Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wetzstein, wetzestein, m.

wetz(e)stein, m.,
stein zum schärfen von schneidewerkzeugen. schon ahd. oft bezeugt, meist mit fugenvokal: cos uuezzistein (9. jh.) ahd. gl. 2, 84, 32; 93, 59; 363, 4 u. ö. (Gröger d. ahd. u. as. kompositionsfuge 364); uuezstân (10. jh.) 4, 175, 22; 3, 360, 60 u. ö. der fugenvokal hält sich schriftsprachlich vereinzelt bis ins 17. jh.: wetzestein Prätorius phil. colus (1662) 94; S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) 10; noch mundartl.: wetzestain Frederking Hahlen 173; we̜təsten Martin Waldeck 283; betze-stoan Schmeller cimbr. 173. in frühnhd. glossaren häufig gebucht, vgl. s. v. allo Diefenbach gl. 24ᵇ; nov. gl. 16; cos gl. 154ᵃ; nov. gl. 116ᵇ; lapsorium gl. 318ᶜ. in diesen glossaren als übersetzung meist neben schleifstein begegnend, doch später deutlich von diesem differenziert: wetzstein ein stein, messer und andere steine durch wetzen, d. i. hin und her reiben, darauf zu schärfen; zum unterschiede von einem schleifsteine, der um seine axe beweglich ist Adelung 5 (1786) 196.
1)
im eigentlichen sinne:
nu lac dâ bî im ein
harte guot wetzestein,
dâ begunde erz (das messer) ane strîchen
Hartmann v. Aue armer Heinrich 1218 G.;
dein groben paurenschuch zeuch ab,
den selben für ein wetzstein hab
Scheit Grobianus v. 683 ndr.;
zeuch es (das wagebälklein) ... mit einer linden feilen glat vnd rein, oder mit einem linden wetzstein Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 36ᵇ; vnd nemlich was wetzstein sind, dergleichen auch etlich hoͤltzer, so hineyn gelegt werden, diss wasser durch gehet vnd seine poros anfuͤllt Paracelsus opera 2, 53ᴮ Huser; deren wasser das holz ... also ... haͤrtet, dass es zum theil vor einen wetzstein zugebrauchen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 57; auf den wiesen klirrte die sense des schnitters am wetzstein G. Freytag ges. w. 4 (1887) 13; Josef, der kumpf und wetzstein am ledergurte hat, musz ihr die sichel schärfen Rosegger schr. (1895) I 4, 343; blieb es nun wirklich tiefstill, man hörte nur manchmal die sensenschärfenden wetzsteine von den wiesen herüber Carossa d. arzt Gion (1931) 160. wetzsteine werden aus sandsteinarten, tonschieferarten, ja sogar kalksteinarten hergestellt, vgl. Voigt beitr. z. e. mineral. id. (1789) 324; vereinzelt als gesteinsbezeichnung: zuweilen pflegt er (der wetzschiefer) auch wetzstein genennet zu werden Werner oryktognosie (1792) 103; einc riesenkeule, die von glattem wetzstein gefertigt war J. Grimm dt. mythol. (1875) 1, 443.
