wettern vb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 754, Z. 62
ableitung von ³wetter; in heutiger sprache fast nur noch in übertragenem sinne geläufig; insbesondere 'fluchen, schimpfen' (4); s. auch gewettert, teil 4, 1, 3, sp. 5707. weithin gleichbedeutend mit ²wittern, s. teil 14, 2, sp. 817, doch in gegensatz zu diesem nicht in anwendung auf den geruchssinn.
1)
dem wetter aussetzen, in der freien luft trocknen; vgl.wittern 5 b, verwittern 2: eines sumerlangen tages wart do breite sie den weitze uz bi dem tore ... dar komen zwene schachere ... unde ... namen den weitze, den man da weterte (12./13. jh.) in: anz. f. kde d. dt. vorz. 8, 427 Mone; wenn die gerste gemeinet ist, so mus sie einen tag oder drey umbs futters willen auff dem felde wettern, sonst scheust sie nicht wol und wechst ins gras Coler hausb. 3 (1617) 160. mundartlich: wäädern entbittert werden, vom heu ... es musz drauszen in haufen schwitzen Lademann Teltow 275. wohl im anschlusz hieran noch gelegentlich in neuerer sprache 'wetterfest machen, abhärten': ein schlichter bauer, ... dem harte arbeit die glieder verknorrt und gewettert hat Rosegger schr. (1895) I 3, 353; die französischen küsten liefern nimmer den gewetterten matrosenschlag Englands H. Laube ges. schr. (1875) 5, 256. im übertragenen sinne gewettert 'durchtrieben', vgl.wetterkerl: geschmeichelt nickte er: ich war ein gewetterter kerl! Zillich siebenb. flausen (o. j.) 112.
2)
reflexiv 'in erscheinung treten, sich zeigen'; vgl.wittern 4: (der in der erde ruhende schatz) pflegt ... seine gegenwart durch eine auf ihm leuchtende flamme anzuzeigen ... brennt flamme über ihm, so sagt man 'der schatz wettert sich' J. Grimm dt. mythol. (1876) 2, 811.
3)
'wetter sein'; aurare wedderen (15. jh., md., nd.) Diefenbach gl. 61ᵇ: wenn die dicken wolcken fürüber sind, so wettert es anders Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Bbb 4ᵇ.
a)
in hinsicht auf die jahreszeit, 'passende witterung haben': darumb ist zu distillieren ein iedes krut etwan speter oder früger nach dem daz iar wettert vnd landt gelegen ist H. Braunschweig kunst zu distilieren (1500) 28ᵇ. ähnlich noch mundartlich: 't wäärd good upp't saad es ist gutes wetter für den raps Stürenburg ostfries. 321ᵇ.
b)
allgemein von ungünstiger witterung; tempestat es wettert Diefenbach gl. 576ᶜ:
wie sich birgt ein vögelein,
wettert es, in hole stein'
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 97.
die art des unwetters wird durch zusätze näher bestimmt:
es war schon um die zeit, wenn kalt und stürmig wettert
der strenge Boreas
Neumark poet. u. musik. lustwäldchen (1652) 142;
aber wie wettert es ... immer wellen, immer wind Rodenberg stilleben auf Sylt (1861) 4. mundartlich: in ungewöhnlicher weise regnen, schneien Halter Hagenau 193; stark regnen Kaiser Todtmoss 30; stürmen Henzen Lötschen in: PBB 64, 281; unwetter sein Bacher Lusern 227. übertragen, 'wie ein unwetter daherfahren; stürmen, donnern' (vgl. c):
da schmettern trompeten so hell und wild,
da wettern die reiter durchs schlachtgefild
Schneckenburger dt. lieder (1870) 37;
dunkler schwoll immer die schlacht um die höh, und der rosse gestampf scholl
donnernd, es wetterten über die hügel die schilde herunter
durch das nächtliche grauen
Sonnenberg ged. (1808) 162;
komm! ergreif den augenblick! ...
gebeut die rache, und wir wettern wie
die würgeengel über Rossitz hin
H. v. Kleist w. 1, 150 E. Schmidt.
ungewöhnlich: er ... wetterte mit dem daumen in einer solchen schnelligkeit über alle sechs gitarresaiten, dass sie ... fast nur in einem akkord zusammen klangen Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 101.
c)
oft in engerem sinne 'gewittern, donnern, blitzen'; ob das wort prägnant eine dieser erscheinungen bezeichnet (d, e), läszt der zusammenhang nicht immer erkennen; es wettert egli tempesta, tuona, fulmina Kramer t.-ital. 2 (1702) 1339ᶜ: wens gewülckig ist, wettert, plitzet, da sihet man, das etwas da ist, da wasser kan aus werden (1535) Luther 41, 163 W.;
disz ist die tugend-bahn, ...
