Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wettmachen, vb.

wettmachen, vb.,
eine schuld begleichen, einen ausgleich schaffen, zu ¹wett, adj.; in älterer sprache noch absolut gebraucht: begerte er mit jhnen wette zu machen, wenn sie jhm für alle schuld nur dises bild liessen zu kommen Heyden Plinius (1565) 53; sonst allgemein transitiv und mit persönlichem subjekt; nur vereinzelt mit unpersönlichem subjekt:
du hast mich nicht geliebt, je, ich dich auch nicht!
das macht uns wett
Grillparzer s. w. 6, 112 Sauer.
mundartlich wiederholt verzeichnet, vgl. Böger Schwalenberg 167; Spiess Henneberg 282; Rovenhagen Aachen 162; Meisinger Rappenau 230; Schmidt Westerwald 327; Vilmar Kurhessen 451. nicht in diesen zusammenhang gehört reflexives sich wette machen, s. ¹wett 1 b.
1)
'eine schuld begleichen, abbüszen, einen frevel sühnen' u. dgl.; quitare quittiern; ledigen der schuld halben; wet machen vnd fry ledig der schuld halben (15./16. jh.) Diefenbach gl. 481ᵃ; nov. gl. 312ᵃ:
so mag ich z letzst wol busz drumb than
und mags noch alles machen wett
Wickram w. 5, 79 lit. ver.;
were jemants ... so arm, das er ... obgeschribne geltstraf zu bezalen nit vermoͤcht, der soll es im thurn ... wett machen (1533) rechtsqu. v. Basel 1, 255; endlich ward einhellig beschlossen, dasz ein jeder von den saubergemachten bauren solches an zehen soldaten also wett machen und zu jedemmal sagen solte: hiermit lösche ich wieder aus und wische ab die schande, die sich die soldaten einbilden empfangen zu haben Grimmelshausen Simpl. 42 Scholte; immassen der blosse vorwand, ob wäre durch den tod (des hingerichteten) alles wett gemacht worden, die hinterlassene erben von bezahlung obiger kösten niemahls entledigen mag cod. jur. Bavar. crim. de anno 1751 (o. j.) 136;
wenn du auf hoffnung bessrer zeiten dienst,
wo ich wettmachen alte schulden könnte
Rückert ges. poet. w. (1867) 10, 232;
verklag mich nicht da droben! wir wollens noch bei lebzeit wett zu machen suchen Storm s. w. (1899) 6, 96; habe ich diese sünde durch richtiges geld bei den heiligen wett gemacht G. Freytag ges. w. 11 (1887) 15. auch weitergreifend 'eine schuld (ohne bezahlung) aufheben, aus der welt schaffen' (s. ¹wett, adj., 1): dann sie (grosze herren) imer drachten, ursach ab aim zaun zu reiszen, damit sie ohne bezallung megen ledigen und wettmachen, wie das auch bei unsern zeiten beschehen ist Zimmer. chron. (1881) 2, 459 Barack.
2)
gleiches durch gleiches vergelten (im hinblick auf zwei handelnde personen).
a)
eine dankesschuld abstatten (anknüpfend an 1), eine zuvorkommenheit erwidern: coaequare gratiam omnium difficele est schwerlich kans einer allen leuten, die jhm guts erzeigen, wieder vergelten, bey jhnen gleich oder wett machen Corvinus fons lat. (1646) 17; jeder sagte, er hätte gegen dem andern noch nicht gethan, was ein freund dem andern thun solte, ja bey weitem die gutthaten, so er vom andern empfangen, noch nit wett gemacht Grimmelshausen Simpl. 374 Scholte; (darauf) nahmen die unsrigen vom wirth ihr adieu, mit anerwüntschung einer gesunden nachtruh, so er mit gleichem wuntsch wieder wett machte Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 569;
wenn ich einmal nach meiner trauer
vermählet bin, so mach es wett
Arist schilderungen (1764) 41;
ich möchte dir gern deine edle gastfreundschaft wettmachen (1807) Jahn br. 27 Meyer; ich erkenns dankbar, wir wollen sehen, wie wirs wettmachen Auerbach schr. (1892) 2, 126; etwas wett machen einen dienst durch gegendienst vergelten, sich revanchieren Fischer schwäb. 6, 732.
b)
'zugefügten schaden, nachteil usw. durch gleiche tat vergelten', allgemeiner auch 'jemandem etwas heimzahlen'; einem einen schimpf wieder wettmachen render torto per torto Kramer t.-ital. 2 (1702) 1337ᶜ; dolum dolo compensare list mit list wettmachen Nürnberger wb. (1713) reg. 15: (gott will) jr heuchlerische erbarkeyt vnnd frommkeyt vor der welt mit gleich eusserlichen heuchlerischen gütern (reichtum) bezalen, belonen vnd wett machen sprichw., schöne weise klugreden (1548) 66ᵇ; die philosophi lehren, das die götter vor nichts sorgen, ... nemen sich auch der menschen ... nichts an; disz hat Socrates wett gemacht, ... ist auffm boden blieben Lehmann floril. polit. (1662) 1, 417; Maximilian ... K. Matthiae frevel wettmachend, ... Stulweissenburg samt vielen andern städten in Hungarn eroberte Birken verm. Donaustrand (1684) 159; er wird mir wohl wieder wett zu machen suchen, kann mir aber doch nicht beikommen papiere eines verstorbenen (1787) 270; als ... die Preuszen mit den Franzosen krieg führten, und durch die provinz Champagne zogen, dachten sie nicht daran, dasz sich das blättlein wenden könnte, und dasz der Franzos noch im jahr 1806 nach Preuszen kommen und den ungebetenen besuch wett machen werde Hebel schatzkästl. (1811) 171; meint der liebe himmel er hat mich, eh er sichs versieht, bin ich ihm entwischt. — und eine philosophie schaffe ich mir gegen ihn an, die es ihm wettmacht Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 432;
