Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wetterwendisch, adj.

wetterwendisch, adj.,
unbeständig, wankelmütig; auch: tückisch. vereinzelt wetterwindisch (umgedeutet nach windisch (?), s. teil 14, 2, sp. 306): wetterwindische unbeständigkeit F. Wagner evang. censur (1640) 5; s. auch Fischer schwäb. 6, 745. zuerst bei Luther nachweisbar (in hinsicht auf das gegen eine getroffene vereinbarung verstoszende verhalten des dr. Eck): nu aber doctor Ecke vnuorwarneter sach mich alszo angreyfft ... hatt myr solche wetterwendische hynderlisztige griffe nit wollen gepüren zcuuorachtenn (1519) Luther briefw. 1, 357 W.; Johannes Eccius ... mit seinen wetterwendischen worten (1520) ders., w. 7, 8. durch das im sept. 1522 gedruckte neue testament erlangt das wort rasche verbreitung: aber er (der same) hatt nicht wortzeln ynn yhm, sondern er ist wetterwendisch (πρόςκαιρος, temporalis Vulg.), wenn sich trubsal ... erhebt Luther dt. bibel, Matth. 13, 21 W.; Mark. 4, 17 (vgl. got. hweilahwairbs; unstet, unstede in den hd. u. nd. bibelfrühdrucken); wetterwendisch auch in der Bugenhagen-bibel (Lüb. 1534), bei Dietenberger (1534) u. Eck (1537) ebda, doch nicht in der Zürcher bibel (1531). in späteren schriften Luthers noch oft begegnend, vgl. 34, 2, 95; 45, 79; 51, 549; briefe 11, 24; tischr. 3, 541 W. lexikalisch seit Er. Alberus: versutus, versipellis, Protheus der wenden und schleiffen kan, wetterwendisch, tückisch nov. dict. (1540) O 3ᵇ; Stieler stammb. (1691) 2500; Adelung 5 (1786) 195. mundartlich u. a. gebucht bei Mi mecklenb. 105; Bauer-Collitz Waldeck 113; Schambach Göttingen 290; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 661; Fischer schwäb. 6, 745; Unger-Khull steir. 630ᵃ. in älterer sprache liegt dem wort die vorstellung des sich in wind und wetter drehenden wetterhahnes zugrunde, vgl. wetterhahn 1 und wetterhahnisch: und dieweil dieselbigen wetterwendischen dise disputation ... vor wenig jaren angefangen und jetzt je lenger je mehr treiben, hat mich für gut angesehen, diesem gespräch jhren tittel unnd namen, proscaerus, das ist wetterwendischer zu geben W. Musculus papist. wetterhan (1585) A 3ᵇ;
wer in der warheit nit besteht,
mit leeren worten vile vmbgeht, ...
der ist ...
vnstetter, dann ein wetter han,
ist wetter wendisch gar ohn list
Eyering proverb. copia (1601) 2, 371.
ähnlich: welche Christus daselbs (Matth. 13) auff griechisch προςκαίρους, lateinisch temporarios, auff teutsch zeitling, und wetterwendisch, die den mantel nach dem wind richten, nennet Musculus papist. wetterhan (1585) A 3ᵇ; hinweg mit der wetterwendischen lieb, die sich nach dem wind kehret Dannhawer catech.-milch (1657) 2, 33. lexikalisch: homo ventosus ein vnbestendiger, wetterwendischer oder leichtfertiger mensch Faber thes. (1587) 919ᵃ. daneben trittbesonders in neuerer sprachedie vorstellung des wetterwechsels, vgl.: ein wetterwendischer oder wanckelmütiger mensch, der sich nach dem wetter wendet qui se change selon le temps et les occurences Duez germ.-gall.-lat. (1664) 671; diese bekundet sich auch in häufiger anwendung des wortes auf witterungsvorgänge: der lufftige ..., wetterwendische, ... grünliche, ... grünende aprill Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 103; und wenn die kinder etwas von des vaters seinem gemüthe, und etwas von der mutter ihrem bekommen, so müssen sie nothwendig so wetterwendisch werden, wie der april J. E. Schlegel w. (1761) 5, 170; die luft war ihm noch zu nebulos, zu wässerig-kalt, zu wetterwendisch Dörte sprichw. (1837) 29; am letzten tag des wetterwendischen februar war dem Ludwig ein unglück passiert O. M. Graf unruhe (1948) 328. vgl. noch: sie (die see) ist launisch, wetterwendisch und zeigt zu jeder stunde ein anderes gesicht Spielhagen s. w. (1877) 3, 22. im bilde:
Nelson war unser kriegsgott, ohne frage,
und ist es noch dem herzlichsten bekenntnisz;
doch von Trafalgar tönet kaum die sage,
und so ist fluth und ebbe wetterwendisch
Göthe I 3, 198 W.
von personen 'wankelmütig, launenhaft': so ist es doch nit wunder, dasz die empfindung göttlicher liebe in den wetterwendischen verschwindet J. Calvin, institutio christ. (1572) 355; da haben unruhige ehrsüchtige vnd wetterwendische leut ein grossen hader angerichtet J. Mathesius sarepta (1571) 68ᵇ; die Lotharinger bezeugten sich schon damals sehr wetterwendisch Hahn staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 2, 21; weil sie offt sehr tumm und doch sehr bauernstolz, sehr entreprenant und doch sehr wetterwendisch ..., so hat man sie oft wie die kinder im gängelbande führen müssen Zinzendorf reflexiones (1776) 278; sie war ein kleines bucklichtes fräulein, ... ein wenig wunderlich, wetterwendisch Bräker s. schr. (1789) 1, 17;
wie wetterwendisch sie's immer trieb,
er ärgerte sich und hatte sie lieb
Chamisso w. (1836) 3, 230;
so ist einmal das publikum, wetterwendisch, und weisz nicht warum Hauff s. w. (1890) 2, 337. 'abtrünnig': hette gern die confession verwandten getrennet vnd die reichsstedte wetterwendisch gemacht Mathesius ausg. w. 3, 201 L. gelegentlich auch von dem (mitunter nach witterung und jahreszeit) wechselnden verhalten der tiere: sondern auch der flüchtigen und wetterwendischen thieren (v. d. zugvögeln) aufenthalt oder herberge ... ist uns unbegreiflich Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 21; doch ist ihre (der affen) zuneigung ... ebenso wetterwendisch, wie sie selbst es sind Brehm tierl. 1, 41 P.-L. in der jägersprache: wetterlaunig, wetterwendisch nennt man jeden hund, der nur halb gezwungen und ohne freude seine jagdpflichten übt, auch zu hause nicht mit appetit friszt und sich immer trübselig zeigt Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 383. von ereignissen 'wechselnd, unbeständig': daher kompts, dass auff dem spiel alles muss wetterwendisch zugehen theatrum diab. (1569) 514ᵇ; im alter aber ward das zuvor so geneigte glück wetterwendisch, und ginge den krebsgang Happel hist. mod. Europae (1692) 2ᵃ; das glück fängt mir an wetterwendisch zu werden Göthe I 8, 106 W.; das volk, welches seine vergangenheit von sich wirft, entblöszt seine feinsten lebensnerven allen stürmen der wetterwendischen zukunft Görres ges. schr. (1854) 2, 144. ungewöhnlich: denn unsere orthographie ist so schlendrianisch und daher ... wetterwendisch dt. museum 4, 523 Fr. Schlegel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 773, Z. 35.

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wettermännlein widerprellen
Zitationshilfe
„wetterwendisch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wetterwendisch>.

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