2)
in bildlichem und übertragenem gebrauch für das schärfende, anreizende, verlockende, anspornende:
man solt ûf rîchtuom ahten klein,
wan er ist stiuvels wetzestein,
sîn netze und sîn vederspil
Thomasin v. Zirclaria v. 8066 Rückert;
durch erkantnusz der creaturen komen wir in erkantnus des schöpffers, dem andern seind sy ain strauchstain vnd ain wetzstain zu ewiger verdamnusz Keisersberg granatapfel (1510) f 1ᵇ; noht ist der allerschaͤrffste wetzstein, so auch das stumpffste hirn schleiffen kan Francisci d. hohe traursaal (1665) 1, 594; der reichthum und vortrefflichkeit dieses königreichs war den türckischen tyrannen ein wetzstein ihrer habbegierde Boethius kriegshelm wider d. türck. tulband (1686) 3;
das liebe zehrlein wein
sieht anders mir nicht aus als unser wetzestein,
der muth und hertze schärfft
Opitz opera (1690) 1, 104;
so war ein kluges buch und ein gelehrtes wachen
der wezstein, ihm verstand und degen scharf zu machen
(1714) Günther s. w. 5, 43 Krämer;
die der vergänglichkeit trutz biethenden werke der alten griechischen und lateinischen dichter sind ... der eigentliche wetzstein des verstandes, für alle dichter der heutigen welt anmuth. gelehrsamk. (1751) 5, 213 Gottsched; und von diesem augenblicke sahe ihn der sultan als einen wetzstein seines witzes an Klinger s. philos. romane (o. j.) 7, 152; das französische ..., ein wetzstein des urtheils und des sich hell mittheilenden verstandes Herder 23, 67 S.; wer immer mit dem wetzstein der reue die schneide wirksam erhalten hat, darf später auch 'freude' sagen El. Langgässer märk. Argonautenfahrt (1950) 402.
3)
redensartlich und sprichwörtlich; er hat gelt in ein wetzstein vernehet braucht man auch wider die etwas suchen vnd jrr gehen, aber ein anderes fürwenden S. Franck sprüchw. (1541) A 4ᵇ : (Zwingli werfe Fabri vor) er hab gelt in die eidtgnoschafft gefuͤrt vnnd damit die disputation erkaufft, das er warlich in ein wetzstein musz vernehet haben, den die frummen weisen herrn der xij. oͤrt kuͤnnet ye nit erfaren wo das gelt hin kumen sey Th. Murner worhafftigs verantworten (1526) B 1ᵇ;
so hab ich min seckel vergessen,
darin ich gwonlich min müntz bhalt.
die kronen aber, nüw und alt,
hab ich in ein wetzstein vernaͤyt
H. R. Manuel d. weinspiel v. 837 ndr.;
arme leute vernehen das geld in einen wetzstein Schottel haubtspr. (1663) 1144; vergebne arbeyt. ein wetzstein fütern, mästen S. Franck sprüchw. (1541) G 3ᵃ;
einen dürren wetzstein mästen,
osten setzen zu dem westen ...
wer sich dess wil unterstehen,
mus mit schimpff zurücke gehen
Logau sämtl. sinnged. 149 lit. ver.
4)
für gebackenes verschiedener art (im vergl.: fermentum hebt den taig auff, ... dasz er geht ... vnd nicht auffeinander liegt wie ein wetzstein Corvinus fons lat. [1646] 341): wetzsteine waren ehemal übel gebackene brot Müller-Fraureuth obersächs. 2, 661. hierzu vgl. auch wâtstê, m. (nösn.), 'unausgebackenes brot', watzich, adj. (Eifel) 'unausgebacken' Kisch vgl. wb. 244ᵃ. weiterhin: an einigen orten haben die becken ein aus butterbrezelteig bereitetes gebacknes, so länglicht, welches auch wetzstein heisset, allg. haush.-lex. (1749) 3, 721; ein beliebtes kleines, kuchenartiges gebäck, das die umwohner unserer stadt gern ihren kindern als Leipziger wahrzeichen mitnehmen Albrecht Leipziger ma. 236ᵇ; von butter triefende maulschellen und wetzsteine verzehret Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 77.
5)
pflanzenname: synonym mit hauhechel, ononis L. Perger (1858) 1, 182;
weiberkrieg heisst dieses kraut. —
o schweige, andere namen mach ich laut,
hauhechel, pflugsterz, wetzstein, katzenspeer
Brentano ges. schr. (1852) 6, 135.
in gleicher bedeutung auch wetzsteinkraut, n. Campe 5 (1811) 696; Pritzel-Jessen 252; Brentano ges. schr. (1852) 6, 427 Marzell pflanzenn. reg. 618.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 801, Z. 45.

wetzstein, wetzestein, m.

