Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wibel, wibbel, m.

wib(b)el, m.,
(korn-, mist-)käfer. ahd. wibil, mhd. wibel; as. -wivil; mnd. mnl. wevel; ags. wifel, engl. weevil; an. vifill als beiname, (torđ) -yfill 'mistkäfer'; norw. -ivel, schwed. -yvel, vivel. zugrunde liegt germ. *webila-, eine ableitung von der idg. wurzel *u̯ebh- 'sich hin und herbewegen, wabern, kribbeln, wimmeln', s. Walde-Pokorny 1, 258; Pokorny 1115; Schwentner PBB 51, 21. auszergerm. entsprechen lett. vabuolis, vabule, lit. vãbalas (ins dt. entlehnt als wabbel, s. teil 13, sp. 5, dt. wortatlas I karte 24). das germanische wort ist ins afrz. entlehnt als guibet, bibot und begegnet in mannigfachen lautformen noch in frz. dialekten, s. Meyer-Lübke nr. 9527. — auch im dt. tritt das wort in verschiedenen lautvarianten auf. schon früh ist die verdunklung des stammvokals nachweisbar (dazu vgl. ³wicht, m., wucht, f.): wupil (13. jh.) ahd. gl. 3, 55, 31; wubbel (15. jh.) Diefenbach gl. 163ᶜ; 209ᶜ; wupl 516ᶜ; wüpel nov. gl. 329ᵇ; wübel Alberus (1540) y 1ᵃ; vor allem westmd. und nrh. tritt senkung zu o ein: wobel Diefenbach gl. 516ᶜ; 209ᶜ; wobbel ebda 516ᶜ; auch woubel ebda 154ᶜ (sämtl. 15. jh.). andererseits reicht die nd. senkung zu e (wevel) ebenfalls bis ins md.: webel Diefenbach gl. 516ᶜ; webil 58ᵃ; nov. gl. 40ᵃ. vereinzeltes weibel voc. ex quo (um 1480) d 8ᵃ weist auf frühe dehnung des stammvokals, doch tritt diese in der schreibung ie allgemein erst im 18. jh. in erscheinung: wibel, wiebel Kramer t.-it. 2 (1702) 1340ᵇ. daneben gilt (wie bei wibbeln, s. d.) vokalkürze bis in die gegenwärtigen mundarten: wibbel Alberus (1540) y 1ᵃ; wippel Hohberg georg. cur. (1682) 1, 126; Adelung 5 (1786) 249; wiwwel Crecelius oberhess. 912; wiwl Lenz Handschuhsheim 77. das wort bezeichnetsofern es näher spezifiziert isteine reihe verschiedener käferarten, vor allem den kornkäfer und den mistkäfer. die verbale grundbedeutung wirkt insofern nach, als die meisten bezeichneten käferarten in getreide, früchten, mist u. dgl. leben und darin herumkrabbeln bzw. wimmeln. die unbestimmtheit der bezeichnung hat früh zu verdeutlichenden kompositionsbildungen geführt, vgl. ags. tordwifel Bosworth-Toller 1002, an. tordȳfill Fritzner 3, 712 (d und ȳ durch anlehnung an dufa 'sich in den kot einsenken' Falk-Torp 1273), ags. scearnwifel Bosworth-Toller 825, mnd. scharnewevel Schiller-Lübben 4, 52 in der bedeutung 'mistkäfer'; treckwibel cicada, voc. ex quo (um 1480) d 8ᵃ; as. goldwivil cicencela (glühwürmchen, s. u. 3) Wadstein 107; mhd. bonwibil aigilia (13. jh.) ahd. gl. 3, 89, 44; erts-, cornwevel Teuthon. 496 Verdam; kornwibel teil 5, sp. 1832. neben diesen kompositionsbildungen hat das simplex wibel vermutlich schon früh die allgemeinere bedeutung 'käfer' (4) erhalten; sie wird auch dt. wortatlas I karte 24 für teile des westfäl. u. rheinfränk. nachgewiesen. das ursprünglich wohl gemeingerm. wort ist im deutschen schriftsprachlich nicht mehr geläufig.in mittelalterlichen glossen und wbb. reich bezeugt, zufrühest im ags.: cantarus wibil (anf. d. 8. jhs.) Wright ags. voc. ²1, 11, 28; panpila wibl ebda 37, 22. im ahd. übersetzt es meist scarabeus, z. b. scarpeus uuipil (9. jh.) ahd. gl. 4, 225, 13 St.-S.; 26, 34; entsprechend 3, 15, 47; 48, 16; 89, 45 u. ö. (10.—- 14. jh.); weiterhin: cantarus (12.—14. jh.) 3, 271, 26; gurgulio (13.—14. jh.) 3, 55, 31; 324, 61. in spätmittelalterlichen u. frühnhd. vokabularien weiter differenziert, vgl. Diefenbach gl. s. v. attacus 58ᵃ; crabro 154ᶜ; curculio 163ᶜ; erugo 209ᶜ; siro 341ᵃ; scarabeus 516ᶜ; nov. gl. s. v. cottenus 116ᵇ.
1)