die zu den sternen führt, die sterbliche vergöttert;
und ein gedachtnüs schafft; das wenn der himmel wettert,
die marmel-seuln zermalmt, colossen schlägt entzwey,
und tempel legt in graus, ist vom verwesen frey
Lohenstein Ibrahim sultan 130 lit. ver.;
bis endlich, längst umwölkt, der himmel wettert,
das paradies und seinen hain zerschmettert
Göthe I 4, 16 W.;
wie ein gewitter nach schwülen tagen urplötzlich heraufzieht und donnert und wettert Jahn w. (1884) 2, 311. übertragen:
halte dich nur im stillen rein,
und lasz es um dich wettern;
jemehr du fühlst ein mensch zu seyn,
desto ähnlicher bist du den göttern
Göthe I 3, 311 W.;
gefahr und schrecken wettern in der luft,
vertraue keinem, als nur mir allein
G. Freytag ges. w. 3 (1887) 220.
mit richtungsbestimmung, die vorstellung des donners und des blitzes vereinend:
so ging es dir Stettin, als gegen mitternacht,
die an sich schrecklich ist, der grossen mörser macht,
von allen lägern her, auf dich began zu wettern
Besser schr. (1732) 1, 57;
das schmetternde geschütz läszt aus den finstern lagen
den donner und den tod von beyden seiten schlagen ...
der von den Tschäicken uns behertzt entgegen wettert
Pietsch geb. schr. (1740) 13;
hätt ich den mächtigen donner, ich wollt dich zusammen wettern, verdammte welt Klinger Otto 52 lit.-denkm.;
des todes nacht schlug über mich zusammen,
als es gekrümmt, mit auf die brust
gesetzten hörnern, auf dich ein,
das rachentflammte untier, wetterte
H. v. Kleist w. 2, 327 H. Schmidt;
sein schwert wetterte nieder wie gottes blitz (1861) W. Raabe s. w. I 4, 141; wie sie sich rühren wollten, ist von ihrer hölzernen lagerstadt tief in Panonien drin kein span mehr übrig geblieben, so hat die fränkische landwehr drein gewettert Scheffel Ekkehard (1855) 156.
d)
im sinne von 'blitzen, wetterleuchten', meist in übertragenem gebrauch: es brennet, leuchtet und wettert daselbst allenthalben, von heiliger fewriger liebe Nicolai teutsche schr. (1617) 1, 2, 8ᵃ;
nun wird der lange tag durch rauch und dampf zur nacht
und die bewölckte nacht durch wettern licht gemacht
Pietsch geb. schr. (1740) 14;
so wie sonst Jupiters geschosz
dem adler in den klauen wettert ...
so gieng des deutschen adlers flug,
so liesz Eugen den wunderzug,
durch kalte wolken gehn, auf hohen bergen blitzen
Gottsched ged. (1751) 1, 21.
wie wetterleuchten 2 b γ: alle ... fältchen der ironie um seinen mund wetterten und zuckten Kahlenberg Eva Sehring (1901) 75; der sprecher merkte in seinem eifer wohl nicht, wie es in dem gesichte des alten wetterte und zuckte Polenz Büttnerbauer (1895) 1, 62. im vergleich: wie ein gewitter schnell von wolke zu wolke überbrennt, ... so wettert eine begeisterung blitzschnell durch ganze völker Görres ges. schr. (1854) 1, 244. in anlehnung an 4:
bald heist der müller dieb, bald musz der bäcker her,
bald wettern maul und bliz auf die, so mehr gewinnen
als sie mit fauler hand und niemahls rechtem spinnen
(1720) J. Chr. Günther s. w. 3, 98 lit. ver.
e)
prägnant für 'donnern'; es wettert oder wittert it thunders Ludwig t.-engl. (1716) 2462:
wie man beim ersten schmettern
des donners denken mag:
jetzt fängt es an zu wettern,
das war der erste schlag
Schwab ged. (1828) 2, 8.
so auch in nd. mundarten: donnern Mi Mecklenb. 105ᵇ; Mensing schlesw.-holst. 5, 562. übertragen auf andere geräusche: draufschlagen, dasz es wettere Kramer t.-ital. 2 (1702) 1339ᶜ;
Torf, der es freudig hört, wie man ihm beyfall wettert
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 30;
und ein hönisches wetterndes gelächter brach über ihn aus Lose schattenrisse (1783) 1, 40;
fühlt ihr nicht ein dumpfes wettern?
hört nur die trompete schmettern,
das verderben ist nicht weit
Göthe I 15, 1, 216 W.;
es scholl ... hinauf, als ginge ein wettern im erdinnern Zahn Albin Indergand (1901) 223; es wetterte dumpf in meinen ohren, wie in der nähe eines dampfkessels B. Kellermann Ingeborg (1911) 210;
Ziskas stimme, wie einst, mit macht
wettert durch Böhmen: erwacht! erwacht!
gott will die schlacht!