wetz(e)stein, m.,
stein zum schärfen von schneidewerkzeugen. schon ahd. oft bezeugt, meist mit fugenvokal: cos uuezzistein (9. jh.) ahd. gl. 2, 84, 32; 93, 59; 363, 4 u. ö. (Gröger d. ahd. u. as. kompositionsfuge 364); uuezstân (10. jh.) 4, 175, 22; 3, 360, 60 u. ö. der fugenvokal hält sich schriftsprachlich vereinzelt bis ins 17. jh.: wetzestein Prätorius phil. colus (1662) 94; S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) 10; noch mundartl.: wetzestain Frederking Hahlen 173; we̜təsten Martin Waldeck 283; betze-stoan Schmeller cimbr. 173. in frühnhd. glossaren häufig gebucht, vgl. s. v. allo Diefenbach gl. 24ᵇ; nov. gl. 16; cos gl. 154ᵃ; nov. gl. 116ᵇ; lapsorium gl. 318ᶜ. in diesen glossaren als übersetzung meist neben schleifstein begegnend, doch später deutlich von diesem differenziert: wetzstein ein stein, messer und andere steine durch wetzen, d. i. hin und her reiben, darauf zu schärfen; zum unterschiede von einem schleifsteine, der um seine axe beweglich ist Adelung 5 (1786) 196.
1)
im eigentlichen sinne:
nu lac dâ bî im ein
harte guot wetzestein,
dâ begunde erz (das messer) ane strîchen
Hartmann v. Aue armer Heinrich 1218 G.;
dein groben paurenschuch zeuch ab,
den selben für ein wetzstein hab
Scheit Grobianus v. 683 ndr.;
zeuch es (das wagebälklein) ... mit einer linden feilen glat vnd rein, oder mit einem linden wetzstein Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 36ᵇ; vnd nemlich was wetzstein sind, dergleichen auch etlich hoͤltzer, so hineyn gelegt werden, diss wasser durch gehet vnd seine poros anfuͤllt Paracelsus opera 2, 53ᴮ Huser; deren wasser das holz ... also ... haͤrtet, dass es zum theil vor einen wetzstein zugebrauchen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 57; auf den wiesen klirrte die sense des schnitters am wetzstein G. Freytag ges. w. 4 (1887) 13; Josef, der kumpf und wetzstein am ledergurte hat, musz ihr die sichel schärfen Rosegger schr. (1895) I 4, 343; blieb es nun wirklich tiefstill, man hörte nur manchmal die sensenschärfenden wetzsteine von den wiesen herüber Carossa d. arzt Gion (1931) 160. wetzsteine werden aus sandsteinarten, tonschieferarten, ja sogar kalksteinarten hergestellt, vgl. Voigt beitr. z. e. mineral. id. (1789) 324; vereinzelt als gesteinsbezeichnung: zuweilen pflegt er (der wetzschiefer) auch wetzstein genennet zu werden Werner oryktognosie (1792) 103; einc riesenkeule, die von glattem wetzstein gefertigt war J. Grimm dt. mythol. (1875) 1, 443.