meist für käferarten, die im getreide und in hülsenfrüchten leben, insbes. für den kornwurm, calandra granaria; 'curculio wibel, ein würmle so das korn, bonen, linse etc. friszt vnd zergnagt' Frisius dict. (1556) 357ᵃ; Hulsius t.-frz.-it. (1616) 408ᵃ; kornwurm Ludwig t.-engl. (1716) 2467; Adelung 5 (1786) 209:
des ahtent manige liute niht,
die man noch ir getreide siht
sô lange behalten, biz daz die wibel
oben ûz fliegent ze dem gibel
Hugo v. Trimberg d. renner 5211 Ehrismann;
die fürkouffer und beken (bäcker)
kan nieman mer erschreken,
bis die wibel das korn tuond fressen,
erst gend das die beken zuo essen
des teufels netz 9339 Barack;
so man holderblüeth auf einen haufen korn herumb zettelt und uberstreuet, wehret es den wibeln, das sie nicht in das korn kommen haushaltung in vorwerken 45 Ermisch-Wuttke; die behaltnen frúcht beschiermen die schäden der wibel (gurgulionum) und der gelichen tierer, die das korn abfressend Österreicher Columella 1, 40 lit. ver.; auch mein kornschütt hat wibeln nit Fischart Garg. 133 ndr.; nimb holderblüth ab im vollmonden desz brachmonats und stecks in die frucht, so kompt kein wibel darein, und wenn sie darinnen seyn, so vergehen sie Schnurr v. Lendsidel kunst- u. wunderbüchl. (1631) 689; der schnitt (in der ernte) soll im abnehmenden monden geschehen, was im vollmond geschnitten wird, wird von den wippeln und kornwürmern eher angegriffen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 126; nich zu gedenken ... was die kornwürm und wibel fressen Regis Rabelais (1832) 1, 355. in diesem sinne mundartlich oft bezeugt, vgl. u. a. Müller-Fraureuth obersächs. 2, 664; Martin-Lienbart elsäss. 2, 781; Höfer Österr. 2, 240; Unger-Khull steir. 631.
2)
früh bezeugt auch als bezeichnung des mistkäfers, geotrupes, und ähnlicher, in unrat und abfällen lebender arten:
swer des wibels volger ist,
der wirt gefüert in rosse mist
Hugo v. Trimberg der renner 8471 Ehrismann
sein hant gibt paucken und trommen,
aus seim mist die wibel kommen,
die mit jrn fluͤgeln schnurren sehr
Nigrinus von J. Nasen esel (1571) A 4ᵇ;
fleugt vor in auff der schwartzen würmlin eins, die im roszdreck sitzen und an etlichen enden wibbel heissen Kirchhof wendunmuth 1, 298 Öst. in diesem sinne meist in kompositionsbildungen (s. ob.); vgl. noch: wiəwelte blauer käfer Woeste westf. 324ᵃ; perrewiəbel mistkäfer, ebda 322ᵇ. nach Vilmar Kurhessen 451 u. Crecelius Oberhessen 2, 912 ist das simplex wibel für 'mistkäfer' nicht mehr geläufig.
3)
vereinzelt für 'glühwürmchen' (nordbair.) bei Th. Schumacher stud. z. bedeutungsgeogr. deutschmundartl. insektennamen (1955) 32; dazu vgl. as. goldwivil (s. o.) und: art van wevelen cicendela, lucula die des nachts luchten noctiluca G. v. d. Schueren Teuth. 496 Verdam.weiterhin: 'ohrwurm' Th. Schumacher a. a. o.; für 'cecidomyia tritici' weizen-gallmücke, der rothe wibel Brehm tierl. 6, 388 P.-L.; dermestes lardarius, 'speckkäfer' Martin-Lienhart elsäss. 2, 782; die in menge auftretenden blattläuse auf bohnen Reiser Allgäu 2, 743.
4)
ohne nähere spezifizierung ('käfer', allg.) u. a. verzeichnet bei Strodtmann Osnabrück (1756) 46; Lenz Handschuhsheim 77ᵇ; so schon im 16. jh.: desgleichen soll man der kleinen runden wybeln mit den flecklin, die man unsers herrn oder unser frauen keeblin nennet (coccinella, hergotts-kühlein) brauchen, ja aller wibbel pulver ist darzu (gegen den stein) starkt Dryander steinweethun (1538) B 2ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 804, Z. 51.

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Zitationshilfe
„wibbel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wibbel>.

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