Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wettstreit, wettestreit, m.

wett(e)streit, m.,
das bestreben, anderen den vorrang streitig zu machen; sponsio, certatio quae sponsione fit Stieler stammb. (1691) 2209; einen wettstreit mit jemand haben gareggiare con uno Kramer t.-ital. 2 (1702) 1009ᶜ; zum wettstreit auffordern aliquem in certamen vocare Aler (1727) 2182. schon im 17. jh. mehrfach bezeugt, z. t. in der form wettestreit Chr. Weise überfl. gedanken 10 ndr.; Logau poet. zeitvertreib (1725) 200. das wort entspricht weithin der bedeutung von wetteifer, bezeichnet jedoch mehr den äuszeren vorgang als den inneren antrieb (vgl. bes. wetteifer 2).
1)
der sinngehalt wird vor allem durch das grundwort streit bestimmt, 'eine auseinandersetzung, eine rivalität um den vorrang':
Marsyas lies mit Apollo sich in einen wettstreit ein,
weil der narr mit seiner pfeiffe wolte mehr als dieser seyn
(ausg. 17. jh.) wolgeschliffener narrenspiegel (o. j.) bei S. Brant narrenschiff 67 Zarncke;
der wettstreit des gottes seiner (des Moses) väter mit Pharao und den weisen Ägyptenlands Herder 12, 55 S.;
nun er das ewige mir abgewann,
und jenseits alles wettstreits wie ein gott
in der erinnerung der menschen wandelt
Schiller 14, 123 G.;
die kaiserin, voraussetzend, ... Preuszen werde auf die länge den wettstreit mit ihren reich bevölkerten erbstaaten nicht aushalten, ging von der üblichen sitte, die gegenseitigen gefangenen sogleich auszuwechseln, einige male ab Holtei erz. schr. (1861) 17, 19; wir sehen aller orten nur dynastische oder territoriale interessen der gemeinsten berechnung den unerquicklichen wettstreit um die schwankenden reste des herrenlosen reiches führen Häusser dt. gesch. (1854) 2, 375; zwei grosse, auf einander eifersüchtige, in unaufhörlichem wettstreit begriffene mächte hielten einander wechselseitig in schranken Ranke s. w. (1867) 38, 169; der wettstreit der mächtigeren gaue entzweite nicht blosz diese Mommsen röm. gesch. (1866) 3, 226. 'widerstreit' im gefühls- und seelenleben, im ringen der werte: wettstreit zwischen der verschwendung und dem geitz Grimmelshausen Simpl. contin. 2 Scholte; hier wolte verzweiffelung und grossmuth einen gefährlichen wettstreit in seiner seele antreten Ziegler asiat. Banise (1689) 518; ehre und liebe hielten bei ihme gleichsam einen wettstreit Happel Witekind (Ulm o. j.) 3, 51; und der wettstreit von glauben und unglauben begann aufs neue Göthe I 7, 167 W.; die barmherzigkeit gegen die ... märterer und der zorn über die ... hundemutter gerieth in wettstreit Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 11; man sieht, es war der alte wettstreit zwischen ästhetisch und ethisch H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 190.
2)
'das bemühen, einander zu überbieten, sich den vorrang streitig zu machen'; das erstrebte ziel ist meist positiv gewertet: allda sie viel schwere kriege geführt, ... auch denen asiatischen königen einen wettstreit um ihre freundschafft und bündnis erregt, und sich zu einer furcht desz Orients gemacht Valvasor herzogth. Crain (1689) 1, 65;
endlich musz die jugend sich
durch den schnellen lauff verzehren,
oder es beruffet dich
liebe, lust und eitelkeit
in der tugend wettestreit
Chr. Weise überfl. gedanken 10 ndr.;
hoff, musen, land und volck fleng einen wettstreit an
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 89;
unter diesen beyden männern entsteht ein wettstreit der groszmuth anmuth. gelehrsamk. (1751) 6, 368 Gottsched; wir haben erkannt, dass sie (die weiber) ohne allen vergleich im wettstreite der liebe weit hitziger sind wie wir Bode Montaigne (1793) 5, 174; es ereignete sich, dasz ich immer einen fusz vor den andern setzen muszte, worauf jener wieder nicht der hinterste seyn wollte, indem der andere voranlief und aus diesem wettstreit war das wandern zusammengesetzt Tieck schr. (1828) 9, 250. oft in verbindung mit dem attribut edel: und der vorfahren heldentugend erhitzte ihre nachfolger zu einem edlen wettstreit auf dieser heiligen erde (bei Leipzig) Schiller 8, 392 G.; unter dem thore gab es dann einen edlen wettstreit M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 86; es entstand nun ein edler wettstreit unter ihnen Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 14, 143.
3)
im gegensatz zu wettkampf nur vereinzelt vom leistungskampf in spiel und sport: ferner, wenn man nicht durch ... wettstreite und spiele ... helfen kann, thut man ... wohl, die aufmerksamkeit durch das hinschreiben ... zu fesseln allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25/36 (1771) 2139; sie werden also fackeln halten und die einander hinreichen im wettstreit zu pferde? Schleiermacher Platons w. (1804) 6, 74;
verherrlichte die feste der götter
mit stattlichen rindopfern
und wettstreits fünftägigem kampf
Göthe I 4, 315 W.;
den ... gedanken des gymnastischen wettstreits Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 211.
4)
