheinung, bei welcher man jedoch keinen strahl wahrnehmen kann Göthe II 12, 214 W.
a)
im eigentlichen sinne: wie Jupiter ehmals die Cyclopen zur schmiede der strahlen und schwärmer verdammt zu haben, die er zum tauben wetterleuchten und ätherischen feuerwerken nöthig hat Nicolai literaturbr. (1759) 6, 389; dem sturmgewölke auszuweichen, weil es von fern noch wetterleuchtet Meissner Alcibiades (1781) 4, 269; obgleich das ungewitter nur noch in der ferne wetterleuchtete Musäus volksmärchen 4, 130 Hempel; schwüler abend mit wetterleuchten Göthe III 4, 30 W.; es war glühend heisz, ... am abend herrliches wetterleuchten im ganzen osten Bismarck br. an s. braut u. gattin 489 H. v. Bism.; ein gewitter ..., welches in wetterleuchten verpufft Hebbel w. I 12, 8 Werner; am südlichen himmel wetterleuchtet eine dunkle wolke prächtig in die mondnacht hinein W. Raabe s. w. I 1, 157; (eine) sommernacht, in welcher wetterleuchten zuckt Rosegger schr. (1895) I 13, 103; als ich heut nacht bei donnerrollen und wetterleuchten auf einer bank im tiergarten sasz Hauptmann ratten (1911) 153.
b)
in reich entfaltetem metaphorischen gebrauch; hier z. t. nicht scharf von den belegen unter 1 zu trennen, doch gehen die übertragungen im allgemeinen von der bloszen lichterscheinung aus.
α)
vom leuchten der raketen, dem blitzen der mündungsfeuer und geschoszeinschläge: unten im Borkolapasz warfen lautlos leuchtraketen ein flackerndes wetterleuchten über die felsen Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 512; unheimlich wetterleuchtet die front Binding ges. w. (1937) 2, 163; ich stieg ... und sah weit im land drin gegen das städtlein ... das wetterleuchten einer groszen schlacht Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 89. ungewöhnlich. rundum wetterleuchtet es von lichtreklamen: zigarettenfirmen, varietés, verschiedene hotels A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 312.
β)
vom blinken der waffen: das wetterleuchten welches entstuhnd, als sie ihre schwerdter zücketen Bodmer abhandl. v. d. wunderb. (1740) 286;
auf einmahl rüttelt sich der ganze ritterstand;
ein wetterleuchtender glanz von hundert bloszen wehren
scheint stracks in jeder brust die mordlust aufzustören
Wieland s. w. (1794) 22, 28;
da schaut er die beweglichen
zelten, durchwimmelte thäler,
das wetterleuchten der waffen zu fusz
Göthe I 3, 207 W.
γ)
in wechselnder anwendung auf das von seelischer bewegung durchzuckte mienenspiel, insbesondere vom leuchten und blitzen der augen: dass dir alle mörser und carthaunen in das ingeweide schlagen müsten! erwiderte sie mit einem wetterleuchtenden gesichte Lindenborn Diogenes (1742) 2, 210; alsbald wetterleuchtete ihr auge auf Lottchen einen neuen verweisz Musäus physiogn. reisen (1778) 3, 168; unsre augen schlichen diebisch ihm nach, und zukten zurük, ... wenn sein wetterleuchtender blik sie traf Schiller 3, 11 G.; wenn ein schimmer von freundlichkeit ... wie ein wetterleuchten durch das finstere gesicht zog W. Hauff w. (1890) 1, 11; während sie ihn wie ein wetterleuchten süss und schalkhaft anblickte G. Keller ges. w. (1889) 5, 223; ein unheimliches wetterleuchten flog durch die züge des bündners C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 221; war es ein sonnenstrahl oder ein wetterleuchten aus seinem zornigen gemüth G. Freytag ges. w. 9 (1887) 303; ein lächeln zuckte über die züge des paters, kurz, wie wetterleuchten Sperl söhne d. hrn Budiwoj (1927) 462; etwas wie stolz auf Otto wetterleuchtete manchmal über sein rotes gesicht Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 387; ich sah oft ... gesichter von einer wilden seltsamen schönheit, und blickte ein solches, die haare verwirrt, ... die wetterleuchtenden augen grosz aufgeschlagen, vom webestuhl empor, so war es, wie ich mir das antlitz einer danaide denke Gregorovius insel Capri (1885) 24.