dem buhler, der dich necket,
mit andern dirnen hecket,
verschliesse du dein bett,
und mache es ihm wett
Brentano ges. schr. (1852) 6, 171.
3)
etwas nachteiliges durch vorteilhaftes aufwiegen (und umgekehrt; meist nur im hinblick auf eine person).
a)
allgemein:
möcht ich dich in mein gwalt auch bringen,
das ich über dich z gbieten hett,
solt ich mein sach wol machen wett
Wickram w. 4, 225 lit. ver.;
und wird darinnen gar ein sicherer port und macht also die gefahr, die man im eingang hat müssen auszstehen, wett Lautenbach Egesippus (1575) 78ᵃ; das risiko, das die kreditgeber laufen, suchen sie durch die lieferung preisunwürdigen schundes wettzumachen hdwb. d. staatswiss. (1898) 5, 825; Nietzsche scherzte sehr ernst, als er aussprach, die Deutschen hätten das pulver erfunden, was aller achtung wert sei, hätten es aber wieder wettgemacht: sie erfanden die presse bei Pinder dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 79; ähnlich auch (in engerem anschlusz an 1 'einen preis zahlen'): frau Martha muszte die geburt des kindes mit ihrem eigenen leben wettmachen Rosegger schr. (1895) III 4, 6.
b)
einen schaden, einen verlust ersetzen: dass der schade ... leichtlich eingebracht vnd wette gemacht würde Schütz hist. rer. Prussic. (1592) 2, O 4ᵇ;
unangesehen, dasz ich dem Grifon sie (d. waffen) gegeben,
so hett ich solchs bey jhm doch wollen wol erheben,
dasz er die waffen gern euch vberlassen hett,
ich wolt es haben jhm gemacht wol wieder wett
Dietrich v. d. Werder hist. vom ras. Roland (1634) 2, 211;
vier stunden schlaf ist genug für einen so tollen tag wie den heutigen, auf den drei nächte gehören, wenn man die verlornen ruhestunden wett machen wollte Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 379; meine weiteren anträge, ... die diesen scheinbaren entgang der einkünfte ums doppelte wettmachen Hohlbaum Stein (1934) 76; und wo auszerdem Waldzell den im vergangenen jahre erlittenen verlust und miszerfolg wettmachen sollte H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 372. ähnlich 'ein versäumnis einholen': er wolle sich auf die hosen setzen und die versäumten jahre schleunigst wettmachen Zillich weizenstrausz (1938) 75.
c)
einen fehler, einen mangel durch andere vorteile oder vorzüge ausgleichen: schon als bube hatte er ... die kniffe, womit die schlauern über ihn herr zu werden suchten, durch überlegene kraft wettgemacht M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 178; eine disharmonie, die durch das ebenmasz des grundrisses nicht wettgemacht wird Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 43; (er) stand auf der stufenleiter des geistes also noch tief unter uns, was er durch ungeheuerliche erzählungen von der vollkommenheit seiner lehrer und mitschüler ... wettzumachen suchte E. Wiechert wälder u. menschen (1936) 112; weise werden ist die stolzeste art, wie menschen die verarmung ihres lebens wettmachen Stehr stundenglas (1936) 263; dessen unfähigkeit sich durch die energie und treue eines glänzenden kindes wettgemacht fand Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 471; auch das gewissen des jungen beruhigte sich (über den vom vater besorgten adel), als er mit vielen verwundungen den geldadel wettmachte A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 22. in psychologischer hinsicht 'kompensieren': der vater ... exzellierte gleichmäszig in umgangsformen und weiszester wäsche, während sein sohn, auf den sich, von der mutter her, eine das kränkliche streifende zartheit vererbt hatte, diese zartheit durch etwas sehr bestimmtes in seinem wesen wieder wettzumachen wuszte Fontane ges. w. (1920) II 1, 142; ich habe noch jahre und jahrzehnte gebraucht, um das gleichgewicht gegen diese kindischgierige (geistige) überspannung wiederzufinden und die unvermeidliche körperliche ungeschicklichkeit einigermaszen wettzumachen Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 79.
d)
den (als eigenen nachteil gewerteten) vorsprung eines anderen einholen: 1903 haben wir auch Englands vorsprung in der roheisenerzeugung wettgemacht (1924) K. A. v. Müller aufs. u. vortr. (1926) 74; die wittib ... setzte ihre letzte kraft ein (beim wettlauf), den vorsprung der jungfer wettzumachen Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 199.
e)
gelegentlich auch 'eine (nachteilige) wirkung, einen effekt aufheben': die wirkung der nachtfröste sucht man mitunter dadurch wettzumachen, dass man die ... steine über nacht mit ringofenschieberpapier ... belegt Muspratt chemie 8 (1905) 683; eine überraschung machte die andere wett Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 35.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 783, Z. 73.

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Zitationshilfe
„wettmachen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wettmachen>.

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