dagegen häufig von dem strebenden bemühen in wissenschaft und kunst: welche zuloben jederzeit der gelehrtesten federn wettstreit gewesen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 38;
der schäfer wettstreit schlicht, die auf der flöte spielen
discourse d. mahlern (1721) 2, 34;
einen wettstreit kluger und wohlgefaszter gedanken Zinzendorf d. dt. Socrates (1732) 6; eine ganze zunft meistersänger ..., welche zu zeiten einen wettstreit mit ihren gedichten untereinander angestellet Gottsched beitr. z. crit. hist. (1732) 1, 26; ich bin aber sehr beschämt, dasz sie (die gelehrten) auch mich zu ihrem wettstreit aufrufen, der ich mir meiner unfähigkeit nur gar zu sehr bewuszt bin Schwabe belust. (1741) 3, 247; aller wettstreit, in welchen sich geringere genies mit ihm einlassen, dient zu weiter nichts, als seine weisheit in ihr bestes licht zu setzen Lessing 6, 453 L.-M.; Agathon dachte an nichts weniger als dass er bey diesem wettstreit eines haufens von sophisten eine rolle zu spielen bekommen würde Wieland Agathon (1766) 2, 174; Cajus hatte wettstreite der beredsamkeit ... errichtet Herder 9, 336 S.; bei der braut von Messina habe ich, ich will es ihnen aufrichtig gestehen, einen kleinen wettstreit mit den alten tragikern versucht (1803) Schiller br. 7, 34 Jonas; das resultat wird immer höchst merkwürdig seyn, weil der französische und deutsche geist vielleicht noch niemals einen so wunderbaren wettstreit eingegangen haben Göthe IV 20, 228 W.; auch die Engländer traten in diese arena des literarischen wettstreites der völker Ranke s. w. (1867) 31/32, 83.
5)
in zusammenhängen, in denen später das wort wettbewerb (s. d.) üblich wird: er kann sich selbst in den wettstreit nicht mit einlassen, wenn er sich dieses bey der bekanntmachung nicht ausdrücklich vorbehalten hat allg. landrecht f. d. preusz. staaten (1794) 1, 11 § 991; die kleine ausnahme ... ist ein anderer schuster, ... der aber ... es sich nicht im entferntesten beikommen lässt, mit dem vornehmen platzschuster in einen wettstreit einzugehen Stifter s. w. 5, 1 (1908) 209; dieser commercielle wettstreit ... wirkte nothwendig auch auf die andern verhältnisse der staaten zurück Ranke s. w. (1867) 30, 80.
6)
in mannigfacher übertragung; in der literatursprache des 18. jhs. gern vom wetteifernden singen der vögel (vgl. wetteifern 6):
wie? will der vögel muntrer schall
in einem süssen wettstreit zanken?
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 282;
diese kleinen wäldergäste
sungen sämmtlich auf das beste.
als entstünd ein wettestreit
um der stimmen lieblichkeit
Logau poet. zeitvertreib (1725) 200;
(kuckuck) und rohrdommel enden in einem angenehmcadenzirten wettstreit Herder 23, 341 S. bei sonstigen akustischen und optischen vorgängen: gleichsam als ob meines magens ein- und auszgang einen wettstreit miteinander gehalten hätten, welcher unter ihnen beyden die schröckliste stimm von sich zu donnern vermöchte Grimmelshausen Simpl. 85 Scholte; sie hatte sich in grün und silber gekleidet und waren iederzeit die schwartzen locken mit diamanten reichlich durchflochten: also dass ihre pracht einen ungemeinen wettstreit mit dero blitzenden augen verursachten Ziegler asiat. Banise (1689) 107;
ja siehe höchst vergnügt, dasz deine rare pracht
den andern sternen selbst den grösten wettstreit macht
Hunold edle bemühung (1702) 118;
gantz nahe bey demselben stand der abendstern, welcher ihm mit seinem glantze gleichsam den wettstreit anzubieten schien vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 79 Gottsched; vor allen (glocken) erhob den ehernen gesang das schöne geläut der heiligen jungfrau ..., wie im wettstreit antwortete aus der neustadt der grosze Jacob G. Freytag ges. w. 11 (1887) 5.
7)
auch beim abwägen und vergleich einzelner eigenschaften klingt die vorstellung des gegenseitigen überbietens noch an (vgl. wetteifern 7): es wolten auch der hals und der busen in wettstreit treten Stubenberg Samson (1657) 53; denn ich sichere, dass ich eurenthalben eine solche schönheit verlassen müste, welche sich mit der euren gar leicht in einen wettstreit einlassen könte Ziegler asiat. Banise (1689) 168; ihr kleiner mund war mit ein paar lippen verschlossen, die der rothen tulpenfarbe in diesem garten den wettstreit anboten vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 164 Gottsched; er ... zog alsdann mit mir nach der gesegneten stadt Coblenz, die ... vielleicht an anmuth ihrer blühenden gegenden mit jeglichem orte in der welt ... wettstreit zu halten vermag Fouqué zauberring (1812) 2, 176; ich ... fügte hinzu, ... dasz wir haushälterinnen eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden mädchen keinen wettstreit aushalten können Göthe I 23, 56 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 789, Z. 16.

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Zitationshilfe
„wettestreit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wettestreit>.

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