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1922) 30;
A. hob gewaltig den weiszen taktstock: hörner, trompeten! die basztuba — wettert ihn hinaus! Kluge Kortüm 1938) 638.
4)
'fluchen, schimpfen, poltern, drohen' (im anschlusz an ³wetter IV); der soldat wetterte entsetzlich miles omnia execrationis verba protrudebat Steinbach dt. wb. (1734) 2, 987: die unverzagten helden ..., die itzt Sant Velten, potz macht ... donnern und wettern, so dazumal nichts denn ach und awe singen kundten Luther 31, 1, 81 W.; wann mann ... wehrt das jn (den weibern) übel ansteht, da sehen sie, es solt ein milch daruon ersauren, sottern, brummen, wettern, dondern oder hencken ein kumaul an vnd herab sprichw., schöne weise klugreden (1548) 130ᵇ;
umsonst wird Addison des Miltons geist vergöttern;
des Franzen leichtsinn lacht, wenn dessen teufel wettern
Schwabe belust. (1741) 3, 243;
und ein soldat hat bey dem degen
noch lange nicht genung bravour ...
der nicht scharf wettert, schreyt und flucht,
und gott stets zu erzörnen sucht
Triller poet. betracht. (1750) 1, 295;
aber da fing er (Goethe) auch zu wettern und zu fluchen an über die verfluchte teufelsimagination unseres reformators Goethes gespr. ²1, 383 Biederm.; darüber fing die mutter wieder an zu wettern Arnim s. w. 2, 218 Grimm; hier fehlt uns aber so ein langer Matthes, ... der den ganzen tag wetterte und die faulen anhetzte Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 106; das ... selbstgespräch ... gieng ... in einen hagel von flüchen über, die ... von einem wütenden ... wettern begleitet wurden Vischer auch einer (1879) 1, 16; es sah nach krieg aus. zuerst wurde diese möglichkeit an der bewaffneten macht erkennbar, die officiere drillten eifriger ... und wurden in der weinstube lustig, weil sie mehr tranken und wetterten G. Freytag ges. w. 13 (1887) 35; er ... began ein schauderhaftes schelten und wettern gegen ... den steuerboten Rosegger schr. (1895) I 1, 90; zornig wetterten sie (die buszprediger) gegen gut und glanz dieser welt K. Brandl reformation (1927) 35; übrigens traf die maschine pünktlich ein. sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte Diederich H. Mann d. untertan (1949) 196. mundartlich in diesem sinne allgemein üblich; u. a. verzeichnet bei Mensing schlesw.-holst. 5, 562; Hönig Köln 200; Bauer-Collitz Waldeck 181; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 661; Fischer schwäb. 6, 739. ungewöhnlich ist transitiver gebrauch: der teufel soll euch holen! erzählt, oder ich wettre euch! Lenz ges. schr. (1828) 1, 173.
wetterung f.
Fundstelle: Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 771, Z. 7
abzugsgraben, bes. des eingedeichten landes; ein wort nl. herkunft, vgl. mnl. wateringe, nl. wetering, das als fachwort des deichbaus in unterschiedlicher lautform in Deutschland eingang findet: mnd. wateringe, weteringe, hd. wässerung (teil 13, sp. 2542). die für das nd. auffällige verkürzung des stammvokals ist vielleicht auf vermischung mit ³wette zurückzuführen. 'wetterung, auch nach der gemeinen aussprache wettern, ein graben, der zur ableitung des wassers dienet' brem. wb. 5, 207; Campe 5 (1811) 695. in nd. lautgestalt erscheint das wort oft in hd. texten: de fossis aquariis ..., wodurch inwendig landes alles gewässer nach dem teich, und die darin gelegte schleussen abgeführet wird. hi nostrate lingua, communissimis ac in vulgus notis vocabulis appellantur wetterungen, graben; belgica vero sloten, wateringen Hackmann von teichen u. dämmen (1690) 448; die kajendeiche trennen die einzelnen wetterungen oder abzugsgräben von einander Zesterfleth beschr. d. Alten Landes (1847) 56; weniger rasch geht diese erdbildung in den flieszenden gräben, den fleeten, wettern oder wasserlösen vor sich, welche allenthalben die marschen durchschlängeln, das überflüssige wasser den schleusen zuführend Allmers marschenb. (1900) 116; die gröszeren ableitungsgräben, wettern, fleeten Harms verm. aufs. u. kl. schr. (1853) 9. vgl. Mensing schlesw.-holst. 5, 612; Teuchert sprachreste 185 u. ö. dazu folgende zss.: wiättergrawen Bauer-Collitz Waldeck 231ᵇ; wetternrichter 'aufseher über deiche nnd siele', wetternwall 'wall am abzugsgraben', vgl. Benzler deichbau (1792) 2, 276; 277.
Zitationshilfe
„wettern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wettern>, abgerufen am 19.02.2019.

Weitere Informationen …