2)
in bildlichem und übertragenem gebrauch für das schärfende, anreizende, verlockende, anspornende:
man solt ûf rîchtuom ahten klein,
wan er ist stiuvels wetzestein,
sîn netze und sîn vederspil
Thomasin v. Zirclaria v. 8066 Rückert;
durch erkantnusz der creaturen komen wir in erkantnus des schöpffers, dem andern seind sy ain strauchstain vnd ain wetzstain zu ewiger verdamnusz Keisersberg granatapfel (1510) f 1ᵇ; noht ist der allerschaͤrffste wetzstein, so auch das stumpffste hirn schleiffen kan Francisci d. hohe traursaal (1665) 1, 594; der reichthum und vortrefflichkeit dieses königreichs war den türckischen tyrannen ein wetzstein ihrer habbegierde Boethius kriegshelm wider d. türck. tulband (1686) 3;
das liebe zehrlein wein
sieht anders mir nicht aus als unser wetzestein,
der muth und hertze schärfft
Opitz opera (1690) 1, 104;
so war ein kluges buch und ein gelehrtes wachen
der wezstein, ihm verstand und degen scharf zu machen
(1714) Günther s. w. 5, 43 Krämer;
die der vergänglichkeit trutz biethenden werke der alten griechischen und lateinischen dichter sind ... der eigentliche wetzstein des verstandes, für alle dichter der heutigen welt anmuth. gelehrsamk. (1751) 5, 213 Gottsched; und von diesem augenblicke sahe ihn der sultan als einen wetzstein seines witzes an Klinger s. philos. romane (o. j.) 7, 152; das französische ..., ein wetzstein des urtheils und des sich hell mittheilenden verstandes Herder 23, 67 S.; wer immer mit dem wetzstein der reue die schneide wirksam erhalten hat, darf später auch 'freude' sagen El. Langgässer märk. Argonautenfahrt (1950) 402.
3)
redensartlich und sprichwörtlich; er hat gelt in ein wetzstein vernehet braucht man auch wider die etwas suchen vnd jrr gehen, aber ein anderes fürwenden S. Franck sprüchw. (1541) A 4ᵇ : (Zwingli werfe Fabri vor) er hab gelt in die eidtgnoschafft gefuͤrt vnnd damit die disputation erkaufft, das er warlich in ein wetzstein musz vernehet haben, den die frummen weisen herrn der xij. oͤrt kuͤnnet ye nit erfaren wo das gelt hin kumen sey Th. Murner worhafftigs verantworten (1526) B 1ᵇ;
so hab ich min seckel vergessen,
darin ich gwonlich min müntz bhalt.
die kronen aber, nüw und alt,
hab ich in ein wetzstein vernaͤyt
H. R. Manuel d. weinspiel v. 837 ndr.;
arme leute vernehen das geld in einen wetzstein Schottel haubtspr. (1663) 1144; vergebne arbeyt. ein wetzstein fütern, mästen S. Franck sprüchw. (1541) G 3ᵃ;
einen dürren wetzstein mästen,
osten setzen zu dem westen ...
wer sich dess wil unterstehen,
mus mit schimpff zurücke gehen
Logau sämtl. sinnged. 149 lit. ver.
4)
für gebackenes verschiedener art (im vergl.: fermentum hebt den taig auff, ... dasz er geht ... vnd nicht auffeinander liegt wie ein wetzstein Corvinus fons lat. [1646] 341): wetzsteine waren ehemal übel gebackene brot Müller-Fraureuth obersächs. 2, 661. hierzu vgl. auch wâtstê, m. (nösn.), 'unausgebackenes brot', watzich, adj. (Eifel) 'unausgebacken' Kisch vgl. wb. 244ᵃ. weiterhin: an einigen orten haben die becken ein aus butterbrezelteig bereitetes gebacknes, so länglicht, welches auch wetzstein heisset, allg. haush.-lex. (1749) 3, 721; ein beliebtes kleines, kuchenartiges gebäck, das die umwohner unserer stadt gern ihren kindern als Leipziger wahrzeichen mitnehmen Albrecht Leipziger ma. 236ᵇ; von butter triefende maulschellen und wetzsteine verzehret Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 77.
5)
pflanzenname: synonym mit hauhechel, ononis L. Perger (1858) 1, 182;
weiberkrieg heisst dieses kraut. —
o schweige, andere namen mach ich laut,
hauhechel, pflugsterz, wetzstein, katzenspeer
Brentano ges. schr. (1852) 6, 135.
in gleicher bedeutung auch wetzsteinkraut, n. Campe 5 (1811) 696; Pritzel-Jessen 252; Brentano ges. schr. (1852) 6, 427 Marzell pflanzenn. reg. 618.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 801, Z. 45.

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Zitationshilfe
„wetzestein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wetzestein>.

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