δ)
in der zweiten hälfte des 18. jhs. oft auf seelischgeistiges übertragen; seit Lessing in der literarischen kritik zur bezeichnung substanzloser dichterischer einbildungskraft: weil nun aber freylich nicht jede antithese auf einer scharfsinnigen unterscheidung beruhet, weil oft nur ein blosses wetterleuchten des witzes ist, was ein zerschmetternder strahl des scharfsinnes seyn sollte, zumal bey den lieben dichtern: so ist der name antithese ein wenig verdächtig geworden Lessing 13, 127 L.-M.; ähnlich Jean Paul w. 55/58, 274 Hempel; Hebbel w. I 10, 401 Werner. besonders seit der periode des sturm und dranges von plötzlichen eingebungen, verstandesblitzen, genialischen einfällen:
die eigenschaften dieses bandes,
sind witz, geschmack, viel phantasey,
französische sophisterey,
und wetterleuchten des verstandes
Abbt verm. w. (1771) 3, 51;
(das bild zeigt) ein immerfort wetterleuchtendes religioses genie Lavater physiogn. fragm. (1775) 3, 262; 156; es ist eitel thorheit, aus der vielleicht etwas verstand nur wetterleuchtet Klinger w. 11 (1809) 164; aber der feuerstrom, die wetterleuchtenden gedanken, die donnerschläge, der hinreiszende wirbelwind ... der sturm und drang, der den wahren tragischen dichter macht, wo ist der? Wieland s. w. (1794) 19, 267; er überrascht nicht durch wetterleuchtende geniezüge; aber nimmt ein durch die immer gleiche wärme seines satzes Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 52; die unverschämte art mit der er sich selbst vergötterte, sein witz und poetisches wetterleuchten dazwischen blendete, verwirrte und belebte alles Eichendorff s. w. (1864) 2, 455; ein ... hinwerfen vom erlebten, untermischt mit ... wetterleuchtenden einfällen möchte ich es (d. tagebuch) nennen Vischer auch einer (1879) 2, 59. im bilde: das produkt ist mit vielem geiste geschrieben, und da es darinn mehr wetterleuchtet als ordentlicher tag ist, so qualifiziert es sich gar nicht übel zum commentieren (1795) Schiller br. 4, 298 Jonas; der gesellige witz ist mehrentheils nur ein wetterleuchten, welches das daseyn einer region anzeigt, in der ein blitz möglich wäre Schlegel in: Europa (1803) 2, 202. im vergleich: briefeschreiben ist wie wetterleuchten; da verblitzt sich alles und das gewitter zieht nicht herauf Fontane ges. w. (1905) I 4, 365. in hinsicht auf geistiges streben, temperament und charakter, hier deutlich im sinne eines gehaltlosen scheins: die wenigsten jungen leute, wenn sie auch auf akademien mehr thun, als wetterleuchten, wissen, was sie blosz lernen, und worüber sie weiter dencken sollen Hippel über die ehe (1774) 41; aber dagegen musz ich auch den Italienern die gerechtigkeit widerfahren lassen, dasz sie nicht blosz wetterleuchtende lebhaftigkeit, sondern auch im allgemeinen viel mehr wahres feuer haben, als man gewöhnlich bei andern nationen findet Stolberg ges. w. (1820) 7, 92; der charakter eines mannes von hohem genius ist selten wetterleuchtend und übertrieben J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 130; eine horde, ... die keiner andern freiheit je fähig ... als der, so in aufläufen, aufruhren und empörungen wetterleuchtet Jahn merke z. dt. volkthum (1833) 50. anklingend an ε: das genie des aufruhrs blitzt und wetterleuchtet durch all diese seiten (der russischen literatur) A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 245. seit der romantik versinnbildlicht das wort auch halbbewuszte seelische regungen, ohne dasz hier ein abwertender sinn noch hervortritt:
alte zeiten, linde trauer,
und es schweifen leise schauer
wetterleuchtend durch die brust
Eichendorff s. w. (1864) 1, 269.
meist im vergleich: das heitere schauspiel des herrlichen abends wiegte ihn in sanfte phantasien: die blume seines herzens liess sich zuweilen wie ein wetterleuchten in ihm sehn Novalis schr. (1907) 4, 104 Minor;
doch jetzt, wie eine schwüle sommernacht,
liegt brütend, süsz und peinigend zugleich,
ein schwerer nebel über meinen sinnen,
den der gedanken fernes wetterleuchten,
jetzt hier, jetzt dort, und jetzt schon nicht mehr da,
in quälender verwirrung rasch durchzuckt
Grillparzer w. (1874) 2, 175;
zudem da dämmernd, dämmernd, halb gefühlt,
wie wetterleuchten die erinnrung spielt
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 100.
ε)
sinnbildlich für ein fernes anzeichen kommender geschehnisse:
mit scharfen schnäbeln, krallen, beinen,
sie stechen nieder auf die kleinen,
verhängniss wetterleuchtet schon
Göthe I 15, 1, 148 W.
bis man jahrzehnde später ... auf sie (die schriften Kants) als vorbedeutendes wetterleuchten, nachträglich sein augenmerk gerichtet hat M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 1, 77; erste krankheitszeiten! wo ... zuweilen durch schweisz und schwäche die zukunft wetterleuchtet Carossa eine kindheit (1922) 106. besonders in hinsicht auf politische entwicklungen: unterdesz wetterleuchtets im osten, und niemand kann sagen, wohin der zaar durch seinen Cäsarenwahn und die herrschende nationale strömung gedrängt werden wird (1889) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 288; mit solchem wetterleuchten und der sicheren ahnung künftiger stürme endete der Pariser kongresz Meinecke Boyen (1896) 2, 74; auch die soziale frage begann seit dem (dreiszigj.) kriege zu wetterleuchten Karl Holl bedeutung d. groszen kriege (1917) 77. anders gewendet: dabei unterlasse ich nicht täglich nach osten zu schauen und mich zu fragen, ob das von dorther ein blosses wetterleuchten oder ob es der donner der nahenden weltgeschichte ist, die ihr gegebenes wort zu lösen kommt Dahlmann in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 369; das alte Europa gewittert sich mit dem wetterleuchten in Spanien und Europa nicht ab Ruge briefw. u. tagebuchbl. 2, 315 Nerrl.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 744, Z. 37.

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werksatz wettermäszig
Zitationshilfe
„wetterleuchten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wetterleuchten>.

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